Herzlich willkommen!

Alice

Herzlich willkommen auf meiner Homepage

Hier finden Sie meine Blogbeiträge sowie Informationen zu mir, meinen Büchern, meinen Hobbys und den Themen, die mich gerade umtreiben, unter anderem die traumatischen „Kindergenesungsheime“, in die so viele Kinder meiner Generation in den 60er Jahren „verschickt“ wurden. Bitte bei den Schlagwörtern „Verschickungskinder“ oder „Kinderkurheim“ anklicken, dann finden Sie mehrere Beiträge zu diesem dunklen Kapitel. Sie können dort außer meinen eigenen Erinnerungen auch die Geschichten von zwei meiner Freundinnen lesen.

Ein großes Dankeschön geht an meine geduldige Maine Coon-Assistentin Alice, die wie immer neben mir sitzt und deren entspanntes Schnurren Sie leider nicht hören können.

Schön, dass Sie meine Seite gefunden haben!

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Cookie Days

Weihnachtsteig (silviarita/pixabay)

Für mich waren die „Cookie Days“ meiner Kindheit einfach nur schön. Im ganzen Haus duftete es nach Weihnachtsbäckerei. An gleich mehreren Nachmittagen durfte ich mit Mama Plätzchen ausstechen und Teigreste naschen. Wir buken Buttergebäck, Kleiebrötchen (bei uns hießen sie merkwürdigerweise Kleinebrötchen, wahrscheinlich wieder eine meiner zahlreichen verbalen Fehlleistungen), Nuss- und Kokosmakronen, Berliner Brot, Spritzgebäck, Zimtsterne, Anisgebäck (leider zu hart, außerdem roch es komisch) und Heidesand (eigentlich Schwarzweißgebäck, aber bei uns hieß es meistens Stuyvesand, genau wie die Zigaretten von Onkel Heinz, alles andere ergab für mein Kinderwortgefühl irgendwie keinen Sinn).

Die gemeinsame Plätzchenbackzeit habe ich ausnahmslos als warm, gemütlich, wohlduftend und entspannt in Erinnerung. Als winzige Oase und rettende Insel im wilden, hektischen Vorweihnachtsstress. Ist es möglich, dass meine Erinnerung trügt? Eine ehemalige Klassenkameradin machte mir neulich die erschütternde Mitteilung, sie sei nur ein einziges Mal dabei gewesen und das habe ihr für alle Zeiten gereicht. Sie sei übel ausgeschimpft worden, weil ihre Kekse angeblich nicht perfekt waren, und heulend nach Hause gelaufen. Komisch, dass ich mich daran beim besten Willen nicht erinnern kann. Ich hab doch sonst ein Gedächtnis wie ein Elefant! Vielleicht möchte ich das auch gar nicht erinnern, denn beim Plätzchenbacken war und ist die Welt für mich in Ordnung. Cookie times are perfect bliss!

Vielleicht hat das arme Mädchen damals nur die seltene Mutter-Tochter-Idylle gestört? Aber es stimmt, Geduld war wirklich nicht die Stärke meiner Mutter. Am besten, man machte alles „richtig“, also genau so, wie sie es sich vorstellte. Möglicherweise habe ich beim Backen damals ausnahmsweise alles „richtig“ gemacht? Vor allem habe ich ja nur begeistert zugeguckt. Mit mir hat sie dabei jedenfalls nie geschimpft. Deshalb backe ich auch immer noch ausgesprochen gern. Vor allem Plätzchen!

Meine Spezialität sind Vanillekipferl, Friesenkekse, Pfefferkuchen und Heidesand. Hauptzutat: ganz viel Liebe und Zuwendung.

Alles bereit (NickyPe/pixabay)

Bei mir gibt es jedes Jahr „Erinnerungsplätzchen“ nach den Rezepten meiner Vorfahren, auch wenn ich sie gelegentlich leicht abwandle. Das Heidesandrezept meiner Mutter stammte in Wirklichkeit von ihrer Schwiegermutter, und „die Omi“ hatte es offenbar sogar noch von ihrer Mutter. Es kommt wohl aus einer Zeit, als es noch keine Kühlschränke gab.

Die fertigen Teigrollen müssen auf einem Küchenhandtuch, das vorher leicht mit Zucker bestreut wird, sanft hin und her gerollt werden, und danach wird das Handtuch zugeknotet und (das ist ausdrücklich so schriftlich festgehalten und dick unterstrichen) eine Nacht im Keller aufgehängt. Vielleicht wegen der Mäuse? Das Aufhängen sei unbedingt nötig, behauptet meine gesamte Verwandtschaft väterlicherseits. Sie alle hängen ihr gezucktertes Handtuch mit dem Teig eine Nacht in den Keller. „Sonst schmecken die Plätzchen nicht richtig. Die Omi hat das auch immer so gemacht!“

Ruhender Teig (BFL)

Ich war mutig und wagte die Probe aufs Exempel. Ein Teigdrittel kam nebst Handtuch in den Keller und wurde aufgehängt, ein Drittel wurde im Keller nicht aufgehängt, und das letzte Drittel landete nebst Handtuch unten im Kühlschrank. Geschmacklich gab es nach dem Backen bei meinen Testessern keinerlei Unterschiede, und selbst meinen extrem hochsensiblen und kritischen Geschmacksknospen fiel nichts aus. Seitdem ruht bei mir der komplette Teig im Kühlschrank. Und  lächelt höchst zufrieden, während er ruht. Echt jetzt! Meinen Mann erschrecken die friedlichen Gesichter in der Kühlung zwar manchmal, aber er gewöhnt sich daran. Allerdings sind meine Plätzchen etwas größer als Omis und Mamas, haben weniger Kakao und bleiben kürzer im Ofen, so dass sie insgesamt deutlich heller ausfallen. Sie sind also doch nicht genau so wie die von der Omi, da haben meine Cousinen schon recht.

Ich habe grundsätzlich immer nur ein Blech im Backofen, auch wenn die Backerei dann länger dauert und ich eine ganze Weile neben dem Herd verbringen muss, weil ich nur so den Bräunungsgrad perfekt abpassen kann. Sobald meine hochsensible Nase meldet, dass die Plätzchen fertig sind, befreie ich sie auf der Stelle.

Wirklich wichtig beim Heidesandbacken ist übrigens, dass sämtliche Zutaten vor dem Vermengen ganz fein gesiebt werden und ein Teil des Mehls durch Mondamin ersetzt wird. Damit die Plätzchen auch richtig schön zart auf der Zunge zergehen. „Das hat die Omi auch immer so gemacht!“ Und die Uromi aus Krefeld wahrscheinlich auch. Mondamin gibt es nämlich schon seit 1896.

Backfreude (Congerdesign/pixabay)

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Peter Nicolaus: „Adventskalender – Faszination und Sammeln“

Weihnachtsüberraschung!

Zu meinen schönsten Weihnachtsgeschenken gehörte in diesem Jahr das schon lange erwartete große Buch über Adventskalender von Peter Nicolaus. Obwohl ich den Inhalt bereits kannte (in dem gut 300 Seiten starken Werk mit fast 700 farbigen Abbildungen finden sich auch einige kleine Beiträge von mir sowie das ein oder andere Foto von Kalendern aus unserer Sammlung), war ich sowohl überrascht als auch beeindruckt, als ich „Adventskalender – Faszination und Sammeln“ endlich in Händen hielt. Es gibt wenige Bücher, in denen man so wunderbar in Bildern und Farben schwelgen kann.

Adventskalender habe ich schon immer geliebt, und genau wie Peter hege ich eine Schwäche für bestimmte Illustratoren und Illustratorinnen, unter anderem Marigard Bantzer, Fritz Baumgarten, Else Wenz-Viëtor und Marianne Schneegans. Doch ich bin keine „richtige“ Sammlerin, dazu bin ich zu unsystematisch. Ich sammle einfach, was mir gefällt und was ich zufällig finde. Peter dagegen IST ein richtiger Sammler und verfügt als Adventskalenderexperte über große Erfahrung. Wie schön, dass er sein Wissen jetzt mit anderen teilt! Es gibt im Buch viele Tipps für das Sammeln von Adventskalendern, sowohl für gestandene Sammler als auch für „Anfänger“. Wo findet man sie, wie kann man sie preislich einordnen (bei allen Kalendern im Buch findet man einen Preis-Index, was äußerst hilfreich ist), woran erkennt man Raritäten, wie bestimmt man das Alter, was muss man über das Papier wissen, wie sollte man seine Schätze am besten archivieren und lagern?

Der Sammler Peter Nicolaus

Ich kann mich noch gut an meine erste Begegnung mit Peter Nicolaus erinnern. Kennengelernt habe ich ihn vor vielen Jahren in der virtuellen Welt, genauer gesagt bei ebay, wo er gelegentlich Adventskalender anbietet oder ersteigert. Damals konnte man noch sehen, wer die Mitbieter und „Konkurrenten“ waren, was nicht nur hilfreich bei der Preis- und Reaktionseinschätzung, sondern auch ganz nett war, weil man miteinander Kontakt aufnehmen, um Scans oder Kopien der (meist verpaßten) Objekte der Begierde bitten oder sich sogar aus der Ferne austauschen und „anfreunden“ konnte. Wenn Peter mitbot, konnte man sicher sein, dass es sich um ein besonders kostbares oder seltenes Stück handelte. Zudem fiel mir auf, dass er als Verkäufer absolut zuverlässig war, seine Kalender waren immer genau beschrieben, professionell präsentiert und exakt datiert, selbst die kleinsten Knicke und Schäden waren abgebildet und aufgelistet. Nach einigen Reinfällen, bei denen ich als Neuling Kalender erstanden hatte, die angeblich antik waren, in Wirklichkeit aber nur billige Nachdrucke, hatte ich meine Lektion gelernt. Wenn ich dem Braten nicht traute, bat ich Peter im Zweifelsfall einfach um seine Einschätzung. Er hat mir immer freundlich geantwortet, mich geduldig beraten und mir auf kompetente Weise geholfen.

Peter Nicolaus (privat)

Irgendwann bin ich ihm dann auch in Köln „begegnet“. Wieder nur „indirekt“. Eine ältere Dame löste krankheitsbedingt ihre Sammlung auf, und ich begab mich zu ihr auf die andere Rheinseite, um die Kalender anzusehen. „Tut mir leid“, sagte die Dame. „Aber die schönsten sind leider alle schon weg. Die hat gestern ein netter Mann gekauft, der extra aus Wuppertal kam. Sie raten nie, wie der mit Nachnamen hieß!“ Ich wußte genau, wen sie meinte, und die Dame reagierte angemessen verblüfft. „Ob der wirklich so heißt?“ überlegten wir. Wenn nicht, war das ja wohl ein tolles Pseudonym! Ein paar Schätze für mich waren zum Glück noch da, denn die hatte Peter wohl längst in seiner Sammlung. Irgendwann haben wir uns dann endlich auch „richtig“ getroffen und viele interessante Gespräche und Mailwechsel geführt. Auf Peters schöne Weihnachtskarte und die Einladungen zu seinen Ausstellungen freue ich mich jedes Jahr!

Kleine Sensationen

Detail aus „St Nikolaus der Weihnachtsmann“ (Peter Nicolaus)

Doch zurück zum Buch. Ging man bisher davon aus, dass der erste gedruckte Adventskalender „Die Weihnachtsuhr für Kinder“ von 1902 war, so sorgt der Autor im Kapitel „Adventskalenderschätze/Top-Raritäten“ gleich für eine kleine Sensation. In Wirklichkeit gab es nämlich noch einen früheren Kalender, „St. Nikolaus der Weihnachtsmann“, ein ungewöhnliches, detailliert gestaltetes Klappkunstwerk aus dem Jahr 1901. In echter Detektivarbeit ist es Peter Nicolaus gelungen, den bisher weithin unbekannten Ur-Adventskalender zu datieren und seine Entstehung zurückzuverfolgen.

Frontansicht von „Advent Wunderschau“ (Peter Nicolaus)

„Ruprechts Advents-Wunderschau“ bildet ein weiteres Highlight bei den Top-Raritäten, denn der Kalender aus den 1930er Jahren ist höchst ungewöhnlich, da er gleichzeitig eine Art kompliziertes „Spielzeug“ ist. Das plastisch gestaltete Häuschen mit dem winzigen Briefkasten für die Wunschpost und der Tanne, aus der in der Adventszeit jeden Tag ein Sternchen herausgebrochen werden kann, ist mittels Batterie „richtig“ beleuchtet, verfügt über ein Glöckchen, das mit Hilfe eines Klingelknopfs zum Bimmeln gebracht werden kann, und zeigt Tagesbilder, die über eine Abrollvorrichtung präsentiert werden. Ein Traumstück!

