Hochsensibel im Hochsommer

Marco Polo

Aus hochsensiblen Temperaturgründen bin ich jedes Jahr den ganzen Sommer lang völlig schachmatt. Meine Alarmanlage springt schon bei etwa 25° heftig an und gerät bei über 30° sogar völlig außer Kontrolle. Was andere Menschen als schönen Sommertag empfinden, ist für mich nur Quälerei. Meine innere Zündschnur ist dann nur ganz kurz, vor allem, wenn mich dann auch noch jemand oder etwas in meiner Umgebung nervt. Bei Lärm und lauter Musik klinke ich dann völlig aus.

Schreiben geht im Sommer gar nicht (was mich in prä-hochsensibler Zeit oft in Panik versetzt hat), Überarbeiten von Texten oder Korrekturlesen funktioniert noch so grade. Das einzige, was noch Spaß macht, ist das Abtauchen in eine Welt jenseits der Hitze, in Bücher (einen Sommer lang las ich immer wieder „Die Nebel von Avalon“) oder kühle Filme (ich erinnere mich noch sehr gut an den Sommer, in dem ich nur Filme mit viel Wasser sah, etwa „The Deep Blue“, und dabei die Füße in einem Eimer mit kaltem Wasser hatte). Seit etwa drei Jahren habe ich nun die hochsensiblen Mäuse, die mich hervorragend ablenken, denn bei den hohen Temperaturen trocknen meine selbstgebauten Häuser und Möbel im Handumdrehen. Ich brauche nicht nachzudenken, ich kreiere einfach alles, was mir so in den Kopf kommt, und freue mich auf den Herbst. Mit Pappmaché, Holz und Farben wollte ich ohnehin immer schon mal „richtig“ arbeiten und experimentieren und bin nie dazu gekommen. Im Kleinen kann man sogar Vermessungsfehler ganz gut reparieren. Es gibt inzwischen außerdem wunderschöne Kreidefarben in allen möglichen Farben, die ungiftig, wasserlöslich und nahezu geruchsneutral sind. Außerdem kann ich alles auf dem großen Gartentisch aufbauen und nach Herzenslust fotografieren, was im Herbst und Winter nicht geht, weil die Mäuse nicht wegfliegen oder naß werden dürfen.

Die Mäuse helfen beim Ladenbauen

Im vorigen Jahr habe ich Piraten- und Strandhäuser gebaut, dieses Jahr einen Wohnwagen und einen Buchladen. Er ist fast fertig, und ich habe schon ziemlich viele Mini-Bücher und Regale gemacht. Sogar nach eigenen Entwürfen, mit Pappe und Balsa Holz. Beim Basteln und Bauen kann ich mich ganz gut entspannen und merke nicht mehr so sehr, wie arg mir die hohen Temperaturen zusetzen.

Der neue Mausladen

Ich kann mich nur an zwei Sommer erinnern, die ähnlich heiß und drückend waren. Im ersten war ich noch Studentin und musste mich dringend auf meine Zwischenprüfung vorbereiten. Ich wohnte im Studentenheim direkt unter dem Dach und kam vor Hitze fast um. An Schlaf war nachts nicht zu denken. Der einzige Ort in Köln, der dauerhaft kühl blieb, war der Dom. Dort habe ich mich dann tatsächlich fast jeden Tag in meine Lieblingsecke gesetzt und alles Mögliche auswendig gelernt. Den größten Teil der Nächte verbrachte ich im Volksgarten, denn das Studentenheim war nur wenige Minuten entfernt. Der zweite brüllheiße Sommer war 2003. Ein Jahrhundertsommer! Ich war völlig fertig mit der Welt. Genau in dem Jahr spielt zufällig mein nächstes Buch, für das ich jetzt nur noch einen Verlag finden muss. Aber das komplizierte Anschreiben, in dem jeder Satz sitzen muss, verschiebe ich besser auf einen kühleren Tag. Es ist ohnehin vor allem ein Herbstbuch, denn ich habe es von Halloween 2002 bis Halloween 2003 geschrieben. Eine selbstgesetzte Frist. Halloween ist für die Buchfamilie noch wichtiger als Weihnachten und alle Geburtstage zusammen.

Vielleicht macht mir meine kleine Mauswelt auch deshalb so viel Freude, weil wir die Weltpolitik und der Klimawandel seit einiger Zeit so viele Sorgen und Angst macht. Die Mauswelt ist friedlich und überschaubar, der Umgangston ist freundlich und rücksichtsvoll, keiner pöbelt oder beleidigt, und die vielen kleinen Mauswanderer aus aller Herren Länder leben einträchtig zusammen, helfen und trösten einander und genießen jeden neuen Tag. Da sie alle ihre eigene Biografie und Geschichte haben, sind sie für mich inzwischen ohnehin richtige kleine „Persönlichkeiten“. Sie sprechen mit mir, und ich denke mir viele kleine Geschichten aus, die hoffentlich auch bald in einem Buch ihren Platz finden.

Bühnenzauber

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Frühling am Niederrhein – mit Ulla Genzel

„Träumende Weiden“ (Ulla Genzel)

Ein wenig sind die Bilder meiner Freundin Ulla Genzel in den letzten Jahren meine ganz persönliche Tür zum Niederrhein geworden. Seit meine Eltern nicht mehr leben, bin ich nur noch selten dort. Doch in Ullas Bildern kann ich jederzeit völlig unbeschwert umherwandern und nicht nur Szenen aus meiner Kindheit, sondern sogar aus meinen Büchern entdecken. Jetzt im Frühling kann ich aus der Ferne zusehen, wie die knorrigen Kopfweiden, die im Winter so traurig und gestutzt als Wächter an den Flüssen stehen, zartgrün austreiben, bis sie richtig grüne Blätterperücken haben, und finde auch meine blaue Hasenblumenwiese wieder.

„Blue Bells“ (Ulla Genzel)

Ich kann mich nur zu gut erinnern, wie unsere Gärten und die Weiden und Wiesen an Nette und Niers im Frühling aussahen und rochen. Den Duft habe ich mir zum Teil auch in meinen Garten geholt. Auch hier wachsen Hyazinthen, Hornveilchen und Dichternarzissen, auch hier blühen gerade Ranunkelstrauch, Forsythien,  Scheinquitte, Holzapfelbaum, Obstbäume und schwefelgelber Ginster. Bei Ulla kann ich im Frühling sogar noch nach Herzenslust mit nackten Füßen durch die Felder laufen und den ersten Klee und Löwenzahn für meine Kaninchen pflücken. Besonders schön finde ich die versteckten kleinen Details, die man erst auf den zweiten Blick entdeckt. Manchmal ist es eine Zahl, die für Ulla eine besondere Bedeutung hat, ein andermal ein roter Luftballon, und hier bei den Frühlingsblumen ist es eine vorwitzige kleine Maus, die rechts unten aus dem Grün lugt.

„Frühlingsduft“ (Ulla Genzel)

Auch an die kleinen wilden Stiefmütterchen erinnere ich mich jetzt wieder, an das zierliche Wiesenschaumkraut, die ersten Schlüsselblumen und Windröschen, die wiegenden Schachbrettblumen an den zerbrechlichen Stängeln, an die ersten Wiesenblumensträuße, die wir von unseren Ausflügen mit nach Hause brachten. An den Geruch der Felder an einem milden Frühlingstag kurz vor dem Regen, wenn die Luft plötzlich irgendwie anders wurde, sich ein klein wenig kälter anfühlte und ein klein wenig strenger roch, und der Himmel sich auf einmal ein klein wenig grauer und trüber färbte. Damals fanden wir es schön, mitten im Feld zu stehen und uns beregnen zu lassen wie von einer sanften, erfrischenden Himmelsdusche, bevor wir notgedrungen den Schirm aufspannten. Zu nass durften wir ja nicht werden, das wäre aufgefallen! Bei uns zu Hause gab es damals nur eine langweilige Badewanne, die leider bloß einmal die Woche benutzt wurde. Traditionelle Familienbadezeit war samstags, nach dem Autowaschen, und man tat gut daran, als erste ins Wasser zu steigen, weil es dann noch schön heiß war. Am besten mit einer tiefgrünen „Fichtennadel“-Badetablette. Auf dem roten Höckerchen neben der Wanne stand das kleine Kofferradio. Ich setzte alles daran, pünktlich zu „Die großen Acht von Radio Luxemburg“ ins grüne Wasser zu steigen.

