Rooms and Stories – Tout Simenon (3)

Maigret wartet

Als ich meine Beiträge zu Simenon begann, hatte ich noch nie mit ChatGTP gearbeitet, weil mir KI viel zu unheimlich war. Das hat sich inzwischen geändert, so dass ich diesen letzten Teil mit brandneuen eigenen Bildkreationen illustrieren kann. Völlig anders als erwartet finde ich die „Zusammenarbeit“ mit meinem neuen „Illustrator“ erfrischend und inspirierend. Ich sehe Maigret jetzt in einem völlig neuen (für meinen Geschmack leider oft zu dunklen) Licht und habe meine eigene Version von ihm entwickelt. Eher zufällig allerdings, und ich fürchte, dass sie auch nicht von Dauer ist, da KI leider bei jedem Bild ein anderes Gesicht generiert. Lästig ist auch, dass sich immer wieder störende Elemente in die Bilder einschleichen, die einem erst auf den zweiten Blick auffallen. Einen neuen Ermittler habe ich übrigens durch Maigret auch kennengelernt. Er lebt und arbeitet in Edinburgh. Und sieht ziemlich gut aus. Doch das ist eine andere Geschichte….

Maigret im Büro

Was hat meinen Mann nun an Kommissar Maigret so fasziniert, dass er ihn immer wieder „aufsuchte“? Maigrets Besonnenheit, seine charismatische Ausstrahlung, seine physische Präsenz, seine Vorliebe für einfaches, deftiges Essen, Bistros und Bier, seine Bodenständigkeit und Zuverlässigkeit waren ihm sicher sympathisch. Auch seine Einfühlsamkeit und sein Interesse an den Lebensumständen von Tätern und Opfern. Dass Maigret sich den Großteil seiner Zeit mit Büroarbeit herumschlagen muss, einem Kommissariat vorsteht, gern im Team arbeitet und sich im Grunde nur als „einfachen Beamter“ sieht, kommt mir auch ziemlich bekannt vor. Hat Jan sich nicht damals mit den Worten „I‘m just a civil servant“ vorgestellt, als ich ihn in der ersten Englischstunde nach seinem Beruf fragte?

Maigret am Fenster

Maigret ist kein analytisches Genie, kein überspannter Exzentriker, kein charismatischer Frauenheld, kein wagemutiger Abenteurer, kein zynischer hard boiled detective und kein verschlossener Einzelgänger. Er ist weder arrogant noch abweisend, eher in sich gekehrt, gelegentlich melancholisch, manchmal auch desillusioniert und müde. Maigret ist „nur“ ein ganz normaler Mensch. Er hat keine ausgeklügelten Methoden, wenn er Fälle aufklärt, statt messerscharfer Logik nutzt er eher seinen gesunden Menschenverstand. Er ist kein Beobachtungsgenie wie Sherlock Holmes, bemerkt aber durchaus subtile Kleinigkeiten. Für gewöhnlich lässt er sich nicht durch seinen Verstand und seine Logik leiten, sondern eher durch seine langjährige Berufserfahrung und sein „Bauchgefühl“, verliert dabei aber nie sein ehrliches Interesse am Leben anderer. Er möchte verstehen, warum jemand zum Verbrecher wird und wie genau die Lebensumständen des Opfers ausgesehen haben. Ein wenig erinnert er mich an einen Arzt oder sogar an einen Seelsorger. Wieder eine Gemeinsamkeit. Tatsächlich hat Jan als junger Student ernsthaft überlegt, ob er nicht lieber Pastor werden sollte statt Arzt.

Maigret und Simenon an der Seine

Maigret ist ein durchaus emotionaler Mann hinter einer ruhigen, gesetzten Fassade, neigt nicht zu Exzessen und Eskapaden, ist 75 Romane lang „nur“ mit Madame Maigret verheiratet und ihr liebevoll verbunden. Ich denke, die beiden führen eine harmonische Ehe. Es gab ein gemeinsames Kind, das kurz nach der Geburt verstarb, ein Verlust, den die Eltern nie vergessen werden. Maigret ist kein „Bulle“, der auf Biegen und Brechen seine Prinzipien durchsetzt. Er kann auch „anders“ und „unerwartet“ reagieren. Die vielen ermüdenden Stunden, die er am Schreibtisch im Kommissariat verbringen muss, konnte Jan als Amtsleiter sicher gut nachempfinden. Und dass Maigret ein eher milder Chef ist, der gern im Team arbeitet und sich auf seine Mitarbeiter blind verlassen kann, hat ihm sicher auch gefallen. So war er selbst auch. Jeder Mitarbeiter war ihm wichtig, alle behandelte er auf Augenhöhe. Der Kommissariatsleiter Maigret, den ich eher langweilig finde, war wohl so etwas wie ein literarischer Weggefährte und Kollege, der ihn verstand und den er verstand.

Maigret und Simenon im Bistro

Krimis brauchten für Jan nicht actiongeladen und spannend zu sein, er genoß es vor allem, wenn er sich beim Lesen entspannen konnte. Er mochte keine rasanten Thriller, keine detaillierten Mordbeschreibungen und keinerlei Gewalt. Ich erinnere mich noch, wie er einmal einen Krimi nach zwanzig Seiten stark verstimmt zuklappte, weil der Autor einen jungen Mann seitenlang so sympathisch geschildert hatte, dass er dem Leser richtig ans Herz wuchs,  und ihn dann einfach brutal umbrachte. Von diesem Autor hat er nie wieder ein Buch angerührt. Diese Perspektive gefiel ihm ganz und gar nicht. Lieber ermittelte er ruhig und besonnen mit seinen Kommissaren.

Simenons Krimis sind überschaubar kurz, gehen (zumindest für Maigret) stets gut aus, die Fälle werden zuverlässig gelöst (Jan hasste open endings, während sie mich überhaupt nicht stören). Maigret altert nicht wirklich und wird zum Glück auch nicht von seinem Schöpfer ins Jenseits befördert (wie E. Morse von Colin Dexter, für Jan fast eine kleine Tragödie). Ich kann mir Maigret und Jan gut in einem Bistro vorstellen, wie sie sich bei einem Bier oder Kaffee über einen Fall oder ein Buch austauschen. So wie es Maigret und Simenon jetzt hier bei mir machen.

