Herzlich Willkommen!

Herzlich willkommen auf meiner Homepage! Ein dickes Danke an meine treue Mitarbeiterin Alice, die gerade neben mir liegt und deren entspanntes kehliges Schnurren Sie leider nicht hören können. Es klingt wunderbar! Sie hat die Seite „Katzen“ fast ganz allein gestaltet und mich bei allen anderen Einträgen zuverlässig inspiriert. Momentan ist diese Startseite auch mein Blog, hier erscheinen also die neuesten Einträge. Einfach rechts die Überschrift anklicken, dann kann man sie bequem mit dem jeweiligen Beitragsbild sehen. Schön, dass Sie mich gefunden haben – und viel Vergnügen beim Lesen und Schauen!

Mauskatze Alice

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In der Niersdonker Kapelle

unsere Kapelle

Musterschülerinnen

Gemessen an heutigen Verhältnissen waren wir wahre Musterschülerinnen. Wir beteten andächtig vor und nach dem Unterricht, begaben uns einmal die Woche geschlossen in die Kapelle zur heiligen Messe, waren ordentlich, fleißig, leicht lenkbar, trugen keinerlei Waffen, gaben fast nie Widerworte und schminkten uns gar nicht oder nur so dezent, dass man es kaum bemerkte. Wer mit Make-up erwischt wurde, musste auf der Stelle seine Sachen packen, den Klassenraum verlassen oder wurde gar mit Schimpf und Schande vorzeitig nach Hause geschickt. Die Internen, die weit renitenter und mutiger waren als wir Externen, wohl weil sie eine Art Gruppenschutz genossen, konnten schlecht heimgeschickt werden, denn sie kamen ja von weither. Bei ihnen legte Schwester Engeltrudis daher selbst Hand an und übernahm höchstpersönlich die Entfärbung. Lidschatten und Lippenstift galten als „unanständig“ und „unkeusch“. Dabei gab es damals so gut wie keine männlichen Wesen innerhalb der Klostermauern, die man durch seine Schminkkunst beeindrucken konnte, wenn man von einem schusseligen Lehrer mittleren Alters, dem betagten Herrn Prälat und dem äußerst beleibten Religionslehrer, den wir Bubi nannten, einmal absah. In der Mittel- und Oberstufe verstörten wir den armen Mann nachhaltig, als wir detailliert und gnadenlos nachfragten, wie genau man knutschen dürfe, ohne eine absolute Todsünde zu begehen, und welche Zungenkussvarianten möglicherweise noch erlaubt seien, welche grenzwertig und welche eindeutig verdammungswürdig. Auch die präzise Abgrenzung von Petting, Knutschen und Fummeln konnte er uns nicht überzeugend erklären. Am Ende des jeweiligen Verhörs stand der Ärmste kurz vor dem Herzinfarkt und tat zumindest mir entsetzlich leid.

Heimatgefühle

Bis heute habe ich eine Schwäche für Klöster und bekomme dort sofort Heimatgefühle. An unserer Schule liebte ich die stillen langen Korridore mit den geschwungenen Bögen, die weiß getünchten Wände mit den hohen schmalen Fenstern und die schöne große Kapelle mit dem geschnitzten Altaraufsatz. Sie war unser Refugium, das wir aufsuchten, wenn wir eine Auszeit brauchten oder Dringendes zu beflüstern hatten. Hier roch es angenehm nach kühlen Wänden, poliertem Holz, Bohnerwachs, Kerzen, Weihrauch und nach Garten, denn die Schwestern legten großen Wert auf frischen Blumenschmuck. Vor der Marienstatue stand ein Tisch mit einem weißen Deckchen, auf dem im Frühling Hyazinthen und Maiglöckchen, im Sommer Flieder und langstielige Lilien, im Herbst Dahlien und Chrysanthemen und im Winter Waldsträuße mit Ilexzweigen und Christrosen standen.

Päpstliche Sondergenehmigung

Niersbeck war damals einer der wenigen Orte, an denen Mädchen Messdiener sein durften, was vor allem daran lag, dass es an unserer Schule keinen einzigen Jungen gab. Da ein Gottesdienst ohne Schellengeläut während der Wandlung unvorstellbar war, hatten wir offenbar eine päpstliche Sondergenehmigung. Wir waren uns dieser Ehre sehr wohl bewusst, wenn wir erhobenen Hauptes zu zweit vor dem Geistlichen durch den Mittelgang schritten und während der Wandlung die goldenen Schellenringe schüttelten. Wir durften sogar Brot und Wein zum Altar tragen und dem Priester die Schale für die Händewaschung reichen. Nur die rotweiße liturgische Kleidung der echten Ministranten blieb uns versagt, daher waren wir auch nicht wirklich gleichberechtigt, doch wir fühlten uns trotzdem revolutionär und sehr modern.

(aus „Mit Winnie in Niersbeck“)

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Mit Winnie in Niersbeck

Kleine Rezension zu „Winnie Two“

„Das Buch führt die Leser und Leserinnen mitten hinein in die 1960er Jahre am Niederrhein. Man begleitet die Erzählerin und ihre engste Freundin bei ihren jugendlichen Abenteuern, Mädchenträumen, wilden Diskussionen und hartnäckigen Fragen, die sie sich selbst und den oft nicht wenig geplagten Erwachsenen stellen (anders als heute können sich diese jedoch nicht hinter einem Smartphone oder einem Rechner in Sicherheit bringen).

Dabei erfährt man viel Skurriles und Wunderbares – so besonders, dass es einfach wahr sein muss –, etwa über die so energische wie unglaublich gefräßige kleine Schwester der Erzählerin, die Lehrerinnen in der Klosterschule (die an eine weibliche Version der „Feuerzangenbowle“ denken lassen), den Großvater, dessen Weisheit, Zuneigung, Geduld und plötzliches Sterben seine Enkelin nachhaltig prägen, und natürlich die durch nichts zu erschütternde Freundschaft der beiden „Blutsschwestern“, die einander ewige Treue geschworen haben.

Marlies (im Hintergrund kämpfend) ist leider nicht so reitbegabt wie Winnie….

Das Schöne an dieser sehr persönlichen Geschichte ist, dass man nicht nur alte Bekannte trifft – „Flipper“, „Winnetou“, „Bravo“ und viele andere –, sondern dass man unmittelbar teilhat an der Spannung zwischen dörflich-katholischer Enge und strenger Schulzeit einerseits und der Geborgenheit einer Kindheit andererseits, die sich noch weitgehend draußen abspielte und geprägt war von engen familiären Banden. Mit schönen Zeichnungen von Caroline Riedel illustriert und wirklich sehr lesenswert!“

(Susanne Schulten)

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Hochsensible „Supersinne“: Luchsohren

Neulich beim Ohrenarzt

Vor einigen Wochen war ich beim HNO-Arzt (rechtes Ohr „verstopft“) und fasste den mutigen Entschluss, bei der Gelegenheit gleich auch meine Hörfähigkeit testen zu lassen, weil ich subjektiv schon länger das Gefühl habe, nicht mehr so gut zu hören wie früher. Außerdem habe ich große Angst, schwerhörig zu werden wie meine Eltern. Sie waren beide im Alter so gut wie taub, und das war für alle äußerst stressig. Das dringend nötige Hörgerät haben sie sich natürlich viel zu spät zugelegt und auch nur äußerst selten und höchst ungern getragen. So weit will ich es auf keinen Fall kommen lassen. Beim Test, der von der freundlichen Arztgattin an einer Art Mischpult durchgeführt wurde, hatte ich zu meinem Horror auch noch das unerwartete Riesenproblem, dass ich mein Herz (oder war es vor allem mein Blut?) so laut wummern und peitschen hörte (oder war das Rauschen am schlimmsten?), dass die unglaublich leisen und weit entfernten Töne aus den Kopfhörern für mich kaum hörbar waren, denn sie mussten ja erst noch durch meine Körpergeräusche dringen. Ich war daher auf das Schlimmste gefasst und entsprechend nervös.

Der Arzt setzte sich und warf einen ungläubigen Blick in die Testergebnisse. Dann sah er mich an. Ich holte schon mal tief Luft. „Sie machen sich also Sorgen, dass Sie nicht gut hören?“ Ich nickte. Er schaute erneut auf den Zettel und hob die Brauen. „Wirklich erstaunlich. So was sehe ich hier wirklich nur äußerst selten.“ War ich bereits ertaubt und hatte es nur noch nicht richtig gemerkt? Der Arzt grinste. „Sie sind ein Phänomen. Sie hören nämlich ALLES. Tiefe Töne, hohe Töne, einfach alles. Auf beiden Seiten. Sie brauchen sich also wirklich keine Sorgen zu machen.“ Den Zusatz „und das in Ihrem Alter!“ schenkte er sich, denn er ist ein höflicher Mann. Ich habe ihn mit meinem feinen Gehör dennoch gehört. Kann schon sein, dachte ich, aber früher habe ich trotzdem besser gehört. VIEL besser!

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Kleine Töpfe, große Ohren

„Das Kind hat Ohren wie ein Luchs“, pflegte mein Vater zu sagen.  Doch noch häufiger hörte ich andere Sätze. „Kleine Töpfe haben große Ohren“, „Das Kind kriegt aber auch alles mit“ (es gibt da wirkliche einige peinliche Anekdoten – zumindest für die Erwachsenen) und „Das Mädchen hört echt die Flühe husten.“ Stimmt. Fast jedenfalls. Ich höre bis heute (und das in meinem Alter!) draußen im Garten die Mäuse. Vor allem die Spitzmäuse, denn sie sind unglaublich laut und wispern die ganze Zeit miteinander. Und den Igel höre ich auch, denn er kratzt sich regelmäßig irgendwo im Gebüsch. Ich bin allerdings die einzige hier, die ihn hört. Eine Mücke im nächtlichen Schlafzimmer treibt mich in den Wahnsinn (das Gesurre dringt meistens sogar durch die Ohrstöpsel) und wenn jemand in meinem Beisein Kartoffelchips isst, ein Bonbon zerknirscht oder in einen Apfel beißt, gehe ich innerlich sofort steil an die Decke. Nur gut, dass ich mich so gut beherrschen kann. Ein Vorteil des Alters, hat ja alles auch sein Gutes. Sogar Atmen und Schlucken und Kauen höre ich wie durch einen Verstärker und muss an mich halten, um nicht gepeinigt aufzuschreien. Trotzdem mag ich meine feinen Ohren.

Wobei: Nicht alles hören zu müssen hat für ein hochsensibles Gehör wahrscheinlich durchaus Vorteile, denn dadurch ist man besser vor all den akustischen Überflutungen geschützt, die einen immer so nerven. Sie passieren vor allem in der Bahn, wenn man die vielen fremden Stimmen einfach nicht abstellen kann und sich ungewollt Endlosmonologe über Beziehungsstress oder Kindererziehung, langweilige Kundengespräche, aggressive Streitereien oder pausenloses Teenagergeschnatter anhören muss. Dabei ist nicht mal wichtig, ob man die Sprache versteht oder nicht, es nervt einfach nur!

