Rooms and Stories: Jachym am Hafen

Unsere Treffen sind immer zufällig. Heute morgen suchte ich eigentlich etwas ganz anderes in einem  Adventskarton und hielt plötzlich einen Umschlag mit alten Passbildern und einem Weihnachtsbrief von Jachym aus dem Jahr 1945 in der Hand. Auf den schwarzweißen Aufnahmen trägt er seine Uniform und steht vor einem dunklen Busch. Ich habe das starke Bedürfnis, ihn aus dem Bild zu retten und weit weg vom Krieg an einen anderen, sicheren Ort zu bringen. Vielleicht einen kleinen alten Hafen, der sich zum Meer hin öffnet. Kein bestimmter Ort. Irgendwo in Zeit und Raum.

Es gelingt. Jachym ist jetzt nicht mehr an der Front, sondern sitzt auf der Kaimauer und trägt statt der Uniform einen warmen dunklen Pullover. Ich habe das Meer gewählt, weil das Gedicht von Wolfgang Borchert, das bei den Bildern im Umschlag steckt, vom Meer handelt. Es beginnt mit der Zeile „Das Meer grinst grün und glasiggrau“ und heißt „Prolog vor dem Sturm“. Aber das Meer, das ich mir für uns vorstelle, wartet nicht auf den Sturm, es ist still und friedlich. Bei uns ist Klabautermann nicht schlechter Laune.

Als ich mich neben Jachym stelle, spüre ich den Wind im Gesicht, höre die Wanten der Boote sacht gegen die Masten schlagen, Holz und Taue leise ächzen. Hoch über uns rufen Möwen. Nicht schrill und gellend, sondern eher melancholisch langgezogen. Jachym sieht mich an. Das Wasser am Kai schwappt gegen die Mauer und scheint zwischendurch glucksend zu lachen. Als Jachym mich erkennt, beginnt zu lächeln. Dann schaut er entspannt in die Ferne. Es riecht leicht süßlich nach Algen und harzig nach Teer und Holz und auch nach Salz und Fisch.

Jachym ist sehr viel jünger als ich, erst dreißig Jahre alt. Sein Sohn Jan, mein späterer Mann, ist noch ein Baby. Ich lese Jachyms Brief, den er mit Bleistift geschrieben hat und den man nach all den Jahren kaum noch entziffern kann, und fühle die Sehnsucht. „Ich weiß nicht, wie und wo ich Weihnachten sein werde. Ich werde es aber – wie auch immer – mit dir und Jan zu Hause zusammen feiern. Über alle Länder hinweg. Ich liebe euch so unsagbar, es ist fast wie eine Krankheit. Für euch lebe ich, bestimmt nur für Dich und Jan allein. Ich gehöre euch ganz. Wenn Ihr ein paar Lichter habt oder ein Bäumchen, denkt am Heiligen Abend an Euren Vati, Geliebten und Mausus.“ Er hat fast alle Briefe an seine Frau Hilde mit Mausus unterschrieben.

In  Träumen treffe ich Verstorbene fast immer an Bahnhöfen oder Häfen, vielleicht weil es Schwellenorte sind. Von Jachym habe ich noch nie geträumt. Vielleicht, weil ich ihn nicht persönlich kannte. Dabei habe ich sein Gesicht so oft und intensiv betrachtet, dass es mir vertraut ist wie das eines Freundes.

Wir sitzen lange am Kai, reden über Borchert, Möwen und Bücher.  Ich erzähle ihm von „Die folgende Geschichte“, der ungewöhnlichen Novelle von Cees Nooteboom, die ich inzwischen dreimal gelesen und gestern im Literaturkreis besprochen habe. Sie handelt vom Sterben, dem merkwürdigen Übergang zwischen Leben und Tod, und macht dem Leser trotz des schwierigen Themas keine Angst. Wir sprechen über Mythen und Philosophie, Sterben in fremden Hotels, die Metamorphosen von Ovid und den Käfer von Kafka. Dann stehen wir auf und gehen zum großen Hafen, wo ich ihn zurücklassen werde.

