Dyskalkulie

Angst vor Zahlen

„Mein größtes Problem war und blieb die Mathematik. An der Kattendonker Volksschule war meine Rechenschwäche niemandem aufgefallen, doch am Gymnasium wurde sie unübersehbar. Das kleine Einmaleins schaffte ich gerade noch, weil ich es wie ein Gedicht auswendig lernte, doch schon beim großen Einmaleins war ich verloren. Dauernd verwechselte und verdrehte ich Zahlen. Taschenrechner gab es nicht, und unter dem Pult rechnete ich heimlich mit den Fingern. Daten konnte ich mir nicht merken, Jahrhunderte verschwammen vor meinen Augen, Formeln und Regeln versetzten mich in Panik. Das einzige historische Ereignis, das ich stressfrei behielt, war die Schlacht von Issos, denn dazu gab es den eingängigen Satz „333 bei Issos Keilerei“. Nullen waren besonders übel, eine mehr oder weniger machte für mich kaum keinen Unterschied. Liter und Zentiliter, Kilometer, Meter und Millimeter brachten mich zur Verzweiflung. Ich versagte kläglich, obwohl ich so viel büffelte, manchmal bis tief in die Nacht. Meistens rettete ich mich mit Eselsbrücken und dachte mir die abstrusesten Geschichten aus, in denen soundso viele Personen soundso alt waren, sich vor soundso viel Jahren begegneten und soundso viele Stinktiere, Beutelratten, tasmanische Teufel, Geschwüre oder Pestbeulen hatten. Geschichten und Bilder konnte ich mir hervorragend merken.

Illustration von Caroline Riedel in „Mit Winnie in Niersbeck“

Selbst Beten hilft nicht

Ich übte, bis mir schwarz vor Augen wurde, und trotzdem  bekam ich bei Klassenarbeiten Blackouts. Da half nicht mal Tante Pias Muttergottesbild, das ich vorsichtshalber bei jeder Klassenarbeit unter mein Heft legte. Schwester Zeta hatte wie die meisten Nonnen Argusaugen und ging davon aus, dass ich pfuschen wollte. Sie stellte sich hinter mich, riss erwartungsvoll das Heft hoch und machte ein höchst verdutztes Gesicht, als sie sich unerwartet Auge in Auge mit der freundlich lächelnden Maria und dem drallen Jesuskind von Raffael sah. Sie seufzte mitleidig und ließ mich danach in Ruhe, wenn ich hilfesuchend meine Madonna fixierte, um endlich die dringend notwendige himmlische Inspiration zu empfangen. Doch nicht mal die Gottesmutter konnte mir helfen. In Mathematikstunden schwitzte ich Blut und Wasser, und vor Tests war mir tagelang schlecht. Ich war ein hoffnungsloser Fall.

Zahlenblind

Schwester Zeta mochte mich, doch sie konnte aus Gründen der Fairness nur ein wohlwollendes „richtiger Ansatz“ unter meine Arbeiten schreiben, bevor sie die rote Fünf daneben malte. In ihrer Ratlosigkeit zitierte sie schließlich meine Mutter zu sich. Die erfolgreiche Buchhalterin konnte sich überhaupt nicht erklären, warum ihre Tochter ausgerechnet in ihrem Lieblingsfach so grottenschlecht war. Offenbar hatte sie keine Ahnung, dass ihr Gatte ähnlich untalentiert waren. Zu meinem Kummer hielt Mama mich für total verstockt. „Gib dir endlich mal Mühe! Das sieht doch jeder, was da rauskommt! Bist du etwa blind?“ Sie ahnte nicht, wie richtig sie lag. Ich WAR blind. Zahlenblind! Bis heute vergesse ich bei Stress sämtliche Telefonnummern, Postleitzahlen, Kontonummern und Pins. Nullen sind für mich ein Mysterium. Milliarde? Billion? Alles dasselbe! Bei Klassenarbeiten und Prüfungen tobten die Zahlenkolonnen wie Wirbelstürme durch mein Gehirn. Heute gibt es einen Fachausdruck für Rechenschwäche: Dyskalkulie. Damals kannte man nur Dyslexie. Kinder mit Rechtschreibschwäche bekamen Förderunterricht, Kinder mit Rechenschwäche waren verloren.

