Herzlich willkommen!

Alice

Herzlich willkommen auf meiner Homepage

Hier finden Sie außer Informationen zu Büchern, Katzen, Köln und Kattendonk vor allem Blogbeiträge zu meinen wichtigsten Lebensthemen (Kindheit, Hochsensibilität, Angst, transgenerationale Weitergabe von Traumata). Im Moment beschäftigt mich neben der allgegenwärtigen Corona-Pandemie, die unser Leben seit fast einem Jahr so nachhaltig und erschreckend prägt, auch die Aufarbeitung der „Verschickungen“, die unzählige Kinder hier in Deutschland ertragen mussten. Auch ich verbrachte als kleines Mädchen Anfang der 1960er Jahre sechs endlose Wochen in einem „Kindergenesungsheim“ und habe darüber mehrere Beiträge geschrieben („Das Kind braucht Luftveränderung“), aber auch andere Betroffene zu Wort kommen lassen.

Doch zum Glück gibt es natürlich auch immer wieder Schönes und Hoffnungsvolles zu berichten oder zu erinnern. Ein großes Dankeschön geht an meine geduldige Maine Coon-Assistentin Alice, deren entspanntes Schnurren Sie leider nicht hören können. Ich freue mich, dass Sie meine Seite gefunden haben, und wünsche Ihnen einen hellen, zuversichtlichen Tag!

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Good riddance 2020!

(pixel2013/unsplash)

Es war ein schlimmes Jahr für uns alle, und ich bin froh, dass es in weniger als zwei Stunden endlich vorbei ist. Da keine Böller und Raketen verkauft werden dürfen, wird die Nacht hoffentlich still werden. Viel zu feiern gibt es wirklich nicht. Wie immer am Altjahresabend schreibe ich meinen ganz persönlichen Rückblick, doch diesmal fällt er umfangreicher und bedrückender aus als sonst.

Das Jahr begann nicht nur mit Feuerwerk, guten Wünschen, neuen Vorsätzen und ausgelassenen Feiern, sondern auch mit einem denkbar schlechten Omen. In Krefeld zündeten in der Silvesternacht drei Frauen verbotene Himmelslaternen an, die zwar schön aussehen, aber brandgefährlich sind und das Affenhaus im Krefelder Zoo in Brand setzten. Fünfzig Tiere mussten qualvoll verbrennen.

(Patrick Perkins/unsplash)

Es sollte tatsächlich ein Jahr der Flammen werden. Schon bald folgten verheerende Buschfeuer in Australien, die sich zu einem Megafeuer verbanden und eine Milliarde Tiere das Leben kosteten. Ich sehe Kängurus mit versengten Gesichtern und verbrannten Füßen und hilflose Koalas, die von ihren Rettern in Sicherheit gebracht werden. Irgendwann brannte dann auch die Westküste der USA so lichterloh, dass die Menschen nicht mehr atmen konnten, der Himmel über San Francisco sich blutrot und orangegrau färbte und die Rauchwolken bis nach New York zogen.

(Patrick Perkins/unsplash)

Im kalifornischen Death Valley erreichte die Temperatur den Rekordwert von 54°. Heftige Winde fachten die Feuer immer weiter an. Ich sehe ausgebrannte Autos, von deren Fahrern nichts mehr übrig ist, erschöpfte Feuerwehrleute, die unermüdlich im Einsatz sind, weinende Überlebende vor Häusern, die in Schutt und Asche liegen. Unzählige jahrhundertealte Baumriesen verbrannten innerhalb weniger Tage  im Sierra National Forest.

Es brannte auch auf dem Kilimandscharo (weil Bergsteiger ihr Lagerfeuer nicht gelöscht hatten) und katastrophal in den Regenwäldern des Amazonas, wo die grüne Lunge unseres Planeten von Menschen mutwillig zerstört wird. Im Juli tobten die Flammen sogar in der Antarktis, der kältesten Region der Welt, wo plötzlich Temperaturen von 40 Grad erreicht wurden. Es brannte bei den Ärmsten der Armen im Flüchtlingslager in Moria, und explosiv im Hafen von Beirut, wo fast 200 Menschen starben und über 6.000 verletzt wurden. Es brannte auch in den Straßen von Minneapolis, nachdem dort ein Mann qualvoll ersticken musste. Und am Ende des Jahres brennt es schon wieder in Australien.

(8385/pixabay)

„Get Brexit done“, lautete der trotzige Wahlslogan der Konservativen. Das Jahr begann mit britischem Jubel über die baldige Trennung, die dann aber doch noch eine gefühlte Ewigkeit unter endlosem Gezerre dauern sollte. Die „Europäer“ trauern. Ich höre Ursula von der Leyen zum Abschied sagen: „We will always love you and we will never be far.“ Als ich sehe, wie sich die Menschen im Europäischen Parlament im Januar bei den Händen fassen, und höre, wie sie gemeinsam „Auld Lang Syne“ singen, kommen mir die Tränen. Dieses Lied hat mich schon immer traurig gemacht. Gleich beim ersten Mal, als ich mit zwölf am Lagerfeuer stand und nur die deutsche Übersetzung kannte, die längst nicht so berührend ist wie das Original von Robert Burns.

(MIH83/pixbay)

Der Brexit zog sich ein Jahr lang zäh dahin und war erst vor wenigen Tagen, an Heiligabend, wirklich „done“. Gestern hat die Queen das Handelsabkommen unterzeichnet, nachdem auch das Ober- und Unterhaus grünes Licht gegeben hatten. Vorher mussten sich allerdings noch tausende Laster auf den Autobahnen in Kent stauen. Doch das lag nicht (nur) am Brexit, sondern vor allem an der mutierten Virusvariante, die sich gerade auf der Insel ausbreitet und nur darauf wartet über den Kanal zu springen. Der neue britische Rekordwert liegt heute bei 55.892 Neuinfektionen.

(webentwicklerin/unsplash)

2020 sieht auch aus wie die hässliche Stachelkugel, die einfach überall lauert. Man kann ihr nicht entfliehen. Heute vor genau einem Jahr wurde die erste Meldung von einer mysteriösen Krankheit in China veröffentlicht. Aus Wuhan machte sich im Januar ein gefährliches, unberechenbares neues Virus auf, um die Welt in Windeseile zu besiegen. In Venedig wurde der Karneval abgesagt, in Italien wurde man bald der Kranken und Leichen nicht mehr Herr, in Deutschland feierte man zwar noch, doch dann kamen Ischgl und Heinsberg, und bald war auch Deutschland im Krisenmodus und verfiel in Schockstarre. Aus Frankreich und Spanien kamen Schreckensmeldungen. Plötzlich waren Corona und Covid überall.

(Matt Seymour/unsplash)

Kontaktverbot, Quarantäne, Hamstern, Triage, Ausnahmezustand, Risikogebiet, Sperrgebiet. Wörter wie aus den Kriegsgeschichten unserer Eltern. Super Spreader, Lockdown, Shutdown, Testpflicht, Abstandsregeln, AHA-Regeln, PCR-Tests, Auftrittsverbote. Neue und gefährlich klingende Wörter. Draußen wurde es stiller und leerer, die Häuser füllten sich mit Eingeschlossenen, Klopapier und Desinfektionsmitteln, die Menschen fanden sich plötzlich im Homeoffice, in Kurzarbeit und in Zoomkonferenzen oder ganz ohne Job wieder, auf den Balkonen wurde abends gesungen und geklatscht, man fühlte sich solidarisch mit Lebensrettern und Alltagshelden und irgendwie auch miteinander. Doch das dauerte nicht lange. Die häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder nahm zu, viele Menschen standen vor dem finanziellen oder seelischen Ruin, Künstler und Selbstständige waren besonders betroffen, viele verloren ihre Arbeit, landeten gar auf der Straße. Doch es gab und gibt  auch viel Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Und eine große Müdigkeit. Nach einem Jahr sind wir es leid. Corona-Fatigue. Und Long Covid, die schlimmen Nachwirkungen der Seuche.

„Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst“, warnte die Kanzlerin im März die Bevölkerung. Das vergangene Jahr hat für mich so viele Gesichter und Stimmen. Die ruhigen, besonnenen Stimmen von Angela Merkel, Christian Drosten, Anthony Fauci und Jo Biden, das aggressive Gezeter von Donald Trump und seiner Gefolgschaft, die wirren Reden der Corona-Leugner und Wutbürger, die ironischen Gesichter und spöttischen Stimmen der Satiriker Oliver Welke und Stephen Colbert, das schöne Gesicht und die genialen (lippensynchronisierten) Trump-Parodien von Sarah Cooper, das markante Gesicht und die nachdrücklichen Ansprachen und Pressekonferenzen des New Yorker Gouverneurs Andrew Cuomo.

George Floyd (Jon Tyson/unsplash)

2020 hat auch das Gesicht und die verzweifelte Stimme von George Floyd, dessen „I can’t breathe“ die „Black Lives Matter“ Bewegung ins Rollen brachte, die sich rasch überall verbreitete und mit unglaublicher Wucht zahlreiche Helden vom Sockel fegte.

Das Jahr hat auch das Gesicht und die Stimme der zierlichen betagten Supreme Court Richterin Ruth Bader-Ginsburg, deren unerschütterliches „I dissent“ Millionen amerikanischen Frauen neuen Mut und Zuversicht gab. Wie schade, dass sie nicht noch einen Monat länger leben durfte. „My most fervent wish is that I will not be replaced until a new president is installed.“ Es war ihr nicht vergönnt. Mitch McConnell vergaß sich selbst und setzte sich durch. Der Noch-Präsident machte daraus einen persönlichen Trump-Triumph. Einen von vielen. Und keiner davon war gut.

RBG (Jon Tyson/unsplash)

Das Jahr hat auch die Gesichter der drei unerschütterlichen Oppositionsführerinnen in Belarus, die jetzt tragischerweise im Exil und im Gefängnis sind. Und das Gesicht und die Raspelstimme von Lothar Wieler, dem Präsidenten des Robert Koch-Instituts, der täglich geduldig Rede und Antwort stand, das glatte Gesicht und die mahnende Stimme von Gesundheitsminister Jens Spahn, sowie die abgehackte Sprache und das streitlustige Gesicht des flegelhaften Störenfrieds Boris Johnson, das dann vorübergehend gar nicht mehr so stolz  und selbstherrlich aussah, sondern ziemlich bleich und krank.

Zwischendurch taucht auch das junge Gesicht von Greta Thunberg auf, das uns daran erinnert, dass es noch ein anderes Thema als Corona gibt, denn auch dieses Jahr bricht wieder etliche extreme Wetterrekorde, und das ist bedrohlich und macht mir große Angst. Die Erde wird immer wärmer, die Pole schmelzen, immer mehr Tiere sterben aus.

(Jon Tyson/unsplash)

Ich sehe, wie sich Donald Trump triumphierend und medienwirksam vor einer fremden Kirche aufbaut und eine fremde Bibel hochhält wie eine Trophäe.

Und ich sehe den einsamen alten Papst mit dem ernsten Gesicht und dem Pestkreuz allein im Regen auf dem ausgestorbenen Petersplatz in Rom. Vielleicht wird mir dieses Bild am nachhaltigsten im Kopf bleiben, denn es hat mich zum Weinen gebracht. Ich sehe leere Straßen, dunkle, geschlossene Geschäfte und Theater, ausgestorbene Kinos und Restaurants.

Ich sehe das entschlossene Gesicht von Alexej Navalny und höre ihn im Flugzeug vor Schmerzen schreien, freue mich, als man ihn nach Deutschland holt, und noch mehr, als er aus dem Koma erwacht, aufsteht und weiterkämpft.

Ich sehe, wie Donald Trump im Oktober wenige Tage nach seiner Corona-Infektion stolz wie ein Hollywoodheld aus dem Krankenhaus ins Weiße Haus zurückkehrt und sich demonstrativ die Maske vom Gesicht reißt. Masken sind ohnehin nur für Verlierer und Weichlinge. Und für Demokraten. Nein, Corona braucht man nicht zu fürchten, Trump fühlt sich besser denn je nach seinem Medikamentencocktail, und ab jetzt weiß er mehr über die Krankheit als alle anderen zusammen. Das Virus lacht sich derweil ins Fäustchen und rafft immer mehr Amerikaner dahin.

Dem Virus ist alles egal, es verbreitet sich schneller denn je und versucht es auch mit anderen Staatsoberhäuptern, etwa dem französischen Präsidenten. Ich sehe den Lehrer Samuel Paty, der in Paris enthauptet wurde, weil er seinen Schülern Karikaturen gezeigt hat, um mit ihnen über das Recht auf Meinungsfreiheit zu diskutieren. Und ich überlege, warum diese Karikaturen überhaupt nötig waren in einer Zeit, in der es ohnehin genug Probleme gibt.

Das Fahrrad ist das Fortbewegungsmittel des Jahres, Corona-Pandemie ist das Wort des Jahres, Mund-Nasen-Schutz ist die Gesichtsbedeckung des Jahres, Spuckschutzscheiben und Schweinestau sind die bizarrsten Wörter des Jahres, Knuffel-Kontakt ist das schönste Wort des Jahre, und seit heute hat meine Corona-Warn-App eine Zusatzfunktion. Ich kann ab jetzt ein Kontakttagebuch führen. Wenn diese App doch nur besser und genauer warnen würde, google und facebook überwachen uns doch auch auf Schritt und Tritt. Ich würde gern wissen, wo und wann mein Risikokontakt stattgefunden hat. Aber vielleicht ändern sie das ja bei der nächsten Pandemie.

Fauci (Jon Tyson/unsplash)

Ich sehe die erschöpften Ärzte und Ärztinnen und das Pflegepersonal in Krankenhäusern und Heimen, verzweifelt und am Ende ihrer Kraft, sehe die einsamen alten Menschen in ihren Zimmern, die Sterbenden, die allein bleiben müssen, sehe leblose Körper, die nicht mehr allein atmen können und an lebensrettenden Maschinen hängen, die Trauernden, die sich von ihren Verstorbenen nicht verabschieden können, sich bei Beerdigungen nicht trösten lassen können. Ich sehe die Polizisten, die brüllenden Demonstranten entgegentreten müssen, die getrennten Liebenden, die auseinandergerissenen Familien, die Großeltern, die Kinder und Enkel, wenn überhaupt, nur noch am Computer oder im Handy sehen. Ich sehe die vielen bemaskten Kinder, die tapfer durchhalten und einfach nur wollen, dass Corona „wieder weg geht“, die Schüler, die in Decken gehüllt in zugigen Klassenzimmern sitzen oder zuhause am Computer, wenn wieder Distanzunterricht an der Reihe ist.

Wir sprechen jetzt alle das neue gedämpfte Maskendeutsch, undeutlich, dumpf, verschwommen. Wir sehen aus wie aufrecht gehende vermummte Tiere, mit weißen Schnäbeln und merkwürdigen Papier- und Stoffrüsseln. Wie oft habe ich Panik bekommen hinter meinem Sicherheitsstoff. Wir fürchten einander und uns selbst. Wir fürchten den winzigen Feind, der in unserer Atemluft nistet und nur darauf wartet, auf den nächsten „Wirt“ überzuwechseln. Wir selbst sind die Bedrohung, vor der wir uns bei anderen fürchten. Wir haben verlernt, uns die Hände zu schütteln und uns in den Arm zu nehmen. Jedes Husten, jedes Niesen lässt uns das Blut gefrieren. Wir waschen uns die Hände wie die Weltmeister.