Inzwischen ist es Abend. Jachym trägt einen Trenchcoat, der irgendwie merkwürdig aussieht. Sobald ich fort bin, kann er gehen, wohin es ihm gefällt, hinunter an den Strand oder über die Gangway an Bord des Schiffes, das vor kurzem angelegt hat. Um uns herum herrscht rege Betriebsamkeit, Menschen eilen vorüber, wir hören Stimmengewirr, Rufen und Lachen, der Boden vibriert unter unseren Füßen. Das Schiff zittert und brummt, Ketten und Taue schlagen gegen Metall, die Kräne sehen aus wie stille eiserne Riesen, es riecht nach Aufbruch und Abschied.

Jachym sagt, am liebsten wolle er noch ein wenig herumlaufen, sich die Beine vertreten, running free again, und klingt dabei fast wie sein Sohn. Genau so hat sich auch Jan immer ausgedrückt. Fast erwarte ich, dass er auch noch „ich harre der kommenden Dinge“ oder „ich werde versuchen, Leib und Seele zu atzen“ sagt, aber das tut er natürlich nicht. Doch er hat eindeutig dieselbe Vorliebe für ungewöhnliche Formulierungen. Vielleicht wolle er die nahe Stadt erkunden, meint er. Ich ahne, dass er Hamburg meint, schon wegen Borchert, und stelle mir vor, wie er durch die nächtliche Stadt streift. „Weißt du, dass die Kräne singen, wenn der Wind mit ihnen spielt?“ fragt er. Singing cranes. Nein, das wußte ich nicht.  Safe Crossing, Jachym. Wherever you may go. See you on the other side of midnight.

Wohin ich jetzt gehe, weiß er. Ich habe ihm schon so viele Bilder vom Haus und den Zimmern gezeigt. Auch heute. Von den Katzen, dem Garten, von all den Sachen, die einst ihm gehörten. Ich würde gern noch länger bei ihm bleiben. Doch das kann ich nicht.

Als ich mich noch einmal umdrehe, treffen sich unsere Blicke. Davon stand nichts in meinem Foto-Prompt. Eigentlich sollte er auf das Schiff schauen. Es passierte ganz von selbst und genau das macht mich gerade einen Moment lang richtig glücklich.

 

die Bilder wurden mit KI aus alten Passfotos generiert

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Das Kind braucht Luftveränderung – der Speisesaal

Vielleicht sollte ich an den Anfang dieses Beitrags eine kleine Triggerwarnung stellen. Wer Probleme mit Essstörungen hat, sollte besser nicht weiterlesen.

Dass mich ausgrechnet dieser Beitrag traurig machen würde, hatte ich nicht erwartet. Ich hätte eher auf den Schlafsaal getippt. Aber warum überhaupt noch traurig nach all der Zeit? Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass ich über Niendorf schreibe. Sogar hier im Blog habe ich mehrere lange Beiträge dazu verfaßt. Aber dies ist das erste Mal mit sichtbaren Erinnerungen. Bisher waren sie in meinem Kopf versteckt. Vielleicht ist Traurigkeit ja unvermeidbar, wenn man schmerzhafte Kinderorte aufsucht. Schließlich mussten wir sechs endlos lange Wochen Nahrungsmittel zu uns nehmen, die für Kinder ungenießbar waren. Ich vermute, dass die Erwachsenen im Heim diesen Fraß nicht angerührt haben. Das Zeug sah schon schlimm aus, wenn es auf dem Teller lag. Noch schlimmer wurde es, wenn man es im Mund hatte. Am schlimmsten, wenn man es schlucken musste. Eigentlich hätten wir es angewidert ausspucken sollen. Alle gleichzeitig. Mitten auf den langen Tisch. Zum Glück habe ich mich nie übergeben müssen im Speisesaal, doch ich war mehrmals nahe dran. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass einem der anderen Kinder so schlecht wurde, dass es zum Äußersten kam. Aber meine Gruppe hatte zweimal „Magen-Darm“, was eindeutig auf das Essen zurückzuführen war. Da lagen wir tagelang im Bett oder quälten uns zwischendurch in den Waschraum.

