Mülhausen revisited – vor der Lesung

Draußen im Schulpark

Der Mülhausener Schulpark 2018 (BFL)

Wenn ich bedenke, dass ich als Kind wahnsinnige Angst hatte, vor anderen zu sprechen, und mir schon beim harmlosen „Melden“ das Herz bis zum Hals schlug, war die Mülhausen-Lesung aus meinem „Schulroman“ am letzten Freitag wahrhaft fulminant. Ich spürte überhaupt keine Angst, nur normales leichtes Lampenfieber, meine Stimme war und blieb fest und klar, und ich hatte in der dunklen Bibliothek keinerlei Hänger oder Blackouts. Dabei trug ich beim Lesen nicht mal meine Brille. Die hatte ich vor lauter Überwältigung glatt vergessen. Hätte man dem kleinen Mädchen vor all den Jahren geweissagt, dass sie eines Tages als Schriftstellerin zurückkehren würde – keiner hätte es für möglich gehalten. Am allerwenigsten das kleine Mädchen selbst. Frei oder auch nur laut zu sprechen, war lange undenkbar.

Ich hatte schon viele Lesungen aus meinen Büchern, aber so emotional wie die in Mülhausen war bisher noch keine, denn hier nisten und wurzeln unendlich viele meiner Erinnerungen. Überall. Auch im Schulpark, durch den mich meine Freundin und ehemalige Klassenkameradin Gabi Beeck vor der Lesung führte. Mir ging dabei so vieles durch den Sinn, dass ich meine Eindrücke und Assoziationen erst jetzt im Nachhinein richtig sortieren kann. Auch das Erlebnis, das ich in meiner persönlichen Peinlichkeits-Top Ten als „The Big Sleep“ abgespeichert habe.

Dornröschen soll schlafen 

Die unschöne Szene spielte an einer besonders malerischen Stelle unter einem der großen alten Bäume. Es muss in der Quinta oder Quarta gewesen sein. Wir führten vor der (gefühlt) gesamten Schule ein englisches Stück auf, und ich war die Gute Fee und sah aus wie eine schlaksige Version von Tinker Bell. Nur mit Spitzhut. Reines Pech, dass es mich erwischte, denn ich war nur die Zweitbesetzung und hatte mich daher wochenlang sicher gefühlt. Aber dann wurde die richtige Gute Fee unerwartet krank, und es gab kein Entrinnen. Zum Glück hatte ich kaum etwas zu sagen. Nur „Sleep, sleep, for a hundred years!“ Trotzdem hatte ich wahnsinnige Auftrittsangst und starb schon im Voraus tausend Tode.

Ich trug ein langes weißes Flattergewand mit goldenem Feenstaub und hielt meinen Zauberstab fest umklammert. Unsere Lehrerin war jung, nett und überaus englisch. Sie hieß Schwester Philomena und merkte rasch, dass die weißgewandete Fairy Godmother keinen guten Tag hatte. Es war nur der eine Satz, aber ausgerechnet der verschwand schlagartig aus dem kleinen Feenhirn. Mich ereilte mein erster veritabler Blackout, der mich jahrzehntelang verfolgen sollte. Als die Stille einfach nicht enden wollte, griff Schwester Philomena zum Äußersten und soufflierte der Fee vor der (gefühlt) ganzen Schule. Auffallend laut, denn akustisch ist so ein Park leider für Theateraufführungen nicht sonderlich geeignet. Die Bäume raschelten mitfühlend mit ihren Blättern, besonders der große alte Baum, unter dem die kleine Fee gerade stand. Doch die (gefühlt) ganze Schule starrte. Wie höllenpeinlich! Ich rief meinen Satz so laut ich konnte hinaus in den Park, aber das war nicht laut genug, daher musste ich ihn wiederholen und die verwünschte Prinzessin ein zweites Mal umtanzen. Die Glückliche durfte schweigen und gleich doppelt mitsamt Hofstaat in ihren hundertjährigen Entspannungsschlaf versinken. Nur die Rosenheckenkinder waren leicht irritiert, denn sie mussten doppelt los laufen. Ich wäre so gern auch versunken. In ein besonders tiefes Mauseloch. Und eindeutig auf Nimmerwiedersehen.

Meine Baumfreunde gibt es zum Glück noch  (BFL)

Der Feen Event fiel mir gleich als erstes ein, als ich die Bäume nach all der Zeit wiedersah. Sowohl der Park als auch die ehemalige Schülerin hatten sich sehr verändert, aber wir erkannten uns trotzdem sofort. „Warst du nicht damals die dreizehnte Fee?“ fragten die Bäume leicht erheitert. Ich nickte. Zu blöd, dass sie es noch wußten. „Genau hier hast du gestanden“, sagte ein besonders dicker Baum und lächelte. Liebevoll und spöttisch zugleich. Er hatte ja auch eine Rolle gespielt damals. Wir hatten ihn als Turm verkleidet.  Wie viele Kinder mag er im Laufe seines Lebens wohl schon beobachtet haben? Bäume haben bekanntlich ein unglaubliches Gedächtnis. Ich auch. Er hat recht. Ja, hier war die Stelle. Nur die vielen dichten, hohen und dornigen Büsche fehlen. Die Kulisse stimmt so gar nicht mehr. Überhaupt ist der Park nicht mehr wild und geheimnisvoll wie früher, sondern wirkt vor allem übersichtlich und pflegeleicht. Wie jammerschade! Ich war zwar darauf vorbereitet, aber es schmerzt trotzdem. Der verwunschene alte Hogwarts Park existiert wohl nur noch in der Erinnerung – und in „Mit Winnie in Niersbeck“.

Völlig versteinert – der Klosterteich (BFL)

Und der arme Klosterteich! Nackt und ungeschützt liegt er da und ist inzwischen zumindest an den Rändern komplett versteinert. Den heißen trockenen Sommer hat er gar nicht gut verkraftet und ist sogar mehrere Male „gekippt“ und musste wie ein Notfallpatient Sauerstoff zugeführt bekommen. Lauter Grünzeug schwimmt auf ihm herum, und Fische leben in dem Wasser wohl auch keine mehr. Das war früher anders! Das steinerne Brückchen gibt es zwar noch, aber es steht so kahl und bloß mitten in der Landschaft, dass ich mich nicht mal traue, es zu fotografieren. Und wo in aller Welt ist das alte hölzerne Entenhaus geblieben? Gabi beruhigte mich. „Das gibt es noch. Ich zeig es dir gleich.“ Tatsächlich, da steht es, an einer ganz anderen Stelle. Falsch herum und ohne Enten. Haben Marlies und Winnie und Beate und Kornelia hier nicht immer auf der Bank gesessen und davon geträumt, in die USA auszuwandern und bei den Indianern zu leben? Auch Wolfsforscher wollten wir werden. Und Tierärztin. Und Schriftstellerin. Nur das letzte hat geklappt, aber das war ein fürwahr weiter Weg.

Der gute Hirte im Park (BFL)

 

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