Joe Biden (Jon Tyson/unsplash)

Ich sehe mich im November hinten in unserem Garten sitzen und nachdenken, als plötzlich die Eilmeldung auf meinem Handy aufleuchtet, dass Joe Biden die Wahl nach all der quälendem Warterei und Zählerei tatsächlich gewonnen hat, und sehe mich in Tränen der Erleichterung ausbrechen. Das ist mir bei einer Wahl noch nie zuvor passiert. Leider zieht sich die Trump-Farce ähnlich lange hin wie der Brexit. Er will einfach nicht einsehen, dass seine Zeit vorbei ist, unternimmt immer neue Versuche, die Wahrheit zu verbiegen. „Stop the count!“ „Voter fraud!“ Er akzeptiert Wahlen nur, wenn er sie gewinnt. Was für ein schlechter Verlierer. Während sein Volk stirbt, spielt er Golf. Ich bin erleichtert, als die Wahlmänner Biden geschlossen zum Sieger erklären, aber es naht schon die nächste Krise. Ein neuer Einspruch. Nimmt das denn gar kein Ende? Sicher kann man wohl erst sein, wenn Biden am 20. Januar endlich ins Weiße Haus einzieht. Ich sehe das freundliche Gesicht der starken jungen Frau an seiner Seite, die am Telefon immer wieder lachend ruft „We did it, Joe!“ Kamala Harris. Und das von Dr. Jill Biden, der anderen starken Frau an seiner Seite, der man am liebsten den Doktortitel absprechen würde, weil sich das für die Frau eines Präsidenten angeblich nicht gehört. Amerikanische Logik.

(Markus Winkler/unsplash)

Ich lese bei Twitter Florian Krammers Satz „Dear world, we have a vaccine!“, und wieder kommen mir die Tränen. Ein Impfstoff! So unfaßbar schnell! Was für eine unglaubliche Leistung! Ich sehe die lächelnden Gesichter der beiden deutschen BionTech Forscher Uğur Şahin und Özlem Türeci, an deren Institut Menschen aus 60 verschiedenen Nationen arbeiten. Internationale Zusammenarbeit statt pompöse MAGA-Haltung. Auch Professor Drosten, der als erster einen Test für das Virus entwickelte, teilte seine Entdeckung sofort mit der Welt. Vernetzung statt Isolation. Das macht Hoffnung. Inzwischen sind hier bereits zwei Impfstoffe zugelassen, und ich sehe die glücklichen Gesichter der Geimpften. Auch sie gehören zu diesem Jahr, und es werden mit jedem Tag mehr.

Greta (Bruno Figueirdo/unsplash)

Die Pandemie hat mich zum Medien-Junkie gemacht. Ein bisschen sogar zum „Doomscroller“. Nachts, wenn ich nicht schlafen kann, lese ich die „New York Times“, schaue erst bei CNN vorbei, dann beim „Guardian“ und bei der BBC. Wenn ich immer noch nicht müde bin, besuche ich auch noch die Seiten von ARD und ZDF. Morgens bekomme ich die neuesten Meldungen von „Stadt mit K“, „NDR-Info“ und „ZDF Heute“. Ein Twitter Account habe ich auch. Nicht nur wegen Trump. Meine größte Entdeckung des Jahres war das Radio. Mit NDR-Info und dem Coronavirus Update fing es an, danach habe ich mir viele weitere interessante Podcasts und Sendungen angehört. Außerdem habe ich meine Schwäche für Blinkist entdeckt und auf diesem Weg etliche neue Bücher in der Kurzfassung kennengelernt. Ein paar davon habe ich mir danach gekauft.

(Webentwicklerin/pixabay)

Corona hat dafür gesorgt, dass ich plötzlich ziemlich nah am Wasser gebaut bin. Mir kommen die Tränen, als unsere Tochter, die wir seit über einem Jahr nicht gesehen haben, an Heiligabend weit weg im Norden Englands ihre erste Impfung mit dem neuen Impfstoff von BioNTech/Pfizer erhält und uns ein Whatsapp-Foto davon schickt, und auch im November kommen mir die Tränen, als ich fast ungläubig meinen Antikörpertest in der Hand halte, obwohl ich den Gedanken, dass mir im Moment nicht mehr viel passieren kann, nach so vielen Monaten der Sorge und Angst, kaum fassen kann. Wie es ist, nichts mehr riechen und schmecken zu können, hat mich Corona auch gelehrt. Und wie wunderbar es sich anfühlt, die verlorenen Sinne wieder zurückzubekommen. Ein Geschenk des Lebens. Und auch das Leben ist ein Geschenk.

Noch viel mehr hat mich dieses Jahr gelehrt. Geduld. Demut. Dankbarkeit. Liebe. Achtsamkeit. Mitgefühl. Entschleunigung. Nichts ist selbstverständlich. Jeder Tag kann der letzte sein. Jede Umarmung, jedes Lächeln, jedes Treffen kann das letzte sein. Ich weiß jetzt, wie unfaßbar schön es ist, unbeschwert und ohne Maske, Abstand und Angst durchs Leben und durch meine Stadt zu gehen. Wie schön es ist, mit anderen angstfrei  zu sprechen, zu essen und zu trinken. Wie zerbrechlich und gefährdet unser Leben ist. Nichts soll man aufschieben, wer weiß, wieviel Zeit uns noch bleibt. Auch wenn wir noch so vorsichtig sind, kann es uns erwischen. Wie wichtig doch die kleinen Freuden und Glücksmomente sind. Sogar der Duft des Weihnachtbaums, den man zwei Wochen lang nicht hat wahrnehmen können, macht überglücklich, wenn man ihn plötzlich wieder riecht. Ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass 2021 für uns und unsere Erde ein besseres, gesünderes, freundlicheres Jahr werden wird. It’s time for a change.

See yo next year!

Ausblick und Neuanfang (geralt/pixabay)

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Sinneswandel im Dezember

Seit ich weiß, dass mir Geruch und Geschmack (hoffentlich) nur vorübergehend abhanden gekommen sind (schmecken kann ich wieder alles), freue ich mich jeden Tag über die unzähligen Sinneseindrücke, die nach und nach zurückkehren. Ich genieße und begrüße jeden einzelnen wie einen alten Freund. Sogar die unangenehmen, die man normalerweise am liebsten ausblenden würde. Eins habe ich in den letzten Monaten gelernt: Nichts, aber auch gar nichts ist selbstverständlich, nicht mal der Duft von Seife oder der Geschmack von Zucker. Vorige Woche fuhren wir an einem Bauernhof vorbei, ich konnte den Misthaufen deutlich riechen, es war wunderbar! Ich bemerke inzwischen auch wieder unseren Abfalleimer, die Mülltonne, das benutzte Katzenklo, verschimmelte Zitrusfrüchte und abgestandenes Blumenwasser. Ja, darüber kann man sich tatsächlich unbändig freuen! Das hätte ich bis vor kurzem auch nicht für möglich gehalten. Es ist ein gutes, beruhigendes Gefühl, dass fast alle sicheren Wegweiser und Warnmelder wieder da sind. Die hochsensible Alarmanlage musste einen kompletten Neustart hinlegen und ist dabei nicht abgestürzt.

Es fühlt sich an, als wäre ich neu geboren, so frisch und intensiv nehme ich alles um mich herum wahr. Ich gerate in Verzückung über den Duft von Orangen und Äpfeln, von Kerzenrauch, Pfefferminz, Petersilie, Lavendel, Regenluft, Kaffee und Toast. Ich genieße den Geschmack von Sahne und Milch, Joghurt und Quark, Kaugummi, Süßkartoffel, Möhre, Schlangengurke, frisch gemahlenem Parmesan, Weihnachtsmarmelade (besonders die von Wilkin & Sons) und Schokolade. Manchmal gönne ich mir auch einfach alles durcheinander. Mir wird davon nicht etwa schlecht, es tut einfach nur gut, wieder so viel zu schmecken und zu riechen. Lebkuchengewürz! Spekulatiusgewürz! Bourbon Vanille!

Gelegentlich entwickle ich sonderbare, für mich untypische Gelüste, über die ich mich selbst wundere, und muss dann unbedingt weiche Marshmallows, kleine Salzkaramelltrüffel, klebrige runde Physalis, saure Gewürzgürkchen, Toblerone mit Honignougat oder englischen Cheddar mit „Original Branston Mixed Pickles“ essen. Diese Pickles bekommt man in England zum „Ploughman’s Lunch“, und die angenehme Erinnerung, im warmen Pub mit besten Freunden zu sitzen bei gedämpfter englischer Hintergrundkonversation, wird damit sofort „getriggert“.

(Calum Lewis/unsplash)

Leider waren die Pickles echt schwer zu bekommen so kurz vor Weihnachten, denn die englischen Läden hier waren so gut wie leer gekauft. Aber schließlich wurde ich doch noch fündig und bestellte auch gleich ein Glas „Heinz Sandwich Spread“, das strich mir meine „englische Mutter“ Pat immer auf die Lunchbrote, und „Coleman’s Mintsauce“. Die gab es stets zu den gräßlichen Lammgerichten.  In GB sind die „Lämmer“ offensichtlich deutlich älter als hier in Deutschland, so dass englisches Lammfleisch unangenehm nach Hammel schmeckt und riecht, darauf habe ich auch kein bisschen Lust, seltsamerweise aber auf die knallgrüne Mintsauce, die damals zuverlässig den ekligen Hammelgeschmack abmilderte.

Die Lamb-Mint-Kombination gab es oft bei meinen Landlords, einem äußerst netten älteren Ehepaar, das leider schon lange nicht mehr lebt, an das ich mich aber gern erinnere. Daher wohl auch der Mintsauce-Trigger, der mich auf der Stelle in das gemütliche Holmansche Eßzimmer versetzt, wo Mrs Holman von ihrem letzten Urlaub erzählt und dabei ihre Ringe dreht. Jetzt gerade bekomme ich übrigens auch noch Lust auf den Earl Grey Tea von Twinings (hab ihn leider nicht vorrätig), den tranken wir immer in unserem Haus in der Kitchener Avenue, und Mr Holman bezeichnete den typischen Geruch gern als „Chanel No 5“. Und Mince Pies (haben wir dieses Jahr leider auch nicht). Wie leicht man mit Aromen aller Art in die Vergangenheit reisen kann, und wie schön, dass ich diese Möglichkeit wieder habe, dass die Sinnes-Türen zu meinen Erinnerungen wieder offen stehen.

Ich schwelge in Soul Food (Spaghetti mit Tomatensauce, Weißbrot mit frischem Holländer, Pfannkuchen und Waffeln) und vertrautem, fast vergessenen „Kinderessen“, mache mir grünen Waldmeister-Wackelpeter, trinke Coca Cola (classic, das Lieblingsgetränk meines Vaters) und Rotbäckchen. Beides mag ich eigentlich schon lange nicht mehr, aber es tut einfach unglaublich gut, es wieder schmecken zu können, denn es weckt so viele Erinnerungen! Die richtigen Veilchenpastillen (die liebte mein Vater) und gebrannte Mandeln (die liebte meine Mutter) habe ich noch nicht auftreiben können, aber ich halte die Augen und die Nasenflügel offen.

In der Zwischenzeit gönne ich mir die knusprigen Kekse nach den alten Rezepten meiner Großmütter, luftiges Rosinenbrot (fast hatte ich vergessen, wie unglaublich süß und weich Rosinen sind) und warme, in Zucker gewälzte Krapfen. Jedes Mal habe ich wieder das beglückende Gefühl, „nach Hause“ zu kommen, zurück zu meinen feinen hochsensiblen Sinnen. Ich fühle genau, wie ich heile. Diese unberechenbare,  heimtückische, oft lebensbedrohliche und leider allzu oft tödliche Krankheit, die gerade überall auf der Welt wütet und ein Land nach dem anderen in die Knie und in den Lockdown zwingt, hat mich (hoffentlich) nur gestreift.

Noch weiß man es nicht genau, aber einige Studien lassen darauf schließen, dass es möglicherweise vor allem die milden Verläufe sind, die mit dem für die Krankheit typischen Symptom des Geruchs- und Geschmacksverlusts einhergehen (70-85%), so dass die plötzliche „Sinnesänderung“ im Grunde vielleicht sogar ein gutes Zeichen ist. Anscheinend löst das Virus bei Patienten, die einen totalen Verlust des Geruchssinns erleiden, in der Nase eine sehr starke lokale Immunreaktion aus, die zwar zu Geruchsverlust führt, gleichzeitig aber dafür sorgt, dass die Infektion auf den Riechkolben beschränkt bleibt und das Virus nicht weiter vordringt. Bei schweren Fällen kommt das Symptom weit weniger häufig vor (nur bei 10-15%). Die Überlebenden von schweren Verläufen, die ich persönlich kenne, hatten alle keinen Geruchsverlust.

(Calum Lewis/unsplash)

Bei meinem Oktober-Eintrag war ich noch nicht sicher. Inzwischen weiß ich es. Es war gar nicht so schwer, den Antikörpertest machen zu lassen, und die junge Labordame hat meine Vene zu meiner Erleichterung auch gleich gefunden. (Meine Blutabnahme-Erfahrungen sind leider ziemlich schrecklich.) Das Ergebnis lag bereits am nächsten Morgen vor. Ich war einigermaßen fassungslos und musste mehrfach hinsehen. Zuerst empfand ich tiefe Erleichterung, doch schon bald nagten erste Zweifel. „Was, wenn der Test jetzt falschpositiv ist?“ fragte meine Angst. „Bei gleich drei Arten von Antikörpern? Ziemlich unwahrscheinlich.“ „Und wenn ich mich jetzt noch mal anstecke?“ „Also sehr wahrscheinlich ist das im Moment nicht.“ „Aber es gibt doch schon so viele gefährliche Mutationen!“ „Nun beruhige dich erst mal und sei dankbar, dass es dir wieder gut geht!“ „Soll oder kann ich mich denn jetzt überhaupt noch impfen lassen oder wäre das total verkehrt?“ „Das wird sich alles noch klären. Noch sind wir eh nicht dran.“

Wie lange werden die lästigen Rückfälle mit den totalen Erschöpfungsattacken aus heiterem Himmel wohl noch auftreten? Es gibt Tage, an denen fühle ich mich wie nach einer überlangen Flugreise. Jetlag vom Feinsten, ich liege flach, zu müde zum Lesen oder Schreiben, quäle mich durch die Stunden, und die Fingergelenke tun so weh, dass ich sie kaum bewegen kann. Aber am nächsten Tag ist alles gut, als wäre nichts gewesen.

Bei vielen Menschen kann es noch Wochen und Monate nach der Infektion zu Fehlwahrnehmungen und Anosmie kommen, zu plötzlichem Haarausfall, extremen Erschöpfungszuständen, Konzentrationsproblemen, Nebel im Kopf und starken Gelenkbeschwerden, wie ich aus den großen Selbsthilfeforen weiß. Ein ständiges Auf und Ab. Haarausfall? Corona-Fatigue? „Kann, aber muss nicht“, beruhige ich die Angst. Das Lesen der vielen schlimmen Erfahrungsberichte tut uns nicht gut. Die Angst befürchtet immer gleich das Schlimmste, und ich verspreche ihr, nicht mehr jeden Tag dort vorbeizuschauen. „Hab doch bitte noch ein bisschen Geduld“, rate ich ihr. „Vielleicht haben wir ja Glück.“

Nachts machen wir deutlich mehr Fortschritte, im Traum trage ich jetzt keinen Mund-Nasen-Schutz mehr und kann andere auch wieder liebevoll umarmen. In meinen Träumen fühle ich mich schon sehr viel sicherer, im realen Leben hat sich außer einer gewissen Erleichterung beim Bahnfahren und Menschentreffen nur wenig geändert, die AHA+L Regeln werden weiter eingehalten, Kontakte weiter gemieden, die Masken nach jedem Ausflug sorgsam gewaschen. Ich werde die Sicherheitsvorkehrungen so lange befolgen, bis die Pandemie eingedämmt ist. Außerdem bin ich ja nicht allein. Was für ein Segen, dass ich einen lieben Knuffel-Kontakt und eine liebe Katze habe!