Meine Zahlentiere

Ich war auf dem besten Weg, depressiv zu werden, weil ich wusste, dass es völlig egal war, wie viel Mühe ich mir gab. Ich würde trotzdem versagen. Jeder Misserfolg war eine weitere Bestätigung meiner Unfähigkeit. Ich stieß an eine mentale Grenze, die für mich so unüberwindbar war wie der Himalaya. In meiner Verzweiflung versuchte ich, mich mit Zahlen anzufreunden, indem ich sie in Tiere verwandelte. Die Eins wurde zum Schmetterling, die Zwei zum Schwan, die Drei zum Fuchs mit buschigem Schwanz, vier Vier zum Nashorn, die Fünf zum Löwen, die Sechs zum Eichhörnchen, die Sieben zum grasenden Pferd, die Acht zum Teddy und die Neun zum Elefanten. Doch nichts half….“ (Aus: Mit Winnie in Niersbeck)

Fiktion und Wirklichkeit

Die böse Null

Das Problem der kleinen Marlies ist nicht etwa erfunden, ich kenne die Ängste, die Scham und die quälenden Selbstzweifel nur zu gut. Meine „Rechenschwäche“ habe ich zwar immer noch, aber ich gehe jetzt anders damit um. Während der Schulzeit war sie ein einziger Alptraum. Ich bekam vor und während der Klassenarbeiten Bauchschmerzen und Panikanfälle,  mein peinliches „Defizit“ hätte sogar fast dazu geführt, dass ich auf Anraten einiger Lehrer das Gymnasium vorzeitig verlassen hätte, denn Zahlen spielen ja leider in vielen Fächern eine Rolle, nicht nur in Mathematik, auch in Physik, Chemie, Geschichte und Erdkunde. Jahreszahlen oder Formeln kann ich mir bis heute nicht gut merken, Entfernungen und Mengenangaben kann ich schlecht einschätzen, und beim Übersetzen (Mengenangaben in amerikanischen Kochbüchern sind besonders übel, und inch, foot, yard, mile, gallon und stone sind auch nicht gerade meine Lieblinge)  lasse ich meine Umrechnungen vorsichtshalber von einem rechenkundigen Menschen meines Vertrauens kontrollieren und warne den Lektor schon im Voraus. Der frische Umgang mit Zahlen ist eine echte Erlösung. Sie haben ihren Schrecken verloren, denn ich weiß ja, woran es liegt, auch wenn ich das Wort Dyskalkulie erst mit über 40 zum ersten Mal gehört habe.

Stärken sehen

Am schlimmsten fand ich, dass mich während meiner Schulzeit alle für faul hielten und  mich keiner verstand. Nicht mal meine Mitschülerinnen, und am allerwenigsten ich selbst. Seit ich den Grund kenne, nehme ich meine mathematische Talentlosigkeit nicht mehr so ernst. Ich habe ein erfolgreiches Sprachenstudium hinter mir und viele andere Talente. Außerdem kenne ich etliche Übersetzer, denen es genau so geht wie mir. Möglicherweise ist ausgeprägte Sprachbegabung ja gelegentlich mit ausgeprägter Rechenunbegabung verknüpft? Vielleicht gibt es dazu sogar bereits Untersuchungen, die ich nur noch nicht kenne? „Rechenschwäche“ oder wie immer man dieses Phänomen auch nennen mag, ist leider auch heute noch ein Tabuthehma und für viele Betroffenen ein belastendes Stigma. Wer nicht rechnen kann, gibt es lieber nicht zu und hält sich oft genug für dumm. Kein Wunder, denn bei den meisten IQ-Tests wird auffallend viel Wert auf genau diesen Bereich gelegt. Ich habe während meines Studiums ein Semester lang ein Seminar über IQ-Tests besucht und war verblüfft, wie krass mein eigener IQ variierte – je nachdem, wie viele mathematische oder logische Aufgaben zu lösen waren. Beim Probetest von Mensa habe ich sofort das Handtuch geworfen. Figuren zuordnen und Zahlenreihen ergänzen ist eindeutig nicht meine Stärke. Meine künstlerischen, sprachlichen und wortfinderischen Fertigkeiten konnte ich ärgerlicherweise kein bisschen einbringen.

Hilfe finden

Als Erwachsene habe ich mit Interesse und Erleichterung diverse Ratgeber zum Thema Dyskalkulie entdeckt und gelesen und inzwischen auch das Journal „Kopf und Zahl“ vom LZR Köln (Lerntherapeutisches Zentrum Rechenschwäche/Dyskalkulie) abonniert. Schade, dass es diese Hilfen noch nicht gab, als ich Kind war. Es wäre sicher auch hilfreich gewesen, wenn mein Vater mir verraten hätte, dass er genau dasselbe Problem hatte. Eine meiner Tanten hat es übrigens auch, so dass zumindest bei mir einiges auf eine genetische Veranlagung hindeutet. Heute gehe ich die einst so feindlichen Zahlen jedenfalls bewusst freundlich und furchtlos an. Bei der Einschätzung von Entfernungen ist das Navigationssystem im Auto ein geduldiger Lehrer. Neulich habe ich es sogar in entspanntem Zustand geschafft, ein paar Zahlenreihen richtig zu ergänzen, ein Riesenerfolgserlebnis, das sich sicher noch steigern lässt. Heute merke ich auch fast immer, wenn das Wechselgeld an der Supermarktkasse mal nicht stimmt, weil ich in diesen Situationen innerlich „gewappnet“ bin und mir mehr zutraue. Bei Stress und Hitze bin ich allerdings sofort blockiert. Ich trage es mit Fassung. Zahlen kann ich mir zwar nicht merken, Gesichter dafür umso besser! In den Super Recognizer Tests für Gesichtserkennung der University of Greenwich schneide ich sogar richtig gut ab und gehöre inzwischen zu den Menschen, an denen sie ihre neuen Tests erproben. Leider kommt auch Gesichtserkennung in den gängigen IQ-Tests nicht vor. Genau so wenig wie Phantasie, Intuition, freies Assoziieren, Imitieren von Stimmen und Dialekten und Zeichnen. Da könnte ich todsicher punkten!

