Rooms and Stories: Tout Simenon (1)

Mein Mann war Simenon-Fan und hat die 75 Maigret-Bände der Diogenes-Werkausgabe alle gelesen, zum Teil sogar mehrfach. Er fand sie entspannend. Für mich waren sie eher langweilig. Zwei oder drei habe ich angefangen, aber jedesmal aufgegeben. Man möge mir mein Urteil verzeihen, aber auf mich wirkten sie irgendwie unlektoriert. Doch nun wage ich ein ganz persönliches Experiment: Ich versuche, meinem verstorbenen Mann nahe zu sein, indem ich seine Lieblingsautoren lese.

Mit Simenon fange ich an, weil ich die Maigrets aus dem Flur ins Wohnzimmer geholt habe. Im düsteren Krimiregal wirkten sie mit ihren weißen Einbänden und roten Lesebändchen fehl am Platz. Nun logieren sie in ihrem eigenen Regal, dem einzigen „white shelf“ im Haus. Alles, was sich darin oder darauf befindet, ist weiß. Es würde Jan gefallen. Da es sein Regal ist, enthält es auch ein Kästchen mit persönlichen Dingen – Brille, Uhr, Ausweis, Taschenmesser.

Warum er ausgerechnet Inspector Maigret so schätzte, beginne ich erst langsam zu verstehen. Bei literarischen Ermittlern hatten wir gänzlich unterschiedliche Favouriten. Mir gefallen eher Kay Scarpetta von Patricia Cornwall, Guido Brunetti von Donna Leon (vor allem natürlich wegen Venedig!) und die Thriller von Tana French. Mit älteren Kommissaren kann ich mich nicht sonderlich identifizieren. Nur bei den Dick Francis Büchern waren wir einer Meinung, die eigenwilligen Jockeys Sid Halley und Kit Fielding gefallen mir auch.

Die Maigret-Romane kannte ich zwar nicht, doch ihr berühmter Schöpfer war lange mein Vorbild. Wenn es jemand schafft, 75 Krimis und 28 Maigret-Erzählungen, 118 Non-Maigret-Romane und 139 Non-Maigret-Erzählungen unter seinem richtigen Namen und noch dazu 200 Groschenromane, unzählige Kurzgeschichten und wer weiß wie viele erotische Geschichten unter wechselnden Pseudonymen sowie etliche Essays, Reportagen und autobiografische Schriften (allein „Intime Memoiren und das Buch von Marie-Jo“ ist über 1.000 Seiten lang!) zu schreiben, kann ich diese Schreibversessenheit und Disziplin nur schrankenlos bewundern. Ich hoffe, die Zahlen stimmen, die Quellen sind nicht alle einer Meinung. Bevor ich Buchübersetzerin wurde, las ich eher selten Krimis und entdeckte Simenon rein zufällig. Mein erstes Buch von ihm war „Die Katze“, ein „roman dur“ (harter Roman). Ich habe ihn wahrscheinlich wegen des Titels gekauft. Das Beziehungsdrama ist so düster und bedrückend, dass ich die Szenen bis heute nicht  aus dem Kopf bekommen habe. Danach las ich „Die Glocken von Bîcetre“, an das ich mich weniger gut erinnere. Aber es war deprimierend. Simenon selbst las übrigens angeblich auch keine Krimis.

Von den Maigret-Verfilmungen kenne ich etliche, mit sehr unterschiedlichen Darstellern wie  Jean Gabin, Heinz Rühmann, Gerard Depardieu, Richard Harris und, zuletzt, Rowan Atkinson. Ich mag die vier Atkinson-Filme, auch wenn sein Inspector nicht groß und gewichtig ist wie der Buch-Maigret. Jan weigerte sich, ihm auch nur eine Chance zu geben. Das war nicht sein Maigret! Ich kann ihn verstehen. Wenn man sich 75 Bände lang ein ganz bestimmtes Bild von einem Menschen gemacht hat, ist man unflexibel. Das Problem habe ich zum Glück nicht. Ich schaute mir die vierteilige Serie im Rahmen meines Experiments gleich noch einmal an und war erneut sehr angetan von der düsteren Film Noir-Atmosphäre und den gestochen scharfen Bildern. Doch für Jan sah dieser Maigret einfach komplett falsch aus. Zu schmächtig, zu verbissen, zu ernst und eindeutig wie Mr Bean! Ein rubber face mit Augenbrauen! Da präferierte er doch den gewichtigen Jean Gabin, der wohl der Beschreibung Simenons tatsächlich am ehesten entspricht. Doch mir gefällt auch der melancholische „englische“ Kommissar, der mit Mr. Bean meiner Meinung nach nur den Darsteller gemeinsam hat. Auch Janvier und Lapointe finde ich in den Filmen sehr überzeugend.

