Herzlich willkommen!

Alice

Herzlich willkommen auf meiner Homepage

Hier finden Sie meine Blogbeiträge sowie Informationen zu mir, meinen Büchern, meinen Hobbys und den Themen, die mich gerade umtreiben, im Moment natürlich vor allem die Auswirkungen der Corona-Pandemie, die mir sehr zusetzt, denn sie rührt an viele meiner Urängste, aber auch die schrecklichen „Kindergenesungsheime“, in die so viele Kinder meiner Generation in den 60er Jahren „verschickt“ wurden. Doch es gibt natürlich auch immer noch viel Schönes und Hoffnungsvolles zu berichten, denn die Natur läßt sich von Covid-19 zum Glück nicht beeindrucken. In meinem Garten blüht und duftet es, und ich bin so viel wie möglich draußen.

Ein großes Dankeschön geht an meine geduldige Maine Coon-Assistentin Alice, deren entspanntes Schnurren Sie leider nicht hören können.

Ich freue mich, dass Sie meine Seite gefunden haben und wünsche Ihnen einen hellen Tag!

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Kleine Pandemische Sprachbetrachtung (2) – „There is no Glory in Prevention“

 

(AnnelieseArt/pixabay)

Als Übersetzerin fallen mir natürlich die vielen Anglizismen und englischen Sätze auf, die uns in Coronazeiten zunehmend begegnen, obwohl es dafür durchaus auch deutsche Begriffe gibt. Aber irgendwie sind die englischen Wörter „griffiger“ und klingen besser. „Lockdown“ (Ausgangssperre – leider gibt es auch Lockdown-Partys, zu denen sich Unvorsichtige hinreißen lassen) oder „Shutdown“ (Herunterfahren) haben es jedenfalls locker ins Deutsche geschafft. „Home-Office“ bzw. „Homeoffice“ (mit Rechner und Kommunikationstechnik ausgestatteter Arbeitsplatz zu Hause) kannten wir zwar schon länger, aber eher in der Theorie und nicht im geräumigen Eigenheim oder winzigen Apartment und schon gar nicht mit den Kindern als Dauer-Challenge. Auch „Home-Schooling“ bzw. „Homeschooling“ klingt more up to date als Hausunterricht, häuslicher Unterricht oder gar Domizilunterricht.

(Alexandra_Koch/pixabay)

Neu dagegen war auch für mich das „Social Distancing“ (räumliche Trennung, physische Distanzierung). Ein etwas komplizierter Begriff, der möglicherweise besser „Physical Distancing“ heißen sollte, denn gemeint ist ja nur die körperliche, physische Distanz bei weiter bestehender gesellschaftlicher Nähe. Aber das englische Wort „social“ ist ohnehin schillernd und bedeutet längst nicht nur sozial, sondern auch gesellig, gesellschaftlich, umgänglich, sozialistisch und mehr. Gemeint ist ja gerade nicht die soziale Isolation, an die man gleich denkt, wenn man den Begriff mit „Soziale Distanzierung“ übersetzt. Aber man kann natürlich auch argumentieren, dass unsere sozialen Kontakte auf ein Minimum beschränkt werden sollen, so dass der Begriff dann am Ende doch irgendwie greift. Wie ich in der ausländischen Presse lese, tut sich auch die englischsprachige Welt mit der Entscheidung für oder gegen „social“ oder „physical“ schwer. Es gibt Verfechter für beide Varianten. „Superspreader“ (Virenschleuder) und „Superspreading-Ereignis“ sind da eindeutiger und klingen dem Ereignis angemessen. Viele neue Wörter. You live to learn.

(amit69/pixabay)

Wofür die Abkürzung PCR steht, kann ich mir jetzt endlich auch merken, nachdem Christian Drosten es oft genug wiederholt hat: Polymerase Chain Reaction (Polymerase Ketten-Reaktion, erklären kann ich das jetzt allerdings nicht).  Die Abkürzung weckt bei mir viele Erinnerungen. So höre ich gleich einen netten Menschen sagen: „Ich mach jetzt mal schnell noch die PCR.“ Lange her. Als Psychiatrie-Übersetzerin hatte ich mein Arbeitszimmer einige Jahre im Laborhaus der Kölner Uni-Klinik, und schräg gegenüber im Laborraum wurden jeden Tag interessante Tests mit wohlklingenden Namen wie Western Blot, Elisa und PCR (damals noch recht neu) durchgeführt, und wenn man in den Raum spähte, sah man auf den Tischen entspannt schaukelnde Geräte (Mikrotiterplatte auf Rüttler).

In den Anfängen der Aids-Pandemie saß ich damals sozusagen genau gegenüber der Quellenauswertung, denn dort wurden vor allem unzählige HIV-Tests durchgeführt. Mein Zimmer war schön und geräumig, mit zwei Schreibtischen und Regalen voller Bücher (meinen eigenen, nebst einigem Krimskram), und war eigentlich für einen Arzt gedacht. Nur einen Computer hatte ich dummerweise nicht, weil mein Chef der Ansicht war, dass ich (und Frauen überhaupt) damit nicht umgehen könne. Also musste ich alles mühsam niederschreiben, in ein blödes Gerät diktieren, von einer Sekretärin tippen lassen, Korrektur lesen und danach nochmal von der Sekretärin verbessern lassen. Sie war nett, aber oft hat sie Begriffe nicht verstanden und nur nach Gehör geschrieben. Da hätte man sich wirklich mehrere Arbeitsschritte sparen können. Außerdem kann ich sehr gut mit Computern umgehen.

Apropos Aids-Pandemie: Ich erinnere mich noch an meine tiefe Verunsicherung, an meine Alpträume und auch daran, dass eine gute Freundin lachte, als ich ihr von der (damals noch tödlichen) neuen „Seuche“ erzählte. „Mit dir geht mal wieder die Fantasie durch! Alles Panikmache!“ Egal, die Freundschaft besteht längst nicht mehr. Mir hat die Krankheit damals große Angst gemacht, und „danach“ war für mich alles anders als vorher, die Leichtigkeit des Seins war vorbei, aber vor allem sind mehrere liebe Freunde von mir an Aids erkrankt und elend gestorben. Doch man konnte sie anders als heute bei Corona bis zum Schluss noch besuchen, wenn auch in Schutzkleidung. Zur ihrem Schutz, nicht zum eigenen!

Im Erdgeschoss jenes (inzwischen abgerissenen) Laborhauses standen komische Gefäße mit menschlichen Gehirnen, aus denen feinste Schnitte angefertigt und anschließend eingefärbt wurden. Ich muss jedes Mal daran denken, wenn ich Walnüsse sehe. Manchmal brachte ein nervöser Eilbote „frische Muskelschnitte“ in ekligen Plastikbeuteln. Ich habe die Proben höchst ungern im Empfang genommen, und nur, wenn sonst keiner die Klingel hörte. In der Kaffeepause um die Mittagszeit (der nette Mensch und ich waren die einzigen Teetrinker, so dass er immer fürsorglich auch für mich eine Tasse machte) wurden ab und an besonders gelungene histologische Schnitte herumgezeigt, was mir sofort auf den hochsensiblen Magen schlug. Und dann gab es dort auch noch eine nette Putzfrau, die eine Katze hatte und eine Art Seelenverwandte von mir war. Wie hieß sie doch gleich? Aber ich ufere aus. Dazu neigt man als Romanautorin. Sorry. Zurück zur aktuellen Pandemie.

Das Corona-Motto „Flatten the curve“ (die Kurve flach halten, ich habe auch schon „Stop the Curve“ gesehen, ach, wenn das nur ginge!) und die Corona-Mantras „Stay home, stay safe, save lives“, „Stay alert“ und „Keep calm“ in allen Varianten (and wash your hands, carry on, drink tea, love Colin Firth, stay at home) dürften hier inzwischen jeden erreicht haben. Auch das WHO-Mantra „Test, test, test“ hat es geschafft, allerdings vor allem in der Übersetzung als „Testen, Testen, Testen“. Unter der Strategie „Hammer and Dance“ (beides sehe ich gerade lebhaft vor mir!) versteht man ein abwechselndes Anziehen und Lockern der Eindämmungsmaßnahmen. Momentan sind wir offenbar nach dem ersten Hammer im ersten gemäßigten Dance-Modus.

Relativ unbekannt war für viele Nichtmediziner bisher wohl der Begriff „Cocooning“ (Kokon-Strategie), bei dem ich spontan an die geheimnisvolle Verpuppung von Schmetterlingen denke. Man bezeichnet damit aber auch das gemütliche Einigeln im eigenen Heim, und in diesem Sinn, allerdings nicht annähernd so gemütlich, wird es als Anti-Corona-Strategie auch benutzt. Risikopersonen werden abgeschirmt und bleiben zu Hause („Alte ins Nest!“). Auch im Kreißsaal und auf der Wöchnerinnenstation scheint es in Pandemie-Zeiten Cocooning zu geben, habe ich gelesen (nur noch eine gesunde Person darf mit in den Kreißsaal).

kind of cocoon (Dieter_G/pixabay)

In der Medizin versteht man darunter übrigens auch noch etwas anderes, vor allem im Bereich des Impfens. Ein Beispiel: Säuglinge sind besonders anfällig gegen Keuchhusten und können daran sterben. Um die Kleinen zu schützen, ist es sinnvoll, wenn alle Bezugspersonen geimpft sind. So wird quasi ein schützender Familien-Kokon „gesponnen“, was aber leider durch die zu geringe Impfbereitschaft in der Realität nicht sonderlich gut funktioniert. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt daher jetzt die Impfung der Schwangeren (am Beginn des letzten Drittels der Schwangerschaft). Das funktioniert sehr viel besser, denn werdende Mütter bringen ihr Kind nicht unnötig in Gefahr. Keuchhusten ist in keinem Alter ein Spaziergang im Park. Mich hat es als Erwachsene voll erwischt (bis dahin dachte ich fälschlich, es sei „nur“ eine Kinderkrankheit), und ich weiß noch genau, wie mich die heftigen Hustenkrämpfe alle paar Sekunden auf den Fußboden zwangen. Alles tat weh, ich bellte schier ununterbrochen, bekam keine Luft und fürchtete, mir würde jeden Moment der Kopf explodieren oder ein Blutgefäß im Gehirn platzen. Ich wäre fast im Krankenhaus gelandet, so schlecht ging es mir. Seitdem lasse ich mich auch gegen Keuchhusten regelmäßig impfen, denn man ist nach Durchmachen der Krankheit leider nicht immun. Nochmal will ich das auf gar keinen Fall erleben!

Update (Markus Winkler/unsplash)

Völlig neu war für mich allerdings der augenöffnende Satz „There is no glory in prevention“, den ich zum ersten Mal bei Professor Drosten hörte und der gar nicht leicht zu übersetzen ist. Wörtlich wohl mit „Vorbeugen wird nicht belohnt“ oder „Kein Ruhm für Prävention“, aber der tiefere Sinn wird erst verständlich, wenn man das Ganze weiter ausschmückt. „Die Verhinderung gefährlicher  Krankheiten bringt leider (wenn überhaupt!) bei weitem nicht den gleichen Ruhm wie ihre Heilung“. Oder, ganz frei: „Wer heilt, hat recht und wird berühmt, wer Krankheiten „nur“ verhindert, wird möglicherweise auch noch angefeindet und beschimpft. Heutzutage gerät man deswegen sogar leicht in Twitter-Gewitter und virtuelle Shitstorms (hat im Englischen übrigens nicht ganz dieselbe Bedeutung wie bei uns). Das gilt sogar für Leute, die lediglich versuchen, die Prävention zu fördern (siehe Bill Gates) oder einen Erreger erforschen und darüber wissenschaftlich fundiert informieren (siehe Prof. Drosten, der gerade wieder neue Morddrohungen und gestern sogar ein Drohpaket mit einer offenbar üblen Substanz erhalten hat, genau wie der SPD-Politiker und Arzt Karl Lauterbach).