Paris als Kulisse wird ihm auch zugesagt haben. Jan liebte die Stadt und kannte sich dort so gut aus, dass er ein paar Mal für Freunde erfolgreich den Fremdenführer spielte. Vielleicht hätte er sich mit Maigret auch auf Französisch unterhalten können. Überhaupt war er sehr frankophil, genau wie sein Vater, dessen Baskenmütze hier immer noch irgendwo in einer Schublade ruht. Als Student gab Jan seinen Autos französische Namen, eins hieß  „la grosse Margot“, nach einer Figur von Francois Villon. Margot war, glaube ich, ein Citroen 2 CV. Maigret hat sehr viele Eigenschaften, die auch mein Mann besaß. Was ihm eindeutig fehlt, ist Jans Schlagfertigkeit, seine Selbstironie und sein entwaffnender Humor.

Simenon schreibt

Angerührt hat mich bei meinen Recherchen die Entdeckung, dass Simenons Tochter Marie-Jo, die ihren Vater offenbar abgöttisch liebte, unter Depressionen litt und mehrfach versuchte, sich umzubringen. Beim siebten Versuch, da war sie 25 Jahre alt, kam sie tatsächlich ums Leben und ließ ihren Vater am Boden zerstört zurück. Er fühlte sich aus vielen Gründen mitverantwortlich für ihrem Tod. Sein letztes Buch „Intime Memoiren und das Buch von Marie-Jo“ handelt davon. Ich fand es hier bei den Biografien und habe es nun auch ins „white shelf“ gestellt. Simenon ist an Marie-Jos Tod fast zerbrochen, was mich sofort an Arthur Schnitzler und seine Tochter Lili erinnert. Sie nahm sich mit neunzehn das Leben. Beide Töchter waren ihren Vätern sehr zugetan, litten darunter, dass ihre Väter ausgesprochene Frauenhelden waren und die Ehen der Eltern scheiterten. Beide Väter hingen sehr an ihren Töchtern. Marie-Jo erschoss sich in Paris, Lili in Venedig. Beide Väter hatten Plots geschrieben, die sich im Nachhinein wie böse Vorahnungen lesen. Bei Schnitzler war es die Erzählung „Fräulein Else“, der eindringliche innere Monolog eines jungen Mädchens, das sich höchstwahrscheinlich umbringen wird, bei Simenon der psychologische Roman „Das Verschwinden der Odile“ sowie sein letzter Maigret. Beide Frauen hatten psychische Probleme, beide Väter lebten ausschweifend und schrieben über ihre erotischen Eskapaden und Seelenabgründe. Schnitzler reagierte mit einem totalen Zusammenbruch auf Lilis Tod und fand danach nie wieder in sein altes Leben zurück. Simenon versuchte, den Verlust in seinem wohl persönlichsten und intimsten Buch zu verarbeiten, im letzten Teil sind sogar Briefe seiner Tochter abgedruckt. In „Maigret und Monsieur Charles“ (1972) hat Simenon das Waffengeschäft in Paris beschrieben, in dem Marie-Jo dann später tatsächlich die Waffe kaufte, mit der sie sich erschoss. Simenon empfand wahrscheinlich auch Schuldgefühle wegen der düsteren psychologischen Romane, die seine Tochter möglicherweise mitgeprägt haben.

Die Idee, Simenon und Maigret zusammenzubringen, hatte ich erst beim Schreiben. Er selbst hat es in einem seiner Bücher auch getan, da regt sich Maigret in seinen Memoiren über den nervigen jungen Autor auf, der ihn ständig bei der Arbeit stört. Bei mir ist Simenon genauso alt wie Maigret. Simenon redet die meiste Zeit, während der wortkarge Kommissar ihm aufmerksam zuhört und sich so seine Gedanken macht. Sie scheinen sich durchaus zu mögen. Ich lasse sie Seite an Seite an der Seine spazieren gehen, zusammen im Bistro sitzen und später im Regen und auch bei Sonnenschein wieder ihrer Wege gehen.

Im Internet gibt es übrigens eine hervorragende Website von Oliver Hahn (Maigret.de) zu Simenon, seinem Leben und Schaffen und vor allem zu seinem berühmten Kommissar, die ich sehr hilfreich, spannend und informativ fand.

Maigret und sein Hut

Es bliebe noch viel zu sagen zu dem erfolgreichen Autor Simenon und seiner sympathischen Hauptfigur, doch ich werde mich nun einem Kommissar zuwenden, der Jan noch viel mehr am Herzen lag:  dem berühmten Detective Chief Inspector (DCI) Endeavour Morse, Oxford Police, aus den Büchern von Colin Dexter. Oder, wie er selbst immer zu sagen pflegt: „Just Morse“. Er war Jans absoluter Liebling.

Ganz zum Schluss kam mir die Idee, Maigret seinen Hut durch die Luft wirbeln zu lassen. Ein Akt der Befreiung, den ich ihm von Herzen gönne. Auch ein ernster Kommissar darf sich nach getaner Arbeit mal so richtig freuen. 

(die Bilder in diesem Beitrag sind KI generiert)

 

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Rooms and Stories: Laternenträume mit Jachym

„Ja, ich möchte immerhin, wenn ich tot bin, so eine Laterne sein, die nachts ganz allein, wenn alles schläft auf der Welt, sich mit dem Mond unterhält. Natürlich per du.“

unser erstes Treffen …. mit freundlicher Hilfe von KI

Nachdem ich mich am Wochenende wieder ausgiebig mit den Heften, Kladden und Büchern meines Schwiegervaters Hans-Joachim Leidel (den ich Jachym nenne) beschäftigt habe, versuche ich mir vorzustellen, wie es wohl wäre, mit ihm auf einer Bank zu sitzen und über Gedichte zu sprechen. Ich kann sehr gut visualisieren und da ich mich seit kurzem mit ChatGTP beschäftige, um alle möglichen und vor allem (auf den ersten Blick) unmöglichen Bildprojekte aus meinem Kopf umzusetzen, habe ich es einfach mal probiert.

