Kunst aus Köln: Nadine Konrad

Wolkenschiff

Blaue Stunden

Nadine Konrad ist freiberufliche Grafikerin und Illustratorin, stammt aus Oschersleben (in der Nähe von Magdeburg) und lebt in Köln. Zwei ihrer Bilder sind mir im wahrsten Sinne des Wortes täglich vor Augen, denn Nadine hat mir bei unserem letzten Treffen geschenkt. Seitdem hängen sie weißgerahmt über meinem Schreibtisch. Eins davon ist das blaue Schiff, das sich zierlich den Weg durch die Wolken bahnt, das andere ein Märchenbild mit einem fröhlich blickenden Rotkäppchen und einem riesigen schwarzen Wolf. Beide stehen einträchtig beieinander,  und es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass der Wolf irgendwelche tadelnswerten Gelüste nach Rotkäppchen verspürt. Bisher ist jedenfalls nichts passiert, aber ich schaue natürlich vorsichtshalber jeden Morgen nach. Manchmal kreiert Nadine kleine Scherenschnitte mit Märchenwäldern oder Papierbooten, vor allem an verregneten Nachmittagen. Das schreibt Nadine zu ihrem Wolkenschiff: „Diese Mischung aus viktorianischem Teepavillon und Sternwartenbibliothek kreuzt windbetrieben über den Himmel und pflügt lautlos durchs Wolkenmeer. Ich habe es lediglich aus einem einzigen Grund gebaut: Wenn ich schon in die Luft gehe, dann mit Stil und allem Komfort.“

Papierboot

Rotkäppchen

Als l’heure bleue bezeichnet man die Zeit des Zwielichts, der Dämmerung, in der man besonders gut träumen und lieben kann, in der sich aber auch die Nachtgeister schon auf den Weg machen. Außer für Nachtschwarz scheint Nadine auch (genau wie ich) eine Vorliebe für Zwielicht-Farben zu haben, jedenfalls sind viele ihrer Arbeiten in Blau- und Lilatönen gehalten. Ich mag diese kühlen Farben. Mir gefallen auch die humorvollen Comic-Anspielungen, die Steampunk-Anklänge und die vielen Märchenzitate, denn genau wie Nadine habe ich eine Schwäche für Comics, Märchen und Sagen, für Wald- und Wiesenschrate, für Faune, Feenvolk und klassische russische Illustratoren wie Ivan J. Bilibin. Da es eine Zeitlang in einem Nachbarhaus ein russisches Antiquariat gab, hat sie sich sogar einiges an kleinen Bilderbuchschätzen zulegen können. Auch den bekannten Rattenfänger von Hameln findet man bei Nadine, allerdings ist er längst nicht mehr darauf aus, Nager oder Kinder anzulocken. Er sucht echte Follower und sammelt eher die Likes seiner Fans.

Gesicht N Konrad

Auch der blaue Dunst kann seinen ganz besonderen Zauber haben. Der junge Mann mit den Pianistenhänden und den schmalen wasserblauen Augen scheint tief entspannt in den Genuss seiner Zigarette versunken zu sein, ein heute eher ungewohnter Anblick puren Geniessens. Ich habe zwar selbst nie geraucht und meine hochsensible Nase reagiert auch äußerst empfindlich auf Qualm, doch als Kind haben mich die lustigen Kringel und geheimnisvollen Wolken fasziniert. Ein bisschen sahen die qualmenden Erwachsenen aus wie Drachen, vor allem einer meiner Onkel, dem der Rauch eindrucksvoll aus den Nasenlöchern quoll. Ich wartete immer gespannt darauf, dass er zu seiner Zigarettenpackung griff, und überlegte, ob ihm der Rauch vielleicht sogar eines Tages aus den Ohren kommen würde. Das ist leider nicht passiert. Ich konnte damals meine Verwandten übrigens mit geschlossenen Augen am Geruch ihrer jeweiligen Zigarettenmarke erkennen. Im Ernst. Ich habe es mehrfach erfolgreich getestet.

The Power of Imagination

Spitze Ohren und schelmisches Lächeln

Viele von Nadines Wesen haben etwas Katzen- und Fuchsartiges. Oft verschmelzen Menschen und Tiere zu androgynen Mischwesen mit spitzen Ohren und geschmeidigen Körpern, die durchaus etwas unheimlich sein können und der Nachtwelt entsprungen zu sein scheinen. Nadine hat mir erzählt, dass sie schon als Kind von Regalen voller  Märchen- und Sagenbüchern umgeben war und sich gelegentlich genau ausmalte, wie wohl eine Meerjungfrau oder ein echtes Einhorn aussehen könnte. Inzwischen hat sie etliche dieser Fantasiewesen aufs Papier gezaubert. Auf dem Selbstportrait in Schwarzgelb habe ich Nadine zunächst wegen der starken Farbkontraste nicht gleich erkannt, bis mir beim näheren Betrachten schließlich das „besondere“ Lächeln auffiel. Genau so lächelt Nadine bestimmt, wenn sie sich ihre witzigen Illustrationen ausdenkt. Schelmisch. Schalkhaft. Spitzbübisch. Hintergründig.

