Herzlich willkommen!

Alice

Herzlich willkommen auf meiner Homepage

Hier finden Sie meine Blogbeiträge sowie Informationen zu mir, meinen Büchern, meinen Hobbys und den Themen, die mich gerade umtreiben, unter anderem die Corona-Viren und die traumatischen „Kindergenesungsheime“, in die so viele Kinder meiner Generation in den 60er Jahren „verschickt“ wurden. Bitte bei den Schlagwörtern „Verschickungskinder“ oder „Kinderkurheim“ anklicken, dann finden Sie mehrere Beiträge zu diesem dunklen Kapitel. Außer meinen eigenen Erinnerungen können Sie dort auch die Geschichten von zwei meiner Freundinnen lesen.

Ein großes Dankeschön geht an meine geduldige Maine Coon-Assistentin Alice, die wie immer neben mir sitzt und deren entspanntes Schnurren Sie leider nicht hören können.

Ich freue mich, dass Sie meine Seite gefunden haben!

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Kölner Westen – Mit Abstand der beste Kunde!

Freitag morgen waren wir auf dem Clarenhof, um den ersten frischen Spargel zu kaufen. Dass dort so viele Kunden sein würden, hatte ich gar nicht erwartet. Im großen Feld an der Straße blühen wie immer um diese Jahreszeit üppig die Tulpen und Narzissen (man kann sie auch selbst pflücken), und vor dem Laden sah es schon richtig österlich aus. Wenn die großen runden Abstandskreise und die Pfeile überall nicht gewesen wären, hätte man meinen können, die Welt sei noch in Ordnung. Ist sie aber nicht.

Draußen auf den Tischen standen nicht nur Hasen in allen Farben, sondern auch kleine und große Töpfe mit Blumen, und ich konnte nicht widerstehen und kaufte mir als Frühlingstrost zwei Märzenbecher. Meine hier im Garten haben offenbar die Wühlmäuse gefressen, und die neuen habe ich eben eingepflanzt. Mögen sie noch lange blühen und nächstes Jahr wiederkommen.

Ostern? (BFL)

Drinnen im Laden gibt es übrigens ein Produkt, das ich persönlich schon seit zig Jahren bevorrate: Schwarzbrot der Bäckerei Zimmermann, meiner Lieblingsbäckerei noch aus der Zeit im Belgischen Viertel. Ein gutes Gefühl, jetzt wieder zwei Pakete mehr zu haben.

Im Clarenhof wird sorgsam auf Sicherheit geachtet, draußen gibt es Markierungen, und es sind immer nur ganz wenige Kunden gleichzeitig im Laden. Es tat mir gut, die vielen frischen Lebensmittel zu sehen. Produktmäßig sah alles ganz „normal“ aus, genau wie immer. Aber was mir auffiel: Inzwischen tragen immer mehr Menschen Mundschutz. Und immer mehr Menschen blicken ernst und schweigen. Nur wenige lächeln. Keiner lacht. Und ich sehe weniger Kinder. Wenn man sich in den Gängen oder an den Türen begegnet, dreht man einander den Rücken zu. Das ist richtig, rücksichtsvoll und notwendig in diesen Tagen, doch es fühlt sich nicht gut an. Mein Gefühl dabei: Ich stelle eine potentielle Gefahr für die anderen dar, und die anderen sind eine potentielle Gefahr für mich. Ich fühle mich bedroht. Von allen Seiten bedroht. Von Menschen und Viren. Sogar von der Luft und vom Spargel!

Und draußen lacht die Sonne und leuchten die Tulpen und Narzissen. Was für ein Kontrast! „Wir haben auch sonntags auf“, sagte die Frau an der Kasse. „Von 10 bis 18 Uhr.“ Für Menschen mit Hüttenkoller hier in Weiden, die ein bisschen Osterstimmung dringend nötig haben, ist der Hofladen vielleicht einen kleinen Ausflug wert? Aber das Wetter soll ja schlechter werden. Schneeregen ist angesagt.

Der Spargel vom Clarenhof schmeckt übrigens gut, wir haben ihn gestern schon gegessen. Spargel erinnert mich an meine Kindheit, denn ich komme ja vom Niederrhein. Meine Oma hatte ein großes Spargelbeet im Garten, der Boden in Herongen ist sehr sandig, und mein Vater fuhr während der Spargelsaison fast jede Woche nach Walbeck, um Nachschub für unsere Familie zu holen. Besonders meine Mutter war ziemlich spargelsüchtig. Spargel bedeutet für mich Vertrautheit, Elternhaus, Niederrhein, im besten Sinne. Im Auto habe ich mir die Hände desinfiziert. Hoffentlich werde ich nicht paranoid. Oder ist das nur vernünftig und realistisch?

Schlange (BFL)

Vor dem großen Rewe in Lövenich stand bereits eine erstaunlich lange Schlange, und auch hier herrschte auffällige Stille, kaum ein Lächeln, nur von den Angestellten, und der gebotene Sicherheitsabstand zwischen den Kunden war oft noch viel größer als 1,5 Meter. An der Ausgabe der Einkaufswagen stand eine freundliche Angestellte mit Handschuhen und schob den Kunden vorsorglich den Wagen hin, natürlich mit frisch desinfiziertem Griff. Auch hier fiel mir auf: Immer mehr Menschen tragen Mundschutz. Es sind alle Varianten vertreten von selbstgenäht und bunt bis weiß und „medizinisch“ oder richtig professionell und „krankenhausartig“. Ein Kunde, wahrscheinlich jung, aber genau weiß ich es nicht, denn man sah von seinem Gesicht nichts, trug eine Totenkopfmaske. In seinen Ohren steckten kleine Headphones, und alle, die alle vor und hinter ihm standen, durften mithören.

Distanz wahren (congerdesign/pixabay)

Auch im Laden selbst hielten die stillen Kunden großzügige Sicherheitsabstände ein. Sie warteten geduldig in den Gängen, bis die anderen fertig waren, und drehten einander den Rücken zu, wenn der Abstand aus Platzmangel zufällig unterschritten wurde. Der weiträumige Laden war wie immer gut bestückt, wirkte aber zumindest während unseres Besuchs kundenleer.

Ich warf einen interessierten Blick in das Regal, in dem Sie-wissen-schon-was hätte liegen sollen. Es war nicht leer, sondern mit anderen Produkten gefüllt, woraus ich schloss, dass der momentane Superstar aus Papier immer noch mit Abwesenheit glänzt. Durch den neuen Inhalt fiel es nur nicht mehr auf.

Alles ist gut (Anni Hansen)

Meine Facebook-Freundin Anni aus Lübeck hat mir ein Bild geschenkt, das hoffnungsfroh stimmt, was die Klopapierzwangskäufe betrifft. Zumindest die Lübecker sind wohl zur Normalität zurückgekehrt, dort sind die Regale jedenfalls wieder voll. Vielleicht ist es hier ja auch bald soweit. Ich würde es mir wünschen. Dann könnte ich endlich aufhören, darüber zu schreiben. Aber in Lübeck gibt es gerade eine üble Sturmflut, und Teile der Stadt stehen unter Wasser. Ich mag Lübeck sehr, und Annis neue Bilder von überfluteten Straßen und wilden Wellen lassen Schlimmes ahnen. Auch das noch! Haben wir denn nicht schon genug Probleme? Wann hört das denn endlich auf?

Überflutetes Lübeck (Anni Hansen)

Alle Personen, die im Rewe damit beschäftigt waren, die Regale aufzufüllen, trugen jetzt Visiere aus Kunststoff, und die KassiererInnen saßen gut geschützt hinter einer „Schutzwand“ aus Plexiglas, die mich spontan an die Bahnhöfe meiner Kindheit erinnerte. Vielleicht auch an die Post in unserem Dorf. Es gibt unten eine kleine viereckige Öffnung, durch die man sein Geld reichen kann. Aber wie beim letzten Besuch bezahlten die meisten mit Karte. Wie das so ist mit Zahlen, wenn man nicht wirklich entspannt ist, war die erste Pin-Eingabe falsch. Aber die Kassiererin blieb trotzdem ruhig und zugewandt. „Machen Sie sich keinen Stress!“ Das fällt mir immer wieder auf in dieser Rewe-Filiale: Alle, die dort arbeiten, sind äußerst freundlich und hilfsbereit. An der Kasse gab es ein Schüsselchen für Trinkgeld. Das war auch neu. Und auch diesmal habe ich mir im Auto die Hände desinfiziert. Überall können Viren lauern, langsam fange ich an zu spinnen. Schnell wieder zurück nach Hause! Die Straßen waren erstaunlich leer, sogar die Aachener.

Nach diesen beiden Einkaufserlebnissen sank meine Stimmung trotz Spargel, Schwarzbrot und Märzenbecher auf den Nullpunkt, und ich beschloss, uns jetzt endlich auch einen Mundschutz zu organisieren. Nicht weil ich daran glaube, dass sie uns schützen, eher weil wir offenbar langsam die einzigen sind, die noch „normal“ herumlaufen. Außerdem ist es eine Geste der Solidarität und signalisiert dem Ladenpersonal Rücksicht und Respekt. Hier in Weiden gibt es gleich mehrere Quellen, wie ich in der Facebook-Gruppe und bei nebenan.de lese. Etliche Frauen haben ihre Nähmaschinen hervorgeholt und nähen, was das Zeug hält. Man kann die fertigen Masken kontaktlos an einem Fenster abholen. Sogar die Wunschfarbe kann man angeben. Ich hätte am liebsten Blaugemustert. Nur nichts Rotes. Das erinnert mich leider sofort an Blut. Das will ich im Moment wirklich nicht vor dem Mund haben. Schon gar nicht auf meinem ersten Mundschutz.

Weidener Schafe (Juliane B.)

Eine nette Mit-Weidenerin, die ich gerade erst bei Facebook kennengelernt habe, hat mir ein Foto geschenkt, das sie gestern morgen gemacht hat. Weidende Schafe in Weiden, völlig ohne Social Distancing. Die Glücklichen! Auch dieses Bild erinnert mich an meine Kindheit. Trotz der städtischen Strommasten. Wie oft habe ich mit meiner Freundin Winnie an der Niers gesessen, Bravos oder andere verbotene Hefte und Bücher gelesen und den Schafen zugeschaut. Den Rücken an einem Baumstamm oder bäuchlings auf dem Gras. Ich höre noch das Blöken der Schafe und wie sie gemütlich und friedlich kauen, und ich sehe die beiden schwarzen Hunde des Schäfers (der mit dem großen Hut) eifrig hin und her laufen. Ein vertrautes, beruhigendes Bild. Heute, am Sonntag, ist die Weidener Weide wieder leer. Schade. Die Schafe sind weiter gezogen. Sie haben es gut, sie können sich frei bewegen. Sogar in großen Gruppen. Gut behütet von ihrem Schäfer und seinen Hunden. Entspannt und sicher. Anders als wir Menschen.

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Der Sprung ins Netz

(merakist/unsplash)

Hoffentlich kippt die Stimmung nicht! Gerade hatte ich nach meinem kühnen Vollsprung mitten ins Netz angefangen, mich virtuell etwas wohler zu fühlen. Doch in einigen Foren und Gruppen wird der Ton schon gereizter, es wird vorschnell und heftig auf Posts reagiert, beschimpft und getrollt, und das führt zu Aufregung und unnötigen Missverständnissen. Einige hängen bereits an der Decke, bevor sie die Beiträge überhaupt gelesen haben. Ich merke, wie ich zurückzucke. Bei Aggressionen bin ich dünnhäutig. Ich habe beschlossen, nicht mehr (wie in den Anfangstagen von Corona) mehrmals täglich den überquellenden Gruppenabschnitt des Netzes zu besuchen. Lieber treffe ich „enge Freunde“ bei facebook, in deren Gegenwart ich entspannen kann. Mehrere „Bekannte“ habe ich aus Selbstschutz aus meiner Freundesliste entfernt. Es ist mir nicht leicht gefallen, aber anders ging es nicht. Wahrscheinlich wird es dabei nicht bleiben. Zum Glück habe ich im realen Leben meinen Mann, der nicht mal durch Corona aus der Ruhe zu bringen ist. Vielleicht liegt das daran, dass er Virologe ist? Er ist die hoffnungsvolle menschliche Oase in meiner Social Distancing Wüste.

(Sara Kurfess/unsplash)

Mir fällt auf, dass viele Leute jetzt mehr telefonieren und (noch häufiger als sonst – ja, das geht!) whatsappen. Sogar ich. Es ist schön, schnell nachfragen zu können, wie es Freunden und Verwandten geht, und sich auch um Bekannte, mit denen man normalerweise nicht ständig in Kontakt steht, zu kümmern. In diesen Tagen geht mir so viel durch den Kopf. Der vor kurzem verstorbene Dieter Höss pflegte zu sagen: „Erst wenn wir im Dunkeln sitzen, geht uns ein Licht auf“. Da ist was dran.