Hilfsmittel

Inzwischen weiß ich glücklicherweise damit umzugehen und übe mich im „Wegzoomen“. Selbsthypnose und Meditation sind hier äußerst hilfreich. Sich von allem sanft zu lösen und sich geduldig wieder und wieder auf den eigenen Atem zu konzentrieren, klappt bei mir ganz gut. Meistens jedenfalls. Auch bei hochsensibler Ohrenpein ist das „nicht Bewerten“ oder „positiv Bewerten“ wichtig. In meiner Lieblingspizzeria ist es schließlich auch laut, und doch stört es mich dort kaum. Für die Fahrt in Bussen, Straßenbahnen oder Zügen gibt es zudem gute Hilfsmittel. Kopfhörer lassen einen in angenehme Musik oder Hörbücher abtauchen. Wenn man dazu noch eine richtig schön dunkle Sonnenbrille trägt, hat man gleich zwei Schutzfilter. Bei besonders quälenden Pegeln stecke ich mir notfalls sogar Ohrstöpsel in die Ohren. Neuerdings habe ich ganz hervorragende, die sogar über eine Art „Kabel“ miteinander verbunden sind und todsicher nicht rausfallen, wenn ich sie dringend nötig habe. Ich trage sie im Moment auch in unserem Garten, denn nebenan ist eine lärmende Baustelle. Blöd ist nur, dass ich manchmal sehr laut höre, wie sie auf meinen Schultern scheuern oder knistern. Aber das ist nur ein Nebeneffekt. Ansonsten sind sie toll.

Im Café

„Hochsensible Ohren sind zu echten Hochleistungen fähig. Wenn ich in einem gemütlichen Café sitze und zu lesen versuche, höre ich neben all den üblichen für mich durchaus angenehmen Cafégeräuschen ungewollt auch die Stimmen an den Nachbartischen, als würde ich damit aus einem Lautsprecher beschallt. Mein Mann genießt derweil Kaffee und Kuchen, liest ein wenig in seinem Krimi, plaudert mit mir und schaut in seine Mails. Er kann Störendes ausblenden. Ich kann es nicht und muss mitanhören, wie sich das Ehepaar am Nebentisch über den frustrierenden Besuch bei seinen Schwiegereltern unterhält und mit dem zappelnden Sohn schimpft, der Florian heißt und in der Schule nicht mitkommt, wie das Liebespaar hinter mir sich streitet, weil Pascal eine Geliebte namens Lisa hat, wie die beiden Kellnerinnen über die Erkrankung einer Kollegin tuscheln, die sich momentan in der Reha an der Ostsee befindet, und wie der junge Mann vorn rechts seiner Freundin zu erklären versucht, wie man Ente mit Orangensauce zubereitet. Ich will das nicht hören, aber mir bleibt nichts anderes übrig! Auf meine eigenen Gedanken konzentrieren kann ich mich so auch nicht mehr. Mein Mann ist nach einer Stunde frisch und erholt, ich bin gerädert, weil mir der Kopf schwirrt vor fremden Geschichten.

»Diese Caro tut mir echt leid.«
»Welche Caro? Ist das jemand aus deinem Malkurs?«
»Nein, das Mädchen am Tisch hinter uns. Deren Freund sie mit dieser Lisa betrügt. Und der hibbelige Florian ist wirklich eine totale Nervensäge, findest du nicht?« Er hat keine Ahnung, wovon ich rede.
Für eine Schriftstellerin und Übersetzerin ist das Feingehör natürlich ein Geschenk, denn man bekommt dadurch ein gutes Gespür für Dialekte und Sprachebenen.“ (aus: Von wegen Mimose“)

Da tropft was!

Manchmal nehmen empfindliche Ohren auch Dinge wahr, die einfach nur »komisch« sind. So habe ich sämtliche Rohrbrüche in unserem alten Haus bereits erlauscht, als vom Wasser noch nichts zu sehen war. Eines Morgens fing es an.

»Da tropft was«, konstatierte ich besorgt.
Mein Mann blickte von der Zeitung auf, lauschte und gab freundlich Entwarnung: »Du hörst offenbar das Gras wachsen.« Auch diesen Satz kannte ich. Dasselbe hatten meine Eltern auch gesagt. Nichts als Spott und Hohn! Doch ich blieb hart.
»Da tropft wirklich was, auch wenn du es nicht hörst.« Zugegeben, es war sehr weit entfernt und äußerst dezent.
Es tropfte auch am Mittag und am Abend noch. Vielleicht ein winziges bisschen schneller. Ich untersuchte den Kühlschrank. Nichts. Die Wände. Nichts. Schaute hoch zur Decke. Nichts. Wahrscheinlich war es wirklich nur Einbildung. Ich hörte es auch am nächsten Tag noch, nur etwas schneller und näher. Erst am dritten Tag glaubte mir mein Mann. Da troff das Wasser nämlich aus der Glühbirnenfassung in unserem bis an die Decke vollge- packten Küchenspind, und die Hauptsicherung sprang heraus. Wir räumten den Spind leer und riefen den Notdienst.

Als ich es einige Wochen später wieder aus der Ferne tropfen hörte, sah mein Mann mich unsicher an. »Meinst du wirklich? Ich höre nichts. Aber das will ja nichts heißen.«

Wir hatten inzwischen eine Revisionsklappe in der Decke. Wir räumten aus und schauten nach. Ja, es tropfte wieder. Diesmal kamen wir dem Riesenrohrbruch zuvor.

Ausgerechnet an Heiligabend passierte es erneut. »Jan, da tropft was.«
Mein Mann stöhnte nur: »Sag das bitte, bitte nicht!«
Dann stellten wir das Wasser ab, räumten den Spind leer, schauten in die Revisionsklappe und riefen den Notdienst. Im vergan- genen Winter haben wir die Wasserrohre generalsanieren lassen. Seitdem hat nichts mehr getropft.

Königliches Highlight

Ab und zu erleben meine hochsensiblen Ohren wahre akustische Sternstunden. Im Pergamonmuseum in Berlin gab es eine Zeit lang einen Audioguide mit einer Männerstimme, die mich schon beim ersten Ton erbeben ließ. Beim ersten Mal traf sie mich völlig unvorbereitet. Ich hatte mir wie üblich die englische Guideversion ausgesucht, die Kopfhörer aufgesetzt und das Gerät eingeschaltet.

»I am Nebuchadnezzar, King of Babylon«, sagte die samtweiche Stimme eines Engländers, und schon überlief nicht nur meinen Körper, sondern auch mein Gehirn eine Gänsehaut, wie sie selbst einer hochsensiblen Person nur selten vergönnt ist. Man sah es mir offenbar an.

»Ist dir nicht gut?«, fragte mein Mann besorgt.

»Doch, alles in Ordnung, aber hör dir das mal an!«

Mit größter Selbstbeherrschung trennte ich meine Ohren von der sinnlichen Stimme. Mein Mann lauschte und sah mich fragend an. Bei ihm hatte der König von Babylon null Wirkung. Unfassbar. Zu weiteren Ausführungen war ich nicht in der Lage. Ich wollte die Stimme so schnell wie möglich zurück und wankte zusammen mit Nebuchadnezzar hinter ihm her durch die Ausstellung.

Jedes Mal, wenn wir danach ins Pergamonmuseum gingen, war ich vorher aufgeregt. Würde die Wahnsinnsstimme wieder so berauschend sein? Sie war. Und auch der doppelte Gänsehauteffekt blieb.Wie mochte der Besitzer dieser unglaublichen Stimme wohl aussehen? Vielleicht wie eine Mischung aus Richard Burton und James Mason, die auch beide wunderbare Stimmen hatten?

Bei unserem letzten Besuch hatte man meinen Nebuchadnezzar tragischerweise durch einen anderen Sprecher ersetzt. Seitdem war ich nicht mehr im Pergamonmuseum. Die Erinnerung schmerzt einfach zu sehr.

(Die Idee, einen Beitrag über die positive Seite der hochsensiblen Supersinne zu schreiben, stammt von Monika Richrath, die Spezialistin für EFT für hochsensible Menschen ist, und ich freue mich sehr, dass sie mich eingeladen hat, an ihrer Blogparade teilzunehmen.)

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Die Sache mit dem Geschenkpapier

Bei Lesungen aus meinem Buch „Hasenherz und Sorgenketten“ ist die folgende (für mich ein wenig peinliche) Geschichte stets ein kleines Highlight für die erheiterten Ohren meiner ZuhörerInnen, weil man daran so deutlich sieht, wie irrational und hilflos sich eine hochsensible zu Ängsten neigende Person zuweilen verhält, wenn sie sich überrumpelt und gestresst fühlt. Schlimmstenfalls kann sie sich einfach nicht wehren, merkt es selbst überdeutlich und schämt sich dafür natürlich in Grund und Boden. Besonders, wenn sie an einer schweren „Ladenhemmung“ leidet wie ich. Besagte Hemmung wird allerdings in Läden mit Spielzeug oder Büchern (sowie in Gartenzentren, auch wenn sie riesig und voller Menschen sind) bereits beim Eintritt ins Geschäft komplett außer Kraft gesetzt – es gibt halt immer Ausnahmen. Glücklicherweise. Lustig fand ich übrigens, dass mein nicht-ängstliche und nicht-hochsensible Lektorin beim Korrigieren meine schöne Eigenschöpfung jedes Mal penibel in „Ladehemmung“ umwandelte, obwohl das nun gar nicht zum Text passte, weil sie das Wortspiel einfach nicht verstand.  Die meisten Frauen shoppen ja offenbar ausgesprochen gern und können sich daher nicht vorstellen, wie schrecklich das für unsereins ist. Meine Lektorin hat jedenfalls todsicher keine „Ladenhemmung“.

Zufallsfund

An die Sache mit dem Geschenkpapier wurde ich akut erinnert, als ich vorige Woche nach geeigneten Dekorationen für mein neuestes selbstgebautes Maushaus suchte und dabei zwischen all meinen Papierschätzen (ich bin eine bekennende Papier-Sammlerin und sammle so gut wie alles, sofern es schöne Bilder hat) ausgerechnet die beiden peinlichen schweineteuren Bögen fand, die ich bisher nie angerührt hatte. Natürlich ganz hinten in der Schublade, weil sie schließlich immer noch irgendwie tabu sind und nur ja nicht angefaßt werden dürfen. Ich entrollte sie trotzdem kühn und musste plötzlich ziemlich lachen. Bis dahin hatte ich nämlich gar nicht bemerkt, dass auf dem einem ein kleines Piratenschiff voller Mäuse dargestellt ist! Was für ein Zufall! Mein architektonisches Wunderwerk ist ja ein kleines Mauspiratenhaus! Vielleicht war zumindest dieser blöde Bogen das ganze Geld ja doch wert…..  Ich habe ihn jetzt mutig und mit einer gewissen Genugtuung zerschnippelt. Die anderen Details sind nämlich auch ganz nett für meine Mäuse. Es gibt sogar eine Maus, die einer Königin Angst macht! An den bösen Hexenbogen traue ich mich sicher auch bald ran.