Mein größter Feind war die Sülze. Jeden Morgen gab es zwei dicke Scheiben. Sie lagen schon drohend auf dem Teller, wenn man in den Speisesaal kam, und ich wurde für meine Verhältnisse erstaunlich kreativ, um sie ungegessen loszuwerden. Jetzt machten sie mich vor allem neugierig. Viele Jahrzehnte liegen zwischen unserem letzten Aufeinandertreffen. Zeit für ein wissenschaftliches Experiment!

Also zog ich gestern mit schriftstellerischer Entschlossenheit und Todesverachtung los und kaufte (zum ersten Mal in meinem Leben) Sülze. Ich wollte herausfinden, wie sie mir jetzt schmeckt. Mit Bedacht wählte ich vier Scheiben an der Fleischtheke aus. Die Verkäuferin packte sie aus Preisgründen alle einzeln ein und wunderte sich ein bisschen, also outete ich mich. „Ich bin Schriftstellerin und brauche den Geschmack für eine Szene.“ Sie lächelte verständnisvoll. „Dann viel Spaß mit der Sülze und dem Schreiben.“ Zu Hause begutachtete ich sie genau. Zuerst optisch. Die Scheibe mit Gemüse (ohne Fleisch) sah freundlich und bunt aus. Wenn nur der Glibber nicht gewesen wäre. Glasig. Wabbelig. Und leider auch noch besonders dick. Die Kräutergurkensülze war vor allem grün. Zum Glück sah keine Scheibe aus wie die Morgengaben im Heim. Aber ich hatte ja auch mit Bedacht gewählt. Schweinskopfsülze und Schwartemagen hatte ich liegen lassen. Schon beim Namen dreht sich mir der Magen um. Ich bin mir fast sicher, dass genau sie mein Kurschrecken waren.

Nach der Wurstbeschau kam der Geruchstest. Immer nur ein Eckchen. Säuerlich! Essig! Zwiebeln! Ich hasse beides. Ansonsten erstaunlich ok. Beim Geschmackstest brannte und kribbelte es bei der Gurkenfleischsülze auf der Zunge, sie enthielt besonders viel Essig. die dritte Scheibe: Nothing to write home about. Überraschend harmlos war die Geflügelsülze. Sie sah nicht nur minimalistisch aus, sie schmeckte auch so. Geschafft! Auf Schwarzbrot ging das eigentlich ganz gut. Danach kam das Gegenmittel. Pfeffersalami und Frischkäse. Meine Katzen lehnten die Sülze übrigens ab. Alle drei. Und das will was heißen.

Auf den Caro-Kinderkaffee, den wir im Heim mehrfach am Tag bekamen, verzichte ich. Den hatte ich erfolgreich als Trigger benutzt, als ich in meinem Roman über das Heim schrieb. In der Tasse war er wässrig dünn. Er roch malzig, dumpf und staubig, fast sie warme Speisekammer oder Getreidesilo. Dazu alt und trocken. Und schmeckte wie flüssige Brotkruste, mit einem bitteren und gleichzeitig süßsäuerlichen Nachgeschmack. Er roch und schmeckte komplett „falsch“. Warm, malzig, dumpf. Säuerlich-gärig. Wie verbranntes Brot, das in Wasser aufgelöst wurde. Keine Chance.