Normalerweise telefoniere ich höchst ungern und muss mich überwinden, zum Telefon zu greifen, aber in den letzten Tagen sind meine Widerstände deutlich geringer geworden. Es tut gut, reale Stimmen zu hören, genauer nachzufragen und zu erfahren, wie es dem anderen jetzt wirklich geht. Mein Mann bekommt vermehrt Anrufe von ehemaligen Mitarbeitern und Weggefährten, von denen er jahrelang nichts gehört hat. Was ihn freut. Wer mit viel Zeit zu Hause sitzt, macht weite Ausflüge in die Vergangenheit. Das äußere Social Distancing führt offenbar auf der inneren Ebene die Menschen enger zusammen. Sprachnachrichten versende ich nach wie vor höchst ungern, bekomme aber gern welche von lieben Menschen, die damit keine Probleme haben und nicht so gern schreiben. Keine Ahnung, warum ich es hasse, in mein Handy zu sprechen. Möglicherweise erinnert es mich an das schreckliche Gerät, in das ich jahrelang meine medizinischen Fachübersetzungen diktieren musste. Was ich noch beobachte: Familien rücken (das geht auch aus der Ferne) wieder oder noch näher zusammen, längst vergessen geglaubte Freunde fallen einem plötzlich wieder ein und man fragt sich, ob es ihnen gut geht. Wie wunderbar, dass wir heute die Möglichkeit haben, auch „verlorene“ Freunde im riesigen Netz wiederzufinden. Wie trostlos muss das bei früheren Seuchenausbrüchen gewesen sein!

Radio mouse house in Tennessee

Instagram macht mir weiterhin Freude. Wenn die Bilder nur nicht so schnell wieder verschwinden würden, aber es gibt ja zum Glück die Option, sie zu speichern, und auch eine eigene Messenger-Funktion. Ich bin noch nicht sehr lange auf Insta, daher meistere ich auch noch nicht alles auf Anhieb. Mir gefallen die fantasievollen Beiträge. Hier treffen sich Menschen (vor allem KünstlerInnen) aus aller Welt, die einander freundlich Mut zusprechen und oft auch außerhalb der Posts miteinander kommunizieren. Ob das immer so ist, weiß ich nicht. Bei Instagram habe ich gleich mehrere Seelenfreundinnen gefunden, die jetzt auch meine Facebook Freundinnen sind. Vielleicht können wir uns eines Tages sogar mal richtig treffen, das wäre schön.

Frau Milkana’s new glasses

Meine Freundin in New York hat letzte Woche „einfach so“ eine winzige Brille für meine Maus-Lehrerin Frau Milkana gemacht, die ihre ursprünglichen Augengläser leider verloren hat. Das passiert öfters bei Minis, denn die Gegenstände sind ja nur wenige Zentimeter groß. So habe ich schon etliche Zitronen und Orangen zertreten und einmal sogar einen Bund klitzekleiner Fliegenpilze aus dem prallen Staubsaugerbeutel gefischt. Das war ziemlich eklig und hat bei mir einen heftigen Niesanfall hervorgerufen, aber es war effektiv. Den Pilzen sieht man den Horrortrip in den Sauger zum Glück nicht mehr an. Polymer Clay ist sehr robust. Frau Milkanas Brille wird wohl auch in den Staubsauger geraten sein. Ob ihre neue (viel, viel schöner als die alte!) je hier ankommt, wissen wir nicht. „I cannot say when I will get to the post office, I am not even sure if the post offices are open“, schreibt mir die Brillenmacherin. Diese liebenswerte, humorvolle Frau ist nur eins der vielen Wunder in dieser abscheulichen Coronazeit. Hoffentlich bleibt sie gesund!

Kunst bei instagram

New Yorker cat with gnomes

Eine andere neue Instagram-Freundin, die ebenfalls in New York wohnt, gehört auch zur Risikogruppe, und wir tauschen täglich kurze Nachrichten aus. „How are you coping?“ Sie sorgt auch noch für ihre hochbetagte Mutter. Auch um sie mache ich mir Sorgen. Vor wenigen Wochen kannte ich sie nicht mal!

Eine quirlige junge Frau in Tennessee habe ich (ungewollt, aber gern) mit dem Mausvirus infiziert. Sie hat sich gerade die zweite Maus in Europa bestellt und baut ihr schon ein tolles Zimmer in einem alten Radio. Außerdem hat sie mir lauter schöne kleine Stoffstücke mit Minimustern geschickt. Und dann sind da noch die drei jungen Mauskinder, die bei meiner vierten neuen Freundin in Norwegen ungeduldig darauf warten, sich auf die Reise zu mir ins Mausland zu begeben. Ob und wann sie wohl hier ankommen? Überhaupt die Mäuse!

Auf Facebook und Instagram versuche ich, Kinder aller Altersklassen (es gibt echt mehr erwachsene Kinder als man denkt) damit zu trösten. Ich habe mir schon überlegt, ob ich als Krisenintervention nicht abends auch noch ein Gute-Nacht-Bild einstellen soll. Zwei Fotos am Tag mit Text ist zwar etwas Arbeit, und leider hat mein „Clean up“ Programm grade die meisten meiner Bilddateien zerstört, weil ich nicht aufgepaßt habe. Jetzt haben sie alle leer, haben „keinen Inhalt“ mehr, und ich muss gucken, wo die Originale sind. Auf irgendeinem Kamera-Chip, klar, aber auf welchem?

(Kleiner Nachtrag: Dem Supernetz sei Dank habe ich die meisten Bilder sicherheitshalber auch bei google Fotos gelagert, doch das fiel mir erst letzte Nacht ein, als ich mal wieder nicht schlafen konnte. Das hat mich gleich so entspannt, dass ich eingeschlafen bin. Wenn nur dieser schreckliche Alptraum nicht gewesen wäre und mich wieder geweckt hätte. Die grausigen Details erspare ich Ihnen lieber. Es ging um meine Katze, was mich zuverlässig sofort schockweckt.

Vitalfunktionen (unsplash)

Bei Twitter bin ich (noch) nicht, aber Messenger und Whatsapp lerne ich grad richtig schätzen, weil ich damit in Sekundenschnelle Freundinnen in Frankreich, Verwandte in England,  Freunde und Bekannte in den USA, Neuseeland, Kenia oder Japan erreichen kann. Das Netz ist in dieser Hinsicht genial, auch wenn es im Moment schwer verlangsamt ist, weil immer mehr von uns dauernd hineinspringen. Hoffentlich schmiert mir das Internet nicht ab! Lästig ist der Netzverlust leider immer, weil ich ein Internet Junkie bin und den freien Zugang für meine Arbeit dringend brauche, aber im Moment wäre der Verlust schier unerträglich. Ohne WLAN geht hier nämlich gar nichts. Nicht mal das Telefon.

Vorgestern habe ich selbst netzmäßig überreagiert. Jemand postete, es dürfe im Veedel ab sofort abends keine Musik mehr von den Bläck Fööss gespielt werden. Die Band habe das verboten. Die Nachricht zog mich runter, der Tag war gelaufen. Das gemeinsame Lied am Abend, auch wenn wir hier nur extrem wenige sind, gehört für mich irgendwie zum Corona-Zustand dazu, auch wenn es meistens blöd ist, mitten im Fernsehprogramm oder beim Essen hoch zu rasen und sich auf den kalten Balkon zu stellen. Vorgestern sind (weit, weit weg) fünf neue Schatten dazugekommen, die auch einsam die Handy-Taschenlampe durch die Nacht schwenkten. (Gestern waren wir aber leider wieder allein mit unserem unsichtbaren DJ nebenan.) Die Nachtlieder sind tröstlich. Ich beschloss daher, die Bläck Fööss persönlich um Erlaubnis zu fragen (facebook macht’s möglich), hatte aber nicht ernsthaft damit gerechnet, dass sie antworten würden. Taten sie aber: „Hallo liebe Beate, was für eine Frage. Natürlich, sehr gern. Es tut gut zu wissen, dass auch unsere Lieder für viele von Euch eine kleine Hilfe sind, um die aktuelle Situation zu meistern. Bleibt gesund. Viele Grüße.“ Ich wußte ja immer, dass die Bläck Fööss super sind!

(William Iven/unsplash)

Als ich las, dass man in Montreal nachts Lieder von Leonard Cohen singt, hätte ich mich am liebsten sofort dorthin gebeamt. „So long Marianne“ stand vorgestern auf dem Programm. NEID! Das Lied kann ich komplett auswendig!

Menschen, die normalerweise immer in Bewegung sind und beneidenswert viele soziale Kontakte haben, tun sich deutlich schwerer mit Social Distancing, und in meinem Umkreis manifestieren sich auch schon erste Depressions- und Hüttenkoller-Symptome. Es muss schlimm sein, wenn man gezwungen ist, mit nervigen Verwandten oder komplizierten Partnern (von denen man sich schlimmstenfalls vielleicht sogar trennen wollte) Tag und Nacht zusammenhockt. Da liegen rasch die Nerven blank. Wie es ist, eingesperrt mit übergriffigen Eltern oder Partnern zusammenzuleben, mag ich mir gar nicht vorstellen. (In China soll die häusliche Gewalt während der Corona-Krise um 30% zugenommen haben, und das betrifft nur die Frauen!) Oder wie es ist, krank, unversorgt und mutterseelenallein in der Wohnung zu liegen. In Spanien hat man in einem Seniorenheim die hilflosen alten Leute einfach liegen und sterben lassen und ist Hals über Kopf geflohen. Hier bei uns gibt es bisher noch keine Zunahme der häuslichen Gewalt, lese ich. Hoffentlich stimmt das. Wenn der übergriffige Mensch neben einem sitzt, wird man kaum wagen, die Polizei zu rufen. Von den armen Kindern ganz zu schweigen. Die können sich nicht mal wehren.

Gestern hörte ich im Radio, dass uns ein Pflegenotstand droht, weil die vielen, vielen (oft illegalen) Betreuungskräfte aus Ostdeutschland jetzt alle das Land verlassen (was ich sehr gut verstehen kann) und viele betagte Pflegefälle nicht mehr zu Hause versorgt werden können. Aber wo sollen sie hin? Viele Kinder können oder wollen ihre Eltern nicht zu sich nehmen, und jetzt Heimplätze zu organisieren, dürfte extrem schwer sein. Neue Pflegekräfte rücken wegen der Grenzkontrollen nicht mehr nach. Wie mag sich das alles für einen dementen, gelähmten, verwirrten, bettlägrigen, schmerzgeplagten, tauben oder blinden alten Menschen anfühlen? Ich habe eine Tante von über 90, die in einem Heim lebt und die man jetzt nicht mehr besuchen kann. Sie hört absolut gar nichts, und man muss alles aufschreiben, was man ihr sagen möchte. Wer macht sich schon die Mühe? Wie empfindet sie es wohl, wenn sie plötzlich von Menschen mit Mundschutz versorgt wird? Sie hat den Krieg noch erlebt, wahrscheinlich ist das für sie der pure Alptraum. Ich muss da heute unbedingt anrufen.

My Fairy Thorn (BFL)

Wie gut, dass meine Eltern das nicht mehr erleben. Draußen am Teich steht schon seit Jahren ein rotes Grablicht für sie. Der Friedhof ist unerreichbar weit weg, und ich habe ohnehin das Gefühl, dass sie hier bei mir sind und nicht in dem häßlichen Grab. Die Mönchsgrasmücke singt auch wieder, was ich als gutes Zeichen deute. Vor allem in der Nähe meines „Fairy Thorns„. Das ist der Weißdornstrauch, an den ich meine Wünsche in Form von Bändern hänge. Es werden täglich mehr. Ich hoffe, meine Zauberversuche helfen….