Besondere Schätze und ausführliche Biografien

Detail aus Marigard Bantzers Kalender (BFL)

Mein Mann und ich lieben Adventsuhren. Peter auch. Er widmet ihnen gleich am Anfang des Buchs ein langes Kapitel, und mit einem gewissen Stolz entdecke ich dort unsere „Meyer-Adventsuhr“ mit dem russisch aussehenden Nikolaus. Bei den Drehscheibenkalendern findet sich ein anderes Prunkstück unserer Sammlung, nämlich der ungewöhnliche Marigard Bantzer-Kalender, von dem es bislang nur drei bekannte Exemplare gibt. Eins davon besitzt Peter, eins wir. Die Illustratorin wird im Buch übrigens im Kapitel mit den Künstler-Biografien noch ausführlich vorgestellt, dort findet man auch ihre anderen Kalender. Eine kleine Überraschung erwartet den Leser in just diesem Kapitel beim Eintrag zu Hannes Petersen, denn Hannes Petersen war trotz des Namens kein Mann! Überhaupt gefällt mir gut, dass Peter vielen Illustratoren und Illustratorinnen so ausführliche Einträge widmet. Auch eher unbekannten Adventskalendergestaltern wie der Wuppertaler Künstlerin Sulamith Wülfing, die nur einen einzigen Kalender gemacht hat, aber was für einen! Und es gibt sogar eine Seite zu Fritz Wegner, einen Künstler, den ich sehr schätze und von dem wir bei unseren Adventskalendervorträgen oft berichten. Wir haben vor Jahren all seine Kalender in einem kleinen schottischen Laden gekauft. Fritz Wegner musste bereits als Kind nach England emigrieren, nachdem er in der Schule eine Hitler-Karikatur gezeichnet hatte, und wurde später in seiner neuen Heimat ein bekannter Künstler und Buchillustrator.

Von Herbert Cange, Barbara Krokisius, Katrin Höngesberg, Emil Ernst Heinzdorff und Oskar Barthold hatte ich noch nie gehört, erst Peter Nicolaus hat sie mir nahe gebracht. Aber jetzt weiß ich endlich, von wem unser Kalender „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ stammt. Von Willy Müller-Gera!

Ich könnte noch viel zu diesem Buch schreiben, das ich seit Weihnachten immer wieder zur Hand nehme, um darin zu lesen oder einfach nur zu schauen. Es gibt darin auch allerlei Lesenswertes über „Adventskalender/thematisch“, „Adventskalender als Werbeträger“ und die wichtigsten Verlage, immer gefolgt von einem Anhang mit genauen Angaben zur zeitlichen und gestalterischen Einordnung.

Kindheitserinnerungen

Detail aus „Moralisierender Adventskalender“ (Peter Nicolaus)

Richtig gut gefällt mir auch das Kapitel mit den persönlichen und zum Teil anrührenden Erinnerungen von „ehemaligen Kindern“ an einen besonderen Adventskalender ihrer Jugend. Hier finden sich neben bekannten Stars wie „Die Christrose“ von Else Wenz-Viëtor und „Die Weihnachtsstadt“ von Willi Harwerth auch selbst gebastelte Einzelstücke, zum Beispiel ein Adventsschiff mit winzigen Schublädchen, das die damals elfjährige Schwester für ihren kleinen Bruder gestaltet hat, sowie der „moralisierende“ Adventsstern, der in der Erinnerung „Strenge Zeiten!“ die Hauptrolle spielt. Der kleinen Besitzerin hat er wenig Freude gemacht, denn hinter den Türchen verbargen sich keine hübsche Bilder, sondern unangenehme Ermahnungen („Sei nicht so genäschig“, „Lerne stets deine Aufgaben“,“Folge deinen Eltern“). Auch „Peter und Liesel“, ein für uns ganz besonders lieber Bekannter, denn er war mehrere Generationen lang der wichtigste Kalender in der Familie meines Mannes und wurde von seiner Tante Lotte und seiner Mutter eigens für die Kinder „nachgemalt“, weil das Original verloren ging, ist hier zu finden. Tante Lotte und meine Schwiegermutter hätten sich über die Bilder ihrer selbst gebastelten kleinen Kunstwerke sicher gefreut!

Nach dem augenzwinkernden „Jetzt schlägt’s aber 24!“ folgen weitere Tipps zum Sammeln und Aufbewahren von Adventskalendern. Abschließend gibt es eine kurze Reise in die Zukunft (wie mögen die Kalender unserer Kindeskinder wohl aussehen?), gefolgt von Literaturangaben und den „Credits“.  Schade, dass Peters Buch nicht noch 200 Seiten mehr – und noch viel mehr Bilder hat!

Zu bestellen ist das großformatige (30 x 24 cm), aufwändig gestaltete und überaus“gewichtige“ Buch (eindeutig zu groß und zu schwer für meinen Scanner!), das nur in einer kleinen Auflage erschienen ist und in Deutschland gedruckt und gebunden wurde, ausschließlich bei seinem Autor Peter Nicolaus und kostet 69,95 Euro zzgl. Porto. 

Kontakt: info@advent-art-verlag.de 

Doppelseite aus „Adventskalender“ von Peter Nicolaus

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Der traurige Monat November ….

Ahornfeuer (BFL)

Dieser Monat hat es in sich. Allerseelen, Allerheiligen, Volkstrauertag, Buß- und Bettag, Totensonntag. Am Volkstrauertag denke ich wie immer an den großen Soldatenfriedhof, den ich als Kind mit meinem Vater besuchte, und spüre die große Hand, die meine kleine warm umschließt. Schweigend steht er neben mir, die Gedanken weit weg. Der 17. November war in diesem Jahr auch der vorletzte Sonntag des Kirchenjahres, und die Sonntagslesung aus dem Buch Hiob hatte es ebenfalls in sich. „Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.“ Die Zeilen erinnern mich an einen Psalm, den wir in der Schule auswendig gelernt haben. „Die Tage des Menschen sind wie Gras, er blüht wie die Blume des Feldes. Geht der Wind darüber, so ist sie dahin, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr.“ Traurig, aber auch überaus poetisch. Gone with the wind. Diesmal spüre ich ihn auch deutlich, den Novemberblues. Die Welt ist so voller Leid, Krieg, Unruhen und Katastrophen. Venedig versinkt gerade in den Fluten, in Kalifornien und Australien wüten riesige, alles vernichtende Feuer, Südtirol liegt begraben unter Schnee. Offenbar versucht die Natur gerade, ihren schlimmsten Parasiten abzuschütteln. Manchmal fürchte ich, es könnte ihr bald gelingen.

Der Ahorn am Teich (BFL)

All die stillen Tage! Am Ewigkeitssonntag nächste Woche wird der Toten des Jahres gedacht. Weiße Kerzen werden nach vorn getragen und feierlich entzündet, die Verstorbenen aus der Gemeinde beim Namen genannt. Eine Freundin ist in diesem Jahr gestorben, so rasend schnell und unvorhergesehen, dass wir uns nicht mehr verabschieden konnten. Sie war einfach plötzlich weg. Seitdem fehlt sie mir. Totensonntag, Tag der Trauer, Trennung und Melancholie. Irgendwie wirkt das Kontrastprogramm dazu in diesem Jahr auf mich besonders heftig. Die Erinnerungen an die Novemberpogrome in der vorigen Woche fanden am selben Tag statt wie die Feiern zum Fall der Berliner Mauer.

Die ersten Weihnachtsmärkte werden grade aufgebaut, der riesige Baum steht schon vor dem Dom. Im Rautenstrauch-Joest Museum ist noch der große Altar vom Dia de los Muertos zu sehen, dem mexikanischen Tag der Toten. Und schon seit Wochen wird bei Einbruch der Dämmerung irgendwo in Köln St. Martin gefeiert, mit Liedern, Laternen und Umzügen. Schade, dass die Schulen und Kitas der Viertel sich nicht zusammentun und gemeinsam einen „richtigen“ Laternenzug mit „richtiger“ Musik und einem „richtigem“ Martin und Martinsfeuer organisieren. Allein in der Innenstadt gibt es 33 Martinszüge! Der eigentliche Martinstag ist der 11. November, doch da sieht man hier vor allem bunt kostümierte Jecke, die mit viel Getöse und reichlich Alkohol den 11.11. feiern. Just an diesem Tag ist in Großbritannien Remembrance oder Poppy Day, und es wird der Opfer des Ersten Weltkriegs gedacht.

Letzten Freitag feierte dann auch die Schule direkt neben uns ihr Martinsfest. Für mich ist dann Heimwehzeit. Meistens ziehe ich mit oder stelle mich zumindest anschließend zu den Kindern ans Feuer, auch wenn es mich schmerzhaft an meine Kindheit und meine verstorbenen Verwandten erinnert, und ich mich dann besonders einsam fühle. Denn die Kinder hier kennen meine Lieder nicht, ihre Laternen sind nur matte Funzeln in Kunststofftüten, und der Kölner St. Martin ist nur ein blasser Schatten, wenn man die farbenprächtigen Züge am Niederrhein mit den eindrucksvollen „Fackeln“, den alten Liedern und dem prächtigem Feuerwerk zum Schluß gewöhnt ist. Diesmal war ich schon vorher so traurig, dass ich zu Hause blieb. Eine weise Entscheidung, denn das Martinsfeuer stank diesmal gottserbärmlich zum Himmel, häßliche erstickende Rauchwolken zogen zu uns herüber, und die Gartenluft war plötzlich zum Schneiden dick. Irgendwann stand ein Feuerwehrmann vor der Tür. „Bitte halten Sie alle Fenster geschlossen, der Rauch zieht leider direkt auf ihr Haus zu. Aber machen Sie sich keine Sorgen, wir haben das im Griff.“ Was in aller Welt war schief gelaufen? Woher kam dieser bestialische Gestank? Der Feuerwehrmann erklärte es mir. „Wir waren das nicht!“ Der Hausmeister hatte offenbar die glorreiche Idee gehabt, feuchtes Heu mit auf den Scheiterhaufen zu packen. Ich hätte nie gedacht, dass feuchtes Heu so scheußlich stinkt!

Blick in den Garten (BFL)

Ein trauriger Monat fürwahr, und doch schafft es die Natur jedes Mal wieder, ein letztes Mal in ihren leuchtendsten Farben zu schwelgen. Ich schaue aus dem Fenster und sehe zarte bis strahlende Gelbtöne, flammendes Orange, glühendes Rot, matt schimmerndes Messing und sattes Rostrot. Im Garten hängt noch erstaunlich viel Laub, der Hasel ist schon weitgehend ergilbt, doch der rote Perückenstrauch steckt noch in der Farbverwandlung. Er ist spät dran, aber es ist ja auch noch nicht wirklich kalt. Zwei Eichhörnchen kommen frühmorgens und verbuddeln Nüsse im Rasen. Ich biete den Vögeln jetzt wieder vermehrt Futter an, auch wenn sie mit jedem Jahr weniger werden. In den ersten Gartenjahren habe ich noch an die dreißig Vogelarten gezählt, inzwischen sind es vielleicht zehn. Heimchen gibt es auch keine mehr im Sommer, dafür hatten wir eine üble Rattenplage, an die ich lieber nicht zurückdenke. Die Biester saßen zeitweilig sogar auf den Fensterbänken und starrten neugierig ins Haus. Die Libellen werden von Jahr zu Jahr weniger, dafür nehmen die Zecken und Grasmilben rapide zu. In diesem Herbst haben wir keine Igel. Sonst waren es immer drei oder vier. Konrad, der große Igelmann, der wie gefroren mit eingezogenem Kopf stehen blieb, sobald er mich sah, ist im Sommer gestorben. Irgendetwas oder irgendjemand hatte ihn schwer verletzt, und mörderische Fliegenmaden gaben ihm den Rest. Die zutrauliche Igeline war nur im September ein paar Nächte hier und fraß gierig, dann blieb sie weg. Ob sie noch lebt? Ob sie ein anderes Igelhaus gefunden hat? Hier stehen vier, doch diesmal sind alle leer.

Vogelkuchen (BFL)

Ich mag meinen novembrigen Fensterblick. Der Holzapfelbaum hängst übervoll mit winzigen Früchten und leuchtet schon von weitem, der Wilde Wein klammert sich mit schwächer werdenden Fingern an Stein und Holz. Seine Tage sind gezählt, aber noch glüht er orange, feuerrot und rostbraun. Der Teich ruht seit einer Woche unter dem dünnen grünen Winternetz und ist jetzt hoffentlich gegen herabfallende Blätter und hungrige Reiherschnäbel gefeit, die Fische werden träge, und der Ahorn am Ufer trägt sein Zauberkleid. Die Erde riecht feuchter und modriger als im Oktober, und man muss aufpassen, dass man nicht ausrutscht. Blasse Pilze schießen aus dem Boden. Kiefernnadeln regnen herab. Und doch oder vielleicht gerade deshalb liebe ich meinen Garten in diesem Monat ganz besonders.

Wilder Wein (BFL)

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Neues aus Mausland: Vinny und Valentine

Vinny und Valentine (BFL)

Heute habe ich nach längerer Pause wieder meine alte Homepage mit dem  Mausblog bei wordpress aktiviert und möchte alle LeserInnen herzlich zu einem herbstlichen Ausflug nach Mouse Town einladen. Im aktuellen Beitrag werden die neuen Maushexen Vinny und Valentine von unserem hochbegabten kleinen Mauslandsreporter Stilton vorgestellt.

In der nächsten Zeit werde ich die Mäuse dort wohl wieder etwas häufiger zu Wort kommen lassen (ich habe es ihnen zumindest versprochen, und Versprechen muss man ja bekanntlich halten), zumal es Stilton und Mila inzwischen tatsächlich geschafft haben, ehrenamtlich als echte Mausreporter beim hiesigen Gemeindebrief tätig zu sein und dort vier Mal im Jahr eine eigene Seite mit Foto haben.