Da war er. Jachym. Er  sah noch nicht ganz so aus wie er selbst, das weiß ich, weil ich all seine Fotos genau studiert habe, aber er war sich zumindest schon sehr ähnlich. Er trug einen Trenchcoat wie ihn auch Jan oft getragen hat, war gut aufgelegt und freute sich, mich endlich richtig kennenzulernen. Wir sprachen lange über die Laternen- und Mondgedichte von Wolfgang Borchert, die ich in seinen Aufzeichnungen gefunden habe. Zuerst hatte ich gedacht, er selbst hätte sie geschrieben, und war tief beeindruckt. Normalerweise steht immer der Namen des Dichters dabei, wenn Jachym etwas abtippt. Diesmal muss er es vergessen haben. Es waren fünf Gedichte, eins schöner und berührender als das andere. Ich habe sie vorsichtshalber gegoogelt. Sie sind eindeutig von Wolfgang Borchert. Alle. Schade.

Jachym hat gelacht, als ich es ihm erzählte. Und er hatte keine Ahnung, was googeln bedeutet. Die Gedichte konnte er auswendig.

Lange saßen wir auf unserer Bank, sprachen und schwiegen. Wir saßen beieinander, bis es dunkel wurde und lange Nachtschatten von allen Seiten heran krochen. Unter einer Laterne, wie in Borcherts Gedichten. Irgendwann lösten wir uns auf wie Traumbilder. Ich zuerst. Laterne und leere Bank blieben noch eine Weile. Gegen Morgen verschwanden auch sie.

„Wenn ich tot bin, möchte ich immerhin so eine Laterne sein, und die müsste vor deiner Türe sein und den fahlen Abend überstrahlen…..“

Laternenbank mit Jachym … mit freundlicher Hilfe von KI

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Rooms and Stories: Tout Simenon (2)

Mein literarisches Experiment geht weiter, diesmal allerdings mit einem kleinen Umweg. „Maigret stellt eine Falle“ ist der 48. Band der Simenon-Reihe. Ich wähle das Buch bewußt, weil ich die Handlung bereits durch die Verfilmung kenne. Es ist August und in Paris herrscht drückende Schwüle. Ich mag Wetter in Büchern, und Simenons Beschreibung ist so atmosphärisch, dass sie sogar im Winter wirkt. Die Fenster im Kommissariat stehen weit offen, doch auch die Luft von draußen ist unerträglich und scheint heiß vom aufgeweichten Asphalt und den glühenden Pflastersteinen aufzusteigen. „Man hätte glauben können, die Seine würde bald wie kochendes Wasser auf einem Herd dampfen.“ Die Stadt ächzt unter der brütenden Hitze, und nun treibt offenbar treibt in den Nächten auch noch ein Serienmörder in Montmartre sein Unwesen. Fünf Frauen wurden ermordet, alle nach Anbruch der Dunkelheit, alle vom Typ her ähnlich. Vom Mörder fehlt jede Spur, die Polizei tappt im Dunkeln. Alle Opfer wurden erstochen und mit zerfetzter Kleidung aufgefunden, keine der Frauen wurde vergewaltigt.

Wieder spiele ich Detektivin und finde sogleich Lesespuren. Jan hat das Buch am 15.9.2010 in der Kölner Buchhandlung Ludwig gekauft und den Kassenzettel wie so oft als Lesezeichen benutzt. Ausgelesen hat er das Buch auch, denn ich erinnere mich, dass er mir damals beim Abendessen das Ende erzählt hat.

Die ersten Seiten finde ich gut, doch dann kommen für mich ziemlich langweilige Gespräche (Maigret unterhält sich ausgiebig mit einem Psychiater) und mir fällt auf, dass ich lieber Beschreibungen mag als endlose direkte Rede. Da ich den Plot kenne, überfliege ich etliche Seiten und ich frage mich, ob mir das Buch wohl genauso gut gefällt wie der Film (es gibt mehrere, ich kenne nur den mit Rowan Atkinson), der allerdings an einigen Stellen abweicht. Im Buch behält Maigret den Fall, während im Film ein anderer Ermittler hinzugezogen wird. Es ist ein äußerst psychologischer Krimi, was ich eigentlich mag, aber die Psychologie wirkt vor allem am Schluss ziemlich holzhammerartig.

Ich sollte mir unbedingt noch mal „Die Phantome des Hutmachers“ ansehen. Ich habe gerade erst entdeckt, dass die Romanvorlage von Simenon stammt. Den Film habe ich 1982 gesehen und fand ihn verstörend.

Shelfie 1

Das Umsiedeln der Maigrets in das „white shelf“ war nur der Auftakt größerer tektonischer Buchverschiebungen hier im Haus, denn inzwischen habe ich auch die alphabetisch geordneten Regalwände im Wohnzimmer beherzt in Angriff genommen. Für mich uninteressante Autoren, doppelte Bücher (allein den Golem hatten wir fünfmal, überall im Haus verteilt) habe ich entsorgt oder verschenkt, zerlesene, zerfallende und vergilbte Bücher der Tonne geopfert und stattdessen meine eigenen Lieblingsautoren mehr in den Vordergrund gerückt. Bis vor kurzem war das undenkbar. Ich respektierte Jans alte Ordnung und habe lediglich „addiert“, so dass die Literatur fast überall doppelt steht. Jetzt ist vieles im Wohnzimmer nicht mehr alphabetisch, sondern intuitiv geordnet. Die Regalwände waren bereits prall gefüllt, als ich einzog, meine eigene Bibliothek wanderte daher gleich in mein Arbeitszimmer, das ebenfalls deckenhohe Regale hat. Jan hat sie mir damals zur Hochzeit geschenkt. Er wußte, wie sehr ich Bücher liebe.