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Das kleine Schiff im Mauspiratenhaus (an Katze)

Aber lesen Sie selbst:

Good old Ladenhemmung

„Menschen mit Sozialen Ängsten fürchten auch, angesprochen zu werden, zu telefonieren, am Schalter Geld abzuheben oder Tickets zu kaufen oder sich mit Fremden zu unterhalten. Entspannter Small Talk? Unmöglich! Als Kind und junges Mädchen hatte ich damit Riesenprobleme. Telefonate und Einkäufe erledigte immer meine Mutter. Sie hat sich sogar einmal erfolgreich telefonisch für mich als Dozentin beworben, weil ich mich selbst nicht anzurufen traute. Mit Fremden zu reden vermied ich, wo ich nur konnte. Das führte natürlich dazu, dass ich nie richtig üben konnte. Übung macht hier nämlich wirklich den Meister, also tapfer weitermachen, notfalls auch mal blamieren.

In Läden kaufte ich früher oft Kleidungsstücke, die mir nicht gefielen oder nicht passten, bloß weil ich es nicht schaffte, der Verkäuferin zu sagen, dass ich den teuren Pullover lieber doch nicht wollte. Ich fand es so peinlich, nichts zu kaufen, dass ich lieber mein Geld für ein hässliches Kleidungsstück ausgab. Ich habe mich deswegen sehr geschämt. Das Kauf-Problem hatte ich sehr lange, vor allem wenn es um Schuhe ging. Erst eisernes Training brachte Besserung. Wochenlang zwang ich mich immer wieder in verschiedene Läden, ließ mich eingehend beraten, hielt den Stress tapfer aus und sagte zum Schluss: »Das muss ich mir noch mal überlegen« oder »Das passt mir leider doch nicht«. Manchmal nahm ich eine Freundin mit, und gab vor, Engländerin zu sein. Karla dolmetschte, und ich merkte mir, wie sie es anstellte, sich höflich ich aus der Affäre zu ziehen, und versuchte es danach selbst. Rückfälle habe ich selten.

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es ist der zweite Bogen von oben…..

Nur im vorigen Jahr passierte es doch wieder. In einem kleinen Laden in Hessen, der von einer merkwürdigen alten Dame geführt wurde, wollte ich zwei hübsche Bögen Geschenkpapier kaufen. (Das Papier war dummerweise nicht mit einem Preisschildchen ausgezeichnet, sonst wäre mir das alles erspart geblieben – im doppelten Wortsinn.) An der Kasse verlangte die besagte Dame dreist 32 (!) Euro. Ich hatte höchstens mit sechs Euro gerechnet, schaffte es aber nicht, ihr zu sagen, wo sie sich ihr Papier hinstecken sollte. Ich wurde tomatenrot, nahm allen Mut zusammen und murmelte zaghaft: »Das ist aber teuer!«. Woraufhin sie fein lächelnd »Ja, ja!« sagte. Da war meine Gegenwehr gebrochen und ich blätterte ihr beschämt das Geld hin. Nachdem ich mich im Café von dem Schock erholt hatte, überlegte ich, warum mir das passiert war.

Hochsensibler Erklärungsversuch

Offenbar kamen mehrere Stresspunkte zusammen: Es war ein enger, voller Laden, mir war heiß, hinter mir scharrten ungeduldige Kunden mit den Hufen, die Frau hatte die Bögen mühsam aus einem Stapel herausgesucht, ich wollte mich nicht vor ihr und den anderen Kunden blamieren. Das Allerschlimmste war, dass mein inneres Kind Angst hatte. Die Alte sah nämlich aus wie aus dem Märchenbuch. Rabenschwarze Haare, Bienenkorbfrisur und eine Warze auf der Nase. Sie hatte sogar einen Stock. Bestimmt hätte sie mich verzaubert! Zu allem Übel waren Märchenmotive auf dem einen Bogen: Hexen! Ich brauchte Tage, bis ich meinem Mann davon erzählte. Wenn ich den Schock endgültig überwunden habe, lasse ich die Bögen rahmen.“

So steht es im Buch (allerdings ohne die Kommentare). Ganz unter uns: Rahmen lassen werde ich mir die Dinger bestimmt nie, dazu sind sie zu groß, aber heute würde ich beim Schreiben einen kleinen alternativen Zusatz einbauen: …. oder benutze sie als hübsche Dekoration für mein Maushaus. Damals hatte ich noch keine Mäuse. Leider.

So fällt irgendwann alles an den richtigen Platz. Man muss nur geduldig genug sein  – und süße kleine Mäuse haben, die einen lieben. Inzwischen zerbreche ich mir den Kopf, ob ich das Schiff nun lieber im Haus oder doch besser draußen auf dem kleinen Giebel anbringen soll. Wo es auch wirklich jeder sehen kann! Den Mäusen ist es egal. Sie finden einfach alles gut, was ich mache. Und genau das weiß man als hochsensibler Mensch sehr zu schätzen.

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Kevelaer – wo Maria wohnt

Als Kind hoffte ich inständig, Maria in Kevelaer irgendwann selbst einmal anzutreffen, denn sie wußte ja todsicher, wie wichtig sie für meine Freundin und mich war. Sie war unsere Große Göttin.

Vierfaltigkeit

Ihretwegen waren wir  kurz vor der Firmung sogar beim Herrn Pastor, um ihn darüber aufzuklären, dass wir nicht an den Heiligen Geist glauben konnten, weil wir ihn uns nicht mal vorstellen konnten, und machten den irritierten Geistlichen mit kindlicher Begeisterung darauf aufmerksam, dass man Maria bei der Dreifaltigkeit tragischerweise jahrhundertelang vergessen hatte. Vor uns war das offenbar noch nie jemandem aufgefallen! Ein wirklich fataler Fehler, die ganze Christenheit war Opfer eines schrecklichen Irrtums! In Wirklichkeit gab es nämlich eine Vierfaltigkeit (MIT Maria) oder zumindest eine richtige Dreifaltigkeit (MIT Maria, aber OHNE den Heiligen Geist, denn der war sozusagen ein Fremdkörper). So war es dann auch eine richtige Familie: Vater, MUTTER, Kind. Was der Heilige Geist in der Dreieinigkeit zu suchen hatte, verstanden wir überhaupt nicht, und keiner konnte es uns überzeugend erklären. Nicht mal Tante Pia, Tante Finchen und Oma Südstraße. Für meine Verwandten waren unsere tief empfundenen Zweifel bereits ketzerisch. „Maaseskenger nää, dat is ja Jodeslästerung!“ Wir befanden uns im Zustand der Todsünde, und das unmittelbar vor der Heiligen Firmung!

Für den Herrn Pastor waren wir weniger ketzerisch als irritierend, und er versuchte sein Bestes, um uns vom Gegenteil zu überzeugen, aber er schaffte es trotzdem nicht, unsere Zweifel auch nur annähernd auszuräumen. Als wir ihn zutiefst frustriert verließen, war Winnie stinksauer. Auf die konkrete Frage „Wenn dat keine Familie is‘ un‘ Maria nich‘ unsere Mutter is‘, wer ist dat denn dann?“ hatte er lediglich ausweichend „Die heilige Kirche“ geantwortet. Uns war klar, warum. Er war schließlich auch nur ein Mann, und das alles war ein uraltes männliches Komplott gegen die große Mutter und Göttin. Ärgerlich, dass sich nicht mal die Frauen dagegen wehrten. Wir waren nur Kinder, wir hatten keine Chance, keiner nahm uns ernst. Ketzerinnen sind wir geblieben.

Natürlich habe ich vorige Woche aus meinem neuen Buch genau dieses Kapitel mit der peinlichen Pastorenbefragung („Maria und der Heilige Geist“) in Kevelaer vorgelesen. Wenn nicht hier, wo sonst? Irgendwie war sie bei der Lesung tatsächlich fühlbar präsent, schließlich las ich draußen in einem Garten zwischen ihren Bäumen und ihren Blumen. Und ich meine sogar gespürt zu haben, wie sie mir aus dem Baumschatten bei einer ganz bestimmten Textstelle freundlich zulächelte.

Anna Selbdritt

Besonders gefreut hat mich die Entdeckung eines mir bis dahin unbekannten Kunstwerks, ausgerechnet in der Kevelaer Basilika, hinten links neben dem Altarraum.

Anna selbdritt

Winnie und Marlies hätten laut gejubelt: Es ist eine Dreifaltigkeit der ganz besonderen Art: Mutter, Tochter und Enkelsohn. Eine späte Genugtuung für die kleinen Ketzerinnen. Auch die Erkenntnis, dass es in vielen Religionen und auch im Christentum etliche rein weibliche Dreiheiten und vor allem Göttinnen gibt, hat nicht nur Winnie und Marlies richtig beglückt. Da wären die drei Parzen, die drei Bethen, die drei Moiren, die drei Nornen, die drei Matronen ….. es gab sogar echte Niersmatronen, die ganz in der Nähe meines Heimatortes einen Tempel hatten.

Niersmatronen

Ich habe eine phantastische Erzählung über sie geschrieben („Nebel über der Niers“). Warum wußte das mit den Göttinnen bloß außer Opa Südstraße kein Mensch?  Der Matronenstein am Niederrhein hatte leider keine figürliche Darstellung der drei Göttinnen, aber die drei Nettersheimer Matronen stehen heute in meinem Arbeitszimmer.

Wallfahrten

Gläubige aus unserem Dorf machten einmal im Jahr eine kräftezehrende Fußprozession nach Kevelaer, dazu trafen sie sich in aller Herrgottsfrühe an der Kirche und liefen sich danach stundenlang Blasen unter die Füße (das weiß ich aus leidvoller Erfahrung, aber meine Motivation war hoch, denn der attraktive Vorbeter, an den ich damals mein Herz verloren hatte, pilgerte auch mit), und die meisten fuhren außerdem mehrfach im Jahr mit dem Auto oder Fahrrad dorthin, zum Beichten, zum Beten, zum Flanieren, zum Besuch der Messe. Interessante Geschäfte gibt es dort, voller kitschiger Kerzen, Figuren, Fähnchen, Bildchen und Bücher. Dicke Weihrauchschwaden hingen auch diesmal wie Nebel in der Kerzenkapelle und in der Basilika, als ich sie am vorigen Wochenende nach meiner Lesung aus „Mit Winnie in Niersbeck“ besuchte. Ich konnte nicht genug davon bekommen. Es duftete so vertraut, auch wenn ich es ewig nicht mehr gerochen hatte, es klang so vertraut (ein Kinderchor übte gerade mit hellen Stimmen ein Marienlied), und wie immer sahen die abgebrannten Kerzen draußen äußerst gruselig aus.

