Zeitfalte: Der Tante-Emma-Laden in Grefrath

Festlich geschmückt (BFL)

Manchmal hat man Glück und findet eine Zeitfalte, die tatsächlich die Tür in die eigene Vergangenheit öffnet – mit all den vertrauten Düften, Gerüchen, Geräuschen und Bildern. Einer dieser besonderen Orte ist für mich auf jeden Fall der Tante-Emma-Laden im Niederrheinischen Freilichtmuseum in meinem Heimatort Grefrath. Er erinnert mich nämlich an das kleine Geschäft von „Hüser Wisa“ (am Niederrhein kam immer der Familienname zuerst), in dem wir damals ganz selbstverständlich auch außerhalb der Ladenzeiten einkaufen konnten. Wisa war eine ältere Dame, wohnte zusammen mit ihrem Bruder und machte immer auf, wenn man freundlich an der Hintertür klopfte. Sogar sonntags, wenn wieder mal Not am Mann war, weil Besuch kam und man plötzlich entsetzt feststellte, dass man keine Milch oder keinen Zucker mehr im Haus hatte. Kein Grund zur Panik, es gab ja Hüser Wisa!

Bonbongläser (BFL)

Auf Wisas Theke standen herrlich bauchige Bonbongläser, und kein Kind verließ den Laden ohne einen kleinen runden Lutscher (meistens kirschrot) oder eine Hand voll Himbeerbonbons (eine Nuance dunkler und leicht gefrostet) oder ein paar Gummibärchen (hier aber auf keinen Fall die roten, weil ich die partout nicht mochte und mag) oder Kaugummis (Farbe egal), aus denen sich tolle Blasen herstellen ließen, die einem dann auf der Nase zerplatzten. Und dann konnte man die Blase mit der Zunge wieder in den Mund holen und seine Mutter schimpfen lassen. Sie haßte es, wenn wir Kaugummis kauten. Heute kann ich das sogar ziemlich gut verstehen. Kauende Kiefer wirken irgendwie aggressiv. Damals sah ich das zum Glück eher aus der Innenperspektive.

Neben dem eindrucksvollen Bonbonsortiment hatte Wisa auch diverse Lakritzsorten, gesalzen, gezuckert, gesäuert und pur. Mein Vater schätzte auch ihre Salmiak- und Veilchenpastillen, die mir so gar nicht schmeckten. Auch wenn sie interessant rochen und sich in niedlichen kleinen Döschen befanden, die man sammeln konnte. Irgendwo hab ich noch ein paar, aber wo? Mir schmeckten dafür die mit hauchdünner Schokoschicht umkleideten Mohrenköpfe (nur ja nicht drücken!), die inzwischen zwar anders heißen, aber wahrscheinlich noch genauso klebrig-schaumig und süß sind wie früher. Es muss Jahrzehnte her sein, dass ich meinen letzten Schokokuss (oder doch besser Schaumkuss?) verzehrt habe. Vielleicht sollte ich bei nächster Gelegenheit mal meine gustatorischen Erinnerungen auffrischen.

Der Dorenburger Tante-Emma-Laden sah bei meinem Besuch am letzten Sonntag übrigens deutlich verändert aus, die Theken war offenbar neu arrangiert, und der Raum wirkte dadurch irgendwie größer. Vielleicht gibt es jetzt gar einen Tisch mehr für noch mehr Gäste, die Lust auf Kaffee und Kuchen verspüren. Oder stehen die Tische einfach nur anders? Auf jeden Fall war es dort wie immer ziemlich voll und ziemlich warm.  Auch das Schild draußen am Baum kam mir neu vor. Dafür war der Kräutergarten direkt hinter dem Haus genau so winterlich wie beim letzten Mal. Nur matschiger. Aber die Tanne mit dem Strohstern, die 2016 draußen stand, hat mir gefehlt. Wie gut, dass ich sie fotografiert habe.

Die Tanne mit dem Stern (BFL)

Tische gab es bei Hüser Wisa natürlich keine, und Kaffee und Kuchen bekam man bei ihr auch nicht, dafür aber todsicher die neuesten Neuigkeiten und Skandale aus dem Dorf. Ich bedauere bis heute, dass wir keinen Fotoapparat hatten, sonst hätte ich schon als Kind wie wild alles um mich herum fotografiert. Ich hatte schon immer das Bedürfnis, die Zeit anzuhalten und in jede verfügbare Zeitfalte zu schlüpfen.

An Hüser Wisas Gesicht kann ich mich dummerweise nicht so gut erinnern wie an ihre schönen bauchigen Bonbongläser. Wohl aber an ihre Stimme und an das Grefrather (Jriiersch) Platt, wenn sie sich intensiv mit Oma und meinen Großtanten austauschte. Und auch an den Tag, als meine kleine Schwester Nana so enorm viele Bonbons stibitzte, weil meine Mutter und Wisa so enorm in die neuesten Neuigkeiten vertieft waren. Wisa hat die Untat sicher bemerkt, aber sie hat trotzdem nichts gesagt. Und von den Süßigkeiten hat Nana mir sogar welche abgegeben.

