Herzlich Willkommen!

Herzlich willkommen auf meiner Homepage! Hier finden Sie neue und alte Blogbeiträge sowie Informationen zu mir und meinen Büchern. Auch zu meinem Köln-Roman, der nahezu fertig ist. Ein besonderes Dankeschön geht an meine Assistentin Alice, die gerade neben mir liegt und deren entspanntes kehliges Schnurren Sie leider nicht hören können. Sie hat die Seite „Katzen“ fast ganz allein gestaltet und mich bei allen anderen Einträgen zuverlässig inspiriert. Ein Katzenbuch haben wir für die nahe Zukunft auch schon geplant, ich muss die Texte nur noch überarbeiten. Falls Sie nach einem bestimmten Thema oder Buchbeitrag suchen: einfach rechts die Überschrift oder das Schlagwort anklicken, dann kann man sie bequem mit dem jeweiligen Beitragsbild sehen. Schön, dass Sie mich gefunden haben – und viel Vergnügen beim Lesen und Schauen!

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Halloween im Belgischen Viertel

Geistertisch (Foto: Franta)

Mitte der 1980er Jahre zog ich aus der wuseligen Kölner Südstadt ins damals eher beschauliche Belgische Viertel, das zu dieser Zeit noch ein echter Geheimtipp war. Ich fühlte mich dort gleich zu Hause und freue mich bis heute jedes Mal, wenn ich in die Maastrichter Straße einbiege und die vertrauten Türme von St. Michael sehe. Obwohl ich schon seit zwanzig Jahren im „Wilden Westen“ Kölns lebe, bekomme ich manchmal noch richtiges Heimweh nach „meinem“ alten Viertel. Deshalb spielt dort auch mein nächster Roman. So wohne ich zumindest im Buch direkt gegenüber von St. Michael und genieße den Blick auf die Bäume, den Platz und die Kirche.

Lady Liberty mit Pumpkin (Foto: Franta)

Zu meiner Überraschung öffnete 1989, als man von Halloween in Köln noch wenig wußte, ein ungewöhnlicher Laden an der Ecke Maastrichter und Brabanter Straße und schmückte sich Ende Oktober auch gleich mit Hexen und Geistern. Da ich gerade in den USA gewesen war und als Übersetzerin ohnehin vor allem amerikanische Bücher ins Deutsche übertrug, kam mir das bunte Fleckchen Amerika in unserer Straße gerade recht. Abends, wenn ich müde vom Englischunterricht nach Hause kam, begrüßte mich schon von weitem die strahlende Leuchtreklame. Da ich nur wenige Häuser entfernt wohnte, kam ich jeden Tag an den Schaufenstern und den riesigen Figuren vor dem Geschäft vorbei. Im Sommer war es eine Freiheitsstatue, die an Halloween gar mit einem Kürbis geschmückt war, im Winter ein illuminierter Schneemann oder Father Christmas höchstpersönlich.

„FRANTA“ brachte amerikanisches Flair ins Viertel und Farbe in den Alltag. Leider konnte ich mir zunächst keines der tollen Objekte leisten. Bis ich mich eines Tages in Nipper, den traurig blickenden Hund von „His Masters Voice“, verliebte, den ich später Murphy taufte und der auf meinem Schreibtisch immer noch treu und brav Wache hält. Merkwürdigerweise teilte mein Maine Coon-Kater Ben diese Liebe, und ich fand ihn oft genug pfötchenhaltend mit Murphy vor. Meine amerikanischen Katzen Cisco, Ben, Elaine und Alice spielen im Buch eine wichtige Rolle. Und Marigard, die Erzählerin, bekommt von Frau Franta (genau wie ich) einen besonderen Nachbarinnen-Sonderpreis, als sie sich (genau wie ich) in Murphy verguckt.

Ben mit Murphy (BFL)

Außer dem eigentlichen Laden gibt es auf der Maastrichter Straße auch in anderen Gebäuden „FRANTA“-Schaufenster, und im gegenüberliegenden Parkhaus befindet sich eine große Galerie, die man allerdings erst auf den zweiten Blick entdeckt.

Inzwischen sind die Wohnungen im Belgischen Viertel, das bis heute mein Seelenviertel ist und von mir (mindestens!) zweimal im Monat besucht wird (schon weil ich mein Schwarzbrot grundsätzlich nur in der Bäckerei „Zimmermann“ kaufe), extrem teuer und begehrt. Vor allem gut Betuchte lassen sich heute hier nieder, und auch die Geschäfte, Galerien und Kneipen haben sich verändert und auf den wachsenden Touristenstrom eingestellt.

Halloween Witch (Foto: Franta)

Im Sommer ist der Brüsseler Platz nachts kaum wiederzuerkennen, weil er so laut und überfüllt ist. Doch tagsüber sind die Straßen manchmal noch so still wie früher, als unser gemütlicher Briefträger Hans Kranz, die „Seele des Viertels“, dort die Post austrug und für jeden Bewohner ein freundliches Wort hatte. Ich habe ihn zum Glück schon damals für meinen Roman ausgiebig interviewt, genau wie den schrillen Paradiesvogel Hermann Götting, der täglich mit ausgefallenen Kostümen und Hüten in Begleitung seiner Hunde im Belgischen Viertel Hof hielt. „Dann möchte ich aber auch ein eigenes Kapitel!“, hat er damals gemeint. Das hat er auch bekommen. Wie schade, dass die beiden das Buch nicht mehr lesen können.

Auch längst verschwundene Läden gibt es bei mir noch, etwa die Krimi-Buchhandlung „Alibi“ mit ihrem Besitzer Manni Sarrazin, die große italienische Eisdiele am Brüsseler Platz mit Hofterrasse, den Kinderbuch- und Spielzeugladen „Gebrüder Grimm“ (am Mauritiussteinweg), die BUNT-Buchhandlung (in der Ehrenstraße), die Reisebuchhandlung „Gleumes“ (am Ring) sowie in völlig verwandelter Form und an anderer Stelle das Antiquariat „Heibutzki“, das früher am Rudolfplatz war. Einige meiner Lieblingsgeschäfte wie „FRANTA“ und „Papelito“ (im Kwartier Latäng) sind geblieben. Rolf Ormanns, der einstige „Herr Papelito“, lebt leider nicht mehr, doch auch er wußte von meinen Buchplänen und hatte Lust auf einen kleinen Gastauftritt. Über seine wimmelige Schatztruhe und deren neue Besitzerin werde ich noch einen eigenen Beitrag schreiben, genau wie über Hermann Götting. Die Fotos dazu habe ich schon. Etliche „Papelito“-Schätze habe ich natürlich als echte Sachensammlerin auch hier bei mir im Haus.

Spooky Pyramid (Foto: Franta)

Americana sind sicher nicht jedermanns Geschmack, aber mich haben die Möbel und Leuchten, die ausgefallenen Designartikel, die eindrucksvollen Ventilatoren, die großen und kleinen Walt Disney Figuren und die riesigen Jukeboxes im „FRANTA“ immer fasziniert. Dort findet man neben echten Klassikern und Kultobjekten des 20. und 21. Jahrhunderts, die man übrigens nicht nur kaufen, sondern auch für Partys, TV-Beiträge oder Filme mieten kann, noch viele andere Gegenstände, zum Beispiel US-Nummernschilder und Reklameschilder (eins davon hängt heute in unserer Küche). Eindrucksvoll finde ich auch den verstellbaren Frisierstuhl mit Pferdekopf für Kinder. Alles wird liebevoll zusammengetragen vom Eigentümer Georg Franta, der mir freundlicherweise auch die Fotos zu diesem Artikel zur Verfügung gestellt hat und wahrscheinlich zu jedem Stück eine lange Geschichte erzählen kann.