„Osterhase“ (Ulla Genzel)

Der einsame Waldwiesenweg erinnert mich an die vielen Fahrradtouren, die ich als Kind und Jugendliche mit meiner Freundin Winnie machte. Meistens fuhren wir in die Süchtelner Höhen, weil es da so schön einsam war. Es gab da eine ganz besondere Stelle, wo es so steil bergab ging, dass man das Gefühl hatte zu fliegen. Ich höre noch die Bienen und Hummeln, die vielen Singvögel und all die kleinen Tiere, die unsichtbar im Gras wisperten und wuselten, und spüre den weichen Waldboden unter meinen Füßen. Winnie und ich hatten immer genug zu essen und zu trinken dabei, um ein kleines Picknick zu machen. Es gab meistens Butterbrote mit „frischem Holländer“, eine Flasche Sprite und natürlich Plätzchen von de Beukelaer. Schließlich bekamen wir jede Woche freitags eine große braune Tüte mit Bruchkeksen aus Kempen mitgebracht. Wir waren ganz allein, weit weg von unserem Dorf, in einer anderen Welt, ganz nah bei Winnetou und Old Shatterhand, den sprechenden Tieren und all den Mythen und Märchen aus aller Welt, die wir so spannend fanden.

„Frühlingserwachen“ (Ulla Genzel)

Die drei lebenslustigen Damen, die auf Ullas Bildern immer wieder auftauchen und leicht schräg und bestens gelaunt (sogar bei Schnee und Regen!) durchs Leben tanzen, erinnern mich stark an mein kuchensüchtiges Tante Finchen aus den beiden „Winnie“-Büchern. Schade, dass meine anderen Großtanten nicht so unternehmungslustig und weltoffen waren wie Finchen – besonders die strenge Tante Pia. Sie war Finchens krasses Gegenteil, immer etwas säuerlich und ständig „auf Diät“. Zum Glück hatte Finchen für ihre Ausflüge ihre beiden Freundinnen aus dem Kirchenchor! Da Finchens Lieblingsfarbe Blau war, würde ich fast wetten, dass nur sie die Dame links auf der Bank sein kann. An genug Proviant für die Radtour (am Niederrhein heißt das Fahrrad übrigens „Fiets“) hätte sie bestimmt auch gedacht. „Essen hält Leib und Seele zusammen“ war schließlich ihr Lebensmotto.

„Fietstour über die Binnenheide“ (Ulla Genzel)

Wer weiß, vielleicht hat Ulla mein Tante Finchen ja mal getroffen? Meine Großtante war schließlich oft genug in Kevelaer und irgendwann bestimmt auch mal im „Kevelaer Kaffeehaus“. Finchen war nicht von ungefähr Spezialistin für alles, was man in Konditoreien erwerben kann. Schließlich war sie die Tochter eines Konditors, der am gesamten Niederrhein für seine exzellente „Grillagetorte“ berühmt gewesen war. Von ihm stammte auch Finchens Rezept. An den Kuchen habe ich mich beim Schreiben urplötzlich wieder erinnert und ihn beim nächsten Niederrhein-Trip dann auch endlich mal wieder gegessen. Leider war er längst nicht so gut wie der von Tante Finchen! Viel zu süß!

Wer mag, kann meine Niederrhein-Erinnerungen in den beiden Büchern „Mit Winnie in Kattendonk“ und „Mit Winnie in Niersbeck“ nachlesen. Zu Ulla Genzel habe ich hier auf meiner Homepage übrigens schon mehrere Beiträge geschrieben. Ich freue mich jetzt schon auf den nächsten: „Sommer am Niederrhein – mit Ulla Genzel“.

„Aber bitte mit Sahne“ (Ulla Genzel)

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Weißer Sonntag am Niederrhein

Tante Pia und St. Blasius

Tante Pia war in unserer Familie die höchste Instanz für alles Kirchliche und Religiöse. Sie kam direkt hinter dem Papst, dem Herrn Pastor und dem Herrn Kaplan. Anfang Februar nahm sie mich immer mit, wenn sie an Maria Lichtmess ihre Kerzen segnen ließ, mit denen sie die ganze Familie versorgte, und danach bekamen wir beide den Blasiussegen. Ich war dabei immer ziemlich aufgeregt. Der Herr Pastor stand mit zwei gekreuzten brennenden Kerzen da, segnete uns den Hals und sagte dabei: „Auf die Fürsprache des heiligen Blasius bewahre dich der Herr vor Halskrankheit und allem Bösen.“

Dann kam der Ziegenpeter

So richtig schien der Heiligenschutz bei mir nicht zu funktionieren, denn ausgerechnet eine Woche vor meiner Erstkommunion schwoll meine linke Backe plötzlich an, bis sie doppelt so dick wie die andere war. Es tat schrecklich weh. Ich konnte den Kopf nicht mehr richtig bewegen, nicht mehr normal kauen und schlucken und kaum noch sprechen. Meine Mutter packte mich ins Bett und machte mir unbequeme warme Umschläge. Mit Öl! Nach drei Tagen wurde auch die andere Backe dick. Nicht ganz so dick wie die linke, aber trotzdem sah aus ich wie ein Monster oder wie mein Goldhamster, wenn er sich die Backentaschen vollgestopft hatte.

Unser Hausarzt Doktor Engels kam, sah und diagnostizierte Mumps, auch Ziegenpeter genannt. Den kannte ich schon aus meinen Heidi-Büchern, und das sagte ich ihm auch. „Der heißt aber nicht Ziegenpeter, sondern Geißenpeter“, erklärte Doktor Engels. „Aber Sie wollen mich jetzt nich’ operieren, oder?“, erkundigte ich mich ängstlich und dachte an Opas schiefen Hals. „Nein“, sagte Doktor Engels, „das braucht man nicht zu operieren, das geht von ganz allein wieder weg. Man muss nur ein wenig Geduld haben.“ Ich war am Boden zerstört. Das sollte mein schönster Tag werden? In diesem Zustand konnte ich ja wohl kaum Bräutchen sein! Inzwischen konnte ich nur noch Flüssiges zu mir nehmen, weil mir das Schlucken so wehtat.

Doktor Engels hatte mir strenge Bettruhe verordnet, doch ich wollte unbedingt mit den anderen zur Erstkommunion gehen. Auf das Kränzchen mit den kleinen Stoffrosen und das schöne weiße Bräutchenkleid hatte ich mich monatelang so gefreut. Sämtliche Verwandten legten ein gutes Wort für mich ein, vor allem Tante Pia redete mit Engelszungen. Am Ende wurde Doktor Engels schwach, und so zog ich mit Ziegenpeter und geschwollenen Mumpsbacken zusammen mit den anderen Kindern in die Kirche.

Mein schönster Tag?

Doch alles lief schief. Man hatte uns leider der Größe nach eingeteilt, so dass ich nicht neben meiner besten Freundin Winnie ging, sondern neben Martina, die zwar genauso groß war wie ich, aber sonst nur selten mit mir zusammen war. Die arme Martina war auch ein Mumpskind, allerdings schon auf dem Wege der Besserung. Nein, mein schönster Tag war es ganz gewiss nicht. Eher einer meiner schlimmsten. Weil mein Hals so weh tat, konnte ich kein bisschen andächtig sein und litt während der endlos langen Messe wahre Höllenqualen.

Dummerweise klebte mir im feierlichsten aller Momente auch noch die Hostie am Gaumen fest. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Mit der Zunge kriegte ich sie nicht runter, mit den Fingern ging es auch nicht, weil sie ja heilig war und man sie nicht berühren durfte, und mir war so gar nicht mehr würdevoll und feierlich zumute, sondern nur noch schrecklich elend. Vielleicht hatten die Ärzte ja doch Recht, wenn sie einem strikte Bettruhe verordneten? Nach dem großen Ereignis musste ich sofort wieder ins Bett und bekam wieder Umschläge mit ekligem warmem Öl um den Hals. Hunger hatte ich auch keinen, denn mir war übel. Meine vielen Gäste saßen derweil unten im Wohnzimmer und genossen die Festtafel. Sie hatten es gut! Ich hätte heulen mögen.