Für meinen Mann war der Satz nicht neu, denn als Arzt kennt er das „Präventionsparadox“ nur allzu gut. Im Bereich der Impfepidemiologie beobachtet man das Prinzip seit langem. Tritt eine gefährliche Krankheit auf, ist die Akzeptanz der Impfung bei der Bevölkerung zunächst hoch. Man hat Angst und sieht, dass andere schwer krank werden und will das auf gar keinen Fall selbst haben! Beispiel: Im Stammbaum meiner Eltern sehe ich mit Schrecken, wie viele Kinder früher an Diphterie gestorben sind. Allein bei meiner Mutter waren es mehrere Geschwister, bei meinem Vater ein Schwesterchen (dazu kamen bei beiden auch noch Cousins und Cousinen, Nichten und Neffen), aber in den Generationen davor waren es noch viel, viel mehr Kinder.

Die Krankheit galt bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts nicht von ungefähr als „Würgeengel der Kinder“. Heute ist sie aufgrund von Impfungen sehr stark zurückgegangen und tritt hier nur noch vereinzelt auf. Mein Vater hat sie im Zweiten Weltkrieg dann noch einmal aus nächster Nähe erleben müssen, weil sie als Epidemie grassierte und auf einen Schlag 3 Millionen Menschen infizierte. Meine Eltern hatten daher eine Heidenangst vor dieser Infektionskrankheit. Ich auch. Bei jeder Halsentzündung hieß es gleich: „Hoffentlich hat das Kind keine Diphterie!“ Da ich ziemlich oft krank war und meine Mutter  wohl doch ein bisschen Angst vor dem Impfen ihrer zarten Tochter hatte (ich wurde als einzige in der Klasse nie gegen Pocken geimpft), bekam ich erst 1963 meine Diphterie-Impfungen, wie ich in meinem Impfausweis sehe. Gerade noch rechtzeitig. Meine viel jüngere (noch ungeimpfte) Schwester musste die Krankheit durchmachen, es ging ihr richtig schlecht und sie hatte tagelang hohes Fieber. Ausgerottet ist die Diphterie zwar immer noch nicht, aber der Würgeengel der Kinder hat durch die Impfung seinen Schrecken verloren. Jetzt hat man Angst vor der Impfung! Genau so funktioniert das Präventionsparadox. (Kleiner Nebengedanke: Ob sich die Impfbeteiligung wohl steigern ließe, wenn man die Impfungen wieder selbst bezahlen müsste? Was nichts kostet, taugt schließlich nichts!) Aber wie heißt es doch so schön: „If you don’t like the vaccine, try the disease.“

Die Auswirkungen des Präventionsparadox-Prinzips kann man gerade gut beobachten: Hier ist ja zum Glück (noch!) nicht viel passiert, also kann das Virus so schlimm ja nicht sein und deshalb können wir jetzt auch alle wieder ganz normal weiterleben wir vorher. War doch alles total überzogen! Die meisten Leute, die hier krank waren, sind wieder gesund und die Alten wären sowieso bald gestorben. Die Politiker und Virologen haben uns hinters Licht geführt (um Machtgelüste auszuleben, sich selbst zu bereichern, die Weltherrschaft an sich zu reißen, weiß der Kuckuck, wie die Verschwörungstheorien alle lauten). Explosives Thema.

News (Markus Winkler/unsplash)

Wer in den letzten Wochen und Monaten die englischsprachige Presse verfolgt hat (ich habe zusätzlich zur New York Times auch den Guardian abonniert), kennt die schockierenden Bilder und Filme aus den New Yorker Krankenhäusern und Leichenhallen und ist vorsichtiger mit Schlussfolgerungen und Schuldzuweisungen. Doch bei uns führt das Präventionsparadox gerade dazu, dass die Risikowahrnehmung ausgerechnet durch den Erfolg der Präventionsmaßnahmen ins Kippen gerät. Genau wie beim Impfen. Die Angst vor der Krankheit nimmt ab, weil man sie nicht (mehr oder noch nicht) sieht, und die Angst vor unerwünschten Nebenwirkungen der Schutzimpfung bzw. die Entrüstung über die einschneidenden Vorbeugungsmaßnahmen wächst. Am Anfang war man noch kooperativ, da konnte man ja auch noch nicht einschätzen, was einem blühte. Aber dann passierte NICHTS! War also alles nur Panikmache! Die Krankenhäuser sind leer! Was soll der ganze Lockdown-Mist? Dafür verlieren wir jetzt unsere Jobs und haben wochenlang in Quarantäne gehockt? Wo sind denn nun all die Schwerkranken und Toten?

Es wird auf hohem Niveau geschimpft und demonstriert. Bei einer Protestveranstaltung rief vorige Woche eine aufgebrachte Frau: „Ich demonstriere für mein Recht, mich mit Corona zu infizieren!“  Im Internet kursiert seit einiger Zeit eine lange Petition gegen die Corona-Impfpflicht, die ihren Weg blöderweise auch schon mehrfach in meine Mailbox gefunden hat. „Zwangsimpfungen gesetztlich untersagen.“ Wir lassen uns doch von denen nicht zwingen! Unterzeichnet immerhin von 276.947 Personen (Stand heute). Dabei gibt es noch nicht mal einen Impfstoff! Wenn es ihn doch bloss gäbe! Positiv zu werten ist höchstens, dass die Unterzeichnenden allesamt bereit sind, zurückzustehen, wenn ein Impfstoff verfügbar ist, damit wenigstens andere sich schützen lassen können.

„There is no Glory in Prevention.“ Wer todkrank ist und geheilt wird, ist seinem Retter sein Leben lang dankbar. Wer eine Krankheit nicht bekommt, weil er dagegen geimpft ist oder weil Vorsichtsmaßnahmen dies abwenden konnten, nimmt es nicht wahr. Dankbar? Wofür? Da war doch gar nichts! Wir haben in Deutschland bisher nur deshalb so wenige Fälle – obwohl 181.293 bestätigte Infektionsfälle und (nach heutigem Stand, 14:30 Uhr/Johns-Hopkins-Universität) 8.377 Todesfälle meiner Meinung nach nicht grade wenig sind, weil wir sehr frühe und umfangreiche Testungen, ausgezeichneten Virologen, umsichtige Politiker und den ganzen (rechtzeitigen) Quarantäne- und Lockdown-Mist hatten! Aber das kann sich sehr schnell ändern (hoffentlich nicht!).

Ein genauer Blick in die italienischen, französischen, englischen, spanischen und amerikanischen Krankenhäuser müsste eigentlich jeden sofort zur schockierten Einsicht bringen. In New York standen reihenweise Kühllaster voller Leichen vor den Hospitälern und Beerdigungsinstituten. Zeitweise gab es nicht mal genug Leichensäcke, Särge und Gräber für die Toten. Aber New York ist nun mal weit weg und hier stehen keine Kühllaster. Dabei sind wir immer noch mitten drin in der weltweiten Pandemie, auch wenn grade Dance-Modus ist. Um die Bevölkerung zu schonen oder Panik zu vermeiden, hat man hier die Katastrophenbilder und Filmaufnahmen kaum oder nur sehr kurz gezeigt, und diese Rücksichtnahme geht bei einigen offenbar gerade nach hinten los. Wir sind nicht immun, weil es uns (noch) gut geht und wir ein stabiles Gesundheitssystem haben. Genau das haben auch andere gedacht, die es dann eiskalt erwischt hat. Willkommen im Club von Boris Johnson, Donald Trump und Bolsonaro.

Message on a tree (Nick Fewings/unsplash)

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Innere Kraftorte – Der Nachtgarten

Garden (Yukitaka Iha/unsplash)

In meiner Vorstellung ziehe ich mich gern in meine inneren Gärten zurück. Es gibt drei, einen Nachtgarten zum Einschlafen und für tagsüber einen freundlichen sonnigen Obstgarten und einen wilden englischen Cottage Garden. Ich kenne sie so genau, dass ich sie mühelos zeichnen kann. Für alle gibt es reale Vorbilder, in denen ich sinnliche Eindrücke sammle. Für den Nachtgarten finde ich sie in den Schattenbereichen unseres eigenen Hausgartens und im großen Japanischen Garten in Leverkusen. Ich versuche, ihn mehrmals im Jahr zu besuchen, mich in aller Ruhe darin zu bewegen und dabei möglichst viele Fotos zu machen, die ich mir später zu Hause genau ansehe, um mir alle Eindrücke einzuprägen oder gezielt zu verstärken, damit ich sie auch mit geschlossenen Augen gut abrufen kann. Wie die Hütte im Käuzchenwald sehen auch die inneren Gärten bei jedem Besuch ein wenig anders aus, je nach Verfassung und Jahreszeit, nur die Grundstruktur bleibt bestehen.

In the shade (BFL)

Am schönsten ist mein Nachtgarten im Frühling und Herbst. Ich besuche ihn abends im Bett zum Entspannen und Beruhigen, zum „Erden“ und „Abschalten“. Früher konnte ich darin sehr gut einschlafen, denn es gibt dort ein kleines Haus mit einem bequemen Bett, aber seit Corona gelingt mir das Einschlafen besser in der Hütte im Wald, wobei auch das langsam schwieriger wird, daher muss ich mir vielleicht bald noch ein weiteres Plätzchen suchen. Käuzchen gibt es in den Gärten übrigens auch. Sie scheinen in all meinen Kraftorten zu leben, genau wie an den Wänden meines Arbeitszimmers.

Um in den Nachtgarten zu gelangen, muss ich zuerst durch ein großes uraltes Tor, das zwischen hohen Steinmauern liegt. Ich lege die Hände auf das raue Holz und warte. Wenn ich Glück habe, öffnet sich das Tor, gleitet lautlos beiseite, schließt sich sofort hinter mir, und ich kann den Garten betreten. Es klappt nur, wenn ich keine störenden Gedanken habe und mich ganz auf den inneren Ort einlasse, sonst muss ich aufgeben oder noch mal von vorn anfangen, manchmal sogar mehrmals – mich dem Tor erneut aus einiger Entfernung nähern, mich davor stellen, das Holz berühren und stumm darum bitten, eingelassen zu werden. Die Steinmauer um meinen japanischen Garten erinnert mich an die alten Mauern von englischen Herrenhausgärten und auch an die lange Mauer, die in meinem Geburtsort früher von der Kirche bis hin zum kleinen Friedhof führte. Überhaupt mag ich alte Mauern und auch die kleinen wilden Pflanzen, die dort in den Fugen wachsen. Wir haben hinten im Garten eine Trockenmauer, die eine Kräuterspirale umschließt und aus der alle möglichen winzigen Gewächse sprießen, vor allem Farne. Ganz von selbst, und ich nenne sie „Gartengeschenke“.

Stone Flower (BFL)

Einmal habe ich „richtig“ von meinem Nachtgarten geträumt und war total erstaunt, den sonst nur im Wachzustand imaginierten Ort plötzlich so unerwartet im Schlaf zu sehen. Doch ich stand nur vor der verschlossenen Tür und musste unverrichteter Dinge wieder gehen. Mir ist zwar so gut wie immer bewusst, dass ich träume, aber ich bin leider keine gute luzide Träumerin, denn ich kann die Handlung selten beeinflussen. Ich träume mit allen Sinnen und wachem Bewusstsein, aber in meiner Traumwelt scheinen Gesetze zu gelten, auf die ich (noch) keinen Einfluss habe. Ich kann mich allerdings leicht aus unangenehmen Träumen herauskatapultieren oder wie an einer unsichtbaren Nabelschnur herausziehen. Aber dann ist der Schreck meist schon so groß, dass ich mit Herzrasen erwache.

Red Bridge (BFL)

Der echte Garten in Leverkusen liegt offen, ist von allen Seiten einsehbar und kann über Brücken und durch mehrere Eingänge betreten werden. Mein geheimer Garten dagegen ist komplett umwallt, hat nur ein Tor und wird ausschließlich von mir besucht, obwohl ich auch hier das Gefühl habe, dass mein Vater noch vor kurzem anwesend war. Vielleicht ist er in einen der angrenzenden Gärten gegangen, den freundlichen Obstgarten oder den wilden Cottage Garden mit Rosenbüschen, Clematis, Fingerhut, Frauenmantel, Herbstanemomen und der Bank unter den Kletterrosen – alles Pflanzen, die ich hier im Garten habe und die auch in den Gärten meines Vaters wuchsen.