Er weiß genau, woher seine Schätze kommen: Der einarmige Bandit stammt aus Illinois, der eine Flugzeugpropeller aus Alabama, der andere aus Dallas, das Postoffice kommt aus dem Wilden Westen, das Holz-Surfbrett aus Florida, das alte Motorboot aus Miami, und die Tanksäule ist aus Manhattan, und zwar aus der Zeit des Art Deco. Pünktlich zu Halloween leuchten bei „FRANTA“ immer noch die Kürbisse, Geister und Hexen. Das Antiquariat in meinem Buch leiht sich jedes Jahr einige aus, damit es auch am Brüsseler Platz richtig schön gruselig wird. Mein Buchvater, der Übersetzer Martin Baker, ist schließlich Amerikaner. Übrigens backt er überaus leckere Halloween-Cupcakes und kocht die beste Kürbissuppe, die man sich vorstellen kann. Ein begnadeter Koch ist er nämlich auch.

Cupcakes (Foto: Unsplash)

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Nebelwege – Erinnerung an Hans-Joachim Leidel

Hans-Joachim Leidel (Foto: privat)

Die Spuren meines Schwiegervaters findet man überall in unserem Kölner Haus, obwohl er noch nie hier gewesen ist. Seine Bilder hängen an unseren Wänden, seine Bücher stehen in unseren Regalen. In den tiefen Schubladen seines alten Schreibtischs, der natürlich wie jeder richtige alte Schreibtisch ein Geheimfach besitzt, das zu öffnen nur unter Lebensgefahr möglich ist, nisten jetzt meine Buchkinder, Farben und Kreiden. In unserem Eisenbahnkeller schlummert in riesigen hölzernen Brandkisten geduldig sein umfangreiches „Archiv“, das vor allem aus vergessenen vergilbten Zeitungsausschnitten besteht, mit denen außer ihm sicher kein Mensch etwas anfangen kann.

Mr Grips (BFL)

Im Arbeitszimmer meines Mannes haust der bizarre Mr Grips. Ein erschreckendes Wesen, erschaffen von Hans-Joachim Leidel, aus einer krummen, scharfspitzigen  Gartenhäckchenklaue und einem aufgespießten unförmigen Kopfklumpen aus dunkelgrauem Typenreiniger. Jeden, der ihm zu nahe kommt, starrt er bedrohlich aus trüben Augen an. Ich finde, der Kopf von Mr Grips riecht nach uralter Knete. Als Kind hätte ich Angst vor diesem schwarzen kleinen Alptraumteufel gehabt.

Leider habe ich Hans-Joachim, den ich heimlich Jachym nenne, weil ich Menschen, die ich mag, gern meinen ganz persönlichen Namen gebe, nie kennengelernt. Er starb allzu früh mit nur sechsundvierzig Jahren, und ich war in seinem Todesjahr erst sieben. Heute, am 28. Oktober, ist sein Geburtstag. Heute vor hundertdrei Jahren wurde er in Angermünde in der Uckermark geboren. Trotzdem ist Jachym für mich kein Fremder, denn sein Sohn hat mir viel über ihn erzählt. Jachyms Gedichte habe ich unzählige Male gelesen, die Lieblingsstellen fest im Gedächtnis verankert. Und immer rauscht das Meer in meinen kleinen Muscheln; die Keilschrift ziehender Vögel bedeckt mich ganz. Holunderburg, mein Fernwehheim.

Hans-Joachim Leidel als Student, ca. 1940 (Passfoto)

Sein Gesicht ist mir von den kleinen Fotos vertraut, die ich im Lauf der Jahre in Schubladen, Alben und Kartons gefunden habe. Die meisten sind unscharf, und ich habe sie gescannt, bearbeitet und genau betrachtet. Ich kenne sein unbeholfenes Jungengesicht, sein erschöpftes Soldatengesicht, sein glückliches Vater- und Gattengesicht, sein müdes Arztgesicht, sein nachdenkliches Dichtergesicht. Ich weiß sogar, wie er ging. Sehr aufrecht, den Kopf in den Nacken gelegt, den Blick nach oben gerichtet. So sehe ich ihn unter der Linde den Nahrungsberg hinab in die Stadt gehen. Jachym Guck-in-die-Luft. Gassenhans, Spelunkenwurm, wandert durch die Stadt. Geht das letzte Haus kaputt, Königskerze auf dem Schutt beugt sich tief im Sturm.

Er war sehr kurzsichtig, hatte blondes Haar, liebte es, sich beim Barbier rasieren zu lassen, auch wenn er sich das so gar nicht leisten konnte. Nur bei seiner Augenfarbe bin ich mir nicht ganz sicher. Vermutlich waren seine Augen blau. Er besaß einen grünen Lieblingsmantel und eine schwarze Baskenmütze, die immer noch irgendwo hier im Haus ist. Schlenderhannes, Hundertfuß, springt im ersten Tau. Dieser Schwalbe meine Hand, jeder Rose Kuß und Band, wie der Fuchs so schlau.

Hans-Joachim Leidel, 50er Jahre (Foto: privat)

Bei der Gartenarbeit trug er eine zerbeulte alte Hose, die nicht etwa mit einem Gürtel, sondern mit einem zerfaserten Strick zusammengehalten wurde. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich ihn in seinem Gießener Garten auf der alten Bank sitzen, zwischen den großen duftenden Rosenbüschen, tief unter dem dichten Blätterdach und den Schneekaskaden des Holunders, in seinem Fernwehheim, über das er auch ein Gedicht geschrieben hat. Dieser Anfang! Schneckenstille. Unbewegte Luft – Über niederem Dach die Holunderburg – Aber wir sehen hinaus: Ach, die schönen Stürme dort, die Jagden, Falkenflüge, la rive gauche. Paris. Dort wär er gern gewesen. Schneckenstille könnte die Mittagsstille neben ihm auf der Bank sein, kurz bevor der erschreckende Pan erscheint. Schneckenstille. Unbewegte Luft. Im Herbst ging er in den Botanischen Garten in Gießen und sammelte Samen von interessanten Pflanzen. In leeren Ephedrin-Röhrchen. Das Medikament brauchte er für sein quälendes Asthma. Und er brauchte es auch, um durch die Tage und Nächte zu kommen. Seine besonderen Lieblinge waren die Schachbrettblumen. Sie wachsen auch bei uns im Garten.

Der Arzt Hans-Joachim Leidel (Foto: privat)

Viele schöne Wörter hat mir mein Schwiegervater geschenkt. Nicht nur das Fernwehheim, die Schneckenstille, die Keilschrift der Vögel und die Holunderburg. Auch den witzigen „Früchtekorb Gellert“ (benannt nach dem Dichter Fürchtegott Gellert), die Alfanzereien, den Hundewein (Holunderwein), das Schmäuzchen (Haferflocken mit Milch und Zucker) und das „arme“ und das „alte“ Wasser. Was für eine geniale Idee, im Badezimmer einfach die ersten Buchstaben am Wasserhahn abzukratzen. Wie nur zwei Buchstaben die Welt verändern können! Eine besonders lästige Stubenfliege, die ihn ständig umbrummte und sich vorwiegend von gekochten Nudeln ernährte, taufte er Mr Pollock und berichtete über deren Befindlichkeit sogar in seinen Briefen. Mr Pollock ist wohl auch der Grund, warum hier im Haus die Fliegen mit Respekt behandelt und vorsichtig nach draußen getragen werden, auch wenn sie noch so nerven. Wie schade, dass ich Jachyms Stimme nicht kenne. Sie war tief und wohltönend, und wenn er seine vielen Geschichten erzählte oder aus seinen Gedichten las, klang es, als würde er singen. Das letzte Wort hätte er übrigens beim Rezitieren sin-g-en ausgesprochen.

