Herzlich Willkommen!

Herzlich willkommen auf meiner Homepage! Hier finden Sie neue und alte Blogbeiträge sowie Informationen zu mir und meinen Büchern. Auch zu meinem Köln-Roman, der jetzt fertig ist und gerade einen Verlag sucht. Ein besonderes Dankeschön geht an meine Assistentin Alice, die gerade neben mir liegt und deren entspanntes kehliges Schnurren Sie leider nicht hören können. Sie hat die Seite „Katzen“ fast ganz allein gestaltet und mich bei allen anderen Einträgen zuverlässig inspiriert. Ein Katzenbuch haben wir für die nahe Zukunft auch schon geplant, ich muss die Texte nur noch überarbeiten. Falls Sie nach einem bestimmten Thema oder Buchbeitrag suchen: einfach rechts die Überschrift oder das Schlagwort anklicken, dann kann man sie bequem mit dem jeweiligen Beitragsbild sehen. Schön, dass Sie mich gefunden haben – und viel Vergnügen beim Lesen und Schauen!

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Hermann Götting – Erinnerungen an einen Lebenskünstler (4)

Ausstellungen

Hermann Götting am Zirkus (Foto: Helga Pisters)

Als das Landesmuseum Koblenz im Jahr 2000 die Ausstellung „Das gestaltete Jahrhundert“ mit Exponaten aus der Sammlung Hermann Götting präsentierte, stand im Vorwort zum Begleitband: „Das Herzstück seiner Sammlung ist Hermann Götting selbst: Er lebt inmitten seiner Schätze, pflegt sie liebevoll und bietet seinen Gästen ein einzigartiges Ambiente, wenn er sie zu Festen einlädt, die weit über die Stadtgrenzen von Köln bekannt sind.“ Auch die Ausstellung „Mannequins“ in Gera (1996/97) war ein voller Erfolg. Hans-Peter Jakobson, der Direktor des Museums für Angewandte Kunst schreibt im Begleitband: „Ohne Zweifel darf man den Kölner zu den wichtigsten zeitgenössischen Sammlern in Deutschland zählen.“ Aber was ist hier in seiner Stadt von all seinen Schätzen geblieben? Bestand daran in Köln wirklich kein Interesse? Dabei war es doch vor allem Kölner Alltagskultur, die Hermann Götting gesammelt hat! Die Kölner Bürger hat man damals leider nicht gefragt, sie hätten bestimmt anders entschieden.

Hermann Götting, ausnahmsweise motorisiert (Foto: Helga Pisters)

Immerhin war die Ausstellung, die der Kölnische Kunstverein 1985/86 unter dem Titel „Von Maurice Chevalier bis zum Nierentisch“ mit Göttings Objekten veranstaltete, ein wahrer Publikumsmagnet und erreichte in den sechs Wochen Laufzeit die stolze Anzahl von 35 000 Besuchern. Mitten darin saß das Herzstück der Ausstellung, der Sammler höchstpersönlich. Hermann hat fest damit gerechnet, dass „die Stadt“ (wer immer das auch sein mag) seine Sammlung irgendwann angemessen würdigen würde, doch er hat nicht damit gerechnet, dass ihn der Tod so plötzlich mitten aus dem Leben reißen würde. Er hatte keine Vorkehrungen getroffen, und ohne seine schützende Hand waren seine Schätze hilflos. Es gab kein Testament, und die Erben waren wahrscheinlich überfordert. Zum Glück fand ein Teil der Sammlung in Gera ein neues Zuhause, hoffentlich auch viele seiner „stummen Freunde“ (Schaufensterpuppen). Fünfzig seiner seltenen Trachten wurden 2006 vom Thüringer Landestrachtenverband erworben, doch soweit ich in Erfahrung bringen konnte, werden sie dort nicht ausgestellt. Etliche Gewänder und Kostüme sind angeblich hier „beim Theater“ gelandet, berichten Hermanns Freunde. Einige alte Werbetafeln und die Kataloge zu den Ausstellungen werden ab und an noch bei Ebay angeboten. Aber wo sind all die schönen kompletten Laden- und Caféeinrichtungen geblieben?

Engel auf Melaten (Foto: BFL)

Beerdigung auf Melaten

Das „Programm“ zur Beerdigung

In diesem Jahr wäre Hermann Götting achtzig geworden, und vielleicht hätte auch ich wieder eine großformatige Einladung (Absender: von Hermes dem Götterboten) zu seinem Fünfzigsten bekommen. Doch leider ist er schon fünfzehn Jahre tot. Ich erinnere mich noch gut an die Beerdigung auf Melaten. Wenn ich die Notizen lese, die ich gleich nach der Trauerfeier geschrieben habe,  sehe ich sie wieder vor mir, die vielen Kölner, die Nachbarn aus dem Belgischen Viertel, mit denen ich (lange) vor der Trauerkapelle auf die eindrucksvolle Pferdekutsche und den (langen) Trauerzug wartete, der ihr vom Bestattungshaus in der Südstadt bis vor die Friedhofstore folgte. Es ist ein weiter Weg von der Friesenstraße bis zur Piusstraße, und es waren viele extravagante, weniger extravagante und kein bisschen extravagante Weggefährten, Freunde, Bekannte und Bewunderer von Hermann dabei. Einige hatten ihre Hunde mitgebracht, was den großen Tierfreund, der sich zum Geburtstag nie Geschenke wünschte, sondern Geldspenden für seine Tiere (und heimlich auf dem Brüsseler Platz sogar eine bestimmte Ratte fütterte, die sofort kam, wenn er sie rief), bestimmt gefreut hätte. Touristen habe ich nur wenige gesehen, obwohl die Beerdigung wahrlich sehenswert war. Auf dem Weg spielte eine Dixieland-Band, und während der Feier gab es unter anderem einen Auszug aus Wagners „Götterdammerung“, das „Largo“ von Händel und zum Abschluss „Thank you for the music“ von Abba. Keine Ahnung, wer die Musik zusammengestellt hat.

das „Programm“ zur Beerdigung

Die Wartenden vor der Trauerhalle wirkten fassungslos und ratlos. Jemand wie Hermann Götting konnte unmöglich einfach verschwinden! Das konnte nur ein Irrtum sein, war hoffentlich bloß einer seiner spektakulären Auftritte? Gleich würde er lachend hinter den Säulen hervortreten, auf seinem Roller über die Wege von Melaten fahren. So ein starker, wuchtiger Mensch, so ein Fels in der Brandung, war doch nicht von heute auf morgen weg! „Er hat unsere Stadt so schön bunt gemacht. Was wird denn jetzt bloß aus all seinen Sachen?“ „Köln braucht Menschen wie den Götting, so jemanden finden wir nie wieder. Der war ein Paradiesvogel, un so wat jit es doch hück ja net mih!“ (Ich hoffe, mein Kölsch stimmt.) Der besorgte alte Herr, der dies sagte, wohnte auch im Belgischen Viertel und hatte Tränen in den Augen. „Der verdient ein Museum! Und wenn die Stadt nix macht,  dann müssen wir an den Schramma schreiben! Sonst tut sich da nix!“ (Kurt Schramma war damals unser Oberbürgermeister.) Einvernehmliches Nicken. „Dafür hat der Hermann immer gekämpft. Jetzt sind wir dran! Wir müssen für ihn weiterkämpfen!“ Wollten wir ja! Aber wie? Das wussten wir auch nicht. Eine Unterschriftensammlung? Tatsächlich an den Oberbürgermeister schreiben? Persönlich vorsprechen? Oder lieber gleich die Museumsdirektoren aufsuchen? Einen Protestmarsch organisieren? Wir waren damals leider gar nicht gut vernetzt, kein bisschen organisiert und ziemlich überfordert, daher ist dann leider auch nichts passiert. Wenn man es weiß, kann man Hermann hier noch an der U-Bahn-Haltestelle Appellhof Platz sehen, als Kölner Kopf auf der Wand, aber ich bezweifle, dass ihn noch viele kennen – oder erkennen. Er wirkt auf dem Porträt fremd. Jedenfalls für mich. Vielleicht liegt es an den Farben. Oder daran, dass er nicht lächelt. Oder daran, dass er einen nicht ansieht.

