Rooms and Stories: Tout Simenon (2)

Mein literarisches Experiment geht weiter, diesmal allerdings mit einem kleinen Umweg. „Maigret stellt eine Falle“ ist der 48. Band der Simenon-Reihe. Ich wähle das Buch bewußt, weil ich die Handlung bereits durch die Verfilmung kenne. Es ist August und in Paris herrscht drückende Schwüle. Ich mag Wetter in Büchern, und Simenons Beschreibung ist so atmosphärisch, dass sie sogar im Winter wirkt. Die Fenster im Kommissariat stehen weit offen, doch auch die Luft von draußen ist unerträglich und scheint heiß vom aufgeweichten Asphalt und den glühenden Pflastersteinen aufzusteigen. „Man hätte glauben können, die Seine würde bald wie kochendes Wasser auf einem Herd dampfen.“ Die Stadt ächzt unter der brütenden Hitze, und nun treibt offenbar treibt in den Nächten auch noch ein Serienmörder in Montmartre sein Unwesen. Fünf Frauen wurden ermordet, alle nach Anbruch der Dunkelheit, alle vom Typ her ähnlich. Vom Mörder fehlt jede Spur, die Polizei tappt im Dunkeln. Alle Opfer wurden erstochen und mit zerfetzter Kleidung aufgefunden, keine der Frauen wurde vergewaltigt.

Wieder spiele ich Detektivin und finde sogleich Lesespuren. Jan hat das Buch am 15.9.2010 in der Kölner Buchhandlung Ludwig gekauft und den Kassenzettel wie so oft als Lesezeichen benutzt. Ausgelesen hat er das Buch auch, denn ich erinnere mich, dass er mir damals beim Abendessen das Ende erzählt hat.

Die ersten Seiten finde ich gut, doch dann kommen für mich ziemlich langweilige Gespräche (Maigret unterhält sich ausgiebig mit einem Psychiater) und mir fällt auf, dass ich lieber Beschreibungen mag als endlose direkte Rede. Da ich den Plot kenne, überfliege ich etliche Seiten und ich frage mich, ob mir das Buch wohl genauso gut gefällt wie der Film (es gibt mehrere, ich kenne nur den mit Rowan Atkinson), der allerdings an einigen Stellen abweicht. Im Buch behält Maigret den Fall, während im Film ein anderer Ermittler hinzugezogen wird. Es ist ein äußerst psychologischer Krimi, was ich eigentlich mag, aber die Psychologie wirkt vor allem am Schluss ziemlich holzhammerartig.

Ich sollte mir unbedingt noch mal „Die Phantome des Hutmachers“ ansehen. Ich habe gerade erst entdeckt, dass die Romanvorlage von Simenon stammt. Den Film habe ich 1982 gesehen und fand ihn verstörend.

Shelfie 1

Das Umsiedeln der Maigrets in das „white shelf“ war nur der Auftakt größerer tektonischer Buchverschiebungen hier im Haus, denn inzwischen habe ich auch die alphabetisch geordneten Regalwände im Wohnzimmer beherzt in Angriff genommen. Für mich uninteressante Autoren, doppelte Bücher (allein den Golem hatten wir fünfmal, überall im Haus verteilt) habe ich entsorgt oder verschenkt, zerlesene, zerfallende und vergilbte Bücher der Tonne geopfert und stattdessen meine eigenen Lieblingsautoren mehr in den Vordergrund gerückt. Bis vor kurzem war das undenkbar. Ich respektierte Jans alte Ordnung und habe lediglich „addiert“, so dass die Literatur fast überall doppelt steht. Jetzt ist vieles im Wohnzimmer nicht mehr alphabetisch, sondern intuitiv geordnet. Die Regalwände waren bereits prall gefüllt, als ich einzog, meine eigene Bibliothek wanderte daher gleich in mein Arbeitszimmer, das ebenfalls deckenhohe Regale hat. Jan hat sie mir damals zur Hochzeit geschenkt. Er wußte, wie sehr ich Bücher liebe.

Die Wohnzimmerordnung habe ich geändert, weil ich Heinrich Böll und Tanja Blixen nur mit Hilfe einer Leiter erreichen konnte. Böll bewohnt jetzt eine ganze Reihe auf Augenhöhe. In den Reihen gleich unter ihm logieren Max Frisch, Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Die Reihenfolge ergibt sich hier für mich aus den Neigungen der Autoren. Sowohl Max Frisch als auch Paul Celan waren mit Ingeborg Bachmann zusammen, daher steht die Bachmann in der Mitte. Für den Fall, dass Frisch und Celan noch eifersüchtig sind. Alle drei habe ich in genau dieser Reihenfolge mit meinem Literaturkreis gelesen, und es war spannend, ihnen nachzuspüren. Dabei entdeckte ich auch das Buch von Celans ehemaliger Partnerin Brigitta Eisenreich („Celans Kreidestern“), das mein Celan-Bild reichlich ins Wanken brachte. Neben Celan steht die von mir sehr geliebte Marie-Luise Kaschnitz, die ihn persönlich kannte und bei einer Preisverleihung sogar einmal die Laudatio auf ihn gehalten hat. Ich nehme daher an, dass sie sich mögen.

Den dicken silbrig glänzenden Band „Ferne Nähe. Paul Celan als Übersetzer“ habe ich ebenfalls ins Wohnzimmer geholt. Celan war ein bedeutender Übersetzer, hat (meist Gedichte) aus mehreren Sprachen übertragen, darunter von Schriftstellern wie Rimbaud, Valéry, Shakespeare, Yeats, Emily Dickinson und Ivan Goll (letzteren mit fatalem Nachspiel). Als Lyriker hatte er sicher das richtige Feingefühl für solche Nachdichtungen, denn Gedichte sind die schwierigsten Texte überhaupt, auch wenn Celans Handschrift gelegentlich deutlich erkennbar ist, was echten Übersetzern eher selten passiert.  Gleichzeitig Schriftsteller und Übersetzer zu sein ist nicht unproblematisch. Übrigens gibt es sogar einen Paul-Celan-Preis für Übersetzer, der auf 25 000 Euro dotiert ist. Ich verspürte plötzlich große Lust, ein wenig in „Ferne Nähe“ zu blättern, setzte mich aufs Sofa und las mich erstaunt fest. War das jetzt Zufall oder Fügung?