Hilde und Hans-Joachim Leidel (Foto: privat)

Er liebte Frankreich. Bestimmt konnten die Franzosen seine Vornamen nicht richtig aussprechen. Hans-Joachim. Hans. Joachim. Jochen. Lange suchte ich nach meinem Namen für den Menschen, der mir aus der Ferne wohl vertraut ist, obwohl ich ihn nie getroffen habe. Doch das stimmt nicht ganz. Einmal sah ich ihn. Nur wenige Sekunden lang, unverhofft und unvergessen. Auf dem Gießener Friedhof, an dem herbstlichen Nebeltag, als mein Mann mich zum ersten Mal mitnahm zum Grab seiner Eltern. Ich war sehr aufgeregt, denn es fühlte sich an, als würde er mich tatsächlich zu ihnen bringen, um mich ihnen vorzustellen. Als wir das Grab erreichten, sah ich die beiden. Sie erwarteten uns bereits. Sie standen nebeneinander, lächelten und nickten. Jachym hatte den rechten Arm um seine Frau Hilde gelegt. Fast sah es aus, als stünden sie vor ihrer Haustür am Nahrungsberg und würden mich freundlich willkommen heißen. Die Begegnung ist nun schon zwanzig Jahre her und war durchaus verstörend. Nicht nur für mich. Ich hätte wohl nie gewagt, darüber zu sprechen oder zu schreiben, wenn mein Mann seine Eltern nicht genauso klar und deutlich gesehen hätte. Im selben Moment, wie er mir später gestand. Er neigt so gar nicht zu Visionen, aber an diesem Nachmittag sah er dasselbe wie ich. Sein Vater stand neben seiner Mutter und hatte den Arm um sie gelegt. Sie lächelten und nickten uns zu. Wir hatten das Glück, uns sehr nah zu sein an jenem Nebeltag. Aber der Herbst ist ja die Zeit, wenn der Vorhang zwischen den Welten durchlässig wird und sich gelegentlich sogar kurz öffnet. Leise, wie im Käfig unterm Tuch.

Hans-Joachim Leidel, 50er Jahre. (Passfoto)

Mein Schwiegervater hatte viele Namen und spielte gern mit Pseudonymen. Manchmal hieß er Bé Auf Der Stejne, Jehan Bronx oder einfach nur Bronx. Jachym ist die tschechische Form seines Vornamens. Ja, so hätte ich ihn wohl genannt, wenn ihm mein Name auch gefallen hätte, und so wird er auf jeden Fall heißen, sollte er eines Tages in meinen Büchern erscheinen. Apropos Bücher: Vielen in unserem Haus sieht man sofort an, dass sie einst Jachym gehörten. Er hatte seine ureigene und reichlich gewöhnungsbedürftige Art, sie zu „reparieren“, wenn sie auseinanderzufallen drohten. Er verarztete sie einfach notfallmäßig mit hässlichem rotem Gewebeklebeband. Er muss Unmengen davon gehabt haben. Ab und zu versuchen wir halbherzig, unsere riesige Bibliothek aufzuräumen und uns wenigstens von den ältesten vergilbten oder zerlesenen Ausgaben zu trennen. Doch Bücher, an denen rotes Klebeband glüht, sind tabu. Sie sind verzaubert und dürfen bleiben. Unantastbar sind auch die nicht glühenden, wenn vorn in fester schräger Schrift sein Name steht. Fast immer findet man darunter auch das Datum, an dem er das Buch kaufte oder geschenkt bekam.

Das kleine Tagebuch von 1933 (BFL)

Überhaupt ist mir seine Handschrift fast noch vertrauter als sein Gesicht. In einer besonderen Schublade, die wie alle Schubladen in unserem Haus heftig klemmt und sich nur mit äußerster Anstrengung und einem komplizierten Schloss öffnen lässt, liegen seine Aufzeichnungen und viele seiner handgeschriebenen Gedichte. Auch die ganz frühen. Ach wie der Mond die Dinge traurig macht. Durchs Wiesenland sieht man die Weiden steigen. Zikaden sticken in den blauen Zweigen den lichten Saum an das Gewand der Nacht. Wir haben sogar noch das kleine Tagebuch aus seiner Schulzeit, allerdings ist die Schrift darin so winzig, dass man sie kaum entziffern kann. Und im Nachttisch meines Mannes befinden sich die Hefte, in denen Jachym die Gedichte anderer sammelte. Gelegentlich blättere ich darin. Es sind vor allem Herbst- und Wintergedichte. Etliche Autoren kenne ich nicht. Doch ich entdecke darin auch Werke von Ezra Pound, Rudolf Hagelstange und Georg Trakl. Und sogar alte Bekannte wie Ingeborg Bachmanns „Anrufung des Großen Bären“ (Großer Bär, komm herab, zottige Nacht, Wolkenpelztier mit den alten Augen), ausgeschnitten am 22. September 1956 aus der FAZ. Und „Die bösen Sieben“ von Christian Morgenstern (Im Nebelgeriesel, im tiefen Schnee, im wilden Wald, in der Winternacht), ausgeschnitten am 1.4.1953. Es gibt auch ein Buch, in dem Jachym verzeichnet hat, was er gerade gelesen hatte. Mich hat überrascht, dass er Ludwig Bemelmans kannte. Ihn würde wahrscheinlich überraschen, dass ich Ludwig Bemelmans kenne.

Verfall heißt dein Gesang. Tod heißt dein Lied. Jachym war überzeugter Kriegsgegner, doch das hat ihn nicht vor dem Krieg schützen können. Er wurde als Lazarettarzt in Frankreich und als Sanitätsarzt einer Panzerdivision an der Ostfront eingesetzt, Erfahrungen, die ihn nachhaltig prägten. Das Abzeichen der Internationale der Kriegsdienstgegner mit dem zerbrochenen Gewehr, broken rifle, Hände zerbrechen Gewehr, das er stets am Revers trug, hat er mit ins Grab genommen. Über den Krieg schrieb Jachym eindringliche Gedichte. Das Weiße im Auge des Gegner. Mondschein an der Front. Gegend der Trauer. Doch sie verdienen einen eigenen Beitrag. Später. Wenn es kälter wird. Im Winter. Bald.

(Die Zitate stammen aus seinen Gedichten „Mein Fernwehheim“, „Leise, wie im Käfig unterm Tuch“, „Schlenderhannes“, „Sommernacht“ und „Rondel“.)

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Kürbisrausch

Schon lange freue ich mich darauf,  Simone Garlands Herbst- und Winterfotos zu zeigen und dazu etwas zu schreiben. Schade, dass ich mich nicht einfach mal schnell mit meiner Kamera zu ihr nach Kanada beamen kann, denn hier in Köln findet man so stimmungsvolle Motive natürlich nicht. Ich würde bestimmt sofort in den absoluten Kürbisrausch verfallen. Ganze Felder, Vorgärten und Karren voller pumkins hat Simone auf ihren Bildern eingefangen, herbstlich geschmückte Verandastufen, grinsende Kürbiskerle mit Holzfällerhemden, alte Schindelhäuser unter bunten Bäumen und lodernde Laubfeuer im kanadischen Indian Summer. Im Kleinen habe ich es dieses Jahr endlich auch selbst mal geschafft, eine Veranda nach Herzenslust zu bestücken, denn ich habe meinen Mäusen eine amerikanische Mini-Veranda gebaut. Aber das ist natürlich nicht dasselbe.

Keine Ahnung, warum mich dieses Fest von Anfang an so fasziniert hat – lange, bevor es in Deutschland überhaupt bekannt war. Es muss die prickelnde Mischung aus Melancholie, Farbrausch, Vergänglichkeit und Gruselschauer sein. Zum ersten Mal bestaunte ich die ausgehöhlten Kürbisse und die Hexen mit den schwarzen Spitzhüten als Kind in einem Donald Duck-Heft, das mir ein Handwerker schenkte, der in unserem Keller ein defektes Wasserrohr reparierte. Ich muss noch sehr jung gewesen sein, denn ich konnte noch nicht selbst lesen. Ich weiß noch, wie mir der freundliche junge Mann die Sprechblasen vorgelesen hat. Das Wort Halloween hat er falsch ausgesprochen, weil er es auch noch nicht kannte. Das Heft habe ich lange gehütet wie einen Schatz. An dem Nachmittag wurde ich gleich auch Donald Duck-Fan. Meine Kollegin Dr. Erika Fuchs, die Übersetzerin der Walt Disney-Hefte, war übrigens ein echtes Genie. Wem sonst wären Namen wie Gundel Gaukelei oder Fähnlein Fieselschweif eingefallen!