Seit dem 16. Dezember befinden wir uns im zweiten harten Lockdown, leider auch an Weihnachten, doch die Stimmung scheint trotz allem besser als beim ersten Mal. Wir wissen inzwischen viel mehr über das Virus, es gibt bereits zwei offenbar hochwirksame Impfstoffe, und heute (in einigen Orten auch schon gestern) beginnt man in der EU mit dem Impfen. In den USA und GB wird schon seit einigen Tagen geimpft. Der Twittertroll im Weißen Haus wird die Weltbühne bald verlassen, auch wenn man ihn wohl mit Gewalt wegschleppen muss, und der britische Mini-Trump hat an Heiligabend endlich den blöden Brexit durchgezogen. Es geht weiter. Mal sehen, was jetzt passiert.

Die aggressive neue Corona-Mutation, die vor allem in „meinem“ Teil Englands auftritt, macht mir Sorge, und die armen 30 000 Trucker, die tagelang auf den Straßen Kents festsaßen, nichts zu essen und zu trinken hatten, von Toiletten und Waschgelegenheiten ganz zu schweigen, und tausendmal lieber zu Hause mit ihren Familien Weihnachten gefeiert hätten, sind mir auch nicht aus dem Kopf gegangen. Doch die Staus sind jetzt aufgelöst, die Grenzen zu Frankreich wieder offen. Jetzt machen andere Länder dicht, um sich den winzigen mutierten Feind vom Leib zu halten, aber er wird seinen Weg schon finden. Leider. Im Fernsehen schaue ich mir die Jahresrückblicke an, bin bisweilen den Tränen nahe und hoffe aus tiefster Seele auf ein besseres, menschenfreundlicheres Jahr. Time for a change. High time!

Hier im Einkaufscenter hat man sich für den vorweihnachtlichen Lockdown einiges einfallen lassen, um bei den Kunden das Gefühl der Trostlosigkeit zu verhindern. Vor Weihnachten duftete es beim Hereinkommen nach frischem Brot und Teeladen, wie ich dank meines Sinneswandels erfreut feststellte, die meisten Läden waren zwar geschlossen, jedoch weiterhin beleuchtet, prächtige Weihnachtsbäume schmückten die Gänge, und von irgendwoher ertönte leise festliche Musik. Schade, dass ich bei jedem Ausflug nach draußen so in kalten Schweiß gebadet bin, dass ich mich anschließend umziehen muss. Klaustrophobie unter der Maske? Virus-Nachwehen? An die Masken haben wir uns doch längst gewöhnt? Die Angst weiß es auch nicht und schweigt lieber.

Die Menschen bewegten sich ruhig und besonnen, es gab weder Schlangen vor den Klopapierregalen noch Staus an den Kassen, nicht mal an Heiligabend. Vielleicht haben diesmal tatsächlich viele ganz allein „gefeiert“? Die meisten meiner älteren Verwandten, mit einigen habe ich in diesem Jahr viel mehr telefoniert als in sämtlichen Jahren davor zusammen, haben ihren Weihnachtsbesuchern abgesagt. Einige Geschäfte ermöglichten es den Kunden, bestellte Waren abzuholen, auch davon machten viele Gebrauch. Es waren mehr kleine Läden offen als beim ersten Lockdown, auch der Gewürzladen, den ich kurz vor den Festtagen mehrfach aufgesucht habe, weil ich plötzlich unbändige Lust auf geröstete Koriandersaat, zerdrückte Wacholderbeeren, Zimtstangen, Kürbisgewürzmischung, Arabisches Kaffeegewürz und Garam Marsala hatte. Und auf Szechuan Pfeffer, der frisch einfach unwiderstehlich duftet. Ein olfaktorisches Feuerwerk. Dass ich das vorher nie bemerkt habe!

Morgens und abends mache ich seit einigen Wochen „Riechtraining“, Physiotherapie für die Nase, habe im Internet Sets mit verschiedenen Düften erstanden, die auch von HNO-Ärzten empfohlen werden. Vier Duftrichtungen sind abgedeckt und können trainiert werden: blumig, würzig, fruchtig und harzartig.

So schnuppere ich an Thymian, Eukalyptus, Rose, Jasmin, Zitrone, Mandarine, Minze und Gewürznelke. Leider hat meine Nase immer noch viele blinde Flecken, so konnte ich unseren Adventskranz nicht riechen und leider im Moment auch nicht den hübschen kleinen Weihnachtsbaum. Schade. Ich liebe Waldgeruch! Vielleicht sollte ich mir noch ein paar ätherische Öle (Zeder, Fichte, Kiefer) zulegen? Auch bei den Duschgels ist nach wie vor kaum was los. Mir fehlen offenbar noch etliche holzige, dunkle Aromen. Aber meine Sinne sind auf einem guten Weg.

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Lebendiger Ökumenischer Adventskalender

„Kleines Dorf im Winter“, historischer Adventskalender, Richard Sellmer Verlag

„Peter und Liesel“, Reichhold & Lang, ca. 1920

Ohne „Corona“ würden mein Mann und ich am 1. Dezember genau wie in den vergangenen Jahren in der evangelischen Kirche in Weiden mit großer Freude im Rahmen des Lebendigen Ökumenischen Adventskalenders „das erste Türchen öffnen“, gemeinsam einen liebevoll vorbereiteten (und hoffentlich kurzweiligen) Powerpoint-Vortrag über Adventskalender halten und dabei Bilder von antiken und modernen Papierkalendern zeigen. Danach würden wir bei selbstgebackenen Plätzchen und Glühwein noch eine Weile gemütlich mit unseren Gästen plaudern. Doch leider mussten wir unseren Vortrag „pandemiebedingt“ auf das nächste Jahr verschieben, daher möchte ich unser Türchen in verkürzter Form hier auf meiner Seite öffnen.

Auch diesmal haben wir uns wieder auf die Suche nach thematisch passenden Kalendern für das fast verflossene Jahr gemacht und in unserer Sammlung einige Adventskalender aus dunklen Zeiten gefunden, etwa die sogenannten „Notkalender“. Sie stammen aus Vorkriegs- und Kriegszeiten sowie aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, als viele Menschen unter Traumata, Hunger und Entbehrungen litten und in den vertrauten Kalendern, in denen die Welt noch (oder wieder) heil war, ein wenig Trost und Hoffnung fanden. Die Notkalender sind auf dünnem, nicht sehr hochwertigen Papier gedruckt und sehen inzwischen fast alle sehr fleckig, „abgeliebt“ und vergilbt aus. Trotzdem sind sie kleine Schätze, denn sie haben sicher alle ihre eigene Geschichte.

„Traumnacht“, 1962, Richard Sellmer Verlag (Detail)

Es gibt auch einige historische Adventskalender in unserer Sammlung, die auf den ersten Blick recht düster wirken, etwa die sogenannten „schwarzen Adventskalender“ mit ihrem tiefschwarzen Himmel. Dies gilt auch für einen neueren Kalender („Traumnacht“, 1962) aus dem Sellmer Verlag, den der Künstler Frans Haacken bewusst dunkel gestaltet hat. Nur an wenigen Stellen gibt es sparsame Farbtupfer. Mir persönlich gefällt er gut, weil er „so anders“ ist. Oben am Himmel fliegt sogar eine fröhliche Hexe (vielleicht die Weihnachtshexe Befana?). Sellmer bietet ihn bei den historischen Nachdrucken immer noch zum Kauf an. Irgendwie passt er gut in dieses „ausgefallene“ Jahr, daher bekommt er  diesmal einen besonderen Platz in unserer kleinen privaten „Ausstellung“ hier im Haus.

Frauenkirche im Schnee, M. Röhl, Dresden, 1948 (Detail)

In Deutschland haben Adventskalender eine lange Tradition (hier wurden sie um 1900 auch „erfunden“) und sind aus der Vorweihnachtszeit gar nicht wegzudenken, auch wenn vor allem die gefüllten Varianten immer bizzarer ausfallen (u.a. gibt es sie mit Alkohol, Wurst, Parfüm, Tiernahrung und Erotikartikeln) und mit Weihnachten so gar nichts mehr zu tun haben.

Die „echten“ Adventskalender haben ihren besonderen Zauber wohl nie verloren. Selbst in Notzeiten gab es sie noch, da wurden sie von Eltern oder älteren Geschwistern gebastelt, um den Kleinen, die auf so vieles verzichten mussten, jeden Tag wenigstens eine kleine Freude zu machen.

In meiner Kindheit gehörte der Gang zum Schreibwarenladen an der Hand meiner Oma (und später meiner Mutter) zu den schönsten Highlights des Jahres. Die Verkäuferin breitete gleich zwanzig oder mehr neue Kalender auf die Theke aus, ich konnte mich gar nicht sattsehen und hatte die Qual der Wahl. Ich durfte mir leider, leider nur einen aussuchen. Ich war so aufgeregt! Ach, all die schönen Engel, Nikoläuse, Weihnachtsmänner, Märchenbilder, Zwerge, Rehe, Dörfer, Schneelandschaften und die feierlichen Krippenszenen! Glitter und Glimmer! Adventsuhren, Aufstellkalender, Türchenkalender, Abreißkalender! Sogar Hampelkalender gab es! Am liebsten hätte ich sie alle mitgenommen, doch das klappte erst, als ich erwachsen war. Die Kinderkalender habe ich immer noch. Auch den allerersten. Damals liebte ich vor allem die Bilder von Fritz Baumgarten, doch dieser Illustrator und meine alten Kalender verdienen einen eigenen Beitrag.

Kurz nach Beginn des zweiten Weltkriegs wurden Adventskalender zwar zunächst noch gedruckt, allerdings zunehmend ideologisch gefärbt und schließlich sogar bewußt für politische Zwecke mißbraucht. 1940 wurde der Druck von Kalendern verboten, da Papier nur noch für kriegsrelevante Druckerzeugnisse benutzt werden durfte. Ganz verzichten wollte man aber nicht auf den Adventskalender, daher veröffentlichte die NSDAP kurzerhand ab 1941 ihre eigene Version, den „Vorweihnachtskalender“. Darin wurden christliche Bräuche umgedeutet, so wurde aus St. Nikolaus ein martialisch wirkender „Rupprecht“, aus dem Adventskranz wurde ein „Sonnenwendkranz“,  aus dem Weihnachtsbaum ein „Julbaum“, und es gab Bastelanleitungen für Kriegsspielzeug und Lichtersprüche für Soldaten und den Führer. Der Kalender erschien in hohen Auflagen, wurde jedes Jahr leicht verändert und diente vor allem dem Zweck, Kinder auf diesem Weg ideologisch zu beeinflussen.

„Die kleine Stadt“, Richard Sellmer Verlag, 1946

Nach dem Krieg spendeten die ersten „richtigen“ Adventskalender sicher vielen Menschen Trost, denn auf ihnen waren ruhige, friedliche Szenen und vertraute Städte, Märkte und Gebäude zu sehen, die in Wirklichkeit völlig zerstört waren, etwa die Frauenkirche in Dresden. In der sowjetischen Besatzungszone erschienen die ersten Adventskalender bereits wieder 1945, und vor allem aus dem Raum Dresden sind noch viele erhalten. Immer noch erstehen kann man übrigens den ersten Kalender des Sellmer Verlags nach dem 2. Weltkrieg, die zeitlos schöne „kleine Stadt“.

Auch farbenfrohe, fröhliche Kalender wollten wir zeigen, mit all den Dingen, auf die wir in diesem Jahr schweren Herzens verzichten müssen: wimmelige Dorfszenen, geschäftige Weihnachtsmärkte, gemütliche Weihnachtswerkstätten, unbeschwerte Familien.

„Peter und Liesel“ von Lotte Block

„Peter und Liesel“, unseren „Familienkalender“, hätten wir auch wieder mitgebracht. Wir haben ihn nicht nur als gedruckten kommerziellen Kalender mit den Illustrationen von Josef Mauder (als Album und Abreißblock), sondern auch in Form von zwei ganz besonderen handgezeichneten „Originalen“.

Die erste Version stammt von „Tante Lotte“, die damit die drei Kinder ihrer allzu früh verstorbenen besten Freundin trösten wollte, die andere von der Mutter meines Mannes, die Tante Lottes Werk erbte und als Vorlage benutzte, damit jedes ihrer beiden Kinder seinen eigenen „Peter und Liesel“ Kalender  hatte. Beide Kalender sind so gestaltet, dass man sie immer wieder benutzen kann.

„Peter und Liesel“ von Hilde Leidel

Der Text (bei Tante Lotte in Sütterlinschrift) steht auf der Rückseite der Bilder, die gelocht und mit einem roten Bändchen auf ein hübsch bemaltes Stück Pappe aufgezogen sind. Jeden Tag wird die oberste Karte abgenommen und die  Geschichte darauf vorgelesen. Die Schlussbilder sind unterschiedlich, weil (bei den Eltern) eigene Familienmitglieder als Vorbild dienten. Sind alle Karten gelesen, werden sie in der richtigen Reihenfolge wieder aufs Bändchen gezogen.

Ich hätte auch wieder meinen besonderen Liebling, das Weihnachtsmärchen „Die Christrose“, mitgebracht. Der Kalender stammt aus den 1920er Jahren, die Illustrationen sind von Else Wenz-Vietor, der Text von Sepp Bauer. „Die Christrose“ thematisiert als einziger Adventskalender überhaupt die Suche nach Heilung und wirkt daher in diesem Jahr noch anrührender als sonst. In der Geschichte machen sich die Geschwister Fritz und Grete auf eine gefährliche Reise, um ihren todkranken Vater zu retten, denn nur der Duft einer ganz besonderen Blume, die vom Christkind persönlich gesegnet wurde, kann ihn wieder gesund machen. Dazu müssen die Kinder mit Hilfe vieler Tiere (u.a. Eisbär, Reh, Wildgans, Maus und Rentier) und Märchenwesen (einem bedrohlichen Riesen) das eisige, unwirtliche Land des Winterkönigs durchqueren, um  hinauf in den Himmel zu gelangen.

„Die Christrose“, Reichhold & Lang, um 1926

Jeden Tag geht die Geschichte mit einem kleinen Text und einem neuen Bild weiter, bis Fritz und Grete zum Schluss gemeinsam mit dem Nikolaus und dem Christkind im Himmelsschlitten zur Erde zurückkehren und ihrem Vater die himmlische Wunderblume bringen. Der arme Holzfäller atmet den Duft ein und wird gesund. Eine heilende Blume bräuchten so viele Menschen in aller Welt in diesem Jahr!

Der Kalender aus dem Hause Reichold & Lang war damals so beliebt, dass es ihn über mehrere Jahre in verschiedenen Ausführungen gab: als Abreißkalender mit unterschiedlichen Alben (die Bilder wurden eingeklebt, und am Ende hatte man ein Bilderbuch) und sogar in Kombination mit dünnen Schokoladentäfelchen. Damit war er 1926 möglicherweise der erste Schokoladenkalender überhaupt. Er entstand in Zusammenarbeit mit der Kölner Schokoladenfabrik Stollwerck, und als wir vor einigen Jahren im Schokoladenmuseum eine Adventskalenderausstellung hatten, fragte ich nach und daraufhin entdeckte man im Archiv sogar noch zwei bisher unbekannte Entwürfe von weiteren Schokoladenkalendern. Die wurden dann gleich mit ausgestellt, was mich sehr freute.

Vor einiger Zeit (2006) legte der Lappan Verlag „Die Christrose“ als Bilderbuch neu auf, so dass man sich auch heute noch von dem alten Weihnachtsmärchen trösten lassen kann. Leider ist das Buch bereits vergriffen, wird jedoch in vielen Antiquariaten noch angeboten.

