Lebendiger Ökumenischer Adventskalender

„Kleines Dorf im Winter“, historischer Adventskalender, Richard Sellmer Verlag

„Peter und Liesel“, Reichhold & Lang, ca. 1920

Ohne „Corona“ würden mein Mann und ich am 1. Dezember genau wie in den vergangenen Jahren in der evangelischen Kirche in Weiden mit großer Freude im Rahmen des Lebendigen Ökumenischen Adventskalenders „das erste Türchen öffnen“, gemeinsam einen liebevoll vorbereiteten (und hoffentlich kurzweiligen) Powerpoint-Vortrag über Adventskalender halten und dabei Bilder von antiken und modernen Papierkalendern zeigen. Danach würden wir bei selbstgebackenen Plätzchen und Glühwein noch eine Weile gemütlich mit unseren Gästen plaudern. Doch leider mussten wir unseren Vortrag „pandemiebedingt“ auf das nächste Jahr verschieben, daher möchte ich unser Türchen in verkürzter Form hier auf meiner Seite öffnen.

Auch diesmal haben wir uns wieder auf die Suche nach thematisch passenden Kalendern für das fast verflossene Jahr gemacht und in unserer Sammlung einige Adventskalender aus dunklen Zeiten gefunden, etwa die sogenannten „Notkalender“. Sie stammen aus Vorkriegs- und Kriegszeiten sowie aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, als viele Menschen unter Traumata, Hunger und Entbehrungen litten und in den vertrauten Kalendern, in denen die Welt noch (oder wieder) heil war, ein wenig Trost und Hoffnung fanden. Die Notkalender sind auf dünnem, nicht sehr hochwertigen Papier gedruckt und sehen inzwischen fast alle sehr fleckig, „abgeliebt“ und vergilbt aus. Trotzdem sind sie kleine Schätze, denn sie haben sicher alle ihre eigene Geschichte.

„Traumnacht“, 1962, Richard Sellmer Verlag (Detail)

Es gibt auch einige historische Adventskalender in unserer Sammlung, die auf den ersten Blick recht düster wirken, etwa die sogenannten „schwarzen Adventskalender“ mit ihrem tiefschwarzen Himmel. Dies gilt auch für einen neueren Kalender („Traumnacht“, 1962) aus dem Sellmer Verlag, den der Künstler Frans Haacken bewusst dunkel gestaltet hat. Nur an wenigen Stellen gibt es sparsame Farbtupfer. Mir persönlich gefällt er gut, weil er „so anders“ ist. Oben am Himmel fliegt sogar eine fröhliche Hexe (vielleicht die Weihnachtshexe Befana?). Sellmer bietet ihn bei den historischen Nachdrucken immer noch zum Kauf an. Irgendwie passt er gut in dieses „ausgefallene“ Jahr, daher bekommt er  diesmal einen besonderen Platz in unserer kleinen privaten „Ausstellung“ hier im Haus.

Frauenkirche im Schnee, M. Röhl, Dresden, 1948 (Detail)

In Deutschland haben Adventskalender eine lange Tradition (hier wurden sie um 1900 auch „erfunden“) und sind aus der Vorweihnachtszeit gar nicht wegzudenken, auch wenn vor allem die gefüllten Varianten immer bizzarer ausfallen (u.a. gibt es sie mit Alkohol, Wurst, Parfüm, Tiernahrung und Erotikartikeln) und mit Weihnachten so gar nichts mehr zu tun haben.

Die „echten“ Adventskalender haben ihren besonderen Zauber wohl nie verloren. Selbst in Notzeiten gab es sie noch, da wurden sie von Eltern oder älteren Geschwistern gebastelt, um den Kleinen, die auf so vieles verzichten mussten, jeden Tag wenigstens eine kleine Freude zu machen.

In meiner Kindheit gehörte der Gang zum Schreibwarenladen an der Hand meiner Oma (und später meiner Mutter) zu den schönsten Highlights des Jahres. Die Verkäuferin breitete gleich zwanzig oder mehr neue Kalender auf die Theke aus, ich konnte mich gar nicht sattsehen und hatte die Qual der Wahl. Ich durfte mir leider, leider nur einen aussuchen. Ich war so aufgeregt! Ach, all die schönen Engel, Nikoläuse, Weihnachtsmänner, Märchenbilder, Zwerge, Rehe, Dörfer, Schneelandschaften und die feierlichen Krippenszenen! Glitter und Glimmer! Adventsuhren, Aufstellkalender, Türchenkalender, Abreißkalender! Sogar Hampelkalender gab es! Am liebsten hätte ich sie alle mitgenommen, doch das klappte erst, als ich erwachsen war. Die Kinderkalender habe ich immer noch. Auch den allerersten. Damals liebte ich vor allem die Bilder von Fritz Baumgarten, doch dieser Illustrator und meine alten Kalender verdienen einen eigenen Beitrag.

Kurz nach Beginn des zweiten Weltkriegs wurden Adventskalender zwar zunächst noch gedruckt, allerdings zunehmend ideologisch gefärbt und schließlich sogar bewußt für politische Zwecke mißbraucht. 1940 wurde der Druck von Kalendern verboten, da Papier nur noch für kriegsrelevante Druckerzeugnisse benutzt werden durfte. Ganz verzichten wollte man aber nicht auf den Adventskalender, daher veröffentlichte die NSDAP kurzerhand ab 1941 ihre eigene Version, den „Vorweihnachtskalender“. Darin wurden christliche Bräuche umgedeutet, so wurde aus St. Nikolaus ein martialisch wirkender „Rupprecht“, aus dem Adventskranz wurde ein „Sonnenwendkranz“,  aus dem Weihnachtsbaum ein „Julbaum“, und es gab Bastelanleitungen für Kriegsspielzeug und Lichtersprüche für Soldaten und den Führer. Der Kalender erschien in hohen Auflagen, wurde jedes Jahr leicht verändert und diente vor allem dem Zweck, Kinder auf diesem Weg ideologisch zu beeinflussen.

„Die kleine Stadt“, Richard Sellmer Verlag, 1946

Nach dem Krieg spendeten die ersten „richtigen“ Adventskalender sicher vielen Menschen Trost, denn auf ihnen waren ruhige, friedliche Szenen und vertraute Städte, Märkte und Gebäude zu sehen, die in Wirklichkeit völlig zerstört waren, etwa die Frauenkirche in Dresden. In der sowjetischen Besatzungszone erschienen die ersten Adventskalender bereits wieder 1945, und vor allem aus dem Raum Dresden sind noch viele erhalten. Immer noch erstehen kann man übrigens den ersten Kalender des Sellmer Verlags nach dem 2. Weltkrieg, die zeitlos schöne „kleine Stadt“.

Auch farbenfrohe, fröhliche Kalender wollten wir zeigen, mit all den Dingen, auf die wir in diesem Jahr schweren Herzens verzichten müssen: wimmelige Dorfszenen, geschäftige Weihnachtsmärkte, gemütliche Weihnachtswerkstätten, unbeschwerte Familien.

„Peter und Liesel“ von Lotte Block

„Peter und Liesel“, unseren „Familienkalender“, hätten wir auch wieder mitgebracht. Wir haben ihn nicht nur als gedruckten kommerziellen Kalender mit den Illustrationen von Josef Mauder (als Album und Abreißblock), sondern auch in Form von zwei ganz besonderen handgezeichneten „Originalen“.

Die erste Version stammt von „Tante Lotte“, die damit die drei Kinder ihrer allzu früh verstorbenen besten Freundin trösten wollte, die andere von der Mutter meines Mannes, die Tante Lottes Werk erbte und als Vorlage benutzte, damit jedes ihrer beiden Kinder seinen eigenen „Peter und Liesel“ Kalender  hatte. Beide Kalender sind so gestaltet, dass man sie immer wieder benutzen kann.

„Peter und Liesel“ von Hilde Leidel

Der Text (bei Tante Lotte in Sütterlinschrift) steht auf der Rückseite der Bilder, die gelocht und mit einem roten Bändchen auf ein hübsch bemaltes Stück Pappe aufgezogen sind. Jeden Tag wird die oberste Karte abgenommen und die  Geschichte darauf vorgelesen. Die Schlussbilder sind unterschiedlich, weil (bei den Eltern) eigene Familienmitglieder als Vorbild dienten. Sind alle Karten gelesen, werden sie in der richtigen Reihenfolge wieder aufs Bändchen gezogen.

Ich hätte auch wieder meinen besonderen Liebling, das Weihnachtsmärchen „Die Christrose“, mitgebracht. Der Kalender stammt aus den 1920er Jahren, die Illustrationen sind von Else Wenz-Vietor, der Text von Sepp Bauer. „Die Christrose“ thematisiert als einziger Adventskalender überhaupt die Suche nach Heilung und wirkt daher in diesem Jahr noch anrührender als sonst. In der Geschichte machen sich die Geschwister Fritz und Grete auf eine gefährliche Reise, um ihren todkranken Vater zu retten, denn nur der Duft einer ganz besonderen Blume, die vom Christkind persönlich gesegnet wurde, kann ihn wieder gesund machen. Dazu müssen die Kinder mit Hilfe vieler Tiere (u.a. Eisbär, Reh, Wildgans, Maus und Rentier) und Märchenwesen (einem bedrohlichen Riesen) das eisige, unwirtliche Land des Winterkönigs durchqueren, um  hinauf in den Himmel zu gelangen.

„Die Christrose“, Reichhold & Lang, um 1926

Jeden Tag geht die Geschichte mit einem kleinen Text und einem neuen Bild weiter, bis Fritz und Grete zum Schluss gemeinsam mit dem Nikolaus und dem Christkind im Himmelsschlitten zur Erde zurückkehren und ihrem Vater die himmlische Wunderblume bringen. Der arme Holzfäller atmet den Duft ein und wird gesund. Eine heilende Blume bräuchten so viele Menschen in aller Welt in diesem Jahr!

Der Kalender aus dem Hause Reichold & Lang war damals so beliebt, dass es ihn über mehrere Jahre in verschiedenen Ausführungen gab: als Abreißkalender mit unterschiedlichen Alben (die Bilder wurden eingeklebt, und am Ende hatte man ein Bilderbuch) und sogar in Kombination mit dünnen Schokoladentäfelchen. Damit war er 1926 möglicherweise der erste Schokoladenkalender überhaupt. Er entstand in Zusammenarbeit mit der Kölner Schokoladenfabrik Stollwerck, und als wir vor einigen Jahren im Schokoladenmuseum eine Adventskalenderausstellung hatten, fragte ich nach und daraufhin entdeckte man im Archiv sogar noch zwei bisher unbekannte Entwürfe von weiteren Schokoladenkalendern. Die wurden dann gleich mit ausgestellt, was mich sehr freute.

Vor einiger Zeit (2006) legte der Lappan Verlag „Die Christrose“ als Bilderbuch neu auf, so dass man sich auch heute noch von dem alten Weihnachtsmärchen trösten lassen kann. Leider ist das Buch bereits vergriffen, wird jedoch in vielen Antiquariaten noch angeboten.

„Die Christrose“ von Else Wenz-Vietor und Sepp Bauer, Verlag Reichhold & Lang, um 1926

 

 

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Herbst – anders als erwartet

Mit Wehmut denke ich an den Beitrag „Oktoberland mit allen Sinnen“ zurück, den ich im vorigen Jahr über meinen Lieblingsmonat geschrieben habe. Wie wunderbar der Herbst sonst immer schmeckt und duftet! All die intensiven Momente, vor allem draußen. Und ich freue mich jedes Mal aufs Neue auf den besonderen, typischen Geruch beim Aushöhlen der Halloween-Kürbisse. Doch diesmal war alles anders. Ich konnte den bunten, leuchtenden Oktober weder riechen noch schmecken, was mich in ziemliche Unruhe versetzte. Immerhin grassiert gerade eine Pandemie, zu deren Leitsymptomen Geschmacks- und Geruchsverlust gehören.

Es fing an wie bei vielen Infekten, ich fühlte mich abgeschlagen und müde. Die Nase war verstopft, Kopf und Gelenke schmerzten, ich konnte mich nicht konzentrieren, mein Puls war zu schnell, und ich geriet bei den kleinsten Anstrengungen ins Schwitzen. Ich lag auf dem Sofa, lenkte mich mit TV-Serien ab und hoffte inständig, dass der Infekt nicht Covid war und bitte nicht richtig schlimm werden würde. Was anders war als sonst: Ich konnte nichts mehr riechen und schmecken. Ich ging nicht mehr vor die Tür. Mein Mann fühlte sich auch nicht wohl, und wir nahmen mehrmals am Tag hochdosiert Vitamin C (Pulver in Brausetablette aufgelöst). Woher kam der Infekt? Ich bin extrem vorsichtig, verlasse das Haus nur selten, trage dabei immer Maske, wasche mir dauernd die Hände. Vielleicht über die Augen? Oder hatte mein Mann das mitgebracht?

Die Corona-Warn-App zeigt mir zwar nach jedem meiner „Ausflüge“ mehrere Risikomeldungen (meistens 4), aber immer nur grüne mit niedrigem Risiko. Wenn man bedenkt, wie wenige Menschen die App überhaupt installiert haben, ist das eigentlich erschreckend viel. Zum Glück hatte ich weder Fieber noch Husten und Atemnot. Doch mein Schlaf war flach und voller (Corona-)Alpträume. Selten hat mich ein Infekt derart in Unruhe versetzt.

Nach einigen Tagen ging es uns wieder besser, doch meine Welt blieb geruch- und geschmacklos, und der Oktober war für mich gelaufen. Nicht mal, dass einer der beiden Kürbisse faul war, habe ich gerochen, dabei stinkt das widerlich. Normalerweise bin ich ja ein wandelnder Lebensmittelverfallsdetektor und olfaktorischer Warnmelder („Hier stimmt was nicht! Das riecht komisch! Irgendwie anders!“), und plötzlich nahm ich nichts mehr wahr. Nicht mal (die absolute Härte!) das frisch benutzte Katzenklo, das ich normalerweise über zwei Etagen wittere. Es stank todsicher genau wie immer, doch meine Nase signalisierte nichts. Die inneren Alarmglocken schrillten, während ich versuchte, mich zu beruhigen. Vielleicht ist das ja bei jedem Schnupfen so und mir bloß bisher nie aufgefallen? Ich habe darauf noch nie vorher geachtet.

Oft genug habe ich mir im Laufe meines Lebens mitten in all den Geruchswirbeln und Reizbombardements gewünscht, zur Abwechslung mal keine hochsensible Nase zu haben, und mich gefragt, wie sich Anosmie (Geruchsverlust) wohl anfühlen könnte. Jetzt weiß ich es! Gruselig! Manchmal habe ich mir auch gedacht, dass ich ganz gut auf einige meiner extremen, intensiven Geruchswahrnehmungen verzichten könnte, weil es einfach so viele sind, weil einige stundenlang nachhallen („Nasenwürmer“), wenn der Reiz längst verflogen ist (Essig, Katzenklo, Schweiß, Jauche, Zigarettenrauch, Katermarkierung, faules Wasser, Abfluss, Mülltonne). Aber ich habe nicht geahnt,  wie verloren und orientierungslos ich mich ohne meine vertrauten sinnlichen „Wegweiser“ fühlen würde. Unsicher. Traurig. Ungeduldig. Gereizt. Panisch. Wie lange dauert das noch? Ob das jetzt so bleibt? Jetzt weiß ich, wie wichtig mein Geruchsinn für mich ist. Die Welt um mich herum war kalt, flach und steril, irgendwie leerer – und machte mir noch mehr Angst als ohnehin schon.

Dass ich nicht mehr schmecken konnte, war nicht ganz so schlimm, es nahm mir allerdings den Genuss und die Freude am Essen. Ich esse wirklich gern, liebe die Kombination aus Duft und Geschmack von Speisen, Gewürzen und Kräutern. Als meine Nase wieder „frei“ war, ging ich zum Gewürzschrank und „probierte Schmecken“. Es war erschreckend. Nur bei Salz spürte ich was. Ausgerechnet! Salz mag ich nicht. Ich reagiere darauf empfindlich, schnell sind Gerichte für mich versalzen, die für andere normal oder gar laff schmecken. Die Salzempfindung war noch da, ein eindeutiger Reiz auf der Zunge. Ich nahm mir fest vor, nie mehr über versalzene Speisen zu schimpfen….