Später begegneten mir die grinsenden pumpkins in Büchern und Bilderbüchern wieder, auf ganzseitigen Fotos in Bildbänden, gezeichnet bei den Peanuts und auf den Herbst-Covern der Zeitschrift „The New Yorker“. Ich versuche seit einiger Zeit, die Cover-Klassiker (z.B. die von Chas Addams, dem Erfinder der Addams Family) zusammenzutragen, denn jedes Jahr Ende Oktober hänge ich voller Vorfreude meine Halloweenbilder auf. Darüber habe ich ja auch schon im vorigen Herbst geschrieben.

Ganzjährig gibt es eine kleine Wechselausstellung mit Covern hier im Haus, denn seit ich vor etlichen Monden einen Reiseführer über New York übersetzt habe, bin ich treue Abonnentin von „The New Yorker“ und erwarte jede Woche gespannt die neue Ausgabe. Auch wenn sich der Preis im letzten Jahr leider aus mir unerklärlichen Gründen verdoppelt hat. Möglicherweise ist daran auch nur wieder der derzeitige POTUS schuld. Ich habe lange überlegt, ob ich mir die Hefte weiter leisten kann und soll, aber am Ende konnte ich doch nicht widerstehen. So ist das eben, wenn man papiersüchtig ist.

Jetzt ziehe ich auch wieder „The Halloween Tree“ (auf Deutsch „Halloween“) von Ray Bradbury aus dem Regal und tauche begeistert ab in die Geschichte von Pipkin und seinen Freunden. Es ist ein ungewöhnliches Buch, poetisch, gut übersetzt und jedes Mal wieder neu spannend. Wer genug Englisch kann, sollte es unbedingt auch in der Originalsprache lesen. Halloween ist eben kein Tag wie jeder andere. Die Jungen, die zunächst in ihren Kostümen unterwegs sind, um Süßigkeiten zu sammeln, begegnen in einem Spukhaus einem geheimnisvollen Mann (es ist der Tod persönlich), der sie mitnimmt auf eine Wirbelreise durch Zeit und Raum und ihnen bei der Suche nach ihrem verschwundenen Freund Pipkin hilft, der in höchster Gefahr schwebt und nur von ihnen gerettet werden kann.

Getragen werden sie auf ihrer abenteuerlichen Reise von einem riesigen Drachen aus lebendigem Herbstlaub, der sie unter anderem zu den Feuern der Steinzeitmenschen fliegt, zu den Hexen im Mittelalter, den Wasserspeiern hoch oben auf das Dach von Notre Dame und nach Mexiko, mitten hinein in das bunte, quirlige Treiben am Tag der Toten (über dieses Fest habe ich im vorigen Jahr schon ausführlich geschrieben). Es ist Ray Bradbury at his best: überaus wortgewaltig, sehr amerikanisch, ziemlich unheimlich und wunderschön, für Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Aber Bradbury gehört ohnehin seit langem zu meinen Lieblingsautoren.

Alle Fotos in diesem Beitrag stammen von meiner Bilderfreundin Simone Garland.

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Oktoberland

Perfect bliss (unsplash)

Wie in jedem Jahr freue ich mich auf meinen Lieblingsmonat und heiße ihn herzlich willkommen, auch wenn er diesmal sicher nicht so farbenprächtig daherkommen kann wie sonst. Zu viele Blätter sind im Sommer verbrannt, verdorrt und vorzeitig abgefallen.

Heute morgen las ich im Kölner Stadt-Anzeiger ein Interview mit dem britischen Star-Koch Nigel Slater, der ganz ähnlich zu ticken scheint wie ich. „Im Sommer funktioniere ich einfach nicht gut genug. Mir ist ständig heiß, ich habe kaum Energie, und ich hasse es zu schwitzen.“ Vielleicht ist er auch hochsensibel? Er liebt allerdings vor allem den Winter. Bei mir ist es eindeutig der Herbst.

Ich merke förmlich, wie all meine quirligen Lebensgeister wieder zurückkehren, mich begeistert umwuseln, mir vielstimmig Ideen zurufen und Lust auf völlig neue, aber auch altvertraute kreative Tätigkeiten machen. Der Porzellanmalkurs mit seinem Duft nach Nelkenöl und Terpentin hat grade wieder angefangen, vor mir liegt das nagelneue Scraperboard-Kit und lädt zum kontrastreichen Bildermachen ein, die kleine Halloween-Veranda muss unbedingt in verschiedenen Blautönen gestrichen und zusammengesetzt werden, damit meine Mäuse endlich ihre winzigen Kürbisse richtig in Szene setzen können, mein neuer Roman ist immer noch nicht ganz fertig „poliert“ – ich hänge noch zu sehr an ihm und kann ihn  irgendwie nicht los lassen und allein hinaus in die Welt schicken. Und dann warten da noch all die Filme, die ich schon so lange sehen möchte, in der langen „Watch List“. Seit kurzem habe einen amazon firestick, den ich noch nicht so ausgiebig genutzt habe, wie ich es gern getan hätte. Es war mir einfach zu warm zum Filmegucken! Außerdem gibt bald wieder Lesungen, die es vorzubereiten gilt. Lauter schöne Herausforderungen.

Herbstbuch (unsplash)

Es ist natürlich kein Zufall, dass mein nächster Roman an Halloween beginnt und ein Jahr später an Halloween endet. Mir hat wohl noch nie ein Buch so viel Freude gemacht, und noch nie waren mir die Personen so nah. Ich könnte sie glatt in ihrer Wohnung am Brüsseler Platz besuchen oder alle hierher zum Tee einladen. Oder sogar für immer hier einziehen lassen. Nach all der gemeinsam verbrachten Zeit sind sie echte Familienmitglieder. Für meinen Mann zum Glück auch. Wir haben Martin und Marigard sogar schon mehrmals mit in Urlaub genommen und uns dabei dauernd gefragt: Was würden sie jetzt tun oder sagen? Sie haben es uns immer sehr bald mitgeteilt. Ihre Reaktionen waren oft überraschend und unvorhersehbar.  Jetzt fehlt nur noch ein Verlag, aber da bin ich zuversichtlich.

Martins Hände (unsplash)

Manchmal suche ich im Internet nach den Gesichtern meiner Hauptpersonen. Ich weiß natürlich genau, wie sie aussehen und würde sie sofort erkennen! Aber wie soll man Fotos von jemanden finden, den es gar nicht gibt? Moment mal: gar nicht gibt? Sie sind absolut real! In Marigards Vater Martin bin ich sogar ein klein wenig (möglicherweise auch mehr) verliebt. So was ist mir auch noch nie passiert. Schon ein merkwürdiges Gefühl, den Kopf so voller Geschichten, Gesichter und Stimmen zu haben. Manchmal träume ich von meinen Figuren, und sie teilen mir mit, was ich doch bitte unbedingt noch ändern sollte, weil sie das nie im Leben so sagen oder tun würden. Oder sie lassen mich wissen, was ich in einer Szene noch vergessen habe. Bisher haben sie mich immer überzeugt! Ich habe jetzt schon Angst, wie einsam ich mich fühlen werde, wenn ich sie nicht mehr jeden Tag um mich habe. Aber dann schreibe ich eben einfach eine Fortsetzung. So wie bei den Winnie-Romanen. Marlies und Winnie haben damals auch einfach keine Ruhe gegeben. Auch wenn sie keinen Vater hatten, in den ich ein klein wenig (möglicherweise auch mehr) verliebt war.

Bücherwolken (unsplash)

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Mülhausen revisited – die alte Bibliothek

Ein bisschen wie Hogwarts (BFL)

Die alte Bibliothek der Liebfrauenschule stammt noch aus der Klosterschulzeit und erinnert offenbar nicht nur mich, sondern auch die heutigen Schüler ein bisschen an Hogwarts, die Schule von Harry Potter. Vielleicht liegt es am dunklen Holz, vielleicht auch an der ganz besondere Stimmung oder am typischen Bücherduft.