Die Wohnzimmerordnung habe ich geändert, weil ich Heinrich Böll und Tanja Blixen nur mit Hilfe einer Leiter erreichen konnte. Böll bewohnt jetzt eine ganze Reihe auf Augenhöhe. In den Reihen gleich unter ihm logieren Max Frisch, Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Die Reihenfolge ergibt sich hier für mich aus den Neigungen der Autoren. Sowohl Max Frisch als auch Paul Celan waren mit Ingeborg Bachmann zusammen, daher steht die Bachmann in der Mitte. Für den Fall, dass Frisch und Celan noch eifersüchtig sind. Alle drei habe ich in genau dieser Reihenfolge mit meinem Literaturkreis gelesen, und es war spannend, ihnen nachzuspüren. Dabei entdeckte ich auch das Buch von Celans ehemaliger Partnerin Brigitta Eisenreich („Celans Kreidestern“), das mein Celan-Bild reichlich ins Wanken brachte. Neben Celan steht die von mir sehr geliebte Marie-Luise Kaschnitz, die ihn persönlich kannte und bei einer Preisverleihung sogar einmal die Laudatio auf ihn gehalten hat. Ich nehme daher an, dass sie sich mögen.

Den dicken silbrig glänzenden Band „Ferne Nähe. Paul Celan als Übersetzer“ habe ich ebenfalls ins Wohnzimmer geholt. Celan war ein bedeutender Übersetzer, hat (meist Gedichte) aus mehreren Sprachen übertragen, darunter von Schriftstellern wie Rimbaud, Valéry, Shakespeare, Yeats, Emily Dickinson und Ivan Goll (letzteren mit fatalem Nachspiel). Als Lyriker hatte er sicher das richtige Feingefühl für solche Nachdichtungen, denn Gedichte sind die schwierigsten Texte überhaupt, auch wenn Celans Handschrift gelegentlich deutlich erkennbar ist, was echten Übersetzern eher selten passiert.  Gleichzeitig Schriftsteller und Übersetzer zu sein ist nicht unproblematisch. Übrigens gibt es sogar einen Paul-Celan-Preis für Übersetzer, der auf 25 000 Euro dotiert ist. Ich verspürte plötzlich große Lust, ein wenig in „Ferne Nähe“ zu blättern, setzte mich aufs Sofa und las mich erstaunt fest. War das jetzt Zufall oder Fügung?

Shelfie 2

Ich hatte nicht erwartet, dass Paul Celan in irgendeiner Weise mit Simenon verknüpft sein könnte, doch 1954/1955 hat er tatsächlich für Kiepenheuer & Witsch die beiden damals neuesten Maigrets (Band 43 und 44) übersetzt. Pro Band erhielt er 600 Mark. Sein Briefwechsel mit dem Verlag ist im Buch zu finden und hochinteressant. Offenbar war es für Celan nur eine ungeliebte Brotarbeit, die unter großem Zeitdruck fertiggestellt werden musste. Ironischerweise waren die beiden Bücher wohl seine auflagenstärksten Übersetzungen überhaupt.

Die erste Übersetzung reichte Celan aufgrund einer unvorhergesehen Reise mehrere Wochen zu spät ein, statt Anfang Juni 1954 erst im August, sie wurde vom Verlag sehr gelobt, doch die zweite fiel krachend durch. Der Diogenes Verlag ließ beide Bände für seine Werkausgabe später neu übersetzen, lediglich die Titel blieben gleich: „Maigret irrt sich“ und „Maigret und die schrecklichen Kinder“ (kein sehr passender Titel, aber vielleicht stammte er vom Lektor).  Der Kampa Verlag hat dann für seine eigene Neuauflage den zweiten Titel zu „Maigret in der Schule“ geändert („Maigret à l’École“).

Celan schickte die zweite Übersetzung erst nach hartnäckigem Drängen des Lektorats am 8. Januar „ohne jedes begleitende Wort“ per Einschreiben ab (Deadline wäre der 15. November gewesen), so dass er den Verlag in arge Schwierigkeiten geriet, da der festgesetzte Drucktermin nicht eingehalten werden konnte. Diesmal waren dem Übersetzer angeblich eine Reise und eine Mandelentzündung dazwischengekommen. Aber privat gab es todsicher auch Turbulenzen. Seine Ehefrau war schwanger, 1955 wurde sein Sohn Eric geboren, und seine Geliebte Brigitta unterzog sich, wenn ich mich recht erinnere, 1955 einer Abtreibung. Der Verlag reagierte erst am 28. Februar (auf Anfrage) und teilte mit, man sei bestürzt, da die Übersetzung so schlecht sei, dass man vermute, Celan habe „irgendeinem Dilettanten“ für sich arbeiten lassen. Der Stil sei diesmal gänzlich anders und es seien Stellen dazugedichtet und ausgelassen worden. Man habe den Text leider komplett umarbeiten müssen. „Wenn wir mehr Zeit gehabt hätten, hätten wir Ihnen das Manuskript zurückgeschickt.“

Celan wehrte sich gegen den Verdacht und betonte, er selbst sei leider dieser Dilettant gewesen. Der Originaltext sei seiner Meinung nach „recht medioker“, habe ihn nicht sonderlich inspiriert und sei in seinen Augen auch kein ehrfurchtsgebietendes Kunstwerk. Sicher war der wortgewaltige, hochpoetische Celan auch nicht der ideale Übersetzer für den eher schlichten Simenon, trotzdem wundert mich Celans vernichtendes Urteil. Aber er war ja auch kein reiner Übersetzer, sondern vor allem Schriftsteller und Lyriker.  Übersetzer sind normalerweise extrem leidensfähig, selbst wenn sie sich mit ungeliebten öden Werken herumschlagen müssen, treten demütig hinter dem Autor zurück und versuchen trotz allem, ihr Bestes zu geben. Was bleibt ihnen auch anderes übrig.