Shelfie 2

Ich hatte nicht erwartet, dass Paul Celan in irgendeiner Weise mit Simenon verknüpft sein könnte, doch 1954/1955 hat er tatsächlich für Kiepenheuer & Witsch die beiden damals neuesten Maigrets (Band 43 und 44) übersetzt. Pro Band erhielt er 600 Mark. Sein Briefwechsel mit dem Verlag ist im Buch zu finden und hochinteressant. Offenbar war es für Celan nur eine ungeliebte Brotarbeit, die unter großem Zeitdruck fertiggestellt werden musste. Ironischerweise waren die beiden Bücher wohl seine auflagenstärksten Übersetzungen überhaupt.

Die erste Übersetzung reichte Celan aufgrund einer unvorhergesehen Reise mehrere Wochen zu spät ein, statt Anfang Juni 1954 erst im August, sie wurde vom Verlag sehr gelobt, doch die zweite fiel krachend durch. Der Diogenes Verlag ließ beide Bände für seine Werkausgabe später neu übersetzen, lediglich die Titel blieben gleich: „Maigret irrt sich“ und „Maigret und die schrecklichen Kinder“ (kein sehr passender Titel, aber vielleicht stammte er vom Lektor).  Der Kampa Verlag hat dann für seine eigene Neuauflage den zweiten Titel zu „Maigret in der Schule“ geändert („Maigret à l’École“).

Celan schickte die zweite Übersetzung erst nach hartnäckigem Drängen des Lektorats am 8. Januar „ohne jedes begleitende Wort“ per Einschreiben ab (Deadline wäre der 15. November gewesen), so dass er den Verlag in arge Schwierigkeiten geriet, da der festgesetzte Drucktermin nicht eingehalten werden konnte. Diesmal waren dem Übersetzer angeblich eine Reise und eine Mandelentzündung dazwischengekommen. Aber privat gab es todsicher auch Turbulenzen. Seine Ehefrau war schwanger, 1955 wurde sein Sohn Eric geboren, und seine Geliebte Brigitta unterzog sich, wenn ich mich recht erinnere, 1955 einer Abtreibung. Der Verlag reagierte erst am 28. Februar (auf Anfrage) und teilte mit, man sei bestürzt, da die Übersetzung so schlecht sei, dass man vermute, Celan habe „irgendeinem Dilettanten“ für sich arbeiten lassen. Der Stil sei diesmal gänzlich anders und es seien Stellen dazugedichtet und ausgelassen worden. Man habe den Text leider komplett umarbeiten müssen. „Wenn wir mehr Zeit gehabt hätten, hätten wir Ihnen das Manuskript zurückgeschickt.“

Celan wehrte sich gegen den Verdacht und betonte, er selbst sei leider dieser Dilettant gewesen. Der Originaltext sei seiner Meinung nach „recht medioker“, habe ihn nicht sonderlich inspiriert und sei in seinen Augen auch kein ehrfurchtsgebietendes Kunstwerk. Sicher war der wortgewaltige, hochpoetische Celan auch nicht der ideale Übersetzer für den eher schlichten Simenon, trotzdem wundert mich Celans vernichtendes Urteil. Aber er war ja auch kein reiner Übersetzer, sondern vor allem Schriftsteller und Lyriker.  Übersetzer sind normalerweise extrem leidensfähig, selbst wenn sie sich mit ungeliebten öden Werken herumschlagen müssen, treten demütig hinter dem Autor zurück und versuchen trotz allem, ihr Bestes zu geben. Was bleibt ihnen auch anderes übrig.

real pipe on real books

Ich wüsste gern, was genau da passiert ist. Entweder war Celan so extrem angeödet und gestresst, dass er eine schludrige Übersetzung abgab, oder er hat den Maigret tatsächlich von jemand anderem übersetzen lassen. Ich neige zur zweiten Theorie und bin froh, dass ich Simenon hier im Haus weit weg von Celan an einer anderen Wand untergebracht habe. Schade, dass ich die alten Übersetzungen nicht habe, ich hätte sie gern mit den neuen verglichen. Früher nahmen Übersetzer (und sicher auch Lektoren!) häufig eigenmächtig Änderungen an Texten vor und hatten dabei wohl oft eine Art unmündigen deutschen Leser vor Augen, dem man alles erklären musste und der nicht mal in der Lage war, englischen Namen zu lesen. Gelegentlich hat man die Handlung sogar einfach nach Deutschland verlegt und die Namen eingedeutscht (z.B. in der ersten Übersetzung von Huxleys „Schöne neue Welt“). Aber damals waren Übersetzer ja auch meist noch anonym und Leser eher unkritisch. Später erschienen die Namen der Übersetzer erst winzig klein im Impressum (Herausgeber standen dagegen auch damals schon unübersehbar fett gedruckt an prominenter Stelle) und dann, viel später, schafften sie es endlich aufs Titelblatt. Heute gibt es sogar Übersetzer, die auf dem Buchcover erscheinen, wenn auch eher selten. Zumindest werden sie jetzt in seriösen Besprechungen stets genannt, was mich jedes Mal aufs Neue freut.