In den folgenden Tagen und Wochen versuchte ich das Schmecken immer wieder, vor allem mit meinen Lieblingsgewürzen. Ich erkannte die Pfeffersorten nicht mehr (sonst sind sie alle unterschiedlich: leicht brennend, warm, nussig, frisch, zitronig, scharf oder holzig-bitter), spürte aber stattdessen die unterschiedlichen Texturen deutlicher. Als hätte sich eine zusätzliche Instanz eingeschaltet, um mir zu helfen. Zucker schmeckte nach nichts, selbst extrem Saures konnte ich nicht mehr erkennen. Den Vitamin-C-Drink, bei dem ich mich normalerweise angewidert schüttle, kippte ich ungerührt in mich hinein. Beim Essen fühlte sich einiges im Mund kühl, weich oder prickelnd an, auf der Zunge gab es also offenbar noch Empfindungen, doch ich konnte sie nur einordnen, weil ich wußte, wie es normalerweise schmecken würde.

Als Mensch mit einer „Jagdhundnase“ macht man offenbar (unbewusst) recht merkwürdige Dinge. Mir fiel auf, dass ich an (fast) allem, was ich esse, berühre oder anziehe, vorher rieche. In meinem Buch über Hochsensibilität habe ich dem Geruchssinn nicht von ungefähr das längste Kapitel gewidmet, denn er ist eindeutig mein „nervigster“ Sinn. Jetzt ertappte ich mich bei „sinnlosen“ (ritualisierten?) Witterungsaktionen, beobachtete, wie ich die Nase in meinen (geruchlosen) Pullover drückte, die (geruchlose) Milchpackung beschnupperte, das (geruchlose) Katzenfutter, den (geruchlosen) Käse. NICHTS. Ich roch weder angebranntes noch duftendes Essen, nicht mal Bacon oder Sauerkraut (hängt normalerweise tagelang deutlich wahrnehmbar in der Luft), keinen Kaffee, keinen Herbstgarten, kein nasses Laub. Keinen Heizungskeller, keine Waschküche, kein Auto, keine Straße, keine Regenluft. Alles war „neutral“ und irgendwie kalt. Auch die Vorratskammer und das Gewürzschränkchen waren steril. Mülleimer, Biomüll und Abfluss müffelten nicht mehr. Ich roch draußen kein fauliges Wasser im Übertopf, kein Brünnchen- oder Teichwasser, kein Efeulaub, keine Perückenstrauchblätter (beides sehr angenehm), und drinnen kein „altes“ Wasser in der Vase, keinen Zitronenschimmel, keinen alternden Apfel, keine Tomate, keinen meiner vielen Bastelkleber. Kein Holz, keine Kürbissuppe, kein frisches Brot, kein Papier, keine Zeitung, keine Bücher, keine karamellige Créme brûlée-Kruste.

Von feineren Düften wie Katzenfell ganz zu schweigen. (Ich konnte meine Katzen immer am Geruch ihres Fells unterscheiden, selbst ihre Pfoten rochen individuell. Feuchtes Katzenwelpenfell riecht übrigens wie nasse Wolle.) Hundefell hätte ich wahrscheinlich auch nicht mehr wahrgenommen (als Kind wurde mir regelmäßig schlecht, wenn unser Hund aus dem Regen ins Haus kam). Ich roch auch nicht mehr, ob der DHL-Mann im Auto geraucht hatte (normalerweise am Päckchen klar zu erschnüffeln) oder ob die Verpackung im Keller gelagert worden war (unangenehm, nicht wegzukriegen). Ich rieche bei offener Tür zum Garten auch gleich, wenn nebenan der Großvater zu Besuch kommt, denn er raucht Pfeife.

Meine Handcremes und Duschgels (ich habe mehrere, je nach Stimmung) rochen nach NICHTS. Genau wie die verschiedenen Seifen, Spül- und Putzmittel. Ich versuchte es mit schweren Kalibern: Salbe aus Indischem Weihrauch und Isopropylalkohol. Keine Reaktion. Oh Gott, nichts mehr, das mich warnt, wenn ich verfallene, giftige, gefährliche Substanzen in die Nähe meines Gesichts bringe, berühre oder zu mir nehme? Und was ist mit Brandgeruch oder Gas? Gasgeruch versetzt mich immer in Panik, zum Glück haben wir keins hier im Haus. Chlor? Das nimmt man doch sicher mit verschiedenen Sinnen wahr? Ich rieche es in englischen Häusern überdeutlich (wegen des gechlorten Wassers), und im Schwimmbad brennen und stechen mir davon ganz schlimm die Augen. Aber Chlorreiniger war nicht zur Hand, weil ich ihn hassbedingt längst aus dem Haus verbannt habe. Feuchte Wände? (Hoffentlich nicht!) Die meisten Rohrbrüche hier im Haus habe ich gerochen. Und wenn es jetzt irgendwo brennt? (Hoffentlich nicht!). Zwei wichtige Teile meiner hochsensiblen Alarmanlage waren ausgefallen! Auch mich selbst nahm ich nicht mehr wahr. Ich hätte wie ein Stinktier durch die Gegend laufen können und nichts davon gemerkt!

Zu meinem Erstaunen (das einzig Interessante an dem unfreiwilligen „Experiment“) entdeckte ich in der geruchlosen Welt gleich zu Anfang einen Sensor, den ich vorher noch nie bemerkt hatte. Ich spürte nämlich in all der Wahrnehmungsleere ein feines Prickeln oder Kribbeln in der Nase, wenn ich an Produkten zu riechen versuchte, die möglicherweise einen gemeinsamen Bestandteil enthielten. Sowohl Flüssigseife, Shampoos als auch Duschgels „prickelten“ subtil in der Nase. Der Reiz erinnert mich an die Empfindung, die ich beim Schnuppern an Wein oder Bier habe. War das vielleicht ein geheimer Detektor für Alkohol? Ich schaute mir mit der Lupe (winzige Schrift!) die Inhaltsstoffliste an. Alkohol gehört zu meinen Problemsubstanzen, mir entgeht kein Tröpfchen davon im Essen, gleich bekomme ich einen „Flush“, doch auf der Haut tut er mir nichts. Jetzt entdeckte ich ihn tatsächlich in Produkten, in denen ich ihn nie vermutet hätte. Gibt es möglicherweise einen eigenen Sensor für Alkohol, den man unter all den dominanten Geruchs- und Geschmacksreizen, die dauernd auf einen einprasseln, nicht bemerkt? Das wäre immerhin noch ein zuverlässiges Warnsignal!

Normalerweise erkenne ich vertraute Orte, Räume und Menschen an ihrem individuellen Geruch und identifiziere alle mir bekannten Duftwässer sofort. Noch vor kurzem habe ich damit eine Bekannte beeindruckt. Es umwehte sie eine Wolke, die mich gleich zweifach in die Siebziger Jahre versetzte. Eau de Lancôme! Studentinnenheim in Köln! Das Haus in England! Diesen Duft benutzten damals zwei meiner Freundinnen, was mich immer stark irritierte, denn sie waren ansonsten völlig unterschiedlich. Lang her, aber klar und unverwechselbar gespeichert, gleich mit zwei Zeiten, Orten und Personen. Gerüche, Düfte und Erinnerungen sind bei mir so eng verknüpft, dass ich sie oft bewusst und gern als „Schreibtrigger“ benutze (etwa Jasmintee, Käsekuchen oder heiße Schokolade). Wenn ich einen Kaninchenstall rieche (Wiesenheu, trockenes Stroh, Kaninchen), fange ich an zu weinen. Ich kann nicht anders. Der Geruch versetzt mich so intensiv in meine Kindheit und zu meinen Kaninchen, dass ich emotional völlig fertig bin. Aber auf eine gute Art.

Ich merkte, dass ich ohne meine übliche „Smellscape“ (Geruchslandschaft) immer mehr die Orientierung verlor, und versuchte gegenzusteuern. Das Essen schmeckte zwar neutral, aber die Erinnerung half. Ich wusste ja genau, wie alles riechen und schmecken sollte, stellte mir beim Kauen und Schlucken den Geschmack vor und achtete zum Trost noch mehr als sonst auf die Textur und Temperatur der Nahrungsmittel in meinem Mund. Die glatte Haut der Paprika, ihr weiches Fleisch, die raue Kruste der Bratkartoffeln, das kühle Prickeln des Mineralwassers, das warme, weiche Teewasser, die cremige Sahne, der dicke griechische Joghurt.

Dass ich nicht mal mehr meine Mundspülung („Listerine Cool Mint“) schmecken konnte, erstaunte mich. Das Zeug riecht und schmeckt normalerweise extrem stark (nicht besonders angenehm). Den Geschmack und Geruch habe ich stundenlang in Mund und Nase, aber meine Zahnärztin schwört drauf und es ist eindeutig gut für mein Zahnfleisch. Und jetzt? Nur ein schwacher „Luftwechsel“ im Mund und die erstaunte Erinnerung daran, wie intensiv es eigentlich schmecken müsste. Immer wieder der Gedanke: Hoffentlich erholen sich meine Sinne schnell wieder! Im Internet las ich, dass es Monate dauern kann, wenn Covid das Riechzentrum erwischt. Und schlimmstenfalls sogar bleibt. Aber vielleicht war das ja nicht Corona, sondern irgendwas anderes.

Ich machte weiterhin mehrmals am Tag mein Schmeck- und Riechtraining in Bad und Küche, am Gewürzschrank, im Keller, draußen bei den Kräutern. Bei Kümmel gab es die erste kleine Reaktion, vorn auf der Zunge. Alles andere schmeckte und roch weiter neutral. Wacholderbeeren, Koriander, Muskat, Vanille, Zimt, Gewürznelken, Schwarzbrot, Toast, Orangen, Tomaten, Äpfel – alles gleich. Aber ich konnte es leicht an der Textur unterscheiden. Dann die erste richtige „Sensation“, gleich beim ersten Versuch. Szechuan Pfeffer! Warum war mir der nicht schon früher eingefallen (über die extreme Prickelwirkung und meine Abneigung gegen dieses Gewürz habe ich hier vor einiger Zeit schon geschrieben). Ich war glücklich und gönnte mir das Kribbeln gleich mehrmals. Die Zungenspitze prickelte so wild, als hätte ich sie in Brausepulver getaucht. Allerdings wurde diesmal meine Mundschleimhaut danach nicht taub. Erst nach mehr als zwei Wochen hatte ich den Eindruck, wieder mehr schmecken zu können.

Frische Kräuter (Rosmarin, Thymian, Koriander, Petersilie, Salbei, Minze, Basilikum, Zitronenmelisse, Zitronenverbene) schmeckten und rochen weiter neutral. Leider auch meine Eau de Toilette-Sammlung (auch hier wähle ich den Duft normalerweise je nach Tagesstimmung). Ich probierte meine Lieblingsdüfte geduldig immer wieder aus. Jeden Tag nebelte ich mich mehrfach ein, und die Zimmer auch, allerdings mit einem anderen Duft. Das erste, was ich identifizieren konnte, war „Drakkar Noir“. Dann erkannte ich (entfernt) „Cool Water“. Beide sind sehr intensiv, verflogen allerdings im Gegensatz zu sonst schnell wieder.

Nach einer weiteren Woche ging es bergauf. Ich roch jetzt (schwach) verschiedene Wurstsorten (leider immer noch keinen Käse), Wein (beim üblichen Glasbeschnuppern, mit deutlichen Prickeleffekt), schmeckte Wacholderbeeren (schwach), Muskat (schwach), Pfeffer (schwach). Und dann kam mein „Listerine“ urplötzlich mit aller Macht zurück. Am Vorabend hatte es noch nach nichts geschmeckt und gerochen. Ich war hocherfreut.

Petersilie war als erstes Kraut wieder am Geruch und Geschmack erkennbar, dicht gefolgt von Zitronenmelisse und Zitronenverbene. Rosmarin, Thymian und Salbei brauchten deutlich länger. Inzwischen kann ich sie alle wieder unterscheiden, habe aber den Eindruck, dass ich nur über einen kleinen Teil meiner normalen Wahrnehmungskraft verfüge. Auch Korianderkörner und mein arabisches Kaffeegewürz duften wieder. Der schlimmste Gestank braucht komischerweise am längsten: Katzenklo! Extrem dezent im Vergleich zu sonst, aber egal. Überhaupt wieder riechen und schmecken zu können, fühlt sich an, als wäre ich nach einer unfreiwilliger Verbannung wieder nach Hause gekommen.

Herbst (Thomas Millot/unsplash)

Schlimm war der Abend, an dem ich einen Topf mit Waschpulver für die Maskendesinfektion aufsetzte und dann in ein anderes Zimmer ging. Ohne meine Nase merkte ich erst, dass er komplett leer gekocht war, als die Sicherung herausflog. Nur gut, dass keine Masken drin waren und die Küche nicht in Brand geriet. Der Topf war völlig schwarz verfärbt und konnte nur mit einer halben Flasche Stahlfix und viel Armarbeit wieder in den Normalzustand zurückversetzt werden, beinahe hätte ich ihn weggeworfen.

Schmecken kann ich inzwischen wieder gut. Beim Geruch muss ich zeitweise noch auf meine gut trainierte und immer sehr bewusste Wahrnehmung vertrauen. Anfang der Woche hatten wir (Probe aufs Exempel) Sauerkraut und Kassler, und der intensive Geruch hing zu meiner Erleichterung auch am nächsten Tag noch klar in der Luft. Vorgestern Curry. Auch mit normalem „Geruchsecho“. Das tolle Duschgel meines Mannes kann ich immer noch nicht riechen. Auch seine Niveacreme nicht. Und obwohl alle Gerüche schnell verfliegen, bin ich froh, dass sie zumindest kurz wieder da sind: „Frühstück“, „Küche“, „Wohnzimmer“, Efeu- und Perückenstrauch. Teich und Brünnchen „stinken“ wieder, nur schwächer, aber das finde ich nicht so schlimm (normalerweise muss ich mir die Hände zigmal waschen, um den Gestank loszuwerden). Auch die Kräuter sind auf einem guten Weg. Thymian und Rosmarin (meine Lieblinge) erkenne ich klar und deutlich.

„Phantomgerüche“ (halluzinatorische Wahrnehmung) oder „Fehlgerüche“ bemerke ich nicht, habe nur ein paarmal im Haus und im Garten plötzlich Rauch, Räucherstäbchen oder Lack „gerochen“, obwohl keine Quelle dafür auszumachen war. Hoffentlich verschont mich die Parosmie (Geruchsstörung), vor allem die eklige Kakosmie (Gerüche werden fälschlicherweise als unangenehm wahrgenommen), von der ich inzwischen einiges gelesen habe. Da riecht Toast plötzlich wie Jauche und Seife wie Schweißfüße. Oder die ganze Welt stinkt tagelang nach Urin. Aber es gibt ja auch die Euosmie (Gerüche werden fälschlicherweise als angenehm empfunden), dann duftet das Katzenklo vielleicht nach Maiglöckchen. Oder der Teich nach Rosen.

Meine Welt wird mit jedem Tag wärmer und heimeliger. Gestern habe ich Plätzchen gebacken. Der ultimative Test, denn ich gehe beim Backen immer nur „der Nase nach“, was Backzeit und Temperatur betrifft, egal was im Rezept steht. Das erste Blech braucht manchmal nur 12 Minuten, das nächste vielleicht 15. Es lief recht gut. Der „Plätzchen sind fertig!“-Duft ist eindeutig wieder da. Die „Meldung“ kommt ganz plötzlich, und dann muss ich das Gebäck sofort aus dem Ofen holen. Ich backe nie mehrere Bleche auf einmal, weil meine Cookies dann nicht „perfekt“ werden. Dauert zwar länger und man muss daneben sitzen, aber das ist es wert.

Eins habe ich mir fest vorgenommen: Ich werde nie mehr über meine feine Nase klagen. Ohne sie bin ich nicht ich selbst. Ob der „Infekt“ Covid war? Wenn ja, hatte ich offenbar ein Riesenglück. Wenn ich wüsste, wo man hier den Antikörpertest machen kann, würde ich ihn machen. Bestimmt käme ich dann entspannter durch Lockdowns und Winter. Gegen Grippe bin ich inzwischen wie immer geimpft, und die Covid-Impfung werde ich mir sofort holen, wenn es die Möglichkeit dazu gibt. Übrigens ist der neu entdeckte subtile Alkohol-Detektor immer noch da, was ich durchaus als Bereicherung empfinde.

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Sankt Martin reitet heute nicht

„St. Martin“ ( Ulla Genzel )

Ohne „Corona“ wäre heute St. Martin und „Kölner Jeckentag“. In meiner Kindheit war  das Martinsfest einer meiner Lieblingstage. Schon frühmorgens war ich aufgeregt und konnte es kaum aushalten, bis wir uns gegen fünf endlich „im Dorf“ (Dunkerhofstraße) versammelten und mit unseren bunten Laternen los zogen. Immer mit der Angst, es könnte zu regnen anfangen oder der Wind könnte die Kerzenflamme so umlenken, dass die „Lööt“ aus Papier zu brennen anfing. Wir sangen inbrünstig zum Klang der Blaskapelle unsere plattdeutschen und hochdeutschen Lieder und folgten St. Martin auf seinem mächtigen, schnaubenden Schimmel.