Hermann Götting in der U-Bahn (Foto: BFL)

„Ich dachte immer, den Hermann könnte nichts umhauen“, sagte eine andere Anwohnerin. „Woran ist er bloß gestorben? Hat den etwa  jemand umgebracht?“ Erschrockene Blicke, dann Kopfschütteln. „In der Zeitung stand was von verschleppter Lungenentzündung.“ „Wat soll dat denn bedeuten? Verschleppt! Dat is doch keine Diagnose!“ Einvernehmliches Nicken. „Das Belgische Viertel wird anders sein ohne ihn.“ Stimmt. Das war es. Leerer. Leiser. Farbloser. Er fehlte uns damals sehr, und einigen fehlt er noch heute.

Kurz zuvor war Hermann zum fünfzehnten Mal fünfzig geworden. Jetzt lag er in dem bemalten Sarg, auf dem er selbst mit seinem weißen Tempelhund und der roten Katze Wunderkätzchen abgebildet war, was mich dann doch ziemlich aus der Fassung brachte, als ich meine Blumen ins offene Grab warf. Damit hatte ich nicht gerechnet. „Mach et joot, Hermännsche!“ riefen ihm zwei Freundinnen nach. Weinende Männer lagen sich vor dem Grab in den Armen. Es gab viel Prominenz aus der Szene. Die Trauerfeier hätte Hermann gefallen, auch die Ansprache von Bert van der Post (der merkwürdigerweise im „Programm“ nur als Hermann und Bernd, aber nie als Bert aufgeführt wird), und auch die überwältigende Anteilnahme (geschätzte 800 Trauergäste!), die Musik und das muntere Hundegebell. Wohl auch der Grabstein, eine Säule, umschlungen von einem steinernen Schal.

Neben mir in der Trauerkapelle stand eine betagte kleine Dame mit Schmetterlingsbrille und Blumenhut („Extra für Hermann angezogen, den mochte er immer so gern!“), die in jeder Manteltasche Unmengen von Leckerchen hatte und die unruhigen Vierbeiner in ihrer Nähe damit beruhigte, wenn sie auf die musikalische Untermalung allzu heftig reagierten („Hab ich immer dabei, für alle Fälle. Ich kenn doch so viele Hundemenschen!“). Amour, der zwei Tage lang neben seinem toten Herrchen gewacht hatte, überlebte ihn offenbar nicht lange, wie ich vor kurzem erfuhr. „Vor Trauer gestorben“, sagte meine Bekannte.

 

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Hermann Götting – Erinnerungen an einen Lebenskünstler (3)

Hermann Götting und das Elektromobil SINCLAIR

Hermann Götting als stolzer SINCLAIR Fahrer  (Foto: Franta)

Georg Franta, der Inhaber des von mir sehr geschätzten „FRANTA“ in der Maastrichter Straße, erinnert sich:

„Wir hatten das Elektromobil, ich glaube, das war Anfang der 1990er Jahre, in unserem Geschäft ausgestellt. Hermann, den ich aus früherer Zeit sehr gut persönlich kannte, interessierte sich sofort für dieses „Unikum“, wie er es nannte. Hermann wollte unbedingt auffallen und fiel ja auch immer auf, und das schien ihm wieder genau das richtige Objekt dafür zu sein.

Hermann Götting (Foto: Georg Franta)

Seine Freundin MA (Braungart, Urgestein der Kölner Frauenbewegung) fuhr zu dieser Zeit mit einem verkappten Roller durch Köln, und das war schon ein Hingucker. Die Beiden überboten sich, wenn möglich, immer wieder in ihren „Auftritten“, sei es bekleidungstechnisch oder mit anderen außergewöhnlichen Dingen. Da kam Hermann das SINCLAIR natürlich gerade recht, denn so konnte er seine Freundin MA toppen, elektrotechnisch war sie ja noch nicht unterwegs.

Ich wies Hermann in die Bedienung des sehr innovativen Elektromobils ein. Ich wies Ihn natürlich auch darauf hin, dass die Fortbewegung mittels Druckknopf nur eine Tretunterstützung zu den vorhandenen Pedalen sei, erklärte ihm, dass dies bei Dauernutzung viel Batterie-Energie koste und dass die Batterie dann natürlich irgendwann schlapp machen würde.

Hermann Götting (Foto: Georg Franta)

Aber Herman war eher der bequeme Typ und fuhr natürlich per Knopfdruck los (sieht ja auch viel cooler aus!) – und zwar gleich über die Deutzer Brücke auf die andere Rheinseite, was zu viel Bewunderung bei den übrigen Verkehrsteilnehmern führte. Hermann hatte also seine Aufmerksamkeit…

Irgendwann am Abend kam er mitsamt SINCLAIR zurück in die Maastrichter Straße zu unserem Geschäft – fix und fertig und nass geschwitzt. Die Deutzer Brücke von der linken Rheinseite aus war (per Knopfdruck) kein Problem gewesen. Aber die Rückfahrt! Hier musste Hermann leider mangels Batterie-Energie kräftig trampeln, und das hat ihn dann doch sehr aufgewühlt.

Danach waren wir zum Glück immer noch befreundet…“

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Hermann Götting – Erinnerungen an einen Lebenskünstler (2)

Hermann Götting mit Fächer (Foto: Helga Pisters)

Im Gegensatz zu Hermann Götting kleide ich mich äußerst unauffällig und mag überhaupt nicht, wenn man mich anstarrt, doch seine Sammelleidenschaft habe ich immer gut verstanden. Auch ich bin der Meinung, dass viele Dinge, die achtlos entsorgt und weggeworfen werden, Teil unserer Geschichte, unserer Kultur, unserer Stadt und unseres Lebens sind und allein deshalb absolut sammelwürdig. Auch ich rette gern Dinge vor der Zerstörung, allerdings in völlig anderen Dimensionen. Ich sammle kleine Dinge, eher Adventskalender als Film- und Werbeplakate, eher Puppenstubenmöbel als Couchgarnituren, Nierentische und Riesenvitrinen. Hermann Göttings Sammlung, die mühelos drei Außenlager und seine Jugendstilwohnung füllte, bestand zu 70% aus Objekten der Alltagskultur und „Kitsch“, der Rest waren von Künstlern geschaffene Objekte.

Zum Teil waren die „Objekte“ riesig, so besaß er mehr als 160 aufwändige Neonwerbeanlagen (u.a. die unter Lebensgefahr und trotz extremer Höhenangst vom Kölner Messeturm abmontierte Leuchtreklame von 4711), zig komplette Werkstätten von Handwerksbetrieben, ganze Ladeneinrichtungen, Verkaufstheken und gigantische Konzerttruhen.  Die Bandbreite war groß, seine Sammlung umfaßte die Alltagskultur des kompletten 20. Jahrhunderts, Doch seine besondere Liebe galt dem Jugendstil und den 50er Jahren. 

Eingeladen bei Hermann Götting (Foto: Helga Pisters)

Auch ich habe ein Schwäche für die Vergangenheit, und die Zeit meiner Kindheit habe in meinen Winnie-Romanen auf meine Weise zu retten und zu bewahren versucht. Mit ihren Läden, Häusern, Möbeln, ihrer Sprache, ihren Kinofilmen und Fernsehsendungen, den längst verklungenen Stimmen meiner Verwandten, den besonderen Düften und Gerüchen, den vertrauten Geräuschen und Klängen, dem typischen (niederrheinischen) Essen, den überquellenden Tante-Emma-Läden, den Glanzbildchen, Poesiealben, Köllnflocken, Lurchiheften, Bilderbüchern, dem Fürst-Pückler-Eis im Eiswürfelformer aus Aluminium, der Erdbeerbowle und dem Transistorradio.