Meinen eigenen Namen hat man bei einer Buch-Übersetzung übrigens einmal komplett vergessen, und ich musste der VG Wort mühsam mit Hilfe des Verlags beweisen, dass ich tatsächlich die Übersetzerin war. Ein anderes Mal stand sogar ein falscher Name vorn im Buch, was ich noch viel schlimmer fand. Als ich erwartungsvoll mein Freiexemplar aufschlug, traf mich fast der Schlag. Auch das noch! Wieder umständliches Beweisen bei der VG Wort, damit der genannte Herr nicht auch noch meine Tantiemen bekam. Voller Stolz verschenken konnte ich das Buch jetzt auch nicht mehr…

Viel Zeit hatte Celan übrigens nicht für seine Übersetzungen, auch wenn die Texte nicht sonderlich schwierig waren. Ich hätte das in der Zeit sicher auch nur mit Mühe geschafft. Aber ich wäre auch nicht herumgereist, sondern hätte brav an meinem Schreibtisch gesessen und bis in die Nacht übersetzt. Und natürlich auch an den Wochenenden.

Nach der überraschenden Entdeckung der Celan-Simenon-Connection greife ich nun wieder zu Band 48 und versuche zu ergründen, was meinem Mann so sehr an Jules Maigret gefallen hat, dass er „mit großem Vergnügen“, wie er immer zu sagen pflegte, sämtliche 75 Bände gelesen hat. Langsam fange ich an, ihn zu verstehen, denn dieser französische Kommissar hat in der Tat sehr vieles mit ihm gemeinsam.

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Rooms and Stories: Tout Simenon (1)

Mein Mann war Simenon-Fan und hat die 75 Maigret-Bände der Diogenes-Werkausgabe alle gelesen, zum Teil sogar mehrfach. Er fand sie entspannend. Für mich waren sie eher langweilig. Zwei oder drei habe ich angefangen, aber jedesmal aufgegeben. Man möge mir mein Urteil verzeihen, aber auf mich wirkten sie irgendwie unlektoriert. Doch nun wage ich ein ganz persönliches Experiment: Ich versuche, meinem verstorbenen Mann nahe zu sein, indem ich seine Lieblingsautoren lese.

Mit Simenon fange ich an, weil ich die Maigrets aus dem Flur ins Wohnzimmer geholt habe. Im düsteren Krimiregal wirkten sie mit ihren weißen Einbänden und roten Lesebändchen fehl am Platz. Nun logieren sie in ihrem eigenen Regal, dem einzigen „white shelf“ im Haus. Alles, was sich darin oder darauf befindet, ist weiß. Es würde Jan gefallen. Da es sein Regal ist, enthält es auch ein Kästchen mit persönlichen Dingen – Brille, Uhr, Ausweis, Taschenmesser.

Warum er ausgerechnet Kommissar Maigret so schätzte, beginne ich erst langsam zu verstehen. Bei literarischen Ermittlern hatten wir gänzlich unterschiedliche Favouriten. Mir gefallen eher Kay Scarpetta von Patricia Cornwall, Guido Brunetti von Donna Leon (vor allem natürlich wegen Venedig!) und die Thriller von Tana French. Mit älteren Kommissaren kann ich mich nicht sonderlich identifizieren. Nur bei den Dick Francis Büchern waren wir einer Meinung, die eigenwilligen Jockeys Sid Halley und Kit Fielding gefallen mir auch.

Die Maigret-Romane kannte ich zwar nicht, doch ihr berühmter Schöpfer war lange mein Vorbild. Wenn es jemand schafft, 75 Krimis und 28 Maigret-Erzählungen, 118 Non-Maigret-Romane und 139 Non-Maigret-Erzählungen unter seinem richtigen Namen und noch dazu 200 Groschenromane, unzählige Kurzgeschichten und wer weiß wie viele erotische Geschichten unter wechselnden Pseudonymen sowie etliche Essays, Reportagen und autobiografische Schriften (allein „Intime Memoiren und das Buch von Marie-Jo“ ist über 1.000 Seiten lang!) zu schreiben, kann ich diese Schreibversessenheit und Disziplin nur schrankenlos bewundern. Ich hoffe, die Zahlen stimmen, die Quellen sind nicht alle einer Meinung. Bevor ich Buchübersetzerin wurde, las ich eher selten Krimis und entdeckte Simenon rein zufällig. Mein erstes Buch von ihm war „Die Katze“, ein „roman dur“ (harter Roman). Ich habe ihn wahrscheinlich wegen des Titels gekauft. Das Beziehungsdrama ist so düster und bedrückend, dass ich die Szenen bis heute nicht  aus dem Kopf bekommen habe. Danach las ich „Die Glocken von Bîcetre“, an das ich mich weniger gut erinnere. Aber es war deprimierend. Simenon selbst las übrigens angeblich auch keine Krimis.

Von den Maigret-Verfilmungen kenne ich etliche, mit sehr unterschiedlichen Darstellern wie  Jean Gabin, Heinz Rühmann, Gerard Depardieu, Richard Harris und, zuletzt, Rowan Atkinson. Ich mag die vier Atkinson-Filme, auch wenn sein Inspector nicht groß und gewichtig ist wie der Buch-Maigret. Jan weigerte sich, ihm auch nur eine Chance zu geben. Das war nicht sein Maigret! Ich kann ihn verstehen. Wenn man sich 75 Bände lang ein ganz bestimmtes Bild von einem Menschen gemacht hat, ist man unflexibel. Das Problem habe ich zum Glück nicht. Ich schaute mir die vierteilige Serie im Rahmen meines Experiments gleich noch einmal an und war erneut sehr angetan von der düsteren Film Noir-Atmosphäre und den gestochen scharfen Bildern. Doch für Jan sah dieser Maigret einfach komplett falsch aus. Zu schmächtig, zu verbissen, zu ernst und eindeutig wie Mr Bean! Ein rubber face mit Augenbrauen! Da präferierte er doch den gewichtigen Jean Gabin, der wohl der Beschreibung Simenons tatsächlich am ehesten entspricht. Doch mir gefällt auch der melancholische „englische“ Kommissar, der mit Mr. Bean meiner Meinung nach nur den Darsteller gemeinsam hat. Auch Janvier und Lapointe finde ich in den Filmen sehr überzeugend.