Dreaming Flowers (BFL)

Zwischen den Gärten wandert ein zahmer Fuchs hin und her, der sich streicheln lässt, aber vor allem finde ich hier alle Katzen, die je mein Leben geteilt haben und inzwischen gestorben sind. Nur Alice fehlt, denn sie ist ja noch bei mir. Den Trosttrick mit dem „versetzten“ Weiterleben habe ich aus den Harry Potter-Büchern. J.K. Rowling hat ihre Mutter sehr früh verloren, vielleicht hat sie mit den inneren Bildern ja nicht nur ihrer Romanfigur, sondern auch sich selbst geholfen? Der Tod ist in ihren Büchern jedenfalls nicht das Ende. Als Dumbledore stirbt, ist er gleich darauf in seinem Portrait im „Headmaster’s Office“ zu sehen und schläft, wacht und spricht dort weiter, ohne dass ihm Zeit und Tod noch etwas anhaben können. Harrys verstorbene Eltern sind für ihren Sohn im Spiegel von Erised auch noch zu sehen. Beide Vorstellungen sind für mich sehr anrührend und tröstlich und erinnern mich an meine eigenen inneren sicheren Orte.

Fox (Nathan Anderson/unsplash)

Die acht Katzen freuen sich jedes Mal, mich zu sehen. Meine Kindheitskatze Topsi, schwarzweiß, klein und drahtig, ist meistens die erste, die angerannt kommt und Köpfchen gibt, aber dann sehe ich auch schon den riesigen silbergrauen Cisco, meinen Seelenkater, bei dessen unerwartetem Tod ich vor sieben Jahren tatsächlich Angst hatte, ich würde den Verstand verlieren. Wie gut, dass ich ihn hier noch besuchen kann. Meistens laufen mir die anderen Katzen spätestens dann entgegen, wenn ich auf die zweite Brücke trete, und wir schlendern zusammen über Trittsteine und Wege durch den geheimnisvollen Schattenteil bis zum Fischteich und dann die Stufen hoch zum Teehaus. Oder ist es ein kleiner Tempel?

Contemplation (BFL)

Hinter dem Tor wachsen Farne und Hostas, Rododendren und Azaleen, Hortensien und Elfensporn, rechts gibt es einen Moosgarten mit leisem Wasserlauf und glänzenden Steinen, und überall stehen halbverborgen  kleine  und große Statuen und Steinornamente. Natürlich findet man überall auch Bäume und Sträucher – vor allem Koniferen, Fächerahorne und große Eichen, aber auch Pinien, Kamelien und Bambus. Und am Fischteich steht eine Trauerweide, die so groß ist wie meine alte Baumfreundin an der Dorenburg in meinem Heimatort.

Rhododendron (BFL)

Der japanische Nachtgarten ist eine Oase der Entspannung, kontemplativ und meditativ, sanft und beruhigend, mit Hügeln und Wasser, weich fließenden Formen, ein wirklich poetischer Ort. Immer wieder leuchtet kräftiges Rot zwischen mattem Grün und Weiß und vielen Rosa- und Lilatönen. Es herrscht ein angenehmes Wechselspiel von Licht und Schatten, Hell und Dunkel, Hügeln und Flächen, feucht und trocken, rund und eckig. Einige Steinlaternen und Statuen habe ich mir aus dem realen Garten in Leverkusen ausgeliehen. Kurz vor dem Teehaus gibt es auch einen Abschnitt mit fein geharktem Kies, einer Bank und Findlingen. Dort kann man besonders gut nachdenken und den Geist klären. Der Garten ist nicht immer gleich. Es hängt ganz davon ab, was mir gerade gut tut und welche Bilder mir mein Unterbewusstsein schenkt. Ich bin da offen und lasse mich auf meinen Bildern davontragen.

Water Steps (BFL)

Auch hier gehe ich zum Einschlafen am liebsten meinen vertrauten Weg, nachdem sich das Tor hinter mir geschlossen hat. Oft mit bloßen Füßen, um den Boden, die Pflanzen, das Moos, die Steine, das Holz und den Kies besser zu spüren, ich höre die Pflanzen und Bäume atmen, das Wasser leise plätschern (das höre ich tagsüber auch hier im Garten, denn wir haben einen  kleinen Teich mit Goldfischen, Quellstein und Holzsteg), gehe über die Trittsteine des großen Koi-Teichs den Hügel hoch bis zum Haus, in dem in einem fast leeren Raum mein aufgedecktes Bett steht. Hier ist es angenehm kühl, von draußen hört man die leisen Klänge eines Windspiels (ich habe mehrere hier im Garten, so dass ich den Ton im Ohr habe) und den sachten Wind in den Blättern.

Right Path (BFL)

Im Haus steht in dem fast leeren Zimmer ein niedriger dunkler Tisch mit einer Teekanne und einer Schale Tee, ich trinke daraus, lege mich auf das Bett, und der Blick durchs Fenster ist blattschattig mit zarten bis kräftigen Gelb- und Grüntönen. Meine Katzen scharen sich um mich, und ihr entspanntes Schnurren bringt mich zuverlässig zum Einschlafen, wenn ich es einmal bis hierher geschafft habe. Oft wünsche ich mir, dass das Letzte, das ich in diesem Leben höre, das Schnurren einer Katze ist. Der warme, weiche Tierkörper vibriert auf äußerst beruhigende Weise, und die Wellen pflanzen sich wohlig in meinem Körper fort und tragen mich mit sich in den Schlaf.

Garden View (BFL)

Am schönsten war es, wenn mein gutmütiger Cisco sich wie eine überdimensionale Fellmütze um meinen Kopf legte (das tat er immer, wenn ich krank war und das Bett hüten musste, aber oft auch einfach nur so) und anfing, laut und tief zu schnurren. Es tut mir bis heute leid, dass ich nie auf die Idee gekommen bin, seine Stimme aufzunehmen, aber damals ahnte ich noch nicht, dass ich ihn schon so früh verlieren würde. Jede Katze klingt anders. Alice schnurrt leiser und höher, bei Ben klang es irgendwie gepresst, und an das Schnurren meiner Kinderkatzen kann ich mich nicht mehr richtig erinnern. Aber vielleicht würde ich es trotzdem wiedererkennen?

Ladybird (Artem Makarov/unsplash)

Manchmal schlafe ich im Nachtgarten auch schon draußen ein, die Katzen auf dem Schoß, neben mir auf der Bank oder unten an meinen Füßen. Mein getigerter Dorfkater Sam hatte die Angewohnheit, mit beiden Vorderläufen meinen Hals zu „umarmen“ und zärtlich mit seiner rauen Zunge die kleine Kuhle in der Mitte des Schlüsselbeins zu lecken, was ungemein kitzelte und mich oft zu Tränen rührte. Er leckte auch jeden Morgen meine Füße. Im Geheimen Garten macht er das immer noch und bringt mich damit zum Lachen.

Unmittelbar vor dem Einschlafen höre ich nur noch das Schnurren. Die Luft ist klar und würzig, duftet blättrig, holzig, harzig, frisch und herb, durchsetzt mit Efeu- und Farnnoten, aber gelegentlich auch ganz kurz intensiv lilienartig. Manchmal wachsen im Teich statt der Seerosen langstielige Lotusblumen. Ich weiß nicht, wie ihre Blüten in Wirklichkeit riechen, und habe mir daher meinen persönlichen Lotusblütentraumduft geschaffen. Er ist süß und stark und vermischt sich harmonisch mit den Schattengerüchen der Nacht.

Soft Ground (Leo Sammarco/unsplash)

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Kleine Pandemische Sprachbetrachtung (1) – Corona-Wortschöpfungen

Corona-Zeitung? (geralt/pixabay)

Als Schriftstellerin und Übersetzerin beobachte ich seit Anfang des Jahres mit Interesse die zunehmende Coronisierung meiner Muttersprache und bin schon gespannt, welche der vielen neuen Begriffe aus der aktuellen Pandemiefülle es in den Duden schaffen werden. Alle drei bis fünf Jahre kommt eine Neuauflage, und bei der letzten (2017) wurden 5.000 neue Wörter aufgenommen (unter anderem Brexit). Als ich vorige Woche (wieder mal) bei der Duden-Sprachberatung anrufen musste (leider kostenpflichtig), weil ich eine knifflige Rechtschreibfrage hatte, die ich allein unmöglich bewältigen konnte (die nette Mitarbeiterin konnte das natürlich sofort und befand sich offenbar im Home Office, denn die Verbindung war anders als sonst grottenschlecht), kam mir spontan die Idee, die Pandemie mal ein bisschen auf sprachlicher Ebene zu erforschen. Offenbar bin ich nicht die einzige Sprachinteressierte, die auf diese Idee gekommen ist. Googeln Sie mal „Corona und Sprache“!

Corona-Katze? (Chiplanay/pixabay)

Vorbemerkung: Als Katzenfrau kenne ich „Corona“ schon lange. Eine besonders grässliche Variante davon verursacht nämlich bei Katzen die gefürchtete und nach Ausbruch immer tödliche Krankheit FIP (Feline infektiöse Peritonitis) und gehört zu den heimtückischsten Viren überhaupt (wenn man Viren denn eine derartige Eigenschaft zuschreiben kann). Das feline Coronavirus (FCoV) bleibt in der Umgebung wochenlang infektiös, wird über den Kot ausgeschieden und von anderen Katzen oronasal (über den Mund und die Nase, klingt gefährlich vertraut, oder?) aufgenommen, ist höchst mutationsfreudig, kommt weltweit vor und gehört wohl zu den häufigsten infektiösen Todesursachen bei Katzen. Sehr, sehr viele Katzen kommen damit in Kontakt, ohne dass sie schwer erkranken. Leider mutiert das Virus immer wieder unvorhersehbar, scheinbar willkürlich und spontan in bestimmten Katzen, und man weiß nie, warum und in welchen. Besonders Kitten (auch wenn sie zunächst noch so gesund und entspannt wirken und man sie so lieb hat, dass es einem schier das Herz bricht, wenn man sie verliert) und gestresste oder kranke ältere Tieren sind davon betroffen. Einzelheiten erspare ich Ihnen lieber, aber mir wird schon bei der Erinnerung schlecht. Das klinische Erscheinungsbild ist äußerst vielfältig, und ich habe mehrmals bei geschockten Verwandten und Freunden miterleben müssen, wie ihre  Katzenkinder qualvoll an FIP starben. Es kann alle Katzen treffen, ob aus dem Tierheim, aus liebevoller Familienhaltung, von erfahrenen Züchtern oder vom Bauernhof. Meine eigenen Tiere sind bisher zum Glück davon verschont geblieben, aber ich hatte jedes Mal, wenn ich Kitten aufgezogen habe, Riesenangst vor FIP und habe mich erst beruhigt, wenn die Kleinen mehrere Monate bei mir und „über den Berg“ waren. Es gibt einen Impfstoff, aber der wirkt (wenn überhaupt) nur bei Tieren, die nie Kontakt zu den Viren hatten (sehr selten), kann die Krankheit mitunter sogar auslösen (also nur Katzen ohne Antikörper impfen) und umstritten ist er auch. Die Wirksamkeitseinschätzung schwankt  je nach Tierarzt zwischen „vergiss es“ und 80%. Schon das Wort Corona ist für mich daher katzenbedingt erschreckend besetzt, auch wenn ich weiß, dass unter den vielen „harmlosen“ Schnupfenviren auch Coronaviren sind. Ich hoffe inständig, dass Sars-CoV-2 nicht auch eines Tages anfängt, spontan zu mutieren. Als ich las, dass sich sowohl Großkatzen als auch Hauskatzen mit dem neuen Virus bei Menschen angesteckt haben, wurde mir extrem mulmig. Das nur zur Einstimmung. Ich wollte, ich würde FIP nicht so gut kennen. Es stimmt wirklich: Ignorance is bliss.

Corona-Regeln? (congerdesign/pixabay)

Flooding – In den letzten Monaten habe ich das Wort Corona so oft gehört, dass es bei mir einen gewissen Voldemort-Efffekt auslöst, was sich aber möglicherweise durch ein extremes „Flooding“ wieder ins Lot bringen lässt. Einen Versuch ist es wert. Bei der Therapie von Phobien ist „Flooding“ oft erfolgreich: Wer Angst vor Spinnen hat, wird den Viechern so lange und so massiv ausgesetzt, bis seine oder ihre Angst aufhört. Vielleicht klappt das verbal bei Corona ja auch und dann fühlt man sich besser und ist auf Dauer richtig schön gegen das Wort abgestumpft. Die Kombinationen, die dauernd auf uns einprasseln, kann man ohnehin kaum noch zählen. Allein in den kurzen WDR-Nachrichten waren es heute morgen bereits sieben, aber die standen alle schon auf meiner Liste.

