Nicht ohne meine Mutter …

Es gibt Mütter, ohne die kann man sich das Leben einfach nicht vorstellen. Sie haben ein überbordendes Temperament, lassen sich durch nichts und niemanden aufhalten und sind  stets sofort zur Stelle, wenn sie gebraucht werden. Sie verfügen über schier unerschöpfliche Kraftreserven (die Tochter liegt längst platt am Boden), haben tausend Freundinnen (die Tochter nur eine einzige), telefonieren wie ein Weltmeister (die Tochter hat eine Telefonphobie),  sagen klar und deutlich ihre Meinung (die Tochter stammelt bereits, wenn sie nur „Guten Tag“ sagt), können alles (sogar stricken, nähen, kochen und wahrlich genial kopfrechnen, seufz), wissen alles (auch wenn man ihnen eindeutig das Gegenteil beweisen könnte). Sie regeln alles, selbst Umzüge in die Großstadt, Teppiche verlegen, Keller entrümpeln und lebensbahnbrechende Bewerbungen per Telefon, bei denen sie sich als ihre eigene Tochter ausgeben müssen, weil besagte Tochter es selbst nicht schafft (das ist jetzt kein Witz, sondern bitterer Ernst!). Für das Telefonat werde ich ihr ewig dankbar sein. In der VHS habe ich nämlich Jahre später meinen Mann kennen gelernt, was meiner Mutter natürlich nicht entgangen ist. „Wenn ich damals nicht da angerufen hätte, wärst du ihm mit Sicherheit nie begegnet!“ Unsere Stimmen klangen in jungen Jahren noch verblüffend ähnlich, und die selbstbewusste mütterliche Telefonbewerbung hinterließ einen derart grandiosen Eindruck am staunenden anderen Ende der Leitung, dass die stumme Tochter tatsächlich den VHS-Job als Englischdozentin bekam. Nur gut, dass der amerikanische Fachbereichsleiter lieber Deutsch als Englisch sprach, sonst wäre meine Mutter sofort aufgeflogen. Englisch war das Einzige, das ich eindeutig besser konnte als sie. Na ja, Malen und Zeichnen vielleicht auch noch. Und Fotografieren. Und Übersetzen. Bei dem Bewerbungsgespräch hatte sie möglicherweise selbst auch ein Atömchen Stress, schon wegen der potentiellen Fremdsprachenhürde, aber man merkte ihr nichts an. Sie tat es schließlich für ihre Tochter.

Es gibt Mütter, auf die ist hundertprozentig Verlass. Sie haben Energie für zehn, kämpfen für ihre Kinder wie Löwinnen und würden sich notfalls ohne mit der Wimper zu zucken mit sämtlichen Autoritätspersonen der Welt anlegen. Selbst mit dem Papst, dem Bundeskanzler oder dem Präsidenten der Vereinigten Staaten (auch dem jetzigen). Sogar mit allen gleichzeitig, und ich habe keinerlei Zweifel, wer dabei den Sieg davon tragen würde. Sie trösten einen, wenn man mit einer Fünf in Mathe nach Hause kommt, auch wenn sie nicht verstehen, warum ausgerechnet ihr Kind einfach nicht rechnen kann. Sie haben Mitleid, denn das Kind hat schließlich bis in die Puppen unermüdlich gebüffelt. Das wissen sie genau. Sie haben dem armen Ding ja persönlich im Halbstunden-Rhythmus leckere Schwarzbrotreiterchen mit Tomaten und Buko-Käse auf den Schreibtisch gestellt. Garniert mit in Blütenform geschnittenen Radieschen. (Ich hatte übrigens komischerweise von Geburt an eine Schwäche für Schwarzbrot und Tomaten.) Es gibt Mütter, die bekochen ihre Familie nach allen Regeln der Kunst und laden dabei die Teller so voll, dass gewissen Töchtern schon beim Anblick der Essensberge der Schweiß ausbricht. Vor allem, wenn der besorgte Mutterblick einen beim Verzehren genau beobachtet. Es gibt Mütter, die pflegen einen rund um die Uhr, wenn man krank das Bett hütet (was bei gewissen Kindern häufig vorkommt). Wie oft denke ich liebevoll an das einst so verhasste ölgetränkte Sanitastuch, das mir meine Mutter mehrmals täglich fürsorglich um den Hals wickelte, wenn meine hochsensiblen Lymphdrüsen wieder mal fett geschwollen waren. Die mysteriösen Schwellkörper ließen mich besonders vor Klassenarbeiten selten im Stich und sorgten dafür, dass ich wie ein mutierter Riesenhamster aussah, der unmöglich das Haus verlassen konnte. Ich erinnere mich an den Esslöffel mit ekligem Sanostolsyrup und an das dunkle Rotbäckchenglas zum Frühstück. Neulich habe ich mir aus sentimentalen Gründen mal wieder eine Flasche gekauft, inzwischen heißt die Variante „klassisch“. Ich erinnere mich an stärkende Hühnersuppe mit Eierstich oder Grießklößchen, an Spinat mit Kartoffelpüree und Spiegelei, Mamas bewährte Heilnahrung, und an die ferne grelle Höhensonne im Kankenhaus, unter die ich im damaligen Krankenhaus regelmäßig von liebender Mutterhand platziert wurde, damit ich endlich zu Kräften und zu etwas Farbe kam. Ich spüre noch das enge Gummi und den unangenehmen Druck der komischen kleinen Sonnenbrille, die ich dabei tragen musste, damit ich nicht blind wurde.