Bücherleben (unsplash)

Inmitten von Büchern habe ich mich schon immer besonders wohl und sicher gefühlt, und selbst nach über einem halben Jahrhundert ist die Bibliothek in Mülhausen tatsächlich ein Stückchen Heimat für mich geblieben. Sehr verändert haben sich allerdings die Ordensschwestern. Sie sehen heute gänzlich anders aus als die strengen schwarzweißen Lehrerinnen aus meiner Schulzeit und haben mich durch ihre herzliche, entspannte Art tief beeindruckt. Überhaupt war es eine gelöste, heitere Atmosphäre, auch nach der Lesung gab es noch  viele interessierte Fragen und persönliche Gespräche. Meine ehemalige Schule hat mich wirklich mit offenen Armen empfangen. Ich freue mich schon darauf, in derselben Bibliothek bald auch vor den SchülerInnen zu lesen.

während der Lesung (JL)

Heute steht der Raum mit den hohen dunklen Regalen allen Schülern und Schülerinnen offen, zu meiner Zeit war er noch ein gut gehüteter Geheimbereich, den nur wenige betreten durften. Viel zu selten hatte eine von uns das Glück, auserwäht und zum Sortieren oder Katalogisieren mit hinein genommen zu werden. Damals roch die Bibliothek noch weit stärker nach Gewürzen, Staub der Weisheit und ehrwürdigem Papier. Wenn man sie betrat, wurde einem gleich so feierlich zumute, dass man automatisch die Stimme senkte. Das ist heute wahrscheinlich nicht mehr so. Ich meine mich zu erinnern, dass hier gelegentlich auch Klausuren nachgeschrieben wurden. Die guten Geister der Bibliothek hatten am Tag meiner Lesung überall Vasen mit wunderschönen riesigen Sonnenblumen verteilt, die schon von weitem leuchteten, so dass es nicht nur „buchig“, sondern auch nach frischem Herbstgarten roch. Der Strauß, den ich mit nach Köln nehmen durfte, hat mich über eine Woche lang erfreut und wird dies auf den Fotos, die ich von ihm gemacht habe, sicher noch sehr lange tun.

aufgeschlagen (unsplash)

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Mülhausen revisited – Kunstreich

Maria im Bahnhof (BFL)

Beim Gang durch die schlafende Schule fielen mir sofort die vielen richtig guten Bilder auf. Überall, sogar hoch oben unter den Decken,  haben Schüler und Schülerinnen ihre bunten und fantasievollen Kunstspuren hinterlassen. Ganze Wände haben sie gestaltet, mit Tieren, Nero Corleone und einem Bahnhof mit Maria, zu dem es sicher eine Geschichte gibt, die ich aber nicht kenne. Vielleicht erfahre ich die bei meinem nächsten Besuch, oder jemand, der diesen Beitrag liest, erzählt sie mir? Mit den tollen Wandbildern könnte ich gleich mehrere Beiträge füllen. Meine besonderen Lieblinge finden Sie in der folgenden kleinen Galerie als Vorschaubilder. Beim Anklicken werden sie größer und entfalten etwas mehr von ihrer Farbenpracht. Dass sich zu meiner Zeit die ganze Schule in der Marienhalle versammelt hat, kann man heute kaum glauben. Sie wirkt einfach winzig! Dort wachsen jetzt die bunten Hundertwasser-Gebäude auf dem Bild ganz rechts. Genau dahinter stand früher unsere gestrenge Direktorin Schwester Maria Bernardo mit ihrer Glocke und las uns ziemlich laut die Leviten.

Große Wände zu gestalten hätte mir als Kind auch total gut gefallen, denn Kunst war mein Lieblingsfach. Zwischendurch habe ich sogar kurz erwogen, freie Künstlerin zu werden wie meine Lehrerin, aber das haben mir meine Eltern schnell ausgeredet. Von mir gibt es an den Schulwänden leider so gar keine Spuren, aber dafür stehen jetzt in der Bibliothek zwei (oder vielleicht sogar drei?) meiner Bücher. Überhaupt scheint Kunst in der Liebfrauenschule ein richtiger Schwerpunkt geworden zu sein, denn es gibt inzwischen gleich mehrere Kunsträume, wie ich zu meinem Erstaunen erfuhr. In einem entdeckte ich das kleine grimmig blickende Monsterchen mit den vielen spitzen Zähnen, das möglicherweise einen Schatz bewacht und mich irgendwie an Paul Klees Bilder erinnert.  Was mag in den Kästchen dahinter verborgen sein? Oder geht da wieder mein Schriftstellerhirn mit mir durch?

Rotmonsterchen (BFL)

Das Licht war zwar nicht gerade perfekt für meine Zwecke, aber ein paar gute Aufnahmen sind mir zum Glück gelungen. Die fröhliche Schweinefamilie fand ich auf Anhieb sympatisch. Besonders den kecken kleinen Kerl rechts. Den hätte ich am liebsten gleich mitgenommen. So große Objekte haben wir nie gemacht. Leider! „Eule aus Atadose“ (aus ganz, ganz vielen Zeitungsschichten und ganz, ganz viel Kleister auf leerer Reinigerdose, die beim Schütteln leise klackerte) war unser einziges Tierprojekt. Eine Weile wachte meine Eulalia noch in einer Ecke neben dem Herd bei meiner Mutter in der Küche, aber irgendwann landete sie dann wohl im Atadosen-Eulen-Himmel. Überlebt hat mein kleiner Specksteinkopf, der bis vor fünf Jahren bei meinem Vater im Zimmer stand und heute hier im Garten unter dem Haselbusch seinen Posten bezogen hat. Ich habe tatsächlich noch sämtliche Bilder, die ich in Mülhausen gemalt, gedruckt, geschnitzt, geklebt und gezeichnet habe, unter anderem „Biene im Ameisenhaufen“, „Adler über Gebirge“ und „Verbrecherjagd im Treppenhaus“. Frau Vogt hatte etwas merkwürdige Vorgaben, aber es war immer interessant.

Echte Schweinerei (BFL)

Emotional war für mich die Rückkehr in den großen Zeichensaal, aber das hatte ich auch nicht anders erwartet. Hier war das Refugium, in dem ich als Kind (fast) immer glücklich und zufrieden war – so lange ich nicht zur Bildbetrachtung nach vorn gerufen wurde (unsere Kunstlehrerin stand auf Expressionismus und Kubismus, was die Beschreibung nicht leichter machte) oder blöde Nägel in harte Bretter klopfen musste. Eins unserer Werke hieß „Kornfeld im Wind“, und da mein Holz völlig ungeeignet und steinhart war, fielen die Nägel der Reihe nach wieder heraus, bis schließlich nur noch das nackte Holz mit den häßlichen Löchern übrig war. Ich war total verzweifelt, und Frau Vogt war geradezu entsetzt. Durch das vermaledeite Kornfeld und meine (auf tragische Weise beim Brennen geplatzte und danach echt schreckliche) Vase stürzte meine Kunstnote in dem Halbjahr voll in den Keller. Mein Selbstbewusstsein gleich mit, denn Kunst war doch mein Lieblingsfach! Und das einzige, in dem ich sonst immer zuverlässig eine Eins hatte!

Grüner Knochenmann mit Pferd (BFL)

Ich male und zeichne übrigens bis heute, und immer noch besonders gern mit Tusche. Das war schon in der Schule „mein“ Medium. Das leise Kratzen der Federn im stillen winterlichen Zeichensaal habe ich noch deutlich im Ohr. Seit ich auch beim Porzellanmalen meine Motive mit der Feder vormale, macht es nochmal so viel Spaß. Irgendwann muss ich mal einen Beitrag über Frau Vogt machen, über die es in meinem Niersbeck-Buch ein langes Kapitel gibt, auch wenn sie da einen anderen Namen hat.

Im schlafenden großen Zeichensaal (BFL)

Im herbstdunklen Zeichensaal begab ich mich gleich an die Stelle, an der ich als Schülerin immer gesessen habe. Ziemlich weit vorn, zweite Reihe, linke Ecke. Da wir am letzten Freitag außerhalb der Schulzeiten dort waren, standen die Stühle oben auf den Tischen, was meine Wiedererkennungs-Grundstimmung leicht dämpfte. Die Tische sind heute natürlich anders gruppiert, aber ich fand meinen alten Platz trotzdem mühelos.

