Herzlich willkommen!

Alice

Herzlich willkommen auf meiner Homepage

Hier finden Sie außer Informationen zu Büchern, Katzen, Köln und Kattendonk vor allem Blogbeiträge zu meinen wichtigsten Lebensthemen (Kindheit, Hochsensibilität, Angst, transgenerationale Weitergabe von Traumata). Im Moment beschäftigt mich neben der allgegenwärtigen Corona-Pandemie, die unser Leben seit fast zwei Jahren so nachhaltig und erschreckend prägt und vielen von uns buchstäblich die Sinne raubt (s. meine Beiträge zu Geruchs- und Geschmacksverlust), auch die Aufarbeitung der „Verschickungen“, die unzählige Kinder hier in Deutschland ertragen mussten. Ich verbrachte als kleines Mädchen Mitte der 1960er Jahre ebenfalls sechs endlose Wochen in einem „Kindergenesungsheim“ und habe darüber mehrere Beiträge geschrieben („Das Kind braucht Luftveränderung“), aber auch andere Betroffene zu Wort kommen lassen.

Zum Glück gibt es auch immer wieder Schönes und Hoffnungsvolles zu berichten oder zu erinnern. Zum Beispiel aus dem Mausland, in dem es weder Abstandsregeln noch Masken gibt. Die Mäuse hatten in diesem Jahr schon mehrfach Journalistenbesuch, es sind auch schon zwei kleine Filme über sie gedreht worden. In der Augustausgabe von „American Miniatures“ gibt es sogar einen ausführlichen Artikel über die Mäuse und mich mit vielen Fotos. Auf Instagram hat unsere Seite @cheddarandmozzarella inzwischen sogar schon über 6.000 Follower!

Ein großes Dankeschön geht an meine geduldige Maine Coon-Assistentin Alice, deren entspanntes Schnurren Sie leider nicht hören können. Ich freue mich, dass Sie meine Seite gefunden haben, und wünsche Ihnen einen hellen und behüteten Tag!

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Was vom Leben übrig bleibt – Versuch eines Nachrufs

Detail aus Ediths Wohnung

Am 7. September 2021 starb meine Tante Edith Janders, geborene Felten, die jüngste Cousine meines Vaters, mit 93 Jahren in einem Kölner Seniorenheim. Vorher hatte sie mit Lungenentzündung im Krankenhaus gelegen. Als sie sich nach Meinung der Ärzte auf dem Wege der Besserung befand, kehrte sie ins Heim zurück, wo sie wenige Tage später starb. Allein. „Friedlich eingeschlafen. Tiefenentspannt.“ Zum Schluss habe sie ohnehin nur noch geschlafen. Vielleicht stimmt es ja. Beim Besuch eines guten Freundes, der sie in den letzten Wochen aufsuchte, schlief sie tatsächlich so fest, dass er sie nicht zu wecken vermochte.

Das Heim sah keine Veranlassung, die wenigen Personen auf Ediths Kontaktliste, die dort seit Jahren hinterlegt ist, über ihren Krankenhausaufenthalt und ihren Tod zu informieren. Auch Ediths gesetzlicher Betreuer und ihr Nachlassverwalter hielten dies nicht für notwendig. Eine Todesanzeige gab es nicht. Wenn der Zufall uns nicht geholfen hätte, wäre Edith einfach verschwunden und die Urne mit ihrer Asche ohne Trauergäste von einem Fremden bestattet worden. Das dröhnende Schweigen war nicht neu. Als vor einigen Jahren jemand Ediths Bankkarte und Pin entwendete und ihre Konten leer räumte, erfuhren wir davon auch nur zufällig. Wir waren nicht auskunftsberechtigt. Daran hatte Edith nicht gedacht. Sie selbst ahnte von alledem nichts. Wahrscheinlich bemerkte sie auch den mehrfachen Betreuerwechsel nicht mehr.

Detail aus Ediths Wohnung

Dabei hatte sie alles so gut geplant. Damit, dass sie eines Tages ihre Geschäftstüchtigkeit verlieren würde, hat sie nie gerechnet. Da sie keinem zur Last fallen wollte, hatte sie einen Bekannten gebeten, ihr Nachlassverwalter zu sein. Auch um die eigene Beerdigung hatte sie sich beizeiten gekümmert, sogar den Stein, in den später ihr Name eingraviert werden sollte, bereits ausgesucht. Leider ist der schlichte Stein mit dem segelartigen Gebilde nicht mehr auffindbar. Er war eine Kernbohrung aus dem Gemäuer des Kölner Doms, eins von vielen ungewöhnlichen Kunstwerken, die man überall in ihrer Wohnung finden konnte. Möglicherweise wurde er bei der Wohnungsauflösung oder beim „Entrümpeln“ des Heimzimmers entsorgt oder ruht jetzt mit den Gegenständen, die man im Heim für noch rettenswert hielt, in einem Kellerkarton.

Ediths Wohnung, rechts der Domstein

Auf den Fotos, die dem Bestatter vorliegen, und in meinem Computer gibt es ihn noch. Er war vielleicht nicht gleich als Kunstwerk erkennbar, doch für seine Besitzerin war er sehr wertvoll, er verkörperte ein Stück Heimat, war ein Stück Kölner Dom und barg schöne Erinnerungen an eine Ausstellung und einen besonderen Künstler. Edith hat sich immer ausgiebig mit den Künstlern unterhalten, deren Werke sie bei sich aufnahm. Jeder Gegenstand in ihrem Besitz hatte seine Geschichte, oft gar sein eigenes Schicksal. Ediths Vertraute wussten von diesem Stein. Schade, dass keiner sie gefragt hat. Schade, dass Fremde entschieden haben, welche Gegenstände aufbewahrungswert waren und welche nicht.

Edith Janders

Als ich von Ediths Tod erfuhr und im Heim anrief, war es bereits zu spät. Es war schon fast eine Woche vergangen, die Zeit drängte, der Raum musste renoviert und weitervermietet werden. Die Warteliste sei lang (trotz zweitausend Euro Eigenbeteiligung im Monat und tristem Straßenblick). Die stets positive Edith konnte selbst der trostlosen Aussicht noch etwas Positives abgewinnen: „Ich sehe Bäume. Menschen, die vorbeigehen. Besucher. In der Ferne die Fabrik, die ich gut kenne.“ Zu ihrer Freude lag das Haus im südlichen Teil Kölns, wo sie ihr ganzes Leben verbracht hatte. Nur bestattet wurde sie auf eigenen Wunsch nicht in ihrer Heimatstadt.

Obwohl wir verwandt waren und beide in Köln lebten, habe ich Edith erst während der letzten zwanzig Jahre näher kennengelernt, so dass mir die wichtigsten und längsten Kapitel ihres Lebens nicht vertraut sind. Ich kenne sie eigentlich nur als schwerhörige, gehbehinderte, weißhaarige alte Dame. Ein wenig auch als kleines Kind. Über ihre Kindheit hat sie mir einiges erzählt, und auch mein Vater hat in seinen Aufzeichnungen über seine jüngste Cousine, das zierliche „Edithchen“, berichtet. Auch dass sie lange im bekannten Kölner Pelzhaus „Herbst“ gearbeitet hat, hat sie manchmal erwähnt, ich glaube, in der Verwaltung.

Edith und Grete Felten

Geboren wurde sie am 11. Juli 1928 in Köln als zweites Kind von Albert und Grete Felten. Ihr Vater hatte zunächst eine eigene Firma, in der, wenn ich mich recht erinnere, irgendetwas Eternitartiges hergestellt wurde, das die Anfangsbuchstaben seines Namens trug und Alfenit oder so ähnlich hieß. Später hatte er, soweit ich weiß, ein Geschäft. Ediths Bruder Herbert, genannt Hawa, war vier Jahre älter als sie. Viele Familienmitglieder (mein Großvater hatte neun Geschwister) lebten damals in Köln. Edith hat die meisten gekannt, vor allem Onkel Jean, der in der Kölner Freiluga tätig war, einem bekannten schulbiologischen Zentrum, das schon damals Generationen von Stadtkindern die Natur näher brachte.

Edith und Herbert Felten

Ediths frühe Kindheit war glücklich und unbeschwert, als Nesthäkchen wurde sie verwöhnt und liebevoll umsorgt, doch dann kam der Krieg. Gleich zweimal wurden die Häuser, in denen die Familie lebte, ausgebombt. Edith erinnerte sich an schrilles Sirenengeheul, hastiges Packen und endlose bange Nächte in diversen Luftschutzkellern, auch an ein Nachbarskind, das eines Morgens tot vor dem Schutzbunker lag, die Puppe noch im Arm, als sie mit ihren Eltern nach draußen kam. Die wenigen Gegenstände und Fotos, die bei den Bombenangriffen nicht zerstört wurden, mussten mühsam auf der Straße aufgesammelt und gesäubert werden. Ihre Kinder- und Familienfotos waren daher besonders kostbar für sie und blieben immer in ihrer Nähe. Ich hoffe, dass sie nicht auch entsorgt wurden. Einige wenige habe ich vor Jahren von ihren Originalen abfotografiert, als Überraschung für meinen Vater, der damals über seine Kindheit schrieb.

Herbert Felten

Herbert Felten starb im August 1943 mit nur 19 Jahren an der Ostfront und wurde von seinen Eltern so intensiv und untröstlich betrauert, dass nach seinem Tod jahrelang keine Feste mehr gefeiert wurden. Weder Geburtstage noch Weihnachten, was der kleinen Edith sehr zusetzte. Edith hat mir erzählt, wie ihr verzweifelter Vater sich gemeinsam mit ihr auf den Weg machte und versuchte herauszufinden, wie genau Herbert gestorben war, ob er hatte leiden müssen, und dass er nächtelang Briefe an den toten Sohn schrieb und immer wieder dessen Kleidung trug, um ihm möglichst nahe zu sein. Nicht selten saßen die drei Überlebenden im Wohnzimmer beieinander und weinten „im Chorus“, wie Onkel Albert sich ausdrückte. Ich fand einen erschütternden Brief, den er ein halbes Jahr nach Herberts Tod an den gefallenen Sohn geschrieben hat, zwischen den Papieren meines Vaters. Edith hatte ihn kopieren lassen. Mit meinem Vater, der selbst kriegstraumatisiert war und zeitlebens dem Krieg nicht entfliehen konnte, verband sie eine besondere Freundschaft. Mit ihm konnte sie auch im hohen Alter noch über ihren Bruder reden und wurde verstanden. Auch mir erzählte sie oft von ihm. „Der Herbert war so ein sensibler Junge. Vielleicht war es besser für ihn, dass er nicht zurückgekommen ist. Der Krieg hätte ihn bestimmt innerlich zerstört. So wie deinen Vater.“ Herberts Grab befindet sich heute in Sologubowska in Russland. Nach Herberts Tod war nichts mehr wie vorher. Um ihre Eltern hat Edith sich bis zu deren Tod (1974 und 1987) liebevoll gekümmert.

Ich weiß zwar, dass Edith lange verheiratet war, doch ihren Mann habe ich in all den Jahren nur einmal gesehen, es muss Mitte der 1970er Jahre gewesen sein, als ich das Ehepaar zum ersten und einzigen Mal in der Südstadt besuchte. Ich vermute, dass er an Ediths Familie nicht sonderlich interessiert war, denn er begleitete sie nie an den Niederrhein. Lutz und Edith wohnten in einem Haus in der Jakobstraße, in dem sich auch der Karrosseriebaubetrieb Janders befand. Lutz wirkte auf mich wie das genaue Gegenteil von Edith, groß, kräftig, jovial, aufbrausend, temperamentvoll.