St. Martin (planet_fox/pixabay)

Flankiert von zwei römischen Soldaten ritt er langsam durch die Straßen. Bis zu unserer Schule, wo auf dem weiten Feld das große Martinsfeuer in den Himmel loderte und der frierende Bettler seine Kreise zog. St. Martin schenkte ihm den halben Mantel (warum eigentlich nicht den ganzen?), dann kam das Feuerwerk, und danach liefen wir begeistert in die Schule und bekamen unsere „Bloas“ (Tüte mit Obst und Leckerzeug). Zu Hause gab es „Püfferkes“ und „Mutzemandeln“. Ach, wie lange habe ich keine Püfferkes mehr gegessen! Mit Äpfeln! Und Rosinen! Aber mir fehlt leider das Rezept meiner Mutter.

Laterne, Laterne…. (Bellahu123/pixabay)

Das farbensprühende Feuerwerk war so schön, dass ich als kleines Kind nach der Hand meiner Oma griff und später, als Schulkind, nach der Hand meiner Freundin. Noch später, als Teenager, nach der Hand meines Freundes, und dann, als leidenschaftliche Tante, nach der Hand meiner kleinen Nichte. So etwas Wunderbares kann man nur genießen, wenn man die Hand eines Menschen drückt, den man wirklich lieb hat. Ich bin jahrzehntelang an diesem Tag an den Niederrhein gefahren, um dort „richtig“ den Zug zu genießen.

St. Martin „bemaskt“ (Caniceus/pixabay)

Ähnlich emotional werde ich, wenn ich die Wildgänse oder die Kraniche beobachte, die über unser Haus ziehen (wie gestern!). Dann denke ich an meinen Vater („Kind, komm schnell nach draußen, die Zugvögel sind da!“). Jetzt rufe ich meinen Mann („Jan! Komm schnell runter, die Zugvögel sind da!“) Meistens braucht er zu lange, bis er endlich im Garten ankommt, aber gestern hat er es geschafft. Zum Glück war es nämlich nicht nur ein Zug, es waren gleich drei hintereinander. Ich saß in der Küche, flickte meinen Lieblingspullover, hörte die fernen Rufe und stürzte gemeinsam mit meiner Katze sofort nach draußen. Ich liebe Zugvögel!

Ganz viel Gans (Caniceus/pixabay)

Gänse spielen auch an St. Martin eine Rolle, aber keine schöne. Jedenfalls nicht für die Vögel. Für Fans von Gänsekeulen mit Rotkraut und Klößen schon. Warum haben die dummen Tiere ihn auch durch ihr Geschrei verraten, als er  sich bei ihnen im Stall versteckte, weil man ihn zum Bischof machen wollte! Eigentlich hätte man sie dafür entsprechend belohnen müssen – und nicht aufessen! Als Kind verstand ich diese Logik nicht. Aber wahrscheinlich hat die Martinsgans ganz andere Wurzeln und mit dem Heiligen kaum was zu tun: Am 11.11. wurden nämlich früher die Steuern und Lehnsabgaben fällig, und die wurden oft in Form von Naturalien „gezahlt“. Also auch mit Gänsen.

Herbstwald (Romansolar/pixabay)

Ähnlich schwer tat ich mich bei einem anderen Heiligen, dessen Fest erst wenige Tage zurückliegt: St. Hubertus, der ein erklärter Gegner der Jagd wurde, nachdem ihm ein weißer Hirsch mit einem leuchtenden Kreuz in den Geweihstangen begegnete (Jägermeister!). Daraufhin änderte er sein Leben und wurde erst zum friedlichen Einsiedler und später (wie St. Martin!) widerstrebend zum Bischof. Warum wurde ausgerechnet dieser friedfertige Mann und erste Jagdgegner zum Schutzpatron der Jäger (und der Metzger und Büchsenmacher)? Eigentlich hätte man ihn doch zum Schutzpatron der Waldtiere machen müssen? Ihm zu Ehren fand am 3. November jedenfalls zuerst eine Messe (mit feierlichem Hörnerklang) und dann eine Treibjagd statt, und am Ende lagen die armen Tiere reihenweise tot auf dem Boden. Mein Vater brachte an diesem Tag stets bedauernswerte leblose Wesen mit nach Hause, meist geflügelt oder mit langen weichen Ohren. Ich weigerte mich, sie zu essen. Bis heute rühre ich kein Wild an. Niemals. Gänsebraten habe ich übrigens auch noch nie gegessen.

Kempen (Caniceus/pixabay)

Doch zurück zu St. Martin. Im benachbarten Kempen, einer wahren Martinshochburg und für seine  Lichterumzüge zu Recht berühmt, war alles noch prächtiger. Da zogen (und ziehen!) etwa 2 000 Kinder sogar an mehreren Tagen durch das alte Städtchen mit den schmalen Gassen. Die Besuche dort waren überwältigend. Noch viel mehr Musik, eine schier endlose Prozession von Kindern mit leuchtenden „Fackeln“ (so nennt man am Niederrhein die Laternen). Inzwischen sind allerdings die meisten Fackeln auch in Kempen in Plastik „eingepackt“ und haben eine ungefährliche Beleuchtung und keine echten Kerzen wie in meiner Kindheit. Und zum Schluss gibt es ein Feuerwerk, das direkt aus der Burg in den Himmel steigt und an den Seiten wie flüssige Lava herabströmt. Ich habe eine CD mit unseren Martinsliedern (kann man im Internet beim St-Martin-Verein Kempen erstehen). Ich muss nur aufpassen, dass mir beim Hören nicht die Tränen kommen.

Vielleicht gibt es ja sogar eine Verknüpfung von St. Martin und Halloween, denn früher wurden im Herbst auf dem Land auch Laternen aus ausgehöhlten Rüben umhergetragen.  Und am Ende der Erntesaison wurde ein Feuer auf den Feldern angezündet, zum Dank für die Ernte und als Abschied vom Jahr. Solche Herbstfeuer gibt es auch in Ländern, die mit St. Martin nichts am Hut haben, etwa in England, wo am 5. November im ganzen Land „Bonfires“ angezündet werden und unter lautem Geknalle der „Guy“ verbrannt wird. („A penny for the guy, Miss!“ höre ich meine kleinen Schüler durch die Jahrzehnte rufen.) Das Fest erinnert angeblich an Guy Fawkes, aber die Wurzeln liegen sicher tiefer.

vertrauter Anblick am Niederrhein (Foto Rabe/pixabay)

Am Niederrhein sind die Zugvögel im Herbst und Winter tatsächlich ein Naturschauspiel, denn in „meiner“ Gegend überwintern ungefähr 170 000 Wildvögel, vor allem an den Krickenbecker Seeen, und wenn die eintreffen, ist das schon sehenswert. Mein Vater ließ mich früher oft die Namen der Vogelarten aufsagen: Nilgans, Blässgans (von November bis Februar am Niederrhein), Graugans, Kanadagans, Kurzschnabelgans, Ringelgans, Saatgans, Weißwangengans, Brandgans (knallroter Schnabel, leicht zu erkennen).

Gänseflug (pixabay)

Am Niederrhein brüten sogar Weißstörche, und einige bleiben auch im Winter dort, weil sie auch dann noch genug zu fressen haben. Im Kreis Wesel finden sich im Winter rund 25 000 arktische Gänse ein. Ich war tief beeindruckt, wie nahe wir an die Tiere heran kamen. Wenn man klein ist, kann eine flügelschlagende, zischende oder schreiende Gans ganz schön eindrucksvoll sein. Wir besuchten die Wasservögel jeden Sonntag nach der Messe. Es war ein schönes Ritual, neben meinem Vater am Ufer zu stehen und immer wieder nach seiner großen, warmen Hand zu greifen. Blöd war bei den Gänsen nur, dass ich ewig brauchte, bis ich ihren Namen richtig schreiben konnte. Ich schrieb nach Gehör und verstand nicht, wieso ein Wort mit z gesprochen, aber mit s geschrieben wurde. Noch schlimmer war es nur noch bei Artzt.

St. Martin unbemaskt (Caniceus/pixabay)

Kein Wunder, dass ich jedes Jahr im November sentimental werde. Auch dieses Jahr, obwohl St. Martin gestrichen ist. Fantasievolle und kinderfreundliche Menschen haben sich einige Alternativen ausgedacht: Lichterfenster, Martinsfenster, St. Martin mit Laterne zu Hause im Wohnzimmer oder draußen im Garten. Mal sehen, ob es funktioniert. Ich versuche es jetzt einfach mal mit diesem Beitrag als „virtuelles“ Fenster. Schade, dass es so wenige schöne Fotos von den Laternenzügen gibt, ich versuche jedes Jahr wieder, welche zu machen, aber meine Ausbeute fällt immer mager aus, entweder sind die Lichtverhältnisse grottenschlecht oder die Laternen „verhüllt“. Und weil hier die Kinder nicht „richtig“ laufen. Nicht so wie am Niederrhein.

Wir wohnen neben einer Schule, so dass ich in unmittelbarer Nähe des Martinsfeuers bin, ich höre es im Haus draußen prasseln und krachen, und der Rauch weht meistens genau in unseren Garten. Im vorigen Jahr war das Feuer eine Katastrophe, denn der Hausmeister hatte feuchtes Heu zwischen das Holz gepackt. Der Gestank hing bis zum nächsten Morgen im Flur, aber darüber habe ich im letzten November schon geschrieben. In diesem Jahr gibt es nicht mal ein Feuer, obwohl das Holz schon seit einiger Zeit bereit liegt.

St. Martin (Caniceus/pixabay)

Auch die berühmte Fünfte Jahreszeit wird diesmal nicht gebührend eingeläutet, denn Karneval ist ebenfalls abgesagt. Kein Maskenball, keine Jecken auf den Straßen und in den Bahnen. Stattdessen Alkoholverbot, auch draußen, Feiern untersagt, bei Verstößen wird konsequent eingeschritten. So ruhig wie heute war es hier am 11. 11. noch nie. Für Touristikbranche, Kneipen und Kostümgeschäften eine Katastrophe. Stattdessen gibt es eine Demonstration gegen die Corona-Schutzbestimmungen (seufz) und einen Zeppelin über der Innenstadt mit der Aufschrift „Bliev zohuss“ (gute Idee!). Auf der anderen Seite steht „Bleibt gesund“. Wie heute in Düsseldorf der Hoppeditz erwacht, kann man sich im Internet ansehen. Aber zu Düsseldorf haben wir Kölner ja ein eher gespanntes Verhältnis. Wir haben den Ähzebär, aber der fällt nächstes Jahr auch aus. Ich habe mich lange gefragt, warum ausgerechnet der Elfte im Elften der Auftakt der Narrensaison ist und glaube jetzt, die Antwort zu kennen. Genau wie beim echten Karneval beginnt nämlich direkt nach diesem Tag die Fastenzeit (die vor Weihnachten natürlich), und da muss man sich einfach noch ein letztes Mal aufbäumen und so richtig über die Stränge schlagen und „die Sau rauslassen“.

Remembrance Day (CalvinStuttart/pixabay)

In Großbritannien begeht man übrigens heute den Poppy Day oder Remembrance Day und gedenkt der Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Das habe ich nach meinem Leben in England an diesem Tag auch noch im Hinterkopf. Ich besitze sogar eine kleine Mohnblume, wie man sie sich dort an diesem Tag ansteckt.

So viele Gedanken und Gefühle an einem einzigen Tag. Übrigens sind viele der Fotos zu diesem Beitrag von einem Fotografen aus Kempen, den ich heute bei pixabay entdeckt habe.

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Kölner Stämme – Die Piraten (2)

Piratenschiff? (JACLOU-DL/pixabay)

Mitunter kann Schreiben ein erstaunlich abenteuerliches Unterfangen sein, denn es können dabei merkwürdige Dinge passieren. Sogar kleine Wunder. So fand ich durch meinen ersten Roman den längst verloren geglaubten kleinen Friedhofsengel meiner Kindheit wieder, durch ein anderes Buch landete ich unerwartet im „Kölner Treff“ und bekam sogar eine wunderbare seelenverwandte Bärenschwester. Doch meistens habe ich natürlich keine Ahnung, wo meine Buchkinder und Geschichten hinfliegen und landen. Schon gar nicht, wenn die Texte nur im Internet erscheinen. Hier auf meiner Seite fabuliere ich daher also mehr oder weniger ins Blaue hinein und freue mich, wenn zufällig jemand meine Gedanken findet und meine Bilder anschaut. Normalerweise habe ich keine Ahnung, wer diese Personen sind, sie hinterlassen nämlich keine für mich sichtbaren Spuren, es sei denn, sie nehmen mit mir Kontakt auf. So wie nach meinen Beitrag über die Kölner Stämme.

Pirat Wolf Pinfeather (BFL)

Höchstwahrscheinlich wäre es wohl bei dem ersten allgemeinen Beitrag geblieben, wenn mir nicht ein kühnes Mitglied der „Löstige Gladiatore“ eine freundliche Mail geschickt hätte, die mich zum Recherchieren und Weiterschreiben beflügelte. Jetzt hatte ich einen Ansprechpartner, der mir auch bei kniffligen Fragen und Zuordnungen weiterhelfen konnte. Über viel Hintergrundwissen, was die Kölner Stämme betrifft, verfüge ich leider (noch) nicht, denn bei den Stämmelagern war ich vor allem als Fotografin unterwegs und nicht als Reporterin oder Schriftstellerin. Aber ich lerne gern dazu, und besonders schön ist es, wenn ich weiß, dass meine Texte anderen Freude machen und tatsächlich gelesen werden.

Käpt’n Kalli (BFL)

Auf Seemann, Tod und Teufel!

Die „Santa Colonia“ (BFL)

Nach meinem Mailwechsel mit dem kampferprobten Gladiator beschloß ich aus literarischen Gründen (R.L. Stevenson, über den ich unbedingt irgendwann schreiben muss, denn ich war schon drei Mal im „Lady Stairs House“, dem Schriftstellermuseum in Edinburgh!), mit den Piraten anzufangen. Und zu meiner großen Verblüffung wurde auch dieser Beitrag in Windeseile erspäht, allerdings diesmal von messerscharfen stahlblauen Piratenaugen. Und jetzt kenne ich bloß durch mein Schreiben nicht nur einen veritablen Gladiator, sondern auch einen gefährlichen Seeräuber!

Leider teilte mir der Pirat in einer zweiten Nachricht mit, dass Käpt’n Kalli, der erfahrene, mit allen Wassern der Sieben Meere gewaschene Seebär und stolze Kapitän der Dreimastbark „Santa Colonia“, am Montag dieser Woche seine letzte Fahrt angetreten hat. Genau einen Tag, nachdem ich meinen Beitrag geschrieben hatte. Ein trauriger Zufall. Der heutige Beitrag ist daher auch ein kleiner Nachruf auf einen wohl ganz besonderen Piraten und Menschen. Möge seine Überfahrt sanft sein! Seine wilde Crew schaut ihm wehmütig nach und verabschiedet sich auf ihre Weise: „Auf Seemann, Tod und Teufel!“  „Fair winds, Captain!“ „Komm gut über die Brücke!“ Vergessen werden sie ihn sicher nie, und bestimmt wird er weiterhin an ihrer Seite bleiben, wenn sie fluchend die Sieben Meere unsicher machen. Auf Seemann, Tod und Teufel!

Pirat Jack Sperrholz (BFL)

Inzwischen weiß ich schon einiges mehr über die „Original 1. Kölner Piraten von 1968 k.e.V.“ (ein fürwahr langer Name, und die Abkürzung steht für „kein eingetragener Verein“). Überhaupt zeichnet sich die Crew durch einen typisch kölschen Humor aus.“Der Verein“ wurde vor nunmehr 52 Jahren von Karl-Heinz Hansmann gegründet, jenem Mann, der später unter dem Piratennamen Käpt’n Kalli berühmt wurde und zuerst ganz allein unterwegs war, aber schon bald eine immer größer werdende wilde Horde anführte. Bis letzten Montag. Ich bedauere sehr, dass ich mich bei den Stämmelagern nicht näher an ihn herangetraut habe, aber die Piraten sahen einfach zu unheimlich aus!