Meine kleinen Sprachbetrachtungen beginnen also heute mit den Corona-Combis (sorry, Duden-Redaktion, aber es sieht mit C einfach schöner aus). Eine Woche lang habe ich mir eifrig C-Begriffe notiert – alle, die ich in unserer Tageszeitung, den Nachrichten, im Internet und in meinem Sprachgedächtnis so gefunden habe. Dass es so viele sein würden, hätte ich allerdings nicht erwartet, daher ist meine Sammlung aus Zeitmangel (oder doch eher aus Faulheit) weder vollständig noch alphabetisch, wofür ich um Nachsicht bitte. Als ich gerade fertig war (typisch!), entdeckte ich den lesenswerten Artikel von Christine Möhrs „Ein Wortnetz entspinnt sich um Corona“ (mit Mindmap und „Wortbildungsprodukten“). Dr. Möhrs ist eine Mitarbeiterin des Leibnitz-Instituts für deutsche Sprache (IDS) in Mannheim. Die IDS-Seite war für mich übrigens eine echte Entdeckung und die erste Belohnung für meine fleißige Sammelarbeit.

Corona-Besucher? (congerdesign/pixabay)

Hier kommt meine (durchaus noch ausbaufähige) Sammlung, bei der sich gleich auch einige Fragen auftun: Corona-Virus (kennen wir inzwischen zu Genüge), Corona-Ausbruch (klar, Wuhan), Corona-Welle (die erste legt sich grade, die zweite wird bestimmt noch schlimmer), Corona-Krise (weltweit, mitten drin), Corona-Party (wie früher die Masern-Partys, beides ganz und gar nicht zu empfehlen), Corona-Babys (vielleicht auch nicht zu empfehlen? aber sind das nun Kinder von Corona-Müttern oder Babys, die im Lockdown gezeugt wurden? ob es davon wohl mal viele geben wird? sinken Reproduktionsraten und Vermehrungsgelüste in Pandemien oder nehmen sie zu?), Corona-Ferien (für Kinder sicher vor allem langweilig?), Corona-Maßnahmen (heiß diskutiert), Corona-Tests (auch in den Varianten C-Antikörpertest und C-Schnelltest zu haben), Corona-Ticker (nervt jeden Abend, vor allem der Fanfarenstoß und die blöden Stachelkugeln), Corona-Abitur (die armen Schüler) Corona-Update (im NDR mit Prof. Drosten, leider nur noch zweimal die Woche), „Kekulés Corona-Kompass“ (im MRD, montags bis samstags; optisches Pech, dass Corona kein K am Anfang hat), Corona-Sprechstunde (klar, worüber die da sprechen), Corona-Briefing (mein Favorit: NDR), Corona-Mythen (viele, z.B. „gegen die Krankheit helfen heiße Bäder“, übrigens auch Sonnenbäder, außerdem Knoblauch, Ingwer, Meditieren mit Lungenkraut, hochprozentiger Alkohol sowie Spritzen und Trinken von Desinfektionsmitteln und  Haushaltsreinigern à la Donald Trump.), Corona-Lügen (z.B. „Mundschutzmasken gefährden die Menschen“, „Wir sind längst am Ende der Pandemie“), Corona-Leugner („Es gibt gar keine Viren!“), Corona-Verweigerer (ja, gibt es auch, sehr gelungen fand ich die Überschrift „Corona-Verweigerer attackieren Corona-Streife“). Es folgt eine kleine leserfreundliche Corona-Verschnaufpause mit Abschnitt, also tief durchatmen, gleich geht es weiter und wird dann auch noch persönlicher.

Corona-Paar? (congerdesign/pixabay)

Corona-Angst (leider, siehe FIP), Corona-Fatigue (ja, echt ausgeprägt), Corona-Alpträume (auch, wird besser, wenn man die Träume aufschreibt), Corona-Lockerungen (Hoffnungsfunke), Corona-Frisur (gut, dass mich keiner sieht), Corona-Schnitt (nur den Pony, sonst fällt es auf), Corona-Mattheit (s. oben), Corona-Stress (ditto), Corona-Bonds (übersteigt mein schwach ausgeprägtes Zahlenverständnis.), Corona-Anleihen (ebenso), Corona-Neuverschuldung (schlimm), Corona-Hilfen (dringend notwendig), Corona-Bonus (längst fällig, vor allem bei Pflegekräften), Corona-Verordnung (kompliziert und überall anders, ein „Flickenteppich“ halt, auch so ein nerviges Corona-Wort, dabei sind die Dinger eigentlich ganz schön und sehr gut waschbar, zum Beispiel die von IKEA), Corona-Bußgeldkatalog (auch kompliziert und überall anders), Corona-Berichterstattung (mitunter wirklich ätzend, vor allem die Talk Shows, in denen alle schlecht gelaunt durcheinander und gegeneinander reden, und die vielen Sondersendungen, die jeden Abend das Programm derart aufmischen, dass alles, was man eigentlich sehen will, später kommt als angekündigt und das Aufnehmen nicht mehr funktioniert – oder ist das bloß bei unserem blöden Recorder so?), Corona-Verdacht (stressig), Corona-Nachweis (wie kriegt man den eigentlich mitgeteilt? per Mail? per Anruf?), Corona-Opfer (noch stressiger), Corona-Notfall (lieber nicht dran denken), Corona-Abstrich (tut angeblich weh, da sehr tief), Corona-Selbstabstrich (funktioniert das überhaupt?), Corona-Hotspot (ich sage nur: Heinsberg, und zwar schon wieder!), Corona-Tracking-App (ob es die wohl irgendwann gibt?), Corona-Letalität (absolut tödlich!), coronafreie Zone (aber wo?), Corona-Rezession (schon merkbar), Corona-Star (eindeutig Andrew Cuomo), Corona-Disaster (eindeutig der derzeitige POTUS).

Corona-Baby? (congerdesign/pixabay)

Ob es wohl eines Tages Menschen gibt, die Corona so schwer traumatisiert hat, dass sie selbst als Corona-Überlebende (mit Corona-PTBS) und ihre Kinder als Corona-Kinder in die Geschichte der Psychiatrie oder Psychologie eingehen? Denkbar wären auch noch Nachcorona-Kinder (analog zu Nachkriegskindern, also zwar von Corona-Eltern, jedoch nicht während der Pandemie geboren, beides äußerst suboptimale Begriffe) und Corona-Enkel (eindeutig griffiger). Langsam geht mir jetzt die Corona-Puste aus, Corona-Überdruss und Corona-Allergie flauen ab, und nun kommt auch endlich, endlich das erhoffte erlösende Corona-Flooding. Es scheint tatsächlich zu funktionieren. Die Coronisierung der Sprache verschwimmt angenehm vor meinen Augen und Corona ist mir plötzlich sowas von egal! Schluss mit Corona! Fürs erste jedenfalls. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen von Herzen: BSg (soll es angeblich schon als Kurzformel unter Mails geben, weil MfG in Pandemiezeiten nicht mehr reicht).

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Innere Kraftorte – Die Hütte im Käuzchenwald

night globe (Drew Tilk/unsplash)

Letzte Nacht habe ich zum ersten Mal seit langem problemlos durchgeschlafen und hatte auch keine Alpträume. Ich war zwar im Traum wieder in London, aber das bin ich ohnehin oft und gern, und Corona spielte diesmal keine Rolle. Es war ein ganz normaler Traum, ein wenig verschroben wie immer und in keiner Weise bedrohlich. Mein Mann war auch da und blieb an meiner Seite. Vielleicht bin ich ja auf dem richtigen Weg? Ich habe den Traum auch gleich nach dem Aufwachen aufgeschrieben (ins Handy, weil es noch zu dunkel war für Stift und Papier), damit mein Unterbewusstsein keinen Grund mehr zur Klage hat.

Der Angst zuliebe praktiziere ich auch wieder jeden Tag „Guided Imagery“, tauche hinab in die Landschaften meines Unbewußten und versetze mich an einen meiner sicheren inneren Orte, die man zum Glück auch in Krisenmomenten noch aufsuchen kann. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass einem dort nichts, aber auch gar nichts Böses oder Schlimmes geschehen kann. Sie sind einfach nur heilende, stärkende innere Kraftquellen. Ich weiß selbst nicht, warum ich mich erst jetzt wieder darauf besinne. Aber vielleicht wollten meine Alpträume mir genau das mitteilen?

night wood (Ron Otsu/unsplash)

Gestern Abend war ich wieder in der Hütte im Wald und bin dort auch eingeschlafen. Komischerweise sieht das Haus bei jedem Besuch etwas anders aus, was offenbar von der Tageszeit abhängt. Am liebsten besuche ich es nachts, wenn ich in Wirklichkeit schon in meinem richtigen Bett liege, damit ich an beiden Orten gleichzeitig gut einschlafen kann. Nachts ist die Hütte meist aus dunklem Holz. Tagsüber kann sie auch aus Stein sein und in den Bergen oder direkt am Wasser liegen. Ihr Anblick ist immer angenehm und mit dem Gefühl verbunden, nach Hause zu kommen.

night bird (Dominik VO/unsplash)

Wenn es Nacht ist, gehe ich zuerst durch den Wald, der nach Erde, Laub, Tannennadeln und Pilzen riecht, steige dann die moosbewachsene steinerne Treppe empor und komme schon bald zur Hütte im Käuzchenwald. Der Wald heißt so wegen der vielen Eulen und Käuzchen, die draußen in den Baumhöhlen wohnen – aber auch drinnen im Haus in den Regalen. Meistens erwarten sie mich schon und fliegen lautlos voran, aber manchmal sitzen sie auch nur oben auf den Ästen, schlafen oder beobachten mich. Wenn es mir zu dunkel wird, nehme ich meine Lichtkugel in beide Hände und lasse mich von ihr leiten.

mossy stairs  (Kamarudin Mahmood/unsplash)

Durch ein hölzernes Törchen betrete ich den Garten. Manchmal huscht der Fuchs vorbei, der hier lebt. Gelegentlich sitzt er auch auf dem Dach oder auf der Mauer. Ich gehe vorbei an Sträuchern und Büschen, an kleinen Bäumen und großblütigen hellen Blumen, die im Dunkel schwach leuchten, öffne die Eingangstür und trete in den Flur.

my old clock (BFL)

Er ist leer, bis auf eine große Standuhr mit messingfarbenem Ziffernblatt. Es ist dasselbe wie das meiner eigenen Uhr, die noch von meiner Urgroßmutter stammt, und zeigt ein Tier, das ich für einen Nachtfalter halte. Ihr Ticken klingt vertraut und ist eng verbunden mit meinem Vater, der diese Uhr immer sorgfältig mit einem Schlüssel, der im Inneren des Gehäuses liegt, aufzog. Er schenkte sie mir kurz vor seinem Tod. Ich begrüße die Uhr, steige die dunkle Holztreppe hoch, die aussieht wie unsere Treppe hier im Haus, und halte mich am Geländer fest. Es fühlt sich warm und lebendig an, und dann stehe ich auch schon vor der Tür, die ins Zimmer meines Vaters führt. Hier habe ich ihn vor einiger Zeit unverhofft im Traum gefunden und danach beschlossen, sein „neues“ Haus beim Visualisieren nochmals zu besuchen und genauer zu erforschen. Seitdem war ich schon mehrmals dort.

owl hut  (Viktor Talashuk/unsplash)

Ich schaue mich jedes Mal aufmerksam um und entdecke dabei immer etwas Neues. Ich bin dankbar, dass ich auch „nach innen“ gut sehen kann. Bis zu meiner Therapie, wo mir diese Bildreisen mehr geholfen haben als alles andere, war mir überhaupt nicht bewußt, dass es Menschen gibt, die diesen Zugang zu ihren inneren Bildern nicht haben. Vielleicht braucht man dazu viel Fantasie, vielleicht muss man dazu hochsensibel sein, vielleicht muss man dafür einfach nur offen sein. Ich weiß es nicht. Ich kenne es nicht anders und habe schon als Kind meine inneren Bilder genossen wie Filme, die an mir vorüberziehen, besonders kurz vor dem Einschlafen. In der Therapie habe ich dann gelernt, sie aktiv zu erkunden. Ich habe lange nicht darüber gesprochen, weil ich die Erfahrung gemacht habe, dass mein Gegenüber damit oft nichts anfangen kann. Ich erinnere mich noch gut, wie fassungslos ich war, als die Lektorin, die mein Angstbuch betreute, meine Visualisierungen in der Therapie als „esoterisch“ abtat und komplett streichen wollte. Fast hätte mein Beharren auf meinem „esoterischen“ Kernkapitel mit der „Schwester Angst“ dazu geführt, dass mein Buch gar nicht erschienen wäre! Bis auf die etwas anderen, gedämpfteren Farben ist das Sehen beim Visualisieren ähnlich wie „richtiges“ Sehen oder das Sehen im Traum. Meine Traumfarben sind auch ziemlich gedämpft.