Ediths Haus in Spanien

Gemeinsam besaßen die beiden ein großes Haus an der Costa Brava, und Edith, die fließend Spanisch sprach, fand in Katalonien dreißig Jahre lang ihre geliebte zweite Heimat. Zunächst wohnten die beiden in Ampuriabrava, dann bezogen sie ein neues Haus in Rosas. Mit mir hat sie über diese Zeit kaum gesprochen, wohl weil ich Spanien nicht kenne. Heute tut es mir leid, dass ich sie nicht mehr gefragt habe. Ich erinnere mich aber sehr gut daran, wie deprimiert sie war, als das schöne Haus nach der Scheidung endgültig verkauft werden musste. Einen herrlichen Blick auf den Hafen habe man von dort aus gehabt, überall Terrassen und wunderbare Aussichten, links die Burg, rechts das Gebirge, hell und lichtdurchflutet seien die Räume gewesen, klar die Luft, morgens habe man die Fischerboote hinaus aufs offene Meer tuckern hören. Hell und lichtdurchflutet war auch Ediths Wohnung in Rodenkirchen, sie bestand zum größten Teil aus Fenstern.

Ediths Haus in Spanien

Viele Freunde und Verwandte hat Edith nach Spanien eingeladen, ich habe Fotos gesehen und mir von der begeisterten Fremdenführerin erzählen lassen, die ihre Gäste großzügig bewirtete und mit dem Auto zu allen möglichen Sehenswürdigkeiten fuhr, zu Kirchen und Burgen, einsamen Buchten, eindrucksvollen Sandstränden und zu den Wirkstätten von Salvatore Dali. Besonders schön seien das gemeinsamen Kochen und die gemeinsamen Mahlzeiten gewesen, die ausgelassenen Feste und das gemeinsame Sonnenbaden und Schwimmen im Meer.

Edith in Spanien

Auf den Bildern sieht sie jung und glücklich aus. Edith liebte die Sonne und war in südlichen Gefilden als Sommermensch sicher ganz in ihrem Element. Leider habe ich sie so nie erleben können. Kennengelernt habe ich sie aber als Kunstliebhaberin und vielseitig interessierte Leserin, die sich sogar beim Zeitungslesen Notizen machte und ganze Ordner mit Zeitungsausschnitten hatte. Ihr Lieblingsbuch „Schweigeminute“ habe ich auf ihren Rat hin mit meinem Literaturkreis gelesen. Alle waren von dem Buch beeindruckt. Genau wie ich war sie eine leidenschaftliche Fotografin. Sie verschickte zu allen Anlässen schöne selbstgestaltete Karten, meine Eltern haben viele davon aufbewahrt. Ich erkenne ihre Handschrift und auch den Duft, den sie später am liebsten mochte. „Wish“ von Chopard, in einem merkwürdigen Flacon, der an einen Diamanten erinnert und in ihrem Sekretär lag. Damals hielt ich ihn allerdings für einen Briefbeschwerer. In ihrer Rodenkirchener Wohnung hatte Edith unzählige Fotos, die sie in prall gefüllten Alben und Kartons aufbewahrte. Und viele Filme, die sie sich abends oder am Wochenende ansah, mit Kopfhörern, weil sie so schlecht hörte. Überhaupt muss Edith es früher geliebt haben, Gäste einzuladen und zu bewirten, ist sehr gern verreist, war immer bereit zu Spontanausflügen und Unternehmungen, war ganz versessen auf Ausstellungen und Museen und hat wohl auch gern gefeiert, besonders Karneval. Eine Freundin meint, dass sie auch ausgefallene Kostüme entworfen habe. Ich weiß auch, dass Lutz und Edith ausgesprochen sportlich waren und früher beide Hockey spielten.

Buchkunst in Ediths Wohnung

Irgendwann fing ich an, die vielen schönen Dinge in ihrer Wohnung zu fotografieren. Vielleicht würde sie sich ja über ein Fotobuch freuen? Ich schenkte es ihr 2013 zum Geburtstag. „Ich kann nicht fassen, dass ich hier zwischen so wunderbaren Schätzen lebe. Das ist wirklich meine Wohnung in deinem Buch! So ganz anders, gesehen durch deine Augen! Ich danke dir sehr dafür!“ Das Buch ist genauso verschwunden wie der Stein. Entsorgt oder möglicherweise in einem der Kellerkartons. Für Edith war es nach der Umsiedelung tröstlich, dass sie ihre Schätze noch bei sich hatte. Im Heim habe ich nur ein einziges Foto gemacht, weil mich das Stillleben aus Brille, Stift und trauriger Vase mit getrockneter Blume anrührte. Die Fensterbank schmückte Edith mit Kerzen und bedrucktem Transparentpapier und liebte es, wenn die Sonne damit Licht- und Schattenspiele machte. An den Wänden hingen ihre Fotos, in Wechselausstellungen, allerdings nur notdürftig mit Tesafilm oder kraftlosen Heftzwecken befestigt, die in der harten Wand krumm wurden und nicht lange hielten, so dass die Seite über ihrem Bett voller Löcher war.

Steinkunst in Ediths Wohnung

Die Idee mit dem Fotografieren kam nicht von ungefähr. Nach dem Tod meiner Eltern habe ich auch mein Elternhaus vor dem Verlust ausgiebig fotografiert. Ich ertrage es nicht, wenn Erinnerungen verschwinden. Die geschmackvolle, farbharmonisch eingerichtete Wohnung meiner Tante mit all ihren Kostbarkeiten, die sie aus Ausstellungen und aus der Natur zusammengetragen hatte, lud in der Tat zum Schauen und Fotografieren ein. Dicke Mohnkapseln waren von Künstlerhand nebeneinander arrangiert, verschiedenfarbige flache Kiesel fein übereinander aufgereiht, Holzstückchen zu fragilen Bauten aufgeschichtet, Buchseiten kunstvoll gefaltet, von ihr selbst gesammelte Steine schmückten flache weiße Schalen, und überall hingen zahlreiche kleine und einige wenige große Bilder, am Fenster schwebte ein luftiges Boot oder vielleicht war es auch ein Vogel aus Treibholz und milchigen Pflanzenteilen. Sogar im Flur und im Bad hingen Bilder, alles lud zum Schauen ein. Die Fähigkeit, wie ein Kind zu staunen und sich zu freuen, hat Edith sich bis ins hohe Alter bewahrt, und ihre Begeisterung war durchaus mitreißend. Ihre Wohnung wirkte aber nicht etwa voll, sondern aufgeräumt und genau durchdacht. Alles befand sich an der richtigen Stelle, alles war genau am richtigen Ort, nichts wurde dem Zufall überlassen.

Edith in ihrer Wohnung

Edith besaß ein ausgeprägtes Stilgefühl, einen sicheren ästhetischen Blick, und umgab sich grundsätzlich nur mit ganz bestimmten Farben, auch ihre Kleidung spiegelte ihr Farbempfinden wider, so dass sie fast mit ihrer Umgebung verschmolz. Ediths Farben waren Weiß, Beige, Grau, alle Schattierungen von Erdtönen und Braun bis hin zu einem fast schwarzen Dunkelbraun. In ihrer Wohnung spielte sie gern mit Kontrasten. Was Farben betraf, reagierte sie übrigens erstaunlich emotional. Sie hasste Gelb und Rot so sehr, dass sie nichtsahnend mitgebrachte gelbe oder rote Blumen schlichtweg nicht annahm. Die konnten Besucher wieder mitnehmen. Sie ertrug diese Farben einfach nicht in ihrer Nähe. Sie taten ihren Augen weh.

Ediths Wohnung mit Entenbild

Ich verstehe diese Abneigung, allerdings nur, wenn es meine eigene Kleidung betrifft. Der rote Pullover, in den meine Mutter mich als Kind steckte, versetzte mich geradezu in Panik, und ein gelber, den sie mir gestrickt hatte, machte mich jedesmal so übellaunig und unruhig, wenn ich ihn trug, dass meine Mutter entnervt aufgab. Gelb und Rot waren laute, schrille Farben, die auffielen! Viel zu grell und aggressiv, geradezu giftig! Ich reagiere mit Herzrasen und Beklommenheit, wenn ich diese Farben trage, doch bei anderen und auch bei Blumen stören sie mich kein bisschen. Vielleicht liegt es daran, dass sie in der Natur tatsächlich oft Signal- oder Warncharakter haben? Rot ist die Farbe von Feuer, Glut, Hitze, Krieg, Verwundung, Blut, Aggression und Leidenschaft, und Gelb (meist in Kombination mit Schwarz) kennzeichnet häufig giftige, gefährliche oder radioaktive Stoffe und ist die Farbe des Neids. In der Natur und in meinem Garten liebe ich alle Farben, ganz besonders Gelb und Rot, und auch beim Malen und Basteln bin ich mit meiner Farbpalette erstaunlich experimentierfreudig. Vielleicht wirkten Rot und Gelb auf Edith ähnlich? Übrigens ist meine persönliche Hassfarbe Weiß, weil es mich an Krankenhäuser, Kinderheime, Schmerzen und Tod erinnert. Weiße Bettwäsche und weiße Wände sind für mich unerträglich. Beige und Orange mag ich an mir auch nicht besonders. Meine Lieblinge sind alle Blau- und Lilatöne. Und bei Kleidung auch Braun und Schwarz.

Bei Ediths Beerdigung haben wir (natürlich!) darauf geachtet, dass die Rosenblüten, die ihr ins Grab folgten, auf gar keinen Fall gelb oder rot waren, sondern ganz hell. Das habe ich auch dem Bestatter mitgeteilt. Die Blüten in Ediths Grab waren cremeweiß, nur einige wenige hatten zartrosa Ränder. Es war wirklich nur ein Hauch. Ich hoffe, es hat sie nicht gestört.

Ediths Dachterrasse mit Kranich

Onkel Albert, Ediths Vater, besaß wie viele Feltens eine ausgesprochen künstlerische Begabung und eine tiefe Naturverbundenheit. Edith hatte noch einige Originale ihres Vaters und malte selbst auch manchmal, die drei kleinen Vögel auf Porzellan rettete sie sogar bis in ihr letztes Zimmer. Wie ihr Vater und seine Brüder hatte sie einen grünen Daumen und liebte ihren großen Dachgarten über alles. Dort beobachtete sie die Vögel, hing Nisthilfen auf, eine Kugel für den Zaunkönig, pflegte und hegte ihre riesigen, üppigen Pflanzen. Sie ließ sich eigens einen Wasseranschluss nach draußen legen und genoss den Blick über die Dächer von Köln. Nie habe ich eine schönere Passionsblume gesehen als auf Ediths Dachterrasse, ein wahres Blütenmeer. Zwischen den Kübeln standen Vogelstatuen. Den schlanken Kranich hat sie dem Heim geschenkt, wo er jetzt verloren am Haus steht, doch auch dafür war sie dankbar und besuchte ihn oft. „Da ist er! Mein Kranich! Ein Freund!“ Sie schaute voll Freude auf den Heimgarten und kannte dort jeden Baum, jeden Strauch. „Ist das nicht herrlich hier?“ freute sie sich. Auch ihr metallener Fisch steht jetzt dort, wasserfern, inmitten von Kieseln. Mich hat die Gartenanlage immer nur deprimiert, für Edith war sie ein Lichtblick.

Ediths Dachterrasse mit Fisch

Sehen konnte sie selbst im hohen Alter noch erstaunlich gut. Familienmitglieder erkannte sie bis zum Schluss, vor allem wenn ich ihr alte Fotos zeigte, auf denen längst Verblichene noch jung und frisch aussehen und den Betrachter strahlend anlächeln. „Der Günter! Der Kurt! Die Margot! Tante Auguste! Vati! Dein Opa!“ In diesen Momenten wirkte sie überrascht und bewegt. Sie konnte sich einfach nicht erklären, wieso die Gesichter jetzt alle in meinem Handy waren. „Wie machst du das? Was man heute alles kann! Die Technik!“ Manchmal sagte sie auch Sätze, die mich traurig machten. „Dann gibt es mich also noch!“ „Dann bin ich also nicht vergessen!“ „Ich danke dir, dass du mir meine Familie zurückgibst!“ An den Wänden und auf dem Tisch fanden sich auch im Heimzimmer noch viele Fotos von Personen, die ihr einst lieb gewesen waren. „Freunde. Von früher. Spanien. Ich hatte so viele Freunde.“ Sie nannte etliche Namen, doch für mich waren es Fremde.