Frau Mahlzahn und Odysseus

Wirklich trösten konnte mich an diesem Tag nur der große Tisch mit den Geschenken, denn zwischen den unzähligen Reisenecessaires, Poesiealben, Handtüchern und Blumensträußen befanden sich auch etliche Bücher, unter anderem die neuesten Bände von „Hanni und Nanni“, aber vor allem zwei ganz besondere Kostbarkeiten. „Sagen des klassischen Altertums“ von Gustav Schwab und „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ von Michael Ende. Beide Bücher durfte ich mit ins Krankenbett nehmen, und sie schafften es tatsächlich, dass ich für kurze Zeit meine Mumpsbacken vergessen und in andere Welten abtauchen konnte. Den ersten Tag verbrachte ich mit Jim und Lukas in Lummerland und Kummerland, traf Frau Waas, die Lokomotive Emma, Frau Mahlzahn, den kleinen Ping Pong, Prinzessin LiSi und den Scheinriesen Herrn Turtur, und an den folgenden Tagen bestand ich die aufregendsten Abenteuer mit Odysseus, Achill, Hektor, Ariadne, Poseidon, Herkules, Persephone und vielen, vielen anderen Helden. Es war einfach wunderbar, auch wenn der Hals noch so weh tat.

Mein Vertrauen in den Heiligen Blasius war danach stark erschüttert. Entweder er hatte versagt, was nicht sein konnte, wenn man Tante Pia und den anderen Großtanten Glauben schenkte, oder er konnte mich einfach nicht leiden. Ich fürchte, mit der zweiten Vermutung lag ich ganz richtig. Ich hatte als Kind auffallend oft Halsschmerzen und ständig geschwollene Drüsen. Vor allem am Hals und an den Ohren, den Spezialstellen des Heiligen.

(Erinnerungen aus „Mit Winnie in Kattendonk“ und „Mit Winnie in Niersbeck“)

 

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Wie von einem anderen Stern

Das häßliche Entlein

Andersens Märchen haben mich als Kind traurig gemacht, aber auch oft getröstet. Besonders das vom häßlichen Entlein. Weil es gut ausging nach all dem Kummer. Ich verstand das häßliche Entlein, das überall aneckte, so gut. Ich fand Entenküken auch wunderschön, sie waren so niedlich, gelb und flauschig. Auch ich hatte das Gefühl, dass ich nicht dazugehörte. Ganz und gar nicht. Irgendwas war schief gelaufen bei mir. Ich war nicht niedlich, gelb und flauschig. Eher grau, unsicher, ungelenk, fehl am Platz. Und das Gefühl, dass andere deswegen auf mir herumhackten und mich zwackten, kannte ich auch. Es tat weh und bedrückte mich. Was machte ich falsch? Warum konnte ich nicht sein wie die anderen? Warum war ich so allein? Warum wurde ich dauernd mit den anderen verglichen? Meine Mutter versuchte zwar, mich zu beschützen, aber richtig zufrieden war sie auch nicht mit mir.

„Pfui! Wie das eine Entlein aussieht, das wollen wir durchaus nicht dulden!“ Und sogleich flog eine Ente hin und biss es
in den Nacken. „Lass es in Frieden!“, sagte die Mutter, „es tut ja niemand etwas.“ „Ja, aber es ist zu groß und ungewöhnlich“, sagte die beißende Ente, „und deshalb muss es gezwackt werden.“ „Es sind hübsche Kinder, die uns die Mutter da vorführt“, sagte die alte Ente mit dem Lappen um das Bein, „alle sind sie schön, bis auf das eine, das ist nicht geglückt. Man möchte, dass sie es umarbeiten könnte.“ 

Leg dir ein dickeres Fell zu!

Wer gleichzeitig ängstlich, schüchtern und dünnhäutig ist, merkt meist schon früh, dass mit ihm etwas nicht stimmt, fühlt sich ausgegrenzt und unverstanden, empfindet sich als „falsch“, vielleicht sogar als krank. Leider finden das auch die anderen, manchmal sogar die eigenen Eltern. Ratschläge und Tadel gibt es wie Sand am Meer, man kann sie nur nicht umsetzen. Sätze wie „Du fühlst einfach zu viel!“, „Stell dich nicht so an!“ oder „Du musst dir ein dickeres Fell zulegen!“ sind den meisten zart besaiteten Menschen bereits in der Kindheit wohlvertraut.
 „Das ist doch nicht normal!“, sagten auch meine Eltern. „Das Mädchen ist lieber allein als mit anderen Kindern zu spielen.“ Ich war tatsächlich am liebsten allein, dann hatte ich wenigstens keinen Stress. Die anderen machten mir Angst.

„Kannst du Eier legen?“ fragte die Henne. „Nein.“ „So wirst du schweigen müssen!“ Und der Kater fragte: „Kannst du einen krummen Buckel machen, schnurren und Funken sprühen?“ „Nein.“ „So darfst du auch keine Meinung haben, wenn vernünftige Leute sprechen.“

Nicht geglückt

Bis zu meiner Erkenntnis, hochsensibel zu sein, hatte ich oft genug das Gefühl, nicht in diese Welt zu passen. Als Kind war es nahezu unerträglich. Meine Angst- und Stresspegel waren chronisch erhöht. Ich war schüchtern und traute mir nichts zu. Ich war extrem verletzlich (nicht etwa nachtragend, wie die anderen meinten, weil es so lange dauerte, bis ich mich wieder erholte) und sprach offenbar eine Sprache, die niemand verstand. Ich fühlte mich ausgeliefert, schutzlos, überempfindlich. Kam ich etwa von einem anderen Stern? Ich war „nicht geglückt“, genau wie das hässliche junge Entlein, nur dass aus mir bestimmt niemals ein Schwan werden würde. Nichts wünschte ich mir sehnlicher! Aber es half alles nichts. Ich war noch viel einsamer als das häßliche Entlein. In seiner Geschichte gab es ja ein Happy End. In meiner bestimmt nicht.

Wie von einem anderen Stern

Das ungute Gefühl, nicht in diese Welt zu passen, hatte ich auch als Erwachsene lange noch. Ich hatte einfach zu viele Macken und Ängste. Ich begriff nicht, warum ich in bestimmten Situationen so viel mehr Stress hatte als andere, warum ich oft so erschöpft und ausgelaugt war, warum ich Einkaufszentren und Kaufhäuser hasste, bei Zeitdruck durchdrehte, in Gruppen verstummte und bestimmte Geräusche und Gerüche kaum ertrug. Gedanken, Bilder, Gefühle, alles klang bei mir viel länger nach als bei anderen. Nach einem Zahnarztbesuch war ich stundenlang fertig. Ein falsches Wort am Morgen, und der Tag war gelaufen. Oft war ich unglücklich mit mir selbst, weil ich mich trotz aller Mühe nicht ändern konnte.

„Ich gehe wohl am besten hinaus in die weite Welt!“ sagte das Entlein. „Ja, tue das!“ sagte die Henne. Und das Entlein ging; es schwamm auf dem Wasser, es tauchte unter, aber von allen Tieren wurde es wegen seiner Häßlichkeit übersehen. 

Wahrscheinlich wäre mir viel Kummer erspart geblieben, wenn es das Konzept der Hochsensibilität bereits in meiner Kindheit gegeben hätte. Möglicherweise hätte man mich dann nicht so oft als „Mimose“, „Sensibelchen“ und „Zimperliese“ verspottet. Die Einsicht, dass ich einfach nur besonders feine Antennen habe und es vielen anderen Menschen genauso geht wie mir, hat mir geholfen, meine vermeintlichen „Schwächen“ anzunehmen.

Eines Tages…..