Aber welchen Band sollte ich als ersten lesen? Ich stellte mich vor das weiße Regal, hoffte auf die richtige Fügung, griff in die Reihen und zog spontan Band 22 heraus. „Maigret verliert eine Verehrerin“. Hinten auf dem Buch prangt noch der Aufkleber, der verrät, wo und wann Jan es gekauft hatte, Thalia, 9.8.2011. Zu meiner Freude fielen beim Aufschlagen drei mir unbekannte Fotos von ihm heraus. Zufall oder Zeichen? Darauf sieht man Jan in geselliger Runde mit seiner „Herrenriege“. Die Mitglieder trafen sich unter der Woche regelmäßig abends „an der Tränke“ im hiesigen Einkaufscenter. Im Laufe der Jahre mussten sie mehrfach umziehen, weil die Lokale alle irgendwann wegen Geschäftsaufgabe oder Umbauarbeiten zumachten. Auf den Fotos sitzt er entspannt an der Theke und hält tatsächlich das aufgeschlagene „Magret verliert eine Verehrerin“ in der Hand. Vor ihm steht ein halbleeres Glas mit seinem geliebten Grauburgunder. Es war wirklich das richtige Buch! Ich war ganz gerührt. Ich habe es an nur einem Abend ausgelesen. Jetzt lese ich „Maigret stellt eine Falle“. Leider ohne Fotos.

Von den Männern auf den Bildern kenne ich nur den „Mann mit Hut“.  Die anderen sind wahrscheinlich „der Karnevalist“, „der Germanist“ und „der Weltenbummler“. Die richtigen Namen waren unwichtig. Jan selbst war „der Professor“. Man verließ das Center erst, wenn es um acht die Pforten schloss. Beim Abendessen berichtete Jan gelegentlich von den Gesprächen der Runde, aber ich hatte natürlich keine Ahnung, von wem er sprach. Die abendliche Auszeit war ihm wichtig, vor allem als er noch berufstätig war und nach herausfordernden Arbeitstagen mit viel Stadtpolitik und Presserummel dringend abschalten musste. Wie er trotz der Herrenriege so viel lesen konnte, bleibt sein Geheimnis. Aber vielleicht war Maigret dafür genau richtig?

Ohne Buch ging Jan nie aus dem Haus. Ich habe selten einen Menschen getroffen, der so belesen war wie er. Krimis las er im Center, an der Haltestelle,  in der Straßenbahn und im Zug. Seine Lektüre transportierte er am liebsten in einem „Büggel“, einer abgewetzten Tragetasche aus Stoff. Darin befanden sich ein großer Haken (zum Aufhängen des Büggels am Tresen) und der aktuelle Krimi. Jan besaß eine ansehnliche Büggel-Sammlung in Schwarz und Dunkelblau. Wenn er neue kaufte, dann immer gleich vier auf einmal. Die alten wurden nicht etwa entsorgt, sondern wanderten in die Waschmaschine. Danach waren sie zwar sauber, sahen aber noch unansehnlicher aus als vorher und kamen in die Trophäen-Sammlung. Jan trennte sich nur äußerst ungern von abgeliebten Dingen. Offenbar eine alte Familientradition. Auf dem Dachboden seiner Eltern standen angeblich große Kartons mit „Überbleibseln“ und Beschriftungen wie „Handschuhe, Einzelstücke, linke“. Die Kartons gab es bestimmt wirklich, denn hier im Haus finde ich auch dauernd Kisten und Kästen, in denen jede Karte, jedes Papierfitzelchen und jede noch so unwichtige Rechnung aufbewahrt wurde, die seine Eltern oder Großeltern je in Händen hielten. Einen Teil davon habe ich inzwischen entsorgt, aber ich spürte dabei deutlich den tadelnden Blick. „Wie kannst du das nur wegwerfen!“ Meistens tut mir danach die rechte Hand weh. Wohl die Strafe für meine Freveltat.

Im Gegensatz zu mir ging Jan leidenschaftlich gern einkaufen und war ein begnadeter Koch. Es machte ihm Freude, auf dem Wochenmarkt oder im Center noch schnell „was Leckeres“ zu holen, ausgefallene Gewürze, irgendein exotisches Gemüse oder ein schönes Stück Fleisch. Oft verwarf er unsere gemeinsamen Essenspläne und erstand spontan völlig andere Zutaten. Er hatte umdisponiert. „Das tut mir jetzt leid, aber es hat mich einfach so angelacht!“. Einmal überraschte er mich mit einer häßlichen, übel riechenden Schrumpelkugel. Mit Parmesan über die Nudeln gehobelt schmeckte sie überraschend gut, wie ich zugeben muss, machte mich aber nicht zum Trüffel-Fan. Jan liebte saisonale lukullische Experimente, was ich als „creature of habit“ oft nicht zu schätzen wusste. Ich kann wochenlang jeden Tag Nudeln oder Kartoffeln essen. Heute würde ich alles dafür geben, mich noch einmal liebevoll von ihm bekochen zu lassen. Selbst wenn es getrüffelter Leberkäs an Linsen wäre. Ihm würde bestimmt eine leckere Sahnesauce einfallen, um mir selbst diesen Alptraum schmackhaft zu machen. Die Liebe zum Essen, das durchaus deftig sein durfte, hatte er übrigens mit Maigret gemeinsam. Nicht die einzige Gemeinsamkeit, wie ich beim aufmerksamen Lesen feststellte. In Jans Arbeitszimmer entdeckte ich letzte Woche zwischen den geheimen Kochbüchern, die er dort zu horten pflegte, „Simenon und Maigret bitten zu Tisch“. Mit klassischen Bistrorezepten. Noch so ein Zeichen?