Ediths Papierkunst

Bei unserem letzten Besuch im Heim, es war um die Weihnachtszeit, wirkte Edith in sich gekehrt und weit fort. Als sie mich erkannte, sagte sie zu meinem großen Schrecken wörtlich denselben Satz, den auch mein Vater auf der Demenzstation zu mir sagte: „Wie hast du mich hier bloß gefunden?“ Als befände sie sich bereits in einer Anderswelt, weit weg, durch tiefe Abgründe vom Leben getrennt. Sie war an diesem Tag schwer zu erreichen, sprach nicht, starrte ins Leere, aß mechanisch die Plätzchen, die wir mitgebracht hatten, sank immer wieder tief in sich selbst zurück und konnte sich nur mit großer Kraft konzentrieren. Schließlich deutete sie auf das Foto, auf dem sie mit Herbert zu sehen war. „Das sind meine Kinder“ murmelte sie. Sie merkte wohl, dass ich erschrocken war und sah mich ratlos an. „Entschuldige. Verwirrt. Mein Kopf.“ Sie kam nicht mehr wie sonst mit zum Aufzug, sondern blieb still und verloren an ihrem Platz im Speiseraum, sah uns gehen und winkte. Das ist mein letztes Bild von ihr.

Kurze Zeit später brach die Pandemie über unsere Welt herein. Lockdowns und Distanzregeln prägten unser Leben. Ich dachte jeden Tag an Edith, rief auch manchmal im Heim an und erkundigte mich, wie es ihr ging, fragte nach, ob sie schon geimpft sei, aber besucht haben wir sie nicht mehr. Ich wage mir kaum vorzustellen, wie sie sich gefühlt hat, als sie plötzlich nur noch von Masken umgeben war, denn sie konnte ja nichts hören und las meist von den Lippen ab. Beim letzten  Besuch klang ihre Stimme rau und fremd, und ich konnte nichts weiter tun als ihren Arm und ihr Gesicht streicheln und ihre kühle Hand halten. „Das tut mir gut!“ sagte sie. „Dann gibt es mich also doch noch.“

Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer. Als mein Mann an Ediths Grab diese Zeilen aus Psalm 139 sprach, dachte ich an ihr glückliches, erfülltes Leben in Spanien, in der wärmenden Sonne, direkt am Rand des Meeres. Jetzt ruht ihre Asche weit weg vom Meer in einem grünen moosigen Wald voller Farne und Steinschalen zwischen den Wurzeln einer jungen Kastanie an einem von ihr selbst gewählten Ort. Er passt zu ihrer Naturnähe. Es war mein erster Besuch in einem Friedwald, und ich war angenehm überrascht. Ich erinnere mich noch, wie sie uns vor einigen Jahren von den Gärten der Erinnerung und Pfaden der Sinne erzählte. Sie hatte in der Zeitung darüber gelesen und das schöne Foto ausgeschnitten, tröstliche Laternenlichter unter herbstlichen Bäumen. „Ein schwerer Gang für mich! Aber so nette Menschen. Verständnisvoll. Freundlich. Sie haben mir sehr geholfen.“ Sie sprach oft ein wenig bruchstückhaft. Und ziemlich laut, weil sie sich selbst nicht hören konnte. Es muss kurz vor der unerwarteten Übersiedlung ins Heim gewesen sein. Vielleicht hat sie gespürt, dass eine tiefgreifende Veränderung bevorstand. Edith hat viel gespürt, auch die Schwingungen anderer Menschen und die Schatten der Zukunft. Genau wie mein Vater.

Friedwald in Bergisch Gladbach

Gemeinsam mit dem netten Herrn sei sie durch die Anlage gegangen und fand, dass ein Laubbaum gut zu ihr passte. „Laubbäume verändern sich. Sehen immer anders aus. Gefällt mir gut.“ Viel Kraft hatte dieser Schritt sie gekostet. „Aber jetzt ist alles geregelt, jetzt bin ich ruhig.“ Vorher hatte sie nächtelang nicht geschlafen vor Aufregung. Hatte sich verfahren an dem Tag. Sie fuhr gern und viel, war stolz darauf, ein kleines Auto zu haben, so mobil zu sein, allerdings war ihr Fahrstil zumindest in späteren Jahren für nichtsahnende Beifahrer ziemlich gewöhnungsbedürftig. Als sie mich einmal im Wagen von Köln an den Niederrhein mitnahm, war ich heilfroh, als wir endlich wohlbehalten am Ziel waren und saß während der Hin- und Rückfahrt mehr oder weniger auf der Kupplung.

Ediths Mohnkapseln

Bei meinem letzten Besuch in der Rodenkirchener Wohnung wohnte Edith bereits im Heim. Die Pflanzen auf der Dachterrasse waren einsam und vertrocknet, die Wohnung war traurig und leer, nur der Sekretär stand noch da, sah im falschen Zimmer noch kleiner und fragiler aus. Wenige Tage vorher hatte sie mich angerufen. „Ich habe nachgedacht. Ich möchte dir meinen Sekretär schenken. Ihr müsst ihn nur noch abholen.“ Lange haben wir nicht den richtigen Platz gefunden, aber jetzt steht er hier im Ahnenzimmer, in seinen Schubladen sind Farben und Stifte und alte Briefe und Fotos. Und ein Flakon „Wish“. Genau in dem Fach, wo er auch bei Edith gelegen hat. Das würde ihr gefallen. Das Entenbild, das ihr Vater gemalt hatte, schenkte sie mir im letzten Jahr in ihrer Rodenkirchener Wohnung. Sie nahm es bei unserem Besuch von der Wohnzimmerwand, wo es so viele Jahre rahmenlos neben dem Schrank gehangen hatte. Sie muss gemerkt haben, wie sehr ich es mochte. „Das sollst du haben. Ich freue mich, dass es dir gefällt.“ Ich weiß sehr wohl, wie wichtig ihr dieses Bild war. Und so schwimmen jetzt fünf Enten bei uns im Flur, in einem Rahmen mit den gedämpften Farben des Entengefieders, dass längst nicht mehr weiß ist, sondern sich in verschiedene Cremetöne verwandelt hat. Ediths Farben.

Ediths Wohnung

Edith war das, was man heute als hochsensibel bezeichnet, feinfühlig, feinsinnig, mit einem sicheren Blick für kleine Dinge, an denen andere achtlos vorübergehen. Sie bemerkte winzige Schneckenhäuser, verfallene Turmgemäuer und bizarre Wolkengebilde. Leider gingen ihr schon früh zwei wichtige Sinne verloren. Sie konnte kaum noch riechen, was sie sehr bedauerte, und war so taub, dass jede Kommunikation mit ihr schwierig war. Ich meine mich zu erinnern, dass auch andere Feltens ziemlich schwerhörig waren.

Da sie nicht mehr gut zuhören konnte, wurden Gespräche meist zu Monologen, bei denen sie irgendwann den Faden verlor, weil sie mit Vorliebe von einem Thema zum nächsten mäanderte. Auch hatte sie die Angewohnheit, mitten im Satz abzubrechen, lange Pausen  einzulegen, dabei in die Ferne zu starren und dann urplötzlich weiterzureden, was ihre Gesprächspartner stark irritierte. Ich habe mehrfach versucht, sie gezielt zu „interviewen“, so richtig mit vorbereiteten schriftlichen Fragen, um mehr über unsere Familie herauszufinden. Viel erfahren habe ich leider nicht. Ihre Hörgeräte funktionierten meist nicht, was sie selbst allerdings weniger störte als ihre Besucher. Telefonate waren schon vor Jahren so gut wie unmöglich. „Ich verstehe dich nicht!“ war ein Satz, der mich sofort hilflos machte. Genau wie „Bitte schrei nicht so laut!“ und „Sprich bitte lauter!“ Das alles machte mich so unsicher, dass ich vor jedem Anruf einen seelischen Anlauf nehmen musste. Meist sagte ich nur schnell, dass und wann wir kommen wollten, und fragte, ob es ihr gelegen kam. Und Edith antwortete: „Das passt mir gut. Ich freue mich auf euch!“ Oft war ihr letzter Satz, noch an der Tür: „Ich muss mich entschuldigen, dass ich schon wieder so viel geredet habe.“ Besuche bei Tante Edith waren schön und interessant, aber sie konnten auch anstrengend sein.

Viele Gedanken habe ich mir gemacht über sie in den letzten Wochen, habe mit Freunden und Verwandten gesprochen, in alten Alben geblättert und ihre Karten und Briefe gelesen. Nein, ich ertrage es ganz und gar nicht, wenn Menschen und alles, was ihnen lieb und wichtig war, einfach so verschwinden. Ich musste diesen Nachruf schreiben, auch wenn er zu lang geraten ist, aber es war ja auch ein langes, dichtes Leben. Liebe Edith, ich hoffe, meine Erinnerungen gefallen dir. Es gibt dich noch. Du hast in unseren Leben viele Spuren hinterlassen. Du bist nicht vergessen.

Herbst

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Pandemischer Jahresrückblick

Amsel (pixabay)

Heute vor genau einem Jahr (zwei Tage zuvor hatte die WHO die Pandemie ausgerufen) schrieb ich hier auf meiner Seite: „Über 4.200 Menschen sind bereits an der Erkrankung gestorben.“ Weltweit, wohlgemerkt. In Köln gab es damals gerade mal 61 bestätigte Krankheitsfälle, und die Quarantänefälle lagen noch unter 200. Und die meisten von uns machten sich Sorgen. Wie anders sieht es jetzt aus. Bis heute wurden allein in Köln 35.433 Fälle gemeldet, aktuell infiziert sind 1.658, verstorben 552. Morgen vor einem Jahr wurden zum ersten Mal jegliche Veranstaltungen im Stadtgebiet untersagt, auch die Gottesdienste.

Ich kann kaum fassen, wie sehr sich die Welt in den wenigen Monaten verändert hat. Wieder ist März, wieder nähert sich zuverlässig der Frühling, die Amseln singen schon morgens und abends, bald wird es wärmer, auch wenn es heute stürmisch ist und zwischendurch sogar Hagelkörner herunter prasselten. Die ersten Knospen erscheinen an den Zweigen, die Wacholderdrossel kommt neuerdings zum Frühstück, die Zugvögel kehren zurück. Heute Morgen um gab es als wetterliche Zugabe sogar noch einen richtig lauten Donnerschlag.

vaccine (hakan nural/unsplash)

Heute vor einem Jahr befanden wir uns am Beginn der ersten Welle, verunsichert bis ungläubig, fühlten uns soldarisch und hilfsbereit. Sangen gemeinsam um 9 Lieder. Vorbei. Heute singt und klatscht kein Mensch mehr. Pandemiemüdigkeit. Damals trugen wir noch keine Masken, konnten uns nicht mal vorstellen, mit den unbequemen Lappen vor dem Gesicht herumzulaufen. Die ersten Hamsterkäufer räumten die Klopapierregale leer, als könnten sie mit den weißen Rollen ihr Leben retten. Darüber lächeln wir heute. Wir haben viele neue Wörter gelernt, hören Podcasts, sind wahre Impfstoffspezialisten, kennen mindestens fünf bekannte Virologen und sehen zu, wie die Menschheit in immer mehr kleine Gruppen zerfällt. Und jede hat ihr eigenes Kürzel und wehe, man nimmt ihr was weg. Ich sehne mich zurück nach der Zeit, als das wichtig war, was wir gemeinsam hatten, und nicht das, was uns trennt und unterscheidet.