Momentan habe ich für den Mausblog noch keine eigene Domain, daher kann ich die wordpress-Werbung dort leider auch nicht abschalten. Noch haben die Mäuse mich nicht ganz davon überzeugen können, dass so was wirklich nötig ist, aber wir werden sehen…… Sie sind einfach so süß und liebenswürdig, dass ich ihnen kaum etwas abschlagen kann. Besonders an Halloween, wenn sie mich mit ihren komischen Kostümen überraschen. Die arme Mimolette hatte die ganze Zeit Riesensorgen, dass sie sich ihre rosa Schleife ruiniert, aber es ist zum Glück alles gut gegangen.

Der Link oben war nur für den Halloween-Beitrag, aber hier findet ihr die ganze Seite

Trick or Treat! (BFL)

 

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Oktoberland – mit allen Sinnen

Leaves (Thomas Millot/unsplash)

 

Mein Herbst schmeckt nach Halloween

Tag der Toten und gelben Chrysanthemen

Ringelblumen und Ahnenbildern

Zuckerschädeln und Papiergirlanden

 

Ahninnen (BFL)

Maternal ancestors (BFL)

 

Nach Ahornsirup und Indian Summer

Kartoffelsuppe und Pumpkin Pie

Feuerknistern und Marshmallows

Kandierten Äpfeln und Haselnüssen

 

Cat and Witch (Christina Hernandez/unsplash)

 

Nach Blätterwirbeln und feuchter Erde

Waldboden und Herbstzeitlosen

Eichhörnchenflug und Igelhunger

Zimtstangen und Gewürznelken

 

Besenecke (Jessica Furtney/unsplash)

 

Nach gemahlenen Pfefferkörnern und gerösteten Maronen

Tropfendem Wachs und scharrenden Besen

Grinsenden Kürbissen und leisen Sohlen

Schwachem Moder und erstem Verwesen

 

Spinnwebzart (Sam Valdez/unsplash)

 

Nach unruhigen Grablichtern und endlich Samhain

Sachten Moostritten und Kakao mit Sahne

Lila Herbstastern und lockenden Fliegenpilzen

Drudenfuß im Hag und Zauberstab in der Hand

 

The Witch is in (BFL)

 

Nach blassem Vollmond und Karamell

Gespensterhuschen und kichernden Kindern

Klebrigen Zuckerstangen und Katzenpfoten

Raschelnden Gruselkostümen und Mottenpulver

 

Skeleton Boy (Ksenia Makagonova/unsplash)

 

Nach Skeletten und wehenden Mumienbändern

Drachenatem und den Büchern von Ray Bradbury

Heiseren Flüchen und winzigen Mäuseschwänzen

Altweibersommer und brodelndem Kessel

 

Witches‘ Kitchen (Artem Maltsev/unsplash)

 

Nach Hag of Beara und uralter Cailleach

Rabenkrächzen und Fauchen vor der Tür

Matronenhain und Mother Maiden Crone

Nach früher Dunkelheit und später Dankbarkeit

 

Dancer (Joshua Newton/unsplash)

 

Nach Ingwerplätzchen und Stoppelfeldern

Herbem Cider und rauchigem Patchouli

Bittersweet und tiefen Wäldern

Cupcakes im Ofen und Fledermausflügeln

 

Daydreaming (Annie Spratt/unsplash)

 

Nach Kindheitserinnerungen und Nachtvolk

Hortensienkränzen und Traurigkeit

Vampirumhang und Nebelflüssen

Versengtem Laub und Regenschauer

 

Nebelwald (Ricardo Gomez Angel/unsplash)

 

Nach Wolldecken und schwarzem Lakritz

Füllfeder auf Papier und Kopf voll Ideen

Sandelholz und grünem Rasierwasser

Bitterorangen und goldgelbem Harz

 

Witch (Kayla Maurais/unsplash)

 

Nach Kiefernnadeln und Holzspänen

Tim Burton Filmen und Ohrenkneifern

Zitronenschale und lackiertem Sarg

Tannenzapfen und Pflaumenmus

 

Pumpkin Girl (Anita Austvika/unsplash)

 

Nach Spukhaus und verirrten Seelen

Kopflosen Reitern und knarrenden Dielen

Verlassenen Treppenhäusern und Bröckelmauern

Mitternachtskühle und Speicherstaubwolken

 

Pumpkin Head (Simone Garland)

 

Nach faulem Zauber und dem Inneren von Masken

Billiger Schminke und blutroten Nägeln

Getrockneten Kräutern und Zugvogelferne

Orangegelbweißem Corn Candy und Buttermais

 

Corn Candy (Dane Deaner/unsplash)

 

Nach Zuckerstangen und Trick-or-Treat

Pumpkin Spice and everything nice

Quittengelee und Mutters Strickmützen

Nächtlichen Küssen und Dunkelangst

 

Dark Lady (Salvador Altamirano/unsplash)

 

Nach Schokolade und Apfelstrudel

Monstern am Zaun und Tarotkarten

Hagebutten und stürzenden Flugdrachen

Ausgehobenen Gräbern und bretonischen Beinhäusern

 

Spiderweb (Pezibear/pixabay)

 

Nach Tau auf Spinnwebfäden und Nachtmahren

Kartoffelfeuern und Martin Bakers Cheese Cake

Verlorener Liebe und rostroten Samtvorhängen

Geöffnetem Kirchhof und haariger Tarantel

 

Leaf (Aaron Burden/unsplash)

 

Nach leeren Alleen und Rilkes Gedichten

Abschiedschmerz und Kerzenflackern

Tee mit Kandis und banger Erwartung

Stiller Heimkehr und unerwarteter Vollendung

 

Asleep (Anni Spratt/unsplash)

 

Nach träumenden Kindern und Märchenhäusern

Brüsseler Platz und Kitchener Avenue

Zerdrückten Wacholderbeeren und Mokka

Ewiger Vogelgöttin und tanzendem Bärenmädchen

 

Prepared (Joanna Kosinska/unsplash)

 

Nach Räucherwerk und Weihrauchküche

Kristallkugel und Sternenhimmel

Schwarzer Hekate und Steinkreisen

Thin places und Anderswelt

 

Little Witch (Paige Cody/unsplash)

 

Nach erster Umarmung und Liebesschwüren

Caudron of Changes, Feather on the Bone

Arc of Eternity, Ring around the Stone 

Endlosem Zauber und süßer Melancholie

 

Geheimnis (Linas Bam/unsplash)

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Halloween in Hornbeam Hollow – mit Kris Miners

Großvater Spitzmaus und sein Enkel, Buch-Detail (Kris Miners)

Ich entdeckte Kris Miners bei etsy (KrisMiners) und war auf Anhieb von seinen farbenfrohen Bildern begeistert, denn er liebt wie ich den Herbst und den Winter und außerdem auch noch Mäuse, Fliegenpilze und Halloween! Eine verwandte Seele also! In seinem Shop gibt es Karten, Sticker und hochwertige Ansteckpins aus Emaille. Den Kürbisraben musste ich natürlich haben – er hat am 31. Oktober seinen großen Auftritt.

In diesem Jahr ist Kris Miners‘ erstes Kinderbuch erschienen: „Hornbeam Hollow – The Hunt for the Halloween Pumpkin“. Es ist auch in Deutschland erhältlich, aber noch nicht übersetzt (ich kenne eine halloween-verrückte Übersetzerin, die das richtig gern übernehmen würde), doch die schönen Bilder erfreuen bestimmt auch hier viele kleine und große Kinder. Es ist gar nicht so schwer, Halloweenfans die Geschichte von Pygmy und Conker nachzuerzählen, die sich zusammen mit ihrem Großvater Shrew (das englische Wort für Spitzmaus) auf die Jagd nach dem schönsten Halloweenkürbis machen. Natürlich werden sie fündig, schnitzen ihm noch an Ort und Stelle ein spukiges Gesicht, damit er ihnen auch hell genug heim leuchten kann, laden ihn auf ihre Schubkarre und schieben ihn nach Hause. Zu Mama Shrew, die als Hexe verkleidet ist, und dem Riesenkessel mit leckerer Kürbissuppe. Aber auf dem Heimweg passiert noch allerhand. Hornbeam ist das englische Wort für Hainbuche, und die Idee zum Buch kam Kris, als er während eines Spaziergangs eine kleine Maus beobachtete, die in einen hohlen Hainbuchenstamm schlüpfte.

Detail aus dem Buch „Hornbeam Hollow“ von Kris Miners

Ich mag den Humor, die satten, leuchtenden, aber auch ganz zarten Aquarellfarben und die vielen Details, die es zu entdecken gibt. Zum Beispiel das winzige Käferchen, das als Mumie verkleidet mit ausgestreckten Ärmchen auf einem Grasstengel balanciert, oder die kleinen und großen Spinnen, die an Fäden schaukeln oder hoch oben auf Pilzen hocken, die baumelnden Fledermäuse, den Mond mit dem Kürbisgesicht oder die Hexenmaus auf dem Flugbesen. Und dann wäre da noch Pixie, das kleine Waldwesen mit dem Glockenblumenhut, eine Mischung aus Marienkäfer und Elfe, das die Mäuse unterwegs treffen. Sie kann fliegen und ein bisschen zaubern und weiß genau, wo man die allerleckersten Brombeeren findet. Sogar im Dunkeln! Wenn man nämlich auf ihr Näschen drückt, fängt sie an zu schimmern wie ein Glühwürmchen, so dass sie auch nachts gut zurechtkommt. Dazu muss man wissen, dass Kris eine niedliche kleine Tochter hat, die tatsächlich Pixie heißt. Im Buch kann man sogar eine Zeichnung finden, die sie selbst gemalt hat. Aber danach muss man natürlich suchen! Ich hoffe, dass es bald eine Fortsetzung gibt: „Hornbeam Hollow im Winter“ zum Beispiel, denn ich liebe Weihnachtsbäume und Schneebilder.

Kris Miners und sein Buch

Da der Vorname Kris in den USA vor allem ein Frauenname ist, sind viele amerikanische Miners-Fans ziemlich verblüfft, wenn sie feststellen, dass sich hinter dem Namen in diesem Fall eindeutig ein Mann verbirgt. Kris nimmt es mit Humor.

Seine Lieblingstiere sind übrigens Hunde, im Moment tollen gleich zwei temperamentvoll Möpse durchs Haus, aber er zeichnet trotzdem am liebsten Mäuse. Ich kann das gut verstehen! Meine eigenen Mäuse sind hochentzückt von seinen Werken, zumal er ihnen erlaubt hat, sie überall aufzuhängen, und so kommt es, dass man in unseren Maushäusern lauter „Mini-Miners“ entdecken kann. Ich habe den Mäusen sogar eine Kleinversion vom Buch machen müssen, damit sie endlich Ruhe gaben.

Kris Miners beim Zeichnen

Kris Miners in Action

Kris hat eine Homepage, auf der man seine Werke bewundern kann, und eine insta-Seite. Ich bin ja neuerdings selbst mit meinen Mäusen bei instagram (cheddarandmozzarella) und finde es immer wieder faszinierend, dort so viele Künstler aus allen Sparten und aller Welt zu treffen.

Vor einiger Zeit hat Kris seinen Fans Antworten auf ihre „frequently asked questions“ gegeben. „Warst du in der Schule gut in Kunst?“ zum Beispiel. Eigentlich nicht, schreibt er, was vor allem daran lag, dass sein Kunstlehrer eine merkwürdige Vorliebe für LÖFFEL (echt!) hatte und Kris das Motiv höchst langweilig fand. Kann ich gut nachfühlen. Meine Kunstlehrerin gab uns auch immer höchst seltsame Themen vor. Zum Glück mussten wir nie Löffel malen. Aber „Vater beim Rasieren“ war auch schrecklich. Die Umsetzung hat mir kein bisschen Spaß gemacht. Was Kris am liebsten malt? Kürbisse, Fliegenpilze, Mäuse und alles, was mit Herbst und Winter zu tun hat oder irgendwie geheimnisvoll ist. Berufe und Hobbys hat er übrigens ziemlich viele, unter anderem ist er Survival Trainer und liebt Ethnobotanik.

Kris zeichnet den Schneemann von Raymond Briggs

Zu seinen großen Vorbildern zählen Quentin Blake, Axel Scheffler, E.H. Shepard, Beatrix Potter und Jill Barklem. Vor allem aber liebt er Raymond Briggs (den mit dem Schneemann). Ich mag alle diese Illustratoren auch sehr gern und habe sogar eine Riesenausgabe vom Schneemann-Buch „on display“ in meinem Arbeitszimmer. Ganzjährig. Raymond Briggs hat Kris übrigens vor zwei Jahren höchstpersönlich eine Weihnachtskarte geschickt! Auf seinem YouTube Kanal kann man Kris beim Zeichnen zusehen und bekommt manch guten Tipp.