„Die Christrose“ von Else Wenz-Vietor und Sepp Bauer, Verlag Reichhold & Lang, um 1926

 

 

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Herbst – anders als erwartet

Mit Wehmut denke ich an den Beitrag „Oktoberland mit allen Sinnen“ zurück, den ich im vorigen Jahr über meinen Lieblingsmonat geschrieben habe. Wie wunderbar der Herbst sonst immer schmeckt und duftet! All die intensiven Momente, vor allem draußen. Und ich freue mich jedes Mal aufs Neue auf den besonderen, typischen Geruch beim Aushöhlen der Halloween-Kürbisse. Doch diesmal war alles anders. Ich konnte den bunten, leuchtenden Oktober weder riechen noch schmecken, was mich in ziemliche Unruhe versetzte. Immerhin grassiert gerade eine Pandemie, zu deren Leitsymptomen Geschmacks- und Geruchsverlust gehören.

Es fing an wie bei vielen Infekten, ich fühlte mich abgeschlagen und müde. Die Nase war verstopft, Kopf und Gelenke schmerzten, ich konnte mich nicht konzentrieren, mein Puls war zu schnell, und ich geriet bei den kleinsten Anstrengungen ins Schwitzen. Ich lag auf dem Sofa, lenkte mich mit TV-Serien ab und hoffte inständig, dass der Infekt nicht Covid war und bitte nicht richtig schlimm werden würde. Was anders war als sonst: Ich konnte nichts mehr riechen und schmecken. Ich ging nicht mehr vor die Tür. Mein Mann fühlte sich auch nicht wohl, und wir nahmen mehrmals am Tag hochdosiert Vitamin C (Pulver in Brausetablette aufgelöst). Woher kam der Infekt? Ich bin extrem vorsichtig, verlasse das Haus nur selten, trage dabei immer Maske, wasche mir dauernd die Hände. Vielleicht über die Augen? Oder hatte mein Mann das mitgebracht?

Die Corona-Warn-App zeigt mir zwar nach jedem meiner „Ausflüge“ mehrere Risikomeldungen (meistens 4), aber immer nur grüne mit niedrigem Risiko. Wenn man bedenkt, wie wenige Menschen die App überhaupt installiert haben, ist das eigentlich erschreckend viel. Zum Glück hatte ich weder Fieber noch Husten und Atemnot. Doch mein Schlaf war flach und voller (Corona-)Alpträume. Selten hat mich ein Infekt derart in Unruhe versetzt.

Nach einigen Tagen ging es uns wieder besser, doch meine Welt blieb geruch- und geschmacklos, und der Oktober war für mich gelaufen. Nicht mal, dass einer der beiden Kürbisse faul war, habe ich gerochen, dabei stinkt das widerlich. Normalerweise bin ich ja ein wandelnder Lebensmittelverfallsdetektor und olfaktorischer Warnmelder („Hier stimmt was nicht! Das riecht komisch! Irgendwie anders!“), und plötzlich nahm ich nichts mehr wahr. Nicht mal (die absolute Härte!) das frisch benutzte Katzenklo, das ich normalerweise über zwei Etagen wittere. Es stank todsicher genau wie immer, doch meine Nase signalisierte nichts. Die inneren Alarmglocken schrillten, während ich versuchte, mich zu beruhigen. Vielleicht ist das ja bei jedem Schnupfen so und mir bloß bisher nie aufgefallen? Ich habe darauf noch nie vorher geachtet.

Oft genug habe ich mir im Laufe meines Lebens mitten in all den Geruchswirbeln und Reizbombardements gewünscht, zur Abwechslung mal keine hochsensible Nase zu haben, und mich gefragt, wie sich Anosmie (Geruchsverlust) wohl anfühlen könnte. Jetzt weiß ich es! Gruselig! Manchmal habe ich mir auch gedacht, dass ich ganz gut auf einige meiner extremen, intensiven Geruchswahrnehmungen verzichten könnte, weil es einfach so viele sind, weil einige stundenlang nachhallen („Nasenwürmer“), wenn der Reiz längst verflogen ist (Essig, Katzenklo, Schweiß, Jauche, Zigarettenrauch, Katermarkierung, faules Wasser, Abfluss, Mülltonne). Aber ich habe nicht geahnt,  wie verloren und orientierungslos ich mich ohne meine vertrauten sinnlichen „Wegweiser“ fühlen würde. Unsicher. Traurig. Ungeduldig. Gereizt. Panisch. Wie lange dauert das noch? Ob das jetzt so bleibt? Jetzt weiß ich, wie wichtig mein Geruchsinn für mich ist. Die Welt um mich herum war kalt, flach und steril, irgendwie leerer – und machte mir noch mehr Angst als ohnehin schon.

Dass ich nicht mehr schmecken konnte, war nicht ganz so schlimm, es nahm mir allerdings den Genuss und die Freude am Essen. Ich esse wirklich gern, liebe die Kombination aus Duft und Geschmack von Speisen, Gewürzen und Kräutern. Als meine Nase wieder „frei“ war, ging ich zum Gewürzschrank und „probierte Schmecken“. Es war erschreckend. Nur bei Salz spürte ich was. Ausgerechnet! Salz mag ich nicht. Ich reagiere darauf empfindlich, schnell sind Gerichte für mich versalzen, die für andere normal oder gar laff schmecken. Die Salzempfindung war noch da, ein eindeutiger Reiz auf der Zunge. Ich nahm mir fest vor, nie mehr über versalzene Speisen zu schimpfen….

In den folgenden Tagen und Wochen versuchte ich das Schmecken immer wieder, vor allem mit meinen Lieblingsgewürzen. Ich erkannte die Pfeffersorten nicht mehr (sonst sind sie alle unterschiedlich: leicht brennend, warm, nussig, frisch, zitronig, scharf oder holzig-bitter), spürte aber stattdessen die unterschiedlichen Texturen deutlicher. Als hätte sich eine zusätzliche Instanz eingeschaltet, um mir zu helfen. Zucker schmeckte nach nichts, selbst extrem Saures konnte ich nicht mehr erkennen. Den Vitamin-C-Drink, bei dem ich mich normalerweise angewidert schüttle, kippte ich ungerührt in mich hinein. Beim Essen fühlte sich einiges im Mund kühl, weich oder prickelnd an, auf der Zunge gab es also offenbar noch Empfindungen, doch ich konnte sie nur einordnen, weil ich wußte, wie es normalerweise schmecken würde.

Als Mensch mit einer „Jagdhundnase“ macht man offenbar (unbewusst) recht merkwürdige Dinge. Mir fiel auf, dass ich an (fast) allem, was ich esse, berühre oder anziehe, vorher rieche. In meinem Buch über Hochsensibilität habe ich dem Geruchssinn nicht von ungefähr das längste Kapitel gewidmet, denn er ist eindeutig mein „nervigster“ Sinn. Jetzt ertappte ich mich bei „sinnlosen“ (ritualisierten?) Witterungsaktionen, beobachtete, wie ich die Nase in meinen (geruchlosen) Pullover drückte, die (geruchlose) Milchpackung beschnupperte, das (geruchlose) Katzenfutter, den (geruchlosen) Käse. NICHTS. Ich roch weder angebranntes noch duftendes Essen, nicht mal Bacon oder Sauerkraut (hängt normalerweise tagelang deutlich wahrnehmbar in der Luft), keinen Kaffee, keinen Herbstgarten, kein nasses Laub. Keinen Heizungskeller, keine Waschküche, kein Auto, keine Straße, keine Regenluft. Alles war „neutral“ und irgendwie kalt. Auch die Vorratskammer und das Gewürzschränkchen waren steril. Mülleimer, Biomüll und Abfluss müffelten nicht mehr. Ich roch draußen kein fauliges Wasser im Übertopf, kein Brünnchen- oder Teichwasser, kein Efeulaub, keine Perückenstrauchblätter (beides sehr angenehm), und drinnen kein „altes“ Wasser in der Vase, keinen Zitronenschimmel, keinen alternden Apfel, keine Tomate, keinen meiner vielen Bastelkleber. Kein Holz, keine Kürbissuppe, kein frisches Brot, kein Papier, keine Zeitung, keine Bücher, keine karamellige Créme brûlée-Kruste.

Von feineren Düften wie Katzenfell ganz zu schweigen. (Ich konnte meine Katzen immer am Geruch ihres Fells unterscheiden, selbst ihre Pfoten rochen individuell. Feuchtes Katzenwelpenfell riecht übrigens wie nasse Wolle.) Hundefell hätte ich wahrscheinlich auch nicht mehr wahrgenommen (als Kind wurde mir regelmäßig schlecht, wenn unser Hund aus dem Regen ins Haus kam). Ich roch auch nicht mehr, ob der DHL-Mann im Auto geraucht hatte (normalerweise am Päckchen klar zu erschnüffeln) oder ob die Verpackung im Keller gelagert worden war (unangenehm, nicht wegzukriegen). Ich rieche bei offener Tür zum Garten auch gleich, wenn nebenan der Großvater zu Besuch kommt, denn er raucht Pfeife.

Meine Handcremes und Duschgels (ich habe mehrere, je nach Stimmung) rochen nach NICHTS. Genau wie die verschiedenen Seifen, Spül- und Putzmittel. Ich versuchte es mit schweren Kalibern: Salbe aus Indischem Weihrauch und Isopropylalkohol. Keine Reaktion. Oh Gott, nichts mehr, das mich warnt, wenn ich verfallene, giftige, gefährliche Substanzen in die Nähe meines Gesichts bringe, berühre oder zu mir nehme? Und was ist mit Brandgeruch oder Gas? Gasgeruch versetzt mich immer in Panik, zum Glück haben wir keins hier im Haus. Chlor? Das nimmt man doch sicher mit verschiedenen Sinnen wahr? Ich rieche es in englischen Häusern überdeutlich (wegen des gechlorten Wassers), und im Schwimmbad brennen und stechen mir davon ganz schlimm die Augen. Aber Chlorreiniger war nicht zur Hand, weil ich ihn hassbedingt längst aus dem Haus verbannt habe. Feuchte Wände? (Hoffentlich nicht!) Die meisten Rohrbrüche hier im Haus habe ich gerochen. Und wenn es jetzt irgendwo brennt? (Hoffentlich nicht!). Zwei wichtige Teile meiner hochsensiblen Alarmanlage waren ausgefallen! Auch mich selbst nahm ich nicht mehr wahr. Ich hätte wie ein Stinktier durch die Gegend laufen können und nichts davon gemerkt!

Zu meinem Erstaunen (das einzig Interessante an dem unfreiwilligen „Experiment“) entdeckte ich in der geruchlosen Welt gleich zu Anfang einen Sensor, den ich vorher noch nie bemerkt hatte. Ich spürte nämlich in all der Wahrnehmungsleere ein feines Prickeln oder Kribbeln in der Nase, wenn ich an Produkten zu riechen versuchte, die möglicherweise einen gemeinsamen Bestandteil enthielten. Sowohl Flüssigseife, Shampoos als auch Duschgels „prickelten“ subtil in der Nase. Der Reiz erinnert mich an die Empfindung, die ich beim Schnuppern an Wein oder Bier habe. War das vielleicht ein geheimer Detektor für Alkohol? Ich schaute mir mit der Lupe (winzige Schrift!) die Inhaltsstoffliste an. Alkohol gehört zu meinen Problemsubstanzen, mir entgeht kein Tröpfchen davon im Essen, gleich bekomme ich einen „Flush“, doch auf der Haut tut er mir nichts. Jetzt entdeckte ich ihn tatsächlich in Produkten, in denen ich ihn nie vermutet hätte. Gibt es möglicherweise einen eigenen Sensor für Alkohol, den man unter all den dominanten Geruchs- und Geschmacksreizen, die dauernd auf einen einprasseln, nicht bemerkt? Das wäre immerhin noch ein zuverlässiges Warnsignal!

Normalerweise erkenne ich vertraute Orte, Räume und Menschen an ihrem individuellen Geruch und identifiziere alle mir bekannten Duftwässer sofort. Noch vor kurzem habe ich damit eine Bekannte beeindruckt. Es umwehte sie eine Wolke, die mich gleich zweifach in die Siebziger Jahre versetzte. Eau de Lancôme! Studentinnenheim in Köln! Das Haus in England! Diesen Duft benutzten damals zwei meiner Freundinnen, was mich immer stark irritierte, denn sie waren ansonsten völlig unterschiedlich. Lang her, aber klar und unverwechselbar gespeichert, gleich mit zwei Zeiten, Orten und Personen. Gerüche, Düfte und Erinnerungen sind bei mir so eng verknüpft, dass ich sie oft bewusst und gern als „Schreibtrigger“ benutze (etwa Jasmintee, Käsekuchen oder heiße Schokolade). Wenn ich einen Kaninchenstall rieche (Wiesenheu, trockenes Stroh, Kaninchen), fange ich an zu weinen. Ich kann nicht anders. Der Geruch versetzt mich so intensiv in meine Kindheit und zu meinen Kaninchen, dass ich emotional völlig fertig bin. Aber auf eine gute Art.

Ich merkte, dass ich ohne meine übliche „Smellscape“ (Geruchslandschaft) immer mehr die Orientierung verlor, und versuchte gegenzusteuern. Das Essen schmeckte zwar neutral, aber die Erinnerung half. Ich wusste ja genau, wie alles riechen und schmecken sollte, stellte mir beim Kauen und Schlucken den Geschmack vor und achtete zum Trost noch mehr als sonst auf die Textur und Temperatur der Nahrungsmittel in meinem Mund. Die glatte Haut der Paprika, ihr weiches Fleisch, die raue Kruste der Bratkartoffeln, das kühle Prickeln des Mineralwassers, das warme, weiche Teewasser, die cremige Sahne, der dicke griechische Joghurt.

Dass ich nicht mal mehr meine Mundspülung („Listerine Cool Mint“) schmecken konnte, erstaunte mich. Das Zeug riecht und schmeckt normalerweise extrem stark (nicht besonders angenehm). Den Geschmack und Geruch habe ich stundenlang in Mund und Nase, aber meine Zahnärztin schwört drauf und es ist eindeutig gut für mein Zahnfleisch. Und jetzt? Nur ein schwacher „Luftwechsel“ im Mund und die erstaunte Erinnerung daran, wie intensiv es eigentlich schmecken müsste. Immer wieder der Gedanke: Hoffentlich erholen sich meine Sinne schnell wieder! Im Internet las ich, dass es Monate dauern kann, wenn Covid das Riechzentrum erwischt. Und schlimmstenfalls sogar bleibt. Aber vielleicht war das ja nicht Corona, sondern irgendwas anderes.

Ich machte weiterhin mehrmals am Tag mein Schmeck- und Riechtraining in Bad und Küche, am Gewürzschrank, im Keller, draußen bei den Kräutern. Bei Kümmel gab es die erste kleine Reaktion, vorn auf der Zunge. Alles andere schmeckte und roch weiter neutral. Wacholderbeeren, Koriander, Muskat, Vanille, Zimt, Gewürznelken, Schwarzbrot, Toast, Orangen, Tomaten, Äpfel – alles gleich. Aber ich konnte es leicht an der Textur unterscheiden. Dann die erste richtige „Sensation“, gleich beim ersten Versuch. Szechuan Pfeffer! Warum war mir der nicht schon früher eingefallen (über die extreme Prickelwirkung und meine Abneigung gegen dieses Gewürz habe ich hier vor einiger Zeit schon geschrieben). Ich war glücklich und gönnte mir das Kribbeln gleich mehrmals. Die Zungenspitze prickelte so wild, als hätte ich sie in Brausepulver getaucht. Allerdings wurde diesmal meine Mundschleimhaut danach nicht taub. Erst nach mehr als zwei Wochen hatte ich den Eindruck, wieder mehr schmecken zu können.