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Kölner Westen – Das neue Gold

Sensible Rolle  (BFL)

„Ist das eigentlich immer noch so schlimm?“ frage ich die Verkäuferin, während ich einmal mehr die leeren Regale bestaune. Sie grinst. Wir sind uns einig. „Verstehen kann ich die Leute nicht“, meint sie. „Jeden Tag kommt Nachschub! Es ist wirklich genug von dem Zeug da.“ Ich verstehe es auch nicht, obwohl ich mir seit Wochen darüber den Kopf zerbreche. Vor allem nachts, wenn ich nicht schlafen kann, was im Moment ziemlich häufig vorkommt. Irgendwie brauche ich kaum noch Schlaf und lese lieber die halbe Nacht. Oder denke nach. Ist sowieso egal, denn ich kann ja bis in die Puppen liegen bleiben, ohne dass es jemanden stört. Höchstens die Katze, die pünktlich ihr Futter einzunehmen wünscht. Danach lege ich mich wieder hin. Damit ich im Dunkeln nicht in nutzloses Grübeln verfalle, picke ich mir gern gezielt ein Problem heraus, über das ich mir tiefschürfende Gedanken mache. Gelegentlich kommt es dabei durchaus zu Geistesblitzen. Doch diesmal hakt es. Dieses Phänomen kapier ich nicht.

Freundliche Rolle (unsplash)

Sie haben natürlich längst erraten, worum es geht. Das neue Gold, die weichen, begehrenswerten Papierrollen, die seit einiger Zeit in gigantischen Mengen bevorratet werden. Ganze Zimmer und Garagen müssen inzwischen bis zur Decke mit dem Zeug vollgestapelt sein. Wahrscheinlich hängen die Besitzer dieser Sammlungen den halben Tag zufrieden zwischen ihren Rollen ab. Ob der merkwürdige Sammeltrieb daher rührt, dass so oft „sanft und SICHER“ auf den Packungen steht? Fühlt man sich irgendwie sicherer mit diesem Produkt? Oder liegt es daran, dass die Rollen auch ohne Pandemie in Großpackungen gekauft werden, so dass man bei Virenbedrohung  und  Lockdown folglich dringend ganz, ganz viele Großpackungen einlagern will? Damit nichts passiert!

Unerreichbare Rollen  (unsplash)

Hilft es dabei, die Angst vor Kontrollverlust und Hilflosigkeit zu bewältigen? Der „Feind“ ist unsichtbar, aber man muss ihm unbedingt etwas entgegensetzen, um nicht in Panik zu verfallen. Warum also nicht die preiswerte weiße „Geheimwaffe“, die alle anderen auch benutzen und für wirksam zu halten scheinen? Es ist ein Massenphänomen. Wie bei einer Stampede oder beim Run aufs Wasserloch. Und das erhebende Gefühl, gerade als letzter etwas ergattert zu haben, das so viele andere Menschen unbedingt auch haben wollen und jetzt nicht kriegen, führt möglicherweise vorübergehend zu Überlegenheitsgefühlen und Angstlinderung. Bei mir nicht. Leider. Ich wollte, es wäre so, dann würde ich sofort auch horten und stapeln, aber ich weiß nun mal, dass man sich auf dem Weg ganz bestimmt nicht ansteckt. Die Viren sind zwar bei manchen Menschen noch im Stuhl nachweisbar, aber nicht mehr infektiös. Adieu, weiche weiße Sicherheit! Das Klopapier schützt nicht unseren Körper, es schützt unsere Psyche. Komischerweise horten Menschen, die ihre Angst gut kennen, im Moment eher kein Klopapier. Sie versuchen, sich gut zu informieren, und sind jetzt zu ihrem eignen Erstaunen diejenigen, die andere beruhigen. Den Zustand, mit dem die Horter gerade so schlecht zurechtkommen, müssen sie nämlich jeden Tag bewältigen.

Viele Rollen (Erik Mclean/unsplash)

Trotzdem komisch, dass es in so vielen Ländern dieser Welt genau gleich abläuft – wenn man von den Regionen  absieht, in denen die Menschen im täglichen Leben nicht mal Zugang zu sauberem Wasser haben und in denen Klopapier überhaupt keine Rolle spielt. Was dort zur Bewältigung der Angst dient, weiß ich nicht. Vielleicht bestimmte Nahrungsmittel oder Rituale. Auf jeden Fall kein Klopapier so wie hier bei uns. Im Netz werden tatsächlich  jeden Morgen Tipps ausgetauscht, wo man das Zeug noch bekommt und wer grade wieder vier Packungen gehamstert hat. Und vor allem wird auf andere Hamsterer geschimpft und sich aufgeregt. Alles gut gegen Angst.

Ich habe mich umgehört und im Internet recherchiert. In den USA, in Australien, Kanada, Großbritannien, Frankreich (da flaut es allerdings grade ab, sagt meine französische Freundin) oder hier: alle haben dasselbe Lieblingsobjekt. Ein weißes Papiergespenst spukt durch unser Leben. Morgen für Morgen stürmen hoffnungsvolle Kunden die Läden (hier in Weiden wartet täglich eine Riesenschlange schon vor Ladenöffnung vor dem DM, hoffentlich mit genügend Sicherheitsabstand) und schon werden wieder die Rollen und Pakete aus den Regalen gerissen. Kurz darauf ist alles vorbei. Ausverkauft! Gähnende Leere, und schon wächst sie wieder, die nagende Klopapier-Mangel-Panik. Bis es einfach nicht mehr auszuhalten ist und unbedingt neuer Nachschub her muss. Dabei kann es zu bemerkenswerten Eskalationen kommen.

Rollenhorter (Eric Mclean/unsplash)

Ein facebook-Freund wurde vor wenigen Tagen Zeuge, wie eine Frau mittleren Alters im Supermarkt (nicht hier in Weiden!) kreischte: „Ich laß mir doch von Ihnen nicht vorschreiben, wie ich mein Leben rette!“, als man sie bat, doch bitte nur eine Riesenpackung des ersehnten Papierpodukts zu kaufen und nicht zwei Riesenpackungen. Sie wedelte wild mit den papierbewehrten Armen wie eine Windmühle und ging sogar die Kassiererin an, bis schließlich der Geschäftsführer einschritt und die Dame ohne Beute des Ladens verwies. Hallo? Seit wann rettet Klopapier unser Leben? Ich schätze Klopapier durchaus, aber so wichtig ist es nun auch wieder nicht. Wasser, Seife und Handtücher sind viel wichtiger.

Überraschung! (BFL)

Hier in Weiden entdeckte ich heute morgen zu meiner Verwunderung ein mir bisher unbekanntes Nischenprodukt, das bei mir und einer anderen Kundin (mit gebührendem Sicherheitsabstand) zu echter Erheiterung führte. Die Po-Dusche! Sie „reduziert den Papierbedarf um mindestens 50%“ (äußerst praktisch beim gegenwärtigen Rollenschwund) und wird nicht nur „von 9 von 10 Personen“, sondern auch „von Gesundheitsexperten“ (?) empfohlen. Klingt doch hervorragend! Aber warum stand sie noch da? Hatte man sie bei der Stampede übersehen? War sie gerade erst eingeräumt worden? Auf den ersten Blick sieht die Po-Dusche aus wie eine elektrische Zahnbürste, ein Fieberthermometer oder eine Art „Einlaufhilfe“, aber vielleicht macht sie ja im Laufe des heutigen Tages noch einen Kunden glücklich und gibt ihm das gute Gefühl, mit genau diesem Kauf sein Leben gerettet zu haben. Ich wollte sie jedenfalls nicht, und die andere Dame auch nicht. Stattdessen habe ich mir ein weiteres Stück Seife gegönnt, an dem ich mich freuen kann. Mein Seifenvorrat ist schön anzusehen und wohlduftend. Die meisten Mint in Box (originalverpackt), wie man unter Sammlern sagt. Ein Vorrat eben. Seife ist ja lange haltbar. Legt man sie in die Schubladen, riecht es da auch gut.

Teil meiner Sammlung (BFL)

Seife, man kann es gar nicht oft genug sagen, ist zur Zeit wirklich lebensrettend, weil sie die Virenhüllen zerstört, und trotzdem ist überall noch genug davon da. Sogar die transparente Flüssigseife mit den schwimmenden Fischen drin. Die horte ich auch. Kurzzeitig war sie ausverkauft, und das hat dann mich echt in Panik versetzt, aber jetzt ist alles wieder gut. Dass den Drogeriemärkten die Kondome ausgehen, wie man neuerdings dauernd munkeln hört, kann ich für Weiden nicht bestätigen. Das Regal war bestens bestückt, mit Exemplaren in allen Farben und Größen,  davon habe ich mich auf diskrete Weise selbst überzeugt. Für den Rest von Köln und Deutschland kann das natürlich völlig anders aussehen. Auch egal.

Wenn ich lese, dass die US-Bürger (nur die Männer oder auch die Frauen?) als spontane Vorbereitung auf die anstehende Pandemie (noch vor dem Run auf die Klopapierrollen!) in Horden die Waffenläden stürmten, um sich ordentlich mit Munition und diversen Schusswaffen einzudecken, finde ich auch irgendwie befremdlich. Aber es paßt. Der Griff zu den Waffen ist kulturell erlernt und gut erprobt im Umgang mit „Feinden“, von denen man sich bedroht fühlt. Aber Viren kann man nun mal nicht einfach abknallen. Höchstens mit einer Spritze, die mit genau dem richtigen Impfstoff geladen ist. Aber das gehört in den Bereich der sogenannten „Schulmedizin“. Und da die wissenschaftlich fundiert und evidenzbasiert ist, kann das mit dem echten Schutz und dem lebensrettenden Schuss leider noch etwas dauern.

grüner Trost

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Niederrhein Rocks: Farbenfrohes in trüben Zeiten

Viele Menschen haben im Moment existentielle und andere richtig schlimme Probleme, sind krank, fühlen sich einsam und verlassen, anderen fällt langsam die Decke auf den Kopf, sie haben Langeweile, sind genervt, haben Angst oder Anflüge von Hüttenkoller, wieder andere sind gereizt, gehen leicht in die Luft, regen sich über Klopapiermangel auf oder kommen nicht damit zurecht, dass sie plötzlich keine Zeit mehr für sich allein haben, sie vermissen ihre Arbeit oder ihre sozialen Kontakte. Oder geliebte Menschen, von denen sie nun getrennt bleiben müssen. Ablenkung tut gut in diesen Tagen!

Aber es gibt auch Menschen, denen die Zeit am Schreibtisch, am Küchentisch oder auch sonstwo in den eigenen vier Wänden weniger ausmacht. Ganz im Gegenteil, manche schaffen es sogar, sich fantasievoll mit der neuen Situation auseinanderzusetzen und erfolgreich zu „kreativieren“. Malend, zeichnend, fotografierend, bastelnd, singend, musizierend, schreibend gehen sie die düstere Weltlage an. Kunst und Fantasie können besonders in diesen Zeiten so tröstlich, beruhigend und heiter sein!

 

 

Als Schriftstellerin und Übersetzerin habe ich zum Glück kein Problem damit, „eingesperrt“ zu sein. Wenn man fast sein ganzes Leben allein am Schreibtisch zwischen Bücherstapeln und schlafenden Katzen in Wörterbüchern verbracht hat, macht einem auch ein wochenlanger  Lockdown wenig aus. Ist doch eigentlich wie immer! Alles, was man braucht und mag, hat man ja! Wenn man arbeitet oder „kreativiert“, kann man abschalten, Ideen sammeln, sich treiben lassen und die Gedanken auf Reisen schicken.

Erst wenn man die Nachrichten hört oder aufsteht und nach draußen geht, merkt man wieder, dass unser Leben aus den Fugen geraten ist, dass die Straßen und Läden gähnend leer sind und die Menschen Masken tragen und einander aus dem Weg gehen. Dann kann es passieren, dass man traurig wird, Angst bekommt und fast den Mut verliert. Doch zurück in den eigenen vier Wänden legt man gleich los mit neuen Projekten. Über Instagram sehe ich die Früchte der „eingesperrten“ Fantasie und Kreativität in aller Welt und staune täglich aufs Neue.

In den nächsten Tagen möchte ich hier einige Menschen vorstellen, die sich nicht unterkriegen lassen und auch jetzt noch versuchen, Farbe und Freude in ihren und unseren trüben Corona-Alltag zu bringen.

Heute haben mir die „Steinfrauen“ der Gruppe „Niederrhein Rocks“ erlaubt, einige ihrer Werke zu zeigen. Zum Mutmachen und Trösten für alle Hüttenkollerigen: Schaut euch an, was man alles tun kann mit ganz wenigen Mitteln in Zeiten von Corona, und vielleicht macht das ja auch den Kindern Spaß!