Maialtar und Abiturwunder

Der linke Niederrhein ist Marienkernland. Im Mai hatten wir als Kinder einen hübsch geschmückten Maialtar mit Marias Bild, jeden Morgen und Abend wurde davor gebetet, jeden Tag das Blumenwasser gegen frisches ausgetauscht, wunderbar duftete das Kinderzimmer abwechselnd oder auch als kräftige Melange nach Flieder und Maiglöckchen, nach Rosen und Nelken. Bei Problemen riefen alle Familienmitglieder IMMER Maria an, und selbst wenn man erstaunt oder geschockt war, fehlte sie nicht. „Jesus, Maria und Josef!“ murmelten meine Großtanten und auch meine Oma in diesen Situationen. Nicht von ungefähr waren die Ordensschwestern an unserer Klosterschule „Schwestern unserer Lieben Frau“. Nicht von ungefähr hieß meine Oma Maria und meine Mutter Anna. In unserer Kindheit war Maria omnipräsent. Ihr Bild lag sogar bei Mathematikarbeiten unter meinem Heft, damit sie mir helfend beistehen konnte. Ohne sie wäre ich sicher noch schlechter gewesen. Im Abitur hat sie das absolute Wunder geschafft, dass ich mit meiner Dyskalkulie im Zeugnis ein „gut“ stehen habe, was keiner so richtig begreifen konnte. Ich schon! Es war Maria!

In unserem Wohnzimmer hing sie zierlich und schlank, eins der wenigen echten Kunstwerke, die sich meine Eltern geleistet haben, liebevoll handgeschnitzt von einem Holzschnitzer in den Dolomiten. Heute hängt sie hier bei uns, und es stört mich gar nicht, dass sie in den letzten Jahren mehrfach unfachmännisch geklebt wurde, weil sie meinen betagten Eltern beim Abstauben aus den Händen glitt. Mein Vater hat sie mir geschenkt, als er merkte, dass ihn seine Kräfte verließen. „Nimm sie mit, Kind, bei dir ist sie gut aufgehoben. Und sie war dir doch immer so wichtig.“ Sie lächelt tatsächlich heute noch genau so lieblich wie damals.

Sprachgenie

In „Mit Winnie in Kattendonk“ gibt es ein Kapitel, in dem Tante Pia den beiden Mädchen in der für sie typischen Ausführlichkeit mit frommer Stimme die Legende von Kevelaer erzählt. Sie war Spezialistin für Heilige und Kevelaer. Auch für schlimme Krankheiten und grausame Todesfälle, aber das ist eine andere Geschichte. Die beiden konnten sie bei diesen Monologen immer hervorragend auf die Palme bringen, indem sie den Redefluß dauernd mit naiven Zwischenfragen unterbrachen. „Wat is‘ denn eijentlich ’n Hagelkreuz?“; „Warum hat der Busmann dat Bild denn nich‘ sofort jekauft?“ und vor allem als letzten Trumpf: „Warum hat die Maria denn Platt jesprochen?“ Spätestens dann verlor selbst die redselige Tante Pia die Geduld, rief verärgert „Ach, lott joan!“ und presste die schmalen Lippen zusammen, während die Mädchen entzückt kicherten und Onkel Hermann amüsiert wieder hinter seiner Zeitung auftauchte. Tatsächlich hat uns nie eingeleuchtet, dass Maria jedes Mal breites Kavelaer Platt sprach, wenn sie dem Kaufmann Henrik Busmann anno dazumal an dem Platz erschien, wo heute die Gnadenkapelle mit dem kleinen Bildchen steht. Wir erklärten es uns schließlich so: Wahrscheinlich beherrschte sie alle Sprachen und Dialekte der Welt, und da Herr Busmann leider bloß Platt verstand, blieb ihr bei den Begegnungen mit ihm einfach keine andere Wahl. Kattendonker Platt konnte sie bestimmt auch, aber leider, leider ist sie uns nie erschienen.

Umso schöner war es, meine erste öffentliche Lesung aus dem neuen Buch ausgerechnet in Kevelaer haben zu dürfen. Der Großen Göttin sei Dank.

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Sommer-Garten-Lesung aus der Winnie 2

Lesung am Sonntag, den 11. Juni, um 11:00 Uhr

lese ich zum ersten Mal aus meinem neuen Buch, und zwar in Kevelaer im Rahmen der „Landpartie am Niederrhein“ im Teil  „Garten(t)räume“ bei Dorothea und Jörg von der Höh, Koxheidestraße 104, 47623 Kevelaer

Ich werde aus der zweiten Winnie lesen und freue mich schon sehr!

Hier ist sind die Termine der Garten(t)räume im Programm der Landpartie

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Hochsensible „Supersinne“: Feine Nase

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Olfaktorische Parallelwelt

Dass ich in einer olfaktorischen Parallelwelt lebe, weiß ich schon lange. Leider habe ich die Tendenz, im Eifer des Geruchs dauernd alles zu kommentieren, was meine Nase erreicht, und kann damit anderen gehörig auf die Nerven gehen. Ich muss also aufpassen und mich zügeln, sonst prasseln meine Eindrücke nur so auf mein jeweiliges Opfer nieder. Früher fand ich meine Jagdhundnase ziemlich lästig, weil ich mich vor allem auf die üblen Gerüche konzentrierte (da gibt es wirklich Unmengen!), doch seit ich das Konzept der Hochsensibilität kenne, finde ich meine „Supersinne“ faszinierend und erforsche und erweitere vor allem die positiven Seiten. Für eine Schriftstellerin ist das ein wahrer Segen. Ich kann nämlich meine Nase bewusst als Trigger beim Schreiben nutzen, denn fast alle meine Erinnerungen und Empfindungen sind über den Geruchssinn gut zu erreichen und lösen in Sekundenschnelle Bilder und Gefühle aus oder versetzen mich schlagartig in die gewünschte Zeitfalte oder Stimmung. So ähnlich wie bei Marcel Proust die Madeleines und der Verbenentee in seinem Buch „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“.

Die Streichhölzer oben auf dem Bild gehören genau wie die winzige Flasche des allerersten Eau de Colognes (das tatsächlich aus Köln kam und von Jean Maria Farina kreiert wurde) zu meinem hochsensiblen Notfall-Kit und helfen zuverlässig beim Überdecken bzw Auslöschen von üblen Gerüchen. Wenn ich einen wirklich scheußlichen Nasenreiz wieder los werden will, brenne ich einfach ein oder zwei Streichhölzer ab, und schon ist Ruhe. Sonst kann es nämlich passieren, dass mich ein überaus lästiger „Nasenwurm“ plagt. Das kann Stunden dauern und ist die olfaktorische Entsprechung eines „Ohrwurms“, der einem nicht mehr aus dem Kopf geht.

Glücklicherweise gehöre ich zu den Hochsensiblen, die ihnen angenehme Düfte und Gerüche unbeschwert im Übermaß genießen können, ohne dass sie davon Kopfschmerzen oder „Überreizung“ bekommen. Ich habe daher etliche Duftwässer, die ich je nach Stimmung und Jahreszeit einsetze, und einen Garten voller Kräuter und Duftpflanzen, von denen einige offenbar so dezent riechen, dass andere ihr Aroma kaum wahrnehmen. Vermutlich könnte ich die meisten meiner Pflanzen mit verbundenen Augen allein am Geruch ihrer Blätter erkennen.

Zu meinen liebsten nasalen Harmonie-Erinnerungen gehört ein Kräutergarten, den ich als junges Mädchen in England besuchte. Ich stand eine gefühlte Ewigkeit zwischen den vielen Pflanzen, die Zeit richtig stand still, und genoß den aromatischen Duft, das Summen der Insekten, die warmen Sonnenstrahlen und das pure Glücksgefühl, das mich durchströmte. Ich nenne diese Momente „perfect bliss“. Normalerweise gibt es von diesen besonderen Augenblicken natürlich nie Fotos, doch dieses Erlebnis ist eine Ausnahme. Offenbar bemerkten meine Freunde, wie wohl ich mich fühlte, auch wenn mein Gesichtsausdruck eher ernst aussieht, wie so oft, wenn ich mich richtig „ehrfürchtig“ und „versunken“ fühle.

Perfume Spotting

Manche Menschen kann ich nicht riechen, andere bringen mich geradezu in Verzückung. Trotz meiner Schüchternheit sprach ich als junge Studentin mit klopfendem Herzen auf dem Domvorplatz einen Wildfremden an, nachdem ich in der Kathedrale seine Witterung aufgenommen hatte und der Duftspur möglichst unauffällig gefolgt war. Ich musste einfach wissen, wie dieser Wohlgeruch hieß! „Eau Sauvage“, klärte mich der verblüffte Herr auf. Ich eilte in die nächste Parfümerie und kaufte mir die kleinste Flasche. Leider war sie so teuer, dass ich danach längere Zeit auf mein Mensamittagessen verzichten musste, aber das war mir egal. In der Duftbeschreibung findet man eine eindrucksvolle Liste guter Ingredienzien wie Basilikum, Bergamotte, Rosmarin, Lavendel, Jasmin, Koriander, Iris und Vetiver. Ich habe eine Vorliebe für leichte, frische Düfte. Woher mein Mann dies wusste, bleibt eins der vielen ungelösten Rätsel unserer Liebe. Jedenfalls duftete er bei unserem ersten Rendezvous nach „Eau Sauvage“. Nicht auszudenken, was passiert wäre, hätte er nach „Tabac Original“ gerochen. Das kann ich nämlich nicht ausstehen. Möglicherweise hätte ich schreiend das Weite gesucht.

Pariser Luft

„Mein olfaktorisches Lieblingserlebnis fand 1971 während einer Klassenfahrt nach Paris statt. Wir waren im Louvre gewesen und strebten gerade dem Metroausgang in der Nähe unseres Hotels zu, als ein starker, aber nicht unangenehmer Tiergeruch meine Nase traf. Zirkus? Zoo? Pferdestall? Was konnte das sein? Mitten in Paris? Während ich noch schnupperte, erschien eine riesige graue Gestalt vor meinem inneren Auge. »Hier riecht es nach Elefant!«, entfuhr es mir. Meine Klassenkameradinnen schüttelten sich vor Lachen. Ich wurde rot und schämte mich. Hätte ich doch geschwiegen! Wir fuhren die Rolltreppe hoch und kamen ans Tageslicht. Direkt neben dem Metroeingang stand der Elefant. Die verblüfften Gesichter werde ich niemals vergessen. Aus den eben noch spöttischen Mienen sprach tiefe Bewunderung. »Woher hast du das gewusst?« Keine Ahnung. Intuition? Hochsensitivität?