Mein Vater ist nie anwesend, wenn ich ihn auf diese Weise besuche, aber ich meine zu spüren, dass er noch vor kurzem da war, als habe er gerade erst das Zimmer verlassen. Ich kann noch sein Rasierwasser riechen und sehe seine Brille, Stift und Papier und seine Bücher auf dem Tisch am Fenster. Meistens hat er mir irgendetwas hingelegt als Willkommensgruß, etwa einen kleinen Stein oder eine Blüte.

almost Jinkins (Calum Lewis/unsplash)

Ich stelle mir gern vor, dass die Hütte an der Schwelle zur Anderswelt liegt. Die Wanderer zwischen den Welten können sie zwar nicht gleichzeitig besuchen, sondern nur abwechselnd, aber sie merken, wenn der andere da war. Auch ich bringe jedes Mal etwas mit, das ich meinem Vater auf die Fensterbank lege. Im Zimmer ist es so angenehm friedlich, dass ich mich meist erst eine Weile in den Sessel setze, um zur Ruhe zu kommen. Ich lasse meinen Blick über die Regale und Bilder schweifen und nicke den schläfrigen Käuzchen zu, die ich dort entdecke. Danach lege ich mich auf das Sofa, betrachte den altmodischen Lampenschirm neben den Büchern und schlafe dabei oft auch schon ein. Manchmal leisten mir die beiden längst verlorenen Katzen aus meiner Kindheit Gesellschaft, was mich immer sehr anrührt.

night bed (Annie Spratt/unsplash)

Wenn ich merke, dass keine Katze da ist und es einfach nicht klappen will mit dem Einschlafen, stehe ich wieder auf und gehe in den nächsten Raum. Die Tür ist mir erst bei einem meiner späteren Besuche aufgefallen. Der Raum dahinter liegt nicht im Wald, sondern am Meer. Er ist auch nicht mit meinem Vater verknüpft, sondern erinnert mich an das Zimmer einer Pension in Rye in Südengland, wo ich mit meinem Mann vor vielen Jahren einige Nächte verbrachte. „Jeake’s House“  war für mich ein magischer Ort, der mir schöne Träume und Nachtgeräusche schenkte und einst dem Schriftsteller Conrad Aiken gehörte. Das Bett im Seezimmer ist allerdings kein antikes Himmelbett wie das in „Jeake’s House“, sondern nur ein einfaches, großes Bett. Es sieht auch nicht immer gleich aus. Manchmal hängen Laternen an den Seiten oder meine Leuchtkugel wird zum Mondlicht auf dem Nachttisch.

moon ball (Beazy/unsplash)

Durch das offene Fenster weht angenehm frische, kühle Seeluft ins Zimmer. In der Ferne hört man das Meer und beim Morgengrauen die ersten Möwen, während auf der anderen Seite des Hauses immer noch der träumende Wald liegt. Die Lampe lässt an der Wand Schatten tanzen, und ich weiß, dass ich mich jetzt nur noch bequem auf die Seite zu drehen brauche, um ganz sicher einzuschlafen. (Beim Visualisieren liege ich meistens auf dem Rücken.) Bisher hat es immer zuverlässig geklappt, so dass ich nicht weiß, ob es nicht vielleicht noch weitere Türen gibt, weil ich das Zimmer bisher nie verlassen habe. Ab und zu höre ich hier auch noch die Stimme eines Pfaus, dessen Ruf wie Miauen klingt. Diese akustische Erinnerung stammt aus einem Urlaub in Frankreich, wo mein Mann und ich in einer alten Mühle wohnten. Ein weißer Pfau schlief auf dem Dach des gegenüberliegenden Gebäudes. Im Dunkeln schimmerte er wie ein Geist und manchmal miaute er.

Sea side (Annie Spratt/unsplash)

Hochsensible Sinne sind ein wahrer Schatz beim Visualisieren und lassen sich allesamt leicht triggern und sehr gut trainieren. Um meine eigenen inneren Bilder aktiv zu verstärken, habe ich auch diesmal nach Fotos gesucht, die meinen Fantasiegebilden so ähnlich wie möglich sind. Während der Therapie habe ich meine inneren Szenen sogar gezeichnet, was sie noch intensiver machte. Wenn ich die Bilder betrachte, präge ich mir die Einzelheiten noch genauer ein, so dass ich sie in meine Reisen mitnehmen kann, und die Gerüche des Waldes und des Gartens kann ich tagsüber gut hier im Garten oder in meinen Erinnerungen finden und sammeln. Hier gibt es viele Schattenstellen mit Farnen, Moos und Hostas. Um mir die Käuzchen besser vorstellen zu können, habe ich mir im Internet Filme angesehen. Wenn sie zahm sind, lassen sie sich gern streicheln, und seitdem fliegen sie mir auch zutraulich auf den Schoß oder auf die Schulter und schmiegen ihre Köpfchen in meine Hand. Ich hatte schon immer eine Schwäche für Nachtvögel, genau wie mein Vater, und an meinen Wänden hängen viele Eulenbilder.

moon owl (Ray Hennessy/unsplash)

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Angst und Corona – Schlafstörungen und Alpträume

Nachtwald (Alain Audet/pixabay)

Auf Englisch gibt es längst einen Namen für das nächtliche Problem, mit dem sich im Moment viele Menschen in aller Welt quälen: Corona Insomnia. Corona-Schlaflosigkeit. Manchmal ist es auch bei mir so schlimm, dass ich mich nach stundenlangem Bettwälzen morgens wie gerädert fühle. Nun hatte ich schon immer einen „leichten Schlaf“, ein Erbe meiner Mutter, die nachts mehr wachte als schlief, weil sie sich unablässig um jeden und alles sorgte. Dass es sich dabei um eine Generalisierte Angststörung handelte, war ihr nie bewußt. Es fühlte sich nicht an wie Angst, sondern wie körperliche Angespanntheit und „Sorgen“. Ich dagegen weiß sehr wohl, dass es meine Angst ist, die mich wachhält und aufweckt, und die kommt im Moment ja wirklich nicht von ungefähr.

Meine Alpträume hatte ich viele Jahre gut im Griff. Corona hat das geändert. Neuerdings habe ich sogar wieder die alten Intruder-Träume, in denen feindliche Schlägertypen in mein Haus eindringen, die Wände einreißen, die schützende Hecke im Garten gewaltsam zerstören oder auch nur bedrohlich vor der Türe herumlungern und nur darauf warten, dass ich mich endlich nach draußen traue. Manchmal haben sie sich auch heimlich meine Schlüssel beschafft. Oder die Türen stehen weit offen, ohne dass ich etwas dagegen tun kann, oder lassen sich partout nicht mehr abschließen. Diese Traummotive kenne ich nur allzu gut. Sie haben mich vor vielen Jahren so nachhaltig um den Schlaf gebracht, dass ich mich zum ersten Mal auf die Suche nach einer Therapeutin machte. Eine der besten Entscheidungen meines Lebens, wie sich bald herausstellte.

Heute horche ich genauer hin, wenn meine Träume mit mir sprechen. Wenn ich sie gerade richtig verstehe, wollen sie mir wohl deutlich machen, dass mein innerer Schutzwall wieder zu durchlässig ist, genau wie damals. Corona geht mir leider auch ziemlich unter die Haut, wie mir meine empfindsame äußere Hülle signalisiert. Mit juckenden Ekzemen und Entzündungen an den üblichen Stellen, vor allem am Hals und im Gesicht. So viele Angstsymptome. Da muss ich was machen. Höchste Zeit, meine Träume näher zu betrachten, damit sie sich wieder beruhigen können, und Nachtbilder zu suchen, die zu ihnen passen.

Nachtfalter (Ray Hennessy/unsplash)

Corona-Träume sind sehr unangenehm. Weil sie so nerven, habe ich sie gegen meine sonstige Gewohnheit seit Wochen nicht mehr aufgeschrieben, aber das haben sie mir offenbar übel genommen, daher notiere ich sie jetzt doch lieber wieder. Meine Träume sind es gewohnt, beachtet zu werden, und reagieren ziemlich ungehalten, wenn ich sie „übersehe“. Aber wenn ich mich ihnen wieder zuwende, verzeihen sie mir und belohnen mich mit schönen Bildern, um mir deutlich zu machen, dass wir wieder auf derselben Wellenlänge sind. Jedenfalls meistens. Mal sehen, was sie sich diesmal einfallen lassen. Im Moment sind sie noch sauer auf mich.

Letzte Nacht war ich im Traum mit meinem Mann in London, auf einer großen Straße, die nur so wimmelte vor Menschen. Keiner trug Mundschutz, keiner wahrte Abstand. Es war dunkel und regnete (wie so oft in meinen Träumen). Ich fühlte mich unbehaglich beim Anblick der Menschen und dachte schon beklommen an den anstehenden Rückflug. Mit all den anderen Passagieren im selben Flugzeug, und die Klimaanlage wirbelt uns dann die verbrauchte Luft auch noch immer wieder ins Gesicht. Ich war mir sicher, dass ich mich infizieren würde, und es gab gar nichts, das ich dagegen tun konnte. Dann verschwand plötzlich mein Mann von meiner Seite und das Handy funktionierte nicht mehr (passiert mir immer im Traum). Wie sollten wir einander jetzt noch finden oder auch nur erreichen? Ich wollte mich in ein Museum retten, weil ich dachte, dort gäbe es sicher genug Platz. Aber weit gefehlt, im Foyer hielt gerade jemand einen Vortrag, und überall waren Menschen. Alle ohne Sicherheitsabstand und Mundschutz. Höchste Zeit, wach zu werden.

Vorletzte Nacht versetzte mich ein bedrohlicher Fremder im Traum so in Panik, dass ich wach wurde. Auch er trug keinen Mundschutz und kam mir gefährlich nahe, obwohl ich ihn mit beiden Händen abwehrte und immer weiter zurückwich, bis ich förmlich mit dem Rücken an der Wand stand, nur um mir dann grinsend mitzuteilen, dass er gerade mehrere Tage auf einer Konferenz mit lauter infizierten Virologen (!) verbracht habe. Er habe sich dabei auch infiziert, aber das schien ihn nicht weiter zu stören. „Jetzt steckt er mich an!“ blitzte es mir durch den Kopf. Eine ganz neue Art von „Eindringling“ und übergrifflicher Gewalt, mit der ich noch umzugehen lernen muss.

Einige Tage zuvor fand ich mich im Traum in einem riesigen überfüllten Krankenhaus wieder, auf der Suche nach meinem verschwundenen Mann, so dass ich nicht mal fliehen konnte, weil ich ihn ja verzweifelt suchte. Im Flur war die Luft zum Schneiden dick, man konnte kaum atmen, und überall saßen Corona-Kranke, die laut husteten, mehr tot als lebendig wirkten und mit langen Armen nach mir griffen, um mich zu packen und festzuhalten. Ein gruseliger Flur wie in einem Horrorfilm. Wieder wurde ich wach. Leider ohne meinen Mann im Traum gefunden zu haben. Zu meiner Erleichterung hörte ich ihn neben mir atmen und entkrampfte mich wieder. Überhaupt verliere ich ihn neuerdings dauernd im Traum, und auch das macht mir zu schaffen. Ist das jetzt nur meine „normale“ Angst oder etwa irgendeine düstere Vorahnung? Verlustangst und Corona-Angst sind keine gute Kombination. Dass ich gelegentlich prophetische Träume habe, trägt auch nicht gerade zu meiner Beruhigung bei. Ob es wirklich eine Vorahnung war, weiß man immer erst nachher. Hoffentlich nicht!