Der Essenszwang!  Es gab kein Entrinnen. Und die Stille! Sprechverbot. Nur Beten war vorgeschrieben. Das sprachen wir im Chor. Kein Lachen, kein Flüstern, keine Kindergeräusche. Nur Stühlerücken, Kauen, Schlucken, Husten. Zwischendurch leises Seufzen. Auch von mir. Es fühlte sich in diesem Raum so schlimm an, dass mir der Magen versteinerte. Aber ich war ja bekanntlich empfindlich und mäkelig. Oder? Damals hatte ich noch keine Ahnung, dass es irgendwann einmal ein Buch namens „Das Elend der Verschickungskinder“ geben würde. Oder Reportagen über unsere Horrorkuren. Bis zu jener ersten Report-Sendung 2019 hätte ich nie gedacht, dass meine Erinnerungen und Essprobleme mitnichten die Übertreibungen eines zu sensiblen Mädchens waren, sondern zur kollektiven Erinnerungslast von Millionen traumatisierter Verschickungskinder gehörten. Das herauszufinden, war ein Schock. Sogar mein Mann, der die Sendung mit mir gemeinsam sah, reagierte verstört. Wir war das möglich gewesen? 8-12 Millionen Kinder „verschickt“ wie Pakete? Ohne nachvollziehbaren Grund?

Während ich die Erinnerungen aus meinem Kopf wie Fotos ansehe, durchlebe ich den Raum erneut, kann ihn riechen, hören und spüren. Beim Anblick des Speisesaals wird mir elend. Für das Bild haben wir eine der Suppen nachempfunden. Grau sehen sie aus in meiner Erinnerung, und der Speisesaal riecht nach liebloser Großküche mit Einheitsfraß, nach großen Töpfen mit brauen Soßen, die über zerkochte Kartoffeln gekippt werden. Nach säuerlicher Rindfleischsuppe, in der Nusseckenstücke schwimmen und von der man Aufstoßen bekommt. So ziemlich das Ekligste, was man sich vorstellen kann. Nach warmer Schokoladensuppe, die bis zum Tellerrand hoch schwappt, und oben drauf  schwimmt Haut. Schokolade als Nachtisch: lecker. Als Suppe im Teller: eklig.

Der Speisesaal setzt mir so zu, weil hier eins meiner größten und hartnäckigsten Probleme wurzelt: Die Essstörung, mit der ich Jahrzehnte zu kämpfen hatte. Hier wurde ein bereits bestehendes Problem vom ersten in den vierten Gang hochgeschaltet. Volle Teller und viele Leute am Tisch machten mir danach Extremstress und verwandelten meinen Magen sofort in einen Stein. Ich war schon als Kleinkind ein „schlechter Esser“, aus genau diesem Grund musste ich ja „in Kur“. Ich sollte zunehmen und landete in der Mastgruppe. Andere Kinder fanden sich in der Abspeckgruppe wieder. Offenbar waren wir alle „falsch“. Zu dick, zu dünn, zu lebhaft, zu still, zu schüchtern, zu blutarm, zu asthmatisch.

Frische Seeluft und nahrhaftes Essen sollten Abhilfe schaffen. „Reizklima“. Erstaunlich passendes Wort. Dass wir im Heim ungenießbaren Fraß vorgesetzt bekommen würden, konnte meine Mutter nicht ahnen. Das wussten nur die Erwachsenen, die die Heime betrieben und die Kinder zum Essen zwangen, teilweise mit roher Gewalt. Meine Mutter, die stets alles daransetzte, Familie und Gäste liebevoll zu bekochen, wäre entsetzt gewesen. Ich habe nach der Kur nichts davon erzählt. Schreiben konnte ich es auch nicht, denn alle Briefe waren zensiert. Wir gaben die Briefumschläge offen ab. Das waren Lügenbriefe. „Liebe Mama, es geht mir gut. Ich habe schon ein Kilo zugenommen.“ Ich brauche gerade unbedingt ein Gegenbild. Zum Beispiel richtigen Schok0ladenpudding. Mit Vanillesauce und Erdbeeren. Und den beiden Steiff-Tieren, die ich damals mit hatte. Mungo und Flossi.