Aber welchen Band sollte ich als ersten lesen? Ich stellte mich vor das weiße Regal, hoffte auf die richtige Fügung, griff in die Reihen und zog spontan Band 22 heraus. „Maigret verliert eine Verehrerin“. Hinten auf dem Buch prangt noch der Aufkleber, der verrät, wo und wann Jan es gekauft hatte, Thalia, 9.8.2011. Zu meiner Freude fielen beim Aufschlagen drei mir unbekannte Fotos von ihm heraus. Zufall oder Zeichen? Darauf sieht man Jan in geselliger Runde mit seiner „Herrenriege“. Die Mitglieder trafen sich unter der Woche regelmäßig abends „an der Tränke“ im hiesigen Einkaufscenter. Im Laufe der Jahre mussten sie mehrfach umziehen, weil die Lokale alle irgendwann wegen Geschäftsaufgabe oder Umbauarbeiten zumachten. Auf den Fotos sitzt er entspannt an der Theke und hält tatsächlich das aufgeschlagene „Magret verliert eine Verehrerin“ in der Hand. Vor ihm steht ein halbleeres Glas mit seinem geliebten Grauburgunder. Es war wirklich das richtige Buch! Ich war ganz gerührt. Ich habe es an nur einem Abend ausgelesen. Jetzt lese ich „Maigret stellt eine Falle“. Leider ohne Fotos.

Von den Männern auf den Bildern kenne ich nur den „Mann mit Hut“.  Die anderen sind wahrscheinlich „der Karnevalist“, „der Germanist“ und „der Weltenbummler“. Die richtigen Namen waren unwichtig. Jan selbst war „der Professor“. Man verließ das Center erst, wenn es um acht die Pforten schloss. Beim Abendessen berichtete Jan gelegentlich von den Gesprächen der Runde, aber ich hatte natürlich keine Ahnung, von wem er sprach. Die abendliche Auszeit war ihm wichtig, vor allem als er noch berufstätig war und nach herausfordernden Arbeitstagen mit viel Stadtpolitik und Presserummel dringend abschalten musste. Wie er trotz der Herrenriege so viel lesen konnte, bleibt sein Geheimnis. Aber vielleicht war Maigret dafür genau richtig?

Ohne Buch ging Jan nie aus dem Haus. Ich habe selten einen Menschen getroffen, der so belesen war wie er. Krimis las er im Center, an der Haltestelle,  in der Straßenbahn und im Zug. Seine Lektüre transportierte er am liebsten in einem „Büggel“, einer abgewetzten Tragetasche aus Stoff. Darin befanden sich ein großer Haken (zum Aufhängen des Büggels am Tresen) und der aktuelle Krimi. Jan besaß eine ansehnliche Büggel-Sammlung in Schwarz und Dunkelblau. Wenn er neue kaufte, dann immer gleich vier auf einmal. Die alten wurden nicht etwa entsorgt, sondern wanderten in die Waschmaschine. Danach waren sie zwar sauber, sahen aber noch unansehnlicher aus als vorher und kamen in die Trophäen-Sammlung. Jan trennte sich nur äußerst ungern von abgeliebten Dingen. Offenbar eine alte Familientradition. Auf dem Dachboden seiner Eltern standen angeblich große Kartons mit „Überbleibseln“ und Beschriftungen wie „Handschuhe, Einzelstücke, linke“. Die Kartons gab es bestimmt wirklich, denn hier im Haus finde ich auch dauernd Kisten und Kästen, in denen jede Karte, jedes Papierfitzelchen und jede noch so unwichtige Rechnung aufbewahrt wurde, die seine Eltern oder Großeltern je in Händen hielten. Einen Teil davon habe ich inzwischen entsorgt, aber ich spürte dabei deutlich den tadelnden Blick. „Wie kannst du das nur wegwerfen!“ Meistens tut mir danach die rechte Hand weh. Wohl die Strafe für meine Freveltat.