Käpt’n Kalli (BFL)

Vor drei Tagen nahm ich schließlich allen Mut zusammen und enterte heimlich bei Nacht und Nebel die „Homepage“ und schaute mir auch gleich die Gesichtsbucheinträge der Piraten an. Zum Glück hat mich dabei keiner erwischt, auch der Steuermann nicht, er war anderweitig beschäftigt. Ich sah mich in Ruhe um und fand mich schon bald in der wilden Seeräuberwelt einigermaßen zurecht. Einiges habe ich kurzerhand mitgehen lassen („requiriert“ würden die Piraten wohl sagen) und ungefragt für diesen Beitrag verwendet (darauf steht sicher normalerweise eine empfindliche Strafe, mindestens „Prozessanhals“), aber ich schätze, dass die Seeräuber mir das ausnahmsweise nicht übel nehmen, denn ich habe es schließlich nur „ausgeliehen“, um ihren Ruhm zu mehren und ihren Käpt’n zu ehren.

Pirat Schwarzbart (BFL)

Jedenfalls kenne ich jetzt die Namen der momentanen „Santa Colonia“-Crew und kann einige Personen auf meinen Fotos sicher identifizieren. (Offenbar war ich bereits bei vier Stämmelagern!) Ich finde nicht nur Käpt’n Kalli, sondern auch Jack Sperrholz, Turners Frank, Smutje Jean Lafitte, Navigator Schwarzbart („Hält den Kurs. Manchmal.“) und Havanna Charly. Bei den Piratenbräuten bin ich mir nicht sicher. Sind das jetzt Mary Reed und Coco Batida? Oder Jamaica Ann und Tina Osborn? Oder gar Käptn’s Chef? Der imposanten Charlotte de Berry bin ich bisher offenbar noch nicht persönlich begegnet. Auch den 1. Offizier James Blood („Hält die Fäden in der Hand. Und die Neunschwänzige.“) finde ich nicht auf den Bildern, aber vielleicht fehlt mir da der messerscharfe Piratenblick. Ich habe dummerweise ein kurzsichtiges und ein weitsichtiges Auge und sehe dadurch alles irgendwie schräg. Sogar Piratengesichter.

Piratenversammlung (BFL)

Havanna Charly (BFL)

Meinen kühn erbeuteten Quellen zufolge ist der Pirat Calico Jack ein „Grielächer“, also ein Spötter (typisch kölsches Wort), was immer das bei einem Piraten bedeuten mag. Ein wenig spöttisch sieht er schon aus (Sie finden sein Bild im vorigen Beitrag, da habe ich die Bildtitel inzwischen aktualisiert). Havanna Charly hatte ich aufgrund seiner wuchtigen Präsenz zunächst fälschlich für einen weiteren Käpt’n der Crew gehalten, sah meinen Irrtum aber rasch ein. Laut Aussage seines furchteinflößenden Crewmitglieds (meiner streng geheimen stahlblauäugigen Zusatzquelle) ist er aber nur „ein ganz normaler Pirat“, allerdings mit einer Schwäche fürs Modeln, denn sein markantes Konterfei ziert weltweit zahllose Fahndungsplakate. Eins davon habe ich sogar abgelichtet, weiß aber nicht mehr, in welchem Jahr. Kann es sein, dass er mir darauf die Zunge herausstreckt, oder ist das bloß wieder mein schräger Blick?

Ex-Crew-Mitglied (BFL)

Einige Piraten, die ich damals aufs Bild gebannt habe, gehören inzwischen leider nicht mehr zur Crew und bleiben daher namenlos. Seinen Piratennamen sucht man sich (normalerweise) selbst aus, erfahre ich von meinem seeräuberischen Geheimkontakt. Wie ich sehe, gibt es an Bord sogar einen kühnen Kölner Robert Surcouf. Aber auch mit Henry Goldfinger, Joshua Flint, dem Logbuchverwalter (er hat so schlimme Augen wie Mad Eye Moody), Le Doc („Rauchende Hand. Schmerzfrei.“), Bloody Hands und Barfossa ist sicher nicht zu spaßen. Allesamt zum Fürchten und sicher grenzenlos grausam! Auf einem Seitendeck der frisch gestrichenen „Homepage“ fand ich (gut getarnt) erschreckende Fotos von Piratentaufen, die echt furchtbar zu sein scheinen, weil man dabei kübelweise (bestimmt eisekaltes!) Wasser ins Gesicht geschüttet bekommt und gnadenlos gezwungen wird, eklig aussehende trübe Flüssigkeiten zu schlucken und gräßliches Zeug zu kauen (wahrscheinlich ranzig und übel stinkend), während man unbequem mit Händen und Hals im „Joch“ steckt und sich nicht regen kann. Ich kann nur hoffen, dass die Knöchel des neuen Piraten dabei nicht auch noch im „Stock“ hängen.

Piratenkopf (BFL)

Auf einem echten Piratenschiff darf natürlich auch ein Klabautermann nicht fehlen. Den hört man normalerweise nur. Er warnt den Kapitän vor Gefahren, und „wenn er klopft, bleibt er, wenn er hobelt, geht er.“ Man sollte es sich also mit ihm besser nicht verscherzen. Angeblich sieht er aus wie ein Matrose mit Hammer und Pfeife, manchmal auch mit Seemannskiste, roten Haaren und grünen Zähnen. Wenn er sich zeigt, ist das ein schlechtes Zeichen. Er verlässt das Schiff erst, wenn es untergeht.  Das erinnert mich an mein maritimes Kinderbuch, das noch unfertig in meiner Schublade liegt. Darin kommt nämlich auch ein Klabautermann vor. Er heißt „der Chintz“, und das Ganze spielt in Lübeck, einer meiner Lieblingsstädte. Vielleicht setz ich mich diesen Winter doch noch mal dran und baue gleich auch noch ein paar von den Piraten ein. Zeit genug hab ich ja dank Lockdown und so.

Ex-Crew-Mitglied (BFL)

Auf dem waffenstrotzenden Piratenseitendeck kann man zwischen Schatztruhen, glänzenden Piasterhaufen, trockenem Schiffszwieback (mit Maden drin, also vor dem Essen ordentlich schütteln oder abklopfen oder besser nur im Dunkeln verzehren), diversen Sanduhren, Schiffsglocken und gut gefüllten Rum- und Wasserfässern einiges über das Leben und Wirken der Piraten im 17. und 18. Jahrhundert erfahren. Unter anderem entdeckt man Navigationsinstrumente wie Kamal, Jacobsstab, Quadrant, Traversboard oder Backstaff. Noch nie was von gehört, wie ich zu meiner Schande gestehen muss. Na ja, Quadrant schon, aber was genau das ist, wußte ich trotzdem nicht, hab ja damals auch das Piratenbuch nicht übersetzen dürfen. Auch Astrolabium und Nocturlabium waren mir unbekannt und klangen eher wie irgendwas aus „Harry Potter“, aber dafür kannte ich den Trepanationsbohrer, den Mundknebel, die Amputationssäge und „die Neunschwänzige“ (die gefürchtete Katze im roten Sack, mit der Matrosen gezüchtigt werden. An den Wunden kann man sogar sterben!). Dass Piraten ihren Zopf zu teeren pflegten, wußte ich auch noch nicht. Klingt echt schmierig.

„Die Oma im Käfig“ (BFL)

In einer äußerst schlecht beleuchteten Ecke (achtern) entdeckte ich eine staubige Flaschenpost mit Informationen über das bleiche Gerippe im Käfig (genannt „die Oma“), das (oder die) grausam verstümmelt wurde, weil feindliche Piraten versucht hatten, es (oder sie) zu entführen, ihm (oder ihr) dabei aber nur etliche Knochen brachen. (Gendergerechte Sprache muss heute leider sein, auch bei Beiträgen über Piraten.)

Dass die furchteinflößenden Seeräuber hier jedes Jahr traditionell den berühmten Rosenmontagszug als Vorgruppe anführen, hätte ich als Kölnerin eigentlich wissen müssen (jetzt weiß ich es für alle Zeiten). Auch hätte ich mir denken können, dass sie originalgetreu gewandet und bis an die Zähne bewaffnet (nebst Entermesser, Säbel, Vorderlader, Schwarzpulver und sogar Kanone) nichts lieber tun als  Stadt-, Hafen- und Hansefeste unsicher zu machen.

„Santa Colonia“ (BFL)

Man kann sie sogar privat anheuern und sich selbst und/oder seine Gäste (und Gästinnen!) in Angst und Schrecken versetzen. Wer über genug Nervenstärke verfügt, kann sich dabei auch demonstrieren lassen, wie man früher Zahnbehandlungen durchzuführen pflegte (oder vielmehr erlitt). Natürlich ohne Narkose. Die Zähne zog der Barbier. Besonders gut war der sicher nicht. Daran mag ich nicht mal denken, mir graut ja schon vor hochmodernen sterilen Zahnbehandlungen. Mit Narkose. Einen eigenen Song mit Video (googeln Sie mal „Schäng. Piratenpolonäse“, zu finden bei YouTube) haben die Piraten auch, da kann man sie alle in voller Aktion sehen. Aber aus Sicherheitsgründen nur heimlich gucken, damit nichts passiert! (Sie wissen schon: Prozessanhals! Mindestens!) Mit diesen Kölner Piraten ist nicht zu spaßen!

Schatzkarte (MasterTux/pixabay)

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Kölner Stämme – Die Piraten

Abendrot (jplenio/pixabay)

Piraten – Calico Jack  (BFL)

Der November startet trübe und traurig, ein neuer Lockdown beginnt, und ich bekomme Lust, in Farben zu schwelgen. Nach meinem letzten Beitrag über die Kölner Stämme habe ich mich in den Tiefen des Hauses auf die Suche gemacht und endlich auch die anderen Fotos ausgegraben. Ob es die Piraten wohl noch gibt?

Als Kind war ich viel krank, was mir die Gelegenheit gab, heimlich die umfangreiche Bibliothek meiner Eltern zu erforschen, vor allem die verbotene oberste Reihe. Manchmal brachten Besucher auch zusätzlichen Lesestoff, und eines Tages bekam ich von einer Freundin meiner Mutter, die zwei erwachsene Söhne hatte, einen ganzen Stapel „Jungensbücher“. Eins davon war „Das Nibelungenlied“, das wahrscheinlich dazu führte, dass ich später Mittelhochdeutsch studierte, ein anderes „Die Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson.

Die wilden Piraten verfolgte mich bis in meine Träume, und der spannende Roman gehört bis heute zu meinen Lieblingsbüchern. Ich weiß nicht, wie oft ich ihn schon gelesen habe. Am liebsten im Original und illustriert von Robert Ingpen oder N.C. Wyeth. Kein Wunder, dass mich die Piraten bei den Stämmelagern besonders faszinierten. Und es gab auch genügend wilde Piratinnen!

Piraten – Käptn Kalli  (BFL)

Alle sahen aus, als wären sie Zeitgenossen vom alten Bill Bones, dem heimtückischen Schwarzen Hund, dem gerissenen einbeinigen Schiffskoch Long John Silver und dem verruchten Käpt’n Flint. Der Käpt’n hatte sogar einen Papagei auf der Schulter, doch zum Glück schrie er nicht in einem fort „Dukaten“, sondern wirkte eher ausgestopft.

Piraten (BFL)

Stevenson schrieb sein Buch 1881 während eines verregneten Sommers für seinen Stiefsohn, und angefangen hat alles mit einer geheimnisvollen Schatzkarte. Die war vorn im Buch auch abgebildet. Da lag ich also unbeweglich mit Halswickel und Husten in meinem Kinderzimmer und stach in meiner Vorstellung gleichzeitig abenteuerlustig mit Jim Hawkins auf der „Esmeralda“ in See, schaute Long John Silver beim Kochen zu, beobachtete den gemeinen Israel Hands, wie er versuchte, Jim Hawkins mit dem Messer umzubringen, und hörte die Piraten ihr schreckliches Lied grölen („Fünfzehn Mann auf des toten Mannes Kiste – hohoho – und ’ne Buddel voll Rum“).

Piratenmutter mit Sohn (BFL)

Es störte mich nur, dass kein einziges Mädchen in dem Roman vorkam (und außer Jims ziemlich farbloser Mutter auch keine Frau), denn ich ahnte, dass es neben Blackbeard, Störtebecker und Sir Francis Drake auch berühmte Piratinnen gegeben hatte. Gab es auch, etwa Ann Bonny und Grace O’Malley.

Wenn es meine Geschichte gewesen wäre, hätte es todsicher auch ein mutiges Mädchen gegeben, das sich notfalls einfach als Junge verkleidet hätte. Und zumindest eine Frau hätte bei mir auch eine tragende Rolle gespielt. Meine eigene Mutter war nämlich die Idealbesetzung für eine resolute furchtlose Piratin. Sie hatte schließlich schon als junges Mädchen in ihrem kleinen Dorf am Niederrhein revolutionäre Hosen und Anzüge getragen und damit für Aufsehen gesorgt und außerdem geraucht wie ein Schlot!

Pirat Havanna Charly (BFL)

In meiner Kindheit gab es 1966 den Weihnachtsvierteiler „Die Schatzinsel“ mit Michael Ande als Jim Hawkins, und später war eine meiner Lieblingsserien „Das Wappen von Saint Malo“. (Gerade habe ich gesehen, dass man es inzwischen „digitally remastered“ als DVD erstehen kann, und jetzt raten Sie mal, was ich im kommenden Lockdown beim Bügeln gucken werde.) Ob ich Gérard Barray wohl immer noch so faszinierend finden werde wie damals als Kind? Der erste Junge, in den ich mich verliebte, sah ihm jedenfalls ziemlich ähnlich, dunkles Haar und schräge Katzenaugen. Der tollkühne Robert Surcouf war damals mein Held, und bisher hat ihn auch noch kein anderer Korsar entthront. Für Johnny Depps abgedrehte Piratenversion kann ich mich nicht erwärmen, auch wenn das Kostüm toll ist. Ich war vor einigen Jahren übrigens mal in Saint Malo und dachte dort natürlich auch an den berühmten Korsaren. Dort ist auch sein Grab.

Piraten (BFL)

Einmal war ich ganz nahe dran, ein dickes Buch über Piraten, Freibeuter, Bukaniere, Filibuster und Korsaren zu übersetzen. Woran es gescheitert ist, weiß ich nicht, denn der Auftrag kam nicht von einem Verlag, sondern von einem Redaktionsbüro in München. Ich kaufte mir begeistert ganz viele Bücher über Piraten, denn zum Übersetzen braucht man natürlich auch Sekundärliteratur! Ich war extrem motiviert!

Meine Probeübersetzung wurde zwar hochgelobt, doch aus dem Buch wurde nichts. Schade. Aber wir waren in dem Jahr zum Trost in Cornwall, haben einige berühmte Piratennester besucht und in Penzance staunend im „Admiral Benbow“ gesessen, zwischen Tauen, Schiffslaternen und Galionsfiguren. Und eins meiner Urlaubsmitbringsel war ein richtig schönes Buddelschiff….

Seeschlacht  (three-shots/pixabay)

 

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Kölner Stämme

Stämmelager 2010 (BFL)

Einzelne Vereine und „Stämme“ gab es schon seit den 1950er Jahren, doch erst 1991 schlossen sich die fast 80 verschiedenen Gruppierungen zu den „Kölner Stämmen“ zusammen. Zwei der großen Stämmelager habe ich als Gast besucht, und es fühlte sich ein bisschen an, als wäre man plötzlich in einem farbenprächtigen Filmset gelandet. Oder in einer anderen Welt. Das Eintrittsgeld ging an die CF-Selbsthilfe Köln, und dank der zahlreichen Besucher kam eine stolze Summe zusammen.  Viele Vereine und Gruppen sind dem Kölner Karneval entsprungen, doch den Mitgliedern der Stämme ging es augenscheinlich um mehr, etliche von ihnen „lebten“ ihre Rollen und feierten sogar ihre wichtigsten Feste in und mit der Gruppe. Alles sollte so authentisch wie möglich sein, dazu lasen sie Bücher, schauten sich Filme an und besuchten die Länder, aus denen ihre Figuren stammten. Manche lernten sogar die Sprache und luden Gäste aus „ihrem“ Land ein. Einige dieser „Ehrengäste“ waren auch bei den Stämmelagern anwesend.

Stämmelager 2010 (BFL)

Irgendwo in den Tiefen unseres Hauses befindet sich ein Bildband über die Kölner Stämme, den ich jetzt gern zu Rate ziehen würde, doch ich kann ihn nicht finden. Bei uns hausen Kobolde, die einen üblen Sinn für Humor haben und gern Sachen verstecken, um sie dann irgendwann, wenn man sie nicht mehr braucht, an genau den Stellen zu deponieren, wo man sie die ganze Zeit vermutet hat. Offenbar necken sie auf diese Weise Menschen, die sie mögen, also soll es mir recht sein. Auch mein Album mit den analogen Bildern bleibt (weiterhin) verschollen. Dabei weiß ich genau, wo es steht! Aber inzwischen habe ich wenigstens meine digitalen Fotos gefunden.