Hermann Göttings Küche (Foto: Helga Pisters)

Genau wie Hermann versuche ich, alles im Blick zu haben. Teppiche, Tapeten, Möbel, Geschirr, Besteck, die Blumen auf der Fensterbank, Kleidung und Kopfbedeckungen. Sogar die Erinnerung daran, wie es war, im Sommer mit den nackten Beinen am Plastikbezug des Küchenstuhls festzukleben oder an Omas Geburtstag Eierlikör aus flachen Gläsern zu lecken. Auch das Gummizwicken in den weißen Kniestrümpfen (mach dich bloß nicht schmutzig, Kind!), die atemberaubenden Weihrauchschwaden im Hochamt, das gefährlich zischende Geräusch des großen schweren Bügeleisens auf feuchtem Stoff (mein Opa war Schneidermeister). Das hätte Hermann sicher gefallen. Wahrscheinlich hätte er Opas Werkstatt sofort gerettet. Aber so ist nur noch die riesige Schere da, und zwar hier bei mir. Als Kind hatte ich Angst, dass man mir damit irgendwann den Daumen abschneiden würde, genau wie im Struwwelpeter. 

Einmal im Jahr steckte pünktlich im August ein großer Umschlag mit schöner Schrift in meinem Postkasten. Die Einladung zu Hermanns Fünfzigsten, immer mit einem langen fantasievollen Text voller ungewöhnlicher Wörter und einem ansprechenden Foto, meistens von Helga Pisters. Es waren rauschende, bunte Feste mit Tanz, Gesang und Cabaret, natürlich in illustrer Gesellschaft. Faszinierend, doch nicht unbedingt das richtige Wohlfühlambiente für jemanden, der es hasst aufzufallen und sich gar nicht gern verkleidet……

Hermann Götting im Sommer (Foto: Helga Pisters)

Eines Abends, es muss Ende der 90er Jahre gewesen sein und zwar mitten im Winter, war Hermann Götting wieder einmal mit seinem vollgeladenen Handwagen unterwegs nach Hause. Ich kam vom Ring und sah von weitem, wie der Wagen umkippte und die ganze Pracht im Schnee landete. Hermann Götting konnte sehr laut und ausdrucksstark fluchen, wie ich bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal feststellte. Natürlich habe ich ihm geholfen, seine Schätze wieder einzusammeln, und zum Dank schenkte er mir einen Johnny Walker-Mann und etliche Oster- und Weihnachtskarten aus den 50er Jahren. 

Geradezu magisch fand ich Hermanns unzählige Schaufensterpuppen, und auch da entdeckte ich vertraute Gesichter. In meiner Kindheit wollte ich unbedingt immer zu einem ganz bestimmten Geschäft, weil mich die Schaufensterpuppen so faszinierten, besonders die lebensgroßen Käthe Kruse Figuren mit den „richtigen Haaren“. Es waren hübsch angezogene Jungen und Mädchen, die mit ernsten Gesichtern in die Ferne blickten und Stoffhände hatten. Auch die „erwachsenen“ Schaufensterpuppen waren schön und hatten ausdrucksvolle Gesichter, an die ich angesichts der häßlichen kahlen weißen Einheitsköpfe, die heute überall zu sehen sind, oft wehmütig denke. Im Laden selbst standen besondere Hutständer auf der Theke, elegante Damenbüsten, malerisch mit Schals und Hüten dekoriert. Bei Hermann sah ich sie alle wieder, zum Teil trugen sie seltene Trachten und fantasievolle Kostüme, und ich hätte sie stundenlang bewundern können. Vor allem Maurice Chevalier. Ich besitze nur eine einzige Büste, die nicht mal antik ist, aber dafür trägt sie sämtliche Hüte meiner Mutter, und zwar alle gleichzeitig. Genau deswegen habe ich sie ja auch gekauft. Ich habe es nicht übers Herz gebracht, die vielen Hüte zu entsorgen. Hermann hätte das todsicher verstanden. 

 

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Hermann Götting – Erinnerungen an einen Lebenskünstler (1)

Hermann Göttings Küche, Dezember 1997 (Foto: Helga Pisters)

Beim Schreiben meines Romans, der im Moment noch auf Verlagssuche ist und in den Jahren 2002 und 2003 im Belgischen Viertel in Köln spielt, mußte ich oft an Hermann Götting denken, denn er wandert genauso heiter und beschwingt als schillernder Paradiesvogel durch mein Buch wie früher durch die Straßen unseres geliebten Veedels. Als ich noch in der Maastrichter wohnte, habe ich ihn draußen oft getroffen, wenn er wieder mal mit seinen Hunden unterwegs war oder sich mit seinem Bollerwagen im Schlepptau und einer Flasche Wein unter dem Arm auf die Jagd nach neuen Schätzen machte. „Nichts darf verloren gehen“ war seine Devise. Hermann Götting war ein passionierter Sachensammler und Spurensicherer, doch seine umfangreiche Sammlung, die auf jeden Fall ein eigenes Museum (und zwar hier in Köln!) verdient hätte, wurde nach seinem plötzlichen Tod 2004 schnell auseinandergerissen. Nur ein kleiner Teil seiner Objekte (etwa tausend von mehr als hunderttausend) konnte zusammen bleiben und befindet sich heute im Museum für Angewandte Kunst in Gera. Doch die meisten seiner Möbel, Büsten, Schilder, Vasen, Lampen, Türen, Fenster, Reklametafeln, Ladeneinrichtungen und Kostüme sind in alle Winde zerstreut. Dabei hätte ein Hermann-Götting-Museum so gut zu seiner Wahlheimat Köln gepaßt, denn er betrieb ja vor allem die Spurensicherung dieser Stadt!

Hermann Göttings Büstenparade, Dezember 1997 (Foto: Helga Pisters)

Hermanns zahlreiche Schätze füllten zu seinen Lebzeiten mühelos mehrere Lager, die ihm die Stadt zur Verfügung stellte, und natürlich auch die Zimmer seiner Wohnung in der Richard-Wagner-Straße. Jeder Raum war in einem anderen Stil dekoriert und eingerichtet, und man konnte sich kaum satt sehen an all den kunstvoll in Szene gesetzten Gegenständen, die er so liebevoll zusammengetragen hatte. Es hat mir große Freude gemacht, meinen Buchmädchen Marigard und Michan dieses Paradies zu zeigen und zu beobachten, wie sie staunend und ehrfürchtig durch Hermanns Zimmer gehen und anschließend andächtig mit ihm in der Küche sitzen, von Marigards Buchprojekt erzählen und süßen Kakao trinken. Hermann wußte übrigens tatsächlich von meinem Roman und gab mir und den Buchmädchen damals bereitwillig Auskunft, allerdings unter der Bedingung, dass er dann bitte schön auch ein ganzes Kapitel nur für sich bekommen wolle. Das hat er. Nichts leichter als das. Meine Erinnerungen sind übrigens auch deshalb noch so frisch und klar, weil Hermanns Paradiesvogelwelt von einer ganz besonderen Kölner Fotografin stimmungsvoll eingefangen und vor dem Vergessen bewahrt wurde. Ich freue mich sehr, dass ich einige ihrer Bilder zeigen darf, und hoffe, dass auch meine Erinnerungen und Marigards Schilderungen den Lebenskünstler wieder ein wenig präsenter machen können. Vielleicht sogar über die Grenzen von Köln hinaus. Hermann Götting hat es verdient. Nichts darf verloren gehen!