Glücklicherweise kann man die vielen negativen elterlichen und gesellschaftlichen Botschaften, falschen Selbstbilder und unklaren Regeln, die man als Kind übernommen hat, als Erwachsener nachträglich noch außer Kraft setzen, indem man mit seinem inneren Kind Kontakt aufnimmt und es tröstet und stärkt. Gerade Hochsensible haben oft einen intuitiven Zugang zur eigenen Seele und verfügen über sehr gute Selbstheilungskräfte. Wer sein inneres Kind liebevoll annimmt, kann alte Wunden schließen und verschüttete Emotionen endlich zulassen und fördern. Oft stellt sich dabei sogar heraus, dass in unseren vermeintlichen Schwächen unsere größten Stärken verborgen liegen.

Man braucht nur jemanden, der einem den richtigen Weg zeigt. Das können andere Menschen sein, manchmal schafft es sogar ein einziges Buch oder der richtige Vortrag zur richtigen Zeit. Und dann stellt man eines Tages erstaunt fest, dass man gar kein hässliches Entlein mehr ist, sondern tatsächlich ein Schwan geworden ist. Und dass es noch viel mehr Schwäne auf dieser Welt gibt, die genau so sind und einen sehr gut verstehen. Aber es bleibt ein Wunder.

Aber was erblickte es da im klaren Wasser? Es sah sein eigenes Bild unter sich, und es war kein plumper, schwarzgrauer Vogel mehr; hässlich und garstig, sondern selbst ein Schwan.

(Textauszüge aus meinem Buch „Von wegen Mimose“ und aus „Das hässliche junge Entlein“ von Hans Christian Andersen; Fotos von unsplash und pixabay)

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Kunst aus Wales: Kay Leverton

Kay Leverton: „Shamanka’s Dream“

Schamanin und Hasenheilige

Auf einer meiner ausgedehnten Hasensuchen fand ich auf bei Etsy (einer Plattform, auf der Künstler aus aller Welt ihre eigenen Werke anbieten) die Bilder der walisischen Künstlerin Kay Leverton und wurde auf der Stelle ihr Fan. Mit einigen ihrer Bilder habe ich vorige Woche schon meinen Beitrag „Angsthase, Pfeffernase“ untermalt. Die Frau in „Shamanka’s Dream“ ist eine geheimnisvolle Schamanin, die von den Wanderungen der Rentiere und Vögel träumt. Wenn man genau hinsieht, entdeckt man noch mehr Tiere, unten rechts springt ein Fuchs, und es gibt auch einen Schmetterling. Falter sind in vielen Kulturen Seelentiere. Entstanden ist dieses Bild tatsächlich aufgrund eines merkwürdigen „tiefen“ Traums während einer Krankheit, in dem Rentiere eine wichtige Rolle spielten.

Kay Leverton „Beneath her Robes“

Besonders angerührt hat mich das Bild von der walisischen Heiligen Melangell, die ich erst durch Kays Bilder kennengelernt habe. Sie ist nämlich die Schutzpatronin der Hasen! Sie war von vornehmer Herkunft und außergewöhnlich schön, wollte aber ihr Leben lieber Gott weihen als zu heiraten und lebte abgeschieden und allein als Eremitin.  Bei einer Hasenjagd gewährte sie einem verfolgten Hasen Zuflucht unter ihrem Gewand und rettete ihn so vor den Jägern. Der junge Prinz, dem die Ländereien gehörten, war dem Hasen gefolgt und entdeckte die Jungfrau. Er sah, wie schön sie war und wie die Hunde und Jäger erschrocken zurückfuhren und keiner es wagte, sich ihr zu nähern. Daraufhin schenkte er ihr ein Stück Land, auf dem sie eine Abtei gründete. Jungfrau und Hase! Genau so ein Bild hatte ich  gesucht! Kay hat Melangells Hasen noch ein zweites Mal dargestellt, wie er ruhig aus den Kleiderfalten seiner Beschützerin hervorschaut. Auch für Kay sind Hasen magische Wesen, denen sie gern nachspürt. Sie lässt sich bei ihren Bildern vor allem von der Natur und von ihrem Garten verzaubern und inspirieren und genießt es, durch die Hügel und Täler ihrer walisischen Heimat zu streifen, wo für sie „die Bäume flüstern und die Tiere sprechen“.

Kay Leverton „St. Melangell – Safe in her Arms“

Vogelmutter und Nymphe

Kay Leverton „Mother of Birds“

Zufällig habe ich eine Schwäche für Wales. Ich mag die walisische Landschaft und Literatur und finde auch die eigentümliche Sprache, Kymrisch oder Walisisch,  hochinteressant – obwohl ich (noch) keinen Ton davon verstehe. Allein schon das Schriftbild springt einem förmlich ins Auge, manchmal mit schier endlos scheinenden Wörtern voller Konsonanten. Alle Schilder in Wales sind zweisprachig, und auch wenn Waliser Englisch sprechen, wirkt ihre Aussprache irgendwie singend und melodisch. Geheimnisvoll klingt diese Sprache, die zwar uralt, aber immer noch quicklebendig ist. „Dw yn dysgu cymraeg“, ich lerne Kymrisch, irgendwann, habe es mir fest vorgenommen, aber das dauert noch etwas. „Un gath wen“ heißt übrigens „eine weiße Katze“. Und ich liebe die Gedichte von Dylan Thomas und das „Mabinogion“, eine Sammlung von mittelalterlichen walisischen Manuskripten voll mit faszinierenden Gestalten und spannenden Geschichten, die zahlreiche Motive aus der vorchristlichen keltischen Mythologie enthalten. Es gibt sie auch in Romanform, geschrieben von der amerikanischen Schriftstellerin Evangeline Walton. Vor Jahren habe ich sie in einem Londoner Frauenbuchladen entdeckt und gleich mitgenommen. Fans von Tolkien dürften die drei Bände sicher gefallen. Aber es gibt auch das Original, u.a. in der ersten Übersetzung von Lady Charlotte Guest.

Bei einigen von Kays Bildern fühlte ich mich irgendwie an das „Mabinogion“ erinnert. Zum Beispiel an die uralte Göttin Rhiannon, zu deren Tieren nicht nur das weißes Pferd gehört, das sich immer weiter entfernt, je näher man ihm kommt, sondern auch drei magische Vögel, die „Adar Rhiannon“, und Singvögel im allgemeinen. Doch Kays „Mother of Birds“ ist eine starke, dunkle Gestalt, während die Jenseitskönigin Rhiannon stets hell und in goldenes Licht getaucht erscheint. Wenn ich einen Wunsch für die Anderswelt frei hätte, würde ich gern im Hain von Rhiannon leben und mich von Singvögeln umflattern lassen, deren lieblicher Gesang die Toten zum Leben erweckt und die Lebenden in Schlaf fallen läßt.

Kay Leverton „Waternymph“

Die Idee für das schöne Bild mit der Wassernymphe, die erstaunlicherweise auch einen Hasen beschützend im Arm hält, obwohl Hasen wahrscheinlich ziemlich wasserscheu sind, kam Kay ganz spontan, als sie eines Mittags an einem Teich saß und den Wasservögeln beim Tauchen zwischen den Seerosen zuschaute. Die Auswahl aus Kays vielen Bilder fällt mir schwer, am liebsten würde ich sie alle zeigen, all die Katzen und Eulen, Füchse und Hasen, Rentiere und Raben, Pflanzen und Blumen.