real pipe on real books

Ich wüsste gern, was genau da passiert ist. Entweder war Celan so extrem angeödet und gestresst, dass er eine schludrige Übersetzung abgab, oder er hat den Maigret tatsächlich von jemand anderem übersetzen lassen. Ich neige zur zweiten Theorie und bin froh, dass ich Simenon hier im Haus weit weg von Celan an einer anderen Wand untergebracht habe. Schade, dass ich die alten Übersetzungen nicht habe, ich hätte sie gern mit den neuen verglichen. Früher nahmen Übersetzer (und sicher auch Lektoren!) häufig eigenmächtig Änderungen an Texten vor und hatten dabei wohl oft eine Art unmündigen deutschen Leser vor Augen, dem man alles erklären musste und der nicht mal in der Lage war, englischen Namen zu lesen. Gelegentlich hat man die Handlung sogar einfach nach Deutschland verlegt und die Namen eingedeutscht (z.B. in der ersten Übersetzung von Huxleys „Schöne neue Welt“). Aber damals waren Übersetzer ja auch meist noch anonym und Leser eher unkritisch. Später erschienen die Namen der Übersetzer erst winzig klein im Impressum (Herausgeber standen dagegen auch damals schon unübersehbar fett gedruckt an prominenter Stelle) und dann, viel später, schafften sie es endlich aufs Titelblatt. Heute gibt es sogar Übersetzer, die auf dem Buchcover erscheinen, wenn auch eher selten. Zumindest werden sie jetzt in seriösen Besprechungen stets genannt, was mich jedes Mal aufs Neue freut.

Meinen eigenen Namen hat man bei einer Buch-Übersetzung übrigens einmal komplett vergessen, und ich musste der VG Wort mühsam mit Hilfe des Verlags beweisen, dass ich tatsächlich die Übersetzerin war. Ein anderes Mal stand sogar ein falscher Name vorn im Buch, was ich noch viel schlimmer fand. Als ich erwartungsvoll mein Freiexemplar aufschlug, traf mich fast der Schlag. Auch das noch! Wieder umständliches Beweisen bei der VG Wort, damit der genannte Herr nicht auch noch meine Tantiemen bekam. Voller Stolz verschenken konnte ich das Buch jetzt auch nicht mehr…

Viel Zeit hatte Celan übrigens nicht für seine Übersetzungen, auch wenn die Texte nicht sonderlich schwierig waren. Ich hätte das in der Zeit sicher auch nur mit Mühe geschafft. Aber ich wäre auch nicht herumgereist, sondern hätte brav an meinem Schreibtisch gesessen und bis in die Nacht übersetzt. Und natürlich auch an den Wochenenden.

Nach der überraschenden Entdeckung der Celan-Simenon-Connection greife ich nun wieder zu Band 48 und versuche zu ergründen, was meinem Mann so sehr an Jules Maigret gefallen hat, dass er „mit großem Vergnügen“, wie er immer zu sagen pflegte, sämtliche 75 Bände gelesen hat. Langsam fange ich an, ihn zu verstehen, denn dieser französische Kommissar hat in der Tat sehr vieles mit ihm gemeinsam.

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Rooms and Stories: Tout Simenon (1)

Mein Mann war Simenon-Fan und hat die 75 Maigret-Bände der Diogenes-Werkausgabe alle gelesen, zum Teil sogar mehrfach. Er fand sie entspannend. Für mich waren sie eher langweilig. Zwei oder drei habe ich angefangen, aber jedesmal aufgegeben. Man möge mir mein Urteil verzeihen, aber auf mich wirkten sie irgendwie unlektoriert. Doch nun wage ich ein ganz persönliches Experiment: Ich versuche, meinem verstorbenen Mann nahe zu sein, indem ich seine Lieblingsautoren lese.

Mit Simenon fange ich an, weil ich die Maigrets aus dem Flur ins Wohnzimmer geholt habe. Im düsteren Krimiregal wirkten sie mit ihren weißen Einbänden und roten Lesebändchen fehl am Platz. Nun logieren sie in ihrem eigenen Regal, dem einzigen „white shelf“ im Haus. Alles, was sich darin oder darauf befindet, ist weiß. Es würde Jan gefallen. Da es sein Regal ist, enthält es auch ein Kästchen mit persönlichen Dingen – Brille, Uhr, Ausweis, Taschenmesser.

Warum er ausgerechnet Kommissar Maigret so schätzte, beginne ich erst langsam zu verstehen. Bei literarischen Ermittlern hatten wir gänzlich unterschiedliche Favouriten. Mir gefallen eher Kay Scarpetta von Patricia Cornwall, Guido Brunetti von Donna Leon (vor allem natürlich wegen Venedig!) und die Thriller von Tana French. Mit älteren Kommissaren kann ich mich nicht sonderlich identifizieren. Nur bei den Dick Francis Büchern waren wir einer Meinung, die eigenwilligen Jockeys Sid Halley und Kit Fielding gefallen mir auch.

Die Maigret-Romane kannte ich zwar nicht, doch ihr berühmter Schöpfer war lange mein Vorbild. Wenn es jemand schafft, 75 Krimis und 28 Maigret-Erzählungen, 118 Non-Maigret-Romane und 139 Non-Maigret-Erzählungen unter seinem richtigen Namen und noch dazu 200 Groschenromane, unzählige Kurzgeschichten und wer weiß wie viele erotische Geschichten unter wechselnden Pseudonymen sowie etliche Essays, Reportagen und autobiografische Schriften (allein „Intime Memoiren und das Buch von Marie-Jo“ ist über 1.000 Seiten lang!) zu schreiben, kann ich diese Schreibversessenheit und Disziplin nur schrankenlos bewundern. Ich hoffe, die Zahlen stimmen, die Quellen sind nicht alle einer Meinung. Bevor ich Buchübersetzerin wurde, las ich eher selten Krimis und entdeckte Simenon rein zufällig. Mein erstes Buch von ihm war „Die Katze“, ein „roman dur“ (harter Roman). Ich habe ihn wahrscheinlich wegen des Titels gekauft. Das Beziehungsdrama ist so düster und bedrückend, dass ich die Szenen bis heute nicht  aus dem Kopf bekommen habe. Danach las ich „Die Glocken von Bîcetre“, an das ich mich weniger gut erinnere. Aber es war deprimierend. Simenon selbst las übrigens angeblich auch keine Krimis.