Gladiator Metilius (BFL)

Unser Führer auf der „Reise durch die Zeit“ war beide Male der römische Gladiator Metilius (der mir von seinem realen Vorbild erzählte, die genauen Daten sind mir leider entfallen). Er war Mitinitiator der „Kölner Stämme“ und 1. Vorsitzender der „Löstigen Gladiatoren“, hieß mit Kölner Namen Jürgen Kurth und ist leider allzu früh verstorben. Bei seiner Beerdigung vor acht Jahren gaben ihm die Kölner Stämme auf dem Nordfriedhof das letzte Geleit und verabschiedeten ihn mit „Ave Metilius!“ und „Maach et  joot, Jürgen.“ „Mach et joot“ sagt man hier in Köln oft an Gräbern. („Maach et joot, Jung“ oder „Maach et joot, Mädche“)

Gladiator Metilius (BFL)

Metilius hatte eisblaue Augen und wirkte in seinem Ledergewand äußerst imposant. Er hatte das, was man gern als „Aura“ bezeichnet und flößte jedem automatisch Respekt ein. Genauso hatte ich mir als Kind einen Gladiator vorgestellt! Einmal habe ich ihn gar auf dem Streitwagen gesehen. Pferde gab es nämlich auch bei den Stammestreffen, sogar riesige Kaltblüter, die man heute kaum noch sieht. Und Greifvögel, die man ganz aus der Nähe bestaunen konnte. Hier habe ich damals meinen ersten Weißkopfseeadler fotografiert, was für mich ein besonderes Erlebnis war, denn ich habe vor Jahren einen Bildband über Adler übersetzt.

Weißkopfseeadler (BFL)

Die Stimmung im „Stämmelager“ war entspannt und ruhig, aber auch lebhaft und ausgelassen, friedlich und einträchtig standen die Zelte der Gladiatoren, Ritter, Mongolen, Indianer und Hunnen nebeneinander, und es gab auch ein stimmungsvolles Piratenlager mit einem leider arg kleinen Schiff, aber ein Riesenschiff wäre eindeutig zu aufwändig gewesen. Dafür waren die Piraten wunderbar gewandet und hatten ein gruseliges Skelett in einem Käfig. Die wilden Kerle selbst waren eindrucksvoll und wirkten wie Figuren aus Stevensons „Schatzinsel“.

Es gab auch ein Badehäuschen mit einem Holzzuber, in dem irgendwann tatsächlich jemand saß, möglicherweise aus dem Mittelalter, und sich abschrubben ließ. Attilas gab es offenbar gleich mehrere, also auch mehrere Hunnenhorden sowie einen Sultan mit Prachtzelt und „Haremsdamen“, etliche Ritter der Tafelrunde, Ostgoten, Böschräuber, Cowboys und Indianer, Barbaren, Wikinger, Highlander (mit echten Dudelsäcken, einige wirkten auch echt schottisch), Mongolen, einen Clan der Nordmänner und den geheimnisvollen Ring der Schamanen.

Stämmelager 2010 (BFL)

Man konnte alle Zelte betreten, dazu gab es Handwerksstände und Ritterspiele, eine merkwürdige Zeremonie mit Sarg, Tod und rauchendem Feuer, und immer wieder irgendwo ein kleines Gelage oder eine Musik- oder Tanzeinlage. So lange die Menschen aus der anderen Zeit nichts sagten, wähnte man sich gelegentlich wirklich in der Vergangenheit, aber wenn sie sich lautstark auf Kölsch begrüßten, mit einem ins Gespräch kamen oder gar Karnevalslieder schmetterten, musste man doch grinsen, weil das, was man sah, und das, was man hörte, so gar nicht zusammenpasste. Aber irgendwie passte es dann auch doch, denn wir waren ja in Köln, der Hochburg der Verkleidung, Rollenspiele, Kostüme und Masken. Anders als im Karneval nahmen diese Darsteller ihre Rollen allerdings erstaunlich ernst. Sicher bewegt und fühlt man sich auch völlig anders, wenn man exotische Gewänder, Umhänge, Kopfbedeckungen oder schwere Waffen trägt. Metilius habe ich immer nur als Römer und Gladiator gesehen. Ich kannte auch seinen richtigen Namen nicht.

Die Hunnen hatten alle möglichen „Beutestücke“ in ihren Zelten aufgehäuft und trugen fantastische Kostüme, die natürlich auch „Beutestücke“ waren, wahrscheinlich zusammengetragen von Flohmärkten, Antikmärkten, Kostümverleihen oder Reisen. Dazu brauche man den „hunnischen Blick“, meinte eine der Hunnenfrauen lachend. Heute würde mir sicher das traditionelle Frauenbild der Stämme auffallen, auch wenn die Hunnenfrauen noch so imposant aussahen. Haremsdamen und Ritterfräulein? Aber vielleicht gab es auch eine Königin und eine Schamanin? Piratinnen gab es auf jeden Fall, und auch sie sahen zum Fürchten aus.

Der Tod (BFL)

Ich habe keine Ahnung, ob es die vielen Kölner Stämme heute noch gibt, einige haben todsicher inzwischen Namen und Aussehen stark verändert. Vieles geht gar nicht mehr. Dass die „Frechener Negerköpp“ so nicht weiterbestehen konnten, war wohl jedem klar. Sie tauften sich daher um in „Wilde Frechener“ und wie sie heute aussehen, weiß ich nicht. Vielleicht sind sie grün oder blau? Ich meine mich zu erinnern, in der Zeitung gelesen zu haben, dass sie in ihrer alten Kostümierung mit Steinen beworfen, beschimpft und bedroht wurden. Wir sind heute sehr viel feinfühliger, was den Blick auf andere Kulturen und Ethnien betrifft. Irgendwo hört der Spaß selbst an Karneval auf. Sogar in Köln. 2018 bekam eine alteingesessene Kölner Konditorei Riesenprobleme, als man zur Jeckenzeit weiße und schwarze rundliche Gebilde mit Gesichtern und komischen Hüten in ihrem Schaufenster entdeckte, die stark an eine extrem klebrige Süßigkeit erinnerten, die wir als Kinder noch höchst unbedarft benannten und verzehrten.

Stämmelager – Schuhe (BFL)

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Winnetou und Pocahontas

Stämmelager 2010 (BFL)

Die Black Lives Matter-Bewegung, die nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd in den USA sehr an Fahrt aufgenommen hat, konnte schon einiges bewirken, unter anderem auch ein vermehrtes Nachdenken über alte Klischees und eingefahrene (meist negative, kolonialistische, sexistische, patriarchalische) Denkmuster. Dies betrifft nicht nur Persons of Color, sondern alle „ethnic minorities“, also auch die amerikanischen Ureinwohner, die American Indians bzw. Native Americans. Heute bezeichnet man sie wohl politically correct als indigene Völker. Seit ihrer „Entdeckung“ durch Kolumbus, der sie „los Indios“ nannte, wurden sie umgebracht, vertrieben, ausgebeutet, gedemütigt und diskriminiert. Sie waren die Wilden, die Heiden, die Fremden. Doch sie wurden auch zur perfekten Verkörperung weißer Wunschvorstellungen, standen für Würde und Tapferkeit, für Schönheit, Stolz und Naturnähe. Beim Überdenken meiner eigenen (sehr deutschen) Denkmuster und Vorurteile gerate ich in emotionale Verwirrung.

In Wildwestfilmen wurden „Rothäute“ oft als blutrünstige Wilde dargestellt, die schreiend im Kreis reiten, Tomahawks schwingen, mit Pfeil und Bogen waghalsig an Pferden hängen und sich dabei von gut verschanzten und hervorragend bewaffneten Cowboys reihenweise abknallen lassen. Sie überfallen Siedlungen, setzen sie in Brand (gern auch die Lager von feindlichen Stämmen), skalpieren und massakrieren ihre Feinde, binden Bleichgesichter und andere Gegner an Marterpfähle und lassen sie in der Sonne schmoren, schänden oder entführen Frauen, stehlen Pferde und torkeln nach dem Genuss von Feuerwasser, das sie ganz schlecht vertragen, besoffen durch die Gegend. Das sind die „bösen Indianer“, hinterlistig und gemein, brutal und gewalttätig oder schwach und feige. Sogar Mark Twains Injan Joe ein unangenehmer Typ, für den man auch nach seinem Ende in der Höhle wenig Mitleid verspürt. Das sind die „bösen Indianer“.

Somewhere in Arizone (BFL)

Wie anders ist der deutsche Blick auf die Native Americans. Bis heute sind viele von uns geprägt von Winnetou und Nscho-tschi, also eigentlich von Karl May, der den edlen Häuptling um 1875 erfunden hat. Zuerst hieß der tapfere Apatsche noch Inn-nu-woh. Die Jüngeren kennen inzwischen auch die „Indianerprinzessin“ Pocahontas, allerdings vor allem in der Disney-Version mit Romanze, Waschbär und Kolobri. Bei Pocahontas bin ich übrigens selbst vor einiger Zeit schwach geworden und habe mich sehr über die Pocahontas-Barbie gefreut, die mir unsere Enkel geschenkt haben. „Die Oma steht voll auf Pocahontas!“ Stimmt, und dafür hat sie sogar persönliche Gründe, von denen die Enkel nichts ahnen. In den Winnetou-Filmen gibt es übrigens auch viele „böse Wilde“, die den grausamen Rothäuten in den amerikanischen Wildwestfilmen in nichts nachstehen, vor allem wenn sie zu den Stämmen der Sioux, Oglala oder Komantschen gehören.

Indianer sind in Deutschland extrem positiv „besetzt“, werden seit langem romantisiert, verklärt und bewundert. Bei uns herrscht ein ausgeprägter „Indianerenthusiasmus“. Während die Ureinwohner in den USA diskriminiert und fast ausgerottet wurden, wurden sie hier schon früh als „edle Wilde“ verehrt, nicht zuletzt durch die Völkerschauen von Buffallo Bill, der mit seiner Indianertruppe viele deutsche Städte besuchte. Und dann kam auch noch Winnetou! Ich muss gestehen, dass er auch zu meinen Kindheitshelden gehörte. Gemeinsam mit Odysseus und dem „Mann ohne Colt“ aus der gleichnamigen Fernsehserie. Das war der Zeitungsverleger Adam MacLean, gespielt von Rex Reason, von dem ich sogar ein Autogramm besitze, genau wie von Pierre Brice (als Indianer). Adam MacLean kämpfte mit Worten statt mit Kugeln. Das gefiel mir, für Waffen hatte ich noch nie viel übrig. Meine Kinderfreundin Kornelia und ich träumten davon, in die USA auszuwandern und Wolfsforscherin (und  Tierärztin) zu werden. Vor allem aber wollten wir bei und mit den Indianern leben. Egal wo, auch im Reservat. Was Rollenverteilung und Heiraten betraf, machten wir uns keine Gedanken. Wenn es denn unbedingt sein musste, konnten wir uns den Mann teilen und zu dritt leben. So lange er unsere Wölfe akzeptierte.

riding free

In der Fantasie sahen wir uns auf sattellosen Pferden am Rand tiefer Canyons und über endlose Plains preschen. Frauen und Männer waren in unserer Vorstellung schon früh gleichberechtigt, denn wir hatten beide starke Mütter und Großmütter. Kornelia wollte vor allem Schamane werden. Nicht Schamanin, sondern Schamane. Sogar ihre schwere Krankheit hat sie später in diesem Sinne angenommen. Als schmerzhafte, unausweichliche, tödliche Initiation. Ein Schamane muss sterben, bevor er wiedergeboren wird und mit der Welt der Ahnen und Götter in Kontakt treten kann. Ich hoffe inständig, dass sie es geschafft hat. Vielleicht ist sie jetzt wirklich Schamane. Oder streift mit den Wölfen durch die Wälder oder gleitet mit den Adlern über die Schluchten. Das stelle ich mir gern vor und finde die Vorstellung tröstlich. Wenn sie mir in meinen Träumen begegnet, geht es ihr gut. Sie kann wieder lachen und sprechen, rennen, springen und tanzen, sie kann sich mühelos bewegen und wundert sich sehr, dass mich das verwundert.

In Berlin war sie während des Studiums mit Indianern befreundet und hat von ihnen viel über das Räuchern und über alte Mythen gelernt. Über ihrem Bett hing ein Traumfänger (über meinem auch). Sie las alles über Indianer, was sie finden konnte, auch den Riesenband „5.000 Nations“. Sie kannte die eindrucksvollen Portraits vom Ende des 19. Jahrhunderts, ihre Lieblingsfilme waren „Zwei Cheyenne auf dem Highway“ und „Little Big Man“, sie kannte die komplizierten Namen von Häuptlingen und Medizinmännern und gab ihren Katzen indianische Namen. Besonders die Lakota Sioux hatten es ihr angetan. Sie las Krimis und Kinderbücher, die von Indianern geschrieben waren. Am liebsten von Lakota-Frauen. Dass ihr indianisches Totemtier der Biber war, wussten wir schon als Kinder. Als sie älter wurde, sah sie immer mehr wie eine Lakota aus. War oder ist das jetzt alles rassistisch? Die unrechtmäßige Aneignung einer fremden Kultur? Heute sieht man das wahrscheinlich so.

Stämmelager 2010 (BFL)

Ich gerate tatsächlich in innere Konflikte, wenn es um Native Americans geht. Vielleicht sind meine Gefühle nur Projektionen, Idealisierungen und Romantisierungen, eine merkwürdige Mischung aus Trauer, Mitgefühl, Sehnsucht, Bewunderung und Faszination. Alte Kindergefühle. Ich kenne keinen Indianer persönlich, aber ich habe Indianer in den Reservaten gesehen und auch das Elend, in dem sie lebten. Ich habe so viele innere und äußere Bilder – aus Büchern, Filmen, aus Erinnerungen an die USA. Ich reagiere wohl immer noch „deutsch“, wenn es um Indianer geht, auch wenn ich Karl May nie gern gelesen habe. Ich fand seinen Stil schwülstig und Winnetous Ende richtig schlimm: „Winnetou stirbt als Christ.“

Als ich in den USA Indianern begegnete, konnte ich sie nicht fotografieren, nicht mal, wenn sie es darauf anlegten und für Fotos posierten. Bei meinem Besuch im Monument Valley stand hoch oben auf einem Felsen ein Indianer und winkte, er sah aus wie ein Scherenschnitt vor der untergehenden Sonne, aber auch ihn konnte ich nicht fotografieren. Es kam mir vor wie ein Sakrileg. „Wenn ihr uns fotografiert, raubt ihr uns unsere Seele“, höre ich Winnie-Kornelia sagen. Das hatte sie irgendwo gelesen und ich habe es nicht vergessen. Indianer darf man nicht fotografieren! Die Portraits, die wir von ihnen kannten, sahen ernst und würdevoll aus. Und irgendwie traurig. Das Wort, das meinem Gefühl am nächsten kommt, ist Ehrfurcht. Fotografiert habe ich nur Indianer aus Holz. Aber ich fotografiere ohnehin nicht gern Menschen, es sei denn, sie erlauben es mir oder, noch besser, bitten mich darum. In den Trading Points hätte ich so gern die wunderbaren Kunstwerke der Native Americans erstanden, aber ich hatte nicht genug Geld für die Decken, den schönen Silberschmuck, die Sandbilder und kostbaren Kachinas. Meinen ersten Amerika-Trip hatte ich bei einer Verlosung gewonnen, sonst hätte ich mir die teure Reise nie leisten können. Kornelia war nur einmal in den USA, sie hat sich wahnsinnig darauf gefreut („Das wird mein Leben ändern!“),  aber nichts wurde so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Sie konnte durch ihre Krankheit schon nicht mehr allein reisen, saß die meiste Zeit in einem Ort fest und traf keinen einzigen Indianer. Sie wollte so schnell wie möglich zurück ins Land unserer Träume, aber es war bereits zu spät. Aber einmal ist sie mit dem Flugzeug über die Canyon geflogen. „Ich hab mich jefühlt wie ’n Adler!“

First Nation

Karl May hat die deutsche Wahrnehmung durch seine Bücher (und die Verfilmungen) nachhaltig vernebelt, aber die Vorliebe für Indianer gab es schon im deutschen Kaiserreich. Später, in der DDR, gab es nicht nur die Villa Bärenfett und das Indianermuseum in Radebeul (irgendwo müssen auch meine analogen Fotos sein, aber wo?), sondern auch die „Indianistik“, das Reenactment von „Indianerleben“ (oder dem, was man darunter verstand). Es gab Indianer-Clubs, Indianerkommunen, Indianerfreunde, eine Art ökoromantische Gegenbewegung zum herrschenden Sozialismus. Auch hier waren Indianer vor allem weise Schamanen, Heiler und Naturburschen, sie waren freie Menschen und schützten und liebten die Natur. Der verklärende deutsche Blick war tief in die Vergangenheit gerichtet, speiste sich aus der Fantasie eines Schriftstellers und idealisierte Indianer als edle Wilde. Aber auch in der Wahrnehmung anderer Länder sahen alle Indianer aus wie „Plains Indians“, denn von ihnen gibt es die meisten historischen Darstellungen.