Hinter dem Zeichensaal (BFL)

Der Zeichensaal ist immer noch so groß wie in meiner Erinnerung, und der Raum dahinter, in dem Frau Vogt ihre persönlichen Sachen aufbewahrte, kam mir diesmal sogar noch größer vor. Es war ihr „Allerheiligstes“, aber mich hat sie oft mit hinein genommen und mir dort auch ihre Arbeiten gezeigt. Einige hängen noch in den Fluren, wie ich erfreut feststellte. Die hohen dunkelbraunen Schränke in Frau Vogts „Allerheiligstem“ kenne ich auch noch. Sogar die kleinen Holzmännchen mit den beweglichen Armen und Beinen.

Gefehlt hat mir in allen Klassenräumen der Geruch von Kreide, nassem Schwamm und feuchtem Tafellappen. Komisch, dass einem ausgerechnet so was fehlen kann. Aber zu meiner Schulzeit gehört dieser nicht mal besonders angenehme Geruch einfach dazu. Überhaupt riecht die Schule komplett anders, jedenfalls für meine Nase. Der vertraute und sehr angenehme Klosterschulenduft ist verschwunden. Jammerschade. Vielleicht gibt es ihn noch in der Kapelle, aber die konnte ich diesmal nicht besuchen, weil dort gerade eine Messe gefeiert wurde.

Pinselgläser (BFL)

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Mülhausen revisited – vor der Lesung

Draußen im Schulpark

Der Mülhausener Schulpark 2018 (BFL)

Wenn ich bedenke, dass ich als Kind wahnsinnige Angst hatte, vor anderen zu sprechen, und mir schon beim harmlosen „Melden“ das Herz bis zum Hals schlug, war die Mülhausen-Lesung aus meinem „Schulroman“ am letzten Freitag wahrhaft fulminant. Ich spürte überhaupt keine Angst, nur normales leichtes Lampenfieber, meine Stimme war und blieb fest und klar, und ich hatte in der dunklen Bibliothek keinerlei Hänger oder Blackouts. Dabei trug ich beim Lesen nicht mal meine Brille. Die hatte ich vor lauter Überwältigung glatt vergessen. Hätte man dem kleinen Mädchen vor all den Jahren geweissagt, dass sie eines Tages als Schriftstellerin zurückkehren würde – keiner hätte es für möglich gehalten. Am allerwenigsten das kleine Mädchen selbst. Frei oder auch nur laut zu sprechen, war lange undenkbar.

Ich hatte schon viele Lesungen aus meinen Büchern, aber so emotional wie die in Mülhausen war bisher noch keine, denn hier nisten und wurzeln unendlich viele meiner Erinnerungen. Überall. Auch im Schulpark, durch den mich meine Freundin und ehemalige Klassenkameradin Gabi Beeck vor der Lesung führte. Mir ging dabei so vieles durch den Sinn, dass ich meine Eindrücke und Assoziationen erst jetzt im Nachhinein richtig sortieren kann. Auch das Erlebnis, das ich in meiner persönlichen Peinlichkeits-Top Ten als „The Big Sleep“ abgespeichert habe.

Dornröschen soll schlafen 

Die unschöne Szene spielte an einer besonders malerischen Stelle unter einem der großen alten Bäume. Es muss in der Quinta oder Quarta gewesen sein. Wir führten vor der (gefühlt) gesamten Schule ein englisches Stück auf, und ich war die Gute Fee und sah aus wie eine schlaksige Version von Tinker Bell. Nur mit Spitzhut. Reines Pech, dass es mich erwischte, denn ich war nur die Zweitbesetzung und hatte mich daher wochenlang sicher gefühlt. Aber dann wurde die richtige Gute Fee unerwartet krank, und es gab kein Entrinnen. Zum Glück hatte ich kaum etwas zu sagen. Nur „Sleep, sleep, for a hundred years!“ Trotzdem hatte ich wahnsinnige Auftrittsangst und starb schon im Voraus tausend Tode.

Ich trug ein langes weißes Flattergewand mit goldenem Feenstaub und hielt meinen Zauberstab fest umklammert. Unsere Lehrerin war jung, nett und überaus englisch. Sie hieß Schwester Philomena und merkte rasch, dass die weißgewandete Fairy Godmother keinen guten Tag hatte. Es war nur der eine Satz, aber ausgerechnet der verschwand schlagartig aus dem kleinen Feenhirn. Mich ereilte mein erster veritabler Blackout, der mich jahrzehntelang verfolgen sollte. Als die Stille einfach nicht enden wollte, griff Schwester Philomena zum Äußersten und soufflierte der Fee vor der (gefühlt) ganzen Schule. Auffallend laut, denn akustisch ist so ein Park leider für Theateraufführungen nicht sonderlich geeignet. Die Bäume raschelten mitfühlend mit ihren Blättern, besonders der große alte Baum, unter dem die kleine Fee gerade stand. Doch die (gefühlt) ganze Schule starrte. Wie höllenpeinlich! Ich rief meinen Satz so laut ich konnte hinaus in den Park, aber das war nicht laut genug, daher musste ich ihn wiederholen und die verwünschte Prinzessin ein zweites Mal umtanzen. Die Glückliche durfte schweigen und gleich doppelt mitsamt Hofstaat in ihren hundertjährigen Entspannungsschlaf versinken. Nur die Rosenheckenkinder waren leicht irritiert, denn sie mussten doppelt los laufen. Ich wäre so gern auch versunken. In ein besonders tiefes Mauseloch. Und eindeutig auf Nimmerwiedersehen.

Meine Baumfreunde gibt es zum Glück noch  (BFL)

Der Feen Event fiel mir gleich als erstes ein, als ich die Bäume nach all der Zeit wiedersah. Sowohl der Park als auch die ehemalige Schülerin hatten sich sehr verändert, aber wir erkannten uns trotzdem sofort. „Warst du nicht damals die dreizehnte Fee?“ fragten die Bäume leicht erheitert. Ich nickte. Zu blöd, dass sie es noch wußten. „Genau hier hast du gestanden“, sagte ein besonders dicker Baum und lächelte. Liebevoll und spöttisch zugleich. Er hatte ja auch eine Rolle gespielt damals. Wir hatten ihn als Turm verkleidet.  Wie viele Kinder mag er im Laufe seines Lebens wohl schon beobachtet haben? Bäume haben bekanntlich ein unglaubliches Gedächtnis. Ich auch. Er hat recht. Ja, hier war die Stelle. Nur die vielen dichten, hohen und dornigen Büsche fehlen. Die Kulisse stimmt so gar nicht mehr. Überhaupt ist der Park nicht mehr wild und geheimnisvoll wie früher, sondern wirkt vor allem übersichtlich und pflegeleicht. Wie jammerschade! Ich war zwar darauf vorbereitet, aber es schmerzt trotzdem. Der verwunschene alte Hogwarts Park existiert wohl nur noch in der Erinnerung – und in „Mit Winnie in Niersbeck“.

Völlig versteinert – der Klosterteich (BFL)

Und der arme Klosterteich! Nackt und ungeschützt liegt er da und ist inzwischen zumindest an den Rändern komplett versteinert. Den heißen trockenen Sommer hat er gar nicht gut verkraftet und ist sogar mehrere Male „gekippt“ und musste wie ein Notfallpatient Sauerstoff zugeführt bekommen. Lauter Grünzeug schwimmt auf ihm herum, und Fische leben in dem Wasser wohl auch keine mehr. Das war früher anders! Das steinerne Brückchen gibt es zwar noch, aber es steht so kahl und bloß mitten in der Landschaft, dass ich mich nicht mal traue, es zu fotografieren. Und wo in aller Welt ist das alte hölzerne Entenhaus geblieben? Gabi beruhigte mich. „Das gibt es noch. Ich zeig es dir gleich.“ Tatsächlich, da steht es, an einer ganz anderen Stelle. Falsch herum und ohne Enten. Haben Marlies und Winnie und Beate und Kornelia hier nicht immer auf der Bank gesessen und davon geträumt, in die USA auszuwandern und bei den Indianern zu leben? Auch Wolfsforscher wollten wir werden. Und Tierärztin. Und Schriftstellerin. Nur das letzte hat geklappt, aber das war ein fürwahr weiter Weg.