Von den Maigret-Verfilmungen kenne ich etliche, mit sehr unterschiedlichen Darstellern wie  Jean Gabin, Heinz Rühmann, Gerard Depardieu, Richard Harris und, zuletzt, Rowan Atkinson. Ich mag die vier Atkinson-Filme, auch wenn sein Inspector nicht groß und gewichtig ist wie der Buch-Maigret. Jan weigerte sich, ihm auch nur eine Chance zu geben. Das war nicht sein Maigret! Ich kann ihn verstehen. Wenn man sich 75 Bände lang ein ganz bestimmtes Bild von einem Menschen gemacht hat, ist man unflexibel. Das Problem habe ich zum Glück nicht. Ich schaute mir die vierteilige Serie im Rahmen meines Experiments gleich noch einmal an und war erneut sehr angetan von der düsteren Film Noir-Atmosphäre und den gestochen scharfen Bildern. Doch für Jan sah dieser Maigret einfach komplett falsch aus. Zu schmächtig, zu verbissen, zu ernst und eindeutig wie Mr Bean! Ein rubber face mit Augenbrauen! Da präferierte er doch den gewichtigen Jean Gabin, der wohl der Beschreibung Simenons tatsächlich am ehesten entspricht. Doch mir gefällt auch der melancholische „englische“ Kommissar, der mit Mr. Bean meiner Meinung nach nur den Darsteller gemeinsam hat. Auch Janvier und Lapointe finde ich in den Filmen sehr überzeugend.

Aber welchen Band sollte ich als ersten lesen? Ich stellte mich vor das weiße Regal, hoffte auf die richtige Fügung, griff in die Reihen und zog spontan Band 22 heraus. „Maigret verliert eine Verehrerin“. Hinten auf dem Buch prangt noch der Aufkleber, der verrät, wo und wann Jan es gekauft hatte, Thalia, 9.8.2011. Zu meiner Freude fielen beim Aufschlagen drei mir unbekannte Fotos von ihm heraus. Zufall oder Zeichen? Darauf sieht man Jan in geselliger Runde mit seiner „Herrenriege“. Die Mitglieder trafen sich unter der Woche regelmäßig abends „an der Tränke“ im hiesigen Einkaufscenter. Im Laufe der Jahre mussten sie mehrfach umziehen, weil die Lokale alle irgendwann wegen Geschäftsaufgabe oder Umbauarbeiten zumachten. Auf den Fotos sitzt er entspannt an der Theke und hält tatsächlich das aufgeschlagene „Magret verliert eine Verehrerin“ in der Hand. Vor ihm steht ein halbleeres Glas mit seinem geliebten Grauburgunder. Es war wirklich das richtige Buch! Ich war ganz gerührt. Ich habe es an nur einem Abend ausgelesen. Jetzt lese ich „Maigret stellt eine Falle“. Leider ohne Fotos.

Von den Männern auf den Bildern kenne ich nur den „Mann mit Hut“.  Die anderen sind wahrscheinlich „der Karnevalist“, „der Germanist“ und „der Weltenbummler“. Die richtigen Namen waren unwichtig. Jan selbst war „der Professor“. Man verließ das Center erst, wenn es um acht die Pforten schloss. Beim Abendessen berichtete Jan gelegentlich von den Gesprächen der Runde, aber ich hatte natürlich keine Ahnung, von wem er sprach. Die abendliche Auszeit war ihm wichtig, vor allem als er noch berufstätig war und nach herausfordernden Arbeitstagen mit viel Stadtpolitik und Presserummel dringend abschalten musste. Wie er trotz der Herrenriege so viel lesen konnte, bleibt sein Geheimnis. Aber vielleicht war Maigret dafür genau richtig?

Ohne Buch ging Jan nie aus dem Haus. Ich habe selten einen Menschen getroffen, der so belesen war wie er. Krimis las er im Center, an der Haltestelle,  in der Straßenbahn und im Zug. Seine Lektüre transportierte er am liebsten in einem „Büggel“, einer abgewetzten Tragetasche aus Stoff. Darin befanden sich ein großer Haken (zum Aufhängen des Büggels am Tresen) und der aktuelle Krimi. Jan besaß eine ansehnliche Büggel-Sammlung in Schwarz und Dunkelblau. Wenn er neue kaufte, dann immer gleich vier auf einmal. Die alten wurden nicht etwa entsorgt, sondern wanderten in die Waschmaschine. Danach waren sie zwar sauber, sahen aber noch unansehnlicher aus als vorher und kamen in die Trophäen-Sammlung. Jan trennte sich nur äußerst ungern von abgeliebten Dingen. Offenbar eine alte Familientradition. Auf dem Dachboden seiner Eltern standen angeblich große Kartons mit „Überbleibseln“ und Beschriftungen wie „Handschuhe, Einzelstücke, linke“. Die Kartons gab es bestimmt wirklich, denn hier im Haus finde ich auch dauernd Kisten und Kästen, in denen jede Karte, jedes Papierfitzelchen und jede noch so unwichtige Rechnung aufbewahrt wurde, die seine Eltern oder Großeltern je in Händen hielten. Einen Teil davon habe ich inzwischen entsorgt, aber ich spürte dabei deutlich den tadelnden Blick. „Wie kannst du das nur wegwerfen!“ Meistens tut mir danach die rechte Hand weh. Wohl die Strafe für meine Freveltat.