Hermann Götting mit Schirm und Entenkette (Foto: Helga Pisters)

Schon der Flur mit den vielen Lampen war eindrucksvoll, doch betrat man erst die Küche oder den Salon, kam man aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Noch nie habe ich so viele Starfotos, Schaufensterpuppen und Büsten auf einem Fleck gesehen. Leider wagte ich nie, bei meinen Besuchen den Fotoapparat zu zücken, es hätte irgendwie nicht gepaßt und vielleicht auch die ganz besondere Stimmung zerstört, obwohl er mich gelegentlich sogar als Lichtbildnerin bezeichnete. Das schrieb er auch auf die Umschläge, wenn er mich mit einer seiner tollen Karten zum Geburtstag einlud. Ab 1989 feierte er nur noch seinen Fünfzigsten (+). Keine schlechte Idee. Er feierte ihn leider nur fünfzehn Mal. Ich wurde für ihn zur Lichtbildnerin, weil ich im Viertel so viel fotografierte und ihn ab und zu mit Aufnahmen von Jugendstilfenstern und alten Straßenschildern überraschte, die er zu seinem Bedauern nicht hatte retten können. „Dann hab ich sie jetzt wenigstens als Bild“, meinte er. Ich selbst habe kein einziges Bild von ihm gemacht, doch zum Glück kenne ich die Fotografin Helga Pisters, die mit Hermann gut befreundet war und ihn, seine Hunde und die Wohnung ausgiebig fotografiert hat. Hermann war nicht nur ein leidenschaftlicher Sammler, er war auch ein begnadeter Selbstdarsteller, der sich jeden Tag anders gewandete, die meisten Kleidungsstücke und Kostüme selbst schneiderte und stets neu und „anders“ kombinierte. Nähen hatte er schon als Schüler gelernt, als einziger Junge unter lauter Mädchen.

Hermann Götting mit Bückeburger Haube (Foto: Helga Pisters)

Sein größter Traum, ein berühmter Schauspieler zu werden, hat sich zu seinem Bedauern nicht erfüllt, dafür aber sein zweitgrößter: Straßenbahnschaffner! Auch in dieser Rolle war er überraschend und gänzlich unkonventionell. Er pflegte in seinen Bahnen die Fahrgäste persönlich zu begrüßen und sämtliche Haltestellen singend anzukündigen, und seine Gäste lächelten, wenn sie ausstiegen. Hermann sah nicht nur eindrucksvoll aus (groß und gewichtig), er hatte auch eine kräftige, wohltönende Stimme und liebte es, als Conferencier und Entertainer vor großem Publikum aufzutreten und alte Schlager zu singen. Im Internet gibt es noch ein Video, in dem man sehen kann, wie er in einer seiner Gewandungen auf seinem kleinen Roller direkt in eine WDR-Talkshow fährt, begleitet von seinem japanischen Tempelhund Amour. Noch imposanter als Amour waren die Riesendoggen Valentino und Ivo Fürst von Metternich (Ivo 1 und Ivo 2). Vorher oder zwischendurch, genau weiß ich es nicht mehr, gab es auch noch den betagten schwarzgrauen Nicki und den eigenwilligen Chow Wotan Wahnwitz. Sämtliche Hunde waren ihrem Herrn äußerst zugetan und folgten ihm freiwillig ohne Leine überall hin. Nur Amor trug ein Geschirr, damit er nicht überfahren wurde, denn der weiße Akita Inu war taub. Neben dem Hunderudel beherbergte Hermann zeitweise auch jede Menge (ausgesetzte) Katzen, zwei Schlangen (eine riesige und eine kleinere), deren Leben er zufällig gerettet hatte, und etliche Kaninchen. Leider fraßen die Schlangen ausschließlich Lebendfutter, daher wurde die Fütterung von einer Freundin übernommen, während Hermann kurz an die frische Luft ging. Alles, was sie verschmähten, wurde sofort begnadigt und durfte fortan in Hermanns Küche wohnen.

Hermann Götting melancholisch (Foto: Helga Pisters)

Sein Kleiderschrank muss randvoll mit Fantasiekostümen gewesen sein, denn Hermann liebte Verkleidungen und war ungemein wandlungsfähig. Mich erinnerte er mit all seinen Strick- und Samtmützen, Kappen und Hüten oft an Rembrandt, und so heißt er auch bei der Familie in meinem Roman. Wenn er in wallenden Gewändern über die Kölner Ringe marschierte, kam es gelegentlich zu Auffahrunfällen, weil die Autofahrer ihren Augen nicht trauten und vor lauter Verblüffung nicht mehr auf den Verkehr achteten. Eins von Hermanns Lieblingsstücken war ein Mantel mit passender Krawatte (keine Ahnung, ob genäht oder geklebt) aus Plus-Plastiktüten. Mir gefiel das orangeblauweiße Teil überhaupt nicht, aber Hermann bestand darauf, dass es sein ganz persönliches kritisches Statement zur Konsumkultur sei. Offenbar war das Plusgewand ein sündhaft teures Designerstück, das sich der notorisch an Geldmangel leidende Hermann buchstäblich vom Mund absparen musste. Wenn ich mich nicht irre, befindet es sich heute im Kölnischen Stadtmuseum.

Hermann Götting mit Dogge  (Foto: Helga Pisters)

Wenn Hermann Götting vornehm wie ein Maharadscha mit seinen Tieren durchs Belgische Viertel schritt, huldvoll lächelnd und mit einem seiner übergroßen Fächer wedelnd, verrenkten sich die Touristen jedes Mal verdutzt die Hälse und begannen aufgeregt zu tuscheln (was er sehr genoß), während die Ureinwohner nur kurz aufblickten und „Da kütt de Jeck!“ murmelten (was ihn sehr erheiterte). Aus dem Belgischen Viertel war er jedenfalls nicht wegzudenken. Besonders malerisch fand ich seine Auftritte im Herbst und Winter. Ich werde nie vergessen, wie er an der Spitze seiner Hundekarawane in roter Gardeuniform und Stulpenstiefeln an St. Michael vorbei durch den Schnee stapfte oder bei heftigstem Blättertreiben mit einer Hand an seinem unglaublichen Wagenradhut zur Reinigung in der Neuen Maastrichter Straße eilte. Nur an Karneval verließ er sein Haus grundsätzlich nicht. Da räumte er lieber seinen Keller auf. Der Grund lag auf der Hand. An Karneval fiel er nicht auf, weil alle anderen dann auch verkleidet waren.

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Kölle alaaf!

„Clown“ (BFL)

Trotz Regen und Sturmwarnung lassen sich echte Kölner nicht von ihrem Rosenmontagszug abhalten…… Ich denke an das alte Fasteloavend-Lied aus meinem Heimatort, das ich immer noch auswendig kann, und wünsche Ihnen und euch allen einen schönen Tag!

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Der Mond in Zeiten des Krieges

Die „amerikanischen Jahre“ meines Vaters als Kriegsgefangener der US Army haben auf merkwürdige Weise auch mein Leben geprägt. Schon als Kind wollte ich unbedingt nach Arizona, um endlich den Mond über der Wüste zu sehen, von dem mein Vater so oft erzählte. Auch die Kakteen mit den merkwürdigen Namen wollte ich sehen, die turmhohen Saguaros, in denen die Eulen nisteten, die bizarren Joshua Trees mit ihren klagend zum Himmel hochgestreckten Armen. Als Erwachsene bin ich Ende der 1980er Jahre auf den Spuren meines Vaters tatsächlich dort gewesen. Mein Vater hatte recht. Hier ist der Mond wirklich anders. Eines Nachts, auf einer Fahrt durch die Wüste, hing er plötzlich wie eine riesige Leuchtkugel über mir, größer und geheimnisvoller als ich ihn mir als Kind auch nur annähernd vorgestellt hatte. Er war so hell und klar, dass man glaubte, jeden Krater erkennen zu können. Das Gefühl, das ich bei seinem Anblick empfand, war tiefe Ehrfurcht.