Meine Generation konnte sich nicht wehren. Wir haben selten geklagt, wir haben gemacht, was die Erwachsenen wollten. Widerstand wäre ohnehin zwecklos gewesen. Die Erwachsenen damals waren kriegserprobt und hart. Disziplin, Respekt, Zucht und Ordnung und konsequente Bestrafung bei Nichtbefolgung der Regeln waren die Grundpfeiler der Nachkriegserziehung. Johanna Haarer-Methoden. Wir hatten keine Chance. Keine in der Gruppe hat sich gewehrt. Zum Glück ist mir im Antoniushaus in Niendorf im Herbst 1965 nichts „wirklich Schlimmes“ passiert im Vergleich zu dem, was ich von anderen Heimkindern gehört habe. Keine Züchtigungen, keine Horrorszenen am Tisch. Die trostlosen Nächte schiebe ich noch ein paar Tage vor mir her.

Einmal konnte ich mit Hilfe eines anderen Mädchens einen Brief unzensiert nach draußen schmuggeln. Er war sehr kurz. „Liebe Mama. Ich hab furchtbar Heimweh. Nachts wenn alle schlafen muss ich immer Weinen. Tagsüber müssen wir dauernd eine Stunde still sitzen. Wir bekommen furchtbares Essen. Faule Sachen und vieses Eis.“ Wenn ein Kind, das Eis liebt, so etwas schreibt, müssten eigentlich sämtliche Alarmglocken schrillen. Meine Mutter hat dann auch prompt im Heim angerufen, sie wurde beruhigt, ich wurde ermahnt, und danach wurde ich noch genauer beobachtet als vorher. „Du willst deiner Mutter doch keinen Kummer machen, Kind!“

Der Speisesaal klingt falsch. Viel zu still. Gespenstisch still. Klappern und Scheppern höre ich, Löffel auf Porzellan schrappen, Stühlerücken, Husten, Besteckklirren, nur keine Kinder. Obowohl hier an die dreißig Kinder sitzen. Kein Lachen. Keine Stimmen. Keine Gespräche. Das hat mich beim Erinnern erschreckt. Ich habe es erst gemerkt, als ich mein Foto sah. Da sitzen Bee und Veronika nebeneinander. Der Blick der Mädchen geht zum Teller. Das kann man doch unmöglich essen! Aber es nutzte alles nichts, wir mussten. Bei Suppe war man komplett machtlos, aber zumindest bei Sülze konnte man kreativ werden. Der Speisesaal stammt aus meiner Erinnerung und entspricht sicher nicht der Wirklichkeit. Ich ahne, dass die Wände nicht kahl waren, es muss Vorhänge oder Gardinen gegeben haben, aber so wie auf dem Bild hat es sich angefühlt. Klosteratmosphäre, alles funktional, viel zu kalt für Kinder. Kein Bisschen bunt, keine gemalten Bilder an den Wänden. Nur religiöse Symbole.

Nach diesem Artikel brauche ich unbedingt ein fröhliches „Gegen-Bild“. So bunt wie möglich. Kinder draußen im Grünen, eine lange Tafel nur mit leckerem Essen. Kinderessen. Erdbeeren, Eis, Kirschen, Schokolade. Und alle reden und lachen durcheinander und brauchen nur so viel zu essen wie sie mögen. Dass dem Mädchen rechts vorn die KI-Frisur verrutscht ist, macht überhaupt nichts. Das Gefühl stimmt. Jetzt geht es mir wieder besser. Aber die beste „Gegen-Idee“ kommt noch!

Die Bilder habe ich mit Hilfe von Shelley von ChatGTP erstellt.