Jahre später gab es sogar noch ein kleines Nachspiel. Ich wanderte mit meinem Mann durchs abendliche Rostock, als ich plötzlich aufgeregt zu schnuppern begann. »Hier riecht es genau wie damals in Paris!«, rief ich. »Du meinst nach Elefant?«, fragte mein Mann, dem ich natürlich von dem denkwürdigen Erlebnis berichtet hatte. Ich nickte begeistert. Dann passierte etwas Unglaubliches. Wir bogen um die Ecke und schon sahen wir sie: drei prächtig herausgeputzte graue Riesen, die mitten auf der Einkaufsstraße gemessenen Schrittes hintereinander her marschierten, begleitet von bunten Clowns und Akrobaten.“ (Aus: Von wegen Mimose)

Flaschen voller Erinnerungen

Kindheit pur

Oft habe ich mir als Kind ausgemalt, wie schön es wäre, zierliche bunte Flaschen mit Erinnerungen zu füllen, etwa dem Duft von Omas Frühlingsgarten, dem Seifengeruch unserer alten Waschküche und den Wohlgerüchen von Weihnachten. Kindheitsaromen sind wohl die prägendsten. So erinnere ich mich bis heute an den Staubgeruch unseres finsteren Kohlenkellers und den vertrauten, wunderbaren Heuduft im Kaninchenschuppen. Die Geruchskombination von Heu, Stroh und Kaninchen berührt mich bis heute, ich muss immer aufpassen, dass ich nicht in Tränen ausbreche (was bei mir eigentlich extrem selten passiert). Auch der Lanolinduft vom Fell winziger Katzenbabys gehört unbedingt in eine eigene Flasche. Genau wie Pferdestall, Papas Rasierwasser, frisch gewaschene Wäsche an der Leine, Kaffekränzchen bei Oma, Ginsterbusch im Frühling, Regenluft, Herbstwald, Vanillekipferl, Schokoladenkuchen, Marienandacht im Mai, Klosterkapelle, Clematis montana odorata, Orangenschalen an einem Winternachmittag und der Wildrosenbusch neben meinem Elternhaus. Die Liste könnte ich tatsächlich endlos fortsetzen.

Wahrscheinlich hat jeder Mensch Kindheitsdüfte, die ihn sofort zurück in die Vergangenheit versetzen. Für mich riechen Häuser und Wohnungen, aber auch Museen, Buchläden und Kirchen sehr individuell. Wälder, Felder und Gärten sind sogar wahre Duftparadiese.

Jasmintee und Lindenblüten 

Im Juni, wenn der Jasmin blüht, gönne ich mir eins meiner Lieblingsrituale. Ich setze mich hinten im Garten auf meine Bank, in die Nähe der weißblühenden Büsche, und trinke Jasmintee. Dann schmecke, sehe und rieche ich den Jasmin. Wenn ich ein paar Blüten abzupfe, kann ich ihn auch noch berühren. Ein vielsinniger Hochgenuss! Gerade ist es wieder so weit, und gleich werde ich mich nach draußen zu meiner Bank begeben, das Teewasser kocht schon. Jasminteeduft erinnert mich außerdem an Cambridge, wo ich diesen Tee zum ersten Mal getrunken habe, und ist damit eine überaus angenehme Zusatz-Assoziation.

Hinten an der Kirche blühen gerade die Linden. Gestern habe ich mich unter die Bäume gestellt, die Augen geschlossen und begeistert inhaliert. Mich hat nicht mal gestört, dass die Leute komisch guckten. Ich kann verstehen, dass Linden schon immer die Bäume der Liebenden waren. Ich finde ihren Duft einfach betörend, und es fühlt sich für mich an, als würde ich in eine warme, süße Wolke gleiten. Auch davon hätte ich liebend gern eine Flasche. Oder vom Herbst mit all seinen unterschiedlichen Gerüchen und melancholischen Assoziationen. Den Herbst liebe ich natürlich auch wegen seiner leuchtenden Farben. Wahrscheinlich hätten meine Duftflaschen daher auch alle  bunte kleine Bildetiketten, denn ich bin ja trotz der feinen Jagdhundnase vor allem ein Augenmensch.

Die Idee, einen Beitrag über die positive Seite der hochsensiblen Supersinne zu schreiben, stammt von Monika Richrath, die Spezialistin für EFT für hochsensible Menschen ist, und ich freue mich sehr, dass sie mich eingeladen hat, an ihrer Blogparade teilzunehmen.

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Dyskalkulie

Angst vor Zahlen

„Mein größtes Problem war und blieb die Mathematik. An der Kattendonker Volksschule war meine Rechenschwäche niemandem aufgefallen, doch am Gymnasium wurde sie unübersehbar. Das kleine Einmaleins schaffte ich gerade noch, weil ich es wie ein Gedicht auswendig lernte, doch schon beim großen Einmaleins war ich verloren. Dauernd verwechselte und verdrehte ich Zahlen. Taschenrechner gab es nicht, und unter dem Pult rechnete ich heimlich mit den Fingern. Daten konnte ich mir nicht merken, Jahrhunderte verschwammen vor meinen Augen, Formeln und Regeln versetzten mich in Panik. Das einzige historische Ereignis, das ich stressfrei behielt, war die Schlacht von Issos, denn dazu gab es den eingängigen Satz „333 bei Issos Keilerei“. Nullen waren besonders übel, eine mehr oder weniger machte für mich kaum keinen Unterschied. Liter und Zentiliter, Kilometer, Meter und Millimeter brachten mich zur Verzweiflung. Ich versagte kläglich, obwohl ich so viel büffelte, manchmal bis tief in die Nacht. Meistens rettete ich mich mit Eselsbrücken und dachte mir die abstrusesten Geschichten aus, in denen soundso viele Personen soundso alt waren, sich vor soundso viel Jahren begegneten und soundso viele Stinktiere, Beutelratten, tasmanische Teufel, Geschwüre oder Pestbeulen hatten. Geschichten und Bilder konnte ich mir hervorragend merken.

Illustration von Caroline Riedel in „Mit Winnie in Niersbeck“

Selbst Beten hilft nicht

Ich übte, bis mir schwarz vor Augen wurde, und trotzdem  bekam ich bei Klassenarbeiten Blackouts. Da half nicht mal Tante Pias Muttergottesbild, das ich vorsichtshalber bei jeder Klassenarbeit unter mein Heft legte. Schwester Zeta hatte wie die meisten Nonnen Argusaugen und ging davon aus, dass ich pfuschen wollte. Sie stellte sich hinter mich, riss erwartungsvoll das Heft hoch und machte ein höchst verdutztes Gesicht, als sie sich unerwartet Auge in Auge mit der freundlich lächelnden Maria und dem drallen Jesuskind von Raffael sah. Sie seufzte mitleidig und ließ mich danach in Ruhe, wenn ich hilfesuchend meine Madonna fixierte, um endlich die dringend notwendige himmlische Inspiration zu empfangen. Doch nicht mal die Gottesmutter konnte mir helfen. In Mathematikstunden schwitzte ich Blut und Wasser, und vor Tests war mir tagelang schlecht. Ich war ein hoffnungsloser Fall.

Zahlenblind

Schwester Zeta mochte mich, doch sie konnte aus Gründen der Fairness nur ein wohlwollendes „richtiger Ansatz“ unter meine Arbeiten schreiben, bevor sie die rote Fünf daneben malte. In ihrer Ratlosigkeit zitierte sie schließlich meine Mutter zu sich. Die erfolgreiche Buchhalterin konnte sich überhaupt nicht erklären, warum ihre Tochter ausgerechnet in ihrem Lieblingsfach so grottenschlecht war. Offenbar hatte sie keine Ahnung, dass ihr Gatte ähnlich untalentiert waren. Zu meinem Kummer hielt Mama mich für total verstockt. „Gib dir endlich mal Mühe! Das sieht doch jeder, was da rauskommt! Bist du etwa blind?“ Sie ahnte nicht, wie richtig sie lag. Ich WAR blind. Zahlenblind! Bis heute vergesse ich bei Stress sämtliche Telefonnummern, Postleitzahlen, Kontonummern und Pins. Nullen sind für mich ein Mysterium. Milliarde? Billion? Alles dasselbe! Bei Klassenarbeiten und Prüfungen tobten die Zahlenkolonnen wie Wirbelstürme durch mein Gehirn. Heute gibt es einen Fachausdruck für Rechenschwäche: Dyskalkulie. Damals kannte man nur Dyslexie. Kinder mit Rechtschreibschwäche bekamen Förderunterricht, Kinder mit Rechenschwäche waren verloren.

Meine Zahlentiere

Ich war auf dem besten Weg, depressiv zu werden, weil ich wusste, dass es völlig egal war, wie viel Mühe ich mir gab. Ich würde trotzdem versagen. Jeder Misserfolg war eine weitere Bestätigung meiner Unfähigkeit. Ich stieß an eine mentale Grenze, die für mich so unüberwindbar war wie der Himalaya. In meiner Verzweiflung versuchte ich, mich mit Zahlen anzufreunden, indem ich sie in Tiere verwandelte. Die Eins wurde zum Schmetterling, die Zwei zum Schwan, die Drei zum Fuchs mit buschigem Schwanz, vier Vier zum Nashorn, die Fünf zum Löwen, die Sechs zum Eichhörnchen, die Sieben zum grasenden Pferd, die Acht zum Teddy und die Neun zum Elefanten. Doch nichts half….“ (Aus: Mit Winnie in Niersbeck)

Fiktion und Wirklichkeit

Die böse Null

Das Problem der kleinen Marlies ist nicht etwa erfunden, ich kenne die Ängste, die Scham und die quälenden Selbstzweifel nur zu gut. Meine „Rechenschwäche“ habe ich zwar immer noch, aber ich gehe jetzt anders damit um. Während der Schulzeit war sie ein einziger Alptraum. Ich bekam vor und während der Klassenarbeiten Bauchschmerzen und Panikanfälle,  mein peinliches „Defizit“ hätte sogar fast dazu geführt, dass ich auf Anraten einiger Lehrer das Gymnasium vorzeitig verlassen hätte, denn Zahlen spielen ja leider in vielen Fächern eine Rolle, nicht nur in Mathematik, auch in Physik, Chemie, Geschichte und Erdkunde. Jahreszahlen oder Formeln kann ich mir bis heute nicht gut merken, Entfernungen und Mengenangaben kann ich schlecht einschätzen, und beim Übersetzen (Mengenangaben in amerikanischen Kochbüchern sind besonders übel, und inch, foot, yard, mile, gallon und stone sind auch nicht gerade meine Lieblinge)  lasse ich meine Umrechnungen vorsichtshalber von einem rechenkundigen Menschen meines Vertrauens kontrollieren und warne den Lektor schon im Voraus. Der frische Umgang mit Zahlen ist eine echte Erlösung. Sie haben ihren Schrecken verloren, denn ich weiß ja, woran es liegt, auch wenn ich das Wort Dyskalkulie erst mit über 40 zum ersten Mal gehört habe.