Frische Kräuter (Rosmarin, Thymian, Koriander, Petersilie, Salbei, Minze, Basilikum, Zitronenmelisse, Zitronenverbene) schmeckten und rochen weiter neutral. Leider auch meine Eau de Toilette-Sammlung (auch hier wähle ich den Duft normalerweise je nach Tagesstimmung). Ich probierte meine Lieblingsdüfte geduldig immer wieder aus. Jeden Tag nebelte ich mich mehrfach ein, und die Zimmer auch, allerdings mit einem anderen Duft. Das erste, was ich identifizieren konnte, war „Drakkar Noir“. Dann erkannte ich (entfernt) „Cool Water“. Beide sind sehr intensiv, verflogen allerdings im Gegensatz zu sonst schnell wieder.

Nach einer weiteren Woche ging es bergauf. Ich roch jetzt (schwach) verschiedene Wurstsorten (leider immer noch keinen Käse), Wein (beim üblichen Glasbeschnuppern, mit deutlichen Prickeleffekt), schmeckte Wacholderbeeren (schwach), Muskat (schwach), Pfeffer (schwach). Und dann kam mein „Listerine“ urplötzlich mit aller Macht zurück. Am Vorabend hatte es noch nach nichts geschmeckt und gerochen. Ich war hocherfreut.

Petersilie war als erstes Kraut wieder am Geruch und Geschmack erkennbar, dicht gefolgt von Zitronenmelisse und Zitronenverbene. Rosmarin, Thymian und Salbei brauchten deutlich länger. Inzwischen kann ich sie alle wieder unterscheiden, habe aber den Eindruck, dass ich nur über einen kleinen Teil meiner normalen Wahrnehmungskraft verfüge. Auch Korianderkörner und mein arabisches Kaffeegewürz duften wieder. Der schlimmste Gestank braucht komischerweise am längsten: Katzenklo! Extrem dezent im Vergleich zu sonst, aber egal. Überhaupt wieder riechen und schmecken zu können, fühlt sich an, als wäre ich nach einer unfreiwilliger Verbannung wieder nach Hause gekommen.

Herbst (Thomas Millot/unsplash)

Schlimm war der Abend, an dem ich einen Topf mit Waschpulver für die Maskendesinfektion aufsetzte und dann in ein anderes Zimmer ging. Ohne meine Nase merkte ich erst, dass er komplett leer gekocht war, als die Sicherung herausflog. Nur gut, dass keine Masken drin waren und die Küche nicht in Brand geriet. Der Topf war völlig schwarz verfärbt und konnte nur mit einer halben Flasche Stahlfix und viel Armarbeit wieder in den Normalzustand zurückversetzt werden, beinahe hätte ich ihn weggeworfen.

Schmecken kann ich inzwischen wieder gut. Beim Geruch muss ich zeitweise noch auf meine gut trainierte und immer sehr bewusste Wahrnehmung vertrauen. Anfang der Woche hatten wir (Probe aufs Exempel) Sauerkraut und Kassler, und der intensive Geruch hing zu meiner Erleichterung auch am nächsten Tag noch klar in der Luft. Vorgestern Curry. Auch mit normalem „Geruchsecho“. Das tolle Duschgel meines Mannes kann ich immer noch nicht riechen. Auch seine Niveacreme nicht. Und obwohl alle Gerüche schnell verfliegen, bin ich froh, dass sie zumindest kurz wieder da sind: „Frühstück“, „Küche“, „Wohnzimmer“, Efeu- und Perückenstrauch. Teich und Brünnchen „stinken“ wieder, nur schwächer, aber das finde ich nicht so schlimm (normalerweise muss ich mir die Hände zigmal waschen, um den Gestank loszuwerden). Auch die Kräuter sind auf einem guten Weg. Thymian und Rosmarin (meine Lieblinge) erkenne ich klar und deutlich.

„Phantomgerüche“ (halluzinatorische Wahrnehmung) oder „Fehlgerüche“ bemerke ich nicht, habe nur ein paarmal im Haus und im Garten plötzlich Rauch, Räucherstäbchen oder Lack „gerochen“, obwohl keine Quelle dafür auszumachen war. Hoffentlich verschont mich die Parosmie (Geruchsstörung), vor allem die eklige Kakosmie (Gerüche werden fälschlicherweise als unangenehm wahrgenommen), von der ich inzwischen einiges gelesen habe. Da riecht Toast plötzlich wie Jauche und Seife wie Schweißfüße. Oder die ganze Welt stinkt tagelang nach Urin. Aber es gibt ja auch die Euosmie (Gerüche werden fälschlicherweise als angenehm empfunden), dann duftet das Katzenklo vielleicht nach Maiglöckchen. Oder der Teich nach Rosen.

Meine Welt wird mit jedem Tag wärmer und heimeliger. Gestern habe ich Plätzchen gebacken. Der ultimative Test, denn ich gehe beim Backen immer nur „der Nase nach“, was Backzeit und Temperatur betrifft, egal was im Rezept steht. Das erste Blech braucht manchmal nur 12 Minuten, das nächste vielleicht 15. Es lief recht gut. Der „Plätzchen sind fertig!“-Duft ist eindeutig wieder da. Die „Meldung“ kommt ganz plötzlich, und dann muss ich das Gebäck sofort aus dem Ofen holen. Ich backe nie mehrere Bleche auf einmal, weil meine Cookies dann nicht „perfekt“ werden. Dauert zwar länger und man muss daneben sitzen, aber das ist es wert.

Eins habe ich mir fest vorgenommen: Ich werde nie mehr über meine feine Nase klagen. Ohne sie bin ich nicht ich selbst. Ob der „Infekt“ Covid war? Wenn ja, hatte ich offenbar ein Riesenglück. Wenn ich wüsste, wo man hier den Antikörpertest machen kann, würde ich ihn machen. Bestimmt käme ich dann entspannter durch Lockdowns und Winter. Gegen Grippe bin ich inzwischen wie immer geimpft, und die Covid-Impfung werde ich mir sofort holen, wenn es die Möglichkeit dazu gibt. Übrigens ist der neu entdeckte subtile Alkohol-Detektor immer noch da, was ich durchaus als Bereicherung empfinde.

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Sankt Martin reitet heute nicht

„St. Martin“ ( Ulla Genzel )

Ohne „Corona“ wäre heute St. Martin und „Kölner Jeckentag“. In meiner Kindheit war  das Martinsfest einer meiner Lieblingstage. Schon frühmorgens war ich aufgeregt und konnte es kaum aushalten, bis wir uns gegen fünf endlich „im Dorf“ (Dunkerhofstraße) versammelten und mit unseren bunten Laternen los zogen. Immer mit der Angst, es könnte zu regnen anfangen oder der Wind könnte die Kerzenflamme so umlenken, dass die „Lööt“ aus Papier zu brennen anfing. Wir sangen inbrünstig zum Klang der Blaskapelle unsere plattdeutschen und hochdeutschen Lieder und folgten St. Martin auf seinem mächtigen, schnaubenden Schimmel.

St. Martin (planet_fox/pixabay)

Flankiert von zwei römischen Soldaten ritt er langsam durch die Straßen. Bis zu unserer Schule, wo auf dem weiten Feld das große Martinsfeuer in den Himmel loderte und der frierende Bettler seine Kreise zog. St. Martin schenkte ihm den halben Mantel (warum eigentlich nicht den ganzen?), dann kam das Feuerwerk, und danach liefen wir begeistert in die Schule und bekamen unsere „Bloas“ (Tüte mit Obst und Leckerzeug). Zu Hause gab es „Püfferkes“ und „Mutzemandeln“. Ach, wie lange habe ich keine Püfferkes mehr gegessen! Mit Äpfeln! Und Rosinen! Aber mir fehlt leider das Rezept meiner Mutter.

Laterne, Laterne…. (Bellahu123/pixabay)

Das farbensprühende Feuerwerk war so schön, dass ich als kleines Kind nach der Hand meiner Oma griff und später, als Schulkind, nach der Hand meiner Freundin. Noch später, als Teenager, nach der Hand meines Freundes, und dann, als leidenschaftliche Tante, nach der Hand meiner kleinen Nichte. So etwas Wunderbares kann man nur genießen, wenn man die Hand eines Menschen drückt, den man wirklich lieb hat. Ich bin jahrzehntelang an diesem Tag an den Niederrhein gefahren, um dort „richtig“ den Zug zu genießen.

St. Martin „bemaskt“ (Caniceus/pixabay)

Ähnlich emotional werde ich, wenn ich die Wildgänse oder die Kraniche beobachte, die über unser Haus ziehen (wie gestern!). Dann denke ich an meinen Vater („Kind, komm schnell nach draußen, die Zugvögel sind da!“). Jetzt rufe ich meinen Mann („Jan! Komm schnell runter, die Zugvögel sind da!“) Meistens braucht er zu lange, bis er endlich im Garten ankommt, aber gestern hat er es geschafft. Zum Glück war es nämlich nicht nur ein Zug, es waren gleich drei hintereinander. Ich saß in der Küche, flickte meinen Lieblingspullover, hörte die fernen Rufe und stürzte gemeinsam mit meiner Katze sofort nach draußen. Ich liebe Zugvögel!

Ganz viel Gans (Caniceus/pixabay)

Gänse spielen auch an St. Martin eine Rolle, aber keine schöne. Jedenfalls nicht für die Vögel. Für Fans von Gänsekeulen mit Rotkraut und Klößen schon. Warum haben die dummen Tiere ihn auch durch ihr Geschrei verraten, als er  sich bei ihnen im Stall versteckte, weil man ihn zum Bischof machen wollte! Eigentlich hätte man sie dafür entsprechend belohnen müssen – und nicht aufessen! Als Kind verstand ich diese Logik nicht. Aber wahrscheinlich hat die Martinsgans ganz andere Wurzeln und mit dem Heiligen kaum was zu tun: Am 11.11. wurden nämlich früher die Steuern und Lehnsabgaben fällig, und die wurden oft in Form von Naturalien „gezahlt“. Also auch mit Gänsen.

Herbstwald (Romansolar/pixabay)

Ähnlich schwer tat ich mich bei einem anderen Heiligen, dessen Fest erst wenige Tage zurückliegt: St. Hubertus, der ein erklärter Gegner der Jagd wurde, nachdem ihm ein weißer Hirsch mit einem leuchtenden Kreuz in den Geweihstangen begegnete (Jägermeister!). Daraufhin änderte er sein Leben und wurde erst zum friedlichen Einsiedler und später (wie St. Martin!) widerstrebend zum Bischof. Warum wurde ausgerechnet dieser friedfertige Mann und erste Jagdgegner zum Schutzpatron der Jäger (und der Metzger und Büchsenmacher)? Eigentlich hätte man ihn doch zum Schutzpatron der Waldtiere machen müssen? Ihm zu Ehren fand am 3. November jedenfalls zuerst eine Messe (mit feierlichem Hörnerklang) und dann eine Treibjagd statt, und am Ende lagen die armen Tiere reihenweise tot auf dem Boden. Mein Vater brachte an diesem Tag stets bedauernswerte leblose Wesen mit nach Hause, meist geflügelt oder mit langen weichen Ohren. Ich weigerte mich, sie zu essen. Bis heute rühre ich kein Wild an. Niemals. Gänsebraten habe ich übrigens auch noch nie gegessen.

Kempen (Caniceus/pixabay)

Doch zurück zu St. Martin. Im benachbarten Kempen, einer wahren Martinshochburg und für seine  Lichterumzüge zu Recht berühmt, war alles noch prächtiger. Da zogen (und ziehen!) etwa 2 000 Kinder sogar an mehreren Tagen durch das alte Städtchen mit den schmalen Gassen. Die Besuche dort waren überwältigend. Noch viel mehr Musik, eine schier endlose Prozession von Kindern mit leuchtenden „Fackeln“ (so nennt man am Niederrhein die Laternen). Inzwischen sind allerdings die meisten Fackeln auch in Kempen in Plastik „eingepackt“ und haben eine ungefährliche Beleuchtung und keine echten Kerzen wie in meiner Kindheit. Und zum Schluss gibt es ein Feuerwerk, das direkt aus der Burg in den Himmel steigt und an den Seiten wie flüssige Lava herabströmt. Ich habe eine CD mit unseren Martinsliedern (kann man im Internet beim St-Martin-Verein Kempen erstehen). Ich muss nur aufpassen, dass mir beim Hören nicht die Tränen kommen.

Vielleicht gibt es ja sogar eine Verknüpfung von St. Martin und Halloween, denn früher wurden im Herbst auf dem Land auch Laternen aus ausgehöhlten Rüben umhergetragen.  Und am Ende der Erntesaison wurde ein Feuer auf den Feldern angezündet, zum Dank für die Ernte und als Abschied vom Jahr. Solche Herbstfeuer gibt es auch in Ländern, die mit St. Martin nichts am Hut haben, etwa in England, wo am 5. November im ganzen Land „Bonfires“ angezündet werden und unter lautem Geknalle der „Guy“ verbrannt wird. („A penny for the guy, Miss!“ höre ich meine kleinen Schüler durch die Jahrzehnte rufen.) Das Fest erinnert angeblich an Guy Fawkes, aber die Wurzeln liegen sicher tiefer.

vertrauter Anblick am Niederrhein (Foto Rabe/pixabay)

Am Niederrhein sind die Zugvögel im Herbst und Winter tatsächlich ein Naturschauspiel, denn in „meiner“ Gegend überwintern ungefähr 170 000 Wildvögel, vor allem an den Krickenbecker Seeen, und wenn die eintreffen, ist das schon sehenswert. Mein Vater ließ mich früher oft die Namen der Vogelarten aufsagen: Nilgans, Blässgans (von November bis Februar am Niederrhein), Graugans, Kanadagans, Kurzschnabelgans, Ringelgans, Saatgans, Weißwangengans, Brandgans (knallroter Schnabel, leicht zu erkennen).

Gänseflug (pixabay)

Am Niederrhein brüten sogar Weißstörche, und einige bleiben auch im Winter dort, weil sie auch dann noch genug zu fressen haben. Im Kreis Wesel finden sich im Winter rund 25 000 arktische Gänse ein. Ich war tief beeindruckt, wie nahe wir an die Tiere heran kamen. Wenn man klein ist, kann eine flügelschlagende, zischende oder schreiende Gans ganz schön eindrucksvoll sein. Wir besuchten die Wasservögel jeden Sonntag nach der Messe. Es war ein schönes Ritual, neben meinem Vater am Ufer zu stehen und immer wieder nach seiner großen, warmen Hand zu greifen. Blöd war bei den Gänsen nur, dass ich ewig brauchte, bis ich ihren Namen richtig schreiben konnte. Ich schrieb nach Gehör und verstand nicht, wieso ein Wort mit z gesprochen, aber mit s geschrieben wurde. Noch schlimmer war es nur noch bei Artzt.

St. Martin unbemaskt (Caniceus/pixabay)

Kein Wunder, dass ich jedes Jahr im November sentimental werde. Auch dieses Jahr, obwohl St. Martin gestrichen ist. Fantasievolle und kinderfreundliche Menschen haben sich einige Alternativen ausgedacht: Lichterfenster, Martinsfenster, St. Martin mit Laterne zu Hause im Wohnzimmer oder draußen im Garten. Mal sehen, ob es funktioniert. Ich versuche es jetzt einfach mal mit diesem Beitrag als „virtuelles“ Fenster. Schade, dass es so wenige schöne Fotos von den Laternenzügen gibt, ich versuche jedes Jahr wieder, welche zu machen, aber meine Ausbeute fällt immer mager aus, entweder sind die Lichtverhältnisse grottenschlecht oder die Laternen „verhüllt“. Und weil hier die Kinder nicht „richtig“ laufen. Nicht so wie am Niederrhein.