Jan konnte selbst in vollen Cafés und Kneipen und natürlich auch „an der Tränke“  im brodelnden Einkaufscenter problemlos abschalten und störende Umwelteindrücke komplett ausblenden. Wenn ihn der Plot fesselte oder das letzte Kapitel nahte, entzog er sich seiner Herrenriege, indem er das Buch auf eine ganz bestimmte Weise hielt, die zweifelsfrei signalisierte, dass man den Professor jetzt besser in Ruhe lassen sollte. Da ich selbst „automatisch“ alles höre und sehe, was um mich herum passiert, und eh nur Mineralwasser trinke, habe ihn bei seinen abendlichen Exkursionen selten begleitet. Mich macht das Center nervös, zu viele Reize prasseln gleichzeitig auf mich ein. Das war sicher auch gut so. Ich hätte ihn doch nur vom Lesen abgehalten und durch meine Anwesenheit die heitere Harmonie der illustren Runde gestört.

Eine Weile hing ein Bild von Simenon mit Pfeife über meinem Schreibtisch, zum Nacheifern sozusagen, denn eine erfolgreiche Vielschreiberin wäre ich auch liebend gern geworden. Als Übersetzerin mit eiserner Arbeitsdisziplin konnte ich zwar durchaus mithalten, aber als Schriftstellerin kämpfe ich besonders in den letzten Jahren schwer mit lähmenden Schreibhemmungen und quälenden Abgründen an Stellen, wo eigentlich Geschichten und Bücher reifen sollten. Simenon war das krasse Gegenteil.

Neben Simenons Porträt hing Magrittes Pfeife („C’est n‘est pas une pipe“). Ich liebe Magritte. Jan auch, daher hängt eins von Magrittes Nachtstücken in unserem Schlafzimmer. „L’Empire des Lumières“. Simenon besaß übrigens an die 300 Pfeifen und war beim morgendlichen Schreibritual (ein Kapitel pro Tag, ein Buch in elf Tagen) total zwanghaft. Er schrieb meist mit der Hand und rauchte dabei ununterbrochen, wobei die benötigten Pfeifen bereits fertig gestopft parat lagen. Alles war minutiös vorbereitet. Vor allem spitzte er am Vorabend pedantisch all seine vielen Bleistifte. Vielleicht sollte ich das mit den Bleistiften auch mal probieren, um meinen Writer’s Block, der mich jetzt schon so lange in seinen Krallen hält, endlich zu überwinden. Möglicherweise ist Simenon ja genau der richtige Einstieg. Aber ein Buch in elf Tagen werde ich niemals schaffen.

1993 fuhr ich eigens wegen Simenon mit dem Zug nach Lüttich, um eine 3D-Ausstellung im Musée de l‘Art Wallon zu besuchen, die „Tout Simenon“ hieß. Ich hatte davon in der Zeitung gelesen – und war begeistert! Die Ausstellung war für die damalige Zeit höchst ungewöhnlich und sprach alle Sinne gleichzeitig an, sogar den Geruchssinn! Es war eine der besten Ausstellungen, die ich je besucht habe. Sie war chronologisch aufgebaut, begann mit einer alten Straßenbahn und einer Lütticher Straßenszene nebst Kopfsteinpflaster und Straßenhändlern vom Anfang des letzten Jahrhunderts, so wie Simenon es in seiner Kindheit gesehen haben mochte. Alles mit authentischen Geräuschen untermalt. Im ersten Stock wanderten die Besucher durch verschiedene Räume, besuchten Simenons Büro in der „Gazette de Liège“ und gelangten irgendwann in den Flur des berühmten Polizeireviers. Der Wartebereich mit den Holzbänken war offenbar das „Aquarium“ aus den Romanen, es gab verschiedene Türen und am Ende des Flurs auch Maigrets Büro. Aus den Räumen hörte man Stimmen reden oder diktieren, unruhige Schritte, Absätze klackern, Telefone läuten, metallisches Schreibmaschinengeklapper und die hellen Glockentöne am Zeilenende. Es roch nach Zigaretten, Pfeifenrauch und Kaffee. In Maigrets Zimmer sah man den Schreibtisch, die Lampe mit dem grünen Schirm,  Papierstapel, ein halb gegessenes Butterbrot  und die Bierflasche, die offenbar in den Büchern so oft die Auflösung des Falls einläutet.  Und die Pfeife. Dunhill kreierte übrigens speziell für Simenon einen exklusiven Pfeifentabak namens „Maigret Cut“.

Plötzlich bin ich nicht mehr in Lüttich, sondern im Herzen von Paris, am Quai des Orfèvres. Ich kann mich nicht mehr an alle Räume erinnern, auf jeden Fall aber an das schäbige Zimmer im Stundenhotel, in dem gerade ein Mord verübt worden war. Wenn ich jetzt ans Fenster trete, lauern draußen Dämmerung und Sprühregen, und unten sehe ich den berühmten Kommissar, der immer noch durchaus aussieht wie ein groß gewachsener Rowan Atkinson (sorry, Jan!), wie er den Quai des Orfèvres verläßt, sorgfältig den Samtkragen seines dunklen Überziehers hochklappt und sich die Melone tiefer in die Stirn zieht. Die Film-Maigrets tragen alle lieber Fedora oder Trilby. Sogar Rowan Atkinson.

Sehr gut erinnere ich mich an den eisigen Obduktionsraum mit den scharfen Formalindämpfen und der unheimlichen verhüllten Leiche auf dem Seziertisch. Hier wurden die Besucher mit einem Mal ganz leise. Und auch an das Boudoir oder die Loge der eigenwilligen Josephine Baker, mit der Simenon im wahren Leben eine Weile zusammen war. Hier gab es Spiegel und allerlei Kostüme, es roch nach Theaterschminke und schwerem Parfüm, und jenseits des dunklen Flurs sang einsam und eindringlich die Stimme der Künstlerin.