In den 1970er und 80er Jahren wurde die (angebliche) Rede von Häuptling Seattle (nach dem die Stadt benannt ist) sogar zum Lieblingstext der deutschen Ökologiebewegung, obwohl sie so sicher nie gehalten wurde. Jeder und jede hatte das kleine Buch damals irgendwo im Regal. Immerhin hat es Seattle wirklich gegeben, und eine Rede hat er auch gehalten, aber den Text gab es zu keinem Zeitpunkt schriftlich, und Seattle hielt die Rede zudem in seiner Muttersprache. Ich weiß sogar noch ein paar Sätze daraus: „Meine Worte sind wie Sterne, sie gehen nicht unter.“ „Was immer den Tieren geschieht, geschieht auch bald den Menschen.“ „Wie kann man den Himmel kaufen oder verkaufen. Oder die Wärme der Erde?“ Wir fanden die Sätze schön und treffend. Mit Indianern verbinden wir durch Karl May „echte“ (kitschige?) Männerfreundschaften, Blutsbrüder (Kornelia und ich waren natürlich auch Blutsschwestern), Gewänder, Tipis, Stoffmuster und Perlenschnüre, Mokassins und Leggings, Friedenspfeifen, Federhauben, Trommeln und Adlerfedern. (Kornelia und ich hatten auch eine und hüteten sie wie einen Schatz. Ich habe sie immer noch.) Den Häuptlingskopfschmuck (Federhaube) fanden wir nicht erstrebenswert. Da waren wir minimalistisch. Uns genügte unsere Feder.

Merkwürdigerweise waren wir schon als Jugendliche ziemlich kritisch, wussten vom Elend in den Reservaten, vom „Trail of Tears“ und Custers (wohlverdientem!) Ende bei der Schlacht am Little Big Horn. Wir wussten natürlich auch, dass der schöne Winnetou, der die Bravo-Cover zierte (wir hatten ihn beide als Star-Schnitt), in Wirklichkeit Bretone war und kein Indianer, aber er war so schön, dass es uns nicht störte. Winnetou war eine fiktive Figur war, die nie gelebt hatte – im Gegensatz zu Sitting Bull, Crazy Horse, Geronimo, Red Cloud oder Powhatan. Kornelia, die sich so leicht in Winnie verwandelte, dass wir bald selbst nicht mehr wussten, was Fantasie und was Erinnerung war, kannte schon früh die Namen und Sitten verschiedener Stämme, und das ist nicht erfunden.

Winnie – Illustration von Caroline Riedel für mein Buch „Mit Winnie in Niersbeck“

An Karneval wollten wir als Kinder natürlich beide Indianer sein. Nicht, weil wir uns über sie lustig machten, sondern weil wir sie liebten und bewunderten – oder das, was wir uns unter ihnen vorstellten. Indianer, wohlgemerkt. Nicht Indianerin! Wir hatten eindeutig eine Art Gender-Problem. Natürlich durften wir nicht. Das „gehörte sich nicht“ für Mädchen. Höchstens „Squaw“ (abwertend und sexistisch) war irgendwann möglich. Dazu gab es blauschwarze Zopfperücken, die wie verrückt juckten und unmöglich aussahen, wenn man sie entflocht. Winnie-Kornelias Mähne war ideal für Indianer. Meine feinen Haare nicht.

Es war eine unerfüllte, sehnsuchtsvolle Liebe, und ein bisschen spüre ich sie immer noch. Von Nscho-tschi (Marie Versini, auch aus Frankreich, genau wie ihr Filmbruder) träumten damals viele Jungs. Wir fanden sie schön, aber ihr Ende machte uns wütend. Dass die zierliche Nscho-tschi nur sterben musste, damit sie den Männern aus dem Weg war und nur ja keinen „Weißen“ heiraten und Kinder mit ihm bekommen konnte, mutmaßten wir schon damals misstrauisch. Wir waren schon früh Frauenrechtlerinnen. „Die stirbt nur, weil die ne Frau is!“ „Jenau!“ Im Film wird sie von Santer alias Mario Adorf erschossen, was viele Deutsche ihm nie verziehen haben. Bei Karl May liebt Old Shatterhand sie nicht mal richtig, wenn ich mich recht erinnere!

Winnies Gesicht (Skizze von Caroline Riedel)

Überhaupt gab es damals kaum tolle Frauen in den Büchern und Filmen. Schon gar keine starken, gleichberechtigten oder überlegenen. Entscheidungen trafen immer nur die Männer. Die Heldinnen, mit denen wir uns identifizieren oder die wir verehren konnten, waren dünn gesät und irgendwie verkannt: Maria, die nicht mal zur Dreifaltigkeit gehört, Hildegard von Bingen,  die bärenstarke, aber gleich von zwei Männern durch eine gemeine List betrogene Brunhild (Krimhild, verachteten wir aus tiefstem Herzen, sie  war eine totale Katastrophe, weil sie den Mund nicht halten konnte!), Athene, die in voller Rüstung aus dem Kopf ihres Vaters sprang und völlig ohne Männer lebte, Audrey Hepburn, weil sie so wunderschön war, und Pocahontas, weil sie so mutig war. Möglicherweise war das alles aus heutiger Sicht auch bloß wieder nur eine Mischung aus Sexismus, Rassismus und Kolonialismus, denn sie riskierte ihr Leben, um John Smith, einen weißen Mann zu retten, mit dem sie nicht mal eine Romanze verband wie in der Disney-Version. Die echte Pocahontas hat einen Mann namens John Rolfe geheiratet und wurde (freiwillig oder unter Druck) zum Christentum bekehrt. Irgendwer lockte sie auf ein Schiff, wenn ich mich recht erinnere. Nach der Taufe gab man ihr den Namen Rebecca. Aufsässige und autarke Mädchen waren in Kinderbüchern und Kinderfilmen rar gesät. Sogar der wilde „Trotzkopf“ wurde leider gebrochen. Die Pippi Langstrumpf-Bände kamen zu spät in mein Kinderleben, aber diese Zopfgestalt gehört ohnehin in eine andere Kategorie. Hoffentlich fühlen sich Rothaarige nicht durch sie diskriminiert. Schade, dass sie so oft rassistische Begriffe benutzte. Aus der  N….Prinzessin ist inzwischen allerdings längst eine Südseeprinzessin geworden.

Grab von Pocahontas (Mark Aleandri)

Wir lasen schon früh James Fenimore Cooper („Der letzte Mohikaner“, „Lederstrumpf“), die Bücher gab es in einer vereinfachten Jugendfassung in der Leihbibliothek, und später im Studium habe ich mich ausgiebig mit der amerikanischen Literatur aus der Zeit des „Wilden Westens“ beschäftigt. Da begegnete ich auch wieder Chingachgook (was für ein Name!) und Unkas. Als ich als Studentin nach England zog, traf ich gleich in der ersten Woche auf Pocahontas, denn ich lebte in Gravesend, und dort ist sie beerdigt. Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal (zufällig! Gibt es Zufälle?) ihre Statue fand.  Winnie-Kornelia war richtig neidisch. Ich habe Pocahontas (eigentlich hieß sie Matoaka) oft besucht.

Es gibt Orte, an denen ich gut nachdenken kann, und bei mir sind das vor allem Friedhöfe. Möglicherweise wird die mädchenhafte Gestalt mit der Feder im Haar bald verschwinden, denn auch sie bedient wohl vor allem weiße männliche, kolonialistische und sexistische Klischees. Die echte Pocahontas sah völlig anders aus und trägt auf dem alten noch erhaltenen Kupferstich eine düstere Miene und einen merkwürdigen Hut. Sie besuchte 1616 England und den Königshof, wo man sie als „Indianerprinzessin“ bewunderte, und erkrankte bei der Heimreise schwer an Typhus/Pocken/Lungenentzündung oder Tuberkulose. Genau weiß man es nicht. In Gravesend holte man sie schwerkrank vom Schiff, und dort starb sie dann am 21. März 1617. Eigentlich liegt sie gar nicht unter ihrer Statue, denn ihr Grab in der St. George’s Church wurde bei einem Brand völlig zerstört, aber das wusste ich damals noch nicht. Ich verbinde jedenfalls viele gute Erinnerungen mit ihrem vermeintlichen Grab.

Im Regal (BFL)

Ich habe nicht nur die Barbie-Puppe, sondern auch noch die meisten meiner Cowboys und Indianer aus Kinderzeiten. Wir nahmen den Figuren immer sofort die Waffen ab und machten sie zu Freunden. Leider gab es unserem Cowboy Fort keine einzige weibliche Figur (später habe ich mir zwei Indianerfrauen aus Masse gekauft), denn es war „Jungensspielzeug“. Wie die Ritterburgen und Bauernhöfe. Ich habe bis heute keine Ahnung, warum ausgerechnet mein Fort-Weihnachtswunsch erfüllt wurde. Einen Bauernhof und eine elektrische Eisenbahn hätte ich auch gern noch gehabt, nur die Ritterburg fand ich langweilig. Die Ritter trugen Rüstungen und ihre Pferde auch, man konnte nicht mal ihre Gesichter sehen. An unerfüllte Weihnachtswünsche und „Das gehört sich nicht für Mädchen!“ waren wir gewöhnt. Barbies hätte ich mir damals nie gewünscht, das war unter meiner Würde, aber damals gab es Pocahontas noch nicht. Ruth Bader Ginsburg hätte mir auch gefallen. Ich überlege gerade, ob ich sie mir als Action Figur zulege. Was für eine unglaublich tolle Frau!

Bei uns ritten sowohl die Cowboys als auch die Indianer ohne Sattel und Zaumzeug. Sie bekämpften sich nie, sie lebten friedlich zusammen in den Blockhäusern und züchteten Pferde. Ich weiß noch, dass der Cowboy mit dem blauen Hemd Jim hieß, und der Indianer mit dem erhobenen Arm (die Lanze hatten wir ihm abgenommen) Unkas. Ihm gehörte das schönste weiße Pferd, das wir hatten. Und wenn im Fernsehen halbnackte heulende Indianerhorden die Siedler umkreisten, regten wir uns tierisch auf. Wir kannten zwar die Worte Rassismus und Sexismus nicht, aber wir merkten sofort, wenn etwas unfair oder abfällig war. Und ein Genderproblem, was Spielzeug betraf, hatten wir eindeutig auch.

Gewand (BFL)

Als ich gestern noch überlegte, ob ich den überlangen Blogeintrag wirklich frei schalten oder lieber doch löschen sollte, passierten zwei merkwürdige Zufälle. Als erstes erwähnte eine Bekannte aus heiterem Himmel, dass sie aus Radebeul stamme und während ihrer Kindheit noch der Grizzly vor der Villa Bärenfett stand und ein echter amerikanischer Cowboy das Museum verwaltete. Er sei mit seinem Cowboyhut durch die Straßen von Radebeul marschiert und die Kinder hätten ihn auf Indianerart gegrüßt. Howgh! Und er grüßte genauso zurück. Das erste Zeichen. Als ich mich anschließend (nach einem langen anstrengenden Tag) ein wenig entspannen wollte und mich erwartungsvoll bei amazon prime einfand, präsentierte die Liste mit neuen Filmen mir als erstes „Te Ata – Stimme des Volkes“, was mich gleich doppelt vom Sofa haute. Von der berühmten Te Ata Fisher (geb. Mary Frances Thompson), die als Indian Story Teller sogar vor dem damaligen US-Präsidenten (Roosevelt) und der englischen Königsfamilie (King George) aufgetreten ist, hatte ich noch nie zuvor gehört.

Aber rein zufällig ist Ata der Name, den ich mir als Kind selbst gab und den nur meine liebsten Menschen benutzen dürfen. „Siehste!“ höre ich Winnie-Kornelia triumphieren. „Du has‘ ’nen echten Indjanernamen!“ Eigentlich stammt Ata aus der Sprache der Maori, merkwürdig, dass auch Mary Francis ihn wählte, und bedeutet Morgen. Ich betrachtete die schöne junge Frau im Film, die anmutig die Arme hob und mit eindrucksvoller Stimme rief: „My name is Te Ata, Bearer of the Morning. I am Chickasaw and a storyteller and this is my story.“ My name is auch Ata, und ein Storyteller bin ich auch. Das war das zweite Zeichen. Der Blogeintrag wird nicht gelöscht! Zum Glück werden die Indianer im Film alle von Indianern gespielt, und die Native American-Heldin hat wirklich gelebt. Ich darf den Film also mögen, auch wenn viele Schauspieler aussehen, als trügen sie schlecht sitzende Perücken. Vor allem Te Atas Vater und ihr früh ergrauter Gatte.

Mongole, Stämmelager 2010 (BFL)

Als Indianer verkleiden darf man sich schon lange nicht mehr. Das spielerische Hineinschlüpfen in „eine andere Haut“ (aus welchen Gründen auch immer) ist heute tabu. Möglicherweise sind auch die Tage der Festspiele von Bad Segeberg gezählt. Da treten eher keine echte Indianer auf, und das geht gar nicht in Zeiten, in denen sogar farbige Comicfiguren von gleichfarbigen Sprechern synchronisiert werden müssen. Merkwürdige Welt. Wenn das so weitergeht, werden unsere hervorragenden Synchronsprecher bald ein Problem haben.

Vorüber sind offenbar auch die bunten Tage der Kölner Stämme. Auch dort gibt oder gab es Indianer. Sie hatten die fremden Kulturen sorgfältig studiert, ihre Kleidung liebevoll selbst genäht, die Tipis originalgetreu nachgebaut. Erlaubt sind wohl höchstens noch die alten Römer, die am liebsten als Gladiatoren auftreten.  Alte Römer gibt es längst nicht mehr und die Hautfarbe stimmt ja. Ritter und Hunnen gehen vielleicht auch noch durch. Die gibt es längst nicht mehr, allerdings sind die Hunnen gelb geschminkt und damit wahrscheinlich rassistisch. Menschenfresser geht gar nicht, da Blackfacing und damit extrem rassistisch. Aber was ist mit Piraten? Weiße Piraten müssten eigentlich noch erlaubt sein. Weiße Kannibalen möglicherweise auch, die gibt es sogar in Grimms Märchen. Und Mongolen? Sie sind gelb geschminkt bei den Kölner Stämmen, und es gibt sie wirklich. Also rassistisch. Sie hatten wirklich schöne Zelte und Kostüme, alles originalgetreu. Und die Mongolen- und Hunnenfrauen waren echt zum Fürchten, besonders wenn sie im Pulk marschierten. Als Kinder wären wir entzückt gewesen. Die hätten uns mächtig imponiert! Gerade fällt mir auf, dass es schon ewig kein Kölner Stämmelager mehr gegeben hat. Das letzte große war 2010, da haben die Stämme sehr viel Geld für Mukoviszidose-Kinder gesammelt und mein Mann hielt im Namen der Stadt eine Dankesrede. Schade. Es war wunderbar, zur Abwechslung mal nach Herzenslust Menschen fotografieren zu dürfen, die sich freuten, wenn man sie ablichtete.

(BFL)

In den USA (und auch hier) sind momentan etliche bekannte Markennamen und Symbole (zu Recht!) dabei, auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden, nicht nur Persons of Color wie der weltberühmte Uncle Ben (ab 2021 werden die Produkte endgültig umbenannt in „Ben’s Originals“ und verlieren ihr Gesicht) und die lächelnde Aunt Jemima, die in der Tat mal extrem rassistisch war, sich im Laufe der Zeit aber schon stark verändert hat. Doch sie ist immer noch schwarz und daher immer noch ein rassistisches, und weil sie zudem eine Frau ist, auch ein sexistisches Klischee. Auch Indianer*innen wie die kniende „Indian Maiden“ auf den „Land o’ Lakes“-Produkten werden bald der Vergangenheit angehören. Inzwischen bietet die „Indian Maiden“ die Butter zwar nicht mehr kniend dar, suggeriert aber weiterhin, dass Indianerinnen romantisch, unschuldig und harmlos sind und bedient damit eindeutig weiße sexistische Vorurteile. Sie trägt fast die gleiche Kleidung wie Te Ata, Pocahontas und Winnetous Schwester. Auch der markante Indianerkopf mit der Federhaube auf „Crazy Horse Malt Liquor“ wird verschwinden.