Leider wissen diese besonderen Mütter auch stets unerschütterlich genau, was für andere und insbesondere ihre Kinder gerade oder überhaupt das Beste ist und welche Kleidungsstücke sie gerade oder überhaupt unbedingt anziehen sollten. Später wissen sie  dummerweise auch felsenfest, welche Partner am besten oder überhaupt nicht zu einem passen und können höchst ungehalten werden, wenn man ihre Einschätzung nicht teilt. So fand meine Mutter grüne Parkas potthässlich und ordinär (auch wenn ich für mein Leben gern eine gehabt hätte) und auch gelbe Sonnenlaternen zu Sankt Martin kamen bei ihr auf keinen Fall in die Tüte, was dazu führte, dass ich bis heute zwei davon im Gästezimmer hängen habe. Ganzjährig. Leider saß sie damals am längeren Hebel, und so trug ich als einzige in der Klasse einen BRAUNEN Parka, der mir nichts als Spott und Hohn eintrug, und führte beim St. Martinszug Jahr für Jahr eine asiatisch anmutende Klapplaterne spazieren, die ich potthäßlich fand und die irgendwann dramatisch in Flammen aufging. In jener Zeit waren noch echte Kerzen in den Laternen. Meine Mutter war selbstverständlich sofort neben mir und trat die Flammen eigenfüßig aus. Vor einigen Dingen hatte sie grundsätzliche Angst und lehrte mich wirkungsvoll, was richtig gefährlich und unbedingt zu meiden war: Rollschuhfahren, Radfahren, Schlittschuhlaufen, Autofahren, Flugreisen, Schwimmen, Reiten. Nicht zu vergessen: Selbstfahrer auf der Kirmes, denn davon bekam man Gehirnerschütterung und Splitter in die Augen (auch das ist eine andere Geschichte). Es gibt Töchter, die sich von den Verboten ihrer Mutter nicht beeindrucken lassen und konsequent das tun, was sie wollen. Zum Beispiel meine kleine Schwester. Sie stieg aus dem Fenster, wenn sie Stubenarrest hatte, und biss Nachbarskinder, die ihr krumm kamen. Einmal schlug sie sogar eine Glastüre ein, als sie ihre Freiheit bedroht sah. Andere schaffen das nie. Ich lernte zwar (heimlich) schwimmen und Rad fahren (aber nie freihändig) und habe glücklicherwiese aus mir unerfindlichen Gründen kein bisschen Angst vor dem Fliegen, aber ich setze mich bis heute grundsätzlich nie hinter ein Lenkrad an und wage mich auch von zehn Pferden gezogen nicht aufs Eis. Da hatte Mama bestimmt Recht! Das ist wirklich lebensgefährlich! Selbstfahrer bin ich dann doch eines Tages gefahren, weil es einfach sein musste. Mit meinem ersten Freund. An jenem denkwürdigen Kirmestag, als er mich ansprach und fragte, ob ich „mit ihm gehen“ wolle. Hinten im Dorenburg-Wäldchen haben wir uns zum ersten Mal geküsst. Sicher kein Zufall, dass jener einschneidende Tag ausgerechnet der Geburtstag meiner Mutter war. Wie ich bereits andeutete, sie war irgendwie immer präsent. Sogar in den allerprivatesten Momenten. Auch im einsamen Dorenburg-Wäldchen. Heute vor 47 Jahren. Als ich an dem Abend nach Hause kam, wußte sie längst Bescheid, was mich kein bisschen verwunderte. Meine Mutter war nämlich allwissend.