Auf einer von Nadines Illustrationen begegnen wir einem schlanken jungen Fuchs, der sich in seinem Zimmer gerade genussvoll die langen schwarzen Handschuhe überstreift und dabei Fuchs N Konradein altbekanntes Lied vor sich hin summt, das bereits ahnen lässt, was als Nächstes passieren wird. Die Federträger in der Nachbarschaft müssen sich heute echt warm anziehen, vor allem die ganz besondere Gans auf dem kleinen Foto, das den Nachttisch des Fuchsjungen ziert. Auch wenn ich mir kaum vorstellen kann, dass der Fuchsjunge die Ärmste tatsächlich  verspeisen wird. Er wird doch sicher Mitleid haben und sich einfach nur mit ihr unterhalten wollen? Nadine ist da anderer Meinung: „Ich mag den Gedanken daran, wie der kluge Fuchs in aller Ruhe seinen ausgebufften Plan durchgeht, die Gans zu stehlen, und den Moment der Vorfreude genießt. Er pfeift sich vielleicht ein Liedchen, legt sich seinen Bund Dietriche zurecht, zieht sorgfältig die Handschuhe an, um später keine Fingerabdrücke zu hinterlassen, und freut sich schon auf den leckeren Gänsebraten.“ Da fällt mir siedend heiß ein, dass im Nebengrundstück mal wieder ein Stadtfuchs wohnt. Ja, selbst in Köln gibt es Füchse, auf Englisch würde man sie wohl urban foxes nennen. Er kommt jedes Jahr wieder, lebt sehr diskret, man hört seine Welpen nur gelegentlich leise Laut geben. In der blauen Stunde. Eins wird die Familie Fuchs in diesem Frühjahr besonders freuen: Die Schule direkt neben dem Grundstück (von uns Wildland genannt) hat sich vor kurzem einen Hühnerstall mit fünf fetten Hennen zugelegt. Neuerdings können Schulen nämlich sogenannte Therapie-Hühner mieten, die sich positiv auf hibbelige Kinder auswirken sollen. Ob mein Fuchs wohl auch eine Wäscheleine hat, an dem ein Bund mit Dietrichen baumelt? Ich hoffe das Beste, aber ich fürchte das Schlimmste. Für die Hühner.

Nachtschrat

Lauter geheimnisvolle Nachtwesen sind in dem dunklen Nachtschrat-Bild vereint, auch Fuchs und Wolf sind wieder dabei. „Ich glaube, ich hab ein Faible für Spukgestalten“, meint Nadine. „Ich mag auch die Gemälde von Füssli, Gustave Doré und Hieronymus Bosch. Und Goethes Faust.“ Ach ja, ich auch! Auf meine Frage, ob Füchse eine besondere Bedeutung für sie haben, schrieb mir Nadine: „Eigentlich nicht, aber ich finde Füchse wie auch Eulen und Katzen sehr ästhetisch anzuschauen. Es ist wohl die Kombination aus geschmeidigen Bewegungen und der Präzision eines Raubtieres und die schönen großen Augen dämmerungs- und nachtaktiver Jäger.“

Aber sie mag auch andere geheimnisvolle Wesen, etwa Motten und Kraken. Es gibt da eine sehr schöne Krake in ihrer Geschichte „Monster unter dem Bett“.

Skizze Motten

Nadine Konrad

Das schreibt Nadine über sich: „Nach dem Abi habe ich in Halberstadt Verwaltungswissenschaft studiert und im Anschluss in Würzburg eine Ausbildung zur Mediengestalterin gemacht. Ich war über zehn Jahre in einer Agentur mit angeschlossener Druckerei in Lohr a. Main angestellt. Vor sechs Jahren bin ich nach Köln gezogen und arbeite seitdem als Freiberuflerin für Kunden in ganz Deutschland. Die Schwerpunkte meiner Arbeit sind die Bereiche Tourismus, Stadtmarketing und Kultur. Zu meinen Kunden zählen Städte und Gemeinden, örtliche Vereine und Veranstalter und kleine und mittlere Unternehmen. Ich habe das große Glück, mein Hobby als Beruf ausüben zu können. Meine Arbeit macht mir Freude und gibt mir viel Kraft und Selbstvertrauen. Neben meiner Arbeit mag ich das Meer, Katzen und Klaviermusik.“

Neben Illustrationen und Flyern, Einladungen, Anzeigen, Katalogen, Websites und Logos  gestalte Nadine auch Plakate und Ausmalbücher und legt sogar einen besonderen Schwerpunkt auf die kindgerechte Aufbearbeitung von Inhalten und Themen. Sie hat auch bereits ihr erstes Bilderbuchprojekt im Kopf. Hoffentlich findet sie die Zeit, es bald fertig zu stellen!

Eine besonders schöne Aufgabe für Nadine war die grafische Darstellung ihrer Heimatstadt Oschersleben. Bei Nadine wurde aus dem Ort ein kunterbunter Miniplanet. Allerdings völlig ohne spitzohrige Nachtgespenster. Schade.

Nadine Konrad hat natürlich auch eine eigene Website uns eine eigene fb Seite.

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