Im Gegensatz zu mir ging Jan leidenschaftlich gern einkaufen und war ein begnadeter Koch. Es machte ihm Freude, auf dem Wochenmarkt oder im Center noch schnell „was Leckeres“ zu holen, ausgefallene Gewürze, irgendein exotisches Gemüse oder ein schönes Stück Fleisch. Oft verwarf er unsere gemeinsamen Essenspläne und erstand spontan völlig andere Zutaten. Er hatte umdisponiert. „Das tut mir jetzt leid, aber es hat mich einfach so angelacht!“. Einmal überraschte er mich mit einer häßlichen, übel riechenden Schrumpelkugel. Mit Parmesan über die Nudeln gehobelt schmeckte sie überraschend gut, wie ich zugeben muss, machte mich aber nicht zum Trüffel-Fan. Jan liebte saisonale lukullische Experimente, was ich als „creature of habit“ oft nicht zu schätzen wusste. Ich kann wochenlang jeden Tag Nudeln oder Kartoffeln essen. Heute würde ich alles dafür geben, mich noch einmal liebevoll von ihm bekochen zu lassen. Selbst wenn es getrüffelter Leberkäs an Linsen wäre. Ihm würde bestimmt eine leckere Sahnesauce einfallen, um mir selbst diesen Alptraum schmackhaft zu machen. Die Liebe zum Essen, das durchaus deftig sein durfte, hatte er übrigens mit Maigret gemeinsam. Nicht die einzige Gemeinsamkeit, wie ich beim aufmerksamen Lesen feststellte. In Jans Arbeitszimmer entdeckte ich letzte Woche zwischen den geheimen Kochbüchern, die er dort zu horten pflegte, „Simenon und Maigret bitten zu Tisch“. Mit klassischen Bistrorezepten. Noch so ein Zeichen?

Jan konnte selbst in vollen Cafés und Kneipen und natürlich auch „an der Tränke“  im brodelnden Einkaufscenter problemlos abschalten und störende Umwelteindrücke komplett ausblenden. Wenn ihn der Plot fesselte oder das letzte Kapitel nahte, entzog er sich seiner Herrenriege, indem er das Buch auf eine ganz bestimmte Weise hielt, die zweifelsfrei signalisierte, dass man den Professor jetzt besser in Ruhe lassen sollte. Da ich selbst „automatisch“ alles höre und sehe, was um mich herum passiert, und eh nur Mineralwasser trinke, habe ihn bei seinen abendlichen Exkursionen selten begleitet. Mich macht das Center nervös, zu viele Reize prasseln gleichzeitig auf mich ein. Das war sicher auch gut so. Ich hätte ihn doch nur vom Lesen abgehalten und durch meine Anwesenheit die heitere Harmonie der illustren Runde gestört.

Eine Weile hing ein Bild von Simenon mit Pfeife über meinem Schreibtisch, zum Nacheifern sozusagen, denn eine erfolgreiche Vielschreiberin wäre ich auch liebend gern geworden. Als Übersetzerin mit eiserner Arbeitsdisziplin konnte ich zwar durchaus mithalten, aber als Schriftstellerin kämpfe ich besonders in den letzten Jahren schwer mit lähmenden Schreibhemmungen und quälenden Abgründen an Stellen, wo eigentlich Geschichten und Bücher reifen sollten. Simenon war das krasse Gegenteil.

Neben Simenons Porträt hing Magrittes Pfeife („C’est n‘est pas une pipe“). Ich liebe Magritte. Jan auch, daher hängt eins von Magrittes Nachtstücken in unserem Schlafzimmer. „L’Empire des Lumières“. Simenon besaß übrigens an die 300 Pfeifen und war beim morgendlichen Schreibritual (ein Kapitel pro Tag, ein Buch in elf Tagen) total zwanghaft. Er schrieb meist mit der Hand und rauchte dabei ununterbrochen, wobei die benötigten Pfeifen bereits fertig gestopft parat lagen. Alles war minutiös vorbereitet. Vor allem spitzte er am Vorabend pedantisch all seine vielen Bleistifte. Vielleicht sollte ich das mit den Bleistiften auch mal probieren, um meinen Writer’s Block, der mich jetzt schon so lange in seinen Krallen hält, endlich zu überwinden. Möglicherweise ist Simenon ja genau der richtige Einstieg. Aber ein Buch in elf Tagen werde ich niemals schaffen.