In der Wüste (Foto: privat)

Als junger Prisoner of War hat mein Vater den Mond als tröstlich empfunden. Die Kriegshölle lag endlich hinter ihm, auch wenn sie ihn bis an sein Lebensende verfolgen sollte. Doch das wußte er damals zum Glück noch nicht. Er war 21 Jahre alt, fühlte sich einsam und unglücklich, lebte gegen seinen Willen in der Fremde, doch er war in Sicherheit, hatte zu essen und zu trinken und das Glück, im Lager als Dolmetscher arbeiten zu dürfen. Er konnte sich zwar nicht frei bewegen, doch sein Freund David nahm ihn manchmal mit hinaus in die Wüste. Nachts, wenn mein Vater nicht schlafen konnte, stand er oft auf und hielt Zwiesprache mit dem Mond. Er erschien ihm wie eine stille Geliebte, eine gute Freundin oder vertraute Schwester, die man tagsüber heimlich herbeisehnt, wohl wissend, dass sie einen zuverlässig jede Nacht besuchen wird. Eine Gefährtin aus Kindertagen, die sich weder durch Stacheldraht, Wände noch Mauern abhalten lässt, die Grenzen, Gebirge und Ozeane mit Leichtigkeit überwindet. Ein Wesen aus uralten Zeiten, mit dem man sich unterhalten kann, dem man seine Sorgen erzählt, dem man Grüße auftragen kann an all jene, denen man sich verbunden fühlt, die Lebenden und die Toten, nah und fern oder unerreichbar in Raum und Zeit.

mein Vater (Foto: privat)

Mein Vater hat die Wüste geliebt. Genau wie ich, als ich sie zum ersten Mal sah. Für mich war es beinahe so, als ginge ich umher in den Landschaften seiner Erinnerungen, als käme ich zurück an einen mir seit langem vertrauten Ort. Auch in seinen Aufzeichnungen hat er darüber geschrieben:

„Zwischen Sand und Felsen herrschte eine Stille, die man sonst wohl nur im Tiefschlaf erlebt. Ich saß auf einem Felsplateau und blickte in das rosafarben leuchtende Sandmeer. Geheimnisvoll verwitterte Steinskulpturen ragten darin auf, wie von Künstlerhand hineingesetzt. Worte wie Frieden, Ruhe, Zurückkommen, gingen mir durch den Kopf. Die reglose Felsen- und Sandwelt scheint in sich selbst zu ruhen, angekommen, vollendet in ihrem eigenen Zauber. Immer wenn mich diese Stille umgab, wäre ich am liebsten für immer in dieser Welt versunken.“

(Kurt Felten, „Kakteen und Stacheldraht“, 2008)

Ich stelle mir vor, wie genau dieser Mond meines Vaters, der Mond der Wüste und der Kriegstage, etliche Stunden früher oder später in derselben Nacht die andere Seite des Erdballs erhellt. Es ist ein unwirtlicher Ort weit im Osten, an dem sich mein Schwiegervater, der Arzt und Dichter Hans-Joachim Leidel, befindet. Auch er hat sein Gesicht dem Himmel zugewandt.  Auch er sieht die silberne Schönheit, auch er denkt an seine Familie und an seine Kindheit. Doch er ist noch mitten im Krieg, muss jeden Tag aufs Neue um sein Leben fürchten, weiß nicht, was der nächste Tag bringen wird an Gräuel und Grausamkeit. Im Moment denke ich wieder sehr an Jachym, wie ich den vertrauten Unbekannten nenne, denn er starb in diesem Monat. Am 7. Februar 1962, im Alter von nur 46 Jahren. Der Mond in seinem Gedicht scheint über der Front.

Hans-Joachim Leidel (Foto: privat)

Mondschein an der Front
 
Wie hell es ist –
Ich lege den Kopf auf den Acker,
in dem kein Same ruht.
Sternensand, Schwärme, Gewimmel:
Die mystische Milch Gottes, das galaktische Rauschen.
Der Mond, den man als Kind besang, ist aufgegangen.
 
Wenn ich nun ginge,
wenn ich nun über die silberne Brücke ginge,
wenn ich mir nun sagte:
daheim bewacht der gleiche Mond die Lieben.
Trostgewinn, Mutschöpfen, fester den Kolben umgreifen,
größere Entschlossenheit?
 
Nein.
Mit diesem Moment rechnen die Generäle.
Die Hasser rechnen mit unserer Vollmondbereitschaft zum Träumen.
Auf unserer Phantasie bauen sie ihre Stellungen aus,
Sie sind nicht sentimental.
 
Niemals etwas anderes denken als das;
Dies ist Mord.
 
Mein Gott, wohin lässt du mich gehen?
Was lässt du mich tun?

(Hans-Joachim Leidel, undatiert)
Hans-Joachim Leidel (Foto: privat)
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The Year of the Pig

Freundliches Riesenschwein in „Beamish“, Nordengland (Foto: BFL)

Jetzt hat das Jahr des Schweins am 5. Februar 2019 auch in China begonnen, und ich wünsche allen, die diesen Beitrag lesen, viel Glück, Gesundheit und gutes Gelingen beim Verwirklichen ihrer Träume.

Pig (Foto: BFL)

Ich kann normalerweise mit Horoskopen nicht viel anfangen, bin aber immer wieder verblüfft, wie sehr ich mich mit meinem chinesischen Sternzeichen identifizieren kann. Da bin ich nämlich ein ruhiges, sensibles, kreatives, naturliebendes Holz-Schaf. Komischerweise „als Tier“ gar nicht so weit weg vom ungeduldigen, feurigen Widder, der stets mit dem Kopf durch die Wand will und mit dem ich nicht viel gemein habe. Höchstens vielleicht das ausgeprägte Durchhaltevermögen. Wie oft habe ich mir das als Kind anhören müssen: „Du bist aber kein typischer Widder!“ Das Schwein ist das zwölfte Zodiac-Zeichen und als Symbol in vielen Kulturen mit Reichtum und Glück verknüpft. Möge es für uns alle ein echtes Glücksschwein sein. Im Jahr 2019 kommt als Element (Feuer, Erde, Metall, Wasser, Holz) die Erde hinzu, wir haben es also diesmal mit einem veritablen Erdferkel zu tun. Beim „Chinese Light Festival“ hier in Köln gab es die chinesischen Sternzeichen auch als Lichtfiguren. Das Schweinchen war zwar extrem pink und für meine Augen auch ziemlich kitschig, aber vielleicht bringt es uns ja genau die richtige dringend benötigte Extraportion Glück?

Auch diese Ferkelchen habe ich in „Beamish“ getroffen (Foto: BFL)

Good Luck und viel Glück!

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Winter Feeling

„Enchanted Branches“ (Simone Garland)

Dieser Winter gehört sicher zu meinen bisher produktivsten, denn ich habe viel Neues geschrieben, und den Roman, an dem ich schon so lange „poliere“ endlich los gelassen und in die noch eisige Welt hinaus geschickt. Nun muss die kleine Marigard allein bestehen, ohne mich. Ein bisschen einsam fühle ich mich ohne die ständige Nähe meiner Figuren, aber in jedem Abschied liegt auch ein Neubeginn. Jetzt ist mein Kopf endlich wieder frei für ein anderes Buch, für eine andere Geschichte. Ich wünsche meinem jüngsten Romankind, dass ihm recht bald starke Flügel wachsen, die ihn zu seinen Lesern tragen. Alles, was in meiner Macht steht, habe ich getan.

„Frozen Falls“ (Simone Garland)

Außerdem habe ich mich schon die ganze Zeit darauf gefreut, wieder einige von Simone Garlands stimmungsvollen Schneebildern zeigen zu können und meiner Fantasie beim Betrachten und bei der Titelfindung freien Lauf zu lassen. In Kanada war es diesmal wieder besonders frostig, genau wie in den USA, wo ein Jahrhundertwinter die Menschen das Fürchten lehrt. (Schon komisch, dass der derzeitige US-Präsident so gar nicht versteht, dass auch die extreme Kälte mit der zunehmenden Erderwärmung zu tun hat. Aber das hatte ich, ehrlich gesagt, auch nicht anders erwartet.) Selbst die Niagara Fälle sind teilweise wieder zu eiskalter Pracht erstarrt. Wie gern würde ich sie selbst einmal sehen, doch ich habe es bisher immer nur an die Westküste der Vereinigten Staaten geschafft.