Simenons turbulentes Privatleben wurde in der Ausstellung durchaus kritisch kommentiert. Im Gegensatz zu Maigret war er ein notorischer Frauenheld, der gelegentlich damit prahlte, mit mehr als zehntausend Frauen (die meisten davon Prostituierte) geschlafen zu haben. Wie entsetzlich. Aber Simenon war eben nicht Maigret. Am Ende der Ausstellung traf man dann auch noch den Meister selbst. Als Wachsfigur an seinem Schreibtisch. Lächelnd, was offenbar extrem untypisch für ihn war. Schade, dass ich Jan damals noch nicht kannte. Aber da die Gedanken bekanntlich frei sind, ist er jetzt in meiner Erinnerung die ganze Zeit an meiner Seite. Ich glaube, er freut sich, dass ich seinen Maigret endlich etwas besser kennenlerne.

 

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„Das Kind braucht Luftveränderung“ – unzensiert

Pam Patterson/pixabay

Beim Aufräumen meiner Schubladen fiel mir heute unvermittelt ein alter vergessener Brief meiner Kinderfreundin Kornelia in die Hände, in dem sie mir von ihrem Aufenthalt im „Kinderkurheim“ (was für ein Wort, wenn man unsere Qualen bedenkt!) berichtet. Aus dem Heim selbst hat sie mir offenbar nicht geschrieben, warum auch, sie hätte eh nicht die Wahrheit schreiben können, denn es wurde ja alles zensiert. Und Kornelia hat Lügen immer gehaßt. Ich weiß leider nicht mehr, wohin man sie damals „verschickt“ hat, sie war, soweit ich mich erinnere, sogar zweimal „in Kur“. Meine Reaktion auf diesen Brief werde ich jetzt bewußt auch nicht zensieren und ganz gegen meine Gewohnheit genau das aufschreiben, was mir gerade durch den Kopf geht.

Wie hart wir damals im Nehmen waren, sieht man an dem lakonischen „im Kinderkurheim war es so mittelmäßig“. Mittelmäßig? Zwei Wochen krank mit schmerzendem Hals im Bett, weit weg von daheim und natürlich ohne tröstende Betreuung und Besuch, und dann auch noch eine Woche Brechen nach dem Essen? Es klingt so gar nicht dramatisch, wie sie das schreibt. Schon eher ziemlich stoisch.

Wie würden das wohl heutige Kinder bewerten? Und würden Eltern auch heute noch ihre Kinder sechs endlose, ewig lange Wochen ohne Kontakt und Besuchsmöglichkeit so einfach in irgendein Heim mit völlig unbekannten BetreuerInnen irgendwo in die Berge oder ans Meer schicken? Bestimmt nicht. Aber heute gibt es ja auch WhatsApp und Handys, was es mehr oder weniger unmöglich macht, Kinder von ihren Familien völlig zu isolieren. Und die meisten Helikoptereltern stünden sicher schon am ersten Abend auf der Matte.

Als ich Kornelias Brief las, wurde ich wieder einmal  richtig sauer auf die Erwachsenen, die uns damals so gepeinigt haben. Es war wirklich ein gut funktionierendes System, dem wir da ausgeliefert waren. Kornelia war zu dem Zeitpunkt übrigens neun Jahre alt.

Sie schreibt nichts über die Berge oder das Meer. Nichts über andere Kinder oder schöne Stunden oder Unternehmungen. Vielleicht gab es für sie keine. Freundschaften sah man in der Kur nicht gern, engere Kontakte wurden in der Wurzel erstickt. Offenbar hat Kornelia sich die Mühe gemacht, genau herauszufinden, wie dieser besondere Gries, der sie so nachhaltig beeindruckt hat, zubereitet wurde. Das passt zu ihr. Sie ging den Dingen schon als Kind gern auf den Grund. Das Essen, das sie dort bekam, entsprach sicher genau dem üblichen lieblos zubereiteten Fraß, den man uns in diesen sogenannten Kinderkurheimen damals vorgesetzt hat. Ich denke an die großen übervollen schwappenden Teller mit Nußeckensuppe (Reste vom Vortag in Rinderbrühe) und Schokoladenpuddingsuppe (warm, viel zu viel und mit Haut) und an den dünnen Kinderkaffee, bei dessen Geruch mir morgens sofort ganz anders wurde (der ganze Speisesaal roch danach), vor allem aber an die beiden Scheiben Sülze, die in Niendorf  sechs Wochen lang jeden (wirklich jeden!) Morgen drohend auf meinem Teller lagen und die ich jeden (wirklich jeden!) Morgen aufs Neue irgendwie los werden musste, denn essen konnte ich sie unmöglich ohne mich zu übergeben. Ich sehe mich gerade als dünnes sprachloses Kind den Tränen nah vor dem langen Tisch im Speisesaal stehen und habe das Riesenbedürfnis, mich tröstend in die Arme zu nehmen und so schnell wie möglich an den Strand zu tragen. Bis heute rühre ich weder Nußecken noch Sülze an.

Aber auch Kornelias Kur war offenbar erfolgreich, denn es zählten schließlich nur zwei Dinge: wir hatten die dringend nötige Luftveränderung gehabt und, das Wichtigste, wir hatten zugenommen. Bis heute kann ich mir nicht erklären, wie das bei diesem Essen überhaupt möglich war.

congerdesign/pixabay

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Katerstrophen

Im Anschlag…. (BFL)

Keine Ahnung, ob auch andere Katzen so technisch und handwerklich interessiert sind wie meine Kater, aber in den letzten Tagen bringen sie mich hart an meine Grenzen. Seit letzter Woche habe ich nach einem Jahr Hin und Her endlich einen Glasfaseranschluss. Da das Kabel vom Keller ins Wohnzimmer führen sollte, musste leider zuerst noch ein Schreiner her, um ein Loch in den Boden unseres Regalsystems zu sägen, damit man überhaupt an den Fußboden kam, dann auch noch ein Elektriker, der ein extradünnes Glasfaserkabel mitbrachte und durch den engen Kabelkanal zog. Der Telekom-Techniker hatte gleich beim ersten Termin das Handtuch geworfen und sich mit den Worten verabschiedet: „Als Kunde sind Sie verpflichtet, die Zugänge selbst vorzubereiten. So kann man hier nichts anschließen!“ Bis alle Beteiligten hier waren und das Glasfaserkabel geliefert war, vergingen Wochen, und der Übernahmetermin von Vodafone musste zweimal aufgeschoben werden.