Nachthaus (cocoparisienne/pixabay)

Corona-Alpträume haben im Moment viele Menschen, tröstet mich das Internet. Auch da bin ich alles andere als allein. Wir befinden uns schließlich weltweit im Ausnahmezustand, sind machtlos und fremdbestimmt einem völlig neuen Problem ausgeliefert, mit dem wir nicht umgehen können, und werden gerade gleich massenweise traumatisiert. Vor allem die Kinder. Es gibt Kinder, die stundenlang weinen, weil sie Angst haben, dass jetzt alle an Corona sterben. Kinder, die so schlimme Angst haben, dass sie mit einem Mal nicht mehr allein auf Toilette gehen wollen, und ihre Mutter bitten, mitzukommen und ihnen die Hand zu halten. Große Kinder, die plötzlich dauernd auf den Schoß steigen und kuscheln wollen, die an ihren Eltern hängen wie die Kletten. Ich kann sie so gut verstehen. Wahrscheinlich haben auch sie nachts Alpträume.

Wir fühlen uns bedroht, unser Leben ist auf den Kopf gestellt, wir haben Angst umeinander und voreinander, fühlen uns einsam und abgeschnitten, die Zukunft ist wie ein undurchdringlicher Nebel. Nicht nur Menschen mit Angstneigung bringt das um den dringend nötigen Schlaf. Schlafstörungen sind auch so ein häufiges Problem. Ich hatte als Kind starke Angst vor dem Bett und vor der Nacht, denn ich wußte ja, was mich da erwartete. Jetzt kommt diese Angst zurück. Ich bin wieder das kleine Mädchen, das nicht ins Bett will, weil da doch nur Gefahr lauert.

Nachtlichter (enriquelopezgarre/pixabay)

Ich schlafe nur schwer ein, obwohl mein Mann mir jeden Abend fürsorglich vorliest, und oft werde ich mitten in der Nacht plötzlich mit rasendem Herzen wach, weil ich einen Alptraum hatte, weil mir zu heiß ist oder einfach so, ohne einen für mich ersichtlichen Grund. Und dann kann ich nur mit Mühe wieder einschlafen. Ich weiß, dass man in diesem Zustand wegen des „blauen Lichts“ nicht zum Handy greifen sollte, aber meistens mache ich es dann nach einer Stunde Wachsein und Wälzen doch und lese Zeitung, bis ich müde werde. Als erstes werden die Augen müde, denn das Starren auf das Handy-Display ist anstrengend. Seit ich einen beleuchteten kindle habe, kann ich zum Glück „richtig“ lesen. Gestern habe ich mir das „Mabinogion“ und ein altes Buch mit Haikus heruntergeladen, weil ich mich bei Angst gern in alte Mythen und japanische Gedichte flüchte. Hat sich in der Vergangenheit häufig bewährt. Am besten sind eigentlich extrem langweilige oder schwierige Bücher, bei denen man schon nach drei Seiten so erschöpft ist, dass man zu gähnen beginnt. Während meines Studiums eigneten sich dazu am besten Philosophiebücher, aber mit dem Seienden im Seienden oder dem kathegorischen Imperativ will ich mich jetzt nicht auch noch nachts rumschlagen. Dann doch lieber Mythen.

Zum Glück gibt es auch nachts noch sichere Orte, an die ich gehen kann, um endlich Ruhe und Frieden zu finden, zum Beispiel in die Hütte im Käuzchenwald, das Schlafzimmer am Meer und den Garten zwischen den Mauern, und auch die Übungen zur Muskelentspannung helfen. Aber darüber mehr im nächsten Beitrag.

Nachtfalter (stergo/pixabay)

 

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Farbenfrohes in trüben Zeiten – Niederrhein Rocks (2)

Seit meinem ersten Beitrag über die „Niederrhein Rocks“, der noch gar nicht so lange zurückliegt, hat sich in der Gruppe so viel getan, dass ich der Versuchung nicht widerstehen kann, noch ein paar mehr wandernde und ausgewilderte Steine zu zeigen. Die Wahl fällt mir wieder richtig schwer, zumal ich jeden Morgen neue kleine Kunstwerke auf der Seite entdecke.

Inzwischen hat die Gruppe bereits über sechstausend Mitglieder, die überaus aktiv und kreativ sind. Auch diesmal habe ich bei meiner „Präsentation“ kein wirkliches Konzept, sondern wähle einfach nur aus, was für meinen Blick spontan gut zueinander paßt. Schade, dass ich so weit weg wohne, sonst hätte ich bestimmt längst einige Steine adoptiert und hier im Garten ausgelegt. Am Sonntag habe ich mich übrigens tatsächlich selbst mal wieder hingesetzt und Steine bemalt. Seit einigen Jahren habe ich eine Steinspirale vor meinem Haselbusch. Wenn die Farben verschwunden sind, bemale ich die Steine wieder neu. Diesmal zum ersten Mal auch mit Gold. Jetzt leuchten sie in der Sonne.

Die Rocks haben in den letzten Monaten und vor allem während des Lockdowns sicher viele Menschen erfreut, überrascht und getröstet. So fand eine Frau an dem Tag, als ihr Hund eingeschläfert werden musste, auf dem traurigen Nachhauseweg vom Tierarzt gleich zwei Troststeine und konnte ganz kurz wieder ein bisschen lächeln.  Übrigens werden nicht alle Steine ausgewildert, etliche werden auch ganz gezielt verschenkt, für bestimmte Personen gestaltet oder nach Wunsch individuell bemalt.

Ein echter Renner sind die sogenannten „Müttersteine“, bei denen das erste Einzelstück, das in der Hebammenpraxis lag, beim Posten auf der fb-Seite so vielen werdenden Müttern gefiel, dass die Malerin erneut zur Tat schritt und der Stein „in Serie“ ging. Besonders anrührend finde ich übrigens die Sternenkindersteine, die von trauernden Eltern auf das Grab ihres verstorbenen Kindes gelegt werden können. Dazu gibt es einige sehr bewegende Geschichten.

Die meisten Steine werden so „versteckt“, dass man sie mit dem richtigen Blick bald findet, wobei vor allem darauf geachtet wird, dass auch Kinder sie gut sehen können. Und so liegen die Rocks malerisch auf Fensterbänken, Mauerkronen, Briefkästen, auf Bänken, Baumstümpfen, in Astgabelungen und Astlöchern, auf Hydranten, Schildern und Weidenpfählen, zwischen anderen Steinen, in Blumembeeten, vor Haustüren, auf Brunneneinfassungen, unter Bäumen, an Laternen oder unter Brücken.

Besonders Kindern, die ja in diesem Jahr vielerorts auf die Ostereiersuche verzichten mussten, machen die Rocks Riesenspaß. Nicht nur beim Finden und Bemalen gibt es viele kleine Fans, sondern auch beim Verstecken. So erfuhr ich von einer gewissen kleinen Enkelin namens Paula, der das Auswildern so gut gefällt, dass sie sich einen Teil von Omas Steinevorrat einfach geklaut hat und nun jeden Tag selbst aktiv auswildert. Das Prinzip hat sie trotz ihres zarten Alters sofort erfaßt. In der Nachbarschaft ist sie bereits eine richtige kleine Berühmtheit.

Danke an die vielen Malerinnen und Maler (ja, es gibt auch Männer in der Gruppe!), die so viel Freude und Zeit in ihre Werke stecken und mir für heute ihre Steine „geliehen“ haben.

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Süchtig nach Schneeglöckchen (Simone Garland)

Little Darlings  (Simone Garland)

In Ontario ist der Frühling in diesem Jahr zwar zeitig, doch es ist immer noch kalt. Heute, am Ostermontag, sind dort  -6°, und nachts fallen die Temperatur leicht bis zu -14°. Kein Wunder, dass die Schneeglöckchen (Galanthus nivalis) dort später blühen als bei uns, obwohl sie inzwischen auch in Kanada anderen Frühlingsboten Platz gemacht haben. Der Gattungsname Galanthus stammt übrigens aus dem Griechischen und bedeutet Milchblume (abgeleitet von gala, Milch und anthos, Blüte). Nivalis  bedeutet schneeweiß und bezieht sich daher gleich doppelt auf die Blütenfarbe. Meine Freundin Simone schreibt, dass die kleinen Glöckchen in Kanada gerade erst abgeblüht sind und jetzt die Scilla (Blausterne) und Hyazinthen blühen.

Ich mag Schneeglöckchen sehr gern. Ich habe eine uralte Hasenvase aus feinem Porzellan, in der ich die ersten aus unserem Garten immer hier ins Wohnzimmer hole. Sie verströmen einen angenehm zarten, an Honig erinnernden Duft, welken aber leider sehr schnell, so dass ich jedesmal ein schlechtes Gewissen habe, weil ich sie nicht draußen gelassen habe. Auch Schneeglöckchen sind giftig. Das in ihnen enthaltene Alkaloid Galanthamin wird sogar als Medikament gegen Demenzerkrankungen eingesetzt und soll vor allem im frühen Stadium die Krankheit verlangsamen und die Gehirnleistung verbessern, auch wenn die Nebenwirkungen oft nicht angenehm sind.

Snowdrops (Simone Garland)

Hier in Deutschland sind die bekannten „Nettetaler Schneeglöckchentage“ inzwischen umgezogen und finden seit 2019 Mitte Februar in Knechtsteden statt. Eine Bekannte von mir wünscht sich jedes Jahr ein besonderes Galanthus-Exemplar zum Geburtstag. Das kann dann durchaus (natürlich pro Stück!) 50 Euro kosten, doch weil es ihr ausdrücklicher Geburtstagswunsch ist, sieht man es ihr nach. Sie ist halt ein bisschen verrückt, wenn es um Schneeglöckchen und Gartenpflanzen geht. Dabei ist sie nur eine überaus vorsichtige Sammlerin, kein Vergleich zu den wirklich Süchtigen! Ich kann sie gut verstehen und bleibe den „Schneeglöckchen Tagen“ daher aus Kostengründen lieber fern.

Besonders in England gibt es zahlreiche „Galanthophile“, die sich ihre Liebe zu den unscheinbaren Blühern einiges kosten lassen. Auf einer „Galanthus-Gala“ bezahlen Sammler für ein Exemplar der Sorte „Flacon de Neige“ ohne mit der Wimper zu zucken 260 Euro, für „E.A. Bowles“ um die 350 Euro, und ein einziges Exemplar von „Elizabeth Harrison“ hat sich ein Hardcore Fan 2012 sogar stolze 1.000 Euro kosten lassen. Wer hätte gedacht, dass die unscheinbaren Winzlinge so wertvoll sind! Man kauft sie allerdings besser im blühenden Zustand, damit man nicht etwa die Katze im Sack oder das Glöckchen in der Zwiebel kauft.

Schneeglöckchen an Osterei (Simone Garland)

Ich muss gestehen, dass ich (noch) wenig Ahnung von den verschiedenen Galanthus-Sorten habe, obwohl ich immerhin drei Varianten im Garten beherberge (aber es gibt an die Tausend!). Ich habe dummerweise vergessen, welche wo steht, und erkenne sie nur daran, dass sie verschieden hoch sind und zu unterschiedlichen Zeiten blühen. Daher nenne ich sie einfach „normales“, „großes“ und „spätes“ Schneeglöckchen, und alle drei dürfen sich natürlich frei verwildern, so dass wir schon früh im Jahr überall kleine und große Tuffs bewundern können.

Spezialisten können die kleinen Blüher natürlich auf einen Blick unterscheiden, etwa an der Färbung (es gibt sogar welche mit Gelbtönen!), den Zeichnungen und Markierungen (es gibt auch welche ganz ohne), der Größe (zwischen 5 und 25 cm), der Anzahl, Anordnung und Form der „Röckchen“ (rund oder spitz, verschieden weit abstehend bis hin zu reiner Tropfenform). Gefüllte Varianten und herbstblühende gibt es auch. Eine der frühesten Sorten trägt den lustigen Namen „Ding Dong“. Das Schneeglöckchen, das viele Namen hat (u.a. Schneedurchstecher, Schneeblümlein, Schneetröpfli, Frostglöckchen, Frühlingsglöckchen, Weiße Jungfrau) ist auf vielen Gemälden und Zeichnungen, in der Literatur und in Liedern und Musikstücken verewigt. In einer Vertonung von Schubert heißt es „das schöne blasse Kind“.