Es gibt Mütter, die würden ihren Kindern am liebsten alle Entscheidungen abnehmen und sie ständig in ihrer unmittelbaren Nähe haben. Damit ihnen nichts passiert und sie nichts Unbedachtes machen können. Dass auch ihre Töchter eines Tages erwachsen werden und ihr eigenes Leben leben wollen und müssen, trifft sie hart. Die Töchter auch. Vielleicht sogar noch härter. Als Kind fühlte ich mich völlig lebensunfähig ohne meine Mutter. Nur wenn sie bei mir war, war ich sicher. Mein erster Schultag war eine Katastrophe. (Nur gut, dass meine Freundin Winnie bei mir war.) An unsere erste „richtige“ Trennung erinnere ich mich noch schmerzlich genau. Ich war spindeldürr und gerade zehn. Wahrscheinlich war es eine der schwersten Entscheidungen, die meine Mutter je getroffen hat. Sechs endlos lange Wochen gab sie mich freiwillig fort. Richtig weit! Wir hatten beide fürchterliche Angst, doch es geschah zu meinem Besten, das war klar. Ich war so zart und kränklich, dass ich dringend Luftveränderung brauchte. Reizklima. Am besten frische salzige Seeluft. Gemeinsam saßen wir am Küchentisch und ich sah besorgt zu, wie sie winzige Namensschildchen mit roter Schrift in meine Kleidung nähte. Wochenlang bemühte sie sich nach Kräften, ihre Angst und ihren Trennungsschmerz vor mir zu verbergen. Bis der Zug am Krefelder Hauptbahnhof in Richtung Norden los fuhr, wußte ich tatsächlich nicht, wie schwer es ihr die ganze Zeit gefallen war, ihr Gesicht zu wahren. Da stand sie nun auf dem Bahnsteig und winkte, stark und energisch wie immer, während ich tapfer an meinen Tränen und meiner Angst schluckte. Niemals würde ich zurückkehren! Bestimmt würde ich sterben, so weit weg von ihr! Als der Zug sich quietschend in Bewegung setzte, dachte sie, dass ich sie nun nicht mehr sehen könne, und verlor komplett die Beherrschung.  Sie brach fast zusammen und weinte so heftig, dass es sie schüttelte und mein Vater sie festhalten musste. Leider sah ich das alles sehr genau, auch wenn ich es ihr niemals erzählte. Das Bild meiner verzweifelt schluchzenden Mutter nahm ich mit an die Ostsee. Sechs Wochen lang schrieb sie mir jeden Tag. Leider kamen die Briefe nicht etwa schön nacheinander, sondern oft genug alle auf einmal. Ich wartete sehnsüchtig auf jeden einzelnen. Jeden Tag.

Am liebsten hätte sie mir auch noch jeden Tag zwei bis drei Päckchen geschickt und mich morgens, mittags und abends angerufen. Doch das hatte „die Heimleitung“ strikt verboten. „Die Heimleitung“ las und zensierte auch alle meine Briefe, was den Inhalt ungemein verfälschte, aber für meine Mutter sicher das Beste war, und ließ uns nur jeden dritten Tag schreiben. Keine Ahnung, wie meine arme Mutter das ausgehalten hat. Erstaunlicherweise überlebten wir beide die grausame Trennung. Aber in den ersten vier Wochen weinte ich jede Nacht. Vor lauter Heimweh. Glücklicherweise hatte mir meine Mutter einen langen, mit Zahlen versehenen Kalender gebastelt, von dem ich jeden Tag einen zahlenverzierten Streifen abschneiden konnte. So sah ich genau die Anzahl der endlosen Zeit, die noch blieb bis zu meiner Heimreise. Irgendwann war die Ewigkeit zu Ende, und ich durfte wieder nach Hause. Um etliche Erlebnisse und Mundorgel-Meereslieder reicher, den intensiven Geruch von Strand und See in der Nase und leider kein Pfund schwerer als zuvor. Nur meine hochsensiblen Lymphdrüsen schwollen danach nie wieder an. Nicht mal vor den schwierigsten Klassenarbeiten. Ein unerwünschter Nebeneffekt der Seekur. Sie hätten mir damit das Gymnasialleben nämlich deutlich erleichtert. Zur Feier der Heimlkehr kochte Mama mir natürlich mein Lieblingsessen. Wahrscheinlich „Rostböff“ mit Kartoffelpüree. Oder Nudeln mit Erdbeermarmelade. Oder Hühnchen mit Bratkartoffeln. Auf jeden Fall gab es zum Nachtisch frische Erdbeeren. Unmengen.