Auf die Frage, was ihn denn an Halloween so fasziniere, obwohl er doch gar kein Amerikaner, sondern Brite sei, erklärt er, dass seine Mutter es hervorragend verstand, diesen Tag für den kleinen Kris, der sich meistens als Dracula verkleidete, immer zu einem ganz besonderen Ereignis zu machen. Die schönen Erinnerungen und den besonderen Herbst- und Winterzauber seiner Kindheit versucht er jetzt an seine eigenen Kinder weiterzugeben. Ich würde die Familie liebend gern mal besuchen, denn im Hause Miners gibt es ein Hologram-Gespenst, ein unheimliches, blau schimmerndes Mädchen mit glühenden Augen, das plötzlich auftaucht, herumgeistert und wieder verschwindet.

Kleine Geister, Halloweenkarte von Kris Miners

Auf facebook hat Kris eine eigene Seite sowie eine muntere Fan-Gruppe „Kris Miners Illustration and Chat“. Im Moment dreht sich dort natürlich alles um Halloween!

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Das Kind braucht Luftveränderung (5) – Effi

Kleines Mädchen (Alexas_Fotos/pixabay)

Die folgenden Erinnerungen gehören meiner Freundin Effi, die als kleines Kind im Vorschulalter ganz allein „verschickt“ wurde. Danke, dass du sie für mich aufgeschrieben hast, liebe Effi. 

Erinnerungsflut – 1. Oktober 2019

Als ich Beates Beitrag über ihre Zeit an der Ostsee und Anja Röhls Sammlung von 250 Berichten ehemaliger Kurheim-Kinder aus den 50er-80er Jahren las, wurde ich regelrecht von Erinnerungen überflutet, denn auch ich war als kleines Kind 1969 – wegen dauernder Mandelentzündungen und Untergewicht – in den Schwarzwald verbannt worden. In ein „Kinderkurheim“ in Bonndorf.

Bettnässer

Nachts nicht pinkeln zu dürfen war besonders scheußlich. Bettnässer und Hosenscheißer mussten am nächsten Morgen so lange ungesäubert neben dem Bett warten, bis dieses frisch bezogen war, in einem Schlafsaal mit vielen Betten und Mädchen unterschiedlichen Alters. Die anderen durften ihr Bett erst verlassen, wenn alle nassen Betten wieder frisch waren, erst dann durften die gepeinigten Mädchen in den Waschraum und alle anderen aufs Klo. Ein Mädchen hatte das Pech, dass sich ihr Nachname auf Hose reimte. „D…. K…. macht in die Hose!“ war einer der Sätze, die mir bis heute tief im Gedächtnis sitzen, und ich erinnere mich an ein zartes Geschöpfchen mit weißblonden Haaren und dauer-rotgeränderten Augen.

Doch wir hatten nach einer gefühlten Ewigkeit das Glück, einem mutigen Jungen mit herausnehmbaren Glasauge zu begegnen, der nachts, wenn die wachhabenden Generäle Pause hatten, alle Schlafsäle abwanderte und die ganz Verzweifelten in kleinen Gruppen zur Toilette geleitete. Ich war zwar ein Angsthäschen, lag aber im Bett gleich an der Tür, und wenn ich nicht mitging, ging auch sonst niemand mit. Das hab ich schnell begriffen. Außerdem fand ich das Glasauge sehr faszinierend und durfte es sogar mal in der Hand halten.

Ich könnte jetzt endlos weiterschreiben…. Vom Sitzen im stockdunklen Kellerraum, weil ich weder Schleife binden noch Doppelschleifen öffnen konnte und der letzte vor mir einfach das Licht aus und die Tür zu machte, gefühlte Panikzeitalter, bis mich mal jemand vermisste oder zufällig entdeckte. Oder wie es sich anfühlte, als Allerletzte im Speisesaal zu hocken, um den verhassten Teller leer zu essen, bis die Übelkeit sich Bahn brach. Und dann das schreckliche Heimweh!

Doch den Wald, besonders den tief dunklen, hab ich geliebt … und das Fräulein für draußen! Das Gras so samtig weich, das Bächlein zum Drüberhüpfen und die quakenden Frösche.

Im Wald (PhotoGranary/pixabay)

Noch mehr Erinnerungen – 2. Oktober 2019

Den ganzen Tag über musste ich gestern an das Kinderkurheim in Bonndorf denken. Vieles ist und bleibt wohl verschüttet in meiner Erinnerung. Immerhin war ich erst sechs Jahre alt, das ist fünfzig Jahre her. Ich erinnere mich, dass ich ein Jahr länger im Kindergarten bleiben „durfte“, während die gleichaltrigen Kinder aus der Nachbarschaft alle eingeschult wurden. Dass da für mich eine Reise bevorstand, wusste ich nicht.

Die Zugfahrt

Ich erinnere mich, dass meine Mutter mich am Kölner Hauptbahnhof in ein Zugabteil setzte. Das waren noch die offenen Abteile mit 6 x 4 Sitzplätzen, jeweils zwei Bänke mit rotem Bezug in einer Nische. Ich erinnere mich, dass andere Kinder, alle etwa in meinem Alter, zustiegen, teils still, teils hopsten sie auf den Bänken herum. Ich hatte schon schreckliches Heimweh, bevor sich der Zug in Bewegung setzte. Es war nicht das erste Mal, dass ich über Wochen ohne Mama Zeit verbringen musste (immer bei Verwandten), da sie sich im Laufe meiner Kindheit mehreren OPs unterziehen musste. Doch selbst wenn das immer furchtbar für mich war und ich früher oder später vor Heimweh krank wurde, dies war das allererste Mal, dass ich diese Reise mutterseelenallein antreten musste, zu fremden Menschen, in eine unbekannte Gegend. Die anderen Kinder kannte ich ja nicht.

Ich erinnere mich an das Gefühl, vor Angst wie gelähmt zu sein. Ich konnte mich nicht bewegen, saß stocksteif und verkrampft auf meinem Platz am Fenster in Fahrtrichtung in der mittleren Nische zum Bahnsteig, konnte kaum atmen, sobald meine Mutter und die anderen Eltern das Abteil verlassen hatten. Ich erinnere mich vage am Rande meines Bewusstseins an eine Frau, die mit im Abteil saß, plötzlich da war und die Stimme erhob. Missmutig, streng und kaltstimmig sorgte sie für Ruhe und Benehmen.

Die Ankunft

Ich habe keinerlei Erinnerung an das Gebäude von außen, nur den Blickwinkel aus einem der unteren Fenster. Da war ein Obstbaum gegenüber, mit einem dunklen Lattenzaun. Auch Häuser und Schuppen oder Scheunen rechts und links. Und ein Weg oder eine Straße um den Obstbaum bzw. den Zaun herum, der weiter hinten am Ende der Gebäude auf Felder führte oder daran vorbei ins Uneinsehbare. Im Gebäude selbst erinnere mich nur an einige Räume in Verbindung mit unangenehmen Befindlichkeiten.

Der Schlafraum

So lag der Schlafraum wohl oben, weil an einer Seite Schräge war, mit einem Fenster. Auch ein Fenster zur Giebelseite war dort. Die Wände weiß und kahl, bis auf ein Kreuz über dem Eingang. Ob in dem Raum Schränke standen, weiß ich nicht mehr. Die Wand neben der Tür will mir nicht mehr ins Bewusstsein rücken.

Es standen drei Betten hintereinander an der Wand mit der Tür, meins ganz vorne. In der nächsten Reihe standen vier Betten hintereinander, daneben noch zwei Reihen. Die jüngeren Kinder in der Nähe der Tür, die älteren weiter davon weg. Von keinem Bett aus konnte man unbeobachtet Kontakt zu den „Nachbarn“ aufnehmen. Sie standen alle einzeln mit viel Platz drumherum. Ich erinnere mich nicht an Stühle oder Nachtschränkchen, nur an nackte weißbezogene Betten.

Eines der älteren Mädchen hatte Fotos an die Wand hinter ihrem Bett gepinnt. Die waren am nächsten Tag fort, und das Mädchen lachte nicht mehr.

Die Tür stand die ganze Nacht offen, ab und an polterte eine der Wachhabenden mit „Ruhe!“ herein, wobei ich jedes Mal höchst unsanft aus dem Halbschlaf gerissen wurde, zu Tode erschrocken. Vor lauter Angst … und oft genug Pipidrang …. konnte ich nur schwer einschlafen. Durch die Tür gelangte man in einen Flur mit knarrendem Holzboden. Man konnte also gar nicht mal eben schnell und heimlich aufs Klo. Die ersten, die es versucht hatten und die ich mitbekommen habe, wurden lauthals ausgeschimpft und unverrichteter Dinge (wörtlich zu nehmen) wieder ins Bett geschafft. Rechts war gleich die nächste Schlafraumtür, ebenfalls offen. Ich erinnere mich, dort nur im Dunkeln hineingeschaut zu haben, auf Betten in der gleichen Anordnung wie bei uns nebenan.

Daneben an der nächsten Wand die Toiletten, erst für Mädchen, dann für Jungs. Weiß gekachelte Räume mit  Toilettenboxen. Ich erinnere mich nicht, ob da Türen waren. Ich erinnere mich aber an eine schimpfende Frau direkt vor mir, halb über mir, weil ich nicht schnell genug mein Geschäft erledigte. Abends vor dem Schlafengehen wurden alle noch mal aufs Klo geschickt, damit nachts Ruhe herrschen sollte, in Schlangen bis in den Flur, zig Mädchen und nebenan zig Jungen. Alle im Schlafanzug oder Nachthemd, viele barfuß.

In meiner Erinnerung gibt es keine Gesichter von den Wachen, nur namenlose furchige Grimassen und entweder zugekniffene oder große offene und schreiende Münder.

Links von unserem Schlafsaal war noch ein kleiner Raum mit Betten drin. Die standen enger beieinander und um Schränke herum. Nachts war diese Tür geschlossen. Ich erinnere mich nicht, ob wir Mittagsschlaf gehalten haben, erinnere mich aber wohl, bei Tageslicht an dem Zimmer vorbeigekommen zu sein, da dort ältere Jugendliche im Bett saßen und Licht vom Fenster hereinfiel. Die Schlafräume durften nur zum Schlafen aufgesucht werden. Ansonsten war das Betreten verboten, zum Teil die Türen abgeschlossen.

Die gegenüberliegende Seite von dem Flur ist verschwommen. Irgendwo war die Treppe nach unten. Ich erinnere mich an ein paar wenige Stufen nach oben und eine Art Galerie mit gedrechseltem Geländer, von der weitere Türen abgingen. Die Wachen kamen von dort schimpfend angerannt. Wohl deshalb wollte ich dort niemals hin.

Die Waschräume

Irgendwo im Haus waren die Waschräume. Ich erinnere mich an weiße Kacheln und Reihen von Waschbecken. Kaltes Licht, Enge und Bedrängtsein, Lärm und Spritzwasser – und an Waschlappen. Die hatten die Eltern mir mitgegeben. In verschiedenen Farben mit Namenseinnäher. Drei hab ich noch heute. In einem sogar noch den Einnäher „N. EFFI MAURER“.

Ich erinnere mich, dass mir der Waschlappen unsanft durchs Gesicht gezogen wurde und über den ganzen Körper, bis die Haut überall brannte. Ich erinnere mich, es irgendwann allein gemacht zu haben, aber ich hatte immer Not, wohin mit meinen Sachen. Also zwischen die Beine geklemmt. Dabei war nackig ausziehen schon eine Tortur und eine Riesenüberwindung. Mir war kalt, alles war nass, und der Boden schwamm. Nirgendwo ein trockener Platz für meine Sachen. Das fand ich ganz furchtbar.

Kleines Mädchen im Wald (Free-Photos/pixabay)

Das Fräulein für draußen

Ich weiß noch, ich gehörte für Draußen-Aktivitäten einer Gruppe an von Kindern in unterschiedlichem Alter. Das Fräulein oder die Tante, deren Name mir nicht mehr einfällt, war sehr nett. Hilfsbereit, zuvorkommend, fröhlich und erklärreich. Sie war so ganz anders als die Wachen innerhalb des Heims. Man könnte sagen: leise.

Der Keller

Bevor wir raus gingen, mussten wir im Keller in einen kleinen Raum, wo die Jacken hingen und die Schuhe standen. Erst konnte ich noch keine Schleife binden. Das hat mir dann ein älteres Kind beigebracht, weil ich mir immer helfen lassen musste und immer die Letzte war. Ich war richtig stolz, als ich es konnte. Dann und wann musste ich andere Schuhe anziehen bis über die Knöchel, und man machte mir einen Knoten mit der Schleife, weil die Bändel sonst zu lang gewesen wären.

Bei der Rückkehr mussten wir natürlich wieder in den kleinen Keller, um Jacken und Draußenschuhe  auszuziehen, und ich erinnere mich, dass das letzte Kind vor mir das Licht ausmachte und die Türe schloss und mich zurückließ. Ich konnte den Knoten nicht lösen, wusste nicht wie, und schon gar nicht so schnell. Mutterseelenallein im Stockfinstern! Ich hatte fürchterliche Angst und traute mich nicht, mich zu bewegen, weg von der Bank mit den Jacken im Rücken. Die Tür war nicht weit weg, jedoch unerreichbar. Gefühlt hab ich stundenlang leise vor mich hin geweint, bis jemand kam und mich „rettete“. Mit Schimpfe natürlich, weil ich nicht pünktlich im Speisesaal war. Das kam ein paar Mal vor, bis mir offenbar jemand die Schuhe so band, dass ich sie wie Stiefel nutzen konnte, also rein- und rausschlupfen, mit Hilfe zwar, aber ohne mich mit den Bändeln zu beschäftigen. Das war – zumindest in dem Punkt – eine Riesenerleichterung.