In der Schweiz wird gerade eine beliebte Eissorte umbenannt, die „Winnetou“ heißt. Die Verpackung ziert ein Häuptlingskopf und das Eis ist schwarz-rot-gelb gestreift. Es gibt dieses Glace seit 1980, und in der Schweiz ist es offenbar überall bekannt, fällt aber klar in die Rubrik rassistisch, denn es verunglimpft einen Indianer, auch wenn es ihn niemals gab. Das geht gar nicht! Sogar Winnie-Kornelia und ich wären total ausgerastet bei der Vorstellung, Winnetou abzulecken und zu essen! Noch dazu mit Kopfschmuck und Kriegsbemalung! Ich bin gespannt, wie das Wassereis fortan heißen wird. Heute habe ich gelesen, dass bei uns auch die Haribo Goldbärchen bald der Vergangenheit angehören sollen. Nicht aus farblichen Gründen, sondern weil sich die Ernährungsgewohnheiten stark verändert haben. Da sollte ich mich doch noch einmal mit ein paar Packungen eindecken. Meine Lieblingsbärchen sind eindeutig die grünen, womit ich auf der sicheren Seite bin, denn es gibt ja auch gelbe und rote.

Ich gehe hoffnungsvoll davon aus, dass der kraftstrotzende Meister Proper, der ausschreitende Johnny Walker, der zahnkundige Dr. Best (seit kurzem auffallend verjüngt), der runde Schnauzbartkopf auf den Pringles-Packungen und der kernige Käpt’n Iglo noch ein bisschen bleiben, weil Werbung ohne Bilder und Bezugspersonen irgendwie doch ziemlich öde ist. Aber zum Glück bedienen sie ja keine rassistischen Klischees. Höchstens sexistische. Ich denke dabei an Meister Propers Muskelpakete. Aber bisher hat sich offenbar noch kein Mann beschwert.

Tanz (Jess Lindner/unsplash)

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Kleine pandemische Sprachbetrachtung (3)

Wand im Belgischen Viertel (BFL)

Immer noch fallen mir fast täglich coronabedingte Begriffe oder sogar Neuschöpfungen auf, aber auch neue und ältere Anglizismen, die im Moment vermehrt ans Sprachufer gespült werden. Leider fehlt mir aufgrund meiner ausgeprägten Corona-Fatigue die Zeit und Geduld, sie ordentlich zu sortieren, aber es soll ja auch nur eine kleine Momentaufnahme sein. So wie bei den vorherigen Beiträgen.

Aha-Regeln (BFL)

Auf großen Plakaten werde ich bereits unmittelbar vor der Haustür auf die AHA-Regeln aufmerksam gemacht. Soweit ich sehe, halten sich zumindest in meinem Stadtteil fast alle daran, auch wenn ich gelegentlich in der Bahn auf dem Weg in die Innenstadt schon mal jemanden ohne Maske lautstark ins Handy brüllen sehe (und vor allem höre). Komischerweise sind es fast immer Männer. Meistens sehen sie einander sogar recht ähnlich. Die Macho-Variante, die auch gern Manspreading macht (ausladende Körperhaltung mit Beinspreizen, gern in Zügen und Bahnen). Leider sind die Monologe, die man da anhören muss, zwar sehr laut, aber nie interessant. Es gibt auch Mitbürger (ebenfalls meist Männer), bei denen die Alltagsmaske ausschließlich unter dem Riechkolben hängt. Oder gar unter dem Kinn. Am liebsten würde ich was sagen, traue mich aber nicht.

Bei den Corona-Kombis begegnen einem in der letzten Zeit vermehrt die Corona-Demonstrationen und Coronaproteste, bei denen (neben Normal- und Wutbürgern) vor allem Maskenverweigerer, Coronarebellen, Coronaskeptiker und Impfgegner ihren großen Auftritt haben. Ihr Protest richtet sich gegen die vermeintliche Coronadiktatur („Die wollen unsere Gesellschaft zerstören!“), mitunter kommt es auch zu aggressiven Übergriffen gegen die Presse (die sogenannte „Lügenpresse“). Ende August gelangten sogar einige Flaggenträger auf die Stufen des Reichstags und weckten ungute Erinnerungen. Übrigens hat heute noch jemand ernsthaft versucht, mich davon zu überzeugen, dass Corona eine Erfindung unserer Regierung sei. „Das machen die nur, um uns zu kontrollieren und unsere Wirtschaft zu ruinieren. Es soll wieder so werden wie nach dem zweiten Weltkrieg. Das Virus ist in Wirklichkeit ein Witz! Pure Erfindung!“ Warum sollte eine Regierung ihre Wirtschaft ruinieren wollen? Und warum wie nach dem Krieg? Genau konnte er mir das auch nicht erklären. „Das ist eben so.“ Wir hatten einen kurzen, unbefriedigenden Disput und waren beide reichlich geladen, als wir uns trennten. Ich konnte ihn nicht überzeugen, er konnte mich nicht überzeugen. Nur gut, dass ich seine Gedanken nicht lesen konnte.

(united-nations-covid-19-response/unsplash)

Immer öfter, auch bei Politikern, sieht man jetzt den Coronafußgruß und den Coronaellenbogengruß.  Ganz neu sind (zumindest in meiner coronamüden Wahrnehmung) das Coronakontakt-Tagebuch (führe ich jetzt auch) und die Coronahygienpauschale (bekomme ich nicht). Auf Straßen und Bürgersteigen sieht man leider täglich mehr Coronamüll (einsame Mundschutzleichen), wobei es sich vor allem um benutzte Einmalmasken handelt. Leider auch vor unserem Haus, weil wir an einer Haltestelle wohnen. Wir transportieren die Objekte mehrmals täglich mit Abstand, Ekel und Greifer in den Restmüll. Obwohl sie streng genommen in den Sondermüll gehören.

Wand im Belgischen Viertel (BFL)

Auch neue Formen von Scham bereichern meinen Wortschatz, z.B. die Coronascham (man schämt sich, weil es einem gar nicht so schlecht geht trotz Pandemie) oder auch das Coronashaming (Anprangern von Personen, die sich nicht an die Regeln halten, wild feiern oder wild durch die Gegend reisen, oft in sozialen Netzwerken oder in der Presse bis hin zum echten „Shitstorm“ – Vorsicht beim Gebrauch des letzten Begriffs im Englischen, es ist ein „falscher“ Anglizismus). Dabei kann es auch passieren, dass Maskenmuffel oder Maskenträger angefeindet oder tätlich angegriffen werden (weil sie keine bzw. weil sie eine Maske tragen). In den USA sind bei Maskenkeilereien schon Personen zu Tode gekommen. Nach wie vor tragen dort vor allem weiße ältere Männer aus einer gewissen Partei keine Maske, weil sie damit erstens ihre politische Einstellung gut sichtbar kundtun und weil sie zweitens auf keinen Fall wie Weicheier aussehen wollen. Number 45 trägt jetzt neuerdings ab und zu eine in Schwarz (ist ja bald Wahl, also muss er wohl) und findet sich damit sogar attraktiv, wie er verlauten läßt, weil er bemaskt aussieht wie der Lone Ranger („I sort of like that.“). Flugscham (Flight Shame), ursprünglich geprägt von Rita Thunberg, steht jetzt sogar im neuen Duden, auf den ich in einem anderen Post noch eingehen werde. Dagegen ist Urlaubsscham (weil man ja eigentlich während der Pandemie nicht verreisen sollte) recht neu, und Vacation Shaming  ebenso. Damit bezeichnet man den Gruppendruck, der armen Urlaubern Schuldgefühle macht oder sie gar mit Verachtung straft. Es soll sogar Leute geben, die ihre Urlaube jetzt lieber geheim halten als wie sonst darüber ausufernd zu reden.

Immer mehr Corona-Fake-Shops im Internet nutzen die Gunst der Stunde, um ihre leichtgläubigen Opfer abzuzocken, Corona-Drive-ins sind zumindest bei uns eher selten, aber es gibt sie in anderen Ländern. Inzwischen gibt es auch schon die ersten Jugendlichen mit Corona-Abitur, und hier in Köln fand in den Messehallen in Deutz gar die größte Corona-Klausur Deutschlands statt: 6.000 Prüfungen in einer Woche. Die armen Studenten! Es kostete 50.000 Euro, die Hallen zu mieten, wenn mich mein Zahlengedächtnis nicht trügt. Und in der Schweiz gibt es eine wunderschöne Corona-Bibel, über die ich an andere Stelle mehr schreiben werde.

Neues Maushaus (BFL)

Die Coronastarre macht mir immer noch zu schaffen, zuerst in Kombination mit dem Lockdown und dann mit der Sommerhitze. Sie äußert sich als generalisierte Schreib- und Leseblockade, als extremer Social Media-Überdruss und gelegentlich auch als leichte Gereiztheit. Nicht mal zum Binge-Watching meiner Lieblingsserien konnte ich mich bisher aufraffen. Dafür bin ich abhängig von neuen Handy-Apps (NDR Info, BBC News, ZDFheute, WDR aktuell) und habe mehrere neue Maushäuser gebaut. Corona-Maushäuser. Für diese kreative Frickelsarbeit kann ich komischerweise selbst bei Hitze, Angst und Frust genug Energie aufbringen. Es lenkt wunderbar ab und man braucht dabei nicht mal zu denken. Maushäuser bauen ist einfach nur entspannend. Bloß wohin damit, wenn sie fertig sind? Mein armer Mann erwägt schon anzubauen….. und ich träume von einer richtigen kleinen Werkstatt… und vielen langen breiten Regalen.

Corona Warnapp (BFL)

Die Corona-App bzw. Corona-Warn-App gibt es seit Juni. Ich habe sie mir gleich am 18. Juni heruntergeladen, treffe aber kaum Menschen, die sie auch haben. „Mit Bluetooth will ich nichts zu tun haben.“ „Das ist mir alles viel zu unheimlich. Damit wird man doch bloß überwacht.“ „Das macht mir nur unnötig Angst. Wenn ich infiziert bin, merk ich das schon.“ Die App funktioniert offenbar, frustriert allerdings dadurch, dass sie einem nicht mitzuteilen geruht, wo und wann genau man seine Risikobegegnungen hatte. Zumindest der Tag wäre hilfreich! Die Meldung „Eine Risiko-Begegnung“ bleibt zwar weiterhin beruhigend grün und verfärbt sich nicht grau oder gar rot, versetzt mich aber trotzdem in diffuse Alarmbereitschaft. Wer war das? Und wo? Beim Rewe? In der Bahn? War es der Typ mit der Maske unter der Nase, der mir so unsympathisch war? Oder der Kerl ohne Maske, der so in sein Handy gebrüllt hat? Dabei geh ich doch eh kaum aus dem Haus.

Auch mit dem After-Corona-Body (schwabbelig, unfit) und den angefressenen Corona-Kilos (Frust macht Hunger, besonders auf Süß) müssen sich etliche von uns weiterhin herumplagen. (Warum eigentlich After-Corona? Wir sind doch mitten drin in der Pandemie? Egal.) Bizarr fühlt es sich an, wenn man während der Pandemie mit Alltagsmaske zur Gynäkologin geht. Vor allem auf dem Stuhl. Irgendwie total verrückt.

Maskenleiche auf dem Brüsseler Platz  (BFL)

Nervig finde ich so langsam die unzähligen Corona-Ausreden für alles und jedes und überall. „Wegen Corona!“ schallt es von allen Seiten. „Bin nicht dazu gekommen. Wegen Corona.“ „Hab ich vergessen. Wegen Corona!“ Als wir neulich gehackt wurden (extrem stressig) und bei der Polizei Anzeige erstatten wollten, kamen wir gar nicht erst ins Gebäude. Es ertönte nur eine körperlose weibliche Stimme aus der Wand. Fehlanzeige statt Strafanzeige. „Wir behandeln nur Notfälle. Wegen Corona! Erstatten Sie die Anzeige online.“ Haben wir gemacht, war äußerst hochschwellig, und bis heute haben wir keine Bestätigung, dass der Onlineschrieb angekommen ist. Wahrscheinlich im Äther verpufft. Wegen Corona! Zum Teil sind die Corona-Ausreden echt dreist. Nach einem Verkehrsunfall ließ eine Fahrerin das angefahrene Kind einfach liegen, weil man wegen Corona niemanden anfassen soll. Lautstark Feiernde begründen ihre Riesenpartys gegenüber der Polizei mit der Aussage „Was soll das? Wir sind doch nur eine große Patchworkfamilie!“. Manchmal kommt Corona aber auch gelegen. „Wir können uns leider nicht treffen/Ich kann leider nicht kommen/Das geht jetzt leider nicht. Du weißt schon, wegen Corona!“ Und die revolutionäre Corona-Mode: Seit einiger Zeit gehe ich eiskalt in Pantoffeln einkaufen und trage sie auch stolz in der Bahn. Sie sind meine bequemsten Schuhe, und mit Maske und Sonnenbrille erkennt mich eh keiner. Schuhfreiheit total. Meine Mutter wäre entsetzt.  Sowieso egal, was ich anziehe. Der Dresscode ist komplett aufgehoben. Wegen Corona! Es sollte nur nicht regnen.

Sicher wissen Sie längst, dass Homeoffice gar kein englisches Wort ist, sondern ein „Scheinanglizismus“. Home Office heißt in Großbritannien nämlich das Innenministerium und nicht der häusliche Arbeitsplatz. So ähnlich wie Gymnasium (engl. Turnhalle) oder Smoking (engl. tuxedo) oder Handy (engl. cell phone oder mobile phone).  Klingt zwar alles englisch, ist es aber nicht. Noch schlimmer sind die hier so beliebten Bodybags, die mit Corona schlimmstenfalls in ihrer Originalbedeutung etwas zu tun haben. Die frische Bezeichnung für die Rucksäcke oder Kuriertaschen mag für deutsche Ohren gut klingen, denn Anglizismen werden ja gern zur Veredelung von eher langweiligen Wörtern gebraucht, doch im Englischen bezeichnet man damit – festhalten! –  Leichensäcke.

Mein persönlicher Scheinanglizismus-Haßkandidat hat zum Glück nichts mit Corona zu tun: Barfen. „Das beste Barf-Menü für deine Katze“ oder „Hunde jetzt gesund barfen“. So steht es groß und fett auf einem Schild vor dem Laden, in dem ich das Katzenfutter kaufe, und mir wird bei dem Anblick jedes Mal ganz anders. Gucken die Leute, die solche Begriffe erfinden, eigentlich nie ins Wörterbuch? Barf (hier: biologisch artgerechtes rohes Futter) bedeutet auf Amerikanisch kotzen! Die Spucktüten in Flugzeugen heißen barf bags. Aber das ist jetzt wohl bloß wieder nur mein hyperaktives abschweifendes Übersetzerhirn. Sorry. Back to Covid19.

Aluhut (Tom Radetzki/unsplash)

Den Ausdruck Covidiot habe ich zum ersten Mal bei Saskia Esken gehört, aber es gibt ihn bereits seit April oder Mai – damals bezeichnete man damit Personen, die wie verrückt Klopapier und Küchenrollen horteten. Inzwischen ist die Bedeutung etwas breiter und bezieht sich auch auf Corona-Leugner. Das Wort ist offenbar auch im Englischen gebräuchlich. Nicht mal die Aluhüte waren mir ein Begriff, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, obwohl es die nun wirklich schon seit Jahren gibt, früher allerdings eher verbunden mit den Anhängern der anstrusen Chemtrail-Theorien. Heute sieht man die silbernen Dinger gelegentlich sogar als bitterernst oder auch nur ironisch gemeinte Kopfbedeckung (gegen vermeintliches Gedankenausspähen und schädliche Strahlen) oder als Symbol dafür, dass der Träger „Corona“ für eine Erfindung hält. Da wäre ein längerer Besuch auf einer spanischen Intensivstation sicher hilfreich. Was für ein Glück, dass wir hier in Deutschland bisher dank früher Tests und nur kleinen Clustern so gut wie verschont geblieben sind. Die ganze Welt beneidet uns dafür, doch hier erregt das Glück bei vielen einfach nur Unmut und Wut. Ist doch nichts passiert! Wo sind denn die vielen Toten? Wieder einmal zeigt sich auf höchst eindrucksvolle Weise: There is no Glory in Prevention. Offenbar können einige es nur auf die harte Tour lernen.