„Steinsucht“ (auch bekannt unter dem Namen „American Rock Fever“) paßt gut in diese Zeit, denn sie ist ebenfalls ansteckend, aber im besten Sinne. Im Moment ist es vielleicht ratsam, die Steine nur für sich selbst oder für den eigenen Garten zu bemalen statt sie in freier Wildbahn „auszuwildern“ und finden zu lassen. Das mache ich übrigens schon seit langem. Meine Steine liegen alle draußen zwischen den Büschen oder draußen auf der Fensterbank, zuerst sind sie bunt und leuchtend, dann verlieren sie langsam ihre Farben, werden immer blasser, und schließlich sammele ich sie ein und bemale sie neu. Ich verwende Plaka Farbe und favorisiere als Stil das australische „Dot Painting“, aber feiner und subtiler geht es natürlich mit Acrylfarbe. Wenn meine Enkel Lust haben, malen wir auch gemeinsam. Bei Draußen-Steinen trägt man zum Schluss noch eine Schicht Bootslack oder Klarlack auf, damit sie nicht zu schnell ausbleichen.

Seit es im Fernsehen eine Sendung über die „Niederrhein Rocks“ gab, kommen täglich neue „Rocker“ und „Rockerinnen“  in die Gruppe, weil sie schnell merken, wie entspannend das Bemalen von Steinen ist. Probieren Sie es selbst, sicher sind Sie talentierter als Sie ahnen! Auch für Kinder ist es toll, wenn sie ihre schönen Steine auf der Fensterbank liegen sehen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt! Alles ist schön! Man kann sie auch einfach nur beschreiben mit mutmachenden Sätzen.

Einige von Angelikas Danke-Steinen

Meine Freundin Angelika bemalt schon seit einiger Zeit Steine in dieser Gruppe. Vor der Pandemie wurden alle Mini-Rocks liebevoll „ausgewildert“ und meist schnell begeistert gefunden, und sicher gibt es am Niederrhein inzwischen Leute, die gezielt beim Gassi gehen oder Spazieren danach Ausschau halten. Man kann die kleinen Fundstücke entweder behalten und als Dekogegenstand nutzen, an Freunde und Verwandte verschenken oder einfach wieder neu „auswildern“ und beobachten, wo sie irgendwann landen. Letzteres ist im Moment vielleicht nicht so gut, aber es gibt ja eine Zeit nach Corona, und dafür ist ein kleiner Steinvorrat ideal!

In diesen Tagen malen Angelika und viele andere „Danke-Steine“ für Verkäuferinnen und Kassiererinnen, für Krankenhauspersonal und für viele andere Menschen, die bei uns „den Laden am Laufen“ halten. Vor dem Verschenken werden die Mini-Rocks vorsorglich gereinigt und manchmal auch in Cellophan verpackt. Wenn man die Steine nach der Beschenkung noch mal mit Seife wäscht, sind sie garantiert ungefährlich und übertragen nur die Kreative Steinsucht. Bei den eigenen Steinen erübrigt sich diese Reinigungsprozedur natürlich. Übrigens habe ich noch nie gehört, dass Steine Viren übertragen und würde mir da keine Sorgen machen, aber egal. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Oder in diesem Fall der Steinsammlung. Ich jedenfalls finde all diese munteren Rocks wunderschön und bedaure, dass ich sie heute nicht alle zeigen kann. Aber dafür reicht der Platz leider nicht. Ich kann ja irgendwann einen weiteren Beitrag dazu schreiben, denn es kommt täglich Nachschub.

Folgendes steht in der Facebook-Info der „Niederrhein Rocks“ und gilt für Normalzeiten ohne „Sie wissen schon was“: „Mit dieser Gruppe möchte ich einem amerikanischen Trend folgen: Stein suchen, säubern, bemalen, rückseitig beschriften, auswildern und hoffen, dass ihn jemand findet, dem er eine riesige Freude bereitet. Und mit etwas Glück wird er von jemandem gefunden, der ihn hier postet.“

 

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Kölner Westen – zum Tod von Dieter Höss

Am Samstag fand ich im Kölner Stadt-Anzeiger die Todesanzeige des Schriftstellers Dieter Höss, der am 11. März verstorben ist, und war einfach nur traurig. Wie bei allen Todesanzeigen in diesen Tagen las ich auch hier den schrecklichen Satz „Die Trauerfeier in Köln kann wegen des Coronavirus nicht stattfinden“. In der jetzigen Ausnahmezeit können Verstorbene nicht mehr gemeinsam betrauert werden. Auch Dieter nicht. Wir waren nicht nur Kollegen, sondern auch gute Bekannte. Dieter war ein bemerkenswerter Mensch, witzig, klug, freundlich und überaus warmherzig. Ursprünglich stammte er aus dem Allgäu und wurde am 9. September 1935 in Immenstadt geboren. Nun ist er dorthin zurückgekehrt, zurück ins Land seiner Väter („Zurückgekehrt ins Land meiner Väter? Dass ich nicht lache. Das ganze Land zwischen Iller und Immach hat immer Baronen und Grafen gehört“).

Wie oft hat er mich im Laufe der Jahre abgeholt, und wir sind gemeinsam zu den Treffen des Kölner Schriftstellerverbands gefahren. Auf der Fahrt haben wir meistens über Schottland und England geplaudert, manchmal hat er auch lustige Geschichten über seinen Hund erzählt. Bei den Treffen saßen wir stets nebeneinander und anschließend unterhielten wir uns über den Abend und über gemeinsame Bekannte, während Dieter mich durchs dunkle Köln sicher zurück nach Hause fuhr. Er wohnte in Junkersdorf, also eigentlich nur um die Ecke, und trotzdem haben wir uns nie richtig besucht, obwohl wir es immer vorhatten. Jetzt ist es zu spät. Wie erschreckend schnell das geht, wird mir wieder einmal mehr bewußt. Wenn wir uns trafen, haben wir viel miteinander gelacht, und sein feiner, spöttischer (ziemlich britischer) Humor, seine subtile Schlagfertigkeit sowie seine unverwechselbare Stimme werden mir und ganz sicher vielen Menschen fehlen. Von seinen liebevoll gestalteten Büchern habe ich natürlich etliche, ganz besonders mag ich die lustigen „Hai-Kuhs“ und den Rückblick auf seine Kindheit. Wir waren verblüfft, als wir feststellten, dass wir beide als Kinder „Les Preludes“ von Liszt mochten. Ich fand die Musik damals so schön, dass ich sie sie ganz laut abspielte und mich von den Klängen begeistert davontragen ließ. Plötzlich stürzte meine Mutter ins Zimmer und schrie: „Mach das sofort aus! Das haben die Nazis immer gespielt!“ Ich war entsetzt, und das Stück war danach nie mehr dasselbe. 

Schottland (BFL)

Vielen Kölnern ist Dieter Höss wohl noch als „King of Limericks“ bekannt, denn Limericks waren seine ganz besondere Spezialität, und viele Jahre lang erschienen seine kleinen Kunstwerke wöchentlich im Kölner Stadt-Anzeiger. Seine Bücher hat er mit feinem Strich selbst illustriert, denn er war von Hause aus Grafiker. Seine Gedichte erschienen in zahlreichen Zeitschriften, u.a. „Stern“, „Die Zeit“ und „Pardon“. Für meinen Köln-Roman hat Dieter der kleinen Hauptperson, die ein echter Fan von ihm ist, sogar extra zwei Haikus gedichtet. Marigard hat sich wahnsinnig gefreut und ist sehr stolz auf ihre eigenen Gedichte. Noch zu Weihnachten hat Dieter mir geschrieben, und nie hätte ich damit gerechnet, dass er so schnell für immer fort sein würde. Jetzt ist er plötzlich und unerwartet gestorben. Er wird mir fehlen.

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Kölner Westen – Wenn am Himmel die Stääne danze

Nachthimmel (pixel2013/pixabay)

Gestern Abend um 21:00 Uhr sang (fast) ganz Weiden „In unserm Veedel“, und diesmal habe ich endlich auch etwas gehört an der überbreiten Aachener Strasse, denn es gibt zum Glück immer mehr Weidener, die mitmachen, jetzt auch in meiner Nähe. Dazu beigetragen hat, dass der Hausmeister der Schule in unserer Nachbarschaft mit seiner Übertragungsanlage geholfen hat. Vielen Dank! Eine Nacht vorher war hier noch NICHTS zu hören und wir haben uns sehr einsam gefühlt.

Auch beim Glockenläuten (um 19:30 Uhr) hat sich die Reaktion gestern verbessert, denn diesmal stand ich nicht allein mit meinem Mann an der Straße. Auf der anderen Seite erschien eine Nachbarin, öffnete ihr Fenster und versuchte ebenfalls, den Glocken zuzuhören, und zwischendurch haben wir uns zugewunken. Leider lärmten ausgerechnet zur Glockenzeit besonders viele Autos vorbei, die alles übertönten. Ich bin mir nicht sicher, ob hier auch die Glocke der Evangelische Kirche schon mitläutet.

St. Michael, Belgisches Viertel (BFL)

Der Moment, in dem die Glocken zu läuten anfangen, berührt mich jedesmal. Es fühlt sich archaisch an, uralt, tröstlich, vertraut, heimatlich, kinderzeitlich. Schade, dass meine „Seelenkirche“ St. Michael nicht hier in Weiden steht. Als ich noch im Belgischen Viertel wohnte (immerhin 14 Jahre), war das Läuten ein fester Bestandteil meines Tages. Wenn die Autos doch nur kurz stehen bleiben würden, wenn die Glocken läuten. Vielleicht gehe ich heute Abend in den Garten, denn unsere Büsche filtern den Straßenkrach. Aber dann kann ich der Nachbarin nicht zuwinken, falls sie wieder ans Fenster kommt. Jammerschade, dass man den Dom nicht bis zu uns hören kann. Ob es eine Übertragung im Radio oder online gibt? Dann könnte ich mein Laptop vor die Haustür stellen und richtig aufdrehen.

Fenster in Kevelaer (BFL)

Heute Abend um 18:00 Uhr spielen hier in Köln übrigens viele Musiker von ihren Fenstern oder Balkonen aus „Freude schöner Götterfunke“. Aber ob ich davon etwas mitbekomme? Vielleicht stellt ja anschließend jemand auf fb ein Video ein, so wie gestern mit „In unserm Veedel“.

Später, diesmal um 20:00 Uhr (aktuelle Terminänderung),  singen wir „Stääne“, und darin kommen auch Glocken vor. Das wird bestimmt wieder emotional, aber Kölner haben kein Problem damit,  Gefühle zu zeigen, und wir haben hier so viele schöne Lieder und tolle Gruppen, dass man damit auch eine längere Quarantäne durchstehen kann. Das Lied heute Abend ist von den Klüngelköpp.

 „Wenn am Himmel die Stääne danze
Un dr Dom sing Jlocke spillt
Jo dann weiß ich dat ich doheim bin
Jo doheim bin heh am Ring“

Um 21:00 Uhr folgt dann Radio Köln mit „In unserm Veedel“, da hat Weiden vor, ebenfalls mitzumachen. Also ein gesangvoller Sonntag.

Ich bin “nur“ ein Immi, gleich nach der Schule hergezogen, aber viele meiner Vorfahren kamen aus Köln, und etliche Verwandte wohnten hier. Mir war immer klar, dass ich eines Tages nach Köln ziehen würde. Seit langem bin ich hier zu Hause. Wenn ich von irgendwoher zurückkomme und in der Ferne den Dom sehe, atme ich tief durch und bin froh. Auch nach so vielen Jahrzehnten noch. Jo dann weiß ich, dat ich doheim bin, jo doheim bin heh am Ring.

Coronaleere Evangelische Kirche Weiden (BFL)

Heute ist Sonntag. Viele Weidener wären heute morgen in ihren Kirchen gewesen. Das ist jetzt leider nicht mehr möglich. Noch vor wenigen Wochen hätte ich mir das nicht vorstellen können. Keinen Menschen mehr sehen! Keinen mehr treffen! Solidarität zeigen, indem man sich voneinander fernhält! Social Distancing als lebensrettende Maßnahme!

Doch die Kirchen lassen ihre Gläubigen auch jetzt nicht allein, nicht nur das Glockenläuten erinnert daran. Seit dem 15. März sind alle Gottesdienste abgesagt. Wie kann man da noch Gemeinde sein und gemeinsam Gottes Wort hören, Trost finden und trösten? Der Pfarrer unserer evangelischen Gemeinde hatte da eine schöne Idee: die „Oasen-Worte in Wüsten-Tagen“. Wer mitmachen möchte, kann einen kurzen Text mit seinen Gedanken aus dem eigenen Corona-Alltag und einem „guten Wort“ als Audio-Datei auf der Website der Gemeinde (ev-kirche-weiden.de) einstellen. So können wir auch in dieser schweren Zeit verbunden bleiben und einander hören und uns gegenseitig Mut zusprechen.