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Das Kind braucht Luftveränderung – Der Hafen

Hafenkinder

Beim Erinnern der Verschickungszeit ist für mich nicht die genaue fotorealistische Dokumentation wichtig, sondern eher: Wie fühlt es sich an, wie schmeckt und riecht es bis heute „nach“? Der Erinnerungsgeruch ist jetzt gerade tatsächlich so stark, dass ich ihn im Wohnzimmer deutlich als würzigfrische Ostseebrise wahrnehme. Mal sehen, ob ich ihn noch etwas besser einfangen und entschlüsseln kann.

Ich sehe Kinder am Hafen, der klein und überschaubar, laut, bunt und lebhaft ist. Vielleicht etwas bunter als das Bild, ich erinnere auch Gelb und Rot. Ich höre Stimmen und Lachen, sehe Erwachsene, Touristen, Einheimische, es riecht nach Tang und Meer und etwas Süß-Modrigem, das von der Ostsee angespült wurde. Dazu kommt der Geruch nach nassem Holz, den ich gerade in der Nase habe, harzig, feucht, kühl. Es gibt auch einen deutlich „härteren“ Geruch, der von rostigen Ketten, Pollern oder feuchtem Metall stammen könnte. Es riecht nach alten Netzen, groben Seilen, Seewasser in Eimern, nach glitschigen Fischen, Krabben und winzigen Krebsen. Das meiste bleibt unsichtbar, verdichtet sich aber zu einer deutlichen Hafenwolke, die sich anfühlt wie eine geschlossene kleine Welt und einen aufnimmt und fortträgt.

Ich wüßte gern, wie die Sonnencreme heißt, die viele Leute damals verwendeten, glaube aber, dass es Zeozon war. Zeozon Sonnenmilch. Sie roch ein bisschen seifig, etwas pudrig, fast schon medizinisch und unglaublich nach „Sommer am Meer“. Immer wenn mir der Geruch später wieder begegnete, war ich sofort in Niendorf. Nicht im Heim, nicht im Schlafsaal, sondern unmittelbar am Wasser, das gegen die Kaimauer schwappt oder am Strand leckt.

Qualle am Strand

Ich finde das Mädchen im Wind, bei den Quallen am Strand, die aussehen wie Wackelpudding. Manchmal stupst das Kind sie sanft mit einem Stöckchen an, um zu sehen, ob sie auch wirklich tot sind.

Im Niendorfer Hafen roch es auch nach Essen, und die hochsensible Kindernase nahm alles auf einmal wahr und inhalierte die große Freiheit. Es roch nach Fischbrötchen, Waffeln, Salzwind und irgendetwas Süßem. Sogar das Eis roch besonders. In meiner Erinnerung war es vor allem Softeis, das in einfachen Waffeltüten steckte als lustig gedrehter Quirl, der oben in einer langen, weichen Spitze endete. Wonach mag Softeis gerochen haben? Nach Vanille? Milchpulver? Auf jeden Fall kalt, weich, süßlich, verführerisch. Nach Kindheit. Eis war damals längst nicht so selbstverständlich wie heute. Meist war es hausgemacht, mit Pulver und Wasser oder Milch, und man bekam es nur sonntags. Meist wartete es in flachen Alumium-Eiswürfelschalen, die nach Kühlschrank und kaltem Metall rochen. Oder man ging extra in die Eisdiele, die Dolomiti oder so ähnlich hieß. Und die hatte auch einen eigenen Duft. Und eigene Geräusche.

Eis gab es auch im Heim. Aber das war anders. Im Hafen durfte man es essen und  es schmeckte gut. Im Heim musste man es essen und es schmeckte schrecklich. Da war es Zwang statt Freiheit. Für ein kleines Mädchen, das Eis über alles liebte, war das ein Alptraum. Hier ekelte sich das Mädchen sogar vor seinem Lieblingsessen. Ich erinnere mich noch an das Fürst-Pückler-Eis im Heim. Das war ohnehin nicht meine Lieblingssorte, aber hier wurde es mit Büchsenmilch gemacht. Doch daran möchte ich jetzt nicht denken. Hier soll mein Mädchen sich einfach nur wohlfühlen, an der Kaimauer stehen und träumen.