Im Gegensatz zu mir ging Jan leidenschaftlich gern einkaufen und war ein begnadeter Koch. Es machte ihm Freude, auf dem Wochenmarkt oder im Center noch schnell „was Leckeres“ zu holen, ausgefallene Gewürze, irgendein exotisches Gemüse oder ein schönes Stück Fleisch. Oft verwarf er unsere gemeinsamen Essenspläne und erstand spontan völlig andere Zutaten. Er hatte umdisponiert. „Das tut mir jetzt leid, aber es hat mich einfach so angelacht!“. Einmal überraschte er mich mit einer häßlichen, übel riechenden Schrumpelkugel. Mit Parmesan über die Nudeln gehobelt schmeckte sie überraschend gut, wie ich zugeben muss, machte mich aber nicht zum Trüffel-Fan. Jan liebte saisonale lukullische Experimente, was ich als „creature of habit“ oft nicht zu schätzen wusste. Ich kann wochenlang jeden Tag Nudeln oder Kartoffeln essen. Heute würde ich alles dafür geben, mich noch einmal liebevoll von ihm bekochen zu lassen. Selbst wenn es getrüffelter Leberkäs an Linsen wäre. Ihm würde bestimmt eine leckere Sahnesauce einfallen, um mir selbst diesen Alptraum schmackhaft zu machen. Die Liebe zum Essen, das durchaus deftig sein durfte, hatte er übrigens mit Maigret gemeinsam. Nicht die einzige Gemeinsamkeit, wie ich beim aufmerksamen Lesen feststellte. In Jans Arbeitszimmer entdeckte ich letzte Woche zwischen den geheimen Kochbüchern, die er dort zu horten pflegte, „Simenon und Maigret bitten zu Tisch“. Mit klassischen Bistrorezepten. Noch so ein Zeichen?

Jan konnte selbst in vollen Cafés und Kneipen und natürlich auch „an der Tränke“  im brodelnden Einkaufscenter problemlos abschalten und störende Umwelteindrücke komplett ausblenden. Wenn ihn der Plot fesselte oder das letzte Kapitel nahte, entzog er sich seiner Herrenriege, indem er das Buch auf eine ganz bestimmte Weise hielt, die zweifelsfrei signalisierte, dass man den Professor jetzt besser in Ruhe lassen sollte. Da ich selbst „automatisch“ alles höre und sehe, was um mich herum passiert, und eh nur Mineralwasser trinke, habe ihn bei seinen abendlichen Exkursionen selten begleitet. Mich macht das Center nervös, zu viele Reize prasseln gleichzeitig auf mich ein. Das war sicher auch gut so. Ich hätte ihn doch nur vom Lesen abgehalten und durch meine Anwesenheit die heitere Harmonie der illustren Runde gestört.

Eine Weile hing ein Bild von Simenon mit Pfeife über meinem Schreibtisch, zum Nacheifern sozusagen, denn eine erfolgreiche Vielschreiberin wäre ich auch liebend gern geworden. Als Übersetzerin mit eiserner Arbeitsdisziplin konnte ich zwar durchaus mithalten, aber als Schriftstellerin kämpfe ich besonders in den letzten Jahren schwer mit lähmenden Schreibhemmungen und quälenden Abgründen an Stellen, wo eigentlich Geschichten und Bücher reifen sollten. Simenon war das krasse Gegenteil.

Neben Simenons Porträt hing Magrittes Pfeife („C’est n‘est pas une pipe“). Ich liebe Magritte. Jan auch, daher hängt eins von Magrittes Nachtstücken in unserem Schlafzimmer. „L’Empire des Lumières“. Simenon besaß übrigens an die 300 Pfeifen und war beim morgendlichen Schreibritual (ein Kapitel pro Tag, ein Buch in elf Tagen) total zwanghaft. Er schrieb meist mit der Hand und rauchte dabei ununterbrochen, wobei die benötigten Pfeifen bereits fertig gestopft parat lagen. Alles war minutiös vorbereitet. Vor allem spitzte er am Vorabend pedantisch all seine vielen Bleistifte. Vielleicht sollte ich das mit den Bleistiften auch mal probieren, um meinen Writer’s Block, der mich jetzt schon so lange in seinen Krallen hält, endlich zu überwinden. Möglicherweise ist Simenon ja genau der richtige Einstieg. Aber ein Buch in elf Tagen werde ich niemals schaffen.

1993 fuhr ich eigens wegen Simenon mit dem Zug nach Lüttich, um eine 3D-Ausstellung im Musée de l‘Art Wallon zu besuchen, die „Tout Simenon“ hieß. Ich hatte davon in der Zeitung gelesen – und war begeistert! Die Ausstellung war für die damalige Zeit höchst ungewöhnlich und sprach alle Sinne gleichzeitig an, sogar den Geruchssinn! Es war eine der besten Ausstellungen, die ich je besucht habe. Sie war chronologisch aufgebaut, begann mit einer alten Straßenbahn und einer Lütticher Straßenszene nebst Kopfsteinpflaster und Straßenhändlern vom Anfang des letzten Jahrhunderts, so wie Simenon es in seiner Kindheit gesehen haben mochte. Alles mit authentischen Geräuschen untermalt. Im ersten Stock wanderten die Besucher durch verschiedene Räume, besuchten Simenons Büro in der „Gazette de Liège“ und gelangten irgendwann in den Flur des berühmten Polizeireviers. Der Wartebereich mit den Holzbänken war offenbar das „Aquarium“ aus den Romanen, es gab verschiedene Türen und am Ende des Flurs auch Maigrets Büro. Aus den Räumen hörte man Stimmen reden oder diktieren, unruhige Schritte, Absätze klackern, Telefone läuten, metallisches Schreibmaschinengeklapper und die hellen Glockentöne am Zeilenende. Es roch nach Zigaretten, Pfeifenrauch und Kaffee. In Maigrets Zimmer sah man den Schreibtisch, die Lampe mit dem grünen Schirm,  Papierstapel, ein halb gegessenes Butterbrot  und die Bierflasche, die offenbar in den Büchern so oft die Auflösung des Falls einläutet.  Und die Pfeife. Dunhill kreierte übrigens speziell für Simenon einen exklusiven Pfeifentabak namens „Maigret Cut“.

Plötzlich bin ich nicht mehr in Lüttich, sondern im Herzen von Paris, am Quai des Orfèvres. Ich kann mich nicht mehr an alle Räume erinnern, auf jeden Fall aber an das schäbige Zimmer im Stundenhotel, in dem gerade ein Mord verübt worden war. Wenn ich jetzt ans Fenster trete, lauern draußen Dämmerung und Sprühregen, und unten sehe ich den berühmten Kommissar, der immer noch durchaus aussieht wie ein groß gewachsener Rowan Atkinson (sorry, Jan!), wie er den Quai des Orfèvres verläßt, sorgfältig den Samtkragen seines dunklen Überziehers hochklappt und sich die Melone tiefer in die Stirn zieht. Die Film-Maigrets tragen alle lieber Fedora oder Trilby. Sogar Rowan Atkinson.