Schmuckmadonna im Dom (BFL)

Vielleicht haben ja die katholischen Gemeinden hier in Weiden auch Wege zueinander gefunden? Ich selbst bin katholisch aufgewachsen, war lange kirchenlos und bin jetzt evangelisch, ich bin also „bi-religiös“ und froh, dass ich auch die alten katholischen Rituale kenne. Ich kann mich noch gut erinnern, wie die Frauen in meiner Familie bei Problemen, Unwettern und in Zeiten großer Krisen „zu Maria gingen“ und Kerzen anzündeten. Vor allem, wenn geliebte Menschen krank waren, im Sterben lagen oder gerade verstorben waren. Hier in Köln gibt es gleich zwei berühmte Marien-Kraftorte, die Schmuckmadonna im Dom und die Schwarze Madonna in St. Maria in der Kupfergasse.

Vor der Schmuckmadonna (BFL)

Beide sind alte Pilgerorte, nicht nur in Zeiten der Not, und es hat in der Tat etwas Tröstliches, für sich selbst oder für liebe Menschen in Gefahr eine Kerze dort zu entzünden und sich still auf eine der Bänke zu setzen, die flackernden Lichter zu betrachten und denen, um die man sich sorgt, gute Gedanken zu schicken. Es ist aber auch schön, dorthin zu gehen, um sich zu bedanken, wenn alles gut gegangen ist, oder Trost zu finden, wenn man Schlimmes erfahren hat oder die schlimmsten Befürchtungen wahr geworden sind. Am Niederrhein hatte damals so gut wie jede Familie eine Marienstatue, meist in Form der Schutzmantelmadonna. Ich habe die alte Statue meiner Eltern geerbt, die ein Holzschnitzer in den Dolomiten vor vielen Jahren eigens für meinen Vater gemacht hat.

Der Dom bietet auf seiner offiziellen fb-Seite die schöne Möglichkeit, auch aus der Ferne eine Kerze anzuzünden. Jeden Morgen werden die vielen Gebete und Bitten der Menschen mitgenommen. In den Dom, zu den Kerzen, zu Maria. Es ist bewegend, die Gedanken der Menschen zu lesen. Menschen aus aller Welt haben dort geschrieben, was sie bekümmert in diesen Tagen.

Schwarze Madonna, Köln (BFL)

Ob man auch bei der Schwarzen Madonna aus der Ferne Kerzen anzünden kann, weiß ich nicht. Ihre Kerzen sind noch „wie früher“, lang und weiß, und man kann sie vor dem kleinen Raum, in dem sich die Statue befindet, anzünden. Schwarze Madonnen oder Schwarze Göttinnen gelten als etwas Besonderes, und ich habe dies noch nie so stark gespürt wie in der dämmrigen, unheimlichen Grotte der Schwarzen Sara im französischen Saintes Maries de la Mèr. Ich kann gut verstehen, dass die Frauen in meiner Kindheit zu Maria beteten. Wie oft ging Oma (die selbst Maria hieß) mit mir „ein Kerzken anmachen“. Ich durfte dann den Docht an einer anderen Kerze entzünden und unsere Kerze vorsichtig in einen der vielen schwarzen Ständer stellen. Und im August pilgerte der ganze Ort nach Kevelaer. Zu Fuß. Mit Blasen unter den Füßen. Ich fand es ziemlich beschwerlich, aber ich liebe Kevelaer.

Kerzen bei der Schwarzen Madonna (BFL)

 

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Kölner Westen – Frühling in Weiden

Auf dem Weidener Friedhof (BFL)

Nach der harten letzten Woche voller Live Ticker, Schreckensmeldungen und sich überschlagender Corona-Updates habe ich heute einfach nur noch das Bedürfnis, nach draußen in den Garten und hinaus in unser blühendes Veedel  zu schauen.

Auf den ersten Blick sieht alles aus wie immer, friedlich und freundlich, nur dass es heute kälter ist als in den letzten Tagen. Es ist windig, und es soll sogar Frost geben. Die Magnolie am Emil- Schreiterer-Platz blüht genau so üppig wie jedes Jahr, auch meine kleine Sternmagnolie im Garten gibt sich richtig viel Mühe, obwohl sie aus Platzmangel nur in einem Kübel steht. An der Weidener Kirche sprießen eindrucksvoll die leuchtend roten Blätter der Glanzmispeln wie kleine Feuerspieße in die Höhe, und überall entdeckt man pralle Knospen und junges Laub. Doch die Menschen sind ernst, und fast alle bleiben hier in Weiden in ihren Wohnungen und Häusern. Heute hat zu meinem Kummer kaum jemand zurückgelächelt. Vielleicht stimmt meine Theorie vom freundlicheren Miteinander doch nicht. Wäre schade.

bei „Garten Müller“ (BFL)

Ganz habe ich gestern das Zuhausebleiben nicht geschafft, zu groß war das Bedürfnis, schnell noch etwas Blühendes ins Haus und in den Garten zu holen, und den Büschen vor dem Haus, die das ganze Jahr lang die Abgase der Aachener Straße ertragen müssen, einen ordentlichen Dünger zu spendieren. Eine meiner Glanzmispeln hat viele dunkle Flecken auf ihren Blättern und verlangt dringend nach einer kleinen Frühlingskur. Die Garten Center sind ja zum Glück noch geöffnet, doch wenn die Ausgangsbeschränkungen weiter zunehmen, ist es für einen Besuch zu spät.

Also waren wir kurz bei „Garten Müller“. Ich habe etliche Fotos gemacht, wollte die ganze Frühlingspracht irgendwie festhalten und mit nach Hause nehmen. Am großen Teich lärmten die weißen Gänse, und überall standen und hingen blühende Pflanzen. Ein bisschen hat es sich wie Abschied angefühlt. Aber das Gefühl hatte ich auch schon, als wir auf dem Friedhof waren und die Narzissentuffs bewundert haben. Wie würde die kleine Anna in dem Buch „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ sagen? „Aufwiedersehen, Narzissen! Aufwiedersehen, Bäume! Aufwiedersehen, kleines Eichhörnchen!“ Die Bäume an der Igny-Straße waren bunt vor Gießkannen. „Aufwiedersehen, ihr Bäume mit den Gießkannen!“ Alles wirkte fröhlich und beschwingt. Nur die Menschen nicht.

bei „Garten Müller“ (BFL)

Am liebsten hatte ich bei „Garten Müller“ einen ganzen Lieferwagen voller Blumen mitgenommen, doch aus Vernunftgründen kaufte ich dann doch nur ganz gezielt die Blumen, mit denen ich die Lücken in den Kästen vorübergehend schließen kann. Es tut mir gut, dem Elend der Welt jetzt etwas Buntes und Lebendiges entgegenzusetzen. Wahrscheinlich würde ich auch noch am allerletzten Tag ein Bäumchen pflanzen. Ganz bestimmt würde ich das!

Danach war ich einige Stunden draußen im Garten, habe gekehrt und die Beete etwas aufgeräumt. Die ersten Clematisknospen sind schon zu sehen, leider auch die riesige Giersch-Monokultur, die sich in unserem Garten immer breiter macht und alles erstickt und durchwuchert. Aber egal, der Giersch ist jung und grün, und notfalls kann man ihn als Salat essen. Ansonsten sind wir keine Selbstversorger, was mir im Moment fast leid tut. Vielleicht kaufe ich, wenn es wärmer wird und dann noch möglich ist, ein paar Tomaten- und Gurkenpflanzen? Der Reiher, der unseren Teich schon so oft leergefischt hat, soll tot sein, hat mir jemand auf Facebook mitgeteilt.

Gestern Abend war hier bei uns vom Kölner Klatschen nichts zu hören, nur auf der Gartenseite erklangen fußballfeldartige „Töne“, wohl aus den hohen Häusern gegenüber vom Einkaufscenter. Vielleicht wird es ja heute Abend etwas lebendiger? Vielleicht sogar schon beim Glockenläuten um 19:30 Uhr? Oder igeln sich die Leute direkt an der Aachener Straße besonders ein? Früher gab es genau gegenüber eine nette alte Dame, die mir immer zugewunken hat, wenn sie mich am Fenster meines Arbeitszimmer sah. Sie saß viel am Fenster und hatte ein wenig Ähnlichkeit mit meiner Oma, doch das ist schon lange her. Ich glaube, sie hieß Frau Blücher, aber sicher bin ich mir nicht.

Robin (BFL)

Auf der offiziellen Dom-Seite habe ich eben entdeckt, dass man von zu Hause aus und sogar aus aller Welt an einem der für mich mächtigsten Kraftorte Kölns, bei der Schutzmantelmadonna, eine Kerze anzünden kann. Wie gut, dass ich voriges Jahr in Kevelaer war (dort hatte ich eine Lesung) und Fotos gemacht habe. Ich habe auch Bilder von der Schutzmantelmadonna. Als Kind hat meine Oma mich immer mit in die Marienandachten genommen und wir haben die schönen Lieder gesungen. Vor allem im Mai. Dann bekam Maria bei mir im Kinderzimmer sogar einen kleinen Altar. Und vor den Mathematikarbeiten (ich bin mathematisch tiefbegabt) habe ich immer zu ihr gebetet und hatte sogar eine Karte mit ihrem Bild unter meinem Heft liegen. Die Mathe-Schwester dachte natürlich, ich würde pfuschen, aber als sie sah, wer da unter meinem Heft lag, strich sie mir nur mitleidig übers Haar und ließ mich fortan in Ruhe. Bei der Kölner „Schmuckmadonna“ habe ich schon häufig gesessen und nachgedacht. Nicht nur, wenn ich Probleme hatte. Eigentlich immer, wenn ich vorbei kam. Ich habe vor ein paar Jahren auch Bilder von der Schwarzen Madonna in Köln gemacht. Aber nicht heute. Vielleicht morgen. Morgen ist Sonntag. Mein heutiger Beitrag soll vor allem den Blumen und Blüten gehören.

Schade, dass man darin die Vögel nicht singen hören kann. Vorn an der Straße tschilpen die Spatzen, eine ganze Familie hat sich da versammelt, und sie schreien, dass man fast Kopfschmerzen bekommt. Hinten schmettert neuerdings frühmorgens ein Zaunkönig und etwas später die Amsel. Das Rotkehlchen ist momentan leise, kommt aber regelmäßig ans Futterhaus, und auch die Mönchsgrasmücke, die sonst immer für mich singt, wenn ich draußen bin, hält momentan den Schnabel. Leider. Die Vögel haben es gut. Sie können fliegen, wohin sie wollen. Sie wissen nichts von den momentanen Nöten der Welt. Ob ihnen auffällt, dass Köln ruhiger und leerer ist als sonst? Vielleicht singt die Mönchsgrasmücke morgen wieder für mich. Morgen ist ja Sonntag.

Bei „Garten Müller“ (BFL)

 

 

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Kölner Westen – Ausgangssperre und Social Distancing

Evangelische Kirche Weiden  (BFL)

Ein neuer Begriff, doch schön ist er nicht: Social Distancing. Ich hoffe, wir sind in Köln reif und altruistisch genug, um jetzt gemeinsam stark zu sein, Distanz zu wahren und die Schwächsten unter uns zu schützen, auch wenn es noch so weh tut. Hier in Weiden habe ich bisher zum Glück noch keine grillenden Gruppen entdeckt, die ausgelassene Corona Partys feiern, aber ich bin auch die meiste Zeit zu Hause und weiß es daher nicht wirklich genau. Wir bleiben vermehrt drinnen, und draußen müssen wir Abstand halten. Sehr ungewohnt in einer Großstadt, in der Menschen sonst wie Ölsardinen aufeinander hocken.

Weiden „Römergrab“ (JL)

Schon in der Bahn fängt es normalerweise an, und oft genug ist es laut und lästig. Aber jetzt sind die Straßen wie ausgestorben, die Bahnen leer, und man wagt nicht mal mehr, sich an den Stangen festzuhalten oder den Halteknopf zu drücken. Unser öffentliches Leben kommt allmählich zum Erliegen. Köln wird zur Ghost Town. In einigen Teilen Deutschlands treten bereits stärkere Einschränkungen in Kraft. Aber noch gibt es keine „Ausgangssperre“.

Warum erinnert mich das Wort jetzt sofort an meine Mutter und an „Stubenarrest“ und „Hausarrest“? Meine Mutter hat das damals in der Nachkriegszeit tatsächlich so genannt. (Sorry, Mama, ich hab dir das alles längst verziehen.)  „Ausgangssperre“ habe ich gehaßt, weil ich dann meine Freundinnen und später leider auch meinen ersten Freund nicht sehen durfte. Es war so demütigend! Da standen sie unten erwartungsvoll an der Haustür, um mich abzuholen, und ich saß brav und stinksauer oben in meinem Zimmer, kämpfte mit den Tränen und fühlte nur stolzen Trotz und hilflose Wut, konnte aber gegen den mütterlichen „Befehl“ nichts machen.