„Snow Garden“ (Simone Garland)

Es macht mich ein wenig traurig, dass ich nicht mehr freudig nach draußen laufen kann, sobald ich vor den Fenstern die Schneeflocken tanzen sehe. Mit zunehmendem Alter kommt leider auch die Angst, auszugleiten und zu fallen. Zu genau kann ich mich daran erinnern, dass genau dies meinen Eltern passierte – mehrmals und zum Schluß immer häufiger. Meine Mutter stürzte einmal sogar an Heiligabend und musste Weihnachten mit gebrochenem Oberschenkel im Krankenhaus verbringen. Im Grunde hat sie sich von diesem Fall nie richtig erholt. Die Angst hat sich daher dauerhaft in meinem Gehirn eingenistet. Nein, fallen möchte ich auf keinen Fall. Auch Simone war die kalte kanadische Pracht nach einem bösen Treppensturz in diesem Jahr übrigens so leid, dass sie davonflog in die Wärme, aber wunderbare neue Fotos hat sie trotzdem gemacht.

„Winter Glow“ (Simone Garland)

Mir gefällt der Winterhimmel sehr. Meine Oma sagte früher immer „Die Engelchen backen“, wenn der Himmel leicht bis schwer errötete, und bis heute fällt mir der Satz beim Anblick der frostigen Abendröte jedes Mal ein. Genau wie ein Satz meines Opas beim sommerlichen Zusammentreffen von Regen und Sonne: „Jetzt kommt ein Schneider in den Himmel!“ Er war übrigens selbst Schneider. Und wenn es unerwartet an der Tür klopfte, pflegte er lachend zu sagen: „Nur herein! Wenn’s kein Schneider ist!“ Schon merkwürdig, welche Sätze im Gedächtnis eines Kindes hängen bleiben. Ich habe viel an meine Oma gedacht in den letzten Wochen, vor allem bei meinem vorigen Beitrag über „Mariä Lichtmess“. Wie viele Jahrzehnte hatte ich unseren Besuch der Kirche zum „Kerzenweihen“ vergessen! Die wiedergefundene Erinnerung war ein richtiges Geschenk.

„Not quite fifty Shades of Purple“ (Simone Garland)

Da ich schon seit vielen Jahren Porzellan bemale und wir unsere Farben immer selbst aus Pigmentpulver anmischen, fallen mir beim Anblick der zarten Winterwolken und Winterfarben natürlich auch gleich die vielen kleinen Gläser in allen Farben ein, aus denen wir mit Dicköl und Terpentin unsere Lasuren zaubern. Es gibt gleich mehrere Sorten Purpur, und wenn ich das Bild oben farblich nachmalen müsste, würde ich als erstes zu den Gläsern mit Rosenpurpur, Mittelpurpur und Hellviolett greifen. Ich muss mir morgen unbedingt die anderen Gläschen ansehen, deren Namen mir grade nicht einfallen wollen. Gerade die alten Meissener Porzellanfarben haben zum Teil sehr poetische Namen.

„Polar Bear Icycles“ (Simone Garland)

Dieses Bild von Simone erinnert mich spontan an zotteliges Tierfell, ein wenig sieht es nämlich aus, als stünden hier mehrere Eisbären nebeneinander, zwei große und viele kleine. Richtige Eiszapfen habe ich hier schon lange keine mehr gesehen. Früher hingen sie an den Regenrinnen der Häuser, manchmal auch an den Fenstern. Und Gucklöcher in gefrostete Scheiben habe ich auch schon ewig nicht mehr gemacht. Das ging sehr gut mit einer angewärmten Münze, aber auch mit kräftigem Hauchen. Man musste nur aufpassen, dass einem die Lippen dabei nicht am Eis kleben blieben. Genau das ist mir als Kind mal passiert, und es war alles andere als angenehm!

„Crispy Road“ (Simone Garland)
Snow Lady (BFL)

Immerhin habe ich vorige Woche eine winzige Schneefrau gebaut. Der Schnee war dazu nicht ideal, aber es musste einfach sein. Sie stand ein paar Tage auf dem Tisch und veränderte jeden Tag ihr Aussehen, weil ihre Augen partout nicht an Ort und Stelle bleiben wollten. Die ersten Augen waren kleine Perlen, danach bekam sie Trockenfutteraugen. Ich fürchte die Mäuse, die sich hier jeden Abend ihre Käsestückchen holen, haben sie gefressen. Es sei ihnen gegönnt, denn die kleine Schneefrau hat ja zumindest als Foto alles heil überstanden. Ich muss bei ihrem Anblick an den Zeichentrickfilm „Der Schneemann“ denken, in dem ein dicker großer Schneemann mit einem kleinen englischen Jungen hoch über die Felder und Wälder fliegt – direkt zum Weihnachtsmann. Dazu hört man im Film ein Lied, das ich dazu auch gleich im Kopf habe: „We’re walking in the Air“. Das werde ich mir jetzt gleich mal anhören.

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Lichtmess und Imbolc – Maria und Brigid

Luna Moon Hare im Februar – Imbolc (Wendy Andrew)

Die Tage werden länger, das Licht verändert sich, es wird wieder heller. Ich fand es fast ein bisschen berauschend, heute morgen mit geschärften Sinnen durch meinen Garten zu wandern. Schneeglöckchen und Winterlinge blühen schon, und die ersten Krokusse bahnen sich zartblau und lila den Weg durch die harte Erde. Die Luft war angenehm kühl und klar, ich konnte sie tief einatmen und frisch durch meine Lungen strömen lassen. An einigen Stellen gibt es noch Schneenester, ein paar Teichpunkte sind noch vereist, aber der Rest des Gartens zeigt erste Anzeichen von Frühling. Ich ging bewusst „der Nase nach“. Einige Sträucher blühen gerade, etwa die Japanische Zieraprikose (Prunus mume). Besonders eindrucksvoll sind die intensiv nach Maiglöckchenen und Veilchen duftenden Geißblattsträucher (Lonicera purpusii) und die pfeffrig und zitronig duftende Zaubernuss (Hamamelis). Eigentlich ist sie ja ein Strauch, aber in unserem Garten hat sie die stattliche Größe von mehreren Metern erreicht und sieht eher aus wie ein Bäumchen. Mir gefällt ihr englischer Name: witch hazel. Hexenhasel.

Luna Moon Hare am Winterhimmel (Wendy Andrew)

Im letzten Jahr habe ich mir vorgenommen, die acht keltischen Jahresfeste angemessen zu feiern und vor allem den Mond genau zu beobachten. Ich versuche, mir seine (eigentlich sind es ja „ihre“, denn in den meisten Sprachen ist der Mond eine „Mondin“) schönen deutschen und indianischen Namen zu merken. Drei Vollmonde habe ich bereits zwischen unseren Bäumen bewundert. Im November den Nebelmond oder Nebelung (Beaver Moon, Frosty Moon), im Dezember den Kalten Mond oder Julmond (Cold Moon), und im Januar den Wolfsmond oder Hartung (Wolf Moon), der in diesem Jahr besonders intensiv war, denn er war gleichzeitig auch ein Blutmond. Leider habe ich davon nicht viel sehen können, jedenfalls nicht von unserem Haus aus. Dabei bin ich in der Nacht extra um sechs aufgestanden!