Stärken sehen

Am schlimmsten fand ich, dass mich während meiner Schulzeit alle für faul hielten und  mich keiner verstand. Nicht mal meine Mitschülerinnen, und am allerwenigsten ich selbst. Seit ich den Grund kenne, nehme ich meine mathematische Talentlosigkeit nicht mehr so ernst. Ich habe ein erfolgreiches Sprachenstudium hinter mir und viele andere Talente. Außerdem kenne ich etliche Übersetzer, denen es genau so geht wie mir. Möglicherweise ist ausgeprägte Sprachbegabung ja gelegentlich mit ausgeprägter Rechenunbegabung verknüpft? Vielleicht gibt es dazu sogar bereits Untersuchungen, die ich nur noch nicht kenne? „Rechenschwäche“ oder wie immer man dieses Phänomen auch nennen mag, ist leider auch heute noch ein Tabuthehma und für viele Betroffenen ein belastendes Stigma. Wer nicht rechnen kann, gibt es lieber nicht zu und hält sich oft genug für dumm. Kein Wunder, denn bei den meisten IQ-Tests wird auffallend viel Wert auf genau diesen Bereich gelegt. Ich habe während meines Studiums ein Semester lang ein Seminar über IQ-Tests besucht und war verblüfft, wie krass mein eigener IQ variierte – je nachdem, wie viele mathematische oder logische Aufgaben zu lösen waren. Beim Probetest von Mensa habe ich sofort das Handtuch geworfen. Figuren zuordnen und Zahlenreihen ergänzen ist eindeutig nicht meine Stärke. Meine künstlerischen, sprachlichen und wortfinderischen Fertigkeiten konnte ich ärgerlicherweise kein bisschen einbringen.

Hilfe finden

Als Erwachsene habe ich mit Interesse und Erleichterung diverse Ratgeber zum Thema Dyskalkulie entdeckt und gelesen und inzwischen auch das Journal „Kopf und Zahl“ vom LZR Köln (Lerntherapeutisches Zentrum Rechenschwäche/Dyskalkulie) abonniert. Schade, dass es diese Hilfen noch nicht gab, als ich Kind war. Es wäre sicher auch hilfreich gewesen, wenn mein Vater mir verraten hätte, dass er genau dasselbe Problem hatte. Eine meiner Tanten hat es übrigens auch, so dass zumindest bei mir einiges auf eine genetische Veranlagung hindeutet. Heute gehe ich die einst so feindlichen Zahlen jedenfalls bewusst freundlich und furchtlos an. Bei der Einschätzung von Entfernungen ist das Navigationssystem im Auto ein geduldiger Lehrer. Neulich habe ich es sogar in entspanntem Zustand geschafft, ein paar Zahlenreihen richtig zu ergänzen, ein Riesenerfolgserlebnis, das sich sicher noch steigern lässt. Heute merke ich auch fast immer, wenn das Wechselgeld an der Supermarktkasse mal nicht stimmt, weil ich in diesen Situationen innerlich „gewappnet“ bin und mir mehr zutraue. Bei Stress und Hitze bin ich allerdings sofort blockiert. Ich trage es mit Fassung. Zahlen kann ich mir zwar nicht merken, Gesichter dafür umso besser! In den Super Recognizer Tests für Gesichtserkennung der University of Greenwich schneide ich sogar richtig gut ab und gehöre inzwischen zu den Menschen, an denen sie ihre neuen Tests erproben. Leider kommt auch Gesichtserkennung in den gängigen IQ-Tests nicht vor. Genau so wenig wie Phantasie, Intuition, freies Assoziieren, Imitieren von Stimmen und Dialekten und Zeichnen. Da könnte ich todsicher punkten!

  • Hier geht es zur Homepage des LZR mit vielen Informationen
  • Artikel zu Dyskalkulie

 

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Kunst aus Köln: Nadine Konrad

Wolkenschiff

Blaue Stunden

Nadine Konrad ist freiberufliche Grafikerin und Illustratorin, stammt aus Oschersleben (in der Nähe von Magdeburg) und lebt in Köln. Zwei ihrer Bilder sind mir im wahrsten Sinne des Wortes täglich vor Augen, denn Nadine hat mir bei unserem letzten Treffen geschenkt. Seitdem hängen sie weißgerahmt über meinem Schreibtisch. Eins davon ist das blaue Schiff, das sich zierlich den Weg durch die Wolken bahnt, das andere ein Märchenbild mit einem fröhlich blickenden Rotkäppchen und einem riesigen schwarzen Wolf. Beide stehen einträchtig beieinander,  und es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass der Wolf irgendwelche tadelnswerten Gelüste nach Rotkäppchen verspürt. Bisher ist jedenfalls nichts passiert, aber ich schaue natürlich vorsichtshalber jeden Morgen nach. Manchmal kreiert Nadine kleine Scherenschnitte mit Märchenwäldern oder Papierbooten, vor allem an verregneten Nachmittagen. Das schreibt Nadine zu ihrem Wolkenschiff: „Diese Mischung aus viktorianischem Teepavillon und Sternwartenbibliothek kreuzt windbetrieben über den Himmel und pflügt lautlos durchs Wolkenmeer. Ich habe es lediglich aus einem einzigen Grund gebaut: Wenn ich schon in die Luft gehe, dann mit Stil und allem Komfort.“

Papierboot

Rotkäppchen

Als l’heure bleue bezeichnet man die Zeit des Zwielichts, der Dämmerung, in der man besonders gut träumen und lieben kann, in der sich aber auch die Nachtgeister schon auf den Weg machen. Außer für Nachtschwarz scheint Nadine auch (genau wie ich) eine Vorliebe für Zwielicht-Farben zu haben, jedenfalls sind viele ihrer Arbeiten in Blau- und Lilatönen gehalten. Ich mag diese kühlen Farben. Mir gefallen auch die humorvollen Comic-Anspielungen, die Steampunk-Anklänge und die vielen Märchenzitate, denn genau wie Nadine habe ich eine Schwäche für Comics, Märchen und Sagen, für Wald- und Wiesenschrate, für Faune, Feenvolk und klassische russische Illustratoren wie Ivan J. Bilibin. Da es eine Zeitlang in einem Nachbarhaus ein russisches Antiquariat gab, hat sie sich sogar einiges an kleinen Bilderbuchschätzen zulegen können. Auch den bekannten Rattenfänger von Hameln findet man bei Nadine, allerdings ist er längst nicht mehr darauf aus, Nager oder Kinder anzulocken. Er sucht echte Follower und sammelt eher die Likes seiner Fans.

Gesicht N Konrad

Auch der blaue Dunst kann seinen ganz besonderen Zauber haben. Der junge Mann mit den Pianistenhänden und den schmalen wasserblauen Augen scheint tief entspannt in den Genuss seiner Zigarette versunken zu sein, ein heute eher ungewohnter Anblick puren Geniessens. Ich habe zwar selbst nie geraucht und meine hochsensible Nase reagiert auch äußerst empfindlich auf Qualm, doch als Kind haben mich die lustigen Kringel und geheimnisvollen Wolken fasziniert. Ein bisschen sahen die qualmenden Erwachsenen aus wie Drachen, vor allem einer meiner Onkel, dem der Rauch eindrucksvoll aus den Nasenlöchern quoll. Ich wartete immer gespannt darauf, dass er zu seiner Zigarettenpackung griff, und überlegte, ob ihm der Rauch vielleicht sogar eines Tages aus den Ohren kommen würde. Das ist leider nicht passiert. Ich konnte damals meine Verwandten übrigens mit geschlossenen Augen am Geruch ihrer jeweiligen Zigarettenmarke erkennen. Im Ernst. Ich habe es mehrfach erfolgreich getestet.

The Power of Imagination

Spitze Ohren und schelmisches Lächeln

Viele von Nadines Wesen haben etwas Katzen- und Fuchsartiges. Oft verschmelzen Menschen und Tiere zu androgynen Mischwesen mit spitzen Ohren und geschmeidigen Körpern, die durchaus etwas unheimlich sein können und der Nachtwelt entsprungen zu sein scheinen. Nadine hat mir erzählt, dass sie schon als Kind von Regalen voller  Märchen- und Sagenbüchern umgeben war und sich gelegentlich genau ausmalte, wie wohl eine Meerjungfrau oder ein echtes Einhorn aussehen könnte. Inzwischen hat sie etliche dieser Fantasiewesen aufs Papier gezaubert. Auf dem Selbstportrait in Schwarzgelb habe ich Nadine zunächst wegen der starken Farbkontraste nicht gleich erkannt, bis mir beim näheren Betrachten schließlich das „besondere“ Lächeln auffiel. Genau so lächelt Nadine bestimmt, wenn sie sich ihre witzigen Illustrationen ausdenkt. Schelmisch. Schalkhaft. Spitzbübisch. Hintergründig.

Auf einer von Nadines Illustrationen begegnen wir einem schlanken jungen Fuchs, der sich in seinem Zimmer gerade genussvoll die langen schwarzen Handschuhe überstreift und dabei Fuchs N Konradein altbekanntes Lied vor sich hin summt, das bereits ahnen lässt, was als Nächstes passieren wird. Die Federträger in der Nachbarschaft müssen sich heute echt warm anziehen, vor allem die ganz besondere Gans auf dem kleinen Foto, das den Nachttisch des Fuchsjungen ziert. Auch wenn ich mir kaum vorstellen kann, dass der Fuchsjunge die Ärmste tatsächlich  verspeisen wird. Er wird doch sicher Mitleid haben und sich einfach nur mit ihr unterhalten wollen? Nadine ist da anderer Meinung: „Ich mag den Gedanken daran, wie der kluge Fuchs in aller Ruhe seinen ausgebufften Plan durchgeht, die Gans zu stehlen, und den Moment der Vorfreude genießt. Er pfeift sich vielleicht ein Liedchen, legt sich seinen Bund Dietriche zurecht, zieht sorgfältig die Handschuhe an, um später keine Fingerabdrücke zu hinterlassen, und freut sich schon auf den leckeren Gänsebraten.“ Da fällt mir siedend heiß ein, dass im Nebengrundstück mal wieder ein Stadtfuchs wohnt. Ja, selbst in Köln gibt es Füchse, auf Englisch würde man sie wohl urban foxes nennen. Er kommt jedes Jahr wieder, lebt sehr diskret, man hört seine Welpen nur gelegentlich leise Laut geben. In der blauen Stunde. Eins wird die Familie Fuchs in diesem Frühjahr besonders freuen: Die Schule direkt neben dem Grundstück (von uns Wildland genannt) hat sich vor kurzem einen Hühnerstall mit fünf fetten Hennen zugelegt. Neuerdings können Schulen nämlich sogenannte Therapie-Hühner mieten, die sich positiv auf hibbelige Kinder auswirken sollen. Ob mein Fuchs wohl auch eine Wäscheleine hat, an dem ein Bund mit Dietrichen baumelt? Ich hoffe das Beste, aber ich fürchte das Schlimmste. Für die Hühner.