Wir wohnen neben einer Schule, so dass ich in unmittelbarer Nähe des Martinsfeuers bin, ich höre es im Haus draußen prasseln und krachen, und der Rauch weht meistens genau in unseren Garten. Im vorigen Jahr war das Feuer eine Katastrophe, denn der Hausmeister hatte feuchtes Heu zwischen das Holz gepackt. Der Gestank hing bis zum nächsten Morgen im Flur, aber darüber habe ich im letzten November schon geschrieben. In diesem Jahr gibt es nicht mal ein Feuer, obwohl das Holz schon seit einiger Zeit bereit liegt.

St. Martin (Caniceus/pixabay)

Auch die berühmte Fünfte Jahreszeit wird diesmal nicht gebührend eingeläutet, denn Karneval ist ebenfalls abgesagt. Kein Maskenball, keine Jecken auf den Straßen und in den Bahnen. Stattdessen Alkoholverbot, auch draußen, Feiern untersagt, bei Verstößen wird konsequent eingeschritten. So ruhig wie heute war es hier am 11. 11. noch nie. Für Touristikbranche, Kneipen und Kostümgeschäften eine Katastrophe. Stattdessen gibt es eine Demonstration gegen die Corona-Schutzbestimmungen (seufz) und einen Zeppelin über der Innenstadt mit der Aufschrift „Bliev zohuss“ (gute Idee!). Auf der anderen Seite steht „Bleibt gesund“. Wie heute in Düsseldorf der Hoppeditz erwacht, kann man sich im Internet ansehen. Aber zu Düsseldorf haben wir Kölner ja ein eher gespanntes Verhältnis. Wir haben den Ähzebär, aber der fällt nächstes Jahr auch aus. Ich habe mich lange gefragt, warum ausgerechnet der Elfte im Elften der Auftakt der Narrensaison ist und glaube jetzt, die Antwort zu kennen. Genau wie beim echten Karneval beginnt nämlich direkt nach diesem Tag die Fastenzeit (die vor Weihnachten natürlich), und da muss man sich einfach noch ein letztes Mal aufbäumen und so richtig über die Stränge schlagen und „die Sau rauslassen“.

Remembrance Day (CalvinStuttart/pixabay)

In Großbritannien begeht man übrigens heute den Poppy Day oder Remembrance Day und gedenkt der Gefallenen des Ersten Weltkriegs. Das habe ich nach meinem Leben in England an diesem Tag auch noch im Hinterkopf. Ich besitze sogar eine kleine Mohnblume, wie man sie sich dort an diesem Tag ansteckt.

So viele Gedanken und Gefühle an einem einzigen Tag. Übrigens sind viele der Fotos zu diesem Beitrag von einem Fotografen aus Kempen, den ich heute bei pixabay entdeckt habe.

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Kölner Stämme – Die Piraten (2)

Piratenschiff? (JACLOU-DL/pixabay)

Mitunter kann Schreiben ein erstaunlich abenteuerliches Unterfangen sein, denn es können dabei merkwürdige Dinge passieren. Sogar kleine Wunder. So fand ich durch meinen ersten Roman den längst verloren geglaubten kleinen Friedhofsengel meiner Kindheit wieder, durch ein anderes Buch landete ich unerwartet im „Kölner Treff“ und bekam sogar eine wunderbare seelenverwandte Bärenschwester. Doch meistens habe ich natürlich keine Ahnung, wo meine Buchkinder und Geschichten hinfliegen und landen. Schon gar nicht, wenn die Texte nur im Internet erscheinen. Hier auf meiner Seite fabuliere ich daher also mehr oder weniger ins Blaue hinein und freue mich, wenn zufällig jemand meine Gedanken findet und meine Bilder anschaut. Normalerweise habe ich keine Ahnung, wer diese Personen sind, sie hinterlassen nämlich keine für mich sichtbaren Spuren, es sei denn, sie nehmen mit mir Kontakt auf. So wie nach meinen Beitrag über die Kölner Stämme.

Pirat Wolf Pinfeather (BFL)

Höchstwahrscheinlich wäre es wohl bei dem ersten allgemeinen Beitrag geblieben, wenn mir nicht ein kühnes Mitglied der „Löstige Gladiatore“ eine freundliche Mail geschickt hätte, die mich zum Recherchieren und Weiterschreiben beflügelte. Jetzt hatte ich einen Ansprechpartner, der mir auch bei kniffligen Fragen und Zuordnungen weiterhelfen konnte. Über viel Hintergrundwissen, was die Kölner Stämme betrifft, verfüge ich leider (noch) nicht, denn bei den Stämmelagern war ich vor allem als Fotografin unterwegs und nicht als Reporterin oder Schriftstellerin. Aber ich lerne gern dazu, und besonders schön ist es, wenn ich weiß, dass meine Texte anderen Freude machen und tatsächlich gelesen werden.

Käpt’n Kalli (BFL)

Auf Seemann, Tod und Teufel!

Die „Santa Colonia“ (BFL)

Nach meinem Mailwechsel mit dem kampferprobten Gladiator beschloß ich aus literarischen Gründen (R.L. Stevenson, über den ich unbedingt irgendwann schreiben muss, denn ich war schon drei Mal im „Lady Stairs House“, dem Schriftstellermuseum in Edinburgh!), mit den Piraten anzufangen. Und zu meiner großen Verblüffung wurde auch dieser Beitrag in Windeseile erspäht, allerdings diesmal von messerscharfen stahlblauen Piratenaugen. Und jetzt kenne ich bloß durch mein Schreiben nicht nur einen veritablen Gladiator, sondern auch einen gefährlichen Seeräuber!

Leider teilte mir der Pirat in einer zweiten Nachricht mit, dass Käpt’n Kalli, der erfahrene, mit allen Wassern der Sieben Meere gewaschene Seebär und stolze Kapitän der Dreimastbark „Santa Colonia“, am Montag dieser Woche seine letzte Fahrt angetreten hat. Genau einen Tag, nachdem ich meinen Beitrag geschrieben hatte. Ein trauriger Zufall. Der heutige Beitrag ist daher auch ein kleiner Nachruf auf einen wohl ganz besonderen Piraten und Menschen. Möge seine Überfahrt sanft sein! Seine wilde Crew schaut ihm wehmütig nach und verabschiedet sich auf ihre Weise: „Auf Seemann, Tod und Teufel!“  „Fair winds, Captain!“ „Komm gut über die Brücke!“ Vergessen werden sie ihn sicher nie, und bestimmt wird er weiterhin an ihrer Seite bleiben, wenn sie fluchend die Sieben Meere unsicher machen. Auf Seemann, Tod und Teufel!

Pirat Jack Sperrholz (BFL)

Inzwischen weiß ich schon einiges mehr über die „Original 1. Kölner Piraten von 1968 k.e.V.“ (ein fürwahr langer Name, und die Abkürzung steht für „kein eingetragener Verein“). Überhaupt zeichnet sich die Crew durch einen typisch kölschen Humor aus.“Der Verein“ wurde vor nunmehr 52 Jahren von Karl-Heinz Hansmann gegründet, jenem Mann, der später unter dem Piratennamen Käpt’n Kalli berühmt wurde und zuerst ganz allein unterwegs war, aber schon bald eine immer größer werdende wilde Horde anführte. Bis letzten Montag. Ich bedauere sehr, dass ich mich bei den Stämmelagern nicht näher an ihn herangetraut habe, aber die Piraten sahen einfach zu unheimlich aus!

Käpt’n Kalli (BFL)

Vor drei Tagen nahm ich schließlich allen Mut zusammen und enterte heimlich bei Nacht und Nebel die „Homepage“ und schaute mir auch gleich die Gesichtsbucheinträge der Piraten an. Zum Glück hat mich dabei keiner erwischt, auch der Steuermann nicht, er war anderweitig beschäftigt. Ich sah mich in Ruhe um und fand mich schon bald in der wilden Seeräuberwelt einigermaßen zurecht. Einiges habe ich kurzerhand mitgehen lassen („requiriert“ würden die Piraten wohl sagen) und ungefragt für diesen Beitrag verwendet (darauf steht sicher normalerweise eine empfindliche Strafe, mindestens „Prozessanhals“), aber ich schätze, dass die Seeräuber mir das ausnahmsweise nicht übel nehmen, denn ich habe es schließlich nur „ausgeliehen“, um ihren Ruhm zu mehren und ihren Käpt’n zu ehren.

Pirat Schwarzbart (BFL)

Jedenfalls kenne ich jetzt die Namen der momentanen „Santa Colonia“-Crew und kann einige Personen auf meinen Fotos sicher identifizieren. (Offenbar war ich bereits bei vier Stämmelagern!) Ich finde nicht nur Käpt’n Kalli, sondern auch Jack Sperrholz, Turners Frank, Smutje Jean Lafitte, Navigator Schwarzbart („Hält den Kurs. Manchmal.“) und Havanna Charly. Bei den Piratenbräuten bin ich mir nicht sicher. Sind das jetzt Mary Reed und Coco Batida? Oder Jamaica Ann und Tina Osborn? Oder gar Käptn’s Chef? Der imposanten Charlotte de Berry bin ich bisher offenbar noch nicht persönlich begegnet. Auch den 1. Offizier James Blood („Hält die Fäden in der Hand. Und die Neunschwänzige.“) finde ich nicht auf den Bildern, aber vielleicht fehlt mir da der messerscharfe Piratenblick. Ich habe dummerweise ein kurzsichtiges und ein weitsichtiges Auge und sehe dadurch alles irgendwie schräg. Sogar Piratengesichter.

Piratenversammlung (BFL)

Havanna Charly (BFL)

Meinen kühn erbeuteten Quellen zufolge ist der Pirat Calico Jack ein „Grielächer“, also ein Spötter (typisch kölsches Wort), was immer das bei einem Piraten bedeuten mag. Ein wenig spöttisch sieht er schon aus (Sie finden sein Bild im vorigen Beitrag, da habe ich die Bildtitel inzwischen aktualisiert). Havanna Charly hatte ich aufgrund seiner wuchtigen Präsenz zunächst fälschlich für einen weiteren Käpt’n der Crew gehalten, sah meinen Irrtum aber rasch ein. Laut Aussage seines furchteinflößenden Crewmitglieds (meiner streng geheimen stahlblauäugigen Zusatzquelle) ist er aber nur „ein ganz normaler Pirat“, allerdings mit einer Schwäche fürs Modeln, denn sein markantes Konterfei ziert weltweit zahllose Fahndungsplakate. Eins davon habe ich sogar abgelichtet, weiß aber nicht mehr, in welchem Jahr. Kann es sein, dass er mir darauf die Zunge herausstreckt, oder ist das bloß wieder mein schräger Blick?

Ex-Crew-Mitglied (BFL)

Einige Piraten, die ich damals aufs Bild gebannt habe, gehören inzwischen leider nicht mehr zur Crew und bleiben daher namenlos. Seinen Piratennamen sucht man sich (normalerweise) selbst aus, erfahre ich von meinem seeräuberischen Geheimkontakt. Wie ich sehe, gibt es an Bord sogar einen kühnen Kölner Robert Surcouf. Aber auch mit Henry Goldfinger, Joshua Flint, dem Logbuchverwalter (er hat so schlimme Augen wie Mad Eye Moody), Le Doc („Rauchende Hand. Schmerzfrei.“), Bloody Hands und Barfossa ist sicher nicht zu spaßen. Allesamt zum Fürchten und sicher grenzenlos grausam! Auf einem Seitendeck der frisch gestrichenen „Homepage“ fand ich (gut getarnt) erschreckende Fotos von Piratentaufen, die echt furchtbar zu sein scheinen, weil man dabei kübelweise (bestimmt eisekaltes!) Wasser ins Gesicht geschüttet bekommt und gnadenlos gezwungen wird, eklig aussehende trübe Flüssigkeiten zu schlucken und gräßliches Zeug zu kauen (wahrscheinlich ranzig und übel stinkend), während man unbequem mit Händen und Hals im „Joch“ steckt und sich nicht regen kann. Ich kann nur hoffen, dass die Knöchel des neuen Piraten dabei nicht auch noch im „Stock“ hängen.

Piratenkopf (BFL)

Auf einem echten Piratenschiff darf natürlich auch ein Klabautermann nicht fehlen. Den hört man normalerweise nur. Er warnt den Kapitän vor Gefahren, und „wenn er klopft, bleibt er, wenn er hobelt, geht er.“ Man sollte es sich also mit ihm besser nicht verscherzen. Angeblich sieht er aus wie ein Matrose mit Hammer und Pfeife, manchmal auch mit Seemannskiste, roten Haaren und grünen Zähnen. Wenn er sich zeigt, ist das ein schlechtes Zeichen. Er verlässt das Schiff erst, wenn es untergeht.  Das erinnert mich an mein maritimes Kinderbuch, das noch unfertig in meiner Schublade liegt. Darin kommt nämlich auch ein Klabautermann vor. Er heißt „der Chintz“, und das Ganze spielt in Lübeck, einer meiner Lieblingsstädte. Vielleicht setz ich mich diesen Winter doch noch mal dran und baue gleich auch noch ein paar von den Piraten ein. Zeit genug hab ich ja dank Lockdown und so.

Ex-Crew-Mitglied (BFL)

Auf dem waffenstrotzenden Piratenseitendeck kann man zwischen Schatztruhen, glänzenden Piasterhaufen, trockenem Schiffszwieback (mit Maden drin, also vor dem Essen ordentlich schütteln oder abklopfen oder besser nur im Dunkeln verzehren), diversen Sanduhren, Schiffsglocken und gut gefüllten Rum- und Wasserfässern einiges über das Leben und Wirken der Piraten im 17. und 18. Jahrhundert erfahren. Unter anderem entdeckt man Navigationsinstrumente wie Kamal, Jacobsstab, Quadrant, Traversboard oder Backstaff. Noch nie was von gehört, wie ich zu meiner Schande gestehen muss. Na ja, Quadrant schon, aber was genau das ist, wußte ich trotzdem nicht, hab ja damals auch das Piratenbuch nicht übersetzen dürfen. Auch Astrolabium und Nocturlabium waren mir unbekannt und klangen eher wie irgendwas aus „Harry Potter“, aber dafür kannte ich den Trepanationsbohrer, den Mundknebel, die Amputationssäge und „die Neunschwänzige“ (die gefürchtete Katze im roten Sack, mit der Matrosen gezüchtigt werden. An den Wunden kann man sogar sterben!). Dass Piraten ihren Zopf zu teeren pflegten, wußte ich auch noch nicht. Klingt echt schmierig.

„Die Oma im Käfig“ (BFL)

In einer äußerst schlecht beleuchteten Ecke (achtern) entdeckte ich eine staubige Flaschenpost mit Informationen über das bleiche Gerippe im Käfig (genannt „die Oma“), das (oder die) grausam verstümmelt wurde, weil feindliche Piraten versucht hatten, es (oder sie) zu entführen, ihm (oder ihr) dabei aber nur etliche Knochen brachen. (Gendergerechte Sprache muss heute leider sein, auch bei Beiträgen über Piraten.)

Dass die furchteinflößenden Seeräuber hier jedes Jahr traditionell den berühmten Rosenmontagszug als Vorgruppe anführen, hätte ich als Kölnerin eigentlich wissen müssen (jetzt weiß ich es für alle Zeiten). Auch hätte ich mir denken können, dass sie originalgetreu gewandet und bis an die Zähne bewaffnet (nebst Entermesser, Säbel, Vorderlader, Schwarzpulver und sogar Kanone) nichts lieber tun als  Stadt-, Hafen- und Hansefeste unsicher zu machen.