1993 fuhr ich eigens wegen Simenon mit dem Zug nach Lüttich, um eine 3D-Ausstellung im Musée de l‘Art Wallon zu besuchen, die „Tout Simenon“ hieß. Ich hatte davon in der Zeitung gelesen – und war begeistert! Die Ausstellung war für die damalige Zeit höchst ungewöhnlich und sprach alle Sinne gleichzeitig an, sogar den Geruchssinn! Es war eine der besten Ausstellungen, die ich je besucht habe. Sie war chronologisch aufgebaut, begann mit einer alten Straßenbahn und einer Lütticher Straßenszene nebst Kopfsteinpflaster und Straßenhändlern vom Anfang des letzten Jahrhunderts, so wie Simenon es in seiner Kindheit gesehen haben mochte. Alles mit authentischen Geräuschen untermalt. Im ersten Stock wanderten die Besucher durch verschiedene Räume, besuchten Simenons Büro in der „Gazette de Liège“ und gelangten irgendwann in den Flur des berühmten Polizeireviers. Der Wartebereich mit den Holzbänken war offenbar das „Aquarium“ aus den Romanen, es gab verschiedene Türen und am Ende des Flurs auch Maigrets Büro. Aus den Räumen hörte man Stimmen reden oder diktieren, unruhige Schritte, Absätze klackern, Telefone läuten, metallisches Schreibmaschinengeklapper und die hellen Glockentöne am Zeilenende. Es roch nach Zigaretten, Pfeifenrauch und Kaffee. In Maigrets Zimmer sah man den Schreibtisch, die Lampe mit dem grünen Schirm,  Papierstapel, ein halb gegessenes Butterbrot  und die Bierflasche, die offenbar in den Büchern so oft die Auflösung des Falls einläutet.  Und die Pfeife. Dunhill kreierte übrigens speziell für Simenon einen exklusiven Pfeifentabak namens „Maigret Cut“.

Plötzlich bin ich nicht mehr in Lüttich, sondern im Herzen von Paris, am Quai des Orfèvres. Ich kann mich nicht mehr an alle Räume erinnern, auf jeden Fall aber an das schäbige Zimmer im Stundenhotel, in dem gerade ein Mord verübt worden war. Wenn ich jetzt ans Fenster trete, lauern draußen Dämmerung und Sprühregen, und unten sehe ich den berühmten Inspektor, der immer noch durchaus aussieht wie ein groß gewachsener Rowan Atkinson (sorry, Jan!), wie er den Quai de Orfèvres verläßt, sorgfältig den Samtkragen seines dunklen Überziehers hochklappt und sich die Melone tiefer in die Stirn zieht. Die Film-Maigrets tragen alle lieber Fedora oder Trilby. Sogar Rowan Atkinson.

Sehr gut erinnere ich mich an den eisigen Obduktionsraum mit den scharfen Formalindämpfen und der unheimlichen verhüllten Leiche auf dem Seziertisch. Hier wurden die Besucher mit einem Mal ganz leise. Und auch an das Boudoir oder die Loge der eigenwilligen Josephine Baker, mit der Simenon im wahren Leben eine Weile zusammen war. Hier gab es Spiegel und allerlei Kostüme, es roch nach Theaterschminke und schwerem Parfüm, und jenseits des dunklen Flurs sang einsam und eindringlich die Stimme der Künstlerin.

Simenons turbulentes Privatleben wurde in der Ausstellung durchaus kritisch kommentiert. Im Gegensatz zu Maigret war er ein notorischer Frauenheld, der gelegentlich damit prahlte, mit mehr als zehntausend Frauen (die meisten davon Prostituierte) geschlafen zu haben. Wie entsetzlich. Aber Simenon war eben nicht Maigret. Am Ende der Ausstellung traf man dann auch noch den Meister selbst. Als Wachsfigur an seinem Schreibtisch. Lächelnd, was offenbar extrem untypisch für ihn war. Schade, dass ich Jan damals noch nicht kannte. Aber da die Gedanken bekanntlich frei sind, ist er jetzt in meiner Erinnerung die ganze Zeit an meiner Seite. Ich glaube, er freut sich, dass ich seinen Maigret endlich etwas besser kennenlerne.

 

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