Naturbelassen (Simone Garland)

Möglicherweise spielt das Blümchen sogar in der „Odyssee“ eine kleine, aber wichtige Rolle. So soll Odysseus seine Männer mit einem Schneeglöckchen-Trank vom Zauber der Circe befreit haben. Doch möglicherweise war damit auch eine ganz andere Blume, nämlich die Zierlauchart Allium Moly, gemeint. Der Text ist da etwas widersprüchlich. Homer nennt sie zwar Moly, doch Moly blüht gelb. Im Text steht aber ausdrücklich, dass sie milchweiß blüht, daher weiß man es nicht so genau. Mir gefällt natürlich die Schneeglöckchenversion besser. So ein winziges Pflänzchen liefert das Gegengift zu einem so mächtigen Zauber!

Es gibt auch Legenden, die sich um diese Blume ranken. Als Gott den Schnee erschuf, gab er ihm keine Farbe, was den Schnee betrübte, daher fragte er bei den Blumen an, ob sie ihm von ihrer Farbe abgeben würden. Nur das Schneeglöckchen war bereit, mit ihm zu teilen. Daher kommt es, dass der Schnee nur das Schneeglöckchen in seiner Nähe duldet. Eine andere Legende erzählt, daß Adam und Eva nach der Vertreibung aus dem Paradies während eines harten Winters in einer Schneelandschaft weinten und Gott einen Engel schickte, der die Flocken in winzige Blüten verwandelte. In einer weiteren Version weinte Eva Tränen der Reue, und aus ihren Tränen entstanden Schneeglöckchen.

Ein weiterer alter Name der  Blume lautet Lichtmess-Glöckchen, was auf ein längst vergessenes Ritual zurückgeht. Früher wurden in den katholischen Kirchen zu „Maria Lichtmess“ im Februar Schneeglöckchen als Sinnbild der Reinheit auf den Altar gestreut. Ich mag das Fest. An diesem Tag ging meine Oma mit mir in die Kirche, und wir ließen für die ganze Familie die Kerzen segnen. Darüber habe ich auch schon in diesem Blog geschrieben. Damals pflegten noch viele Familien Kerzen anzuzünden, für Unwetter und Gewitter gab es sogar eine ganz besondere, schwarze Kerze. Heute sind diese Gewitterkerzen nur noch schwer zu bekommen, aber ich habe voriges Jahr in Kevelaer welche gesehen.

Gewächshaus mit Gärtnern und Glöckchen (Simone Garland)

Das kleine Gewächshaus, in dem am Frühlingsanfang auch immer ein Töpfchen mit Schneeglöckchen steht, bekommt in Simones Haus jedes Jahr einen Ehrenplatz am Eingang und wird mit den Blumen bestückt, die gerade blühen. Als erstes kommen natürlich die Snowdrops, wie sie auf Englisch heißen. Zu den Holzfiguren aus dem Erzgebirge hat Simone einen ganz besonderen Bezug, denn die hat ihr Opa selbst auf einer Drehbank gemacht und auch selbst bemalt. Dargestellt sind Oma und Opa als Gärtnerin und Gärtner. Simone bekam sie als Erinnerung von ihm, als sie 1986 aus der DDR nach Kanada auswanderte. Die Großeltern hat sie danach leider nur noch wenige Male wiedergesehen, aber die schöne Erinnerung bleibt. In Opas Garten hatte die kleine Simone ein eigenes Beet, auf dem sie anpflanzen durfte, was sie wollte. Vielleicht wurzelt ja dort ihre große Liebe zu den Blumen und zur Natur?

Schneetröpfchen (Simone Garland)

 

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Osterglocken und Narzissen (Anni Hansen)

Narzissenwiese (Anni Hansen)

Fast alle Frühlingsblumen erschienen in diesem Jahr viel früher als sonst, und die meisten sind leider schon längst wieder verblüht. Hier im Garten kann man nur noch einige „Thalia“, spätblühende weiße Engelstränen-Narzissen, bewundern. Die meisten meiner Narzissen wachsen in Töpfen und Schalen, bald werde ich die Zwiebeln wieder aus dem Boden nehmen, an einer kühlen, dunklen Stelle überwintern und im nächsten Herbst wieder einpflanzen. Ich habe inzwischen eine kleine Sammlung – vor allem englische Zwergnarzissen mit wohlklingenden Namen wie „Rip van Winkle“, „Jack Snype“ und „Peeping Tom“.

Narzissen (der Name geht auf das griechische Wort narkein, betäuben, zurück), zu denen auch die gelb blühenden Osterglocken zählen, gehören nicht nur zu den beliebtesten Frühlingsblumen, sondern sicher auch zu den geheimnisvollsten. Lange vor unserer Zeit wurden sie bereits als Blumenschmuck genutzt, so fand man in einem altägyptischen Grab einen Kranz aus weißblühenden „Tazetten“, eine besondere Art von Narzissen mit mehreren büschelförmig wachsenden Blüten. Zudem begegnet man ihnen in alten Buchmalereien,  auf den Wandgemälden in Pompeji und auf mittelalterlichen Bildern, vor allem aber in der Dichtung und Mythologie, etwa dem Mythos von Demeter und Persephone.

Narzissen am Wasser (Anni Hansen)

Wenn sich die ersten Blumen zeigen, kehrt die junge Persephone aus der dunklen Unterwelt zurück zu ihrer Mutter Demeter. Das Mädchen Persephone ist gleich doppelt mit den Narzissen verbunden. So künden diese Blumen nicht nur von ihrer Rückkehr, sie waren auch der Köder, mit dem Hades, der Herrscher der Unterwelt, das junge Mädchen in seine Gewalt brachte. Er hatte sich in sie verliebt, wußte jedoch, dass sie ihm nicht freiwillig in sein dunkles Reich folgen würde. Als sie eines Tages mit ihren Freundinnen Blumen pflückte und sich gerade über eine betörend duftende Narzisse mit vielen Blüten beugte, stieg Hades plötzlich aus der Unterwelt empor, ergriff sie und entführte sie.

Ihre verzweifelte Mutter, die Fruchtbarkeitsgöttin Demeter, wanderte klagend umher und suchte nach ihrer Tochter, konnte sie aber nirgends finden. Da wurde sie so traurig, dass sie den Pflanzen zu wachsen verbot, den Bäumen untersagte, Früchte zu tragen, und den Tieren, sich zu vermehren. Als alles verdorrte und die Menschen anfingen zu sterben, fürchteten die anderen Götter, die Erde würde vergehen, und Zeus befahl Hades, Persephone zumindest zeitweise freizulassen. So darf sie nun einen Teil des Jahres bei ihrer Mutter auf der Erde verbringen, in der restlichen Zeit lebt sie in der Unterwelt als Königin der Toten. Während ihrer Abwesenheit herrschen auf der Erde Winter und tiefe Trauer, doch wenn sie im Frühling zu ihrer Mutter zurückkehrt, beginnt die Natur wieder zu blühen und hüllt sich ihr zu Ehren in ihr schönstes Freudenkleid.

Narzissenpracht  (Anni Hansen)

Narzissen sind leider giftig, unter anderem enthalten sie Alkaloide wie Narcissin und Narcipoetin, und ihr Schleim kann empfindliche Haut so reizen, dass man eine Kontaktallergie entwickelt, die „Narzissendermatitis“. Man kann sie in der Vase auch nur schlecht mit anderen Blumen kombinieren, da die meisten Blumen ihren Schleim nicht vertragen. Ich wundere mich oft, dass ich gegen Narzissen und auch Efeu gar nicht allergisch bin, allerdings vertrage ich keinerlei Berührung mit Raublattgewächsen.

In der chinesischen Kultur gelten Narzissen als Glückssymbol, in der islamischen Welt haben sie Augen (besonders die weißen Dichternarzissen mit der auffälligen Nebenkrone in der Mitte), in christlichen Darstellungen sieht man sie sogar unter dem Kreuz blühen, vielleicht sind sie dort ein Zeichen der Wiedergeburt.

Frühlingserwachen (Anni Hansen)

In der Antike waren die Narzissen außerdem eng mit dem Jüngling Narziss (Narcissus, Narkissos) verknüpft, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte, das er auf der Oberfläche eines Sees erblickte. Es gibt unterschiedliche Versionen, wie er zu Tode kam.   Eine Geschichte erzählt, dass er bei dem Versuch, sich selbst zu umarmen, ertrank. Eine andere, dass er versuchte, nach seinem Spiegelbild zu greifen, dabei Wellen entstanden und das Spiegelbild sich so sehr verzerrte, dass es häßlich wurde. Aus Verzweiflung darüber stürzte er sich in die Fluten. Mir gefällt die ersten Version besser.

Übrigens war er nicht allein. Die Nymphe Echo, die sich unsterblich in den schönen Jüngling verliebt hatte, jedoch von ihm abgewiesen und verhöhnt worden war, weil sie aufgrund eines Fluchs, der auf ihr lastete, immer nur die letzten Worte von anderen wiederholen konnte, trauerte so sehr um ihn, dass sie dahinsiechte, sich in Stein verwandelte und am Ende nur ihre Stimme übrig blieb. Das Echo, das von den Felsen widerhallt. Doch auch der schöne Jüngling verschwand nicht ganz. An der Stelle, wo sein Körper gelegen hatte, nachdem man ihn aus dem Wasser gezogen hatte, wuchs später eine wunderschöne Narzisse. Der Beschreibung nach war es eine duftende weiße Dichternarzisse.

Dancing in the Breeze (Anni Hansen)

In Annis Bildern, die alle in ihrer Heimatstadt Lübeck aufgenommen wurden, kann ich nicht nur richtig in Narzissen schwelgen, sie erinnern mich auch sofort an die wunderbaren Nazissenbänke in Cambridge, die ich so liebe, und an das Gedicht von William Wordsworth „Daffodils“. Sein Haus habe ich vor einigen Jahren in England besucht, aber leider nicht, als die Daffodils blühten. Genau wie Lübeck. Ich war schon oft dort, aber noch nie zur Narzissenzeit. Irgendwann muss ich beides unbedingt nachholen. Und vielleicht lerne ich dabei auch endlich meine ferne Freundin Anni und ihre Katzen persönlich kennen.

 

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Hoffnungsvoll – Kleine Schönheiten (Ulli Jung)

Traubenhyazinte (Ulli Jung)

In den nächsten Tagen möchte ich einige große und kleine Blumenstars aus dieser Jahreszeit zeigen, die sich auch von Corona nicht beirren läßt und gerade in ihren schönsten Farben erstrahlt. Die Bilder stammen von Andy, Anni, Simone und Ulli, die ich seit mehr als vier Jahren kenne. Zum ersten Mal begegnet bin ich ihnen in einer Foto-Facebook-Gruppe, doch schon bald wurden wir ferne „Freunde und Freundinnen“.

Ich habe die vier noch nie persönlich getroffen, und doch haben wir fast täglich Kontakt, schauen immer mal wieder kurz beieinander vorbei und nehmen teil am Leben der anderen, den Sorgen und Verlusten, den Hoffnungen, Glücksmomenten und Freuden. Dass derartige virtuelle Treffen überhaupt möglich sind, gehört für mich zu den besonderen Wundern unserer Zeit. Durch das Internet werden Entfernungen außer Kraft gesetzt, Menschen können mühelos sekundenschnell durch verschiedene Zeitzonen reisen und in Windeseile Städte, Berge, Flüsse und Meere überfliegen.

Die Bilder kommen aus unterschiedlichen Orten im Norden und Süden Deutschlands und sogar aus Kanada. Zunächst wollte ich alle Bilder in einem gemeinsamen Beitrag zeigen, doch dann habe ich entschieden, mehrere Beiträge zu machen. Die Blumen sind einfach zu schön, und jedes Bild verdient es, genauer und in Ruhe für sich betrachtet zu werden.