Scraperboard Drawing (Scratch Art)

Zuerst hielt ich Kay Bilder für Radierungen oder Holzschnitte. Von Scraperboards oder Scratchboards (als Übersetzung fand ich im Deutschen nur die unschönen Bezeichnungen Schabkarton, Schabekarton und Kratzpapier) hatte ich bis dahin noch nie etwas gehört. Dabei handelt es sich um eine relativ alte Illustrationstechnik, die dem Tiefdruckverfahren ähnelt und bereits im 19. Jahrhundert genutzt wurde. Auf einen speziell für diese Technik mit weißer Kreide, Chinaton und Leim gestrichenen hochwertigen und nässebeständigen Trägerkarton, der nach dem Trocknen tiefschwarz überdruckt wird, lassen sich feinste Details und Schraffuren mit Hilfe von Nadeln (auch Radiernadeln), scharfen Spezialfedern, Cuttern oder anderen Werkzeugen durch Auskratzen herausarbeiten. Jeder Strich muss richtig gesetzt sein, da keine Korrekturen kaum möglich sind (es soll allerdings auch Reparaturtricks geben). Ähnlich wie bei Holzschnitten entsteht dabei ein Negativbild, auf dem sich feinste Haar- und Fellstrukturen wiedergeben lassen. Der Scratch Artist kann ausdrucksvolle Linien, Schraffuren und Flächen in Weiß schaffen. Die fertigen Zeichnungen stehen dann kontrastreich auf dem schwarzen Karton.

Kay Leverton „Dance of Crows“

Kay Levertons Bild mit den Vögeln und dem alten Obstbaum hat es mir besonders angetan und wurzelt in einer frühen Kindheitserinnerung an den alten Garten ihrer Großeltern. Dort sammelten sich an einem uralten Obstbaum jeden Abend flügelschlagend und lärmend unzählige Krähen, während die kleine Kay am Fenster stand und dem magischen Schauspiel gebannt zusah.

Das fertige Scraperboard Bild kann man übrigens zusätzlich auch noch farbig ausgestalten – mit Stiften, Pastellfarben, Wasserfarben oder speziellen Scraperboardfarben. In Deutschland ist Scrape Art offenbar noch nicht (oder nicht mehr) sehr bekannt, jedenfalls finde ich im Netz nur englische Tutorials. Auf jeden Fall weiß ich jetzt schon, was ich mir dieses Jahr zum Geburtstag wünsche! Ich habe mir sagen lassen, dass Scraperboard Zeichnen süchtig macht und freue mich schon darauf.

Kay Leverton

Kay Leverton arbeitet schon seit vielen Jahren als Künstlerin und läßt sich und ihre Fantasie vor allem von der Landschaft und Tierwelt ihrer walisischen Heimat beflügeln. Früher malte sie vor allem Pastell- und Acrylbilder, seit 2010 arbeitet sie mit Scraperboard und experimentiert inzwischen auch dort mit Farben.

Wer neugierig geworden ist, sollte unbedingt Kays Homepage oder  ihren Etsy Shop besuchen.

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Angsthase, Pfeffernase!

Angsthase?

Als Kind schämte ich mich, weil ich so schüchtern, ängstlich und sensibel war. Ich wollte kein Angsthase, kein Hasenherz, kein Hasenfuß, kein Feigling, kein Sensibelchen und keine Mimose sein. (Nicht von ungefähr habe ich sowohl das Hasenherz als auch die Mimose in die Titel meiner Bücher aufgenommen). Es gab und gibt viele abfällige, spöttische Bezeichnungen für ängstliche Menschen mit dünner Haut.

Merkwürdigerweise spielt der Hase dabei eine besonders wichtige Rolle. Aber warum? Der Ruf „Angsthase, Pfeffernase, morgen kommt der Osterhase!“ (mit gleich zwei Hasen in einem Satz!) hallte mir vor allem in der Volksschule oft hinterher. Und er war alles andere als freundlich gemeint. „Mach dir nix draus!“ sagte meine Freundin Winnie dann tröstend, aber weh getan hat es trotzdem. Nicht die Wörter, sondern der Spott und die Verachtung, die darin deutlich mitschwangen. Ich wurde von den anderen negativ bewertet. Es bedeutete schließlich, dass ich mich wieder mal nicht getraut hatte. Dass ich allzu zögerlich und vorsichtig gewesen war. Dass ich eine alte Spielverderberin war. Als Übersetzerin und Sprachwissenschaftlerin bin ich dem „Kinderreim“, der mir früher so viel Kummer gemacht hat,  einmal genauer nachgegangen.

„Hare on the run“ (Kay Leverton)

Feige?

Hasen sind bemerkenswerte Tiere. Ich habe nie verstanden, warum ausgerechnet sie im Deutschen auf so negative Weise bewertet werden. Hasen sind alles andere als „schwach“ und „feige“. Genau wie menschliche „Angsthasen“. Wie viel Kraft brauchen Menschen mit Angst oft schon, nur um einen für andere ganz normalen Tag durchzustehen. Das „Hasenherz“, das in ihnen schlägt, ist stark und mutig. Denn nur wer Angst hat und sich bedroht fühlt, kann mutig sein. Der Jäger, der mit geladenem Gewehr dasteht, braucht keinen Mut. Der Jagdhund auch nicht. Der Hase schon. Die kräftigen Hasenfüße, auf denen der Feldhase notfalls das Weite sucht, sind schnell und geschickt. „Hasenfuß“? Hier ist es die Flucht, die als „Feigheit“ ausgelegt wird. Aber was ist die Alternative? Soll der Hase sich etwa entspannt hinsetzen und erschießen lassen? Wäre das mutig? Waren die Soldaten, die als Hasenfüße galten, weil sie nicht sterben wollten, feige?

In anderen Kulturen werden Hasen als weise verehrt, als Vermittler zwischen den Welten, zwischen Diesseits und Jenseits, als Boten der Anderswelt. Sie sind die Begleiter der Großen Göttin, haben eine besondere Beziehung zum Mond, der in den meisten anderen Sprachen weiblich ist. Beim Übersetzen hat es mir gelegentlich zu schaffen gemacht, denn all die schönen Personifizierungen der Mondin als silbern schimmernde fremdartige Frau funktionieren im Deutschen nicht. Schade, dass es bei uns nicht auch „die Mond“ und „der Sonne“ heißt. Das englische „hare“ ist geschlechtsneutral, und oft ist damit die Häsin gemeint. (Die Künstlerin Wendy Andrew hat ihr sogar ein Buch gewidmet: „Luna Moon Hare“.)

Auch die Verbindung zum Mond fehlt bei uns. Wir haben zwar den „Mann im Mond“, aber im asiatischen Raum sind es das „Kaninchen im Mond“ und der „Hase im Mond“. Im chinesischen Zodiac gibt es sogar das Sternzeichen „Hase“. Auch in der keltischen Tradition kennt man ihn gut, den „lunar hare“, den Mondhasen, und den „celestial hare“, den Himmelshasen. Hasen galten früher sogar als Zauberwesen, als magische Tiere, und genau wie Katzen als Hexenbegleiter, als Freund weiser, zauberkundiger Frauen. Man glaubte sogar, sie könnten ihre Gestalt wechseln. Auch Hexen konnten sich angeblich in Hasen verwandeln und wurden mancherorts daher als Hasenfrauen bezeichnet. Auch hier wurden die Hasen eher mit dem weiblichen Prinzip verbunden. Tief berührt haben mich die Bilder von der träumenden Göttin mit ihrem Hasen. Ja, so sehe ich die beiden auch.

„Hare Huggle“ (Wendy Andrew)

Wie konnte aus der bewunderten magischen Gestaltenwandlerin ein Wesen werden, das man als feige und ängstlich verachtet? Vielleicht liegt es nur an einem Missverständnis? An einer Beobachtung in der Natur, aus der man die falschen Schlüsse zog? Hasen stellen sich bei Gefahr scheinbar tot und drücken sich mit weit geöffneten Augen eng an den Boden. Weit aufgerissene Augen sind auch ein Symptom von Angst. Verharren und Erstarren ebenso.  Man kann vor Angst tatsächlich wie gelähmt sein, unfähig sich zu regen. Allerdings trifft dies auf den Hasen nicht zu. Er ist vielmehr aufs Äußerste gespannt, bereit, jeden Moment zu flüchten und „todesmutig“ um sein Leben zu rennen. Wenn das Totstellen und Verstecken nicht mehr funktioniert, gibt er „Fersengeld“, so schnell er nur kann. Dann sieht man irgendwann nur noch seine langen kräftigen Hinterläufe, die „Hasenfüße“. Still am Boden zu verharren, wenn einem Jagdhunde und Jäger an den Pelz wollen, hat sicher schon viele Hasenleben gerettet. (In manchen übermächtigen Angstsituationen habe ich das auch schon gemacht.) Die Tiere sind dabei hellwach, mit allen Sinnen. Sicher haben sie dabei Angst und ein heftig klopfendes Hasenherz, aber das ist in dieser Situation der höchsten Bedrohung ja wohl verständlich. Durch ihre Tarnfarbe scheinen sie beim „Stillhalten“ mit ihrer Umgebung zu verschmelzen, und oft genug gelingt es ihnen auch, unentdeckt zu bleiben. Was soll daran verwerflich sein?