(Engin Akyurt/unsplash)

Abends und nachts sorgen übrigens gelegentlich genau die Mitbürger aus der nahegelegenen Hochhaussiedlung, die ich während der Lockdown-Einsamkeit so beneidet habe (als sie jeden Abend gemeinsam gesungen und Wunderkerzen geschwenkt haben, während hier absolute Totenstille herrschte) für Unmut, weil sie laut, rücksichts- und abstandslos bis in die Puppen gemeinsam grölen und feiern. Das passiert in Köln an den richtig großen Corona-Hotspots leider noch viel ausgeprägter, z.B. im Stadtgarten und auf meinem geliebten Brüsseler Platz, der deshalb abends und nachts abgesperrt ist. Die Pop-up-Bars und Biergärten zur Entlastung haben sich übrigens leider nicht bewährt und sind längst wieder abgebaut.

Weihnachtsmarkt (BFL)

Relativ neu ist auch das Wort bemaskt. Maskiert kann man ja bei den komischen Mundnasebedeckungen (besonders in einer Karnevalsstadt wie Köln) schlecht sagen, also musste dringend eine neue Wortschöpfung her. Karneval fällt übrigens wahrscheinlich komplett aus im nächsten Jahr. Genau wie dieses Jahr der Töpfermarkt und die Weihnachtsmärkte. Das mit den Weihnachtsmärkten hat mich echt tangiert und in eine temporäre Depression katapultiert. Keine Weihnachtsmärkte? Ich liebe Weihnachtsmärkte! Allerdings nur morgens, wenn kaum Besucher da sind und man nach Herzenslust fotografieren kann. Dieses Jahr werde ich mir wohl nur wehmütig meine vielen alten Fotos ansehen können. Ob wir wohl unseren alljährlichen Adventskalendervortrag werden halten können? Vielleicht in der fast leeren Kirche. Vielleicht. Und ohne Glühwein und ohne Plätzchen.

(united-nations-covid19-response/unsplash)

Zum Schluss fallen mir  noch die vielen pandemiebedingten Wellen ein. Es wellt in letzter Zeit wirklich recht heftig, und zwischen all den Viruswellen, Ansteckungswellen und Pandemiewellen gibt es jetzt auch immer mehr Pleitewellen und Konkurswellen. Sogar das Kölner Pascha, das größte Bordell Europas (ich wußte gar nicht, dass es so bedeutend ist!) hat gerade Insolvenz angemeldet. Ob es da jetzt noch was bringt, dass (ab heute) in NRW die Prostitution wieder erlaubt ist, wage ich zu bezweifeln. Gerade fragen sich auch schon viele besorgt, ob uns im Winter (Game of Thrones: „Winter is coming!“) wohl eine zweite, dritte oder sogar eine richtig große Monsterwelle droht, denkbar wäre auch eine fette Doppelwelle (zusammen mit der Influenza). Die Grippe-Impfungen sollte man sich am besten jetzt schon bestellen. Der Virologe Hendrik Streeck spricht übrigens gar von einer Dauerwelle und kreierte damit eine gelungene und erheiternde Bedeutungserweiterung des bisher unter diesem Namen bekannten chemischen Umformungsprozesses, bei dem glatte Haare hübsch gewellt werden. Mir fällt bei all der Wellerei jetzt auch noch Franz Grillparzers Drama aus Studienzeiten ein. „Des Meeres und der Liebe Wellen“. Geht höchst tragisch aus, mit dem Tod der beiden Liebenden Hero und Leander, die zueinander nicht kommen können. Ausnahmsweise nicht coronabedingt, sondern weil jemand die Lampe gelöscht hat, die Leander den Weg weisen sollte. Er ertrank, und sein Leichnam wurde von den Wellen an Land gespült.

(united-nations-covid19-response/unsplash)

 

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California Dreaming

San Francisco (Jeffrey Wing/unsplash)

Bei heißem und schwülem Sommerwetter bin ich nicht in der Lage zu schreiben, deshalb werde ich während dieser Jahreszeit auch immer auffällig still und falle in geistige Schockstarre, doch heute ist es so erfrischend kühl, dass meine Lebensgeister erwachen und die Lust am Schreiben zurückkehrt. Eigentlich wollte ich weiter über Masken und pandemische Sprachbetrachtung schreiben, habe mir schon viele Zettel mit Notizen gemacht, doch akut liegt mir ein ganz anderes Thema am Herzen.

Seit Corona schlafe ich (ja, immer noch!) weniger und lese stattdessen oft (ja, immer noch mitten in der Nacht!) auf dem Handy in der ZDF-App, der „New York Times“ oder im „Guardian“. Zum Glück kann ich danach trotzdem einschlafen, sogar mit dem (für mich) beruhigenden Gefühl, das Wichtigste zu wissen, das in der Welt gerade passiert. Letzte Nacht las ich die neuesten Meldungen zur US-Präsidentschaftswahl und zur weltweiten Pandemie-Lage (jetzt stehen bei uns auch die Côte d’Azur und Paris auf der Liste der Reisewarnungen), die letzten Erkenntnisse zur Vergiftung von Alexej Nawalnyj, vertiefende Infos zu Cholinesterase-Hemmern und dem Gegenmittel Atropin, und fand schließlich einen langen Bericht über die vielen Brände in der San Francisco Bay Area, was gleich wehmütige Erinnerungen an meine Aufenthalte dort weckte, so dass ich nach der Lektüre zu „Unsplash“ wechselte und mir Fotos von San Francisco und Kalifornien ansah.

Manche Städte prägen sich mir einfach unauslöschlich ein, und San Francisco gehört eindeutig dazu. Im Hintergrund höre ich bis schon beim Namen der Stadt Gitarrenakkorde und die Stimme von Scott MacKenzie, sitze plötzlich wieder im geräumigen Café des großen Buchladens, blättere in Bildbänden des Sierra Club und bewundere einen sanftäugigen sandfarbenen Hund, dem sein Hippie-Frauchen mit dem eindrucksvollen Lockenkopf ein rotweiß gepunktetes Halstuch umgebunden hat. Dort habe ich zum ersten Mal einen Hund mit Halstuch gesehen! Und dort las ich zum ersten Mal den Satz „I met God. She is black.“ Der „double twist“ gefiel mir. Die Karte habe ich gleich gekauft. Sie hängt hier im Flur.

Yosemite (Jordan Pulmano/unsplash)

Schon das vierte Jahr in Folge mit verheerenden Feuern in Nordkalifornien. Die Luft um San Francisco ist im Moment viermal schlechter als in Neu-Dehli und Beijing. Wenn man das Haus verlässt, hat man das Gefühl, in einen brütend heißen Schmelzofen zu treten. Die Augen tränen im beißenden, stechenden, stinkenden Rauch, und die Luft ist so verschmutzt, dass man nicht mal mehr den Mount Diablo und den Mount Hamilton sieht. Anwohner in der Bay Area haben Notfallkoffer gepackt für den Fall, dass sie ihre Häuser plötzlich verlassen müssen, filmen vorsichtshalber schon alle Zimmer, um die Bilder später der Versicherung (falls sie eine haben) zeigen zu können und auf diese Weise zu dokumentieren, was sie alles verloren haben, falls es zum Schlimmsten kommt und ihre Häuser dem Feuer zum Opfer fallen sollten. Sieben Menschen sind schon in den Flammen umgekommen, die Feuerwehrleute sind manchmal 48 Stunden an einem Stück im Einsatz. Viele Kalifornier haben Angst vor den Notunterkünften, die in Pandemiezeiten sicher noch schlimmer sind als ohnehin. Lebensgefährlich. Genau wie die Feuer.

Meine kalifornischen Erinnerungen drohen gerade in einer Mischung aus Hitzewelle, Pandemie und Feuersbrünsten zu versinken. Es schmerzt. Bei meinen Besuchen habe ich damals nicht nur einmal mit dem Gedanken gespielt, ob ich nicht dorthin ziehen sollte, weil ich mich so in die Stadt verliebt hatte. Das ist mir nur sehr selten passiert. Erdbeben hin oder her (1989 erschütterte ein schweres Erdeben von 6,9 auf der Richterskala die Stadt, und die Oakland Bay Bridge, über die wir so oft gefahren sind, brach zusammen), aber die Temperaturen liegen dort (ganzjährig!) zuverlässig in meinem Lieblingsbereich (um die 20 Grad). Kalifornien und vor allem die Bay Area erschienen mir immer wie ein Paradies, und ich mag auch die Menschen, denen ich dort begegnete.

Allerdings herrschte dort bereits in den 1980er Jahren und sogar schon im Frühling (ich war ja aus guten Gründen immer nur im Frühling in den USA) massive Wasserknappheit. Ich erinnere mich noch an mein Erstaunen beim Anblick des kleinen Schilds im Gästebad. „If it’s yellow, let it mellow. If it’s brown, flush it down.“ Das war doch sicher nur ein Witz? So etwas hatte ich noch nie gesehen und ich handelte mir prompt einen Tadel ein, weil ich kostbare Wasserressourcen verschwendete, indem ich jeden Morgen duschte, nach jedem Toilettengang die Spülung betätigte und mir dauernd die Hände wusch.

Point Reyes (Denys Nevozhai/unsplash)

Eines Morgens sah ich, wie der Nachbar gegenüber seinen gelbbraun vertrockneten Rasen mit frischer sattgrüner Farbe besprühte, und dachte zunächst an eine Sinnestäuschung oder eine üble Jetleg-Nebenwirkung. Aber er sprühte wirklich! Es war schon damals äußerst trocken in Kalifornien. (It never rains in Southern California) Doch wenn der Nebel zärtlich und lautlos wie eine geheimnisvolle weiße Katze über die Golden Gate Bridge zog oder wenn ich nachts aus meinem Fenster die zwinkernden Lichter der stillen Stadt sah, schmolz ich wehrlos dahin. Die tropfenden, moosbehangenen Bäume in Point Reyes, das Holzhaus auf Stelzen, das silberne Windspiel mit dem Wal, der lange Weg hinunter zum Leuchtturm, die windschrägen Bäume, die unerschrockenen Waschbären, die sich nachts über den Abfall hermachten, die lauen Abende mit den unglaublichen Sonnenuntergängen in der Halfmoon Bay, das heisere Seehundbellen am Fisherman’s Wharf, die mahnenden, imposanten Baumgiganten im Sequia National Park, die schroffen Felsen in Yosemite – ich könnte endlos weiter Bilder erinnern. In einer Küche in Oakland aß ich zum ersten Mal Celantro. In einer anderen Küche aß ich bei der Familie meines Freunds Bill zum ersten Mal Sweet Potato. Koriander und Süßkartoffeln liebe ich bis heute.

In den 1980ern übersetzte ich mit tiefem Glücksgefühl einen Reiseführer „San Francisco“ und war in meiner Vorstellung zwei Monate so intensiv dort, dass ich jeden Morgen erstaunt war, mich beim Aufwachen immer noch in Köln zu befinden. Ich neige dazu, mich in Büchern zu verlieren. Sogar in denen, die ich nur übersetzt und nicht selbst geschrieben habe. Manchmal verliere ich mich sogar schon beim Lesen.

Death Valley (Joseph Driscoll/unsplash)

Als ich während meiner Therapie nach sicheren inneren Orten suchte, fand ich den ersten gleich auf den kühlen Klippen von Big Sur, auch hier liebte ich die feuchte, reine, klare Luft. Die üppigen Mohnwiesen! Die Ice Plants! Und die wild wachsenen Callas! Das Geräusch des Meeres, das Singen des Windes, die steilen Felsen.

In einem kalifornischen Garten sah ich zum ersten Mal eine Maine Coon-Katze und nahm mir fest vor, eines Tages auch so eine prächtige Katze zu haben. Nachdem meine beiden Hauskatzen gestorben waren, sind dann auch tatsächlich nacheinander vier dieser eindrucksvollen Riesenkatzen hier eingezogen. Leider ist meine Alice ist die einzige Maine Coon, die heute noch mein Leben teilt.

Kalifornien, Ort meiner Sehnsucht. Sogar die Wüste ist schön, auch wenn die Erinnerung an den Sandsturm, in den wir dort plötzlich gerieten, bis heute mein Herz zum Rasen bringt. Damals war ich sicher, dass ich diesen Sturm nicht überleben würde. Ich habe ihn dann doch überlebt und aus der Vernichtungsangst heraus eine Short Story darüber geschrieben. Kalifornien, Ort meiner Träume. Es macht mich traurig, dass dieses Paradies mit seinen Bewohnern heute so gefährdet ist.

In diesem Sommer gab es übrigens noch eine Sensation. Am Furnace Creek zeigte das Thermometer am 17. August unvorstellbare 54 Grad Celsius und machte das südkalifornische Death Valley in der Mojave Wüste damit zum heißesten Ort der Erde. Dort war es selbst bei meinen Besuchen im Frühling eindrucksvoll heiß und flirrend, aber bei mir ist die Toleranzgrenze ja schon bei Ende 20 Grad erreicht, alles darüber macht mich körperlich krank. Ich weiß noch, wie ich mich im vorigen Jahr bei 42 Grad gefühlt habe: ziemlich tot. Ich hatte übrigens riesiges Glück. Ich durfte die Wüste auch ganz anders erleben. Einige Teile hatten sich in große Blütenteppiche verwandelt, es kam mir vor wie ein Naturwunder und ich war wie verzaubert. Wie können diese Pflanzen dort bloß überleben? Wie mag die Wüste heute aussehen? Ich spüre noch den Blick des Schakals, der stumm meinen Weg kreuzte. Ich höre noch die ohrenbetäubende Stille, die jeden Schritt verschluckte. Und ich hoffe und bete, dass die schrecklichen Feuer bald aufhören.

California Poppy (Steve Harvey/unsplash)

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„Juninacht“ von Hans-Joachim Leidel

Irgendwie schafft es mein Schwiegervater Hans-Joachim Leidel (den ich Jachym nenne) immer noch, mir genau im richtigen Moment einen kleinen Text oder eines seiner Gedichte zu schenken. Wie mag es wohl gerade heute in meine langweiligen Steuerunterlagen gelangt sein? Der Monat ist jedenfalls ideal! Zum ersten Mal gefunden habe ich es im Februar vor acht Jahren in unserem „Spiegelschrank“ in meinem Arbeitszimmer. In „seiner“ Schublade mit Notizen, Zeichnungen, Tagebüchern, unveröffentlichten Texten und unzähligen losen Blättern. Es war Anfang Februar, nur wenige Tage vor Jachyms 50. Todestag. Mein Mann war gerade auf einem Kongress in Berlin, ich war mit den Katzen allein im Haus, ziemlich melancholisch und dachte plötzlich an meinen unbekannten und doch so vertrauten Schwiegervater. Die Schublade hat ein Geheimschloss (genau wie sein alter Schreibtisch) und war gar nicht so leicht zu öffnen (hier im Haus klemmen alle Schubladen, wahrscheinlich weil sie zu voll sind). Außerdem musste ich erst die hohen Bücherberge wegräumen, die ich dauerhaft davor aufgetürmt habe.

Ungefähr zur selben Zeit dachte in einer ganz anderen Stadt noch jemand intensiv an Jachym. Auch er kannte ihn nicht persönlich, und doch schrieb er einen ausführlichen Wikipedia-Eintrag für ihn. Als ich am nächsten Morgen Jachyms Namen googelte, war der Eintrag plötzlich da, und vor mir lag immer noch das gerade entdeckte Gedicht. Mit ein bisschen Unterstützung von Jachym habe ich dann erstaunlich schnell „Lichtreich“, den Verfasser des Wikipedia-Eintrags, von dem ich nur das Pseudonym kannte, ausfindig gemacht, mit ihm Kontakt aufgenommen und ihm ein Foto geschickt.

Erklären kann man diese merkwürdigen Fügungen nicht. Es ist ein bisschen wie „Zauberei“. Aber das Gedicht ist ja auch magisch. Geschrieben in einer einsamen Nacht, in den 1950er Jahren in der Pension „Rauch“ in Hamburg. Es würde mich nicht einmal wundern, wenn es das heutige Datum gewesen wäre. Bei Jachym ist alles möglich.

Juninacht

Ein Vogelschwarm klirrt kühl im schwarzen Baum,
sanfte Ballons ziehn einsam in die Sterne.
Der Mensch sucht seine Hände in der Ferne
und bettet sie an seiner Schläfe Schaum.

Ach, wie der Mond die Dinge traurig macht!
Durchs Wiesenland sieht man die Weiden steigen.
Zikaden sticken in den blauen Zweigen
den lichten Saum an das Gewand der Nacht. 

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