Tief im Wald (cocoparisienne/pixabay)

Fortsetzung – 4. Oktober 2019

Suppe mit Schwabbel im Speisesaal

Ich erinnere mich bruchstückhaft an den Speisesaal. Mein Platz war etwa am Kopfende eines langen Tisches an der Wand. Die Wände halbhoch holzvertäfelt. Ein Fenster im Rücken mit tiefer Fensterbank, wo ich mich hätte komplett hineinsetzen können, wenn ich gedurft hätte.

Ich erinnere mich zu Anfang meiner Zeit in Bonndorf an ekelhafte Suppen, dicke grüne Brühen mit etwas Schwabbeligem drin, über die ich nicht hinauskam, während die anderen Kinder das Hauptgericht und das Dessert verspeisten. Das Dessert war am leckersten im Vergleich zu allem anderen. Während die anderen Kinder noch anwesend waren, schnürte sich mir die Kehle zu. Ich konnte nicht schlucken, nicht weinen, nicht weglaufen und mich nicht verstecken. Die anderen durften gehen nach dem Dessert, ich musste bleiben und die Suppe aufessen.  Ich erinnere mich, dass ich sehr alleine war, todunglücklich und dann leise in meinen Teller weinte. (Überhaupt habe ich nie laut geweint, da es meinen Vater zuhause immer sehr wütend machte, wenn ich weinte.)

Ich erinnere mich an eine junge Frau (zumindest aus der Perspektive einer Sechsjährigen), auf jeden Fall keine Wache, die ein paar Mal kam, sich zu mir setzte, ständig verstohlen hinter sich schaute, und mir gut zuredete, doch die Suppe zu essen. Einmal hatte sie sogar ein Dessert herbeigeschmuggelt als heimliche Belohnung für den geleerten Suppenteller. Leider wurde sie erwischt und böse ausgeschimpft. Danach kam sie nicht mehr, und ich war wieder allein … mit der Suppe. Ich erinnere mich noch, dass ich danach versucht habe, die ekelhafte dicke Brühe mit Schwabbel drin herunterzuwürgen, dass mir speiübel wurde und ich auf den Tisch gekotzt habe. Daraufhin bekam ich wortlos eine weitere Kelle von dem Zeug aus dem großen Topf, inzwischen kalt und noch ekelhafter.

Ich weiß nicht mehr, wie diese Tage endeten oder wie viele es waren. Aber ich weiß noch genau, dass bald darauf während des Essens eine große Veränderung vor sich ging. Die Jugendlichen saßen plötzlich zwischen uns Kindern, und wenn eines von uns etwas nicht mochte, wurden Portionen getauscht oder sogar die Teller, sobald die Wachen wegschauten. Voll oder halbvoll gegen leer. Daher weiß ich auch, dass das Dessert am besten geschmeckt hat.

Briefe und Besuch

Ich erinnere mich an Post von meiner Mutter aus dem Urlaub, von Tanten mit Onkels, von Oma und Opa. Eine dieser Postkarten habe ich lange aufgehoben, bis sie sich vor ein paar Jahren quasi aufgelöst hat. Es war eine Art 3D-Postkarte mit putzigen Tierchen, comic-haft, auf einer Wiese, und je nachdem, wie man auf die Karte schaute, erschien ein anderes Bild.

Ich erinnere mich farblos an einen Besuch meiner Großeltern in diesem Speisesaal, wie wir an einem kleineren Tisch nahe der Tür gesessen haben. Mein Opa vorne, einen Arm auf dem Tisch, mir zugewandt, erst erzählte er, dann redete er auf mich ein. Meine Oma daneben, mir fast gegenüber, mit übereinander geschlagenen Beinen, ein Arm vor der Brust, den anderen darauf gestützt, schaute sie mich an. Ich sehe in meiner Erinnerung für diese Sequenz keine Farben, nur Grautöne. Ich erinnere mich nicht, mit ihnen das Haus, diesen Raum verlassen zu haben. Auch erinnere ich mich nicht an ihre Worte. Ich erinnere mich nur, bitterlich geweint zu haben, nachdem ich so gehofft hatte, sie würden mir glauben, dass ich unbedingt dort weg musste, es nicht mehr aushielt vor Angst und Heimweh. Sie nahmen mich nicht mit, nicht fort aus diesem schrecklichen Haus. Und ich erinnere mich gut an dieses Gefühl der Lähmung, dass ich kaum atmen konnte.

Gerade jetzt beim Schreiben habe ich ohne Absicht diese Flachatmung, dass ich andauernd tief, tief seufzen muss. Meine Eltern und mindestens eine Tante haben mich wohl ebenfalls besucht. Daran habe ich jedoch absolut keine Erinnerung.

Ich erinnere mich, an anderen Tagen an demselben Tisch im Speisesaal gesessen zu haben, zum Malen und Basteln. Auch vage daran, dass Post an zuhause verfasst wurde. Keine Ahnung, was darin stand. Ich erinnere mich nur, in möglichst großen ungelenken Buchstaben meinen Namen draufgemalt zu haben. Richtig schreiben konnte ich damals noch gar nicht.

Fliegenpilz im Wald (tuptus1703/pixabay)

Der Wald und die Pilze

An Ausflüge in die Gegend erinnere ich mich nicht, nur an die Schwarzwaldhüte mit den großen roten Bommeln drauf. Und an den für mich einzig guten und sicheren Ort in diesen gefühlt endlosen Wochen voller Angst: den Wald. Wir gingen öfter an dieselbe Stelle. Erst eine Wiese mit einzelnen hellen Blumen drauf, dann die Bäume. Am Anfang vereinzelt, dann dichter. Wir mussten uns an den Händen halten und gegenseitig stützen, da dort kein Weg hineinführte. Das Fräulein hat viel erzählt über das, was wir sahen. Bäume, Boden, Wurzeln, Pilze. Auch sollten wir dies und das befühlen. Und lauschen. Auf den Wind, die Vögel, das Knacken weiter hinten durch. Ja, Pilze! Ich erinnere mich gerade vor allem an Fliegenpilze!

Nicht weit vor uns floss ein schmales Bächlein mitten durch den Wald. Nicht tief und sogar für mich überhüpfbar. Wenn ich ganz leise war, konnte ich es gurgeln und murmeln hören. Unweit davon zeigte uns das Fräulein Polster von weichem Gras. So samtig, so friedlich. Ich weiß noch, dass wir eine Zeitlang spielen durften dort am Bach in Sichtweite zur Wiese. Ich weiß auch noch, dass ich mich auf die dicht gewachsenen und duftenden Graspolster unter den Bäumen hingelegt habe, dem Wald lauschte und eingeschlafen bin. Friedlich und entspannt. Bis man meinen Namen rief, mich suchte und fand. Dort hätte ich ewig lieben bleiben mögen. Der Wald war mein Freund, das Gras mein Himmelbett.

Nachtrag – 6.Oktober 2019

Das Album

Habe eben das Erinnerungsheftchen vom Kuraufenthalt in Bonndorf wiedergefunden. Es steckte im Album mit ersten Fotos von mir als Neugeborene bis zum Alter von etwa 10 Jahren, das meine Mutter für mich angelegt hatte. Auf dem Gruppenfoto bin ich die Kleine ganz rechts obenauf. Unter dem Foto steht als Text:

„Erinnerung an die Kur vom 1.10. – 3.11.1969 im Schwarzwald Kinderheim „Johnen“ mit Tante Renate“. Ach, Tante Renate hieß das Fräulein …

An die Betten erinnere ich mich vage, an die Schränke nicht. Auch nicht, ob und welches Stofftier oder Sonstiges ich dabei gehabt haben könnte.

Der Abstecher

Etwa 25 Jahre später auf dem Weg in einen Urlaub jenseits der Alpen habe ich einen kurzen Abstecher nach Bonndorf gemacht. Ich wollte das. Wir hatten nicht viel Zeit, und ich habe das Kurhaus auch gar nicht gefunden, geschweige denn mich vorher schlau gemacht, wo genau es stand. Aber das Gefühl der Beklemmung war allgegenwärtig, sobald wir das Ortsschild passierten. Noch heute muss ich tief seufzen, wenn ich nur den Ortsnamen Bonndorf höre oder lese oder durch irgendeinen Auslöser an die Zeit als Kind dort erinnert werde.

(Effi Knoch)

Ein Bächlein zum Drüberspringen für Effi (DarkWorkX/pixabay)

 

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Du brauchst KEINE Luftveränderung! – Rettungsversuch

Balance (A_Different_Perspective/pixabay)

Während meiner Traumatherapie habe ich gemeinsam mit meiner Therapeutin alles Mögliche versucht, um die unerträglichen Bilder wieder aus meinem Kopf zu bekommen. Es dauerte lange, bis ich einen Weg gefunden hatte, der für mich richtig war. Das Schlimmste war damals, dass ich nichts hatte tun können in der traumatisierenden Situation, dass ich mich so unendlich hilflos gefühlt hatte und danach den Bildern  wehrlos ausgeliefert war. Die Flashbacks waren schrecklich, ich steckte fest in einer Endlosschleife des Entsetzens. Es ist ein unfassbares Geschenk, dass die Therapeutin, die mich durch meine schweren Angstkrisen begleitet hat, in meinem Inneren immer noch präsent ist. Vielleicht macht das eine wirklich gute Therapie aus? Die beruhigende Stimme bleibt, sie hilft dir, deine Gefühle zu ordnen, wenn es dir schlecht geht. Als ich die vielen, vielen Berichte der anderen „Verschickungskinder“ las, war ich so fassungslos, dass mich wieder die kalte Hilflosigkeit und Ohnmacht packte, die ich als Kind so gut kannte. Was würde meine Therapeutin mir wohl in dieser Situation raten?

Die innere Therapeutin

Ich lag schlaflos im Bett und stellte mir vor, wie ich ihr im Therapiezimmer gegenüber sitze, sehe die Steine und Muscheln auf der Fensterbank, beobachte, wie die Sonne durch die feinen Gardinen fällt, Muster auf den Boden malt, wie die Palme in der Ecke lange spitze Schatten wirft, ertaste mit den Fingerkuppen den senffarbenen Sofastoff, sehe sie gegenüber in ihrem Sessel sitzen, höre ihre vertraute Stimme und spüre ihren ruhigen Blick. Was würde sie mir in diesem Gefühlschaos raten?

„Was kannst du denn jetzt noch tun, um der kleinen Beate zu helfen?“ Das hat sie mich schon oft gefragt, denn die meisten meiner Angstprobleme wurzeln in der Kindheit. Gute Frage. Zunächst fällt mir wieder mal nichts ein. Immer wieder darüber reden? Mit anderen Betroffenen? Mit Nicht-Betroffenen? Irgendwie steigert das meine Unruhe nur noch. Es muss wohl sein. Plötzlich kommt ja endlich alles, alles ans Licht! In einem ungeahnten Ausmaß. Wir müssen darüber reden! Bisher hat sich nie jemand dafür interessiert, was uns passiert ist in diesen „Kindergenesungsheimen“. Wir selbst haben geschwiegen, haben das Erlebte tief in uns vergraben. Wer hätte uns auch ernst genommen? Wir haben es abgespalten, vergessen. Nun ist es wieder da, als wäre es gestern gewesen. Oder sogar heute. Jetzt.

Das Schweigen ist gebrochen. Wie ein riesiger Damm. Bis vor kurzem waren die Kurkinder davon überzeugt, dass nur sie allein betroffen wären. Nur sie waren zu dünn, zu dick, zu kränklich, erholungsbedürftig. Einzelschicksale eben. Jetzt sind wir auf einmal so viele und werden täglich mehr. Wir sind nicht länger allein! Man nimmt uns wahr, hört unsere Geschichten, sieht unsere Kindernot. Für viele zum ersten Mal. Das ist ungewohnt, zum Teil sogar erschreckend. Was macht das mit ihnen? Was macht das mit mir? Hilft es mir, mich der Lawine von eigenen und fremden Erinnerungen auszusetzen? Die Berichte der anderen zu lesen, die zum Teil so schrecklich sind, dass mir der Atem stockt? Wie können wir uns jetzt schützen? Wie kann ich mich schützen? Hilft es, darüber zu schreiben? Bringt es Erleichterung? Mir hilft es tatsächlich. Ich bewältige meine Probleme am besten durch Schreiben. Ich habe kaum noch dunkle Seelenecken, habe auch schon mehrfach über meine „Kur“ geschrieben, in meinem ersten Roman, einer Kurzgeschichte, meinem Angstbuch. Und tue es auch jetzt wieder. Schon die ganze Woche. Aber mich wundert, dass mich das Thema trotzdem zutiefst verstört und nachts um den Schlaf bringt. Die unverarbeiteten, jäh aufgebrochenen Geschichten der anderen zu lesen, die zum Teil klaffen wie offene Wunden, wühlt vieles wieder auf. Ich blicke in den geheimen Abgrund meiner ganzen Generation, sehe das Entsetzen, die Verlassenheit, den Schmerz der Kinder und beginne innerlich zu schwanken, gerate aus dem Gleichgewicht. Was ich höre und lese, ist für mich unvorstellbar.