Sehr gut erinnere ich mich an den eisigen Obduktionsraum mit den scharfen Formalindämpfen und der unheimlichen verhüllten Leiche auf dem Seziertisch. Hier wurden die Besucher mit einem Mal ganz leise. Und auch an das Boudoir oder die Loge der eigenwilligen Josephine Baker, mit der Simenon im wahren Leben eine Weile zusammen war. Hier gab es Spiegel und allerlei Kostüme, es roch nach Theaterschminke und schwerem Parfüm, und jenseits des dunklen Flurs sang einsam und eindringlich die Stimme der Künstlerin.

Simenons turbulentes Privatleben wurde in der Ausstellung durchaus kritisch kommentiert. Im Gegensatz zu Maigret war er ein notorischer Frauenheld, der gelegentlich damit prahlte, mit mehr als zehntausend Frauen (die meisten davon Prostituierte) geschlafen zu haben. Wie entsetzlich. Aber Simenon war eben nicht Maigret. Am Ende der Ausstellung traf man dann auch noch den Meister selbst. Als Wachsfigur an seinem Schreibtisch. Lächelnd, was offenbar extrem untypisch für ihn war. Schade, dass ich Jan damals noch nicht kannte. Aber da die Gedanken bekanntlich frei sind, ist er jetzt in meiner Erinnerung die ganze Zeit an meiner Seite. Ich glaube, er freut sich, dass ich seinen Maigret endlich etwas besser kennenlerne.

 

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„Das Kind braucht Luftveränderung“ – unzensiert

Pam Patterson/pixabay

Beim Aufräumen meiner Schubladen fiel mir heute unvermittelt ein alter vergessener Brief meiner Kinderfreundin Kornelia in die Hände, in dem sie mir von ihrem Aufenthalt im „Kinderkurheim“ (was für ein Wort, wenn man unsere Qualen bedenkt!) berichtet. Aus dem Heim selbst hat sie mir offenbar nicht geschrieben, warum auch, sie hätte eh nicht die Wahrheit schreiben können, denn es wurde ja alles zensiert. Und Kornelia hat Lügen immer gehaßt. Ich weiß leider nicht mehr, wohin man sie damals „verschickt“ hat, sie war, soweit ich mich erinnere, sogar zweimal „in Kur“. Meine Reaktion auf diesen Brief werde ich jetzt bewußt auch nicht zensieren und ganz gegen meine Gewohnheit genau das aufschreiben, was mir gerade durch den Kopf geht.

Wie hart wir damals im Nehmen waren, sieht man an dem lakonischen „im Kinderkurheim war es so mittelmäßig“. Mittelmäßig? Zwei Wochen krank mit schmerzendem Hals im Bett, weit weg von daheim und natürlich ohne tröstende Betreuung und Besuch, und dann auch noch eine Woche Brechen nach dem Essen? Es klingt so gar nicht dramatisch, wie sie das schreibt. Schon eher ziemlich stoisch.

Wie würden das wohl heutige Kinder bewerten? Und würden Eltern auch heute noch ihre Kinder sechs endlose, ewig lange Wochen ohne Kontakt und Besuchsmöglichkeit so einfach in irgendein Heim mit völlig unbekannten BetreuerInnen irgendwo in die Berge oder ans Meer schicken? Bestimmt nicht. Aber heute gibt es ja auch WhatsApp und Handys, was es mehr oder weniger unmöglich macht, Kinder von ihren Familien völlig zu isolieren. Und die meisten Helikoptereltern stünden sicher schon am ersten Abend auf der Matte.

Als ich Kornelias Brief las, wurde ich wieder einmal  richtig sauer auf die Erwachsenen, die uns damals so gepeinigt haben. Es war wirklich ein gut funktionierendes System, dem wir da ausgeliefert waren. Kornelia war zu dem Zeitpunkt übrigens neun Jahre alt.

Sie schreibt nichts über die Berge oder das Meer. Nichts über andere Kinder oder schöne Stunden oder Unternehmungen. Vielleicht gab es für sie keine. Freundschaften sah man in der Kur nicht gern, engere Kontakte wurden in der Wurzel erstickt. Offenbar hat Kornelia sich die Mühe gemacht, genau herauszufinden, wie dieser besondere Gries, der sie so nachhaltig beeindruckt hat, zubereitet wurde. Das passt zu ihr. Sie ging den Dingen schon als Kind gern auf den Grund. Das Essen, das sie dort bekam, entsprach sicher genau dem üblichen lieblos zubereiteten Fraß, den man uns in diesen sogenannten Kinderkurheimen damals vorgesetzt hat. Ich denke an die großen übervollen schwappenden Teller mit Nußeckensuppe (Reste vom Vortag in Rinderbrühe) und Schokoladenpuddingsuppe (warm, viel zu viel und mit Haut) und an den dünnen Kinderkaffee, bei dessen Geruch mir morgens sofort ganz anders wurde (der ganze Speisesaal roch danach), vor allem aber an die beiden Scheiben Sülze, die in Niendorf  sechs Wochen lang jeden (wirklich jeden!) Morgen drohend auf meinem Teller lagen und die ich jeden (wirklich jeden!) Morgen aufs Neue irgendwie los werden musste, denn essen konnte ich sie unmöglich ohne mich zu übergeben. Ich sehe mich gerade als dünnes sprachloses Kind den Tränen nah vor dem langen Tisch im Speisesaal stehen und habe das Riesenbedürfnis, mich tröstend in die Arme zu nehmen und so schnell wie möglich an den Strand zu tragen. Bis heute rühre ich weder Nußecken noch Sülze an.

Aber auch Kornelias Kur war offenbar erfolgreich, denn es zählten schließlich nur zwei Dinge: wir hatten die dringend nötige Luftveränderung gehabt und, das Wichtigste, wir hatten zugenommen. Bis heute kann ich mir nicht erklären, wie das bei diesem Essen überhaupt möglich war.

congerdesign/pixabay

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