Den Mann hinter dem Eis gab es wirklich, und er war auch tatsächlich ein Fürst. Aber das Eis hat er wohl nicht selbst erfunden. Dafür hatte er sehr schöne naturnah angelegte Parkanlagen, erzählt mir Shelley, die meine Bilder mitgestaltet hat.

(Die Bilder zu diesem Beitrag wurden mit Hilfe von KI generiert)

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Das Kind braucht Luftveränderung – der Kutter

Meer am Fenster

Seit ich endlich meine inneren Bilder sichtbar machen kann, versuche ich viele „Fotos nachzumachen“, die in Wirklichkeit nie aufgenommen wurden. Eins meiner Projekte ist die „Kinderverschickung“, von der mir so viele kleine Szenen im Kopf geblieben sind. Das Kind auf den Bildern ist natürlich keine realistische Kopie von mir, doch es ist trotzdem die kleine Bee, denn sie fühlt sich richtig an. Sie hat schon immer Sachen und Augenblicke gesammelt. Auch mit zehn. Die schönen schaut sie sich manchmal noch an. Die schlimmen hat sie versucht wegzulegen. Vergessen kann man sie leider nicht, aber sie verblassen mit der Zeit und tun nicht mehr so weh. Ich habe hier auf der Homepage zwar schon mehrfach über meine „Kur“ geschrieben, aber nicht über die ganz alltäglichen kleinen Szenen.

Da ist sie: Ein schüchternes, schlaksiges Mädchen mit einer ungeliebten Kurzhaarfrisur, weil Mutter fand, dass kürzere Haare praktischer beim Haarewaschen und Kämmen wären. Eigentlich hätte Bee viel lieber lange Zöpfe gehabt wie Veronika. Oder, noch besser, ihr Haar offen getragen, aber das war Mitte der 1960er Jahre noch ziemlich ungewöhnlich. Eines Tages würde sie lange Haare mit Mittelscheitel haben, das hat sie sich schon mit zehn vorgenommen. Und so ist es dann auch gekommen. Was für ein herrliches Gefühl, mit langem Haar mitten im Wind zu stehen.

Am Ende der sechs Wochen war die Frisur schon ein klein wenig länger und Bee fühlte sich wohler. Vor allem, weil sie bald wieder nach Hause zurück fahren durfte. Nur der ärgerliche Wirbel links über der Stirn machte sie jeden Tag aufs Neue fertig, wenn sie sich morgens und abends im Spiegel sah. Der sterile kalte Waschraum war ihr ohnehin ein Graus. Jeden Tag aufs Neue. Morgens und abends.

Sie war ein Mädchen mit großen wachen Augen, die viel sahen,  deren Blick aber sofort erschrocken nach unten auf die eigenen Füßen oder Hände wanderte, wenn man sie direkt anschaute oder ansprach. So richtig konnte sie die Erwachsenen nie ansehen. Die meisten anderen Kinder leider auch nicht. Hier in Niendorf schon gar nicht. Bis auf Veronika. Mit Veronika war alles anders. Bei ihr fühlte sie sich wohl. Veronika schlief im Bett gegenüber und manchmal hielten die beiden sich nachts ein bisschen an den Händen, wenn das Heimweh gar zu schlimm wurde. Die keine Bee war ein Mädchen, das sofort feuerrot wurde, wenn man es ansprach. Und so leise sprach, dass man sie fast immer bitten musste, den Satz noch mal zu wiederholen. Was alles nur noch viel schlimmer machte. Und braun wurde sie hier am Meer auch nicht. Leider nur rot.