Hasen sind keine aggressiven Angreifer. Sie sind Fluchttiere. Sie haben keine Waffen. Sie können sich nicht verteidigen, genauso wenig wie viele ängstliche Hochsensible. Hasen können nur versuchen, sich zu verbergen, oder hakenschlagend flüchten. Beides tun sie mit großem Geschick. Wir können nur von ihnen lernen. Ein rennender Hase kann einen tierischen Verfolger beneidenswert gut abschütteln und verdutzt ins Leere rennen lassen, aber gegen eine Truppe Jäger, die ihn mit geladenen Gewehren einkreisen, ist er natürlich machtlos. Ich weiß, wovon ich spreche. Ich komme aus einer Familie von Jägern und habe die Hasenhatz und die Jagd insgesamt immer gehaßt. Nie würde ich einen Hasen oder ein Kaninchen essen, und oft genug habe ich den „Balg“ eines totgeschossenen Hasen oder Kaninchens mitleidig gestreichelt, leise nach innen geweint und dem toten Tier in Gedanken Abbitte geleistet. „Es tut mir so leid! So unendlich leid!“

Es ist mir eine Ehre, mit Hasen in Verbindung gebracht zu werden, egal ob in Angst-, Fuß oder Herzform. Sie sind schon seit langem meine Seelentiere. Vielleicht schon seit meiner Geburt. Mein Lieblingsspielzeug war ein ziemlich hässlicher großer Stoffhase namens Hupp. Ohne Hupp ging gar nichts. Als Kind hatte ich immer Kaninchen. Stundenlang saß oder lag ich bei ihnen. Sie schliefen auf meinem Schoß oder neben mir im Stroh, sie bekamen ihre Babys in meine Hände. Ich habe auf den Feldern Klee und Löwenzahn für sie gesammelt und habe sie versorgt, wenn sie krank waren. Ich brauche mich heute nur vor einen Kaninchenstall zu stellen, und schon kommen mir bei dem vertrauten Heuduft und dem Anblick der kleinen Wackelnasen die Tränen.

„Hare Vase and Cowslips“ (Kay Leverton)

Pfeffernase?

Angsthase, Pfeffernase, morgen kommt der Osterhase! Angeblich ist es nur die erste Zeile eines „lustigen“ Abzählreims (Lustig? So steht es jedenfalls überall im Netz), aber soweit ich mich erinnern kann, wurde er nie zum Abzählen benutzt, sondern ausschließlich als Beleidigung. Meist begleitet von lautem, spöttischen Lachen oder verächtlichen Grinsen. Verletzt hat mich nur der Spott, nie der Vergleich, denn ich habe Hasen und Kaninchen schließlich aus ganzem Kinderherzen geliebt. Auch die Pfeffernase war mit egal, schließlich wußte sowieso keiner, was damit gemeint war. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Ich habe lange vergeblich nach dem Ausdruck gesucht, in unseren vielen Regalen und in den Tiefen des Internets, nicht mal Google und die Brüder Grimm kannten ihn.

Aber dann entdeckte mein Mann ihn doch. In dem alten Buch „Wörterschatz der deutschen Sprache Livlands“, herausgegeben von Woldemar von Gutzeit im Jahre 1887.  Dort steht es: „PFEFFERNASE, DIE, wer sich über Kleinigkeiten ärgert oder erzürnt“. Livland gibt es längst nicht mehr, früher bezeichnete man damit eine Region im Baltikum, ungefähr dort, wo sich heute Estland und Lettland befinden. Als „Pfeffernasen“ wurden dort früher offenbar Personen bezeichnet, die besonders „empfindlich“ reagierten. Könnte es sich dabei vielleicht um eine alte herabsetzende Bezeichnung für hochsensible Menschen handeln? Bedeutet „sich ärgern“ vielleicht einfach nur „sich verletzt fühlen“? Und „erzürnt“ wäre dann „sich aufregen“? Ja, eine Pfeffernase war ich dann wohl wirklich. Und bin es auch noch, denn ich liebe Pfeffer (mal abgesehen von Szechuanpfeffer, aber das ist ja auch kein richtiger Pfeffer) und ich rege mich leicht auf (allerdings meist nur ganz im Stillen) und bin schnell verletzt. Oft sogar tief, auch wenn ich es nicht zeige.

„The blessing Hare“ (Detail, Kay Leverton)

Osterhase?

Und was hat der Osterhase in dem Reim zu suchen? Vielleicht bedeutet er so etwas wie: „Der kann man aber auch alles weis machen! Die glaubt wohl noch an den Osterhasen!“ Oder ans Christkind. Oder an Feen und Elfen. Oder an Kobolde. Oder an Träume. Oder an die Liebe. Oder an Wunder. Stimmt, das tut sie, und es macht ihr immer noch einen Heidenspaß. Anfang März stelle ich mir lauter Hasen auf die Fensterbänke.

„Morgen kommt der Osterhase!“ Morgen noch nicht, aber bald! Er bringt neues Leben, er bringt den Frühling, sprudelnde Lebenslust, frischen Wind, einen neuen Anfang. Zum Glück ist sie immer noch da, meine überschäumende Fantasie, die überall in der Natur und im täglichen Leben kleine Kostbarkeiten entdeckt, bunte Steinchen, winzige Blüten, Gesichter in Baumstämmen, Bilder auf Tapeten, Schattengestalten an den Wänden, aber natürlich auch bedrohliche Monster unter dem Bett. Ach ja, ich habe einen großen (Klappmaul)Hasen, der sprechen kann, äußerst keck und frech ist und Cäsar heißt. Er wird von meinen Enkeln sehr geliebt. Sie haben gerade angefangen, ein Buch über ihn zu schreiben. Mit Illustrationen. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

„Angsthase, Pfeffernase, morgen kommt der Osterhase!“ Drei Beleidigungen in nur einem Satz. Zwei Hasen und eine Mimose in nur einem Satz. Drei Riesenkomplimente in nur einem Satz. Ja, so war ich und so bin ich. Ängstlich, verletzlich, fantasievoll. Wenn ich meine Angst personifiziere, ist sie ein kleines Mädchen, das ein Kaninchen auf dem Arm hält. Die beiden gehören zusammen. Das Mädchen und das Kaninchen. Die Frau und die Häsin. Hasen sind Seelentiere, Krafttiere, Begleiter der Großen Göttin und der Mondin. Voller Übermut und Lebenskraft. Sie bedeuten Wiedergeburt, Lebensfreude und Glück. Jedenfalls für mich.

Die beiden britischen Künstlerinnen Wendy Andrew und Kay Leverton werde ich hier in Kürze noch genauer vorstellen. Heute möchte ich ihnen einfach nur danken für Ihre Bilder, die so perfekt ausdrücken, was ich für Hasen empfinde.

„Dreaming of Spring“ (Wendy Andrew)

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Alarmanlage auf Hochtouren: Überraschungsgewürz

Öfter mal was Neues!

Mein Mann liebt Überraschungen und probiert in der Küche gern neue Zutaten und kreative Ideen aus. Zum Beispiel letzten Samstag. Es gab Lachs. Ich muss gestehen, dass ich nicht sonderlich gern Fisch esse. Es sei denn, er wurde von meinem Mann zubereitet. Im Restaurant würde ich nie Fisch bestellen, weil er mir von vornherein verdächtig ist. Mit zwanzig hatte ich mal eine üble Fischvergiftung. So was prägt. Danach habe ich zehn Jahre lang keinen Fisch angerührt. Aber mein Mann ist ein wahrer Kochkünstler und weiß genau, welche Gewürze ich liebe. Zum Beispiel Pfeffer, Koriander, Muskat und Zimt. Er weiß außerdem, dass ich Saucen mag. Besonders Sahnesaucen.