Zarte Glöckchen  (Ulli Jung)

Die ersten drei Bilder sind von Ulli Jung. Sie lebt in Hamburg und probiert mit ihren Kameras und Objektiven immer wieder Neues aus. Sie experimentiert ausgesprochen gern, „malt“ mit Formen und Farben und beschreitet oft auch ungewöhnliche Wege. Eine Zeitlang erschuf sie fantasievolle, surreale Collagen, die aus anderen Welten zu stammen schienen und in meinem Kopf gleich Geschichten entstehen ließen. Einmal hat sie für mich auf facebook eindrucksvolle Bilder zu meiner Beitragsserie über Träume gemacht.

Momentan hat sie sich auf Macro-Aufnahmen spezialisiert und spürt den ganz kleinen Motiven nach, an denen so viele achtlos vorübergehen. Wenn es sein muss, robbt sie dazu sogar bäuchlings über Wiesen. Am liebsten nachmittags, wenn der Boden nicht mehr ganz so kalt ist.

Daisy (Ulli Jung)

Vor kurzem hat Ulli eine Foto-Serie nur mit Gänseblümchen gemacht, einer zu Unrecht oft übersehenen Blume, die ich besonders liebe. Mir gefällt auch der englische Name: Daisy. Als Kind bin ich zu Hause oft rasch auf den Rasen gelaufen und habe möglichst viele Daisies gerettet, bevor der Rasenmäher sie abschnitt. Ich hatte (und habe) sogar mehrere Väschen für diese Winzlinge.

Letztes Jahr erwischte mich ein Bekannter dabei, wie ich zwei Tütchen mit Gänseblümchensamen verstreute. „Ich seh‘ wohl nicht richtig? Du säst Gänseblümchen? In euren RASEN?“ Ja, mache ich. Natürlich nur auf den Rasen im hinteren Teil des Gartens, denn der gehört mir und ist entsprechend „unordentlich“ und voller Wildblumen. Im vorderen Gartenteil wächst der richtige Rasen. Der sieht ziemlich so aus, wie ein Rasen aussehen sollte und wird auch regelmäßig gedüngt und vertikutiert.

Wenn sich die Gänseblümchen dorthin verirren (und das tun sie dauernd) grabe ich sie vorsichtig aus und pflanze sie hinten wieder ein. Genau wie die Vergißmeinnicht. Die braucht man nur wieder an anderer Stelle in ein bisschen Erde zu setzen, dann wurzeln sie unverdrossen weiter. Das würde ich am liebsten auch mit Löwenzahn machen. Wenn der nur nicht so lange Wurzeln hätte! Die gehen mir beim Ausbuddeln immer kaputt. Löwenzahn fasziniert mich, weil er so wandelbar ist. Und er ist in jeder Phase auf andere Weise schön. Vielleicht sollte ich ihm mal einen ganzen Beitrag widmen?

 

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Kölner Westen – Kleiner Ausflug und Abendlieder

Dass der Virologe und SARS-Experte Prof. Christian Drosten gerade allen Ernstes erwägen muss, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen, weil er angefeindet wird, als Karikaturfigur verunglimpft und dazu auch noch für den Tod des hessischen Finanzministers verantwortlich gemacht wird, kann ich nicht fassen. Diese ruhige Stimme der Wissenschaft und Vernunft, die uns seit einigen Wochen täglich so viele wertvolle, aktuelle und angstfreie  Informationen gibt, halte ich für unverzichtbar. Für mich ist er jedenfalls von montags bis freitags das Highlight des Tages. Heute (Mittwoch, 1. April) konnte er leider nicht sprechen, weil er erkältet ist. Eine Nachricht, die mich jetzt richtig erschreckt. Ich hoffe inständig, dass er bald wieder ganz gesund ist! Dass es nichts Schlimmes ist! Und dass er weitermacht! Für mich ist dies der beste Podcast, den ich je gehört habe. 20 Millionen Abrufe verzeichnet die Sendung inzwischen, man hört sie in vielen Ländern, und es gibt auch schon Bitten, die Beiträge übersetzen zu lassen. Doch wie schwierig das ist, kann ich mir als Übersetzerin lebhaft vorstellen.

Experiment mit Gott (BFL)

Letzten Montag haben wir einen kurzen Spaziergang durch Weiden gemacht.  Leider fing es plötzlich an, heftig zu hageln, so dass wir an der Kirche kehrt machen mussten. Auf unserem Weg fielen mir viele Veränderungen auf, etwa das große bunte Regenbogenbild am Zaun der Clarenhofschule, das mit Kreide geschriebene Bibelzitat auf dem Bürgersteig vor der Evangelischen Kirche und die Briefumschläge, die am Aushang hingen. „Experiment mit Gott“ stand darauf. (Die online-Beiträge in „Oasenworte in Wüstentagen“ auf der Homepage der Evangelischen Kirche werden übrigens von Tag zu Tag umfangreicher, so dass zumindest die Gläubigen mit Internetzugang dort Trost finden und vertraute Stimmen hören können.)

Blüte (BFL)

Die Natur im Kirchengarten blüht und sprießt natürlich unverdrossen weiter, und an den weiß gestrichenen Stämmen der kleinen Straßenbäume blühen rosa Blüten. Der Frühling läßt sich durch ein paar Hagelschauer und Nachtfröste nicht beirren. Der grimmige Mose rechts neben dem Kircheneingang schaut genauso unwirsch wie immer, aber weil er mir leid tat, wie er so ganz allein im Hagel stand und auf den leeren Säulengang starrte, habe ich ihm kurz meinen Schirm geliehen. Über der Eingangstür leuchtet jetzt übrigens wieder der große Herrnhuter Stern, der sonst nur in der Advents- und Weihnachtszeit aufgehängt wird. Das warme Gelb ist tröstlich. Unser eigener, viel kleinerer Stern hängt übrigens auch noch hier im Garten.

Mose im Hagel (BFL)

Mit Schrecken las ich gestern Abend einen Artikel über einen Chor in den USA, der Anfang März die letzte Chorprobe in einer Kirche abhielt. Alle freuten sich über das Treffen, alle fühlten sich gesund, keiner hatte Symptome. Alle Vorsichtsmaßnahmen wurden eingehalten, man wahrte genug Abstand, es wurden keine Hände geschüttelt, jeder hatte seine oder ihre eigenen Notenblätter mitgebracht. Dann sangen alle gemeinsam. Eine Stunde lang. Viele schöne Lieder. Die Chorprobe machte allen Anwesenden Freude, es tat gut, sich in diesen dunklen Tagen zu sehen und zusammen zu singen. Doch jetzt, drei Wochen später, sind 49 der 60 Chormitglieder an Covid19 erkrankt, mehrere liegen im Krankenhaus, und zwei sind bereits an der Krankheit verstorben.

Reserviert für den Chor (BFL)

Wie gut, denke ich erleichtert, dass der Abendgottesdienst am 15. März nicht stattgefunden hat. Mein Mann hatte an diesem Abend Küsterdienst, alles war vorbereitet, und die ersten drei Reihen auf beiden Seiten waren für unsere Kantorei abgetrennt. Dahinter wären mehrere Reihen frei geblieben. Ein guter Freund von mir ist Mitglied der Kantorei, auch er wäre dort gewesen, und ich hatte mich schon darauf gefreut, ihn zu sehen. Es hätte zwar genug Abstand zwischen den Stuhlreihen gegeben, doch die Sänger und Sängerinnen wären sehr wahrscheinlich trotzdem nicht gut genug geschützt gewesen. Wenn man laut und kräftig singt, ist die Luft um einen herum voller Aerosole, und die Umstehenden atmen diese verwirbelte Luft ein. Es reicht offenbar, wenn nur eine Person infiziert ist, auch wenn sie selbst nichts davon spürt und völlig symptomfrei ist. Wie gut, dass der Gottesdienst so kurzfristig abgesagt wurde, auch wenn es sich damals so falsch anfühlte. Und wie grausam, dass etwas so Schönes und Kostbares wie gemeinsames Singen und Umarmen im Moment lebensgefährlich ist. Dieses Virus ist überall, macht keinen Unterschied,  behandelt alle gleich. Ganz egal, wo wir leben, ganz egal, wer wir sind. Es überwindet alle Grenzen, dringt durch alle Ritzen und verbreitet sich in Windeseile um den Erdball. Es zwingt uns, alles zu stoppen, im Guten wie im Schlechten. Wir sind gezwungen, unser Leben auf Null herunterzufahren und zu warten, bis der böse Spuk vorbei ist. Und das kann dauern. Die Zahlen der Infizierten steigen. Die Zahlen der Verstorbenen auch. Heute liegen wir in Deutschland schon bei über 73.000 Infizierten (ohne Dunkelziffer), über 800 Toten und über 19.000 Genesenen (Quelle: nov2019.live). Und Trump hat es tatsächlich geschafft. In allen drei Sparten. America first. Jetzt stimmt es wirklich. Ein bitterer Triumph. Sogar für jemanden wie Trump.

Aushangkasten (BFL)

Was mir auffällt: Ich sehe noch mehr Menschen mit Mundschutz auf den Straßen, lese noch mehr über die Vorteile dieser Vorsorge (für andere), habe mich mit einem Freund in Japan ausgetauscht, wo man an Atemschutzmasken gewöhnt ist. Langsam verändert sich meine Wahrnehmung. Einmal habe ich schon so einen Mundschutz getragen. Es war gar nicht so einfach. Das Atmen gegen Widerstand fiel mir nach einer halben Stunde schwer, unter dem Stoff war es warm und ungemütlich. Und dann wurde das Material langsam feucht. Schön war das nicht. Vor ein paar Tagen habe ich ernsthaft angefangen, für uns einen kleinen Vorrat zusammenzutragen. Aus unterschiedlichen Quellen. Hier in Weiden gibt es gleich mehrere Frauen, die solche Masken nähen, einige sind großzügig und verschenken sie, andere verkaufen sie. Zu sehr unterschiedlichen Preisen. Ich weiß, dass es viel Arbeit macht, so eine Maske zu nähen, und wie schon so oft bedauere ich, dass mir dazu das Talent fehlt, obwohl ich mütterlicherweits aus einer Schneiderfamilie komme. Schade, dass ich das Schneidergen so gar nicht geerbt habe. Ins Center sind wir bei unserem letzten kleinen Ausflug nicht gegangen, nur in die Apotheke. Mich deprimieren die leeren Gänge und verschlossenen Läden. Alles wirkt so ausgestorben. Auch die Bahn war wieder menschenleer.

Allein in der Nacht (unsplash)

Nach wie vor wird hier in Weiden abends um 21:00 Uhr ein Lied gesungen, über das im Laufe des Tages abgestimmt wird. In den großen Wohnblöcken singen viele Menschen mit, doch hier bin ich meist mit dem DJ unten im Schulhof allein. Einmal blieb es ganz still, da gab es gar keine Musik, nur der Mond stand fern und schmal am schwarzen Himmel. Ab und zu zeigen sich auch die Bewohner eines Hauses ganz weit weg rechts von mir. Zum Beispiel letzten Sonntag, als das bekannte Lied „Heimweh nach Köln“ von Willi Ostermanns gespielt wurde. Die inoffizielle Hymne dieser Stadt. Für mich hatte die Szene etwas Unheimliches, denn ich hatte plötzlich das starke Gefühl, dass mein Vater anwesend war. Fast auf den Tag genau sieben Jahre ist er jetzt tot. Er starb am 2. April 2013. Und doch stand er jetzt neben mir. Er kannte dieses Lied nur zu gut. Aus dem Krieg. „Das haben die Soldaten aus Köln immer gesungen. Sogar in den Schützengräben, mitten im Kugelhagel. Und nachts, wenn sie Heimweh hatten. Und auch in Gefangenschaft. Und dabei haben sie geweint.“ Willi Ostermann schrieb das Lied 1936, also noch vor dem Krieg, und verwendete dabei die Melodie einer früheren Komposition „Sehnsucht nach dem Rhein“. Es entstand kurz vor seinem Tod, als er nach einer schweren Operation in einem Kölner Krankenhaus lag und wußte, dass er nicht mehr nach Hause kommen würde. Zum ersten Mal gesungen wurde es an seinem Grab. Allein oben auf meinem Balkon stand ich neben meinem unsichtbaren Vater, den ich genau spürte, und versuchte mitzusingen. Bei der berühmten Zeile „Ich mööch zo Foß noh Kölle gon“ (Ich möchte zu Fuß nach Köln gehen) versagte mir die Stimme. Ich hörte die anderen klar und sicher mitsingen, während bei mir nur noch die Tränen liefen.

 

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