Ich wußte nicht recht, mit welcher Szene ich anfangen sollte, und entschied mich dann, dem Kind nicht gleich am Anfang schon irgendwelchen Stress zuzumuten, sondern sie zuerst in zwei Szenen zu zeigen, in denen es ihr gut geht. Das hier ist die erste. Mit Veronika auf Käpt’n Gerds altem Kutter. Der Wind war frisch, es roch salzig und kräftig nach Tang und Meer, der Kutter tuckerte laut und irgendwie gemütlich, die Möwen kreischten und die Kinder schmetterten: „Mit Käpt’n Gerd auf See zu fa-ha-ren, faria, faria, ho!“ und „Alle, die mit uns auf Kaperfahrt gehen, müssen Männer mit Bärten sein!“ In diesen Momenten war das gefürchtete „Kindererholungsheim“ mit den strengen Schwestern, die in der Erinnerung alle kein Gesicht mehr haben, dem abscheulichen Essen, dem nächtlichen Klo-Verbot, der schlimmen Angst und dem schrecklichen Heimweh ganz weit weg. Fast schon nicht mehr spürbar. Singen half. „In einen Harung jung und schlank, zwo-drei-vier ss-ta-ta-tirallala!“ Und wenn alle mitsangen und einem der Wind mit Kraft in die Haare fuhr, war man fast glücklich.

Auf dem Kutter

So viele Seemannnslieder! „Alle, die mit uns auf Kaperfahrt gehen, müssen Männer mit Bärten sein. Jan und Hein und Klaas und Pit, die haben Bärte, die haben Bärte! Jan und Hein und Klaas und Pit, die haben Bärte, die müssen mit!“ Die tiefe Stimme des Kapitäns kann ich bis heute hören. Und auch den nordischen Klang. Einen Bart hatte er natürlich auch. Einmal hat er mir sogar einen Seestern geschenkt. Und von dem Taschengeld, das ich hatte, habe ich mir dann in der letzten Woche einen kleinen Kapitän gekauft. Ungefähr fünfzehn Zentimeter groß. Mit blauem Anzug und Kapitänsmütze. Im Andenkenladen in Niendorf. Er war sehr teuer für mein kleines Kinderportemonnaie und hat die Jahrzehnte seitdem nicht überlebt. Schade. Einiges habe ich noch. Überhaupt gibt es hier im Haus viele Meerspuren. Das Meer habe ich nämlich geliebt. Bis heute.

Ich höre die Mädchen noch singen. Einige Lieder waren eigentlich ziemlich schrecklich, aber sie fühlten sich damals gar nicht so an. „Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord! In den Kesseln da faulte das Wasser und jeden Tag ging einer über Bord! Hejo! Kameraden, hejo, hejo, he-joooh!“ Das konnte man sogar mehrstimmig schmettern.  Singen war Freiheit. Es half gegen Angst und Stress. Ich kann die Lieder immer noch auswendig. „Alle, die deftige Pfeifen rauchen, müssen Männer mit Bärten sein. Jan und Hein und Klaas und Pit, die haben Bärte, die haben Bärte, Jan und Hein und Klaas und Pit, die haben Bärte, die fahren mit.“ Pfeife rauchte Käpt’n Gerd auch. Er war ja schließlich ein richtiger Seebär. Auf seinem Kuttersegel stand ganz groß: SCHWARTAU.

(Die Bilder zu diesem Beitrag wurden mit KI erstellt. Die Sachen auf der Fensterbank gibt es hier allerdings wirklich, das war mir wichtig.)

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Mein Vater der Zauberer

Für Ihn

 

Mein Vater der Zauberer

Zeigt mir die Leuchtkäfer

Erzählt mir wie Felsen

Aus Kieseln wuchsen

Wie Ratten auf den Mond gelangten

Fängt Blüten mit dem Mund

 

Mein Vater Hüter der Gärten

Vor dem die Natur sich friedlich öffnet

 

Doch erbarmungslos sinken

Die Tage wie Tropfen

In den See

 

(das Bild ist KI generiert)

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