Seitliche Annäherung (BFL)

Als der Telekom-Techniker endlich die Buchse in der Wand befestigt hatte, dauerte es wieder eine Woche, bis der Anschluss frei geschaltet wurde. Donnerstag vor Ostern war es soweit. Ans Laufen bringen musste ich das neue System selbst, einen Techniker schicken sie für so Kleinigkeiten nicht mehr raus, jetzt ist ja alles kinderleicht, das kann jeder selbst erledigen. Auch elderly Ladies? Auch die! Gemeinerweise stellte mir Vodafone bereits am Vorabend das WLAN ab. Mitten in der entspannenden Downton Abbey-Folge. Was für ein Frust. Nur gut, das ich aus dem Vertrag raus bin. Am nächsten Morgen kam pünktlich der Telekom-Glasfaser-Link aufs Handy, und ich fing gleich an mit Abbauen, Aufbauen, Verbinden und Starten. Ging leider nicht, obwohl ich alle (viele!) Kabel richtig angeschlossen hatte und selbst die WPS-Taste mir inzwischen ein Begriff war. Der Fernseher steckte fest, das Telefon war tot, der Router blinkte in der falschen Farbe. Also Hotline. Eine ruhige Stimme sprach mir Mut zu. Der Router musste zweimal neu gestartet werden, so richtig vom Strom genommen, weil er zuerst noch die neue „Firmware“ ziehen musste. Irgendwann lief er. Während der gesamten Installation (vier Stunden, inklusive Teepausen, einer Packung Schokoplätzchen, Suchen nach Kundennummer und IBAN zwecks Identifizierung) blieb die Wohnzimmertür geschlossen, um die Kater fernzuhalten. Stellaluna findet Technik langweilig. Oder stressig. Von wem sie das wohl hat? Ich hatte den Router schon Tage vorher aufgestellt, damit Krispin, mein IT-Experte,  sich an ihn gewöhnen konnte. Trotzdem hat er ihn zweimal umgeworfen. Er ist ein passionierter Kletterer und muss jedes Eckchen erkunden. Das Eckchen hinter dem Router war ihm neu. Das blinkende Ding auch. Also erst mal ausgiebig bepfoteln. Der neue Router ist äußerst fimschig, wie wir hier in Köln sagen, aber bisher hat er alle Attacken überlebt und ist weich gefallen. Ich kenne ja meine Pappenheimer und habe vorgesorgt.

Frustriert (BFL)

Die Hoffnung, dass mit dem neuen Router das ganze Haus ein stabiles Netz bekommen würde („Sie haben jetzt schließlich einen extrem starken, hochmodernen Router!“), zerschlug sich leider bald. Schon in der mittleren Etage war das Signal so schwach, dass der Fernseher nicht ins Internet kam und das Handy auf G5 umsprang. Also wieder Kundenservice. Freundlich und kompetent (im krassen Gegensatz zu den Handyvertragsübernahme-Leuten im vorigen Jahr). Eine nette Stimme riet mir zu hauseigenen Verstärkern (Mesh). Ich wollte erst mal nur einen, weil das ja auch wieder extra pro Monat kostet. Der Mesh kam gestern und ich konnte ihn problemlos per WPS anschließen. In dem Zimmer, in dem er leuchtet, ist das Netz toll. In den anderen Zimmern geht es so. Wer gar nicht mehr funktioniert, ist Fred, mein betagter Drucker. Aber ich wollte ja ohnehin einen neuen, Fred quietscht nämlich ganz furchtbar und täglich blockiert irgendwas sein Innenleben und muss neu justiert werden. Ich habe ihm schnell noch ein neues Kabel gekauft, jetzt kann er zwar kein „air print“ mehr, weil man dazu WLAN braucht, aber immerhin noch vom Computer aus drucken. Falls das Glasfaser mal schlapp macht.

Gestern kam auch der neue Drucker, von HP, damit war ich bisher immer sehr zufrieden. Seit Jahrzehnten habe ich Drucker von diesem Hersteller. Alle funktionierten gut und ohne Schnickschnack. Den würde ich ja wohl leicht anschließen können. Fehlanzeige. Router und Drucker verbanden sich zwar sofort („Ich bin jetzt mit Ihrem Gerät verbunden“), aber danach wurde es echt stressig. Der Drucker konnte nur mit Handy und Apps („Benutzerfreundliche Installation“ steht auf der Verpackung!) und diversen Registrierungen aktiviert werden, die fast jedesmal schief liefen. Erst kam die Bestätigungsmail dreimal nicht an, dann war mein Passwort angeblich falsch, dann blockierte mein Paypal, bitte identifizieren Sie sich mit Hilfe der App, immer und immer wieder, bis ich schließlich die Geduld verlor. Man muss wer weiß was einrichten, um drei Monate lang kostenlos Instant Ink zu bekommen. Die drei Tintenmonate hätte ich gern gehabt, Patronen kosten schließlich mehr als Drucker. Aber Instant Ink läßt sich nicht aktivieren. Sieben Mal habe ich es probiert. Sieben ist meine Schmerzgrenze. Ich hätte das blöde HP+  gar nicht einrichten sollen, aber die App hat mich einfach überfordert.