  • Hier geht es zur Homepage des LZR mit vielen Informationen
  • Artikel zu Dyskalkulie

 

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6 Kommentare zu Dyskalkulie

  1. Nicole sagt:

    Ganz lieben Dank fürs Teilen deiner leidvollen Erfahrungen. Als Lehrerin kann ich dir sagen, dass in jeder Klasse mind ein Kind mit Dyskalkulie sitzt. Leider gibt es noch immer keinen Nachteilsausgleich. Das Gemeine ist ja, dass die Kinder denken, sie sind schlecht! Sie wissen meist nicht, dass es einfach nur ein Teil vom Bildungssystem ist, zu dem sie schwer Zugang haben. Zudem ist eine gute Förderung meist nur in besserverdienenden Familien möglich. Zum Glück ist das Phänomen inzwischen bekannt. Ich kann nur ahnen, wie du dich gefühlt haben musst. Von daher toll, dass du nun einen so positiven Weg gefunden hast!
    Liebe Grüße Nicole

    • Bee sagt:

      Liebe Nicole,

      ja, genau so ist es, und es ist wie eine Befreiung, wenn man endlich die Zusammenhänge versteht und auch sieht, dass man etwas tun kann. Mit ein wenig kundiger Hilfe und vor allem liebevollem Verständnis wäre mir ein Großteil dieser schrecklichen schambesetzten Erfahrungen möglicherweise erspart geblieben. Wichtig ist auch die eigene Verfassung, je mehr Angst man hat, desto mehr blockiert das ganzen System. Wie schön, dass deine Schüler eine Lehrerin haben, die um das Problem weiß und einen achtsamen Blick dafür hat. Das macht Mut!

      Herzliche Grüße
      Beate

  2. Liebe Beate,

    über die FB-Gruppe bin ich auf deinen Artikel gekommen und kann nur sagen:
    Welch Glück!

    Genau so geht es mir auch. Zahlen sind für mein Hirn Schall und Rauch. Sie bleiben nicht in meinen Synapsen hängen. Bis heute habe ich Zahlendreher bei der Handy-Nummer meines Mannes, ich kriege sie nicht in mein Hirn gemeißelt.

    Was bin ich froh, dass ich nicht alleine bin.

    Mathe habe ich damals sofort abgewählt, als es möglich war. Ich war – außer in der Grundschule – immer schlecht in Mathe – auch, weil der dicke Abi-Lehrer immer so einen fiesen weißen Spuckefaden zwischen Ober und Unterlippe hängen hatte. Örks.

    Vielen Dank für den sehr erhellenden Artikel.

    Herzliche Grüße
    Sabine

    • Bee sagt:

      Liebe Sabine,

      danke für deinen mutigen Kommentar. Ich bin immer froh, wenn ich jemanden treffe, dem es genauso geht wie mir. Ich kann mir Handynummern GAR nicht merken…..bin immer total beeindruckt, wenn Leute Hausnummern und Telefonnummern einfach so im Kopf haben…..

      Herzliche Grüße
      Beate

  3. Liebe Beate,

    vielen Dank für diesen berührenden Artikel. Ich leide zwar selbst nicht unter Dyskalkulie, glaube aber, dass das viel mehr Menschen betrifft, als man ahnt. Ich kenne jemanden, der aus diesem Grund sein Wechselgeld grundsätzlich in der Hosentasche mit sich herumträgt und nicht im Portemonnaie, weil das die Gelderkennungsfähigkeiten beeinträchtigt (habe aber die genauen Zusammenhänge vergessen) … Liebe Grüße, Monika

    • Bee sagt:

      Liebe Monika,
      danke für deine Worte. Die Scheu davor, über dieses Thema zu sprechen, ist sicher enorm groß. Hoffentlich kann mein Beitrag ein wenig helfen. Ich denken, dass es immer noch viele Menschen gibt, die von diesem Phänomen gar nichts wissen und sich wundern, warum sie bei all ihren Stärken und Begabungen in der Schule in einigen Fächern so grottenschlecht abgeschnitten haben. Oft bezeichnen sie sich dann selbst im Nachhinein als „faul“, weil es einfach nicht klappte mit der Mathematik und Physik. Dabei kann man bei Dyskalkulie wirklich etwas tun. Und wenn man sie früh genug erkennt, erspart das sicher viel Frust und Kummer.
      Liebe Grüße
      Beate

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