Der gute Hirte im Park (BFL)

 

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September Mood

Kürbisstunden (Alex Geerts/unsplash)

Das Weinlaub färbt sich langsam rot und wird von meinen Nachbarn wie jedes Jahr genau im Moment vor der Verzauberung einfach abgeschnitten. Komischerweise haben es die Nachbarn davor ganz genau so gemacht. Die wenigsten Leute mögen Kletterpflanzen, weil sie viel zu „wild“ sind und sich nicht an Grundstücksgrenzen halten, aber mein Wein und Efeu wächst zum Glück auch in anderen Gartenecken. Hier darf er sogar aufs Garagendach und wird erst geschnitten, wenn er seine prächtigen Blätter selbst verschenkt hat. Auf der Terrasse erfreut mich noch eine späte Clematis in verschiedenen Lilatönen, und merkwürdigerweise blühen seit ein paar Tagen sogar zwei Frühlingsprimeln.

Jeden Abend scheint es die Dunkelheit ein wenig eiliger zu haben. Endlich sind sie da, die ersten kühlen Nächte. Das erste wohlig leichte Frösteln, die ersten Pullover- und Strickjacken-Stunden mit Büchern, Decke und Gewürztee, meine heitere Septemberstimmung nach der langen inneren Sommerlähmung. Jetzt kommt die Zeit der Pilze und Nüsse, der Plätzchen und Schokolade, der Äpfel und Birnen. Die Zeit der vielen Gerüche und Düfte. Die Zeit der Gedichte, Ideen und neuen Bilder.

Spinnenkunst (unsplash)

Vorige Woche habe ich meinen ersten Zierkürbis erstanden. Im Blumenladen im Belgischen Viertel, wie jedes Jahr. Ein Ritual, das ich immer wieder genieße. Meine produktivste Schriftstellerzeit kann beginnen. Der Ahorn am Teich macht sich bereit für seine wundersamen Metamorphose. Das ganze Jahr über ist er unauffällig grün, im Herbst fängt er Feuer. Auch die Perückensträuche werden bald leuchten und glühen, aber das ahnt man nur. Immer mehr zartlila Asternknospen öffnen sich. Die dicken Chrysanthemenbüsche explodieren, und morgens glitzern die Spinnweben. Bald schwelgt die Natur wieder in Orange, Rot und Gelb. Normalerweise sind das gar nicht meine Farben, aber im Herbst liebe und bewundere ich sie.

Farbrausch (BFL)

Selten habe ich meine liebste Jahreszeit so herbeigesehnt wie in diesem Jahr. Es war ein harter, heißer Sommer. Für Menschen, Pflanzen und Tiere. Besonders übel für Personen mit empfindlicher Haut und Sonnenunverträglichkeit. Nur 2003 war es noch heißer. An den Sommer erinnere ich mich sehr genau, denn in dem Jahr spielt mein nächstes Buch. Meine Romankinder haben ihr eigenes Wort für die Hitze: Kamelwüstenwetter. Die Luft war aufgeladen, die Tageshitze kaum zum Aushalten, die Nächte waren tropisch. In den Pflegeheimen starben damals viele Senioren, weil sie zu wenig tranken. Ganz Europa ächzte in der Glut. Mein Mann und ich flohen schließlich zusammen mit meiner Buchfamilie in ein einsames Haus in die Bretagne, versteckt zwischen Hortensien und Rosmarinsträuchern, und dort saß ich abends an einem langen Tisch bei Kerzenschein zusammen mit Marigard, meinem Buchmädchen, während draußen das Käuzchen schrie. Marigard diktierte, ich schrieb. Einmal hat uns sogar eine Schleiereule erschreckt.

Der letzte Sommer war leider sehr viel trockener als der Sommer 2003. Ich habe noch nie so viel Wasser in unseren Garten gepumpt. Eibe und Kirschlorbeer, sonst überaus genügsam, brauchten Sonderrationen, Lebewesen, die man sonst kaum bemerkt, benötigten dringend Hilfe. Dehydrierte Eichhörnchen, Mäuse, Vögel, sogar Insekten. Bei jedem Gießen umschwirrten mich gierige Wespen, die vor Durst ganz wild waren und sich sofort auf den nassen Blättern niederließen. Ich habe ihnen täglich kleine Wasserschalen hingestellt. Trotzdem hat mich eine von ihnen übel erwischt. Dank meiner hochsensiblen Haut habe ich zwei Wochen lang intensiv an die blöde Wespe gedacht. Aber wo bleiben dieses Jahr bloß meine Stachelfreunde?

Herbstigel (Piotr Laskawski/unsplash)

Die vier Igel, ganz unterschiedlich groß und alt, die sich im letzten Herbst und im Frühjahr bei uns jeden Abend satt gefuttert haben, sind immer noch verschwunden. Vor allem die niedliche Igeline, die immer pünktlich kurz vor der Dämmerung eintraf und sogar zutraulich über unsere Schuhe lief, fehlt mir. Ich hoffe, sie leben noch und haben die Hitze gut überstanden. Aber wo mögen sie sein? Unser Haus liegt leider an einer der meistbefahrenen Straßen Kölns. Hat sie jemand überfahren? Sind sie verdurstet? Ob die Igeline überhaupt noch mal wiederkommt?

unsere Igeline (BFL)

Die vier Igelhäuser stehen bezugsbereit, und jeden Abend stelle ich kleine Testmengen Futter nach draußen. Für alle Fälle. Bisher blieben die Tellerchen unberührt. So lange haben die Stachelritter noch nie auf sich warten lassen, und ich mache mir Sorgen. Warum sind sie nicht hier in meinem Garten geblieben? Ich hätte ihnen so gern durch die brütende Hitze geholfen. Und Wasser gab es bei uns wirklich mehr als genug.

Pumpkin Time mit Katzenpfote  (Yulia Chinato/unsplash)

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Mülhausen revisited

unser ehemaliges Klassenzimmer, beim letzten Besuch, Ende der 1980er Jahre

Am 21. September werde ich meine alte Schule wiedersehen. Diesmal nicht als schüchterne Schülerin, sondern als gestandene Schriftstellerin. Einige wenige meiner damaligen Lehrerinnen leben noch. Ob sie da sein werden? Ob sie sich noch an mich erinnern? Hoffentlich werde ich auch ein paar ehemalige Klassenkameradinnen treffen. Ich bin sehr gespannt, wie es sich anfühlen wird, an den Ort meines zweiten Niederrhein-Romans zurückzukehren. Bei mir heißt er „Niersbeck“. Aus naheliegenden Gründen. Marlies und Winnie, die beiden Freundinnen im Buch, werden mich zum Glück begleiten, leise miteinander tuscheln und möglicherweise noch aufgeregter sein als ich.

Wie schade, dass meine Eltern nicht mehr leben. Sie hätten sich bestimmt gefreut und stolz in der ersten Reihe gesessen. Und wie schade, dass die echte Winnie, meine Freundin Kornelia, nicht da sein kann. Schon drei Jahre ist sie tot. Merkwürdigerweise jährt sich ihr Sterbetag genau am Tag meiner Lesung. Ein Zufall, der sie bestimmt amüsiert hätte. „Et jibt keine Zufälle, dat weißte doch!“ höre ich sie sagen. „Nie im Leben!“

Der Schulpark beim letzten Klassentreffen – Ende der 1980er Jahre

In unserem Versteck im Park haben wir damals oft philosophische Gespräche geführt und auch darüber gesprochen, wie wir uns das Leben nach dem Tod vorstellen. Genau wie Marlies und Winnie im Buch:

„Wat bedeutet Paradies überhaupt? Is‘ man da immer glücklich oder wat? Is‘ man da einfach bei Gott oder in ’nem anderen Land mit Bäumen und Tieren? So wie Adam und Eva. Oder in ’ner Schattenwelt wie im Hades?“

Winnie legte die Stirn in Falten und dachte nach. Sie hatte erstaunlich klare Vorstellungen vom Leben nach dem Tod. „Wenn man tot is‘, kann man all dat tun, wat man immer schon mal tun wollte. Man kann sich verwandeln in wat man will. In jedes Tier. Un‘ auch in Bäume. Oder Steine. Man kann fliejen bis über die Wolken. Man kann unter Wasser atmen un‘ bis zum Meeresjrund tauchen wie die Wale. Un‘ singen wie die Lorelei. Man kann sojar in der Zeit rumreisen. Auch zu den Dinosauriern. Un‘ zu den Indianern in die Canyons. Einfach alles. Un‘ dat bis in alle Ewigkeit.“ Die Vorstellung gefiel mir. Dann hatte also jeder Mensch sein eigenes Paradies?