Gerade stehen wir vor der dritten Welle und schauen mit bangem Blick auf Ostern. Heute denken wir in Millionen. Weltweit gibt es 119.187.414 (bekannte) Fälle (ohne Dunkelziffer), 67.491.954 Menschen sind genesen (was immer das bedeutet, das ganze Ausmaß der Katastrophe ist noch nicht sichtbar), 2.641.707 sind gestorben. Zum Glück gibt es in Deutschland bereits drei zugelassene Impfstoffe (in einigen anderen Ländern sind es noch mehr), auch wenn die Impfungen nur sehr schleppend voranschreiten und sich bei einem der Impfstoffe die Probleme häufen. Gerade heute wurde wieder ein Lieferengpass verkündet. Wir kommen nicht weiter mit den Schutzimpfungen. Deutsche Gründlichkeit und suboptimales Krisenmanagement sind keine gute Kombination. Die Impfstoffe sind zwar ein Hoffnungsschimmer und eine wahre medizinische Hochleistung, aber leider gibt es auch bereits mehrere gefährliche und hochansteckende Virusmutationen aus Südafrika, Brasilien und aus dem Vereinigten Königreich. Sie sind längst auch schon bei uns. Besonders B 1.1.7, momentan ist sie bereits für 50% der Fälle verantwortlich.

Masked  (Engin Akyurt/unsplash)

Letzten März wußten wir noch sehr wenig über dieses Virus und seine Tücken. Dass es so viele Bereiche unseres Körpers schädigen kann, uns (oft leider nicht nur vorübergehend) komplett die Sinne rauben kann, dass selbst milde Verläufe üble Folgen haben können, manchmal erst Monate später, und dass Genesene eher Überlebende sind. Das wirtschaftliche Ausmaß dieser Katastrophe ist noch gar nicht absehbar. Heute wissen viele von uns, wie es sich anfühlt, plötzlich nichts mehr riechen und schmecken zu können. Wochenlang. Wochen voller Unsicherheit und Angst. Und wie es sich anfühlt, auch nach Monaten noch urplötzlich in eiskalten Schweiß gebadet dazustehen, ohne dass einem warm ist oder man Stress hat, einfach so. Dass einem büschelweise die Haare ausfallen. Das Herz rast wie ein Rennpferd. Wie es sich anfühlt, tagelang so schmerzende Fingergelenke zu habe, dass man keinen Stift mehr halten kann, oder sich so matt und kraftlos zu fühlen, dass man nur noch liegen und vor sich hindämmern kann. Wie bei Jetlag (das verstehen die meisten), nur schlimmer. „Dann mußt man sich eben zwingen!“ oder „Du musst dich zusammenreißen“ sind gut gemeinte Sätze, helfen aber nicht. Hier stellt sich keiner an, das ist traurige, kräfteraubende Realität.

Eine derartige Losigkeit kannte man bisher höchstens bei Depressionen. Kraftlos, motivationslos, zuweilen hoffnungslos. Hört das denn nie auf? Auch nach einem Jahr nicht? Heute gibt es so viele Long Haulers, heute gibt es Long Covid, Post Covid, Chronic Fatigue. Es gibt Brain Fog (Nebel im Kopf), jähe neurologische Aussetzer, bei denen man voll Schrecken seine eigene Adresse nicht mehr weiß, sich in Wörtern verheddert oder sie nicht mehr findet und sich nicht mehr konzentrieren kann. Tage, an denen man in der Küche oder im Keller steht und nicht weiß, warum. Vor Verwirrung und Schrecken zu weinen beginnt. Das passiert auch jungen Menschen, ganz ohne Altersdemenz.

Es gibt großartige Gruppen wie „AbScent“ (ein englischsprachiges Forum), die sich mit den Folgen von Anosmie, Parosmie und Phantosmie beschäftigen, in denen die Betroffenen Halt und Trost finden. In denen sie aufgefangen und verstanden werden. Mit Nichtbetroffenen können sie sich über ihren Kummer kaum unterhalten. Die Reaktionen sind allzu oft unsensibel und verletzend. „Sei froh, dass du nur einen milden Verlauf hattest.“ Ja, ist man, aber man leidet trotzdem an Folgeerscheinungen. Oft sind sie so schlimm, dass man nicht mehr arbeiten kann. Nicht mehr Sport treiben kann. „Nichts riechen? Das hab ich nach jedem Schnupfen.“ Sie wissen nicht, wovon sie reden. „Du kannst nichts mehr schmecken? Das könnte ich auch mal brauchen, dann würde ich wenigstens ein paar Kilo abnehmen.“ Und dabei lachen sie. „Es wird meiner Meinung nach sowieso viel zu viel Tamtam um das Ganze gemacht.“ Was sie nicht wissen: Den Zustand wünscht man nicht mal seinem schlimmsten Feind.

apple (iamcristian/unsplash)

apple (iamcristian/unsplash)

In Selbsthilfeforen teilen Betroffene ihre großen und kleinen täglichen Erfolge: „Heute zum ersten Mal nach vier Monaten wieder Kaffee geschmeckt, ohne zu würgen!“ „Ich bin so froh, endlich kann ich wieder Bananen essen!“ Oder die Trauer darüber, was alles nicht mehr geht. „Jetzt hab ich auch noch Äpfel verloren.“ „Ich kann nicht aufhören zu weinen, alles stinkt nach Covid.“ „Covid“ riecht extrem scheußlich, chemisch, eklig. Und die anderen Fehlgerüche und Halluzinationen. Es gibt Betroffene, die sich beim Versuch zu essen regelmäßig übergeben, die nur noch Nahrung zu sich nehmen können, wenn sie sich eine Klammer auf die Nase setzen, wie Taucher sie benutzen, weil sie sich sonst ekeln, weil alles nach Jauche oder faulig riecht. Ranzig und verdorben schmeckt. So viele Menschen entwickeln gerade Essstörungen, Depressionen, Ängste. Wenn alles nur noch nach Zigaretten, Aas oder Gas riecht, auch die eigenen Kinder, Partner oder Haustiere, das eigene Haus und überhaupt die ganze Welt, dann sehnen sich einige sogar zurück in den Zustand des Gar-nichts-Riechens, auch wenn der Zustand ein Alptraum war, weil man sich in so einer leeren Welt nur schlecht zurechtfinden kann. Besonders Verzweifelte überlegen sogar, ob sie sich den Riechkolben operativ entfernen lassen sollen und lieber für immer ohne Geruchssinn bleiben, nur damit die scheußlichen Halluzinationen aufhören. „Ich ertrage das einfach nicht mehr.“ Die Menschen im Forum verstehen das. Die anderen nicht. Sie können es sich nicht vorstellen. „Jammern auf hohem Niveau. Seid froh, dass ihr nicht im Krankenhaus wart und beatmet werden musstet.“ Es stimmt. Und wir sind auch dankbar. Und fühlen uns schlecht und schuldig, weil wir klagen. Doch wenn die Welt stinkt und einem die Gelenke weh tun, wird man jammerig. Überlebensschuld haben wir sowieso. Warum tötet das Virus so viele und verschont andere? Es ist alles so willkürlich.

Lavendel (elly johnson/unsplash)

In Brasilien explodieren wieder die Fallzahlen, kein Wunder bei dem Präsidenten, Italien steht erneut vor einer Katastrophe. Irgendwie haben wir das Jahr überlebt, haben versucht, uns so gut es geht zu schützen, haben erfahren, wie schlimm es ist, voneinander getrennt zu sein.  Für viele lange Monate. Haben uns damit abgefunden, einander über ein Jahr nicht mehr „richtig“ zu sehen oder in den Arm nehmen zu können (wie gut, dass es Zoom und Skype und WhatsApp gibt). Wir entwickeln mitunter merkwürdige Störungen, werden zunehmend eigenbrötlerischer. Vereinzeln und verlernen das Lächeln. Man sieht den Mund ja eh nicht mehr. Schrecken zusammen, wenn wir Filme sehen, in denen Menschen in großen Gruppen auftreten. (Oh Gott, die halten ja gar keinen Abstand! Und keine Masken!) Ich erschrecke selbst im Traum, wenn jemand mir zu nahe kommt. Obwohl ich weiß, dass ich träume!

yellow flower (engin akyurt/unsplash)

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Wintergedanken und Zirbelkiefern

Red Barn (Simone Garland)

Bevor er sich am 20. März endgültig verabschiedet, auch wenn uns natürlich die berüchtigten Eisheiligen (Mamertus, Pankratius, Servatius, Bonifatius und die kalte Sophie im Mai, „Vor Nachtfrost du nie sicher bist, bis Sophie vorüber ist!“) noch bevorstehen, möchte ich den Winter noch einmal richtig würdigen  Jetzt, wo ich nach so vielen Wochen ohne meine feine Nase meine fünf Sinne wieder einigermaßen beieinander habe, kann ich ihn endlich (fast) wie sonst genießen.

Draußen verausgaben sich schon seit einiger Zeit die ersten duftenden Winterblüher, die pfeffrig-zitronige Zaubernuss mit den schmalen, filigranen schwefelgelben Blütenstreifen, die sie bei Frost einfach nach innen einrollt, und der intensiv nach Maiglöckchen duftende Geißblattstrauch. Seine Blüten sind weiß und klein mit einer puscheligen Mitte und haben es echt in sich. Und hinten im Garten kann man Schneeglöckchen, Krokusse und die gelben Winterlinge bewundern. Gleich vier Amselmännchen zanken sich derzeit um unseren Garten, dabei ist Platz genug für mindestens zwei Paare. Aber davon wollen sie nichts hören. Das Weibchen sitzt entspannt im Apfelbaum und beobachtet den ganzen Stress. Ihr ist offenbar egal, wer gewinnt.

Schneebäume (Simone Garland)

Den Duft von Nadelbäumen kann ich inzwischen zu meiner Freude auch wieder wahrnehmen. Ich fand es traurig, im Dezember im „sterilen“ Weihnachtszimmer zu sitzen ohne den vertrauten Adventskranz-, Tannen- und Kerzengeruch. Erst kurz vor dem Abschmücken (am Dreikönigstag) kehrte die „Weihnachtsbaum-Melange“ zurück, gerade noch rechtzeitig, und ich war so glücklich, dass ich hätte weinen mögen. Am selben Tag roch ich auch zum ersten Mal nach langer Zeit wieder deutlich das Katzenfutter von Alice. Ich hatte es ausnahmsweise neben den Weihnachtsbaum gestellt, weil ich es ja eh nicht riechen konnte. Plötzlich waren beide Gerüche wieder da. Eine höchst merkwürdige Mischung. Der Baum roch nach trockenen Nordmann-Nadeln, das Futter genauso unappetitlich wie immer (ein bisschen wie der Abfluss in der Küchenspüle), aber Alice und ich waren glücklich, wenn auch aus völlig unterschiedlichen Gründen.

Bisher bin ich von den schrecklichen Parosmien, unter denen so viele von uns nach einem „milden Verlauf“ monatelang leiden, noch verschont geblieben und hoffe inständig, dass es so bleibt. Nur manchmal schleicht sich ein feiner, stechender Gas- oder auch ein weit entfernter leichter Rauchgeruch ein, aber bei beiden weiß ich, dass es Phantosmien sind, Geruchshalluzinationen. Manches riecht auch noch „falsch“ oder merkwürdig, etwa die lila Hyazinthe, die eine Weile im Flur stand. Normalerweise duftet sie am Anfang geradezu betäubend (zum Schluß stinkt sie so, dass ich sie nach draußen verbanne), aber diesmal roch sie die ganze Zeit gleich. Sehr unangenehm. Nach Gas. Auch die Winterblüher duften nicht „normal“, schwächer als sonst, ich muss ganz nah herangehen, um sie überhaupt zu bemerken. Aber die Tage roch ich an der Bahnhaltestelle eine Zigarette, die mindestens zehn Meter entfernt war. Zuerst hatte ich sie nicht gesehen und seufzte innerlich. War das eine Phantosmie? Dann hob die Dame die Hand, und ich sah die Zigarette. Das macht mir Hoffnung. Beim endlich wieder erlaubten Friseurbesuch identifizierte ich sogar das Parfum der Dame, die vor mir auf dem Stuhl gesessen hatte. Selten hat mich der Satz: „Sie haben aber eine empfindliche Nase!“ so gefreut.