Die acht keltischen Jahresfeste (Wendy Andrew, aus „Luna Moon Hare“)

Der Februar ist ein geheimnisvoller Monat. Sein Name geht zurück auf das lateinische Wort „februare“, das „reinigen“ bedeutet. Es ist die Zeit des Frühjahrsputzes und der Reinigung, die Zeit, sich von Altem zu trennen, um Platz für Neues zu schaffen. Der Februar Vollmond heißt Schneemond, Milchmond oder Hornung, früher hieß er auch Stummer Mond (Snow Moon, Hunger Moon, Milk Moon). In meiner Kindheit markierten den Anfang des Monats zwei besondere Feste, an die ich mich noch gut erinnern kann. Damals endete die Weihnachtszeit erst nach 40 Tagen. Erst an diesem Tag wurden in den katholischen Häusern und Kirchen Krippen und Christbäume abgebaut.

(Foto: pixabay)

Der erste besondere Tag hieß „Mariä Lichtmess“ und war eindeutig weiblich geprägt (seit 1970 steht die „Darbietung des Herrn“ im Vordergrund) und das Fest der Kerzen und Lichter. „Als ich klein war, gab es sogar richtige Lichterprozessionen“, erzählte meine Oma. Aber leider gab es die in meiner Kindheit offenbar nicht mehr. Meine Oma, die selbst Maria hieß, nahm mich morgens mit in unsere Dorfkirche, und wir ließen unsere Kerzen weihen. Wir hatten sehr viele dabei, zwei Taschen voll. Die meisten Kerzen waren lang und weiß, aber verschieden groß und dick. Zur Kerzenweihe nahmen wir auch die Kerzen von Verwandten mit, die an dem Morgen keine Zeit hatten, weil sie arbeiten mussten oder krank waren. Damals war es wichtig, stets geweihte Kerzen im Haus zu haben, und neben der Eingangstür hing auch immer ein kleines Gefäß mit Weihwasser, hinter dem der kleine Palmzweig steckte, der jedes Jahr an Palmsonntag gesegnet wurde. Wir zündeten in meiner Kindheit übrigens auch bei Gewitter oder Unwetter Kerzen an, die sogenannten „Wetterkerzen“. Auch die Kirchenkerzen, die im Laufe des Jahres in der Kirche brennen würden, wurden an diesem Tag geweiht – Altarkerzen, Kommunionkerzen und Taufkerzen. Alle wurden gesegnet und mit Weihwasser besprengt. „Das Fest heißt auch Mariä Reinigung“,erklärte meine Oma. 40 Tage nach der Geburt eines Sohnes wurden die Mütter nämlich wieder „eingesegnet“. Bis dahin galten sie als „unrein“, was mir höchst ungerecht vorkam. „Mariä Reinigung“? Wieso sollte eine Frau „unrein“ sein, nur weil sie ein Baby bekommen hatte? Oma erklärte mir, dies sei ein sehr feierlicher Akt, aber so richtig konnte ich ihr das nicht glauben.

(Foto: pixabay)

Heute bin ich oft dankbar dafür, dass ich mitten im Marienkernland am Niederrhein groß geworden bin, wo im Volksglauben die Große Göttin in Form der Muttergottes noch eine enorme Bedeutung hatte – und wohl immer noch hat. So leicht ließ sie sich hier nicht vertreiben, überall stehen ihre Kirchen und Kapellen, und im Mai bekam sie ihren eigenen Maialtar und eigene Andachten mit schönen Liedern. Soweit ich mich erinnere, beteten meine Oma und meine Großtanten ausschließlich zu Maria. Ansonsten höchstens zum heiligen Antonius, wenn sie mal wieder Sachen verlegt und verloren hatten. „Auf den ist meistens Verlass“, sagte Oma, und sie hatte Recht. Durch die Omnipräsenz von Maria bekam ich schon früh ein Problem mit der (männlichen) Dreifaltigkeit, auch wenn man sich den heiligen Geist durchaus weiblich vorstellen kann, denn er verkörpert im Grunde die Lebensenergie und die Schöpfungskraft, also ein mütterliches Prinzip. Leider heißt sie trotzdem der Geist im Deutschen, was mich nicht überzeugte. Im biblischen Urtext steht für das deutsche Wort Geist „ruach“ (Hebräisch) im Alten Testament sowie „pneuma“ (Griechisch) im Neuen Testament. Beide lassen sich mit Hauch, Luft oder Wind übersetzen. Trotzdem fehlte mir Maria! Nachhaltige Beruhigung trat erst ein, als ich irgendwann die Große Göttin in all ihren Manifestationen und mit all ihren Namen entdeckte.

Die drei Matronen in Nettersheim (BFL)

Der Wallfahrtsort Kevelaer war nicht weit, aber wirklich gefreut hat mich die Erkenntnis, dass ausgerechnet in meiner Gegend in der Römerzeit (70-240 n Chr.) drei ungewöhnliche Göttinnen verehrt wurden: die drei Matronen. Sie entsprechen in vielem der keltischen Dreiheit Maiden, Mother, Crone (Jungfrau, Mutter, weise Alte). Doch das wusste ich als Kind leider noch nicht, auch wenn die Niers schon früh mein Seelenfluss war, mit dem ich gelegentlich sogar „sprach“. Merkwürdigerweise hatte ich auch immer das Gefühl, dass ich eine Antwort bekam. In der Tat gab es genau dort zur Römerzeit einen Stein für die drei Niersmatronen. Sie kommen auch in einer meiner Erzählungen vor, die „Nebel über der Niers“ heißt.

Brigid und Zaubernuss (BFL)

In Irland ist der 2. Februar der Tag der heiligen Brigid, die wahrscheinlich aus einer alten heidnischen Licht- und Frühlingsgöttin hervorging und dann kurzerhand zur Heiligen erklärt wurde, weil sich ihre Verehrung nicht unterdrücken ließ. Das alte Fest heißt auf Englisch Imbolc (bei uns Imbolg – wahrscheinlich bedeutet es „im Bauch“), und wird vom Sonnenuntergang des 1. bis zum Sonnenuntergang des 2. Februar gefeiert. In der Göttinnen-Triade verkörpert sie das junge Mädchen, die jungfräuliche Göttin, also die Maiden. In Irland hat sie ein eigenes Symbol, das Brigid-Kreuz. Es soll das Haus und seine Bewohner beschützen. Vor vielen Jahren habe ich mir aus Irland so ein Kreuz mitgebracht. Seitdem hängt es hier im Haus, doch bis vor kurzem habe ich es nie richtig „gewürdigt“. Diesmal wollte ich die Jahrestage bewusster begehen, sowohl den alten Lichter-Kerzen-Tag, der mich so an meine Oma erinnert, als auch das Fest von Brigid, deshalb habe ich viele Kerzen angezündet und mir eine Brigid-Figur gemacht. Traditionell ist sie aus Stroh, Bast oder Binsen, aber da ich nichts davon hatte, bekam meine Brigid ein Kleid aus frühlingsfarbenen Bändern. Brigid ist eine Lichtbringerin, ihr Element ist das Feuer, und sie trägt das neu erwachte Licht, eine hell leuchtende Flamme in den Händen. So bringt sie Wärme und Erleuchtung in die kalte Zeit und beschützt das neu geborene Leben. 

Am 3. Februar gingen wir übrigens gleich wieder in die Kirche und holten uns den Blasius Segen, an den ich allerdings bald nicht mehr glaubte. Wie konnte der heilige Blasius nur zulassen, dass ich ausgerechnet am Tag meiner Erstkommunion Mumps hatte, mit meinen dicken Backen aussah wie ein veritables Hamstermonster und gleich nach der Messe wieder ins Bett musste?

„Softly to Avalon“ (Wendy Andrew)

Die Bilder von Luna Moon Hare stammen aus dem gleichnamigen Buch von Wendy Andrew, einer britischen Künstlerin, die u.a. Karten, Poster und ein wunderschönes „Goddess Wheel“ gestaltet hat. Sie hat eine Homepage, die Painting Dreams heißt, hier ist der Link: Wendy Andrew . Thank you so much for your pictures, Wendy!