Neuer Anlauf (BFL)

Krispin, mein weißpfotiger Kletterkünstler, liebt Drucker und hechtet begeistert nach oben, wenn der alte Fred sich ins Papier wirft. Meistens schafft er es auch, das Papier durch Dazwischenfunken mit Pfoten und Krallen zum Stauen zu bringen. Bei doppelseitigem Druck, seinem Lieblingsmodus, zieht er das Papier blitzschnell raus, wenn der Drucker versucht, es wieder einzuziehen, und zerfetzt es dann genüsslich. Wie erwartet beobachtete Krispin entzückt das neueste Objekt seiner Begierde. Tolles Katzenspielzeug! Nur für ihn! Wie nett von Frauchen! Meine genervten „Nein“-Schreie hat man sicher bis auf die Straße gehört. Leider hat der Neue keinen Ruhemodus wie seine Vorgänger, dafür gibt er melodische Töne von sich und bunt blinkende Lichtzeichen. Wenn er fertig ist, leuchtet er dauerhaft knallhart in Grellblau, was Krispins ekstatische Pfotenhiebe ins Papierfach stark befeuert. Die Nase kann er allerdings nicht mehr so leicht hineinstecken, weil er dann abschmiert und von der Anrichte fällt. Was ihn natürlich frustriert. Da er klug ist, versucht er es gar nicht. Vor Fred kann er immer sehr schön hocken und dem Papier auflauern.

Der neue Drucker, er heißt Hugh, steht sicherheitshalber unten im Wohnzimmer, damit ich nicht ständig brüllend hinter Krispin die Treppe hoch muss, wenn die Druckerei beginnt. Doch auch mein Wohnzimmer ist nicht der ideale Platz für den coolen Hugh. Wahrscheinlich wäre er nur im Gästeklo sicher, aber da ist bestimmt kein WLAN. Hoffentlich übersteht er die nächsten Nächte. Ich habe das Ruheleuchten jetzt mit meiner schönsten Geburtstagskarte kaschiert, die genau die richtige Größe hat. Ich würde Hugh gern abschalten, aber das darf man nicht, wenn man HP+  gebucht hat, denn er muss jetzt ständig mit dem WLAN-Netz verbunden sein, um richtig zu funktionieren. Deaktivieren kann man das nicht mehr. Wie idiotisch von mir. Vielleicht schalte ich ihn trotzdem zwischendurch mal ab. Zumindest in der ersten Woche.

Hathaway (BFL)

Dass Hathaway letzte Nacht mit seinen neun Kilo ein gut befülltes Brett mit den alten LPs meines Mannes im besagten Regalsystem mit dem Sägeloch hat herunterkrachen lassen, will ich nur am Rande erwähnen. Das Malheur hat mich heute bereits vor dem Frühstück schwer in Wallung gebracht. Bestimmt war auch Krispin beteiligt, denn rechts und links war alles chaotisch und einiges heruntergeworfen. Wahrscheinlich ist der eine gesprungen und der andere geklettert. Gemeinsam sind sie stark. Totalschaden für das Brett und dringendes Sichern der Schallplatten noch vor Tea and Toast. Allein kann ich das nicht richten. Also habe ich den Schreiner kontaktiert, der das Loch in gesägt hat. Hoffentlich kommt er bald. Wird bestimmt teuer.

Stellaluna (BFL)

Zum Glück stand der Router nicht im Fach unter den Schallplatten, sonst wäre er platt. Er leuchtet noch eins weiter unten und hat auch diese Katerstrophe heil überstanden. Aber wie lange noch? Ich erwähne nur am Rande, dass mir die Kater vor zwei Wochen (gemeinsam mit Stellaluna, sie steht total auf Klebepunkte und Klebeband und damit war das Ganze leider befestigt)  in der Küche zwei LED-Lichtschienen abmontiert haben. Sauber und äußerst effektiv. Echte Teamarbeit. Ich habe die drei Muskeltiere auf frischer Tat erwischt. Krispin hatte die eine Schiene noch in den Pfoten. Ist ja auch nur ein fimschiges Plastikding, das nichts aushält. Interaktives Katzenspielzeug halt, wie das meiste heutzutage. Ich vermute, Hathaway hat die Kabel gelöst. Er liebt Kabel. Er hat sogar den abgebrühten Telekom-Techniker geschockt, als er vor seinen Augen das Glasfaserkabel durchgebissen hat. Einfach so. Habe ich schon erwähnt, dass er auch Leitern erklimmt? Sogar zusammengeklappte. Blitzschnell. Da kennt er nichts.

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Herbstkreis

(windy247/pixabay)

November

Ich fühle, wie der Kreis versucht, sich zu schließen.

Unsere Geschichte endet, wie sie begann. Mit schmerzender Sehnsucht. Mit quälender Abwesenheit. Mit dem wunden Gefühl, zerschnitten worden zu sein und die zweite Hälfte verloren zu haben. Zuerst nur bis zu nächsten Umarmung. Jetzt, nach dem letzten Abschied, für immer.

Da sprach Lenchen „Fundevogel, verläßt du mich nicht, so verlaß ich dich auch nicht. Da sprach der Fundevogel „nun und nimmermehr.“

Schon am Anfang konnten wir ohne einander kaum sein. Die Zeit stand still oder überschlug sich vor Freude, wenn wir uns wiedersahen. Meistens auf dem Platz vor der Kirche, du hattest die Arme schon weit ausgebreitet für mich. Erst als wir Tage und Nächte teilen konnten, wurden wir ruhig und lernten gemeinsam zu fliegen, wohin auch immer es uns zog.

Da sprach Lenchen „Fundevogel, verläßt du mich nicht, so verlaß ich dich auch nicht. Da sprach der Fundevogel „nun und nimmermehr.“

Ich weiß, dass du nicht gehen wolltest. Mit aller Macht hast du dich gewehrt.

Unsere Geschichte endet, wie sie begann. Mit wirren Träumen, einsamem Aufschrecken im Dunkeln, tastenden Händen, die ins Leere greifen. Mit später Musik am Abend. Mit frühen Gedichten am Morgen, gleich nach dem Schlaf, halb noch im Traum. Lange vor Sonnenaufgang.

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