Snow Road (Simone Garland)

Mein tägliches „Riechtraining“ habe ich inzwischen um etliche weitere braune Fläschchen mit ätherischen Ölen erweitert und dabei als unerwartetes Geschenk den Wohlgeruch der Zirbelkiefer neu entdeckt. Schon beim ersten Atemzug stiegen ferne Erinnerungen an Südtirol auf, an die besonderen „Stuben“ (waren die Möbel dort aus Zirbelholz?) und auch an Überbachers große Schnitzwerkstatt und den kleineren Raum, in dem der Herrgottschnitzer saß. Ich finde den Zirbenduft so angenehm, dass ich mich am liebsten vorübergehend in einen Flaschengeist verwandeln und darin baden würde.

Beim Einschlafen stelle ich mir jetzt manchmal vor, ich läge in einem Zirbelkieferwald im Gebirge. In der Ferne sehe ich hohe, schroffe Dolomitenfelsen. Offenbar geht es anderen ähnlich. Zirbenduft wirkt anscheinend entspannend und hilft beim Einschlafen. Es gibt sogar besondere Schlafkissen, die mit frischen Zirbenspänen gefüllt sind. Eins habe ich mir jetzt bestellt. Aus Tirol. Ich kann im Moment einfach nicht genug bekommen von diesem Holzgeruch. Sehr ernüchternd dagegen ist das Fläschchen mit „Lindenblütenduft“. Es stinkt nach altem, staubigem, trockenem Stroh. Dabei hatte ich solche Sehnsucht nach den sommerlichen honigsüßen Lindenblüten. Hoffentlich stinken die großen alten Bäume an der Kirche im Sommer nicht auch nach Stroh.

Far Away (Simone Garland)

Mein Fläschchen mit Fichtennadelextrakt dagegen versetzt mich gleich in weit entfernte samstägliche Zeiten. So rochen die krümeligen grünen Badetabletten bei uns zu Hause. Der Zedernduft in der dritten „Waldflasche“ war zunächst ausgesprochen unangenehm und erinnerte mich nur an eklige Mottenkugeln, doch inzwischen hat sich das gelegt und die Holznote ist deutlich erkennbar. Motten scheinen Zedern auch nicht zu mögen, denn in den USA hängt man nicht von ungefähr Zedernholz als Mottenschreck in die Kleiderschränke. Bei uns waren es früher Lavendelsäckchen. Ob das heute noch jemand macht? Ich habe auch eine kleine Flasche mit Lavendelduft. Der erinnert mich an meine Tanten und ihr „Uralt-Lavendel“. Gab es damals nicht auch „Tosca“? (Der Duft für die gepflegte Frau ab 50!) Ich mochte den Geruch nicht. Die Flakons verschenkte man, wenn einem sonst nichts einfiel für die weibliche Verwandtschaft, hab ich auch schon ewig nicht mehr gerochen! Ob es „Tosca“ noch gibt? Es war schon damals ein „klassischer Duft“, vielleicht aus den 1920er Jahren?

Hier in Köln waren die letzten Monate mild, wieder so ein warmer Winter, wie wir sie seit einiger Zeit gewöhnt sind. Ich habe unsere Kübelpflanzen im Garten diesmal gar nicht erst eingepackt und abgedeckt, nur die besonders empfindlichen in die Garage geräumt. Temperaturmäßig gab es nur äußerst wenige eisige Ausreißer, alle erst in diesem Jahr. Wir haben erst zweimal das Wasser nach draußen abgestellt. Das letzte Mal vorige Woche, da war es nachts einmal -6 Grad.

Winter Birds (Simone Garland)

Wie in den letzten Jahren habe ich mir bei meiner Freundin Simone Garland einige ihrer schönen Schneefotos ausgeliehen, denn bei ihr in Kanada kann man die weiße Pracht noch so richtig bewundern. Die Bilder passen perfekt zu meiner ewigen Schnee-Sehnsucht und den Wintererinnerungen aus meiner Kindheit. Wenn ich die weiße Weite betrachte, kann ich all die engen Lockdown-Gefühle ablegen, mich in meinen imaginären dicken Wintermantel kuscheln, die weichen Fäustlinge zurechtzupfen, tief Luft holen, durch den tiefen Schnee stapfen und mir genüßlich die kalten Flocken auf der Zunge zergehen lassen. Jede sieht anders aus, und alle sind sie wunderschöne kleine Kunstwerke. Flockdown statt Lockdown.

Simone hat mir berichtet, dass der jetzige Winter auch in Kanada etwas wärmer und schneeärmer ist als sonst und dass man die Covered Bridges (wie die auf dem nächsten Foto) auch Kissing Bridges nennt (weil sich Verliebte dort so gut heimlich küssen können). In Ontario gibt es nur noch drei dieser Brücken, die abgebildete befindet sich bei West Montrose in der Nähe von St. Jacob’s. Sie ist mit dergleichen Farbe gestrichen wie die Scheune. Barn Red. Scheunenrot. Ich habe mir vor Jahren mal ein kleines Tütchen „Old Fashioned American Milk Paint“ mit Pulver in Barn Red zugelegt, es reicht bestimmt für ein großes Maushaus. Ich muss nur noch den kleinen Karton mit den Milk Paint-Tütchen finden.

Covered Bridge (Simone Garland)

Wie gern würde ich (natürlich am liebsten mit meinem Knuffelkontakt) mal selbst über so eine überdachte lange Brücke gehen! Sie erinnert mich sofort an den Film mit Clint Eastwood und Meryl Streep „Die Brücken am Fluß“ („The Bridges of Madison County“). Die Szene, in der er traurig im Regen auf der Straße steht und Abschied nimmt, werde ich nie vergessen.

Schnee gab es hier bei uns nur ein paar Tage lang. Wie „märchenhaft“ sieht es dagegen auf Simones Winterbildern aus. Sogar die Wasserfälle verwandeln sich in gefrorene Wunderwerke der Natur.  Mir fällt wieder einmal auf, wie schön Rot und Orange mit Weiß harmonieren. Das Weiß bringt sie richtig zum Leuchten. In der kalten Jahreszeit gehören sie eindeutig zu meinen Lieblingsfarben. Wie lange habe ich schon nicht mehr das beruhigende Tropfen von langen Eiszapfen gehört? Das muss mehrere Jahrzehnte her sein. Ach, ich liebe Simones schneebeladene stille Winterfotos. Die erstarrten Wasserfälle. Die spitzen Eiszapfen. Die einsame Scheune. Und den Duft von Zirbelkiefern!

Frozen Falls (Simone Garland)

 

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World Book Day!

Wie immer herrscht großer Andrang vor dem Buchladen (BFL)

Gestern war World Book Day, und wie es sich für Buchfans gehört, haben wir alle sehr viel gelesen, auch die Kleinsten, denn wir haben auch eine Menge Bilderbücher. Im Mausland ist der Buchladen zum Glück immer offen. Auch nachts.

Im Mouse Tales Bookshop (BFL)

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Welche Hautfarbe hat ein Gedicht?

Übersetzungsassistent (BFL)

Gestern las ich im „Guardian“, dass die junge niederländische Schriftstellerin Marieke Lucas Rijneveld (immerhin Gewinnerin des Man Booker Prize) die Poetin Amanda Gorman nicht mehr ins Niederländische übersetzt. Rijneveld ist von ihrem Vertrag bei Meulenhoff zurückgetreten. Nicht weil die Übersetzung nicht gut wäre, sondern weil die Farbe nicht stimmt. Für schwarze Dichter kommen momentan offenbar nur noch schwarze Übersetzer in Frage. Bei Schauspielern und Synchronsprechern (bitte im ganzen Text an den passenden Stellen Gender*, Binnen-I,  Gender_ mitdenken) kennt man das ja schon. Der Farbzwang gilt inzwischen gar für die Sprecher von Comic Figuren, wobei mein Liebling Donald Duck bisher noch kein Problem hat. Aber der ist ja auch weiß. Anders als Alladins Flaschengeist. Der ist blau. Und hat eine Menge Probleme.

Kann man Hautfarben tatsächlich lesen und hören oder ist das jetzt eine neue Art von Rassismus?

Treiben wir es mal kurz auf die Spitze. Was mache ich, wenn im zu übersetzenden Roman Persons of Color vorkommen? Das Problem hatte ich bei John Balls Romanen, etwa „In der Hitze der Nacht“. Muss man die schwarzen Textstellen von farblich passenden Übersetzern übertragen lassen? Hätte ich dem berühmten Virgil Tibbs meine Stimme gar nicht leihen dürfen? Noch dazu als Frau? Noch grundsätzlicher: Darf ein weibliches Wesen (jetzt mal ohne Farbproblem) überhaupt noch die Werke eines männlichen Wesens übersetzen (und umgekehrt)? Zudem gibt es ja bekanntlich immer mehr Geschlechter. Brauchen die alle genau die richtige übersetzerische Entsprechung?

Darf oder soll Marieke Lucas Rijneveld das Buch auch nicht übersetzen, weil sie/er sich als „nichtbinär“ versteht? (Das musste ich auch erst googeln. Jetzt weiß ich zwar, was es bedeutet, aber nicht, wie ich damit grammatikalisch umgehen soll.) Wie Amanda Gorman sich versteht, habe ich nicht herausgefunden. Wohl nicht als „nichtbinär“, sonst wäre das ja kein Thema.

Translation with Witch (BFL)

Es wird immer schlimmer. Schon jetzt bekommt man als Schriftsteller langsam Angst, seiner Fantasie freien Lauf lassen. Möglichst keine Romanfiguren mehr erfinden, die nicht wie man selbst sind. Möglichst die eigene Perspektive verwenden. Darf man überhaupt noch als Frau aus der Perspektive eines Mannes schreiben? Als Erwachsene aus der Kinderperspektive? Oder gar aus der eines japanischen Jungen? Darf man eine schwarze Romanfigur erfinden, wenn man selbst weiß ist? Ist das nicht bereits „kulturelle Aneignung“? Kreisen wir bald nur noch trist und öde um uns selbst (natürlich unter genauer Abbildung der Gesellschaft, die uns umgibt, also mit allen nur denkbaren Ethnien und sexuellen Identitäten, um nur ja niemanden auszulassen oder vor den Kopf zu stoßen)? Werden Fantasie und Sprache immer mehr zensiert? Bekommen Journalisten und Schriftsteller immer dickere Maulkörbe?

Vor einigen Jahren hatte ich eine Lesung (nur für Frauen)  in einem Frauenbuchladen, in dem nur Bücher von Frauen verkauft wurden. Die meisten Anwesenden lasen ausschließlich Bücher von Frauen, wie sich bei der anschließenden Diskussion herausstellte. Ich dachte an die Bronte-Schwestern, die sich Männernamen zulegen mussten, damit sie überhaupt eine Chance hatten. Auch J.K. Rowling hat nicht von ungefähr das Pseudonym Robert Galbraith. Es ist noch nicht lange her, da durften Frauen nicht mal Zeitung lesen. Zu viel Lektüre macht unfruchtbar, steht im alten Medizinbuch meiner Mutter. Das fand ich schon als Kind zum Lachen.