Shelfie (BFL)

Meine Schwester war weniger kooperativ und hat sogar mal den Glaseinsatz ihrer Zimmertür eingetreten, um einfach abzuhauen, aber wir waren vom Temperament her auch extrem unterschiedlich. Bei ihr zog „Ausgangssperre“ nicht. Ich habe sie dafür sehr bewundert. Zum Glück war ich eine Leseratte und hatte schon damals Regale voller Bücher in meinem Zimmer, daher hat mir die Isolation im Grunde wenig ausgemacht. Das hat wiederum meine Mutter extrem geärgert, was mich gefreut hat. Auf die Idee, meine Regale leer zu räumen, ist sie zum Glück nie gekommen. Wäre wohl auch zu viel Arbeit gewesen. Heute habe ich noch viel, viel mehr Bücher. Sie reichen für zehn Jahre „Ausgangssperre“, und danach wäre ich dann ein Ausbund an Weisheit und Belesenheit. Übrigens höre ich plötzlich auch wieder Wörter, die Väter in der Nachkriegszeit oft benutzten. Begriffe wie „Lazarett“ und „Triage“. Schlimme Wörter. Angstbesetzt, jedenfalls bei mir.

Was mir angenehm auffällt: Die Menschen schauen sich plötzlich wieder an, lächeln einander häufiger zu, sprechen miteinander. Auch wenn es nur „Schlimme Zeiten, finden Sie nicht?“ ist. Dann nickt man dem anderen zu, lächelt und geht weiter. Wir sind im Moment höflicher miteinander, würdigen endlich Menschen, an denen wir sonst nur achtlos vorübergehen. Gestern in den Läden habe ich mich jedenfalls bewußt bei allen Kassierinnen dafür bedankt, dass sie jetzt in der Not für uns da sind und für uns arbeiten, denn sie haben im Moment enorm viel Stress und sind, wie ich schon gestern schrieb, auch gesundheitlich gänzlich ungeschützt. Ob man sie nicht doch besser abschirmen sollte? Ich habe gestern auch überall mit Karte bezahlt, damit sie mein Geld nicht anzufassen brauchten. Ach, es wäre schön, wenn die Menschen sich auch in Nach-Corona-Zeiten häufiger anlächeln würden, statt wortlos auf Smartphones zu starren. Obwohl: Hier in Weiden habe ich an „meiner“ Haltestelle schon etliche nette Leute kennengelernt im Laufe der Jahre.

Völlig am Ende (Jasmin Sessler/unsplash)

Es gibt auch Personen, die nur laut maulend durch die Gegend laufen. Wenn ich so jemanden treffe (wie gestern im Center), versuche ich mir vorzustellen, dass die Person vielleicht in Wirklichkeit Angst hat und sich im Moment nicht anders zu helfen weiß. Aggression und Wut setzen Angst nämlich temporär höchst erfolgreich außer Kraft. Wer sich lautstark aufregt, spürt seine Angst nicht mehr und wirkt nach außen stark und aggressiv. Das ist besonders bei Kontrollverlust wichtig. Das Muster kenne ich bestens aus meiner Ursprungsfamilie, mein Vater hat auf diese Weise lebenslang versucht, mit seinem Kriegstrauma fertig zu werden. Für die Umwelt ist ärgerliches Schimpfen nicht sehr prickelnd.  Auf meine freundliche Ansprache hin haben die Damen gestern übrigens gleich zu maulen aufgehört. Sie ärgerten sich, wie sollte es anders sein, über das Fehlen unseres momentanen Weltlieblings. Klopapier!!!!

Milde Gabe (Martin Sanchez/unsplash)

Was mir an mir selbst auffällt: Ich beobachte mich noch stärker als ohnehin schon. Diese erhöhte Selbstbeobachtung ist bei mir leider einprogramiert, ich habe meinen Körper schon als Kleinkind störend genau wahrgenommen. Seit ich weiß, dass es zur sogenannten „Hochsensibilität“ dazugehört, kann ich damit umgehen. Aber als Kleinkind hat mir das Schlagen und Wummern des eigenen Herzens solche Angst gemacht (ich kann auch nicht gut auf der linken Seite schlafen, weil die Empfindung dann zu stark ist), dass ich dachte, ich würde jeden Moment tot umfallen (was das Herz erst recht zur Raserei brachte!). Auch jetzt muss ich wieder vermehrt gegensteuern, wenn es los geht: Leichte Kopfschmerzen? Halskratzen? Irgendwie kurzatmig? Ist das Heuschnupfen? Oder etwa …..? Nase zu und juckende Augenwinkel? Das ist eindeutig Heuschnupfen! Aber fliegen die Birkenpollen überhaupt schon? Ich registriere auch genau, wann ich mir ins Gesicht fasse (fast gar nicht mehr), und versuche auch das zu unterlassen, was man bei Heuschnupfensymptomen fast automatisch macht: Nase reiben. Es gibt dafür sogar eine eigene Bezeichnung „Allergikergruß“.  Auch juckende Augenwinkel kann man nur schwer in Ruhe lassen. Eine Sonnenbrille mit möglichst dunklen Gläsernd wirkt Wunder und reduziert Augenstress und Polleneinfall gleich um 50 Prozent (bei mir jedenfalls), daher trage ich meine jetzt auch konsequent. Besonders gut sind Polarisationsgläser, sie beruhigen die Augen sozusagen sofort.

Eben war ich Punkt zwölf (High Noon!) draußen, um eventuell den Glocken aus der Ferne zuzuhören (manchmal höre ich sie bis in den Garten), aber ich habe leider keinen Ton gehört. Vielleicht läuten sie hier in Köln oder bei uns in Weiden um diese Zeit auch gar nicht, aber vielleicht waren heute auch die Autos zu laut. Es gab leider auch niemandem, dem ich zuwinken konnte. So stand ich nur einsam am Zaun. Schade. Vielleicht wirken die Autos auch nur lauter, weil ich sie anders wahrnehme. Gestern war es ja vergleichsweise still. Morgen versuche ich es wieder! Vor allem beim Abendläuten um 19:30 Uhr.

Englische Enkel (BFL)

Letzte Nacht hatte ich einen Traum, der mich traurig macht. Unsere englischen Enkel waren mit ihren Eltern bei uns zu Besuch (eigentlich wollten sie wie jedes Jahr zu Ostern kommen). Wir befanden uns alle im selben Zimmer, merkwürdigerweise war es das Wohnzimmer meiner verstorbenen Eltern am Niederrhein und nicht unser Wohnzimmer hier in Köln. Die Kinder standen auf der anderen Seite des Raums, direkt an der Tür und sahen aus, als würden sie am liebsten weglaufen. „Wie am Notausgang“, schoss es mir durch den Kopf. Mein Mann und ich saßen auf dem Sofa. Keiner sprach, wir schauten uns nur an. Unsere beiden Enkel waren sehr viel jünger als sie in Wirklichkeit sind, fast noch Kleinkinder, das Mädchen hatte sogar wieder die süße Zahnlücke (ich weiß noch, wie schlimm es damals für sie war, in einen Apfel zu beißen, denn es fehlten ihr gleich beide oberen Schneidezähne!). Die Kinder wirkten verwirrt und verlegen. Offenbar hatten sie Angst, uns zu nahe zu kommen. Vielleicht fürchteten sie, uns anzustecken und in Gefahr zu bringen, aber vielleicht  hatten sie auch Angst vor uns. Auf jeden Fall waren sie überaus verstört. Es tat mir in der Seele weh, und ich wollte gleich zu ihnen laufen und sie in die Arme schließen, sie auf den Schoß nehmen, leise und beruhigend mit ihnen sprechen. Sagen, dass alles in Ordnung ist, dass sie keine Angst haben müssen, dass es nur ein blöder Traum ist und Corona rubbish. Aber ich saß nur wie gelähmt da und hätte am liebsten geheult.

Ein Bett voller Katzen (BFL)

Mit dem Gefühl trauriger Hilflosigkeit wachte ich auf und konnte zunächst nicht wieder einschlafen. Also nahm ich mein Handy und las die neuesten Artikel in der „New York Times“. Nicht wirklich erhebend, denn das eine Thema hält weiterhin die Welt in Atem, aber irgendwas musste ich tun. Die Berichte über den klügsten Präsidenten aller Zeiten schafften es dann aber doch wieder, mich zum Lachen zu bringen. Seine alternative facts sind einfach unschlagbar! Merkwürdigerweise beruhigt mich Zeitunglesen (vor allem über die neuesten Äußerungen von Sie wissen schon) in so einer Situation mehr als stundenlang mit klopfendem Herzen im Bett zu liegen. Wenn ich schon nichts tun kann, dann bin ich wenigstens informiert. (Wie im Flugzeug: Ich sitze auch bei Nachtflügen am liebsten am Fenster und schaue hinaus ins Dunkel, obwohl ich nicht das Geringste sehen kann.) Irgendwann kam meine Katze Alice zum Kuscheln und dann kam ich auch wieder zur Ruhe. Kehliges Katzenschnurren ist eine der besten Einschlafhilfen. Wie schade, dass wir nur noch eine Katze haben. Als es noch vier waren, lag ich nachts in einer wohligen Schnurrwolke, Stereo am Kopf und an den Füßen (ich konnte mich dabei allerdings nicht mehr wirklich gut bewegen). Allein die Erinnerung stimmt mich gerade heiter. Es sah mit Sicherheit total bescheurt aus. Mein Cisco ringelte sich meistens um meinen Kopf wie eine gigantische silbergraue Fellmütze. Gelegentlich biss er mich in die Haare, nie hart, nur ein bisschen. Bei Katzen nennt man das „Liebesbiss“.

Die erzwungene Trennung von Enkeln und Großeltern kann extrem schmerzhaft für alle Beteiligten sein und ist für viele sicher kaum erträglich. Ich weiß noch, wie schlimm ich es fand, als meine Oma, die lange meine wichtigste Bezugsperson war, plötzlich nicht mehr da war. Sie war gestorben, hat mir unendlich gefehlt, und ich konnte nicht begreifen, warum sie nicht mehr da war. Das passiert hier im Moment – zumindest vorübergehend – millionenfach. So viele Kinder werden gerade von ihre Großeltern getrennt und verstehen die Welt nicht mehr! So viele Großeltern vermissen ihre Enkel, dass es weh tut, und würden sie so gern in diesen schweren Zeiten einfach nur in den Arm nehmen und sich um sie „kümmern“. Das alles ist einfach nur grausam, und manch einer würde sich wohl am liebsten hinsetzen und „den Kopf dick heulen“, wie meine Oma das früher so treffend nannte. Vielleicht tun das einige auch, denn Weinen kann hilfreich sein. Social Distancing ist knallhart und brutal, selbst wenn man damit seine Liebsten nur schützen will. Hoffen wir, dass der Spuk bald vorüber sein wird. Hoffen darf man. Muss man. Immer.

Seifentrostbild

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Kölner Westen: „Radio Days“

Aachener Str. (BFL)

Inzwischen ist die Aachener Straße tatsächlich um einiges ruhiger, manchmal sogar völlig still, und selbst die Autobahn röhrt nicht mehr in der Ferne. Ich war ein paar Mal draußen, und jedes Mal war die Straße bis auf die parkenden Autos fast oder gänzlich leer. Genau wie die KVB-Haltestellen, sogar am Center. Das passiert normalerweise nur bei der Fußballweltmeisterschaft.