„Die Kinder mussten ihre eigene Kotze essen“, sage ich zu meiner Therapeutin. „Sie wurden in dunkle Zimmer gesperrt, geschlagen, zwangsgefüttert. Mißbraucht. Kindern, die weinten, wurde der Mund zugeklebt. In stockdunkle Abstellkammern hat man sie gesteckt und vergessen. Es war noch viel schlimmer als ich immer gedacht habe. Das ist alles so entsetzlich! Die haben uns systematisch krank gemacht. Vielleicht waren wir ja gar nicht zu dünn oder zu dick, zu zart oder zu anfällig oder schwächlich wie wir immer geglaubt haben, sondern ganz normal? Vielleicht brauchten wir überhaupt keine Luftveränderung?“ „Ihr brauchtet bestimmt keine Luftveränderung“, sagt meine innere Therapeutin.  Ich erinnere das schreckliche Gefühl, „falsch“ zu sein. Als hochsensibles Kind war es bei mir ohnehin allgegenwärtig. Es ist Teil meiner bisherigen Biografie, dass ich so „empfindlich“ war, dass man mir „Reizklima“ und frische Seeluft verordnete. Meine Lebensgeschichte stimmt an dieser Stelle so nicht mehr.

Hilfe suchen, aber wo?

„Hättet ihr damals selbst etwas tun können?“ fragt die ruhige Stimme. Ich überlege. „Vielleicht die Polizei rufen? Aber hätte man uns geglaubt? Und wer von uns hätte sich das getraut? Nein, die Erwachsenen hätten uns bestimmt nicht geglaubt! Auch die Polizei nicht! Die Heimleute wären stärker und überzeugender gewesen.“ „Es sind aber doch auch Heime geschlossen worden“, gibt meine innere Therapeutin zu bedenken. „Irgendwer muss sich da doch erfolgreich beschwert und gewehrt haben.“ Ja, solche Eltern gab es sicher auch. Aber bestimmt nicht viele. Es war nicht mal in der Presse damals“, sage ich. „Wir haben echt keinen interessiert. Alles ist im Sand verlaufen. Wir waren denen total egal.“ Ich erinnere mich, vor einigen Wochen in der Zeitung über den Suizid eines Mannes gelesen zu haben, der als Kind in Niendorf in „Kur“ war und dort tiefe seelische Schäden erlitt, die ihn irgendwann zu diesem Schritt zwangen. Dieser Mann war genau dort, wo ich auch war. Ich sah Fotos von den beiden Heimen. In meinem Heim waren damals allerdings nur Mädchen. Es muss das andere gewesen sein. Damit hat es bei mir angefangen. Ich las die Notiz und war wie elektrisiert. Ich fing an, im Internet zu suchen nach anderen „Opfern“. Dann kam der Report-Bericht im Fernsehen. Ich schaltete genau in dem Moment an, als er anfing. Danach war alles anders.

„Was fällt dir denn sonst noch als mögliche Hilfe für die Kinder ein?“ fragt meine innere Therapeutin. „Wir hätten unsere Eltern alarmieren können. Wenn wir alle unsere Eltern benachrichtigt hätten…..“ Ja, was dann? Falls das überhaupt machbar gewesen wäre bei der totalen Überwachung. Telefonieren ging nicht, die Post wurde kontrolliert. Was hätten wir denn tun können? Nichts. Gar nichts. Das ist die traurige Wahrheit.

„Fallen dir noch andere Lösungen oder Bilder ein? Du weißt ja, dass deine Gedanken dir gehören. Du kannst dir alles vorstellen, was du willst.“ Sie hat recht. Ich versuche es. Aber mich stören die schwarzen Schatten die Realität. Hilfe von den Eltern? Das wäre illusorisch. Viele Eltern waren nicht besonders liebevoll und emphatisch, was ihre Kinder betraf. Sie schlugen, sie demütigten, sie erniedrigten ihre Kinder. Es gab sogar Eltern, die ihre Kinder auch zuhause nachts nicht aufs Klo ließen, wie ich zu meinem Entsetzen letzte Woche von einer Gleichaltrigen erfuhr. Es war nichts Neues für sie, als sie in „Kur“ war. So was gab es also nicht nur im Heim! Wie entsetzlich! Sie musste hinters Bett machen, um sich zu erleichtern, und wurde dafür bestraft. „Dann musst du deine Blase eben besser trainieren!“ Zur Strafe gab es Schläge mit der Rute und Striemen auf den Beinen. In der Schule fiel es keinem auf. Viele Kinder hatten Striemen auf den Beinen. Bei den eigenen Eltern gab es solche Szenen! Dabei bekommen doch selbst Katzen ein Katzenklo!

Nein, die Eltern waren keine Lösung. Auch wenn sämtliche Eltern gekommen wären und uns weggeholt hätten, wäre uns Kindern doch das Gefühl der Ohnmacht geblieben. Viele Eltern waren damals gefährlich. Kriegstraumatisiert, unberechenbar, vergiftet durch ihre eigene strenge Erziehung. Wir waren hilflos. Wir waren Opfer. Aus eigener Kraft konnten wir uns nicht retten. „Die Erwachsenen haben wir überhaupt nicht interessiert“, sage ich traurig. „Wir hatten keine Chance. Mir fällt nichts ein, das uns hätte helfen können.“ Aber gerade das Gefühl der Wehrlosigkeit, der Hoffnungslosigkeit lähmt Menschen, die ein Trauma erlitten haben. Ein Gedanke schießt mir durch den Kopf: Vielleicht liegt es an den Heimnächten, dass ich in anderen Wohnungen und vor allem im Urlaub solche Probleme mit Toiletten habe? Wie oft habe ich als Besucherin mit voller Blase am Tisch ausgeharrt, nur weil ich mich nicht traute, aufzustehen und aufs Klo zu gehen. Und wie oft war ich so lange „verstopft“, bis ich endlich wieder zu Hause war. Einmal über eine Woche lang, ich hatte damals Angst zu platzen und keine Ahnung, wie mein armer Körper es anstellte, all das Essen einfach wegzustecken. Als Erwachsene!

Nachtmond (cocoparisienne/pixabay)

Szene: Nächtlicher Schlafsaal

„Es muss ja nicht zwingend realistisch sein“, sagt meine innere Therapeutin. „Schauen wir uns deine angstbesetzten Situationen mal genauer an. Welche Szene war denn besonders schrecklich?“ „Die Nächte im Schlafsaal. Wenn wir nicht mehr auf Toilette durften. Wenn wir die Bauchkrämpfe bekamen, wenn wir uns vollmachen mussten, weil es nicht anders ging. In nassen Betten liegen. Die Unterwäsche heimlich auswaschen. So was ist doch unmenschlich!“ Ich merke, dass ich immer wütender werde auf diese gnadenlosen, grausamen Erwachsenen. „Ich glaube, das waren alle Nazis. So was ist doch Folter. Kinder zu zwingen, ihre eigene Kotze zu essen!“ Jetzt werde ich richtig wütend, denke an die vollen Teller mit scheußlichem Essen und kann kaum noch sprechen.

Meine Therapeutin sieht mich an. „Bleib erst mal bei deinem Schlafsaal, sonst wird das zu viel. Du könntest vielleicht das Script umschreiben. Das haben wir damals in deiner Traumatherapie ja auch getan.“ Stimmt. Damals habe ich erkannt, wie unglaublich stark unsere Fantasie sein kann, dass wir unsere Gedanken und Gefühle jederzeit in andere Bahnen lenken können, dass wir auch im Nachhinein noch schlimme Erfahrungen ändern können, und ich bin doch Schriftstellerin! Ich würde so gern versuchen, auch anderen damit zu helfen. Da sich unsere Bilder so ähneln, könnte es vielleicht gelingen? Ich möchte, ich muss, unser Kinderdrehbuch neu schreiben. Die Szene im Schlafsaal neu, anders verfilmen und abspeichern. Ich spüre, dass es für mich auch diesmal der richtige Weg ist. Aber auch für die anderen? Ich wünsche es mir so sehr!

„Was könntest du denn ändern in deiner Szene?“ fragt meine innere Therapeutin. „Wir könnten alle gleichzeitig auf den Flur rennen“, sage ich. „Gegen 12 Mädchen gleichzeitig wär selbst die Drachenfrau nicht angekommen.“ „Gut, dann stell dir das jetzt ganz genau vor. Wie ihr euch aufstellt, was hörst du, was riechst du, was siehst du, wie fühlt sich der Boden unter deinen Füßen an?“ Ich versetze mich in den dämmrigen Schlafsaal, kurz nachdem das Licht gelöscht wurde, höre die leisen aufgeregten Stimmen der anderen, der Boden ist kühl und glatt, es riecht nach Betten, Bohnerwachs und „Kindergenesungsheim“. Wir haben den Plan mittags am Strand gefaßt, haben uns gut dabei gefühlt, wir tun jetzt endlich was und wehren uns! Das dürfen die mit uns nicht machen! Wir schleichen zur Tür und rennen alle gleichzeitig auf Kommando los. Die Drachenfrau lässt ihr Buch fallen und springt auf. Wir laufen an ihr vorbei so schnell wir können. Wir lachen dabei, fühlen uns stark.

„Wie fühlt sich diese Vorstellung an?“ Gut. Sehr gut. Nebeneinander fliegen wir zu den Waschräumen, vorbei an der verhaßten Drachenfrau, gehen aufs Klo, wenn wir müssen, einfach so, ohne ihre Erlaubnis. Weil wir jetzt frei sind! Wer nicht muss, wartet draußen auf die anderen. Wir lassen uns durch nichts und niemanden mehr aufhalten. Frau Mahlzahn kann höchstens eine von uns packen, und die wehrt sich gleich mit Zähnen und Klauen. Die anderen kommen ihr sofort zu Hilfe. Das schaffen wir locker. Zusammen sind wir stark! Frau Mahlzahn kann schreien und toben, wie sie will, wir sind einfach mehr.

Aber wäre das wirklich die Rettung? Es ist eine gute Szene, aber sie ist in meinem Kopf leider schnell zu Ende. Vielleicht traut sich keine von uns, den Drachen zu treten und zu kratzen. Vielleicht trauen wir uns nicht, dem mutigen Mädchen zu Hilfe zu kommen. Und schon tauchen andere Erwachsene im Flur auf, scheuchen uns ärgerlich zurück in den Schlafsaal. Was fällt euch ein? Seid ihr alle verrückt geworden? So geht das nicht! Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt! Jetzt werden hier andere Saiten aufgezogen! Wir waren so erzogen, dass wir uns nicht wehrten. Wir werden nicht nur ausgeschimpft. Wir werden bestraft. Geschlagen vielleicht. Bekommen noch mehr Ungenießbares zu essen. Werden von nun an richtig eingesperrt. Am nächsten Tag wird die Tür zum Schlafsaal abgeschlossen, und wir sitzen wie Mäuse in der Falle. Ich leide bis heute an Klaustrophobie, muss in fremden Räumen immer in der Nähe von Türen oder Fenstern bleiben. Ich war schon oft eingeschlossen in meinem Leben. Im abgeschlossenen Schlafsaal liegen wie im Gefängnis? Schrecklich. Das ist vielen von uns auch ohne Revolte passiert. Nein! „Es funktioniert nicht“, sage ich zu meiner Therapeutin. „Es ist alles umsonst.“

Doch so schnell  gibt sie nicht auf. „Was ginge noch?“, fragt sie. „Aus dem Fenster steigen?“ Zu hoch. „Einfach abheben wie Peter Pan und Wendy?“ Schöne Vorstellung, aber sie überzeugt mich nicht. Das ist nur ein Traum. So funktioniert das nicht! Die Bilder sind alle falsch. Ich bin enttäuscht. Die Szene, wie wir alle gemeinsam aus dem Haus stürmen und runter an den Strand laufen, spiele ich schnell noch in meiner Fantasie durch, weil sie so verlockend ist, höre und rieche dabei das Meer, spüre die Steine und den Sand, den Mond und den Wind. Doch schon verfolgen uns wieder die Erwachsenen, schleppen uns zurück ins Heim. Bestrafen uns. Mein Realitätssinn macht mir einen Strich durch meine Szenen. Doch meine innere Therapeutin lässt nicht locker.

Schutzwolf (jimoody8/pixabay)

Schattenwölfe

„Wer könnte euch denn sonst noch helfen? Du weißt ja, das in der Fantasie alles möglich ist. Wichtig ist das Gefühl, das du dabei hast! Dein Gefühl!“ Stimmt. Ich löse mich zäh und schwerfällig von der Realität, wage mich tiefer hinein in meine Fantasie. Mir fallen die wunderbaren Schattenwölfe aus „Game of Thrones“ ein. Riesige Wölfe, jedes Kind hat einen, der neben oder auf seinem Bett liegt und es bewacht. Nymeria, Lady, Ghost, Summer. Die Wölfe sind immer da. Ständig zuverlässig in der Nähe. Sie kämpfen für ihre Kinder, geben ihr Leben für sie. Auch wenn die Kinder erwachsen sind, bleiben sie bei ihnen wie Schutzgeister oder Göttergeschenke. Ein gigantischer Schattenwolf, der drohend die Zähne fletscht, knurrt und geifert, wenn ihm jemand zu nahe kommt. Ja, so einen Schutzgeist hätte ich auch gern. Endlich hätte ich einen starken Beschützer. Ein bisschen wie die Tigerin, die ich zur Abschirmung in meinem inneren Vorzimmer installiert habe. Das war auch so ein heilsames Bild, das mir als Hochsensible bis heute gegen Reizüberschwemmung hilft.