Trans late (geralt/pixabay)

„I had happily devoted myself to translating Amanda’s work, seeking it as the greatest task to keep her strength, tone and style“, schreibt Marieke Lucas Rijneveld, die/der mit Gormans befreundet ist und ebenfalls schon früh berühmt war. Die beiden haben also (außer der Hautfarbe) einiges gemeinsam. Die amerikanische Dichterin hat sich ihren translator wohlgemerkt selbst ausgesucht, doch leider passt sie/er einigen farblich nicht ins Konzept.

WER entscheidet das? WER bestimmt, was erlaubt oder erwünscht oder politically correct ist? Der Schriftsteller offenbar nicht, auch nicht der Verlag. Im niederländischen Fall wurde die Debatte von der schwarzen Journalistin und Aktivistin Janice Deul losgetreten. Sie begründet ihre Kritik damit, dass Rijneveld „white“ und „nonbinary“ sei und „no experience in this field“ habe (damit meint sie offenbar den dramatischen Spoken Word Stil). Nur gut, dass sehr viele Menschen auf Twitter diesen Standpunkt ganz und gar nicht teilen.

Translation has no skin colour. 

Übersetzer waren schon immer eine besondere Spezies. Anders als Schriftsteller stehen sie selten im Focus. Aber sie sind ebenso wichtig, denn ohne sie gäbe es keine Weltliteratur. Übersetzer reißen Grenzen ein, überwinden Mauern, öffnen Türen, Herzen und Köpfe.

Wie steht es in Amanda Gormans Gedicht: „To compose a country commited to all cultures, colors, characters and conditions of man.“ Hat Janice Deul diese Stelle überlesen? Vielleicht sollte sie selbst versuchen, das Gedicht zu übersetzen? Sie würde schnell merken, dass man durch die „richtige“ Hautfarbe und Geschlechtsidentität nicht automatisch ein guter Übersetzer oder Lyriker ist.

Gerade höre ich eine andere Stimme in meinem Kopf: „I have a dream that one day my four little children will live in a nation where they will not be judged by the color of their skin but by the content of their character. I have a dream today.“ Ist dieser Traum schon ausgeträumt?

Literaturübersetzer sind Fährleute, die seit Jahrtausenden kundig und gewandt die weiten, ruhigen und gefährlichen Sprachmeere dieser Welt befahren (einige haben dafür mit dem Leben bezahlt, etwa die Übersetzer von Salman Rushdie), überqueren ruhige und reißende Textflüsse, verbinden freundliche und feindliche Ufer, bauen kühne und kunstvolle Brücken, bringen neues Verständnis und frische Klarheit. Übersetzer vermitteln zwischen Gegensätzen und überwinden Zeit und Raum. Sie bewegen sich frei und demütig in fremden Köpfen und Kulturen, sind unsichtbare Gestaltenwandler. Sie leihen Schriftstellern ihre Stimme, damit sie überall auf der Welt gehört und verstanden werden können.

Nun ist Marieke Lucas Rijneveld gar kein translator, sondern ein writer (wie angenehm neutral doch englische Substantive sind). Möglicherweise wäre Rijneveld gerade deshalb genau richtig gewesen für dieses Buch. Um Lyrik übersetzen zu können, muss man nämlich vor allem hervorragend schreiben können, und wenn man  mit der Autorin befreundet ist, kann man sie im Zweifelsfall immer gleich fragen. Ideal für Übersetzer! Gedichte sicher wohlklingend ans andere Ufer zu bringen, ist übrigens äußerst schwer – wie mißglückt sind fast alle deutschen Gedichte von T.S. Eliot. Lyrik muss man „nachempfinden“, „nachfühlen“, „nachspüren. Das kann man am besten, wenn man selbst schreibt.  Wie wunderbar lesen sich die Übersetzungen von Paul Celan oder von Erich Fried (er hat sich sogar an den wortgewaltigen Dylan Thomas gewagt). Doch offenbar braucht man heute zum Übersetzen nicht nur Leidenschaft, Wissen, Können und Sprachgefühl, sondern auch noch die passende Hautfarbe und Geschlechtsidentität.

The Hill we Climb. Der Weg ist weit, der Aufstieg beschwerlich. Man fragt sich, ob man den Gipfel mit derartigen Abgründen und Hindernissen überhaupt erreichen kann.

Dictionaries (Tessakay/pixabay)

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Besuch in Mousetown!

Peter Kaninchen und Manon (BFL)

Letzten Mittwoch hatten die Mäuse zum ersten Mal in ihrem Leben journalistischen Besuch, was alle sehr freute. Das Wetter war so strahlend schön, dass ich etliche Häuser fürs Foto Shooting hinaus in den Garten tragen konnte, wobei ich fast jedes Mal trotz aller Vorsicht gegen irgendeinen Türrahmen oder irgendeine Wand stieß, weil ich ja hinter den meisten Häusern nichts sehen kann. Leider bringt jede unbedachte Bewegung das Mobiliar gleich in große Unordnung und versetzt die Bewohner in ziemliche Unruhe. Das große windschiefe Haus der norwegischen Hexenfamilie Jarlsberg kann man ohnehin nur zu zweit tragen, was die Sache deutlich erschwert. Zwei kostbare Hexenkessel und etliche Pilze, die ich im Hexengarten übersehen hatte, gingen beim Transport zu Bruch, auf zwei bin ich dann auch noch aus Versehen getreten. Die Kessel konnte ich wieder reparieren, aber die Pilze waren so winzig, dass nichts mehr zu machen war. Die Mäuse waren wie immer äußerst geduldig und nahmen mir meine Patzer nicht krumm. Die Pilze haben sie kurzentschlossen verspeist. Sie vertragen auch Giftpilze, denn unsere Maushexen haben einen hocheffizienten Zaubertrank gebraut, der immun gegen Gifte aller Art macht. Genau wie gegen Corona und andere üble Viren. Wir haben äußerst kundige Hexen.

Lupinchen liebt Fliegenpilze (BFL)

Alle Mäuse waren da, Miranda wartete schon vor dem kleinen blauen Käseladen, Chelsea brachte schnell noch eine Ladung Plätzchen und Kuchen in ihr Café „Chelsea’s Cherry on Top“, Cheddar und Mozzarrella sammelten ihre vielen Kinder ein, Dante rückte geduldig die Bücher in seinem Buchladen wieder zurecht, die beim ungeschickten Transport verrutscht waren, und die jüngsten Mauskinder bestaunten erst mal die neuen Produkte vor dem gut bestückten Pflanzenladen. Es gab frisch ausgegrabene Alraunen, die zum Glück noch zu jung waren, um so schrill und ohrenbetäubend zu schreien wie Alraunen es bekanntlich so gern machen.

Die beiden Besucher waren äußerst nett und der „Pressetermin“ machte allen Spaß, sogar Katze Alice kam aus ihrem Versteck, und nun sind wir natürlich alle gespannt, wie der Bericht in der Zeitung wohl aussehen wird. Von Alice soll es auch ein Bild geben. Den Mäusen habe ich auf jeden Fall eine Miniversion des Artikels versprochen, sobald er erscheint. Vielleicht nächste Woche? Den wollen sie dann im Buchladen auslegen. Damit ihn auch alle lesen können.

Mousetown im Frühling (BFL)

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Die Bärentänzerin von Brauron

Als ich das Mädchen im Museumsladen mitten zwischen den vielen anderen Statuen entdeckte, war ich fast erschrocken, sie sah so vertraut aus, es war wie ein zärtliches Wiedererkennen. Sie hatte sogar ein Kaninchen auf dem Arm! Mein Seelentier! Es war Liebe auf den ersten Blick, und die Verkäuferin meinte, die Kleine mit dem Hasen werde ihr fehlen. „Sie ist unsere letzte, und ich weiß nicht, wann der Künstler wieder welche macht.“ Die merkwürdige grüne Farbe war zwar nicht mein Geschmack, aber ich habe das Mädchen natürlich trotzdem gekauft, denn so viel Zuneigung auf einmal, wer konnte da widerstehen!

Bärenmädchen (BFL)

Mein Vater hat mir bewußt gleich zwei lateinische Namen mit auf den Lebensweg gegeben. Ursula und Beate. Der zweite (glücklich, gesegnet) sollte mich schützen und glücklich werden lassen (nomen est omen), der erste (kleine Bärin, ähnlich wie keltisch Artula) gehörte der Frau, von der er sich trennte, als er meine Mutter kennenlernte. Sollte die Fremde durch ihren Namen in mir weiterleben? Als lebenslange Erinnerung? Oder war es eine Form der Wiedergutmachung, ein Zugeständnis, das den doppelten Gewissensbiss meiner Eltern mildern sollte? Warum hat meine Mutter das erlaubt? Haben sie darüber diskutiert? Gab es Tränen? Wutausbrüche? Ich hätte das sicher nicht zugelassen! Meine Mutter hat mir auf Nachfragen von einer angeblichen Vereinbarung erzählt. Zwei Namen sollte das Kind auf jeden Fall haben. Mein Vater durfte die Namen der Tochter frei wählen, und wäre ich ein Junge geworden, hätte meine Mutter gewählt. Sie hätte mir bestimmt als zweiten Namen den ihres Vaters gegeben. Die Mädchennamen, die ihr am besten gefielen, waren Frauke und Fee, aber das waren einfach zu viele Fs für meinen Nachnamen.

Meinen Bärennamen mochte ich nicht, daher unterschlug ich ihn meistens. Das Tier dagegen wurde zu meinem großen, starken, mächtigen Schutzgeist. Lange habe ich Teddybären gesammelt und sogar auf Therapiebildern große Bären gemalt. Die familiären Erinnerungen, die dahintersteckten, machten mir allerdings weiterhin zu schaffen. Wie mochte sie gewesen sein, die fremde Frau, die man gegen meinen Willen mit mir verknüpft hatte? Eigentlich wollte ich es nicht wissen. „Ignorance is bliss“, wie man so schön sagt. Schön war, dass ich im Laufe der Jahre „zufällig“ gleich mehrere Freundinnen fand, die genauso heißen und mit denen ich mich aus völlig unterschiedlichen Gründen eng verbunden fühle, eine davon nenne ich sogar „Bärenschwester“.

Die letzte „Fügung“ damals im Museumshop war die Tatsache, dass die Verkäuferin ebenfalls Ursula hieß, wie sich an der Kasse herausstellte. Da gab sie mir nämlich den Zettel, auf dem die genaue Bezeichnung des Mädchens stand, „Bärenmädchen“, und wir kamen ins Gespräch. „Ich hab‘ mich mit dem Namen auch nie anfreunden können!“, meinte sie verwundert, als sie die kleine Statue vorsichtig verpackte. „Wenn Sie noch mehr herausfinden sollten, schreiben Sie mir doch bitte! Das interessiert mich jetzt wirklich!“ Es gab offenbar eine geheimnisvolle dreifache Verknüpfung, und am Abend schickte ich ihr gleich eine Mail mit den Daten, die ich im Internet gefunden hatte. Sie schrieb sofort zurück und war begeistert.

Bärenmädchen (BFL)

Die echte „Arktos“ (so heißt dummerweise auch ein graublaues vogelähnliches Pokemon-Wesen, das die Google-Suche sehr erschwert) stammt aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. und stellt ein lächelndes Mädchen im Alter von etwa neun Jahren dar, das im Dienst der Artemis Brauronia stand. Die Originalstatue ist aus hellem Marmor, und der Fundort Brauron liegt an der Ostküste von Attika, etwa auf der Höhe von Athen. Dort befand sich einst eine antike Kultstätte der Artemis, der Herrin der Tiere, Göttin der Jagd und der Natur, der Fruchtbarkeit, des Lebens und des Todes. Die geografische Lage war günstig, es gab einen Naturhafen, der Ort war seit der Jungsteinzeit besiedelt, und wenn man den Mythen glaubt, versammelten sich hier die Griechen zum Auslaufen der Schiffe nach Troja, wurden jedoch von Artemis durch widrige Winde (oder totale Windstille, je nach Quelle) an der Weiterfahrt gehindert. Die Göttin wollte damit Agamemnon bestrafen, der sich gebrüstet hatte, ein besserer Jäger als sie zu sein, nachdem er eine Hirschkuh in ihrem heiligen Hain getötet hatte. Die Griechenflotte war jedenfalls komplett bewegungsunfähig, die Männer mochten murren soviel sie wollten. Schließlich weissagte der Seher Kalchas, dass Agamemnon seine Tochter Iphigenie opfern müsse, um die Fahrt fortsetzen zu können. Iphigenie ist eng mit Artemis verknüpft, in Brauron soll sich auch ihr Grab befinden. Als Agamemnon schließlich bereit war, seine Tochter zu opfern, erbarmte sich Artemis, brachte die junge Frau nach Tauris und legte an ihrer Stelle eine Hirschkuh auf den Altar.