Zickige Geschmacksknospen

Für zickige hochsensible Geschmacksknopsen zu kochen ist gar nicht so einfach. Da ich extrem auf Salz reagiere, sind meine Portionen kaum gesalzen, und so kann ich nach Belieben nachsalzen. Was für andere normal schmeckt, finden meine Geschmacksknospen meistens schon versalzen. Nur Pfeffer mögen die Knospen und ich richtig gern. Davon können wir gar nicht genug bekommen. Alle Arten. Schwarzen, weißen. Kerala, Belem, Malabar. Egal. Wir lieben schon den Duft! Schärfe macht mir und den Knospen nichts aus. Wir mögen auch Chili und Ingwer.

Würde ich den Mut aufbringen, meine vielen kapriziösen HS-Knospen-Sonderwünsche ehrlich und laut zu äußern, könnte man sich glatt an Sally aus „Harry und Sally“ erinnert fühlen. Natürlich würde ich das im Restaurant nie tun. Aber ich könnte: „Zwiebeln nur gedünstet, nie roh, am liebsten klein geschnitten, nicht in Ringen oder Scheiben. Bitte auf keinen Fall süßen Senf. Essig wirklich nur in homöopathischer Dosierung, das ist mein absoluter Ernst! Kein Estragon. Keine Senfsaat. Und auf gar keinen Fall Sellerie!“ Ich HASSE Sellerie. Schon der Geruch ist ekelhaft. Genau wie Essig. Ich VERABSCHEUE Essig. Ich mag ihn weder riechen noch schmecken. Es schüttelt mich schon beim Schreiben. Ausnahmen sind Himbeeressig und sehr guter Balsamico.

Lachsfilet

Doch zurück zum samstäglichen Fischmenu. Das Lachsfilet, das auf dem liebevoll dekorierten Teller vor mir lag („Das Auge isst schließlich mit“, sagt mein Mann) war mit zarten Dillstängelchen garniert und sah äußerst lecker aus. Schöne Farbe. Angenehmer Geruch, kein bisschen fischig oder tranig. Genau richtig lang gebraten. Ich mag Fisch nicht, wenn er glibberig ist, und ich mag auch nicht, wenn er zu trocken ist, und gekochten Fisch esse ich sowieso überhaupt nicht! Direkt daneben lag ein kleines appetitliches Hügelchen aus frisch in der Pfanne zubereitetem und trotzdem schön grün gebliebenen Babyspinat. Braunstichig geht gar nicht, aber ein Spritzer Zitrone und genau die richtige Pfannenverweildauer lösen das Problem.

Vergiftet? Verdorben? Hochsensibel?

Da der Küchenchef mir eine besondere Freude machen wollte, hatte er extra für mich eine neue Pfeffervariante mitgebracht. Zumindest dachte er, dass es sich um Pfeffer handeln müsse, denn immerhin hieß das Gewürz ja so. So weit, so gut. Ich steckte mir das erste Stückchen Lachs in den Mund – und erschrak! Was war denn mit dem Fisch los? War er verdorben? Warum prickelte und kribbelte es plötzlich so unangenehm auf der Zunge und auf der Mundschleimhaut? Vor allem das vordere Drittel der Zunge und die Mundschleimhaut an den vorderen Seiten und ganz vorn bis zur Lippe waren betroffen. Und wie! Es kribbelte und prickelte wie wild und dann fühlte es sich plötzlich irgendwie an, als hätte ich mehrere Tropfen pures japanisches Pfefferminzöl darauf verrieben. Vielleicht erinnerte es auch ein bisschen an Kampfer. Es wurde auch nicht besser, als ich mir zur Ablöschung und Neutralisierung eine Gabel Babyspinatblätter in den Mund steckte. Es wurde noch schlimmer! Auch der Spinat war offenbar verdorben und in perlige Gärung übergegangen! War ich jetzt vergiftet? Zu allem Übel fing ich auch noch an wie verrückt zu speicheln, und dann begann mein Mund auf einmal taub zu werden. Er fühlte sich an wie anästhesiert! Der Gesamteffekt erinnerte mich erschreckend an „Zahnarztstuhl nach Betäubungsspritze“! Die Alarmanlage lief inzwischen auf Hochtouren. Langsam sprangen auch die Panikmelder an. Trotzdem wollte ich vor dem kompletten Ausrasten ganz sicher gehen. Schnell ein Schluck Mineralwasser. Vielleicht war das ja alles nur Einbildung? Mein Mann zeigte schließlich keinerlei Reaktion, er schob sich gerade das dritte Lachsstück in den Mund.

Da ich extrem mutig bin, wagte ich noch einen Versuch. Mal sehen! Leider hoffnungslos. Ungenießbar prickelnd. Beides. Lachs und Spinat. Nach dem zweiten Testgang MUSSTE ich die heikle Frage stellen, auch wenn ich meine Lieblingskoch damit möglicherweise tief verletzen würde. Entweder war der Fisch verdorben und gesundheitsgefährdend oder meine hochsensiblen Geschmacksknospen zeigten mir wieder mal eindrucksvoll, dass der kreative Küchenchef meines Vertrauens mich mit einer lukullischen Neuerung zu erfreuen suchte.

Zanthoxylum Piperitum

Ich gab mir also einen Ruck und fragte. „Hast du zufällig ein neues Gewürz ausprobiert?“ Mein Mann blickte mich erschrocken an. Er spricht zwar kein „Hochsensibel“, aber er versteht es recht gut und hörte daher gleich, dass irgendetwas nicht stimmte.

„Ja, hab ich. Szechuan Pfeffer. Schmeckt es dir nicht?“ Er wirkte enttäuscht.

Erleichterung machte sich in meinem Alarmsystem breit und verwandelte den Stress auf der Stelle in belustigte Neugier. Die blinkenden Signallampen waren schon nicht mehr ganz so bedrohlich, und die Sirenen verstummten langsam. Es war NUR ein neues Gewürz!

„Merkst du denn nichts?“ erkundigte ich mich interessiert. Nein, er merkte GAR nichts. Ihm schmeckte der Lachs hervorragend. Keinerlei perlige Prickelei. Das neue Gewürz war nur nicht sonderlich scharf, da hätte er echt mehr erwartet.„Was ist es denn?“ wollte ich wissen.

„Szechuanpfeffer.“ Das Zeug war auch am Spinat, daher meine heftige Doppelreaktion.Ich schilderte ihm eindrucksvoll und unmittelbar meine Zahnarztstuhlreaktion. Er wirkte tief beeindruckt. „DAS spürst du alles? Kaum zu glauben!“

Zum Glück sind wir stolze Besitzer eines sehr guten Gewürzbuchs. Es heißt „Workshop Würzen“ und ist von Bettina Matthei, die auch einen eigenen Gewürzversand betreibt, bei dem ich mir schon oft tolle Mischungen bestellt habe. Auf Seite 201 steht er: der Szechuanpfeffer. Zanthoxylum Piperitum. Was ich da las, führte zu absoluter Beruhigung und machte den Rest der Mahlzeit zu einem Genuss der ganz besonderen Art. Es war wirklich alles in Ordnung mit dem Lachs. Eigentlich war er perfekt. Alles gut. Es lag nur an mir und meinen hochsensiblen zickigen Geschmacksknospen. Szechuanpfeffer ist kein Pfeffer. Die Pflanze gehört zur Familie der Rautengewächse. Die Prickelwirkung kann intensiv und langanhaltend sein. So wie bei mir. Irgendwann können wir das Gewürz gern wieder benutzen, ich muss es nur vorher wissen und darauf vorbereitet sein, damit es mich nicht noch mal kalt erwischt. Wenn man Angst hat, kann man sein Essen wirklich nicht genießen.