„Und wie fühlt sich so ein Leben mit einem Schattenwolf an?“ Richtig gut! Ich atme tief  durch. Entspanne mich. Was für eine Erleichterung! Die Schattenwölfe kümmern sich jetzt um uns. Wir brauchen unsere Eltern nicht. Die waren ohnehin so sehr mit ihren eigenen Problemen belastet und hinter ihrer Schweigemauer verbarrikadiert, dass sie für uns und unsere Probleme keinen Blick hatten. Viele Kinder mussten damals schon früh die Eltern ihrer eigenen Eltern sein, Verantwortung tragen, sie abschirmen, immer auf der Hut, sie nicht zu „reizen“. Jetzt verteidigen uns die Schattenwölfe gegen die Erwachsenen. Knurren die Eltern an, wenn sie zu weit gehen, springen der Drachenwache an die Kehle, beißen die Heimleiterin, wenn es nötig ist. Versetzen alle in Angst und Schrecken. Nur uns nicht. Durch sie sind wir stark. In Sicherheit. Beschützt. Aber wäre die Schattenwolflösung hier im Schlafsaal wirklich von Dauer? Ich schlucke.

Wieder kommt mir die Realität in die Quere. Das Bild stimmt einfach nicht. Die Heimleitung hätte unsere schönen Wölfe eingefangen und mit Gewalt weggesperrt. Sogar in „Game of Thrones“ erwischt es einen Wolf nach dem anderen. „Die hätten uns von unseren Wölfen getrennt“, sage ich traurig. Die Ohnmacht, die mich als Kind Tag und Nacht begleitet hat, vor allem nachts, packt mich wieder. Es muss doch irgendwas geben, das ich tun kann! Mir fallen noch die Daemonen aus „Der Goldene Kompass“ ein. Das Kind in mir liebt Geschichten, in denen man nicht allein ist. In „Der Goldene Kompass“ hat jeder Mensch ein Tier, das untrennbar zu ihm gehört. Es ist nie allein. Aber mein Seelentier ist dummerweise die Häsin, und sehr wehrhaft ist die wirklich nicht. Sie kann zwar schnell laufen und Haken schlagen, sie ist mythisch und wunderschön, aber im „Kurheim“ wäre sie kaum ein gutes Schutztier. Oder ein Flaschengeist, der alles tut, was man ihm aufträgt? Auch so eine Märchenfigur, die ich als Kind mochte. Aber an Zauberkräfte kann ich hier im Schlafsaal nicht glauben. Ich verwerfe die Schutzgeister.

Die Rettung der Kinder

„Ich kann nichts tun“, sage ich. „Es gibt immer was, das man für sein inneres Kind tun kann“, beharrt meine Therapeutin. „Vielleicht solltest du mal versuchen, ganz von außen in die Szene zu gehen. So wie du jetzt bist. Wie du dich gerade fühlst. Mit deiner ganzen Wut, mit deinem ganzen Schmerz.“ Ich sehe sie an. Und da kommt mir mit einem Schlag die Erleuchtung. Dass es das richtige Bild für mich ist, fühle ich daran, dass mich ein intensives, warmes Glücksgefühl überflutet. Dass mir die Tränen kommen, dass ich unendliche Erleichterung spüre, dass sich der Mühlstein auf meiner Seele auflöst. Ich kann die kleine Beate wirklich immer noch aus diesem verdammten Schlafsaal retten. Sogar jetzt noch. Nach fünfzig Jahren. Es ist gar nicht so schwer. Und ich glaube, dass alle Kurkinder das können, nicht nur ich.

In mein Filmscript baue ich jetzt einen Cut mit Szenenwechsel einAußer dem Schlafsaal, in dem die verängstigten Kinder wieder gehorsam in ihren Betten liegen, und dem Flur mit der lesenden Drachenwache gibt es jetzt noch einen weiteren Schauplatz. Die Kamera schwenkt zur großen Eingangstür des Heims, vor der sich immer mehr Menschen einfinden. So viele Menschen wie Kinder im Inneren des Gebäudes. Sie kommen aus allen Richtungen, aus allen Teilen Deutschlands, zum Teil vielleicht sogar aus anderen Ländern. Wir sind es selbst, die Kinder von damals, so wie wir heute sind. Sehr viel älter als unsere Eltern damals waren, älter als die Drachenfrau und die Heimleiterin, zum großen Teil Mütter und Großmütter. Etliche von uns haben inzwischen Enkel in dem Alter, in dem wir selbst damals waren. Unsere Enkel würden wir sofort aus so einem grausamen Heim holen, ohne mit der Wimper zu zucken. Warum also nicht uns selbst? Wir schauen einander fragend an. Helma, bist du das? Veronika? Anita? Sie lächeln und nicken.

Wir haben den Schlüssel und wir kennen den Weg. Wir schließen die dicke Glastür auf, steigen im Dunkeln lautlos die Treppe hoch. Lassen das Licht aufflammen, betreten gemeinsam den Flur, in dem die Drachenwache sitzt. Sie schaut erschrocken auf, schnellt hoch, starrt uns fassungslos an. „Was wollen Sie hier? Wer sind Sie? Wer hat Sie überhaupt hier reingelassen?“ Die geballte Verzweiflung unserer Kindheit, der geballte Zorn unserer Jugend, die geballte Wut unseres Alters schlägt ihr entgegen und schleudert sie gegen die Wand. Dort bleibt sie zappelnd hängen. Dazu brauchen wir keine Schattenwölfe, keine Polizei, keine Eltern. Wir brauchen kein einziges Wort zu sagen, sie weiß, dass es aus ist. Und wir wissen das auch.

Alle sind wir gekommen. Eine Frau für jedes Mädchen, das in diesem Schlafsaal im Antoniushaus in Niendorf liegt. Und im nächsten Schlafsaal einen Flur weiter und in allen anderen Heimen am Meer, an den Seen, in den Bergen ist es ganz genauso. Auf alle Flure strömen in diesem Moment die Menschen. Frauen und Männer, die ihre Kinder befreien werden. Die Gegenwart besiegt die Vergangenheit. Wir setzen die Zeit außer Kraft.

Die Augen der Drachenfrau weiten sich, sie versteht nicht, was passiert. Doch sie weiß, dass ihr Schicksal besiegelt ist. Die Herrschaft der Nachtwachen, Wärter und Heimtyrannen ist zu Ende. Die Herrschaft all dieser Erwachsenen ist zu Ende. Wir holen uns unsere Kinder zurück. Jetzt sofort. Endlich. Nach all der Zeit. Beruhigen sie, verstehen sie ohne Worte, trösten sie. Umarmen sie. Tragen sie hinaus. Geleiten sie an der Hand. Aus den Schlafsälen, aus den Heimen. Begleiten sie weiter. Nach draußen. An den Strand, zu den Wellen, auf die Wiese, zum Gras, in den Wald, zu den Bäumen, an den See, zu den Stegen und Booten. Atmen frische, klare Luft.

Und danach werden wir sie mit nach Hause nehmen. In ihr richtiges Zuhause. Nicht zu den Eltern, zu uns selbst. Sie sind nicht länger allein und abgespalten. Wir sind zusammen. Endlich zusammen. Von nun an beschützen wir sie. Das geht auch nach all den Jahren noch. Wir müssen nur vorsichtig sein, denn sie erkennen uns vielleicht nicht, waren schon zu lange allein in der Vergangenheit gefangen und könnten sich beim Anblick der fremden Personen, die ihnen auf so unheimliche Weise ähnlich sehen, erschrecken.

Ich kenne meinen Weg. Ich gehe zum letzten Bett, ganz hinten rechts, direkt am Fenster. In diesem Bett sitzt ein schüchternes schmales Mädchens mit graublauen Augen, das mich unsicher ansieht, einen gestreiften Schlafanzug trägt und einen Steiff-Fisch in der linken Hand hält. Ich überlege, was ich am besten sage, wenn sie mich jetzt fragt, wer ich bin. Ich möchte sie auf keinen Fall erschrecken. Dein Schutzengel, werde ich sagen, falls sie fragt, und sie liebevoll in meine Arme nehmen. Ein verdammt alter Schutzengel, wird sie wahrscheinlich denken, und ich werde ihren Gedanken hören und lächeln. Komm mit, kleine Ata, werde ich dann sagen. Deine Kur ist vorbei. Für alle Zeiten. Du brauchst keine Luftveränderung. Keiner hier braucht Luftveränderung! Wir gehen jetzt alle zusammen zum Strand. Alles wird gut.

Aber ich sehe, dass sie mich schon erwartet. Sie weiß, wer ich bin. Und sie lächelt.

Ocean (Stocksnap/Pixabay)

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„Das Kind braucht Luftveränderung“ (4) – Angelika

Die folgenden Erinnerungen stammen nicht von mir, sondern von meiner Freundin Angelika. Bis vor zwei Wochen hatte ich keine Ahnung, dass auch sie zu den „Verschickungskindern“ gehörte. Was sie während der „Kur“ erlebte, fand in anderen Jahren statt. Nicht 1965, sondern 1968 und 1971. An anderen Orten. In anderen Heimen. In anderen Landschaften. Angelika war nicht am Meer, sie war im Chiemgau und im Schwarzwald.

Zuerst wurde sie nach Ruhpolding „verschickt“. Es war Winter, kalt, überall lag Schnee. Danach war sie am Schluchsee. Es war Sommer, warm, roch nach Sonne und Wald. Ich kann mir die Landschaft gut vorstellen, denn auch ich habe Erinnerungen an diesen Ort. Allerdings völlig andere. Schöne. Ich war dort nicht als wehrloses Kind, sondern als erwachsene Frau. 

Angelika schreibt unter anderem über sexuellen Missbrauch an einem Kind, was bei LeserInnen mit eigenen Missbrauchserfahrungen Flashbacks triggern könnte, daher bitte nur weiterlesen, wenn Sie sich diesem Thema psychisch gewachsen fühlen. 

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Kleines Mädchen  (Alexas_Fotos/pixabay)

Zu dünn, zu blass!

Ich war acht. Oder neun? Ich kann mich nicht wirklich erinnern. Ein zartes, feingliedriges Mädchen mit langen Zöpfen. „Das Kind ist einfach zu dünn, viel zu blass!“ So hörte ich es von allen Seiten. Heute, mit dem Rückblick auf meine Eltern, ihr Erlebtes, kann ich mir gut vorstellen, dass sie wirklich nur das Beste für mich wollten und über Folgen ihres Tuns nie nachdachten. Wer schickt schon so ein kleines Kind mit dem Zug durch ganz Deutschland?

Ich erinnere mich, wie ich mit den Eltern am Bahnhof stehe, spüre meine Angst. Bis dahin stets wohl behütet von Eltern und zwei größeren Brüdern. 

Ich sehe mein Bett, ich bekam eines an der Wand. Ich sehe den kleinen Beistelltisch, auf dem man Habseligkeiten auslegen konnte. Ich glaube, ich hatte keine. Vielleicht das eine oder andere Buch hat mich begleitet, das könnte ich mir schon gut vorstellen, aber ich weiß es nicht mehr genau. Ich fokussiere in meinen Erinnerungen den Raum, viele Mädchen lagen in einem Zimmer, mindestens fünf bis sechs Betten standen dort.

Mein Vater hatte mir diese Kinderkur schmackhaft gemacht. „Kind, du wirst auf einer schönen Liege, in einer Wolldecke gewickelt hinter einem großen Panoramafenster liegen und die Berge sehen!“ Auf diese Illusion wartete ich die kompletten sechs Wochen. Als ich es erwähnte, wurde ich ausgelacht.

Alle Briefe wurden kontrolliert, es musste uns zwingend gut gehen.

Ich rieche meinen Angstschweiß bis heute, wenn es zum Essen ging. Ich aß, bis heute hat sich das gehalten, vieles nicht. Dort wurde ich gezwungen. Mein Vater schrieb mir, aber die Briefe wurden von der Heimleitung geöffnet: „Für jedes Pfund, das du zunimmst, bekommst du zehn Mark.“

Flashbacks

Ich schaffe es nicht, ganz zurückzugehen, habe Flashbacks um das Thema.

Meine Therapeutin riet mir damals, die Vergangenheit darum ruhen zu lassen, nicht zwangsläufig aufzureißen. Daran halte ich mich. Die Flashbacks ziehen Gerüche, Geräusche, Gefühle mit sich. Unendliche Ängste. Es wurde bedroht, gedroht. 