Artemis (pixabay)

Im Tempel der Artemis verbrachten damals adlige junge Mädchen einige Jahre als „Arktoi“ – mit Tanz, Wettläufen und Webkunst. Hier wurden sie auf ihre Rolle als Frau vorbereitet („Arkteia“ war der Name für das Initiationsritual) und blieben dort, bis sie das Brautalter erreichten. Richtige „Bärenfeste“ wurden hier gefeiert, wie immer sie ausgesehen haben mögen. Vom antiken Tempel sind heute nur noch die Fundamente erhalten. Das größtes Gebäude des Heiligtums war die große „Stoa der Arktoi“ (Halle der Bärinnen).

Ich freue mich immer, wenn ich meine Ursula sehe. Sie steht im Zimmer meines Mannes, damit sie nicht allein ist, und ist umgeben von antiken Göttinnen und anderen kleinen Büsten und  Statuen. Natürlich nur Nachbildungen und längst nicht so viele wie im Arbeitszimmer von Sigmund Freud, aber ich muss beim Anblick der stummen Schönheiten trotzdem an ihn denken. Sowohl im Arbeitszimmer in Wien als auch in seinem Haus in London habe ich seine eindrucksvolle Sammlung in der Vitrine und auf dem Schreibtisch mehr als einmal bewundert.

Sehr angerührt hat mich auch der im heutigen Serbien entdeckte geheimnisvolle und wohl älteste erhaltene Satz der Menschheit, den der amerikanische Linguist Toby Griffen entziffern konnte und folgendermaßen übersetzt hat: „Bärgöttin und Vogelgöttin sind wirklich die Bärgöttin“. Er steht auf zwei 7.000 Jahre alten Tonscherben (Spinnwirteln) und wurde in Jela, in der Nähe von Belgrad, gefunden. Die Zeichen in der Vinca-Schrift (Bär – Göttin – Vogel – Göttin – Bär – Göttin – Göttin) sind im Kreis herum geschrieben und vorwärts und rückwärts lesbar.

Bärenmädchen (BFL)

Die griechische Jagdgöttin Artemis, in deren Namen die Wurzel „Art“ ja noch zu sehen ist, geht wohl auf eine ältere Bär- und Vogelgöttin zurück, daher dienten ihr auch die kleinen „Bärinnen“. Artio war die Bärgöttin der Kelten, und Ursa Major (große Bärin) bezeichnet das Sternzeichen des Grossen Bären. In der griechischen Mythologie gibt es übrigens eine interessante Verknüpfung zwischen dem Großen und Kleinen Bären, der Mutter Kallisto, die von Hera aus Eifersucht (Zeus hatte Kallisto vergewaltigt und sie war schwanger geworden) in eine Bärin verwandelt wurde und verdammt war, durch die Wälder zu streifen, und Kallistos Sohn Arkas, der sie fast getötet hätte, weil er nicht ahnte, dass er im Wald plötzlich seiner eigenen Mutter in Bärenform gegenüberstand. Zum gegenseitigen Schutz wurden die beiden von Zeus vorsichtshalber schnell emporgeschleudert und sicher am Himmel „verstirnt“, und seither kann man sie gemeinsam am Nordhimmel bewundern. Mit meinem zweiten Vornamen habe ich mich endgültig versöhnt. Ursula ist ein magischer Name, und es ist fast schon eine Ehre, ihn zu tragen.

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„Das Kind braucht Luftveränderung“ (7) – Ameland

 

Ameland (Wynand van Poortvliet/unsplash)

Zum Glück gab es auch schöne Ferien. Als Kind war ich noch ein zweites Mal am Meer, diesmal an der Nordsee. Doch auf Ameland war es völlig anders als „in Kur“. Diesmal war ich nämlich nicht allein, eine meiner Cousinen war bei mir, der Aufenthalt dauerte nur zwei Wochen, und die Kindergruppe war fröhlich. Die „Ferienfreizeit in Holland“ muss von der Kirche organisiert worden sein, denn alle waren katholisch, kamen aus meiner Gegend, und wir beteten morgens, mittags und abends. Aber ganz ungezwungen. Es war auch ein älteres Mädchen aus unserem Dorf als Betreuerin dabei. Meine Erinnerungen an Ameland sind anders als die Kurerinnerungen angenehm und bestehen vor allem aus Wasser, Möwen, Sand und Dünen, wenn man von zwei lästigen physischen Störfaktoren, die einfach nur mein persönliches Pech waren, einmal absieht.

Karten (BFL)

Zwischen den alten Briefen entdeckte ich eine Karte, die meine Mutter mir damals geschrieben hat. Darauf ist ein philosophisch blickendes Eichhörnchen zu sehen, das unbequem auf einem Ast ruht. Die Karte ist datiert: 4.8.1969. Hier finde ich auch meine damalige Adresse. Vacantiehiem „Licht der Zee“. Der Ort hieß Buren. Fotos gibt es keine von unserem Aufenthalt, aber etliche Karten. Eine mit Seevögeln. Wilde Eend, Zeekoet, Scholekster, Kievit. Beim Gedächtnissondieren fällt mir doch noch einiges ein. Busfahrten, ein Schiff, übermütige Kinderstimmen, die Lieder aus der „Mundorgel“ singen. Groeten van het eiland Ameland. Auf einer Karte sieht man eine Windmühle und einen rotweißen Leuchtturm, und ich schreibe von einer „schönen Traktorfahrt“, an die ich keinerlei Erinnerung habe. Der Aufenthalt war unbeschwert, nur die gelegentlichen und meiner Meinung nach völlig unnötigen Kabbeleien mit meiner Cousine machten mir etwas Kummer. Aber ich war schon immer extrem harmoniesüchtig. Wenn alles ausdiskutiert war, schliefen wir zum Glück meistens einträchtig Hand in Hand ein, und alles war wieder gut. An die anderen Kinder kann ich mich nicht erinnern, nur an das Mädchen, das im unteren Teil des Etagenbetts neben unserem schlief und C. hieß.

Ameland (Florian_Hölzl/pixabay)

Wir waren viel draußen, machten Wanderungen, aßen Eis und feierten mit einem ziemlich alten Pastor Gottesdienste am Strand, wo unsere Stimmen im Winde verwehten. Wir schliefen in einem ehemaligen Kuhstall, in dem lauter Etagenbetten aus Metall standen, immer zwei zusammengeschoben. Das Ambiente war extrem bescheiden, aber wir fanden das lustig. Meine Cousine und ich ergatterten zwei der begehrten oberen Schlafplätze, „Wir haben das beste Bett erwischt“, steht auf meiner Karte. Wir konnten alle nach Herzenslust flüstern und auf Toilette durften wir nachts auch.

Schräg unter mir lag das Mädchen, an das ich mich so gut erinnere. Jeden Abend vor dem Einschlafen warf sie ihren Kopf so heftig auf dem Kissen hin und her, dass ich Angst bekam, sie könnte sich den Hals brechen. Ich hatte keine Ahnung, warum sie das machte, und überlegte, ob es vielleicht ähnliche Gründe haben könnte wie das Hin- und Herwiegen des Oberkörpers bei Heimkindern. Das hatte meine kleine Schwester in den ersten Wochen bei uns gemacht, und mein Vater hatte mir erklärt, dass die Babys auf diese Weise versuchten, sich selbst zu beruhigen. Das Kopfwerfen sah äußerst unbequem aus, aber C. schlief dabei tatsächlich ein. Ich weiß nicht, ob sonst noch jemand diese Eigenheit bemerkte. Vielleicht wussten die Betreuer davon, denn das Bett neben ihr war leer. Beim Übersetzen von psychiatrischer Fachliteratur stieß ich viele Jahre später auf den Namen des Phänomens: „Jaktation“. Bei C. war es offenbar „Jactatio capitis“.

Ameland (Smu93/pixabay)

C. hielt sich tagsüber bewusst abseits, und wir konnten mit ihr nichts Richtiges anfangen, aber sie tat uns leid und wir waren freundlich zu ihr. Noch etwas wiederholte sich jeden Abend. Wir sangen immer das Lied „Danke“ (in der Kurzversion), damals ein echter christlicher Hit, den die meisten von uns auswendig kannten. Am Ende des Lieds schmetterte das merkwürdige Mädchen zu meinem Entzücken jedes Mal: „Danke, ach Herr, ich will DICH danken, dass ich danken kann“. Bis heute denke ich an sie, wenn ich das Lied höre. Und die letzte Zeile singe ich genau wie sie, allerdings leise und nur für mich. Was mag wohl aus ihr geworden sein? Was mag wohl ihr Problem gewesen sein?

Ameland (Marijket/pixabay)

Dass die Ferien ein unschönes Ende hatten, lag ausschließlich an einem heimtückischen Fremdkörper und meinem unteren linken Backenzahn, der plötzlich anfing, wahnsinnig zu schmerzen, weil sich unter der Plombe Gas gebildet hatte, so dass ich zum ersten Mal in meinem Leben Sehnsucht nach einem Zahnarzt  hatte. Schmerzmittel gab es keine und einen Zahnarzt auch nicht. Dazu hätte man mich aufs Festland verfrachten müssen, und so viel Aufwand wollte ich nicht. Lieber alles tapfer ertragen, der Urlaub war ja bald vorbei. Was Zahnschmerzen betraf, war ich dank meiner Zahnarztphobie hart im Nehmen. In meiner Verzweiflung versuchte ich, vor dem Einschlafen das Puckern zu lindern, indem ich etwas Kaltes anfasste, zum Beispiel die Metallstangen vom Bett. Ich wartete, bis meine Finger kühl waren, und legte sie dann vorsichtig um den wehen Zahn. Es schmeckte unangenehm und half kaum.

Am Tag nach der Heimfahrt schleppte ich mich sofort als Notfall in die Höhle des Löwen. Was immer sich unter der Plombe gegen mich verschworen hatte, entwich zischend als stinkende kleine Giftwolke, die sogar Dr. K einen Pfiff des Erstaunens entlockte. In das Loch kam etwas extrem Bitterschmeckendes, und der Zahn und ich wurden erneut vorgeladen. Beim nächsten Termin wurden wir gewaltsam voneinander getrennt, und ich versuchte wie üblich, mich voll Panik in den Fußbereich des Zahnarztstuhls zu schlängeln. Ein unmögliches Unterfangen bei der extrem schiefen Körperlage, mein Kopf berührte ja fast den Boden. Es war völlig klar, dass ich scheitern würde, aber ich musste es einfach versuchen. Dr. K. schimpfte, stach mehrfach mit der Spritze und extrahierte. Also alles wie immer. Den Zahn nahm ich mit nach Hause und vergrub ihn im Beisein meiner Katzen feierlich hinten im Garten. Unmittelbar neben einem Rosenbusch.