Stadtauswärts (BFL)

Das kleine Päckchen, das ich heute morgen bekam, wurde mir im Gegensatz zu sonst mit extrem langem Arm gereicht, nicht mal unterschreiben war nötig, denn in Krisenzeiten gelten andere Vorgaben. Im Stadtanzeiger fallen mir jetzt vermehrt die neuen Zusätze bei den Todesanzeigen auf und machen mich traurig. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie die winzigen Beerdigungen in diesen Tagen aussehen, ich habe in den letzten Jahren viele Verwandte verloren. Ich sehe die wenigen Trauernden verloren und ungetröstet am Grab stehen. Auf dem Weidener Friedhof war ein riesiger Bagger mit lautem Getöse zugange. Mir schoss ein völlig abgedrehter schrecklicher Gedanke durch den Kopf, als ich das riesige Loch sah, doch die Männer hatten einfach nur das Fundament des Strommasts entfernt, der dort bis vor kurzem noch stand. Das war mir glatt entgangen, dabei habe ich ihn schon so oft surren hören. Ein Glück, dachte ich erleichtert. Wie gut, dass ich gefragt habe. Es ist nur der Strommast!

die neuen Weltstars (unsplash)

Im Center sind tatsächlich noch ein paar Geschäfte geöffnet, aber richtig einladend wirkt das nicht. An den geschlossenen Läden kleben kleine Plakate, vor einigen geöffneten stehen Warnschilder. In der Apotheke trugen heute alle Mundschutz und der  Sicherheitsabstand zwischen den Kunden war sehr groß. Bei Rewe und im DM fehlen tatsächlich immer noch unsere momentan weltweit kollektiven Lieblingsprodukte (Nur so eine Idee: man kann notfalls auch liebevoll zugeschnittene Küchenrollen zweckentfremden). Ein Psychologe meinte gestern, durch das Horten von Klopapier würden die Menschen ihren Ekel vor dem Coronavirus ausdrücken. Interessante Theorie, daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Aber vielleicht ist Klopapier im Moment auch nur eine Art Beruhigungsmittel gegen die Angst? Eine Variante des magischen Denkens: Wenn du nur genug Klopapier zu Hause hast, kann dir nichts passieren! Dass alle anderen das auch zu denken scheinen (wenn alle das meinen, muss es ja stimmen! Darum gibt es auch all die leeren Regale!), bestätigt die eigene Wahrnehmung. Interessant ist diese Fixierung irgendwie schon. Nudelhorten verstehe ich bestens. Nudeln sind lecker und halten sehr lange. Sie sind gut für das körperliche Wohl. Klopapier bietet offenbar eine ganz andere Sicherheit. Damit schützt sich der Mensch an seiner verwundbarsten Stelle, dem Intimbereich. Ich hatte schon immer genug Klopapier für einige Wochen im Schrank (genau wie Katzenstreu) und habe auch wegen Corona nicht aufgestockt. Aber vielleicht habe ich auch eine ganz andere Art Angst als die Klopapierhorter. Wir kennen uns halt schon sehr, sehr lange, die Angst und ich. Damit hat Klopapier nichts zu tun.

Stopp! (BFL)

Zwei Frauen suchten heute morgen im DM verzweifelt nach Desinfektionsmitteln und eilten panisch und hektisch durch die Gänge. Ich gab ihnen den Tipp (aus der „New York Times“), dass man stattdessen auch sehr gut (verdünntes) Geschirrspülmittel verwenden könne, denn Coronaviren vertragen ja keine Fettlöser, was die beiden sichtlich beruhigte und mir ein gutes Gefühl gab. Spülmittel gibt es zum Glück noch genug, offenbar haben die Menschen diese Geheimwaffe noch nicht auf dem Schirm. Sogar meine Lieblingsmarke gab es, kam also auch gleich in den Einkaufskorb. Ich habe schon immer Spülmittel und Seife geliebt! Auch bei Gummihandschuhen gibt es erstaunlicherweise noch keinen Engpaß (wohl aber bei Einweghandschuhen, die sind nicht mehr zu kriegen).

Zur Säuberung von Oberflächen gab es eine gute Empfehlung in der „New York Times“: Gummihandschuhe anziehen und 1 x am Tag folgende Gegenstände mit einem feuchten Tuch (Desinfektionsmittel oder verdünntes Spülmittel) abreiben: Türklinken, Schubladengriffe, Fernbedienungen, Telefon, Tastatur und Handy (besonders wichtig, weil man es dauernd in der Hand hat!), Wasserhähne, Toilettenspülungstaste, Lichtschalter, Kühlschranktür, Microwellentür. Danach Handschuhe gut mit Seife waschen und trocknen lassen, danach noch mal Hände waschen, ebenfalls mit Seife und nach bewährter Manier. Also gründlich. Mindestens 20 Sekunden. (Für die Hände braucht man eigentlich gar kein Desinfektionsmittel, da reicht Seife!!!!) Ob ich die neue Handhygiene je vergessen werde? Wenn das noch monatelang so weiter geht, sicher nicht. Irgendwie ist es mir jetzt schon in Fleisch und Blut übergegangen. Mache ich ja auch schon seit sechs Wochen.

Radio Days (pixabay)

Übrigens bemerke ich mehrere auffällige Veränderungen in meinem Leben: Ich höre plötzlich Radio. Normalerweise tue ich das sonst nur im Auto, weil mich fremde Stimmen von unsichtbaren Leuten im täglichen Leben und bei meiner Arbeit am Schreibtisch stark irritieren (ich bin ein ausgesprochener Augenmensch), aber jetzt verbringe ich praktisch mehrere Stunden am Tag neben dem Radio. Es ist nicht nur der Podcast von Professor Drosten, es ist noch viel mehr. Wenn ich tief in mich hineinhorche, verstehe ich sogar, warum. Radiohören erinnert mich an meine Kindheit, an die Zeit, als wir noch keinen Fernseher hatten und mit dem Radio den Tag begannen und beendeten. „Komm, wir hören schnell noch die Nachrichten“, sagte meine Mutter. Dann waren kurz alle leise, und zum Schluss kam die Wettervorhersage. Und später „Die großen Acht“ von Radio Luxemburg mit Frank Elsner. Bei mir erlebt das Radio gerade eine echte Renaissance. Irgendwie fühle ich mich dadurch beruhigt und behütet. Wie war das noch früher? Morgens beim Frühstück, bevor mein Vater zur Arbeit fuhr, lief das Radio, auch später noch, wenn ich zur Schule ging, und außerdem immer, wenn ich krank im Bett lag. Aber dann war es nicht der große Kasten, sondern ein Transisterradio. Das entführte mich in die Welt des Kinderfunks. „Was meinst du dazu?“ fällt mir ein. Und „Kalle Blomquist, der Meisterdetektiv“ (da kann ich sogar noch die Erkennungsmelodie singen!). Und die Stimme von Peter René Körner! An den habe ich schon ewig nicht mehr gedacht.

Mein Mann hört immer viel Radio, für ihn ist das jetzt nichts Besonderes, aber ich schaue eigentlich viel lieber fern. Ich bin ein echter Film-Junkie. Auch ein echter Serien-Junkie, seufz. Jetzt stelle ich mit einem Mal erstaunt fest, wie gut und interessant das Radioprogramm ist! Und wie sehr ich mich im Moment genau dort unmittelbar und gut informiert fühle. So höre ich nicht nur täglich im NDR den informativen Drosten-Podcast, sondern habe rein zufällig auch im WDR etliche gute Sendungen gefunden, z. B. eine ausgezeichnete Sendung über Hermann van Veen. Bei KiRaKa. Ich hatte glatt vergessen, wie angenehm seine Stimme ist. Und wie schön seine Lieder. Danke, WDR! Auch die Nachrichten höre ich jetzt alle paar Stunden. Komischerweise fühlt sich das sehr viel unmittelbarer an als das Fernsehen, und die „Tagesthemen“ und das „Heute Journal“ kommen ja erst so spät. Die schaue ich mir auch beide an. Schade, dass die „Heute Show“ nicht jeden Abend den Abschluss bildet, dann hätte ich wenigstens was zu lachen. So liest mir mein Mann (er hat eine wunderbare Stimme, eigentlich hätte er Radiosprecher werden sollen) im Moment „Winnie the Pooh“ vor. Das brauche ich, um runterzukommen. Vorher hatten wir „Karlsson vom Dach“.

Auch die Ansprache von Angela Merkel habe ich mir gestern bewußt zuerst im Radio angehört und erst dann „richtig“ im Fernsehen. Meine Gefühle waren dabei so ähnlich wie bei „The King’s Speech“. Es war ein historischer Moment. Das hat sie noch nie zuvor getan. Sie sprach einfühlsam, unaufgeregt, klar und für ihre Verhältnisse erstaunlich emotional. Ich war und bin beeindruckt. Leider werden viele Menschen ihren dringenden Appell nicht befolgen. Auch heute haben sich wieder hunderte Jugendliche am Rheinufer versammelt und Coronafeiern abgehalten. Es ist einfach nur noch zum Heulen und wird zu Ausgangssperren führen. Wir sind offenbar immer noch nicht reif und mündig genug, um in dieser historischen Ausnahmesituation Vernunft walten zu lassen und Rücksicht aufeinander zu nehmen. Ich wünsche mir, die „Partymacher“ würden den verzweifelten Bericht der jungen New Yorker Ärztin lesen, den ich heute gefunden habe: „The Sky is falling!“ Doch antiphobisches Verhalten ist nicht neu. Es gab auch schon wilde Feste währen der Pestepidemien. Aber das waren eher Totentänze. Tanzen auf dem Vulkan muss ein ganz besonderer Thrill sein, den ich nicht nachvollziehen kann.

Wie im Rest von Köln und in vielen anderen Städten (besonders eindrucksvoll schafft man das in Italien!) gab und gibt es auch hier im Westen abendliche „Klatschaktionen“ als Dank an die Menschen, die „den Laden am Laufen halten“, immer um 21:00 Uhr. Von der ersten habe ich zu spät erfahren, die zweite habe ich durch einen wichtigen Anruf verpaßt. Aber an der breiten Aachener Straße hätte sich mein Klatschen ohnehin sekundenschnell „versendet“. Für Sonntag, den 22. März ist um 18:00 Uhr eine Art kollektives Musikkonzert geplant, doch selbst dazu werde ich an der Aachener Straße nicht viel beitragen können. Kein Instrument wäre hier laut genug. Damit man mich irgendwie bemerkt, müsste ich wohl riesige Leuchtkugeln in den Himmel schießen. Mal sehen, wie es heute Abend wird. Noch ist nicht 21:00 Uhr.

Seifenblasen (pixabay)

In diesen Tagen fällt es mir schwer, mich beim Schreiben auf „Unpandemisches“ zu konzentrieren. Mein Roman pausiert daher erst mal. Merkwürdigerweise habe ich während der SARS-Krise (2003) ein ganzes Buch geschafft, in dem meine Romanfamilie im Belgischen Viertel sogar eine Woche in Quarantäne verbringen musste. Sie hatten damit argen Stress, denn der Vater hatte im selben Flieger gesessen wie der SARS-infizierte Arzt, und seine beiden Töchter fürchteten, dass er sich angesteckt haben könnte. Ich habe mir schon überlegt, ob ich meine Familie nicht einfach wiederaufleben lassen soll, denn sie fehlt mir schon seit langem und ich würde gern wieder mehr Zeit mit ihr verbringen (außerdem hege ich insgeheim tiefe Gefühle für Martin, den amerikanischen Vater). Vielleicht versuche ich in den nächsten Tagen, mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Wenn sie Lust dazu haben, was ich sehr hoffe.

Aber zuerst möchte ich mir noch die verpassten Podcasts von Christian Drosten anhören. Ich habe erst bei Folge 10 angefangen, heute war Folge 17. Inzwischen kann man sich auch die Scripts herunterladen oder im Computer lesen, und die NDR-App schickt mir morgens und abends die neuesten Meldungen aufs Handy. Genau wie der Newsletter des Kölner Stadtanzeigers speziell für die Lage vor Ort (Stadt mit K). Heute habe ich auch zum ersten Mal von der wohl aktuellsten Infoseite über die Corona Verbreitung gelesen. Sie heißt ncov2019live und wird von einem hochbegabten 17jährigen namens Avi Schiffmann in Seattle betrieben, der schon in einem Alter zu programmieren begonnen hat, in dem andere gerade erst anfangen zu lesen. (Sein Name klingt ein bisschen, als wäre er aus dem Roman „Die Lügnerin“, dem letzten Buch für die Stadt. Hab ich damals ausführlich im Literaturkreis besprochen. (der Literaturkreis fällt jetzt leider aus.)

Hummelchen (pixabay)

Draußen bleibt es frühlingshaft mild. Die ersten Hummeln habe ich im Garten gesichtet, die Vögel scheinen schon mit ihrem Nestbau zu beginnen, gestern habe ich den Rasen gemäht (natürlich ganz hoch eingestellt, damit er nur ja keinen Mähschock bekommt). Auch einen wirklich magischen Moment habe ich erlebt: Heute flogen schreiende Wildgänse hoch am Himmel über mich hinweg. Ihr Anblick rührt mich sowohl im Frühjahr als auch im Herbst zu Tränen. Irgendwie wecken diese Vogelzüge ein uraltes archaisches Bild in mir auf. Wie viele Generationen von Menschen haben diese eindrucksvollen Züge wohl schon beobachtet? Und sehr wahrscheinlich sind ihnen dabei auch Schauern über den Rücken gelaufen. Auch mit Fischfüttern habe ich jetzt angefangen, denn es gibt viele neue Fischbabys.  Hoffentlich kommt der Reiher nicht und frißt sie sie mir alle an einem Tag weg. Es gibt einen gewissen Reiher, der auf den Kölner Westen spezialisiert ist. Meine Freundin in der Bahnstraße kennt ihn auch bestens. Er hat uns beiden schon mehrfach den Teich leer gefischt, und ich habe ihn auch schon mal ganz aus der Nähe fotografiert. Er ist riesig! Sehr schön eigentlich, aber auch sehr hungrig.