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Nur eine Frage der Zeit

Die stille Zeit ist vorüber. Schon Februar! Den Christbaum habe ich wie immer am Dreikönigstag entschmückt, ein paar Tage später mit leichtem Bedauern die Adventskalender abgehängt und sämtliche Weihnachtskarten bis auf eine (der Hase ist einfach zu schön!) aus dem echt britischen Kartenhalter gepflückt und im Kartenkarton verstaut. Unsere provenzalische Krippe habe ich erst letzte Woche abgebaut. Die kleinen Tonfiguren stehen jetzt wieder in ihrer Vitrine, wo sie (zumindest für mich) das ganze Jahr über sichtbar sind. Im Laufe der Zeit sind es immer mehr geworden. Ungefähr siebzig müssen es schon sein, Tiere mitgerechnet. Häuser, Bäume und Laternchen liegen jetzt in der Krippenkiste und müssen im Dunkeln auf den nächsten Jahresauftritt warten. Alles hat seine Zeit.

(Foto: pixabay)

Schmücken und Abschmücken (genau wie Weihnachten und Silvester) machen mich immer irgendwie traurig. Wohl weil ich mir dabei zu viele Gedanken mache. Über die Vergänglichkeit. Über die Vergangenheit. Die Zeit im Allgemeinen. Tempus fugit. Die Zeit rast! Im Sauseschritt! Schon wieder Weihnachten! War das nicht grad erst? Schon wieder abschmücken! Ich hab den Baum doch gestern erst geschmückt! Schon 2019! Ist es wirklich schon ein halbes Jahrhundert her, dass ich zum letzten Mal mit meinem Vater Moos für die Krippe gesammelt habe? Schon zwanzig Jahre, dass meine Mutter an Heiligabend ihren speziellen Heringssalat gemacht hat? Ist sie wirklich schon seit acht Jahren tot? Und mein Vater seit sechs Jahren? Ist es wahr, dass alle unsere Enkel schon zur Schule gehen? Dass von meinen Katzen nur noch eine lebt? Wo ist die Zeit geblieben? Time is a jetplane! Möglicherweise ein ganz normales Gefühl, wenn man älter wird. Die Zeit wird immer kostbarer, aber leider auch immer knapper. Man darf sie nicht verschwenden, nicht vertrödeln, nicht verlieren und ihr nicht hinterherhinken. Festhalten kann man sie wohl nur mit der Kamera oder vielleicht mit dem Füller oder der Computertastatur. Wenn man Glück hat. Kontrollieren kann man sie leider auch nicht. Zurückdrehen oder anhalten schon gar nicht. Das kann sie nur selbst. Und hadern sollte man besser auch nicht mit ihr. Oder ständig über sie jammern. Das mag sie nämlich nicht, wie ich seit kurzem weiß.

(Foto: pixabay)

Weihnachten war diesmal ein echter Reinfall. Die Nordmanntanne war eindeutig von einem potenten Kater besprüht worden, was zum Glück nur meine (hochsensible) Nase (leider ziemlich massiv) störte, und ausgerechnet an Heiligabend setzte mich eine Lebensmittelvergiftung schachmatt. Der Ziegenkäse hatte zwar seine Mindesthaltbarkeitszeit noch lange nicht erreicht, schmeckte aber irgendwie komisch, was mir meine (hochsensiblen) Geschmacksknospen deutlich signalisierten. Hätte ich doch nur auf sie gehört! Aber ich war nun mal mitten beim Baumschmücken und Zeithadern und voll im Stress. Immer dieser Zeitdruck! In der folgenden Nacht ging es los, und danach war ich so krank, dass wir die Feiertage und das Familienessen „verschieben“ mussten. Ich lag flach, konnte weder essen noch trinken und war sogar zu krank zum Lesen und Fernsehen. Was bei mir extrem selten vorkommt. Diese Übelkeit! Wie bei einem akuten Anfall von Seekrankheit wünschte ich mir nur noch, mein Bett möge bitte sofort und auf der Stelle mit mir untergehen. Die stechenden Kopfschmerzen bitte gleich mit!

Ich hätte die Zeit liebend gern totgeschlagen, ich wusste nur nicht, wie. Sie muss es gespürt haben, denn zu meiner großen Verblüffung trat sie plötzlich neben mein Bett. Und stand wahrhaftig still! „Ich kann auch anders!“, sagte sie leise. „Merk es dir gut, bevor du wieder anfängst zu jammern, weil ich angeblich zu schnell bin!“ Daraufhin wechselte sie vor meinen Augen in den niedrigsten Schneckentempo-Gang, den man sich vorstellen kann. Und verschwand. Vier Tage und vier Nächte lang ließ sie mich völlig links liegen. Erst als ich anfing, mich wieder etwas besser zu fühlen, lächelte sie, startete durch und beschleunigte auf Normaltempo.

Seitdem rast sie in alter Frische. Mit einer kurzen Unterbrechung. Das war Mitte Januar. Ich hatte mal wieder den halben Tag mit ihr gehadert und vor lauter Zeitdruck meine guten Vorsätze vergessen. Alte Gewohnheiten wird man nun mal nicht so leicht los. Es begann hoffnungsvoll. Ich hatte keine Lebensmittelvergiftung, und wir konnten die geladenen Gäste empfangen und bewirten. Alles war bestens vorbereitet. Bloß die Quiche Lorraine musste noch aus dem Ofen geholt werden. Dummerweise löste sich beim Heben der Metallring vom Inneneinsatz und rutschte mir auf den (unbedeckten und überaus hochsensiblen) Unterarm. Es tat so höllisch weh, dass ich die Quiche sofort fallen ließ. Spontanreflex. Glucksend kippte sie kopfüber zurück in die offen stehende Backofentür und zerbarst in unzählige zitternde Stücke. Irgendwie schaffte ich es, die Wabbelteile schnell in eine Schüssel zu schaufeln, bevor ich das Coolpad (man sollte wirklich stets so einen Gel-Eisbeutel parat haben) aus dem Kühlschrank riss und auf den flammenden Arm presste. Das Malheur tat so weh, dass ich am liebsten geheult hätte.

Die bemerkenswert stoischen Gäste verzehrten mit Todesverachtung den größten Teil der Unglücksquiche, die alle Anwesenden stark an Kaiserschmarren erinnerte. Sie schmeckte gar nicht mal schlecht. So lange man sie beim Essen nicht ansah. Ich selbst konnte weder die Schmarren-Quiche noch das perfekte Parfait genießen und rannte immer wieder in die Küche, um meinen schwer entflammten Arm unter eiskaltes Wasser zu halten. Die Stelle, an der mir die Käse-Ei-Füllung auf die Haut geblubbert war, machte Anstalten, sich in eine riesige Blase zu verwandeln, und die Stelle, an der mich das Metall getroffen hatte, mutierte zu einer langen feuerroten Linie.

Wieder zeigte mir Frau Zeit eindrucksvoll, wie endlos langsam ihr Zeitlupengang sein kann. Nach etwa fünf Stunden Ewigkeit hörte mein Arm schlagartig auf zu schmerzen, was mich sehr verwunderte und mit tiefer Dankbarkeit erfüllte. Er sah zwar immer noch nicht schön aus (das tut er auch jetzt noch nicht), aber er tat wenigstens nicht mehr weh. Und es gab auch keinen Rückfall. Vielleicht lag es am Coolpad und an den vielen Eisklümpchen, die ich dauernd auf mir schmelzen ließ. Aber vielleicht hatte Frau Zeit diesmal tatsächlich etwas schneller Erbarmen mit mir, weil sie sah, dass ich ihre Message nachhaltig kapiert hatte. Jedenfalls schaltete sie wieder zurück auf „normal“. Wie beruhigend. Ich lasse sie jetzt in Ruhe rasen, arbeite fleißig an meiner Stressresistenz und werde mich in Zukunft zurückhalten mit zeitkritischen Äußerungen. Sie wird schon wissen, was sie tut.

(Foto: pixabay)
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