Nachtschrat

Lauter geheimnisvolle Nachtwesen sind in dem dunklen Nachtschrat-Bild vereint, auch Fuchs und Wolf sind wieder dabei. „Ich glaube, ich hab ein Faible für Spukgestalten“, meint Nadine. „Ich mag auch die Gemälde von Füssli, Gustave Doré und Hieronymus Bosch. Und Goethes Faust.“ Ach ja, ich auch! Auf meine Frage, ob Füchse eine besondere Bedeutung für sie haben, schrieb mir Nadine: „Eigentlich nicht, aber ich finde Füchse wie auch Eulen und Katzen sehr ästhetisch anzuschauen. Es ist wohl die Kombination aus geschmeidigen Bewegungen und der Präzision eines Raubtieres und die schönen großen Augen dämmerungs- und nachtaktiver Jäger.“

Aber sie mag auch andere geheimnisvolle Wesen, etwa Motten und Kraken. Es gibt da eine sehr schöne Krake in ihrer Geschichte „Monster unter dem Bett“.

Skizze Motten

Nadine Konrad

Das schreibt Nadine über sich: „Nach dem Abi habe ich in Halberstadt Verwaltungswissenschaft studiert und im Anschluss in Würzburg eine Ausbildung zur Mediengestalterin gemacht. Ich war über zehn Jahre in einer Agentur mit angeschlossener Druckerei in Lohr a. Main angestellt. Vor sechs Jahren bin ich nach Köln gezogen und arbeite seitdem als Freiberuflerin für Kunden in ganz Deutschland. Die Schwerpunkte meiner Arbeit sind die Bereiche Tourismus, Stadtmarketing und Kultur. Zu meinen Kunden zählen Städte und Gemeinden, örtliche Vereine und Veranstalter und kleine und mittlere Unternehmen. Ich habe das große Glück, mein Hobby als Beruf ausüben zu können. Meine Arbeit macht mir Freude und gibt mir viel Kraft und Selbstvertrauen. Neben meiner Arbeit mag ich das Meer, Katzen und Klaviermusik.“

Neben Illustrationen und Flyern, Einladungen, Anzeigen, Katalogen, Websites und Logos  gestalte Nadine auch Plakate und Ausmalbücher und legt sogar einen besonderen Schwerpunkt auf die kindgerechte Aufbearbeitung von Inhalten und Themen. Sie hat auch bereits ihr erstes Bilderbuchprojekt im Kopf. Hoffentlich findet sie die Zeit, es bald fertig zu stellen!

Eine besonders schöne Aufgabe für Nadine war die grafische Darstellung ihrer Heimatstadt Oschersleben. Bei Nadine wurde aus dem Ort ein kunterbunter Miniplanet. Allerdings völlig ohne spitzohrige Nachtgespenster. Schade.

Nadine Konrad hat natürlich auch eine eigene Website uns eine eigene fb Seite.

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Nicht ohne meine Mutter …

Es gibt Mütter, ohne die kann man sich das Leben einfach nicht vorstellen. Sie haben ein überbordendes Temperament, lassen sich durch nichts und niemanden aufhalten und sind  stets sofort zur Stelle, wenn sie gebraucht werden. Sie verfügen über schier unerschöpfliche Kraftreserven (die Tochter liegt längst platt am Boden), haben tausend Freundinnen (die Tochter nur eine einzige), telefonieren wie ein Weltmeister (die Tochter hat eine Telefonphobie),  sagen klar und deutlich ihre Meinung (die Tochter stammelt bereits, wenn sie nur „Guten Tag“ sagt), können alles (sogar stricken, nähen, kochen und wahrlich genial kopfrechnen, seufz), wissen alles (auch wenn man ihnen eindeutig das Gegenteil beweisen könnte). Sie regeln alles, selbst Umzüge in die Großstadt, Teppiche verlegen, Keller entrümpeln und lebensbahnbrechende Bewerbungen per Telefon, bei denen sie sich als ihre eigene Tochter ausgeben müssen, weil besagte Tochter es selbst nicht schafft (das ist jetzt kein Witz, sondern bitterer Ernst!). Für das Telefonat werde ich ihr ewig dankbar sein. In der VHS habe ich nämlich Jahre später meinen Mann kennen gelernt, was meiner Mutter natürlich nicht entgangen ist. „Wenn ich damals nicht da angerufen hätte, wärst du ihm mit Sicherheit nie begegnet!“ Unsere Stimmen klangen in jungen Jahren noch verblüffend ähnlich, und die selbstbewusste mütterliche Telefonbewerbung hinterließ einen derart grandiosen Eindruck am staunenden anderen Ende der Leitung, dass die stumme Tochter tatsächlich den VHS-Job als Englischdozentin bekam. Nur gut, dass der amerikanische Fachbereichsleiter lieber Deutsch als Englisch sprach, sonst wäre meine Mutter sofort aufgeflogen. Englisch war das Einzige, das ich eindeutig besser konnte als sie. Na ja, Malen und Zeichnen vielleicht auch noch. Und Fotografieren. Und Übersetzen. Bei dem Bewerbungsgespräch hatte sie möglicherweise selbst auch ein Atömchen Stress, schon wegen der potentiellen Fremdsprachenhürde, aber man merkte ihr nichts an. Sie tat es schließlich für ihre Tochter.

Es gibt Mütter, auf die ist hundertprozentig Verlass. Sie haben Energie für zehn, kämpfen für ihre Kinder wie Löwinnen und würden sich notfalls ohne mit der Wimper zu zucken mit sämtlichen Autoritätspersonen der Welt anlegen. Selbst mit dem Papst, dem Bundeskanzler oder dem Präsidenten der Vereinigten Staaten (auch dem jetzigen). Sogar mit allen gleichzeitig, und ich habe keinerlei Zweifel, wer dabei den Sieg davon tragen würde. Sie trösten einen, wenn man mit einer Fünf in Mathe nach Hause kommt, auch wenn sie nicht verstehen, warum ausgerechnet ihr Kind einfach nicht rechnen kann. Sie haben Mitleid, denn das Kind hat schließlich bis in die Puppen unermüdlich gebüffelt. Das wissen sie genau. Sie haben dem armen Ding ja persönlich im Halbstunden-Rhythmus leckere Schwarzbrotreiterchen mit Tomaten und Buko-Käse auf den Schreibtisch gestellt. Garniert mit in Blütenform geschnittenen Radieschen. (Ich hatte übrigens komischerweise von Geburt an eine Schwäche für Schwarzbrot und Tomaten.) Es gibt Mütter, die bekochen ihre Familie nach allen Regeln der Kunst und laden dabei die Teller so voll, dass gewissen Töchtern schon beim Anblick der Essensberge der Schweiß ausbricht. Vor allem, wenn der besorgte Mutterblick einen beim Verzehren genau beobachtet. Es gibt Mütter, die pflegen einen rund um die Uhr, wenn man krank das Bett hütet (was bei gewissen Kindern häufig vorkommt). Wie oft denke ich liebevoll an das einst so verhasste ölgetränkte Sanitastuch, das mir meine Mutter mehrmals täglich fürsorglich um den Hals wickelte, wenn meine hochsensiblen Lymphdrüsen wieder mal fett geschwollen waren. Die mysteriösen Schwellkörper ließen mich besonders vor Klassenarbeiten selten im Stich und sorgten dafür, dass ich wie ein mutierter Riesenhamster aussah, der unmöglich das Haus verlassen konnte. Ich erinnere mich an den Esslöffel mit ekligem Sanostolsyrup und an das dunkle Rotbäckchenglas zum Frühstück. Neulich habe ich mir aus sentimentalen Gründen mal wieder eine Flasche gekauft, inzwischen heißt die Variante „klassisch“. Ich erinnere mich an stärkende Hühnersuppe mit Eierstich oder Grießklößchen, an Spinat mit Kartoffelpüree und Spiegelei, Mamas bewährte Heilnahrung, und an die ferne grelle Höhensonne im Kankenhaus, unter die ich im damaligen Krankenhaus regelmäßig von liebender Mutterhand platziert wurde, damit ich endlich zu Kräften und zu etwas Farbe kam. Ich spüre noch das enge Gummi und den unangenehmen Druck der komischen kleinen Sonnenbrille, die ich dabei tragen musste, damit ich nicht blind wurde.

Leider wissen diese besonderen Mütter auch stets unerschütterlich genau, was für andere und insbesondere ihre Kinder gerade oder überhaupt das Beste ist und welche Kleidungsstücke sie gerade oder überhaupt unbedingt anziehen sollten. Später wissen sie  dummerweise auch felsenfest, welche Partner am besten oder überhaupt nicht zu einem passen und können höchst ungehalten werden, wenn man ihre Einschätzung nicht teilt. So fand meine Mutter grüne Parkas potthässlich und ordinär (auch wenn ich für mein Leben gern eine gehabt hätte) und auch gelbe Sonnenlaternen zu Sankt Martin kamen bei ihr auf keinen Fall in die Tüte, was dazu führte, dass ich bis heute zwei davon im Gästezimmer hängen habe. Ganzjährig. Leider saß sie damals am längeren Hebel, und so trug ich als einzige in der Klasse einen BRAUNEN Parka, der mir nichts als Spott und Hohn eintrug, und führte beim St. Martinszug Jahr für Jahr eine asiatisch anmutende Klapplaterne spazieren, die ich potthäßlich fand und die irgendwann dramatisch in Flammen aufging. In jener Zeit waren noch echte Kerzen in den Laternen. Meine Mutter war selbstverständlich sofort neben mir und trat die Flammen eigenfüßig aus. Vor einigen Dingen hatte sie grundsätzliche Angst und lehrte mich wirkungsvoll, was richtig gefährlich und unbedingt zu meiden war: Rollschuhfahren, Radfahren, Schlittschuhlaufen, Autofahren, Flugreisen, Schwimmen, Reiten. Nicht zu vergessen: Selbstfahrer auf der Kirmes, denn davon bekam man Gehirnerschütterung und Splitter in die Augen (auch das ist eine andere Geschichte). Es gibt Töchter, die sich von den Verboten ihrer Mutter nicht beeindrucken lassen und konsequent das tun, was sie wollen. Zum Beispiel meine kleine Schwester. Sie stieg aus dem Fenster, wenn sie Stubenarrest hatte, und biss Nachbarskinder, die ihr krumm kamen. Einmal schlug sie sogar eine Glastüre ein, als sie ihre Freiheit bedroht sah. Andere schaffen das nie. Ich lernte zwar (heimlich) schwimmen und Rad fahren (aber nie freihändig) und habe glücklicherwiese aus mir unerfindlichen Gründen kein bisschen Angst vor dem Fliegen, aber ich setze mich bis heute grundsätzlich nie hinter ein Lenkrad an und wage mich auch von zehn Pferden gezogen nicht aufs Eis. Da hatte Mama bestimmt Recht! Das ist wirklich lebensgefährlich! Selbstfahrer bin ich dann doch eines Tages gefahren, weil es einfach sein musste. Mit meinem ersten Freund. An jenem denkwürdigen Kirmestag, als er mich ansprach und fragte, ob ich „mit ihm gehen“ wolle. Hinten im Dorenburg-Wäldchen haben wir uns zum ersten Mal geküsst. Sicher kein Zufall, dass jener einschneidende Tag ausgerechnet der Geburtstag meiner Mutter war. Wie ich bereits andeutete, sie war irgendwie immer präsent. Sogar in den allerprivatesten Momenten. Auch im einsamen Dorenburg-Wäldchen. Heute vor 47 Jahren. Als ich an dem Abend nach Hause kam, wußte sie längst Bescheid, was mich kein bisschen verwunderte. Meine Mutter war nämlich allwissend.