„Santa Colonia“ (BFL)

Man kann sie sogar privat anheuern und sich selbst und/oder seine Gäste (und Gästinnen!) in Angst und Schrecken versetzen. Wer über genug Nervenstärke verfügt, kann sich dabei auch demonstrieren lassen, wie man früher Zahnbehandlungen durchzuführen pflegte (oder vielmehr erlitt). Natürlich ohne Narkose. Die Zähne zog der Barbier. Besonders gut war der sicher nicht. Daran mag ich nicht mal denken, mir graut ja schon vor hochmodernen sterilen Zahnbehandlungen. Mit Narkose. Einen eigenen Song mit Video (googeln Sie mal „Schäng. Piratenpolonäse“, zu finden bei YouTube) haben die Piraten auch, da kann man sie alle in voller Aktion sehen. Aber aus Sicherheitsgründen nur heimlich gucken, damit nichts passiert! (Sie wissen schon: Prozessanhals! Mindestens!) Mit diesen Kölner Piraten ist nicht zu spaßen!

Schatzkarte (MasterTux/pixabay)

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Kölner Stämme – Die Piraten

Abendrot (jplenio/pixabay)

Piraten – Calico Jack  (BFL)

Der November startet trübe und traurig, ein neuer Lockdown beginnt, und ich bekomme Lust, in Farben zu schwelgen. Nach meinem letzten Beitrag über die Kölner Stämme habe ich mich in den Tiefen des Hauses auf die Suche gemacht und endlich auch die anderen Fotos ausgegraben. Ob es die Piraten wohl noch gibt?

Als Kind war ich viel krank, was mir die Gelegenheit gab, heimlich die umfangreiche Bibliothek meiner Eltern zu erforschen, vor allem die verbotene oberste Reihe. Manchmal brachten Besucher auch zusätzlichen Lesestoff, und eines Tages bekam ich von einer Freundin meiner Mutter, die zwei erwachsene Söhne hatte, einen ganzen Stapel „Jungensbücher“. Eins davon war „Das Nibelungenlied“, das wahrscheinlich dazu führte, dass ich später Mittelhochdeutsch studierte, ein anderes „Die Schatzinsel“ von Robert Louis Stevenson.

Die wilden Piraten verfolgte mich bis in meine Träume, und der spannende Roman gehört bis heute zu meinen Lieblingsbüchern. Ich weiß nicht, wie oft ich ihn schon gelesen habe. Am liebsten im Original und illustriert von Robert Ingpen oder N.C. Wyeth. Kein Wunder, dass mich die Piraten bei den Stämmelagern besonders faszinierten. Und es gab auch genügend wilde Piratinnen!

Piraten – Käptn Kalli  (BFL)

Alle sahen aus, als wären sie Zeitgenossen vom alten Bill Bones, dem heimtückischen Schwarzen Hund, dem gerissenen einbeinigen Schiffskoch Long John Silver und dem verruchten Käpt’n Flint. Der Käpt’n hatte sogar einen Papagei auf der Schulter, doch zum Glück schrie er nicht in einem fort „Dukaten“, sondern wirkte eher ausgestopft.

Piraten (BFL)

Stevenson schrieb sein Buch 1881 während eines verregneten Sommers für seinen Stiefsohn, und angefangen hat alles mit einer geheimnisvollen Schatzkarte. Die war vorn im Buch auch abgebildet. Da lag ich also unbeweglich mit Halswickel und Husten in meinem Kinderzimmer und stach in meiner Vorstellung gleichzeitig abenteuerlustig mit Jim Hawkins auf der „Esmeralda“ in See, schaute Long John Silver beim Kochen zu, beobachtete den gemeinen Israel Hands, wie er versuchte, Jim Hawkins mit dem Messer umzubringen, und hörte die Piraten ihr schreckliches Lied grölen („Fünfzehn Mann auf des toten Mannes Kiste – hohoho – und ’ne Buddel voll Rum“).

Piratenmutter mit Sohn (BFL)

Es störte mich nur, dass kein einziges Mädchen in dem Roman vorkam (und außer Jims ziemlich farbloser Mutter auch keine Frau), denn ich ahnte, dass es neben Blackbeard, Störtebecker und Sir Francis Drake auch berühmte Piratinnen gegeben hatte. Gab es auch, etwa Ann Bonny und Grace O’Malley.

Wenn es meine Geschichte gewesen wäre, hätte es todsicher auch ein mutiges Mädchen gegeben, das sich notfalls einfach als Junge verkleidet hätte. Und zumindest eine Frau hätte bei mir auch eine tragende Rolle gespielt. Meine eigene Mutter war nämlich die Idealbesetzung für eine resolute furchtlose Piratin. Sie hatte schließlich schon als junges Mädchen in ihrem kleinen Dorf am Niederrhein revolutionäre Hosen und Anzüge getragen und damit für Aufsehen gesorgt und außerdem geraucht wie ein Schlot!

Pirat Havanna Charly (BFL)

In meiner Kindheit gab es 1966 den Weihnachtsvierteiler „Die Schatzinsel“ mit Michael Ande als Jim Hawkins, und später war eine meiner Lieblingsserien „Das Wappen von Saint Malo“. (Gerade habe ich gesehen, dass man es inzwischen „digitally remastered“ als DVD erstehen kann, und jetzt raten Sie mal, was ich im kommenden Lockdown beim Bügeln gucken werde.) Ob ich Gérard Barray wohl immer noch so faszinierend finden werde wie damals als Kind? Der erste Junge, in den ich mich verliebte, sah ihm jedenfalls ziemlich ähnlich, dunkles Haar und schräge Katzenaugen. Der tollkühne Robert Surcouf war damals mein Held, und bisher hat ihn auch noch kein anderer Korsar entthront. Für Johnny Depps abgedrehte Piratenversion kann ich mich nicht erwärmen, auch wenn das Kostüm toll ist. Ich war vor einigen Jahren übrigens mal in Saint Malo und dachte dort natürlich auch an den berühmten Korsaren. Dort ist auch sein Grab.

Piraten (BFL)

Einmal war ich ganz nahe dran, ein dickes Buch über Piraten, Freibeuter, Bukaniere, Filibuster und Korsaren zu übersetzen. Woran es gescheitert ist, weiß ich nicht, denn der Auftrag kam nicht von einem Verlag, sondern von einem Redaktionsbüro in München. Ich kaufte mir begeistert ganz viele Bücher über Piraten, denn zum Übersetzen braucht man natürlich auch Sekundärliteratur! Ich war extrem motiviert!

Meine Probeübersetzung wurde zwar hochgelobt, doch aus dem Buch wurde nichts. Schade. Aber wir waren in dem Jahr zum Trost in Cornwall, haben einige berühmte Piratennester besucht und in Penzance staunend im „Admiral Benbow“ gesessen, zwischen Tauen, Schiffslaternen und Galionsfiguren. Und eins meiner Urlaubsmitbringsel war ein richtig schönes Buddelschiff….

Seeschlacht  (three-shots/pixabay)

 

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Kölner Stämme

Stämmelager 2010 (BFL)

Einzelne Vereine und „Stämme“ gab es schon seit den 1950er Jahren, doch erst 1991 schlossen sich die fast 80 verschiedenen Gruppierungen zu den „Kölner Stämmen“ zusammen. Zwei der großen Stämmelager habe ich als Gast besucht, und es fühlte sich ein bisschen an, als wäre man plötzlich in einem farbenprächtigen Filmset gelandet. Oder in einer anderen Welt. Das Eintrittsgeld ging an die CF-Selbsthilfe Köln, und dank der zahlreichen Besucher kam eine stolze Summe zusammen.  Viele Vereine und Gruppen sind dem Kölner Karneval entsprungen, doch den Mitgliedern der Stämme ging es augenscheinlich um mehr, etliche von ihnen „lebten“ ihre Rollen und feierten sogar ihre wichtigsten Feste in und mit der Gruppe. Alles sollte so authentisch wie möglich sein, dazu lasen sie Bücher, schauten sich Filme an und besuchten die Länder, aus denen ihre Figuren stammten. Manche lernten sogar die Sprache und luden Gäste aus „ihrem“ Land ein. Einige dieser „Ehrengäste“ waren auch bei den Stämmelagern anwesend.

Stämmelager 2010 (BFL)

Irgendwo in den Tiefen unseres Hauses befindet sich ein Bildband über die Kölner Stämme, den ich jetzt gern zu Rate ziehen würde, doch ich kann ihn nicht finden. Bei uns hausen Kobolde, die einen üblen Sinn für Humor haben und gern Sachen verstecken, um sie dann irgendwann, wenn man sie nicht mehr braucht, an genau den Stellen zu deponieren, wo man sie die ganze Zeit vermutet hat. Offenbar necken sie auf diese Weise Menschen, die sie mögen, also soll es mir recht sein. Auch mein Album mit den analogen Bildern bleibt (weiterhin) verschollen. Dabei weiß ich genau, wo es steht! Aber inzwischen habe ich wenigstens meine digitalen Fotos gefunden.

Gladiator Metilius (BFL)

Unser Führer auf der „Reise durch die Zeit“ war beide Male der römische Gladiator Metilius (der mir von seinem realen Vorbild erzählte, die genauen Daten sind mir leider entfallen). Er war Mitinitiator der „Kölner Stämme“ und 1. Vorsitzender der „Löstigen Gladiatoren“, hieß mit Kölner Namen Jürgen Kurth und ist leider allzu früh verstorben. Bei seiner Beerdigung vor acht Jahren gaben ihm die Kölner Stämme auf dem Nordfriedhof das letzte Geleit und verabschiedeten ihn mit „Ave Metilius!“ und „Maach et  joot, Jürgen.“ „Mach et joot“ sagt man hier in Köln oft an Gräbern. („Maach et joot, Jung“ oder „Maach et joot, Mädche“)

Gladiator Metilius (BFL)

Metilius hatte eisblaue Augen und wirkte in seinem Ledergewand äußerst imposant. Er hatte das, was man gern als „Aura“ bezeichnet und flößte jedem automatisch Respekt ein. Genauso hatte ich mir als Kind einen Gladiator vorgestellt! Einmal habe ich ihn gar auf dem Streitwagen gesehen. Pferde gab es nämlich auch bei den Stammestreffen, sogar riesige Kaltblüter, die man heute kaum noch sieht. Und Greifvögel, die man ganz aus der Nähe bestaunen konnte. Hier habe ich damals meinen ersten Weißkopfseeadler fotografiert, was für mich ein besonderes Erlebnis war, denn ich habe vor Jahren einen Bildband über Adler übersetzt.

Weißkopfseeadler (BFL)

Die Stimmung im „Stämmelager“ war entspannt und ruhig, aber auch lebhaft und ausgelassen, friedlich und einträchtig standen die Zelte der Gladiatoren, Ritter, Mongolen, Indianer und Hunnen nebeneinander, und es gab auch ein stimmungsvolles Piratenlager mit einem leider arg kleinen Schiff, aber ein Riesenschiff wäre eindeutig zu aufwändig gewesen. Dafür waren die Piraten wunderbar gewandet und hatten ein gruseliges Skelett in einem Käfig. Die wilden Kerle selbst waren eindrucksvoll und wirkten wie Figuren aus Stevensons „Schatzinsel“.

Es gab auch ein Badehäuschen mit einem Holzzuber, in dem irgendwann tatsächlich jemand saß, möglicherweise aus dem Mittelalter, und sich abschrubben ließ. Attilas gab es offenbar gleich mehrere, also auch mehrere Hunnenhorden sowie einen Sultan mit Prachtzelt und „Haremsdamen“, etliche Ritter der Tafelrunde, Ostgoten, Böschräuber, Cowboys und Indianer, Barbaren, Wikinger, Highlander (mit echten Dudelsäcken, einige wirkten auch echt schottisch), Mongolen, einen Clan der Nordmänner und den geheimnisvollen Ring der Schamanen.

Stämmelager 2010 (BFL)

Man konnte alle Zelte betreten, dazu gab es Handwerksstände und Ritterspiele, eine merkwürdige Zeremonie mit Sarg, Tod und rauchendem Feuer, und immer wieder irgendwo ein kleines Gelage oder eine Musik- oder Tanzeinlage. So lange die Menschen aus der anderen Zeit nichts sagten, wähnte man sich gelegentlich wirklich in der Vergangenheit, aber wenn sie sich lautstark auf Kölsch begrüßten, mit einem ins Gespräch kamen oder gar Karnevalslieder schmetterten, musste man doch grinsen, weil das, was man sah, und das, was man hörte, so gar nicht zusammenpasste. Aber irgendwie passte es dann auch doch, denn wir waren ja in Köln, der Hochburg der Verkleidung, Rollenspiele, Kostüme und Masken. Anders als im Karneval nahmen diese Darsteller ihre Rollen allerdings erstaunlich ernst. Sicher bewegt und fühlt man sich auch völlig anders, wenn man exotische Gewänder, Umhänge, Kopfbedeckungen oder schwere Waffen trägt. Metilius habe ich immer nur als Römer und Gladiator gesehen. Ich kannte auch seinen richtigen Namen nicht.

Die Hunnen hatten alle möglichen „Beutestücke“ in ihren Zelten aufgehäuft und trugen fantastische Kostüme, die natürlich auch „Beutestücke“ waren, wahrscheinlich zusammengetragen von Flohmärkten, Antikmärkten, Kostümverleihen oder Reisen. Dazu brauche man den „hunnischen Blick“, meinte eine der Hunnenfrauen lachend. Heute würde mir sicher das traditionelle Frauenbild der Stämme auffallen, auch wenn die Hunnenfrauen noch so imposant aussahen. Haremsdamen und Ritterfräulein? Aber vielleicht gab es auch eine Königin und eine Schamanin? Piratinnen gab es auf jeden Fall, und auch sie sahen zum Fürchten aus.

Der Tod (BFL)

Ich habe keine Ahnung, ob es die vielen Kölner Stämme heute noch gibt, einige haben todsicher inzwischen Namen und Aussehen stark verändert. Vieles geht gar nicht mehr. Dass die „Frechener Negerköpp“ so nicht weiterbestehen konnten, war wohl jedem klar. Sie tauften sich daher um in „Wilde Frechener“ und wie sie heute aussehen, weiß ich nicht. Vielleicht sind sie grün oder blau? Ich meine mich zu erinnern, in der Zeitung gelesen zu haben, dass sie in ihrer alten Kostümierung mit Steinen beworfen, beschimpft und bedroht wurden. Wir sind heute sehr viel feinfühliger, was den Blick auf andere Kulturen und Ethnien betrifft. Irgendwo hört der Spaß selbst an Karneval auf. Sogar in Köln. 2018 bekam eine alteingesessene Kölner Konditorei Riesenprobleme, als man zur Jeckenzeit weiße und schwarze rundliche Gebilde mit Gesichtern und komischen Hüten in ihrem Schaufenster entdeckte, die stark an eine extrem klebrige Süßigkeit erinnerten, die wir als Kinder noch höchst unbedarft benannten und verzehrten.

Stämmelager – Schuhe (BFL)

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Winnetou und Pocahontas

Stämmelager 2010 (BFL)

Die Black Lives Matter-Bewegung, die nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd in den USA sehr an Fahrt aufgenommen hat, konnte schon einiges bewirken, unter anderem auch ein vermehrtes Nachdenken über alte Klischees und eingefahrene (meist negative, kolonialistische, sexistische, patriarchalische) Denkmuster. Dies betrifft nicht nur Persons of Color, sondern alle „ethnic minorities“, also auch die amerikanischen Ureinwohner, die American Indians bzw. Native Americans. Heute bezeichnet man sie wohl politically correct als indigene Völker. Seit ihrer „Entdeckung“ durch Kolumbus, der sie „los Indios“ nannte, wurden sie umgebracht, vertrieben, ausgebeutet, gedemütigt und diskriminiert. Sie waren die Wilden, die Heiden, die Fremden. Doch sie wurden auch zur perfekten Verkörperung weißer Wunschvorstellungen, standen für Würde und Tapferkeit, für Schönheit, Stolz und Naturnähe. Beim Überdenken meiner eigenen (sehr deutschen) Denkmuster und Vorurteile gerate ich in emotionale Verwirrung.

