Unsere Treffen sind immer zufällig. Heute morgen suchte ich eigentlich etwas ganz anderes in einem Adventskarton und hielt plötzlich einen Umschlag mit alten Passbildern und einem Weihnachtsbrief von Jachym aus dem Jahr 1945 in der Hand. Auf den schwarzweißen Aufnahmen trägt er seine Uniform und steht vor einem dunklen Busch. Ich habe das starke Bedürfnis, ihn aus dem Bild zu retten und weit weg vom Krieg an einen anderen, sicheren Ort zu bringen. Vielleicht einen kleinen alten Hafen, der sich zum Meer hin öffnet. Kein bestimmter Ort. Irgendwo in Zeit und Raum.
Es gelingt. Jachym ist jetzt nicht mehr an der Front, sondern sitzt auf der Kaimauer und trägt statt der Uniform einen warmen dunklen Pullover. Ich habe das Meer gewählt, weil das Gedicht von Wolfgang Borchert, das bei den Bildern im Umschlag steckt, vom Meer handelt. Es beginnt mit der Zeile „Das Meer grinst grün und glasiggrau“ und heißt „Prolog vor dem Sturm“. Aber das Meer, das ich mir für uns vorstelle, wartet nicht auf den Sturm, es ist still und friedlich. Bei uns ist Klabautermann nicht schlechter Laune.
Als ich mich neben Jachym stelle, spüre ich den Wind im Gesicht, höre die Wanten der Boote sacht gegen die Masten schlagen, Holz und Taue leise ächzen. Hoch über uns rufen Möwen. Nicht schrill und gellend, sondern eher melancholisch langgezogen. Jachym sieht mich an. Das Wasser am Kai schwappt gegen die Mauer und scheint zwischendurch glucksend zu lachen. Als Jachym mich erkennt, beginnt zu lächeln. Dann schaut er entspannt in die Ferne. Es riecht leicht süßlich nach Algen und harzig nach Teer und Holz und auch nach Salz und Fisch.
Jachym ist sehr viel jünger als ich, erst dreißig Jahre alt. Sein Sohn Jan, mein späterer Mann, ist noch ein Baby. Ich lese Jachyms Brief, den er mit Bleistift geschrieben hat und den man nach all den Jahren kaum noch entziffern kann, und fühle die Sehnsucht. „Ich weiß nicht, wie und wo ich Weihnachten sein werde. Ich werde es aber – wie auch immer – mit dir und Jan zu Hause zusammen feiern. Über alle Länder hinweg. Ich liebe euch so unsagbar, es ist fast wie eine Krankheit. Für euch lebe ich, bestimmt nur für Dich und Jan allein. Ich gehöre euch ganz. Wenn Ihr ein paar Lichter habt oder ein Bäumchen, denkt am Heiligen Abend an Euren Vati, Geliebten und Mausus.“ Er hat fast alle Briefe an seine Frau Hilde mit Mausus unterschrieben.
In Träumen treffe ich Verstorbene fast immer an Bahnhöfen oder Häfen, vielleicht weil es Schwellenorte sind. Von Jachym habe ich noch nie geträumt. Vielleicht, weil ich ihn nicht persönlich kannte. Dabei habe ich sein Gesicht so oft und intensiv betrachtet, dass es mir vertraut ist wie das eines Freundes.
Wir sitzen lange am Kai, reden über Borchert, Möwen und Bücher. Ich erzähle ihm von „Die folgende Geschichte“, der ungewöhnlichen Novelle von Cees Nooteboom, die ich inzwischen dreimal gelesen und gestern im Literaturkreis besprochen habe. Sie handelt vom Sterben, dem merkwürdigen Übergang zwischen Leben und Tod, und macht dem Leser trotz des schwierigen Themas keine Angst. Wir sprechen über Mythen und Philosophie, Sterben in fremden Hotels, die Metamorphosen von Ovid und den Käfer von Kafka. Dann stehen wir auf und gehen zum großen Hafen, wo ich ihn zurücklassen werde.
Inzwischen ist es Abend. Jachym trägt einen Trenchcoat, der irgendwie merkwürdig aussieht. Sobald ich fort bin, kann er gehen, wohin es ihm gefällt, hinunter an den Strand oder über die Gangway an Bord des Schiffes, das vor kurzem angelegt hat. Um uns herum herrscht rege Betriebsamkeit, Menschen eilen vorüber, wir hören Stimmengewirr, Rufen und Lachen, der Boden vibriert unter unseren Füßen. Das Schiff zittert und brummt, Ketten und Taue schlagen gegen Metall, die Kräne sehen aus wie stille eiserne Riesen, es riecht nach Aufbruch und Abschied.