Heute wäre meine Mutter, die vor sechs Jahren diese Welt verließ, 94 Jahre alt geworden. Ich betrachte das alte Foto, auf dem sie schön wie Marlene Dietrich aussieht (eigentlich noch viel schöner!). Eine lässig rauchende junge Frau in Männerkleidung war damals in unserem Dorf ein so ungewohnter Anblick, dass ein junger Mann, der sie in dem provozierenden Outfit erblickte, als er nichtsahnend um die Ecke bog, erst nach Luft schnappte und dann die Kontrolle über sein Fahrrad verlor und es frontal in ein Schaufenster lenkte. Er ging oscarreif zu Boden, mitsamt Rad, trug aber keine Gehirnerschütterung davon. Da war sich meine Mutter sicher. Sonst hätte er ja die Besinnung verloren oder sich übergeben. Sie kannte sich bestens aus mit Krankheiten. Besonders mit tödlichen. Spezialgebiet Gehirnerschütterungen, Diabetes und alles Tumorige. Die Schaufensterscheibe ging zum Glück auch nicht zu Bruch. Und nein, sie hat den Radfahrer nicht etwa geheiratet. Er war für ihr weiteres Leben völlig bedeutungslos. Selbst sein Name ist der Familie inzwischen entfallen. Meine Mutter wüsste ihn sicher noch. Sie hatte ein Gedächtnis wie ein Elefant. Das habe ich von ihr geerbt und finde es beim Schreiben immer äußerst nützlich. Auch wieder etwas, das mich jeden Tag an sie erinnert.

Wie gern würde ich meiner Mutter heute gegenüber sitzen, ihr sagen, dass ich sie (ihre große Befürchtung!) nicht vergessen habe, dass ich sie nie vergessen werde, ihr ein Stück Käsekuchen auf den Teller legen (unser Lieblingskuchen!), ihr frischen Kaffee aufbrühen (ich selbst trinke ausschließlich Tee), ihr zeigen, wie weit ich schon bin mit unserem Familienstammbaum. „Guck mal, Mama, deine holländischen Vorfahren kann ich jetzt bis Anfang des 18. Jahrhundert zurückverfolgen, und ich hab vorige Woche sogar rausgefunden, wie Uromas Geschwister hießen!“ Ich wette, sie wäre beeindruckt. Wie gern würde ich ihr heute zum Geburtstag ein knisterndes Tütchen mit gebrannten Mandeln und einen Topf mit duftenden Nelken schenken. Nelken waren ihre Lieblingsblumen. Übrigens konnte meine Mutter die schönsten Blumensträuße binden, die man sich vorstellen kann, und die Rosen meines Vaters hielten bei ihr in der Vase wochenlang. Wie gern würde ich sie heute mit meinem neuen Buch, dessen Urfassung sie noch mit sichtlicher Erheiterung gelesen hat, überraschen. „Wie geht es denn weiter?“ hat sie mich gefragt. „Aber das weißt du doch, Mama! Du kennst doch mein Leben!“ „Ja, aber es ist doch was völlig anderes, wenn du darüber schreibst!“ Das Kaffeeservice, das meine Eltern zur Hochzeit bekamen, gibt es glücklicherweise noch. Es ist blaublütig und weckt in mir nur schöne Erinnerungen.  Sogar die Teekanne ist noch da. Und die berühmte Plätzchensorte, die sie früher jeden Freitag von De Beukelaer (das Debökelar ausgesprochen wird, was kaum einer weiß) mitbrachte, als sie dort im Büro arbeitete, bekommt man auch heute noch. Auch die mochte sie gern. Hier liegen die Kekse vor mir, auf einem der bläublütigen Teller, auch wenn ich inzwischen meist anderen Kekssorten den Vorzug gebe. Heute, an ihrem Geburtstag muss das einfach sein. Wenn Mama die große braune Papiertüte mit Bruchkeksen, die mir damals besser schmeckten als alles andere auf der Welt (außer frischen Erdbeeren und Nougatschokolade), auf den Tisch stellte, fühlte ich mich wie im Paradies. Ja, es waren die berühmten Doppelkekse mit Schokoladenfüllung. Nicht von ungefähr bin ich bis heute bekennende Kekssüchtige. Nachhaltige frühe Prägung und glücklicherweise völlig diät- und therapieresistent. Ich tue mein Bestes, um unsere familiäre Vorliebe weiterzugeben. Wenn unsere Enkel zu Besuch kommen, fragen sie gleich als allererstes nach Keksen. Wenn meine Mutter das wüsste, würde sie sich bestimmt freuen. Aber wahrscheinlich weiß sie es ja längst. Sie war schließlich nicht nur omnipräsent, sondern auch allwissend.

Dieser Beitrag wurde unter Niederrhein abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.