Es gibt Mütter, die würden ihren Kindern am liebsten alle Entscheidungen abnehmen und sie ständig in ihrer unmittelbaren Nähe haben. Damit ihnen nichts passiert und sie nichts Unbedachtes machen können. Dass auch ihre Töchter eines Tages erwachsen werden und ihr eigenes Leben leben wollen und müssen, trifft sie hart. Die Töchter auch. Vielleicht sogar noch härter. Als Kind fühlte ich mich völlig lebensunfähig ohne meine Mutter. Nur wenn sie bei mir war, war ich sicher. Mein erster Schultag war eine Katastrophe. (Nur gut, dass meine Freundin Winnie bei mir war.) An unsere erste „richtige“ Trennung erinnere ich mich noch schmerzlich genau. Ich war spindeldürr und gerade zehn. Wahrscheinlich war es eine der schwersten Entscheidungen, die meine Mutter je getroffen hat. Sechs endlos lange Wochen gab sie mich freiwillig fort. Richtig weit! Wir hatten beide fürchterliche Angst, doch es geschah zu meinem Besten, das war klar. Ich war so zart und kränklich, dass ich dringend Luftveränderung brauchte. Reizklima. Am besten frische salzige Seeluft. Gemeinsam saßen wir am Küchentisch und ich sah besorgt zu, wie sie winzige Namensschildchen mit roter Schrift in meine Kleidung nähte. Wochenlang bemühte sie sich nach Kräften, ihre Angst und ihren Trennungsschmerz vor mir zu verbergen. Bis der Zug am Krefelder Hauptbahnhof in Richtung Norden los fuhr, wußte ich tatsächlich nicht, wie schwer es ihr die ganze Zeit gefallen war, ihr Gesicht zu wahren. Da stand sie nun auf dem Bahnsteig und winkte, stark und energisch wie immer, während ich tapfer an meinen Tränen und meiner Angst schluckte. Niemals würde ich zurückkehren! Bestimmt würde ich sterben, so weit weg von ihr! Als der Zug sich quietschend in Bewegung setzte, dachte sie, dass ich sie nun nicht mehr sehen könne, und verlor komplett die Beherrschung.  Sie brach fast zusammen und weinte so heftig, dass es sie schüttelte und mein Vater sie festhalten musste. Leider sah ich das alles sehr genau, auch wenn ich es ihr niemals erzählte. Das Bild meiner verzweifelt schluchzenden Mutter nahm ich mit an die Ostsee. Sechs Wochen lang schrieb sie mir jeden Tag. Leider kamen die Briefe nicht etwa schön nacheinander, sondern oft genug alle auf einmal. Ich wartete sehnsüchtig auf jeden einzelnen. Jeden Tag.

Am liebsten hätte sie mir auch noch jeden Tag zwei bis drei Päckchen geschickt und mich morgens, mittags und abends angerufen. Doch das hatte „die Heimleitung“ strikt verboten. „Die Heimleitung“ las und zensierte auch alle meine Briefe, was den Inhalt ungemein verfälschte, aber für meine Mutter sicher das Beste war, und ließ uns nur jeden dritten Tag schreiben. Keine Ahnung, wie meine arme Mutter das ausgehalten hat. Erstaunlicherweise überlebten wir beide die grausame Trennung. Aber in den ersten vier Wochen weinte ich jede Nacht. Vor lauter Heimweh. Glücklicherweise hatte mir meine Mutter einen langen, mit Zahlen versehenen Kalender gebastelt, von dem ich jeden Tag einen zahlenverzierten Streifen abschneiden konnte. So sah ich genau die Anzahl der endlosen Zeit, die noch blieb bis zu meiner Heimreise. Irgendwann war die Ewigkeit zu Ende, und ich durfte wieder nach Hause. Um etliche Erlebnisse und Mundorgel-Meereslieder reicher, den intensiven Geruch von Strand und See in der Nase und leider kein Pfund schwerer als zuvor. Nur meine hochsensiblen Lymphdrüsen schwollen danach nie wieder an. Nicht mal vor den schwierigsten Klassenarbeiten. Ein unerwünschter Nebeneffekt der Seekur. Sie hätten mir damit das Gymnasialleben nämlich deutlich erleichtert. Zur Feier der Heimlkehr kochte Mama mir natürlich mein Lieblingsessen. Wahrscheinlich „Rostböff“ mit Kartoffelpüree. Oder Nudeln mit Erdbeermarmelade. Oder Hühnchen mit Bratkartoffeln. Auf jeden Fall gab es zum Nachtisch frische Erdbeeren. Unmengen.

Heute wäre meine Mutter, die vor sechs Jahren diese Welt verließ, 94 Jahre alt geworden. Ich betrachte das alte Foto, auf dem sie schön wie Marlene Dietrich aussieht (eigentlich noch viel schöner!). Eine lässig rauchende junge Frau in Männerkleidung war damals in unserem Dorf ein so ungewohnter Anblick, dass ein junger Mann, der sie in dem provozierenden Outfit erblickte, als er nichtsahnend um die Ecke bog, erst nach Luft schnappte und dann die Kontrolle über sein Fahrrad verlor und es frontal in ein Schaufenster lenkte. Er ging oscarreif zu Boden, mitsamt Rad, trug aber keine Gehirnerschütterung davon. Da war sich meine Mutter sicher. Sonst hätte er ja die Besinnung verloren oder sich übergeben. Sie kannte sich bestens aus mit Krankheiten. Besonders mit tödlichen. Spezialgebiet Gehirnerschütterungen, Diabetes und alles Tumorige. Die Schaufensterscheibe ging zum Glück auch nicht zu Bruch. Und nein, sie hat den Radfahrer nicht etwa geheiratet. Er war für ihr weiteres Leben völlig bedeutungslos. Selbst sein Name ist der Familie inzwischen entfallen. Meine Mutter wüsste ihn sicher noch. Sie hatte ein Gedächtnis wie ein Elefant. Das habe ich von ihr geerbt und finde es beim Schreiben immer äußerst nützlich. Auch wieder etwas, das mich jeden Tag an sie erinnert.

Wie gern würde ich meiner Mutter heute gegenüber sitzen, ihr sagen, dass ich sie (ihre große Befürchtung!) nicht vergessen habe, dass ich sie nie vergessen werde, ihr ein Stück Käsekuchen auf den Teller legen (unser Lieblingskuchen!), ihr frischen Kaffee aufbrühen (ich selbst trinke ausschließlich Tee), ihr zeigen, wie weit ich schon bin mit unserem Familienstammbaum. „Guck mal, Mama, deine holländischen Vorfahren kann ich jetzt bis Anfang des 18. Jahrhundert zurückverfolgen, und ich hab vorige Woche sogar rausgefunden, wie Uromas Geschwister hießen!“ Ich wette, sie wäre beeindruckt. Wie gern würde ich ihr heute zum Geburtstag ein knisterndes Tütchen mit gebrannten Mandeln und einen Topf mit duftenden Nelken schenken. Nelken waren ihre Lieblingsblumen. Übrigens konnte meine Mutter die schönsten Blumensträuße binden, die man sich vorstellen kann, und die Rosen meines Vaters hielten bei ihr in der Vase wochenlang. Wie gern würde ich sie heute mit meinem neuen Buch, dessen Urfassung sie noch mit sichtlicher Erheiterung gelesen hat, überraschen. „Wie geht es denn weiter?“ hat sie mich gefragt. „Aber das weißt du doch, Mama! Du kennst doch mein Leben!“ „Ja, aber es ist doch was völlig anderes, wenn du darüber schreibst!“ Das Kaffeeservice, das meine Eltern zur Hochzeit bekamen, gibt es glücklicherweise noch. Es ist blaublütig und weckt in mir nur schöne Erinnerungen.  Sogar die Teekanne ist noch da. Und die berühmte Plätzchensorte, die sie früher jeden Freitag von De Beukelaer (das Debökelar ausgesprochen wird, was kaum einer weiß) mitbrachte, als sie dort im Büro arbeitete, bekommt man auch heute noch. Auch die mochte sie gern. Hier liegen die Kekse vor mir, auf einem der bläublütigen Teller, auch wenn ich inzwischen meist anderen Kekssorten den Vorzug gebe. Heute, an ihrem Geburtstag muss das einfach sein. Wenn Mama die große braune Papiertüte mit Bruchkeksen, die mir damals besser schmeckten als alles andere auf der Welt (außer frischen Erdbeeren und Nougatschokolade), auf den Tisch stellte, fühlte ich mich wie im Paradies. Ja, es waren die berühmten Doppelkekse mit Schokoladenfüllung. Nicht von ungefähr bin ich bis heute bekennende Kekssüchtige. Nachhaltige frühe Prägung und glücklicherweise völlig diät- und therapieresistent. Ich tue mein Bestes, um unsere familiäre Vorliebe weiterzugeben. Wenn unsere Enkel zu Besuch kommen, fragen sie gleich als allererstes nach Keksen. Wenn meine Mutter das wüsste, würde sie sich bestimmt freuen. Aber wahrscheinlich weiß sie es ja längst. Sie war schließlich nicht nur omnipräsent, sondern auch allwissend.

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