Ameland (sedaris/pixabay)

Auf Ameland kümmerte sich übrigens auch noch ein netter junger Kaplan um uns. Als ich mir wenige Tage vor der Heimfahrt zu allem Zahnübel auch noch einen fetten Dorn in den Fuß trat, den keine der Betreuerinnen herauszudrücken vermochte, und mich nur noch auf der Ferse humpelnd fortbewegen konnte, sorgte er dafür, dass der lädierte Zehenballen mit schwarzer Zugsalbe eingeschmiert wurde. Mehrfach. Die sollte den Dorn herausziehen, was der Dorn aber leider nicht kapierte. Er gab sich erst zu Hause in der Badewanne geschlagen und trieb plötzlich völlig ohne mein Zutun eindrucksvoll schwarz und spitz im heißen grünen Fichtennadelwasser. Ein Riesendorn! Kein Wunder, dass er mich geplagt hatte! Und so verbrachte ich meine zweiten Meerferien zwar seelisch unbeschadet, dafür aber gequält von Zahnweh und Ballendorn. Doch meine Erinnerungen vermag das nicht zu trüben. See und Salzluft waren trotzdem schön, genau wie das laute Seevogelgekreisch und meine Sonnenlotion. Zeozon. In einer gelbgrünen Plastikflasche.

Ameland (Ridderhof/pixabay)

An Essen und Getränke habe ich keine Erinnerungen, also wird alles in Ordnung gewesen sein. Wir konnten uns wohl selbst bedienen, was mir schon immer am liebsten war. Ich bekomme nur einen Steinmagen, wenn der Teller voll ist (vor allem mit Dingen, die ich nicht mag oder hasse) und ich ihn leer essen muss. Offenbar ein chronischer Kur-Effekt. Ich habe mich in der Ameland-Kindergruppe sehr wohl gefühlt, nur das gemeinsame Duschen war peinlich. Vor allem wegen meiner Cousine. Verwandte sollten sich auf gar keinen Fall nackt sehen! Heimweh hatte ich vor allem nach meinem kleinen Zoo, denn zu dem Zeitpunkt hatte ich ja außer einem Hamster namens Maxim, einem dicken Meerschweinchen und vielen Kaninchen auch schon meine Katzen.

Der Hörnchenkarte entnehme ich, dass meine Mutter wie üblich, wenn Familienmitglieder abwesend waren (mein Vater war zeitgleich auf Dienstreise), massive Veränderungen im Haus vornahm. Diesmal ließ sie das Wohnzimmer renovieren, eine Dusche im Keller einbauen und eine neue Kühltruhe anliefern. Vielleicht musste sie sich intensiv ablenken, um den Trennungsstress zu ertragen? Aber vielleicht nutzte sie aber auch nur die Gunst der Stunde und die gewonnene Freiheit, um ungestört walten zu können? Mein Vater hasste Handwerker und Veränderungen – und mir ging es ähnlich. Als ich aus der Niendorf-Kur zurückkam, überraschte meine Mutter mich mit einem komplett neu gestalteten Zimmer und richtig schönen Möbeln, die sie höchstpersönlich abgebeizt und gestrichen hatte. Über den neuesten Stand der Renovierung wurde ich in jedem Brief auf dem Laufenden gehalten.

Ameland (Skitterphoto/pixabay)

 

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„Das Kind braucht Luftveränderung“ (6) – Barbara

Muschelherz (Alexandra_Koch/pixabay)

Als Kontaktperson für „Verschickungskinder“, die genau wie ich im Kurort Niendorf an der Ostsee waren, habe ich im Laufe des letzten Jahres einige Mails von anderen ehemaligen „Kurkindern“ bekommen, unter anderem einen langen Brief von Barbara, die als ganz kleines Kind „verschickt“ wurde und mir erlaubt hat, ihn hier zu zeigen.

Meine eigenen Erinnerungen kommen sofort zurück, wenn ich ihren Bericht lese. Ich rieche das Meer, den Gestank der Muscheln, Krabben und Seesterne, den fischigen Seekutter, den Duft meiner cremigen Sonnenlotion, den scheußlichen blassen Kinderkaffee, von dem wir Durchfall bekamen, die eklige wabbelige Frühstücksülze. Ich spüre die salzige, herbe Luft auf Lippen und Zunge, die kalten Kacheln, den groben, spitzen Kies unter meinen nackten Füßen, das weiche hellblaue Badetuch beim Abrubbeln, die eisigen Wellen beim Baden im Meer, die Gänsehaut am ganzen Körper, den klebrigen Sand zwischen den Zehen, den rauen Bettbezug am Gesicht. Mein Haß auf weiße Bettwäsche rührt eindeutig aus dieser Zeit.

Den Wackelpudding mit dem Schokokringel hatte ich tatsächlich vergessen. Den gab es auch bei uns! Er war wirklich lecker, vor allem, wenn er grün war. Mein Waldmeistertrost. Das Eis war zu meiner Zeit allerdings ungenießbar, was traurig war, denn Eis war mein Lieblingsnachtisch. Wie habe ich es noch in dem mühsam herausgeschmuggelten Brief ausgedrückt, der meine besorgte Mutter so in Alarmbereitschaft versetzte, dass sie sofort im Heim anrief: „Wir bekommen furchtbares Essen. Faule Sachen und vieses Eis.“ Ich vermute, das Eis war mit Büchsenmilch gemacht, und Büchsenmilch fand ich als Kind einfach widerlich. Auch die Milchsuppe mit der dicken Haut und die scheußliche Reste-Suppe, in der die Nußeckenstücke vom Vortag schwammen, sehe ich wieder vor mir, und schon schnürt sich mein Hals zu. Das Schwimmbad, von dem Barbara schreibt, kenne ich nicht, wir haben damals „richtig“ in der Ostsee gebadet, wenn auch nicht oft, aber wir waren ja auch „schon groß“. Für so kleine Kinder wie Barbara wäre das sicher zu gefährlich gewesen.

Hühnergötter (Saiflower/pixabay))

Barbaras Brief

„Auf WDR 5 habe ich gerade einen Bericht über den Verein „Verschickungsheime“ gehört. Und da kommen die Erinnerungen wieder hoch. 1968 war ich 5 Jahre alt, meine Schwester war damals 6 und wog zu wenig. Deshalb sollte sie aufgepäppelt werden, und damit sie nicht allein war, wurde ich mitgeschickt. Entgegen der üblichen Praxis waren wir beiden jedoch nur 3 Wochen dort, alle anderen Kinder 6 Wochen. Das Essen war zwar oft eklig, aber in meiner Erinnerung nicht verdorben oder so. Milchsuppe hab ich gehasst, musste sie aber jeden Morgen essen. „Wer nicht auf isst, darf nicht aufstehen vom Tisch!“ Und wer kotzt (das kam ziemlich oft vor), bekommt mittags keinen Nachtisch. Dieser Nachtisch war super: Wackelpudding mit einem Schokokringel darauf. Der war bei allen sehr begehrt. Und sonntags gab’s Eis zum Nachtisch! Also, möglichst nicht kotzen! Die „Fräuleins“ (Betreuerinnen) und die Nonne waren sehr streng. Liebevoll habe ich sie überhaupt nicht in Erinnerung, eher kalt und hart, manchmal auch gemein.

Allein (Lauralucia/pixabay)

Ich hab damals oft in die Hose gemacht, besonders wenn ich Angst hatte. Am 2. Tag hatte ich schon zwei Schlüpfer gewechselt und brauchte gegen Mittag schon den dritten. Die Erzieherin erlaubte es nicht. „Wenn du in die Hose machst, musst du das halt aushalten. Die Unterwäsche wird nur einmal in der Woche gewechselt!“ Und so lief ich total wund eine ganze Woche mit der selben Unterhose herum und hab wahrscheinlich unglaublich gestunken. Als die Nonne das am Ende der Woche gesehen hat, gab’s richtig Ärger. Ab da durfte ich jeden Tag zumindest einmal die Wäsche wechseln (mehr aber auch nicht!!!), aber wenn die Nonne weg war, musste ich manchmal auch mit nasser Hose rumlaufen.

Schlimm war auch die Bettkontrolle morgens: „Wer von euch hat ins Bett gemacht?“ Peinlich war das. Erniedrigend. Und wenn abends das Licht ausgemacht wurde, kam 10 Minuten später die Nonne und hat jedem Kind mit der Taschenlampe ins Gesicht geleuchtet, um zu kontrollieren, ob wir auch schliefen. Wenn man die Augen ganz fest zusammenkniff, merkte sie nicht, dass man noch wach war. Glaubten wir. Weinen war verboten, das weiß ich noch, und auch, dass auf dem Flur immer jemand Wache gehalten hat, damit niemand aufsteht.

Meine Schwester bekam Windpocken im Heim, einige Tage später ich auch und so folgten alle Kinder nach und nach. Man musste für einige Tage allein im Schlafsaal bleiben, durfte nicht aufstehen, und ich hatte unendliches Heimweh. Es war grauenhaft.

Vor ca. 20 Jahren bin ich nochmal nach Niendorf gefahren. Hab das Haus von Weitem erkannt, obwohl ich weder Namen noch Adresse hatte. Hab unseren Gruppenraum direkt gefunden, wusste noch, wo wir immer gesessen haben. War alles noch sehr ähnlich wie damals, aber der Raum schien mir viel heller. Die dunkle Holzvertäfelung war, glaube ich, nicht mehr da.

Strandläufer (Skitterphoto/pixabay)

Als ich auf dem Hof unten eine Betreuerin fragte, wo die „Schreckenskammer“ ist, wusste sie sofort, was ich meinte: den Duschraum vor dem Schwimmbad. Einmal in der Woche war dort Schwimmen, Baden und Planschen angesagt, und das haben wir geliebt. Aber um ins Schwimmbad zu kommen, mussten wir uns natürlich erst umziehen. Und was dann kam, war furchtbar. Alle Kinder wurden in einen kleinen schmalen Raum gesperrt, dicht an dicht, und die Tür hinter uns geschlossen. Niemand konnte mehr raus. Der Raum hatte Oberlichter und war mit weißen Kacheln raumhoch gefliest. Unter der Decke waren in regelmäßigen Abständen Duschköpfe montiert. Von außen wurde dann das Wasser aufgedreht, und das war eiskalt! Alle schrien und versuchten, möglichst weit weg von den Duschköpfen zu kommen. Es war ohrenbetäubend, alle schubsten, drängten und drückten, eiskaltes Wasser prasselte von oben auf uns herunter, lautes Geschrei und Gekreische… Ich hatte Todesangst. Ich war die Jüngste in unserer Gruppe, alle anderen waren 6 und 7 Jahre alt, aber ich war ja erst 5 und damit die Kleinste und Schwächste. Panik, blanke Panik! Es war die Hölle. Bei meinem zweiten Besuch gab es diese Kammer wohl nicht mehr. Das Schwimmbad war damals komplett gesperrt und wurde gerade saniert.

Einsame Feder (Cairomoon/pixabay)

Meine Mutter war 1938 selber als Kind in diesem Heim. Warum sie uns dann auch noch dahin geschickt hat, verstehe ich bis heute nicht. Meine jüngste Schwester (6 Jahre jünger als ich) war 1978 auch dort, aber da war sie schon 10 Jahre alt und hat ganz wunderbare Erinnerungen daran. Dort war sie die Älteste und durfte sich mit um die Kleinen kümmern. Endlich mal nicht die Kleine sein wie zuhause, sondern zu den Großen zählen, das hat sie sehr genossen.

Ob wir in dem Heim auch unser Erbrochenes essen musste, weiß ich nicht mehr. Vielleicht bilde ich mir das ja nur ein. Bin mir da nicht mehr sicher, aber es treibt mir die Tränen in die Augen. Nachdem ich das in so vielen Berichte von anderen gelesen habe, gruselt’s mich immer mehr. Kann das wirklich möglich sein? Die eigene Kotze essen müssen? Unglaublich!

So viele Erinnerungen kommen wieder hoch. Ich fand es dort ganz schrecklich. Mich hat gerettet, dass meine große Schwester dabei war. Somit waren wir wenigstens nicht alleine…“     

(Barbara)

Frei (Kranich17/pixabay)

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