Ich rieche meinen Schweiß unter meiner nassen Mütze, den Geruch meines Anoraks kann ich abrufen. Ich sehe mich, wie ich versuche, meine uringetränkten Schlüpfer am Becken auszuwaschen. Ich sehe zornige Blicke, höre laute Stimmen, knallendes Geschirr, erinnere stundenlanges vor dem Teller Sitzen (das kannte ich ja schon von zuhause). Die Brote, die verteilt wurden, nach der Eisenbahnfahrt, mein Entsetzen darum, und ich höre meine zarte Stimme, weinerlich, dass ich keine fremden Brote essen könne. Ich aß nur Marmelade- oder Zuckerbrote und bekam ein widerlich dickes Brot vorgelegt mit einer dicken Scheibe Käse. Ich wurde gezwungen. Brechreiz. In einem unbeobachteten Moment die Chance, mir das Brot in die Unterhose zu stopfen. Man glaubte mir, dass ich es aufgegessen hatte. Die schlimmen Milchsuppen mit dicker Haut. Mich ekelt es bis heute.

Sechs lange Wochen

Ich habe mich weggeschaltet, um das zu überleben. Ich kann keine Einzelheiten erzählen, nur das Gesamte betrachten. Die Kur dauerte sechs Wochen. Nach vierzehn Tagen kam der Brief meines Vaters. Nach vier Wochen hatte man mich auf fünf Pfund hochgemästet. Mich, das zarte Kind. Ich bekam einen Fünfzigmarkschein ausgehändigt.

Was haben die mit mir getan? Beim Schreiben merke ich, wie mir die Tränen hochkommen und ich um mich selbst trauere.

Falling down (Free-Photos/pixabay)

Die zweite Kur

Die zweite Kur mit 11 wurde mein Verhängnis auf fast allen Ebenen. Nach dieser Kur wurde ich nicht mehr „verschickt“, von nun an ging es zum Urlaub zu den Verwandten in Bayern. 

Mit 11 hat sich während der Kur ein Betreuer „meiner angenommen“. Ich küsste das erste Mal in diesem Alter. Ihn.

In diesem Alter wurde mein Körper von einem Erwachsenen erforscht. Überall. Dann sein Jammern, dass es ihn den Job kosten könne, wenn das rauskäme.

Danach kam es noch im selben Jahr im Urlaub in Bayern zu weiteren Übergriffen durch einen anderen Erwachsenen.

Ich war früh entwickelt.

Sie haben sich einfach bedient.

Ich kann die Gefühle abrufen.

Ich bekam irgendwann durch Erkrankungen die Diagnose chronische posttraumatische Belastungsstörung. Meine Ängste, das Entsetzen, die immerwährende Hilflosigkeit, die Anstrengung, alles zu überleben, machten mich krank.

Lange konnte ich mich an die Zeit nicht erinnern, habe es so gut vergraben, dass ich irgendwann einen Therapeuten aufsuchen musste, der mit Kinesiologie arbeitete. Mein Körper und meine Seele verrieten mein junges Alter, und dann kamen die Erinnerungen.

Als ich wegen dieses Falles Anspruch auf Opferentschädigung beantragte, zeigte man zwar Mitgefühl, ABER ich hätte ja keine Beweise. Mein Anwalt für Sozialrecht bat mich inständig, den Antrag zurückzunehmen.

Zurückblickend weiß ich, dass ich meine Traumata gut verarbeitet habe. Sicherlich reichten meine Ressourcen, um zu überleben, das Geschehene zu bewältigen. Das dauerte jedoch viele Jahre, sogar Jahrzehnte, und ging nicht ohne therapeutische Hilfe.“

(Angelika C.) 

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Heute ist Angelika kein Opfer mehr. Ihre traumatischen Erlebnisse sind nicht länger verschüttet. Und doch sind die Erinnerungen schmerzhaft und aufwühlend. Und werden es wohl immer bleiben. Ich bewundere ihren Mut, so offen über das Erlittene zu schreiben.

Danke für dein Vertrauen, liebe Angelika. 

Für Geli (cablemarder/Pixabay)

 

 

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„Das Kind braucht Luftveränderung“ (3) – Das Dilemma

Gemeinsam im Sand (congerdesign/pixabay)

Schreibstress

Alles, was wir nach Hause schrieben, wurde im offenen Umschlag eingesammelt und gelesen. Auch die Post, die wir erhielten, kam geöffnet an. Die Enttäuschung, wenn es nichts gab. Ich habe alles gehütet, wie einen Schatz. Zum ganzen Kurkummer kam allerdings erschwerend hinzu, dass ich ein Riesenpensum an Ansichtskarten und Briefen zu erledigen hatte. Meine Mutter hatte bereits alle vorgeschrieben. Ich schrieb sie brav ab, aber es waren einfach tierisch viele. Ich hatte damit jeden Tag Stress. Verwandte, Freunde, Nachbarn, Lehrer, Spielgefährtinnen mussten bedacht werden. Bloß keinen vergessen! Aber die Texte waren falsch! Meine Mutter hat es sicher nur gut gemeint. Auch hier hätte ich gestern in der Bahn fast wieder laut NEIN geschrien. Oder, lieber noch, geheult. Da war es wieder, das alte Kindergefühl. Was für ein Dilemma! Du darfst die Wahrheit nicht sagen, von allen Seiten wird dir eingeredet, was du zu fühlen hast, und du fügst dich auch noch. So was macht Kinder krank! Aber meine Mutter wusste natürlich besser als ich, wie es mir ging. Das habe ich damals mit zehn wirklich geglaubt.

„Hast du auch schon eine Karte an K. und W. geschrieben? Schreibe ihnen folgendes: „Aus dem schönen Niendorf sende ich euch herzliche Feriengrüße. Mir gefällt es hier sehr gut. Die Ostsee ist wunderbar! Ich genieße das Strandleben. Nochmals viele Grüße, eure Beate“ Schaue dir die Adressen im Notizbuch an, ob du allen geschrieben hast. Auch an D. kannst du dasselbe schreiben.“

„Hast du folgenden Leuten schon geschrieben: Frau W. (den Brief hatte ich dir vorgeschrieben), Tante M. (den Brief hatte ich dir vorgeschrieben), B.S., K.D., A.L., K.B., Tante L. bzw. A.? An die Kinder kannst du folgenden Text schreiben: „Dir und deinen lieben Angehörigen sende ich recht herzliche Feriengrüße. Mir gefällt es hier sehr gut. Wir bekommen viel Spaß! Die Zeit vergeht wie im Flug. Nochmals liebe Grüße, Deine Beate.“ Falls dir jemand aus den Ferien geschrieben hat, schreibst du ihnen noch : …. vielen Dank für Eure Post.“ Jetzt will ich im nächsten Brief hören, dass du das erledigt hast.“

Ich habe es erledigt. Oder vielleicht doch nicht ganz. Höchstwahrscheinlich haben alle Kinder mich um den tollen Urlaub beneidet!

„K. sagte mir, du hättest noch nicht an die Klasse und an Frau W. geschrieben. Tue es bitte umgehend. Lass die Karte aber bitte von Fräulein durchlesen, damit du an Frau W. keine Fehler schreibst. Hast du auch an Tante M., K. und A. geschrieben? Teile es mir bitte mit!“

Ostsee Möwe (BFL)

In dieser Hinsicht konnte meine Mutter echt stressig sein. Ich spüre die Kindernot noch gut, während ich das hier schreibe. Aber gegen Ende der Kur ließ sich vieles leichter ertragen. Allerdings bitte ich in meinen Briefen mehrfach darum, die ersten Nächte bei meinen Eltern im Bett schlafen zu dürfen. Das haben sie mir dann auch erlaubt.  Und ich bat auch darum, mein Bett nicht weiß, sondern bunt zu beziehen. Ob meine komische Abneigung gegen weiße Bettwäsche etwa heimbedingt ist? Ich hasse bis heute weiße Bettwäsche.

Im letzten Brief trägt meine Mutter mir auf: „Bitte, Kind, bedanke dich recht herzlich bei allen, die für dich gesorgt haben, und sage ihnen allen, daß es dir sehr gut gefallen hat. Bitte, das mußt du tun, denn du kannst deinen Betreuerinnen und den ehrw. Schwestern nicht genug danken.“

Ich habe mich dann tatsächlich für das ganze Leid dann auch noch bei allen bedankt. Ich habe immer getan, was meine Mutter sagte. Erwachsene wissen schließlich besser, was für Kinder gut ist, als die Kinder selbst. Aber ich muss trotzdem an vielen Stellen lächeln, wenn ich meine Kinderbriefe lese.

„Hier in Niendorf hat sich noch nichts geendert. Ich möchte aber so gern zu dir zurück. (…) Wenn ich zu Haus ankomme möchte ich zuerst zu meinen Kaninnchen. Dann teile ich meine Geschenke aus und esse dann eine Scheibe Rosbölf und Bratkartoffel. Am Freitag koche bitte Nudeln mit Marmelade und Apfelsaft dabei. Zum Nachtisch Annanas. Das sind meine Esswünsche.“

Ich frage mich, wie viele Briefe ich in der Unterhose aus dem Heim geschmuggelt habe. Es ist schon so lange her. Über fünfzig Jahre. Vielleicht kam auch einiges durch die Zensur, weil ich verschwieg, wie schlecht es mir wirklich ging? Die Briefe klingen nicht sonderlich gestresst. Oder doch?

Trauriger Seestern  (DigitalCreamCloud/pixabay)

Kranke Nächte

„Auß meiner Gruppe sind 8 krank. 2 im Krankenhaus und die anderen hier im Heim.“

In meiner Erinnerung erwischte es uns zweimal. Alle gleichzeitig. War es das Essen? Eklig genug war es ja. Die erste Durchfallnacht war der Horror. Wir krochen in besudelten Schlafanzügen durch den Schlafsaal, weil wir uns trotz des Elends nicht in den Flur wagten, zogen die schmutzigen Hosen aus, rollten sie zusammen und stopften sie in die Schränke, weinten, wussten nicht, was wir tun sollten. Warum kam die Nachtwache nicht nach uns sehen? Waren wir echt so leise? War es schon nach Mitternacht? Oder kam dann doch irgendwann jemand, und ich habe es nur vergessen? Ich erinnere die Zittrigkeit, den kalten Schweiß, dass wir immer zu zweit in den Waschraum liefen, als der Flur leer war, um die Sachen auszuwaschen. Aber jetzt waren sie leider klatschnass, das Wasser lief in den Schrank. Und immer noch nicht richtig sauber. Die guten Sachen! Am Morgen gab es erstaunlicherweise kein Donnerwetter, die Heimleute bekamen es wohl langsam mit der Angst zu tun.

„Hier regnet es immer. Ich muß meistens an den Betten von Kindern sitzen, denn die meisten sind hier krank. Schon die ganzen Wochen. Ich werde aber nicht angesteckt. 2 mal habe ich schon gebrochen. Vor Vorgestern und dafor.“

In der schlimmen Nacht ließ Frau Mahlzahn mich sogar ausnahmsweise raus in die Waschräume, weil sie begriff, dass ich mich jeden Moment übergeben musste und der Schwall auch sie hätte treffen können. Aber vielleicht bin ich auch in meiner Verzweiflung einfach so los gelaufen. Ich habe es nur ganz knapp geschafft. Mir war so hundeelend. Geholfen hat mir Frau Mahlzahn nicht. Ich stand klein und würgend vor den Becken, aus dem Spiegel starrte mein kalkweißes Gesicht zurück. Als es endlich vorbei war, trug ich alles mit zitternden Händen ins Klo, weil es das Waschbecken komplett verstopfte. Ich musste ziemlich oft hin und her laufen und weinte dabei. Frau Mahlzahn saß die ganze Zeit auf ihrem Stuhl. Sie sagte auch nichts, als ich zurück in den Schlafsaal schlich. Ich musste in dieser Nacht noch ein weiteres Mal in den Waschraum. Aber da war der Flur schon leer. Mein Bett blieb sauber. Ich habe übrigens keinerlei Erinnerung an die Gesichter dieser Heimfrauen. Ich würde Frau Mahlzahn bestimmt nicht wiedererkennen.

Letters home (BFL)

Der Waschraum

Ich weiß noch, welches Becken es war. Das erste links. Weiter kam ich damals nicht in meiner Not. Zum Klo war es viel zu weit.  Trost durch Erwachsene gab es nicht, doch wir trösteten uns gegenseitig. Wer ins Krankenhaus musste, erinnere ich nicht. Überhaupt liegt über den Krankheitstagen eine dunkle Waberglocke. Vielleicht schützt mich da mein sonst so zuverlässiges Gedächtnis? In den Briefen ist es jedenfalls nur kurz nebenbei erwähnt.

Mich wundert, dass diese Briefe meine Eltern überhaupt erreichten, dass sie all die Jahrzehnte überlebt haben. Aber vielleicht wäre es aufgefallen, wenn ich einen Tag nicht geschrieben hätte. Meine Mutter nummerierte die Briefe, und ich schrieb jeden Tag, wie ich es versprochen hatte. Meine Mutter auch. Ich hoffe inständig, dass sie mit ihren Kontrollanrufen die Heimleitung richtig übel genervt hat. Sie war eine frühe Helikoptermutter und stand sogar mit den Betreuerinnen in Kontakt. Ich habe Briefe von Fräulein M. in Mutters Aktenordner gefunden. Aus der Ferne versuchte sie die ganze Zeit, ihre schützende Hand über mich zu halten. Viel geholfen hat es nicht.

Starfish (Pedro Lastra/unsplash)

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