Jachym sagt, am liebsten wolle er noch ein wenig herumlaufen, sich die Beine vertreten, running free again, und klingt dabei fast wie sein Sohn. Genau so hat sich auch Jan immer ausgedrückt. Fast erwarte ich, dass er auch noch „ich harre der kommenden Dinge“ oder „ich werde versuchen, Leib und Seele zu atzen“ sagt, aber das tut er natürlich nicht. Doch er hat eindeutig dieselbe Vorliebe für ungewöhnliche Formulierungen. Vielleicht wolle er die nahe Stadt erkunden, meint er. Ich ahne, dass er Hamburg meint, schon wegen Borchert, und stelle mir vor, wie er durch die nächtliche Stadt streift. „Weißt du, dass die Kräne singen, wenn der Wind mit ihnen spielt?“ fragt er. Singing cranes. Nein, das wußte ich nicht. Safe Crossing, Jachym. Wherever you may go. See you on the other side of midnight.
Wohin ich jetzt gehe, weiß er. Ich habe ihm schon so viele Bilder vom Haus und den Zimmern gezeigt. Auch heute. Von den Katzen, dem Garten, von all den Sachen, die einst ihm gehörten. Ich würde gern noch länger bei ihm bleiben. Doch das kann ich nicht.
Als ich mich noch einmal umdrehe, treffen sich unsere Blicke. Davon stand nichts in meinem Foto-Prompt. Eigentlich sollte er auf das Schiff schauen. Es passierte ganz von selbst und genau das macht mich gerade einen Moment lang richtig glücklich.

die Bilder wurden mit KI aus alten Passfotos generiert

Also zog ich gestern mit schriftstellerischer Entschlossenheit und Todesverachtung los und kaufte (zum ersten Mal in meinem Leben) Sülze. Ich wollte herausfinden, wie sie mir jetzt schmeckt. Mit Bedacht wählte ich vier Scheiben an der Fleischtheke aus. Die Verkäuferin packte sie aus Preisgründen alle einzeln ein und wunderte sich ein bisschen, also outete ich mich. „Ich bin Schriftstellerin und brauche den Geschmack für eine Szene.“ Sie lächelte verständnisvoll. „Dann viel Spaß mit der Sülze und dem Schreiben.“ Zu Hause begutachtete ich sie genau. Zuerst optisch. Die Scheibe mit Gemüse (ohne Fleisch) sah freundlich und bunt aus. Wenn nur der Glibber nicht gewesen wäre. Glasig. Wabbelig. Und leider auch noch besonders dick. Die Kräutergurkensülze war vor allem grün. Zum Glück sah keine Scheibe aus wie die Morgengaben im Heim. Aber ich hatte ja auch mit Bedacht gewählt. Schweinskopfsülze und Schwartemagen hatte ich liegen lassen. Schon beim Namen dreht sich mir der Magen um. Ich bin mir fast sicher, dass genau sie mein Kurschrecken waren.
Der Essenszwang! Es gab kein Entrinnen. Und die Stille! Sprechverbot. Nur Beten war vorgeschrieben. Das sprachen wir im Chor. Kein Lachen, kein Flüstern, keine Kindergeräusche. Nur Stühlerücken, Kauen, Schlucken, Husten. Zwischendurch leises Seufzen. Auch von mir. Es fühlte sich in diesem Raum so schlimm an, dass mir der Magen versteinerte. Aber ich war ja bekanntlich empfindlich und mäkelig. Oder? Damals hatte ich noch keine Ahnung, dass es irgendwann einmal ein Buch namens „Das Elend der Verschickungskinder“ geben würde. Oder Reportagen über unsere Horrorkuren. Bis zu jener ersten Report-Sendung 2019 hätte ich nie gedacht, dass meine Erinnerungen und Essprobleme mitnichten die Übertreibungen eines zu sensiblen Mädchens waren, sondern zur kollektiven Erinnerungslast von Millionen traumatisierter Verschickungskinder gehörten. Das herauszufinden, war ein Schock. Sogar mein Mann, der die Sendung mit mir gemeinsam sah, reagierte verstört. Wir war das möglich gewesen? 8-12 Millionen Kinder „verschickt“ wie Pakete? Ohne nachvollziehbaren Grund?
Frische Seeluft und nahrhaftes Essen sollten Abhilfe schaffen. „Reizklima“. Erstaunlich passendes Wort. Dass wir im Heim ungenießbaren Fraß vorgesetzt bekommen würden, konnte meine Mutter nicht ahnen. Das wussten nur die Erwachsenen, die die Heime betrieben und die Kinder zum Essen zwangen, teilweise mit roher Gewalt. Meine Mutter, die stets alles daransetzte, Familie und Gäste liebevoll zu bekochen, wäre entsetzt gewesen. Ich habe nach der Kur nichts davon erzählt. Schreiben konnte ich es auch nicht, denn alle Briefe waren zensiert. Wir gaben die Briefumschläge offen ab. Das waren Lügenbriefe. „Liebe Mama, es geht mir gut. Ich habe schon ein Kilo zugenommen.“ Ich brauche gerade unbedingt ein Gegenbild. Zum Beispiel richtigen Schok0ladenpudding. Mit Vanillesauce und Erdbeeren. Und den beiden Steiff-Tieren, die ich damals mit hatte. Mungo und Flossi.