Kirchenglocke (RoyBuri/pixabay)

Übrigens läuten jetzt täglich um 12:00 in Köln die Glocken zum kurzen Gebet, ebenfalls um 19:30. Auch das erinnert mich an etwas. Früher läutete in unserem Dorf die Kirchenglocke, wenn jemand gestorben war. Dann hielten die Menschen kurz inne, und meistens wußten sie auch, wer da gerade gestorben war. Es war ein kleiner Ort, in dem jeder jeden kannte. Die alten Frauen begannen dann, zu Maria zu beten. Glockenläuten ist für mich immer noch extrem emotional besetzt. Vielleicht gehe ich morgen Mittag und Abend kurz nach draußen und höre den Glocken zu. Schade, dass ich nicht mehr gegenüber von St. Michael im Belgischen Viertel wohne. Wie meine Buchfamilie, die mir gerade so fehlt, dass es fast schon weh tut. Vielleicht gehe ich morgen um 12 und 19:30 kurz an die Straße. Das Glockengeläut müsste ich eigentlich hören. Und vielleicht kommen noch mehr Menschen an die Straße und wir können uns zuwinken.

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Kölner Westen trifft Corona

Seifentrost

Ich mache mir grade wieder selbst eine Freude und schaue mir Seifenbilder an. Das finde ich überaus beruhigend in Zeiten der Pandemie.

Draußen ist es heute bis auf den normalen Puls des Kölner Westens (möglicherweise ist die Aachener Straße gerade ein wenig leiser als sonst, aber noch fällt es nicht auf) und einige frühlingsschmetternde Vögel ziemlich still. Mir fehlen die Stimmen der vielen Kinder, die um diese Zeit normalerweise draußen den Schulhof bevölkern. Manche sind ganz schön laut, ein Mädchen kann täuschend echt wiehern, und etliche nerven mich auch gelegentlich, weil sie so laut kreischen, dass mir die Haare zu Berge stehen, aber alles in allem erinnert mich die quicklebendige Geräuschkulisse immer an meine Kindheit und das Haus meiner geliebten Oma. Sie wohnte unmittelbar neben einer Schule, und da war es vor 60 Jahren schon genau so laut.  Die Stimmen von spielenden Kindern sind offenbar immer gleich. Herumtollende Kinder sind etwas Vertrautes. Wenn sie nach der Pausenglocke alle gleichzeitig auf den Schulhof strömen, ist das eine Szene voller Lebenslust und Übermut. Jetzt sind die Kinder fort. Nur der Rasenmäher und der Hausmeister sind noch da. Und die Schulglocke. Pünktlich. Als wäre alles wie sonst.

Spielen (Robert Collins/unsplash)

In Köln sind ab heute nicht nur alle Kitas und Schulen, sondern auch alle Restaurants, Kinos, Spielplätze, Schwimmbäder und Bordelle (die Stimme der meisten Nachrichtensprecher verändert sich bei diesem Wort sehr subtil, und jedesmal muss ich lächeln) geschlossen. Nun ist auch der Zoo zu, der noch am Wochenende (bis auf die Tierhäuser) geöffnet war und die Kölner und ihre Kindern erfreute.

noch mehr Seife

Es ist so schön draußen, die ersten Blätter sprießen, Bäume blühen, Narzissen und Tulpen stehen im Blust, sogar der jährliche Heuschnupfen ist im Anflug. Trotzdem ist alles anders. Ab heute sind fast alle Geschäfte zu, bis auf Apotheken, Tankstellen, Banken und Lebensmittelläden, in denen die Angestellten (es ist bewundernswert, dass sie immer noch so freundlich sind!) zu Stoßzeiten bis an die Grenze ihrer Kraft (oft sicher auch oft darüber hinaus) arbeiten und dabei auch noch ständig unterhalb des empfohlenen Sicherheitsabstands bleiben müssen. Eine Kassiererin klagte darüber, dass rücksichtslose Kunden einfach in die Hand husten und ihr dann mit genau dieser Hand das Geld reichen. Wenn man sie darauf anspricht, reagieren sie sauer und gereizt. Nach wie vor gibt es den Super-Run auf Nudeln und Klopapier. Nudeln kann ich gut verstehen, aber ich frage mich, warum die Menschen scharf auf Toilettenpapier sind. Ist Klopapiersucht ansteckend? Triggert sie der Anblick der leeren Regale? Oder ist Klopapier irgendwie das Symbol für „Keine Sorge, alles ist gut“?

Das Einkaufscenter glich gestern einer Geisterwelt. Die Gänge, die meisten Läden und die Rolltreppen waren leer, im Kaufhof musste man ähnlich wie im Flughafen erst mal Slalom laufen, um zur Kasse zu kommen. In der Konfektionsabteilung waren wir die einzigen Kunden, was mich normalerweise erfreut hätte, denn ich mag keine Warteschlangen, aber unter den gegebenen Umständen war es unheimlich und bedrückend. Die Kassiererinnen trugen Handschuhe und machten ernste Gesichter. Leider bekam ich nicht mal das, was ich suchte. „Lieferstopp. Ham wir nicht im Moment.“ Ich hatte schon seit einigen Tagen meine Vorahnungen und habe mich daher vorige Woche einfach bei der Verkäuferin meines Vertrauens direkt erkundigt. „Wir wissen auch noch nichts“, meinte sie. „Das kommt immer ganz plötzlich. Aber ich gehe mal davon aus, dass hier nächste Woche zu ist.“ Ob wirklich zu ist? Ich muss es selbst sehen, um es zu glauben.

Klopapierhorter von Heather Anthony, @mousesprouts (Foto: Paul Anthony)

Irgendwie bizzar, aber es ist überall auf der Welt dasselbe, sogar das Horten von Klopapier ist gleich, wie ich täglich aus den sozialen Medien erfahre. Auf instagram beschäftigen sich sogar die Miniaturisten mit dem Thema. Auf höchst humorvolle Weise. Überhaupt ist instagram im Moment eine wahre Wohltat, hier wünschen Menschen aus aller Welt einander täglich Kraft, schicken sich virtuelle Umarmungen, liebe Worte und Ratschläge und finden sogar unerwartet Seelenverwandte (so bin ich seit kurzem auf die Ferne richtig gut mit Künstlerinnen in New York, Texas, Australien, England und  Norwegen befreundet, alles „Mausfrauen“). Wir posten spöttische, selbstironische und mitfühlende Bilder. Aber vielleicht habe ich auch nur Glück und „folge“ den (für mich) richtigen Personen. Oder gehen Künstler in aller Welt besonders feinfühlig und kreativ mit diesen einschneidenden, furchterregenden Veränderungen um?

Mausbuchladen „Mouse Tales“  (BFL)

Auch meine eigenen instagram Bilder sind „eingestimmt“. Bei mir in Mouseland (@cheddarandmozzarella) sind zum Glück alle Läden geöffnet und werden das auch bleiben, sofern mich die Coronaviren nicht vom Stuhl fegen. Auch das gemeinsame üppige Schmausen darf selbstverständlich weitergehen. Mäuse sind äußerst soziale Wesen und dürfen sich zum Glück auch bei Menschencorona noch fest in den Arm nehmen und nach Herzenslust beschmusen. Ich freue mich immer, wenn ich lese, dass meine Mäuse andere trösten und zum Lächeln bringen. Genau das sollen sie ja! Ich verkaufe dort nichts, ich brauche keine Werbung,  ich poste meine Bilder, weil es Freude macht und weil ich meine Mäuse liebe. Es tut gut, dieser bedrohlichen Dunkelheit einfach jeden Tag ihre kleine heile Welt entgegenzusetzen. Ohne Viren, Einschränkungen, Verbrechen und Gefahr.

Tina, Chester und Mimolette (BFL)

Auch die vielen hilfsbereiten Menschen, denen ich hier im Westen seit einigen Wochen real wie virtuell (vor allem bei facebook und nebenan.de) begegne, beeindrucken mich. Das „Viertel“ hält zusammen, formiert sich vielleicht gerade erst richtig, die Jungen helfen den Alten, überall herrscht große Solidarität. Auch der Kölner Westen verändert sich. Die Menschen werden zwar gezwungen, einander zu meiden, doch sie rücken gleichzeitig auch enger zusammen, lernen sich vielleicht jetzt erst kennen. Wir sitzen tatsächlich alle im selben Boot, weltweit, stadtweit, straßenweit, alle sind wir von dieser Katastrophe betroffen. Danach werden wir vielleicht anders miteinander umgehen. Köln zeigt sich hier gerade von seiner besten Seite, und mir wird das Herz weit.

trauriger Anblick (BFL)

Was mich traurig macht: Dass am Sonntag die Gläubigen ungetröstet zurück nach Hause geschickt werden mussten, weil auch die Gottesdienste verboten sind. Dass man sie nicht mal beruhigend in den Arm nehmen konnte. Dabei war alles so liebevoll vorbereitet, auf den Stühlen waren die Sitzkissen so verteilt, dass genug Abstand zwischen den Menschen bestanden hätte, die Gesangbücher lagen schon auf den Plätzen (und wären auch dort liegen geblieben), am Ausgang stand eine große Flasche mit Desinfektionsmittel, auf dem Altar standen frische Frühlingsblumen, zwei Türen wären einladend weit geöffnet worden. Die Gemeinde hätte nicht gesungen (denn dabei verteilt man natürlich auch Viren), sondern gemeinsam gesummt. Alle hatten sich auf diesen Abendgottesdienst in Krisenzeiten gefreut und auf die beruhigenden Worte ihres Pfarrer gehofft. Die gewohnte innere Nähe, die vertrauten Menschen, der gemeinsame Glaube hätten die Anwesenden, von denen viele betagt und einsam sind, sicher trösten können. Doch die unsichtbare Bedrohung verlangt, dass die Menschen einander meiden. Sie dürfen einander nicht mehr berühren, sich nicht mehr nah sein, nicht mal in Sprechnähe stehen. Auch die Beerdigungen werden von nun an eine Zeitlang anders sein. Nur Angehörige ersten Grades dürfen am Grab stehen und müssen auch in ihrem Schmerz allein bleiben. Gerade bei Trauerfeiern bekommt man normalerweise so viel dringend benötigte Zuwendung und Trost. Alles dahin. In Italien bleiben inzwischen auch die Sterbenden allein. Vorübergehend brechen uns alle inneren und äußeren Haltestrukturen weg.

Einsamer Mose (BFL)

Die Welt ist in Aufruhr. Möglicherweise werden viele Menschen aus dieser Phase traumatisiert hervorgehen. Wenn die Pandemie vorbei ist, hat sich das Leben tiefgreifend verändert. Wir befinden uns in einem globalen Kampf mit einer unberechenbaren neuen Krankheit. Die Zustände in Italien sind unvorstellbar (wie es auch in China der Fall war), ich lese darüber täglich in der „New York Times“ und hoffe immer noch, dass uns diese  Wucht erspart bleibt. Ärzte kämpfen dort nicht nur um das Leben ihrer Patienten, sie sind auch selbst in höchster Gefahr. Viele trennen sich jetzt von ihren Familien, um sie nicht zu infizieren. Alle Länder wappnen sich. In Frankreich gibt es ab jetzt eine Ausgangssperre, und selbst der intelligenteste Präsident aller Zeiten (he whose name must not be mentioned, also Voldetrump) und sein ruppiger Brexitfreund rudern jetzt nach großen Tönen heftig zurück.

Was mir gerade akut zu schaffen macht: In Köln wurden an der Uniklinik sozusagen über Nacht 50.000 Atemschutzmasken gestohlen, was  hier in der Stadt möglicherweise etliche Leben in Gefahr bringt oder sogar kosten wird (aber wie kann jemand nur so viel Zeug ungesehen fort schaffen?).

Außerdem gibt es schon wieder Trickbetrüger, die bei hilflosen Senioren klingeln und sich als Mitarbeiter des Gesundheitsamts ausgeben. Angeblich wollen sie einen Rachenabstrich nehmen, haben es aber in Wirklichkeit nur auf das Geld und den Schmuck ihrer betagten Opfer abgesehen. Während Täter 1 ablenkt, räumt Täter 2 die Wohnung leer. Mir fehlen für so ein Verhalten die Worte.

Lavendelduft

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