Öffnungszeiten (BFL)

Bei meinen früheren Besuchen standen auf der Fensterbank neben der Ladentür noch etliche alte Bügeleisen, und auch die weckten sofort Erinnerungen. Mein Großvater war nämlich Schneider (nicht Lehrer wie in den Winnie-Büchern) und besaß gleich mehrere solcher Ungetüme, die sich auf schwarzen Ständern aufheizten und gefährlich zischten, sobald sie das feuchte Tuch berührten, das er immer vorsorglich auf die Stoffe legte. Unsere leichten Dampfbügeleisen waren damals natürlich noch in weiter Ferne. Ich saß derweil mit malerisch gekreuzten Beinen hoch oben auf dem Tisch, wie es sich für die Enkelin von echten Schneidergroßeltern gehörte, und beobachtete alles um mich herum genau. Als ich ganz klein war, konnte ich mich auch stundenlang mit Omas riesiger Knopfdose beschäftigen, die bis obenhin mit bunten Schätzen gefüllt war (ich habe zwar auch so eine Knopfdose hier, aber meine Enkel interessieren sich mehr für digitale Knöpfe).

Bügeleisen (BFL)

Am Arm hatte Opa immer ein Kissen, das mit Stecknadeln bespickt war, manchmal hatte er auch Unmengen davon zwischen den Lippen, und ich hatte Sorge, dass er sie verschlucken könnte. Was man dann machen musste, wußte ich. Ganz viel Sauerkraut essen! Auf dem Tisch lagen geheimnisvolle Kreidevierecke und Rädchen, die ständig im Einsatz waren. Sogar den intensiven Stoffgeruch habe ich noch in der Nase. Die riesige Schneiderschere ist jetzt übrigens hier bei mir und immer noch ziemlich eindrucksvoll, jedoch für heutige Verhältnisse so höllisch schwer, so dass ich sie nie benutze. Als Kind hatte ich Angst, jemand würde mir irgendwann damit die Daumen abschneiden wie im „Struwelpeter“. Die Schneidergene habe ich leider nicht geerbt. Wirklich kein einziges. Ich kann nicht mal stricken. Handarbeit war für mich immer ein Horror-Fach. Aber man kann schließlich nicht alles haben. Oder können.

Hier geht es zum Kräutergarten  (BFL)

 

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4 Kommentare zu Zeitfalte: Der Tante-Emma-Laden in Grefrath

  1. Elisabeth Warnat-Ostermaier sagt:

    Liebe Frau Felten-Leidel,
    ich erinnere mich auch gern an den ‚Tante-Emma-Laden‘ meiner Kindheit. Es gab ihn in einem kleinen Dorf namens Unterelkofen, das vom mittelalterlichen ‚Schloß Elkofen‘ geprägt ist (südöstlich von München). Da hieß es oft seitens der Oma: ‚Gehst zum Kramer und hoist a Knödlbrot von 10 Semmin!‘ Die freundliche ‚Huaberin‘ (Frau Huber) warf ihre Maschine an, und ich trug eine große Papiertüte voller geschnittener ‚alter‘ Semmeln nach Hause. Ein bißchen Geld für etwas Süßes aus den Bonbon-Gläsern war auch immer noch da. Gerade fallen mir die viereckigen, rosa-weißen Pfefferminz-Fondant-Stücke ein.
    Toll war auch der Kiosk im Schwimmbad ‚Gsprait‘ an einem kleinen See in der Nähe des Dorfes. Da bekam man für ein ‚Zehnerl‘ eine Tüte ‚Waffelbruch‘.
    Immerhin gibt es an einigen Kiosken von heute auch noch die Behälter mit den verschiedenen Süßigkeiten, die sich die Kinder nach ihrem Geschmack ‚zusammenstellen‘ können (jedenfalls ist das so im Stadtteil Bonn-Tannenbusch).

    Nostalgische Grüße

    Elisabeth Warnat

    • Bee sagt:

      Liebe Frau Warnat,

      danke für Ihre schönen Erinnerungen! An die rosa-weißen Pfefferminz-Fondants erinnere ich mich jetzt auch wieder. Und an die Teufelchen und die Cola-Fläschchen und die Weingummis ….. Meine Oma gab uns übrigens sonntags immer ein raschelndes Tütchen mit Pfefferminz mit auf den Heimweg.

      Herzliche Grüße
      Beate Felten-Leidel

  2. Wie herrlich, liebe Beate. Einen richtigen Tante-Emma-Laden gab es bei uns nicht mehr, aber an all die von dir beschriebenen Bonbons in bauchigen Gläsern erinnere ich mich gut, die hatten die Kioske auch.

    Spontan ist eine Welle von Salino-Glück über mich geschwappt, als ich mich daran erinnerte, dass ich, wann immer ich irgendwie zu ein bisschen Geld kam, das ich ausgeben konnte, ich es in Salinos und Salzbrezeln umgesetzt habe … Schade, heute vertrag ich all das nicht mehr … Liebe Grüße, Monika

    • Bee sagt:

      Oh ja, liebe Monika, Salinos und Salzbrezeln kenne ich natürlich auch! Kennst du auch die Schaum-Erdbeeren? Keine Ahnung, wie sie richtig heißen. Heute wären sie mir bestimmt viel zu süß, aber als Kind mochte ich sie gern. (Damals aß ich gelegentlich sogar Nudeln mit Erdbeermarmelade, heute wird mir schon von dem Gedanken ganz anders.) Sie verfärbten die Zunge auf so „ungesunde“ Weise, dass meine Mutter jedes Mal Angst kriegte, es könnte die gefürchtete „Himbeerzunge“ sein, die als Symptom von Scharlach berüchtigt war. Ich habe mir übrigens gleich eine Schüssel mit lauter Schnuppzeug in den Flur gestellt, nachdem ich den Artikel geschrieben habe. Herzliche Grüße und danke für deinen Kommentar!

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