„Ob lebende Menschen einen noch spüren können, wenn man tot is‘?“

„Nich‘ alle“, meinte Winnie. „Nur die wichtijen. Un‘ auch nur, wenn dat beide wollen. Dann kann man denen einfach im Traum erscheinen. Oder die können einen rufen, und dann kommt man.“

„Un‘ wie is‘ dat bei uns? Wenn einer von uns tot is‘ un‘ der andere noch lebt?“ Ein schrecklicher Gedanke. „Ob wir uns dann auch noch spüren können?“

„Wir janz bestimmt! Wir sind doch Blutsschwestern!“ (aus: „Mit Winnie in Niersbeck“)

Wie mag der alte verwunschene Park heute aussehen? Man hat mir erzählt, dass ein Großteil der Bäume einer Rasenfläche weichen musste. Gibt es unseren Schwanenteich noch? Duftet es in der Schule immer noch so vertraut nach Kreide und Bohnerwachs? Die Stimmung in den Fluren wird mit Sicherheit anders sein, denn heute gibt es so gut wie keine Ordensschwestern mehr, die mit flinken Schritten und dem leisem „Wusch“ ihrer Gewänder um die Ecken biegen oder mit einem leisen „Plopp“ unverhofft vor einem aus dem Boden schießen. Die ehemalige Klosterschule nur für Mädchen ist heute ein modernes Gymnasium, das selbstverständlich längst auch von Jungen besucht wird. Die strengen Kleiderregeln von damals gibt es heute zum Glück nicht mehr. Bei uns waren lange Hosen und ärmellose Kleider streng verboten. Und lange Haare durften auf keinen Fall offen, sondern nur als Pferdeschwanz getragen werden. So lange ist das her.

Wie wird es sich anfühlen, nach all der Zeit mit vorsichtigen Schritten zurück in die Vergangenheit zu gehen? Ich werde in der alten Bibliothek lesen, vielleicht ist die Zeit dort ja ein wenig mehr stehen geblieben? Auch die Bibliothek hatte immer ihren ganz eigenen Geruch. Es roch dort ein wenig nach Gewürzen und sehr „buchig“. Auf jeden Fall nehme ich meine Kamera mit und werde mich anschließend ausgiebig mit Marlies und Winnie unterhalten. Mit Sicherheit sehen sie mehr als ich, denn ich muss ja lesen, während sie sich ungehindert umschauen können.

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Hochsensibel im Hochsommer

Marco Polo

Aus hochsensiblen Temperaturgründen bin ich jedes Jahr den ganzen Sommer lang völlig schachmatt. Meine Alarmanlage springt schon bei etwa 25° heftig an und gerät bei über 30° sogar völlig außer Kontrolle. Was andere Menschen als schönen Sommertag empfinden, ist für mich nur Quälerei. Meine innere Zündschnur ist dann nur ganz kurz, vor allem, wenn mich dann auch noch jemand oder etwas in meiner Umgebung nervt. Bei Lärm und lauter Musik klinke ich dann völlig aus.

Schreiben geht im Sommer gar nicht (was mich in prä-hochsensibler Zeit oft in Panik versetzt hat), Überarbeiten von Texten oder Korrekturlesen funktioniert noch so grade. Das einzige, was noch Spaß macht, ist das Abtauchen in eine Welt jenseits der Hitze, in Bücher (einen Sommer lang las ich immer wieder „Die Nebel von Avalon“) oder kühle Filme (ich erinnere mich noch sehr gut an den Sommer, in dem ich nur Filme mit viel Wasser sah, etwa „The Deep Blue“, und dabei die Füße in einem Eimer mit kaltem Wasser hatte). Seit etwa drei Jahren habe ich nun die hochsensiblen Mäuse, die mich hervorragend ablenken, denn bei den hohen Temperaturen trocknen meine selbstgebauten Häuser und Möbel im Handumdrehen. Ich brauche nicht nachzudenken, ich kreiere einfach alles, was mir so in den Kopf kommt, und freue mich auf den Herbst. Mit Pappmaché, Holz und Farben wollte ich ohnehin immer schon mal „richtig“ arbeiten und experimentieren und bin nie dazu gekommen. Im Kleinen kann man sogar Vermessungsfehler ganz gut reparieren. Es gibt inzwischen außerdem wunderschöne Kreidefarben in allen möglichen Farben, die ungiftig, wasserlöslich und nahezu geruchsneutral sind. Außerdem kann ich alles auf dem großen Gartentisch aufbauen und nach Herzenslust fotografieren, was im Herbst und Winter nicht geht, weil die Mäuse nicht wegfliegen oder naß werden dürfen.

Die Mäuse helfen beim Ladenbauen

Im vorigen Jahr habe ich Piraten- und Strandhäuser gebaut, dieses Jahr einen Wohnwagen und einen Buchladen. Er ist fast fertig, und ich habe schon ziemlich viele Mini-Bücher und Regale gemacht. Sogar nach eigenen Entwürfen, mit Pappe und Balsa Holz. Beim Basteln und Bauen kann ich mich ganz gut entspannen und merke nicht mehr so sehr, wie arg mir die hohen Temperaturen zusetzen.

Der neue Mausladen

Ich kann mich nur an zwei Sommer erinnern, die ähnlich heiß und drückend waren. Im ersten war ich noch Studentin und musste mich dringend auf meine Zwischenprüfung vorbereiten. Ich wohnte im Studentenheim direkt unter dem Dach und kam vor Hitze fast um. An Schlaf war nachts nicht zu denken. Der einzige Ort in Köln, der dauerhaft kühl blieb, war der Dom. Dort habe ich mich dann tatsächlich fast jeden Tag in meine Lieblingsecke gesetzt und alles Mögliche auswendig gelernt. Den größten Teil der Nächte verbrachte ich im Volksgarten, denn das Studentenheim war nur wenige Minuten entfernt. Der zweite brüllheiße Sommer war 2003. Ein Jahrhundertsommer! Ich war völlig fertig mit der Welt. Genau in dem Jahr spielt zufällig mein nächstes Buch, für das ich jetzt nur noch einen Verlag finden muss. Aber das komplizierte Anschreiben, in dem jeder Satz sitzen muss, verschiebe ich besser auf einen kühleren Tag. Es ist ohnehin vor allem ein Herbstbuch, denn ich habe es von Halloween 2002 bis Halloween 2003 geschrieben. Eine selbstgesetzte Frist. Halloween ist für die Buchfamilie noch wichtiger als Weihnachten und alle Geburtstage zusammen.

Vielleicht macht mir meine kleine Mauswelt auch deshalb so viel Freude, weil wir die Weltpolitik und der Klimawandel seit einiger Zeit so viele Sorgen und Angst macht. Die Mauswelt ist friedlich und überschaubar, der Umgangston ist freundlich und rücksichtsvoll, keiner pöbelt oder beleidigt, und die vielen kleinen Mauswanderer aus aller Herren Länder leben einträchtig zusammen, helfen und trösten einander und genießen jeden neuen Tag. Da sie alle ihre eigene Biografie und Geschichte haben, sind sie für mich inzwischen ohnehin richtige kleine „Persönlichkeiten“. Sie sprechen mit mir, und ich denke mir viele kleine Geschichten aus, die hoffentlich auch bald in einem Buch ihren Platz finden.

Bühnenzauber

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