Ach ja, heute hat der beste Ehemann von allen mir wunderbar duftenden Malabar Pfeffer mitgebracht. Gleich gibt es Gnocchetti. Mit Pilzen. Und Broccoli in Sahnesauce. Mit frisch gemahlenem Malabar Pfeffer. Völlig ohne Zanthoxylum Piperitum. Trotzdem: Ich muss die Wirkung unbedingt möglichst bald mal bei nichtsahnenden Gästen testen. Ob sie wohl auch so extrem reagieren?

Daria-Yakoleva/pixabay

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„Das Treffen“

rain

Eins meiner frühen Kölner Gedichte

Das Treffen

Großstadtwohnung Moltkestraße
gebohnertes Treppenhaus
Lebensmittelgeschäft nebenan
dritter Stock und Herzklopfen
eine durchnässte Frau klingelt
ein junger Mann steht in der Tür
beide suchen nach Worten
„was für eine Überraschung“
bist ja ganz außer Atem“
„vom Treppensteigen weißt du“
„komm doch rein“
„willst du die Tür nicht zumachen“
„leg den Mantel ab bitte
hast eine andere Frisur“
„wo soll ich denn den Schirm“
„ich bring ihn schnell ins Bad“
„werd auch nicht lange bleiben
nur sehen wie es dir geht
hast doch versprochen zu schreiben“
der Mann lächelt verlegen
„stimmt aber ich hatte keine Zeit“
„bist du jetzt glücklich“
„ja wir sind glücklich“ sagt er
sehr schnell und schaut zur Seite
„und wie geht es dir so“
sie streicht sich hastig den Rock glatt
„schön bist du und lachen tust du wie früher“
der Ring an seiner linken Hand
„hast du dich verlobt“
„weißt du denn nicht schon im August
aber jetzt erzähl mal von dir“
sie hat nichts zu erzählen
„ich lebe auch nicht mehr allein“
lügt sie mit offenen Augen
er wird immer nervöser
„du ich will dich nicht rauswerfen
aber sie kommt gleich zurück“
„versteh schon kommst du
noch mit nach unten“
die Treppe riecht nach Bohnerwachs
vor der Haustür ein flüchtiger Stirnkuss
sie versucht nicht zu zittern
spannt draußen den grünen Schirm auf
dunkle Punkte auf hellgrünem Grund
obwohl es zu regnen aufgehört hat
geht blind in die falsche Richtung
sorgsam darauf bedacht sich auf
keinen Fall nach ihm umzudrehen

(Beate Felten-Leidel, 1975)

umbrella

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„Avenidas“

Meine ganz persönlichen Assoziationen zu „dem“ Gedicht von Eugen Gomringer

Avenidas

avenidas y flores

Alleen und Blumen

flores
flores y mujeres

Blumen und Frauen

avenidas
avenidas y mujeres

Alleen und Blumen und Frauen

avenidas y flores y mujeres y
un admirador

ein Bewunderer

 

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Hochsensible Alarmanlage

wenn die Alarmglocken schrillen…. (Bild: Iculig/123rf.com)

Wie erklärt man Hochsensibilität?

Wie erklärt man jemandem, der noch nie etwas von Hochsensibilität gehört hat, diese Eigenart? Man kann sie sich gut wie eine komplizierte, mit allen Raffinessen ausgestattete innere Alarmanlage vorstellen.

Individuelle Krisenmelder

„normale“ Alarmanlage (Bild:Boiko Illia/123rf.com)

Jeder Mensch wird sozusagen mit einem individuellen Krisenmelder geboren, der vor Bedrohungen warnt. Die Normalversion ist solide, stabil und zuverlässig, reagiert nur bei Gefahr und ist wenig störanfällig. Wenn sie Alarm schlägt, steht ein Einbrecher vor der Tür, droht ein Herzinfarkt, steckt man in einer Beziehungskrise oder hat Megastress im Büro.

Hochsensible Alarmanlage

Die empfindliche Hochleistungsversion dagegen ist mit unzähligen komplizierten Zusatzsensoren, Rauchmeldern, Fühlern, Mikrofonen und Kameras ausgestattet. Die Sirenen schrillen bereits, wenn ein Mäuschen vorbeihuscht, das Herz zu schnell schlägt, der Partner ein falsches Wort sagt oder die Chefin komisch guckt. Manchmal reicht es sogar schon, wenn jemand in der Nähe lediglich hörbar kaut oder atmet. Die Riesenanlage macht unglaublich viel Lärm um nichts, und kaum jemand kommt auf Anhieb mit ihr klar.

meine HS Alarmanlage (Detail 1)

Wie zum Teufel funktioniert das Ding bloß?

Irgendwann hadert der überforderte Anlagebesitzer mit sich und der Welt. Warum bin ausgerechnet ich mit diesem Ungetüm geschlagen? Warum kann ich damit nicht umgehen? Alle anderen schaffen es doch mit ihren Anlagen auch. Warum springen all meine vielen Konvertoren und Transformatoren nicht an? Wie kann ich sie in Gang setzen? Wie kann ich Angst in Neugierde oder Stress in Eu-Stress verwandeln? Wie kann ich den ständigen Hintergrund-Scan zumindest kurzzeitig ausstellen? Den Entspannungsmodus aktivieren? Den Panikmodus verlassen? Was muss ich beachten, wenn ich einen Neustart durchführen möchte?

meine HS Alarmanlage (Detail2 – und so geht das endlos weiter… )

Keiner versteht mich…..

Auf Verständnis kann man nicht hoffen. »Stell das Ding doch ab! Hör nicht hin, wenn die Sirenen heulen. Markerschütternd? Ohrenbetäubend? Komisch, ich höre nichts. Leg dir doch eine andere Anlage zu!« Wenn es nur so einfach wäre. Man hat sich das zickige Supermodell schließlich nicht selbst ausgesucht! Früher oder später schämt sich der arme Besitzer nur noch in Grund und Boden und kann sich selbst nicht mehr leiden. Fatal! Für Schwankungen des Selbstwertgefühls gibt es einen Zusatzsensor, der mit hochgiftigen Stressdämpfen reagiert. Was tun?

„perfect bliss“ – so nenne ich ganz besondere Wohlfühlmomente (Bild: Erik Reis/123rf.com)

Gebrauchsanweisungen

Hoffnung naht! Seit einigen Jahren gibt es nämlich »Gebrauchsanweisungen« für die komplizierte Anlage, die genau erklären, wie sie funktioniert und wie man sie warten, umprogrammieren oder zumindest so einstellen kann, dass sie nicht ständig stört. Bereits das Lesen führt zu sofortiger Entspannung. Es hilft, wenn man endlich versteht, dass sie bestimmten Mustern folgt, die allerdings bei jedem anders sein können. Vielleicht reagiert sie besonders heftig, wenn man ein Kaufhaus betritt, Hunger verspürt, oder das Thermometer 30 Grad übersteigt? (Bei mir liegt die Wohlfühltemperatur bei 20-24°, ab 30 schrillt bei mir unüberhörbar die Alarmglocke und hatte früher sogar einen direkten Draht zum Panikmodus.)

Schlüssel zum Glück (Bild: Zimmytws/123rf.com)

Lebensverfeinerungssystem

Aber das Beste kommt noch. Wenn man sich liebevoll mit ihr beschäftigt, offenbart die Anlage ihre wahren Qualitäten, und schon hat man das faszinierendste Lebensverfeinerungssystem, das man sich vorstellen kann: eine Anlage, die sämtliche Sinneseindrücke und Gefühle genau aufzeichnet und verstärkt, eindrucksvolle Bilder, Erinnerungen und Träume produziert und über ein riesiges Kreativitätsarchiv  verfügt. Wenn man den richtigen Knopf gefunden hat, kann man unglaublich schöne kleine Wohlfühlmomente erleben, die ich bei mir „perfect bliss“ nenne. Die Anlage schafft es manchmal sogar, dass man die Welt um sich herum komplett vergisst und ganz in dem aufgeht, was man gerade erlebt oder tut. Diesen wunderbaren Zustand frei von Stress und Angst nennt man »Flow«.

(aus: „Von wegen Mimose“, meiner eigenen hochsensiblen „Gebrauchsanweisung“)

so fühlt sich bei mir ein Flow an …… (Bild: delcreations/123rf.com)

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