In Wildwestfilmen wurden „Rothäute“ oft als blutrünstige Wilde dargestellt, die schreiend im Kreis reiten, Tomahawks schwingen, mit Pfeil und Bogen waghalsig an Pferden hängen und sich dabei von gut verschanzten und hervorragend bewaffneten Cowboys reihenweise abknallen lassen. Sie überfallen Siedlungen, setzen sie in Brand (gern auch die Lager von feindlichen Stämmen), skalpieren und massakrieren ihre Feinde, binden Bleichgesichter und andere Gegner an Marterpfähle und lassen sie in der Sonne schmoren, schänden oder entführen Frauen, stehlen Pferde und torkeln nach dem Genuss von Feuerwasser, das sie ganz schlecht vertragen, besoffen durch die Gegend. Das sind die „bösen Indianer“, hinterlistig und gemein, brutal und gewalttätig oder schwach und feige. Sogar Mark Twains Injan Joe ein unangenehmer Typ, für den man auch nach seinem Ende in der Höhle wenig Mitleid verspürt. Das sind die „bösen Indianer“.

Somewhere in Arizone (BFL)

Wie anders ist der deutsche Blick auf die Native Americans. Bis heute sind viele von uns geprägt von Winnetou und Nscho-tschi, also eigentlich von Karl May, der den edlen Häuptling um 1875 erfunden hat. Zuerst hieß der tapfere Apatsche noch Inn-nu-woh. Die Jüngeren kennen inzwischen auch die „Indianerprinzessin“ Pocahontas, allerdings vor allem in der Disney-Version mit Romanze, Waschbär und Kolobri. Bei Pocahontas bin ich übrigens selbst vor einiger Zeit schwach geworden und habe mich sehr über die Pocahontas-Barbie gefreut, die mir unsere Enkel geschenkt haben. „Die Oma steht voll auf Pocahontas!“ Stimmt, und dafür hat sie sogar persönliche Gründe, von denen die Enkel nichts ahnen. In den Winnetou-Filmen gibt es übrigens auch viele „böse Wilde“, die den grausamen Rothäuten in den amerikanischen Wildwestfilmen in nichts nachstehen, vor allem wenn sie zu den Stämmen der Sioux, Oglala oder Komantschen gehören.

Indianer sind in Deutschland extrem positiv „besetzt“, werden seit langem romantisiert, verklärt und bewundert. Bei uns herrscht ein ausgeprägter „Indianerenthusiasmus“. Während die Ureinwohner in den USA diskriminiert und fast ausgerottet wurden, wurden sie hier schon früh als „edle Wilde“ verehrt, nicht zuletzt durch die Völkerschauen von Buffallo Bill, der mit seiner Indianertruppe viele deutsche Städte besuchte. Und dann kam auch noch Winnetou! Ich muss gestehen, dass er auch zu meinen Kindheitshelden gehörte. Gemeinsam mit Odysseus und dem „Mann ohne Colt“ aus der gleichnamigen Fernsehserie. Das war der Zeitungsverleger Adam MacLean, gespielt von Rex Reason, von dem ich sogar ein Autogramm besitze, genau wie von Pierre Brice (als Indianer). Adam MacLean kämpfte mit Worten statt mit Kugeln. Das gefiel mir, für Waffen hatte ich noch nie viel übrig. Meine Kinderfreundin Kornelia und ich träumten davon, in die USA auszuwandern und Wolfsforscherin (und  Tierärztin) zu werden. Vor allem aber wollten wir bei und mit den Indianern leben. Egal wo, auch im Reservat. Was Rollenverteilung und Heiraten betraf, machten wir uns keine Gedanken. Wenn es denn unbedingt sein musste, konnten wir uns den Mann teilen und zu dritt leben. So lange er unsere Wölfe akzeptierte.

riding free

In der Fantasie sahen wir uns auf sattellosen Pferden am Rand tiefer Canyons und über endlose Plains preschen. Frauen und Männer waren in unserer Vorstellung schon früh gleichberechtigt, denn wir hatten beide starke Mütter und Großmütter. Kornelia wollte vor allem Schamane werden. Nicht Schamanin, sondern Schamane. Sogar ihre schwere Krankheit hat sie später in diesem Sinne angenommen. Als schmerzhafte, unausweichliche, tödliche Initiation. Ein Schamane muss sterben, bevor er wiedergeboren wird und mit der Welt der Ahnen und Götter in Kontakt treten kann. Ich hoffe inständig, dass sie es geschafft hat. Vielleicht ist sie jetzt wirklich Schamane. Oder streift mit den Wölfen durch die Wälder oder gleitet mit den Adlern über die Schluchten. Das stelle ich mir gern vor und finde die Vorstellung tröstlich. Wenn sie mir in meinen Träumen begegnet, geht es ihr gut. Sie kann wieder lachen und sprechen, rennen, springen und tanzen, sie kann sich mühelos bewegen und wundert sich sehr, dass mich das verwundert.

In Berlin war sie während des Studiums mit Indianern befreundet und hat von ihnen viel über das Räuchern und über alte Mythen gelernt. Über ihrem Bett hing ein Traumfänger (über meinem auch). Sie las alles über Indianer, was sie finden konnte, auch den Riesenband „5.000 Nations“. Sie kannte die eindrucksvollen Portraits vom Ende des 19. Jahrhunderts, ihre Lieblingsfilme waren „Zwei Cheyenne auf dem Highway“ und „Little Big Man“, sie kannte die komplizierten Namen von Häuptlingen und Medizinmännern und gab ihren Katzen indianische Namen. Besonders die Lakota Sioux hatten es ihr angetan. Sie las Krimis und Kinderbücher, die von Indianern geschrieben waren. Am liebsten von Lakota-Frauen. Dass ihr indianisches Totemtier der Biber war, wussten wir schon als Kinder. Als sie älter wurde, sah sie immer mehr wie eine Lakota aus. War oder ist das jetzt alles rassistisch? Die unrechtmäßige Aneignung einer fremden Kultur? Heute sieht man das wahrscheinlich so.

Stämmelager 2010 (BFL)

Ich gerate tatsächlich in innere Konflikte, wenn es um Native Americans geht. Vielleicht sind meine Gefühle nur Projektionen, Idealisierungen und Romantisierungen, eine merkwürdige Mischung aus Trauer, Mitgefühl, Sehnsucht, Bewunderung und Faszination. Alte Kindergefühle. Ich kenne keinen Indianer persönlich, aber ich habe Indianer in den Reservaten gesehen und auch das Elend, in dem sie lebten. Ich habe so viele innere und äußere Bilder – aus Büchern, Filmen, aus Erinnerungen an die USA. Ich reagiere wohl immer noch „deutsch“, wenn es um Indianer geht, auch wenn ich Karl May nie gern gelesen habe. Ich fand seinen Stil schwülstig und Winnetous Ende richtig schlimm: „Winnetou stirbt als Christ.“

Als ich in den USA Indianern begegnete, konnte ich sie nicht fotografieren, nicht mal, wenn sie es darauf anlegten und für Fotos posierten. Bei meinem Besuch im Monument Valley stand hoch oben auf einem Felsen ein Indianer und winkte, er sah aus wie ein Scherenschnitt vor der untergehenden Sonne, aber auch ihn konnte ich nicht fotografieren. Es kam mir vor wie ein Sakrileg. „Wenn ihr uns fotografiert, raubt ihr uns unsere Seele“, höre ich Winnie-Kornelia sagen. Das hatte sie irgendwo gelesen und ich habe es nicht vergessen. Indianer darf man nicht fotografieren! Die Portraits, die wir von ihnen kannten, sahen ernst und würdevoll aus. Und irgendwie traurig. Das Wort, das meinem Gefühl am nächsten kommt, ist Ehrfurcht. Fotografiert habe ich nur Indianer aus Holz. Aber ich fotografiere ohnehin nicht gern Menschen, es sei denn, sie erlauben es mir oder, noch besser, bitten mich darum. In den Trading Points hätte ich so gern die wunderbaren Kunstwerke der Native Americans erstanden, aber ich hatte nicht genug Geld für die Decken, den schönen Silberschmuck, die Sandbilder und kostbaren Kachinas. Meinen ersten Amerika-Trip hatte ich bei einer Verlosung gewonnen, sonst hätte ich mir die teure Reise nie leisten können. Kornelia war nur einmal in den USA, sie hat sich wahnsinnig darauf gefreut („Das wird mein Leben ändern!“),  aber nichts wurde so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Sie konnte durch ihre Krankheit schon nicht mehr allein reisen, saß die meiste Zeit in einem Ort fest und traf keinen einzigen Indianer. Sie wollte so schnell wie möglich zurück ins Land unserer Träume, aber es war bereits zu spät. Aber einmal ist sie mit dem Flugzeug über die Canyon geflogen. „Ich hab mich jefühlt wie ’n Adler!“

First Nation

Karl May hat die deutsche Wahrnehmung durch seine Bücher (und die Verfilmungen) nachhaltig vernebelt, aber die Vorliebe für Indianer gab es schon im deutschen Kaiserreich. Später, in der DDR, gab es nicht nur die Villa Bärenfett und das Indianermuseum in Radebeul (irgendwo müssen auch meine analogen Fotos sein, aber wo?), sondern auch die „Indianistik“, das Reenactment von „Indianerleben“ (oder dem, was man darunter verstand). Es gab Indianer-Clubs, Indianerkommunen, Indianerfreunde, eine Art ökoromantische Gegenbewegung zum herrschenden Sozialismus. Auch hier waren Indianer vor allem weise Schamanen, Heiler und Naturburschen, sie waren freie Menschen und schützten und liebten die Natur. Der verklärende deutsche Blick war tief in die Vergangenheit gerichtet, speiste sich aus der Fantasie eines Schriftstellers und idealisierte Indianer als edle Wilde. Aber auch in der Wahrnehmung anderer Länder sahen alle Indianer aus wie „Plains Indians“, denn von ihnen gibt es die meisten historischen Darstellungen.

In den 1970er und 80er Jahren wurde die (angebliche) Rede von Häuptling Seattle (nach dem die Stadt benannt ist) sogar zum Lieblingstext der deutschen Ökologiebewegung, obwohl sie so sicher nie gehalten wurde. Jeder und jede hatte das kleine Buch damals irgendwo im Regal. Immerhin hat es Seattle wirklich gegeben, und eine Rede hat er auch gehalten, aber den Text gab es zu keinem Zeitpunkt schriftlich, und Seattle hielt die Rede zudem in seiner Muttersprache. Ich weiß sogar noch ein paar Sätze daraus: „Meine Worte sind wie Sterne, sie gehen nicht unter.“ „Was immer den Tieren geschieht, geschieht auch bald den Menschen.“ „Wie kann man den Himmel kaufen oder verkaufen. Oder die Wärme der Erde?“ Wir fanden die Sätze schön und treffend. Mit Indianern verbinden wir durch Karl May „echte“ (kitschige?) Männerfreundschaften, Blutsbrüder (Kornelia und ich waren natürlich auch Blutsschwestern), Gewänder, Tipis, Stoffmuster und Perlenschnüre, Mokassins und Leggings, Friedenspfeifen, Federhauben, Trommeln und Adlerfedern. (Kornelia und ich hatten auch eine und hüteten sie wie einen Schatz. Ich habe sie immer noch.) Den Häuptlingskopfschmuck (Federhaube) fanden wir nicht erstrebenswert. Da waren wir minimalistisch. Uns genügte unsere Feder.

Merkwürdigerweise waren wir schon als Jugendliche ziemlich kritisch, wussten vom Elend in den Reservaten, vom „Trail of Tears“ und Custers (wohlverdientem!) Ende bei der Schlacht am Little Big Horn. Wir wussten natürlich auch, dass der schöne Winnetou, der die Bravo-Cover zierte (wir hatten ihn beide als Star-Schnitt), in Wirklichkeit Bretone war und kein Indianer, aber er war so schön, dass es uns nicht störte. Winnetou war eine fiktive Figur war, die nie gelebt hatte – im Gegensatz zu Sitting Bull, Crazy Horse, Geronimo, Red Cloud oder Powhatan. Kornelia, die sich so leicht in Winnie verwandelte, dass wir bald selbst nicht mehr wussten, was Fantasie und was Erinnerung war, kannte schon früh die Namen und Sitten verschiedener Stämme, und das ist nicht erfunden.

Winnie – Illustration von Caroline Riedel für mein Buch „Mit Winnie in Niersbeck“

An Karneval wollten wir als Kinder natürlich beide Indianer sein. Nicht, weil wir uns über sie lustig machten, sondern weil wir sie liebten und bewunderten – oder das, was wir uns unter ihnen vorstellten. Indianer, wohlgemerkt. Nicht Indianerin! Wir hatten eindeutig eine Art Gender-Problem. Natürlich durften wir nicht. Das „gehörte sich nicht“ für Mädchen. Höchstens „Squaw“ (abwertend und sexistisch) war irgendwann möglich. Dazu gab es blauschwarze Zopfperücken, die wie verrückt juckten und unmöglich aussahen, wenn man sie entflocht. Winnie-Kornelias Mähne war ideal für Indianer. Meine feinen Haare nicht.

Es war eine unerfüllte, sehnsuchtsvolle Liebe, und ein bisschen spüre ich sie immer noch. Von Nscho-tschi (Marie Versini, auch aus Frankreich, genau wie ihr Filmbruder) träumten damals viele Jungs. Wir fanden sie schön, aber ihr Ende machte uns wütend. Dass die zierliche Nscho-tschi nur sterben musste, damit sie den Männern aus dem Weg war und nur ja keinen „Weißen“ heiraten und Kinder mit ihm bekommen konnte, mutmaßten wir schon damals misstrauisch. Wir waren schon früh Frauenrechtlerinnen. „Die stirbt nur, weil die ne Frau is!“ „Jenau!“ Im Film wird sie von Santer alias Mario Adorf erschossen, was viele Deutsche ihm nie verziehen haben. Bei Karl May liebt Old Shatterhand sie nicht mal richtig, wenn ich mich recht erinnere!

Winnies Gesicht (Skizze von Caroline Riedel)

Überhaupt gab es damals kaum tolle Frauen in den Büchern und Filmen. Schon gar keine starken, gleichberechtigten oder überlegenen. Entscheidungen trafen immer nur die Männer. Die Heldinnen, mit denen wir uns identifizieren oder die wir verehren konnten, waren dünn gesät und irgendwie verkannt: Maria, die nicht mal zur Dreifaltigkeit gehört, Hildegard von Bingen,  die bärenstarke, aber gleich von zwei Männern durch eine gemeine List betrogene Brunhild (Krimhild, verachteten wir aus tiefstem Herzen, sie  war eine totale Katastrophe, weil sie den Mund nicht halten konnte!), Athene, die in voller Rüstung aus dem Kopf ihres Vaters sprang und völlig ohne Männer lebte, Audrey Hepburn, weil sie so wunderschön war, und Pocahontas, weil sie so mutig war. Möglicherweise war das alles aus heutiger Sicht auch bloß wieder nur eine Mischung aus Sexismus, Rassismus und Kolonialismus, denn sie riskierte ihr Leben, um John Smith, einen weißen Mann zu retten, mit dem sie nicht mal eine Romanze verband wie in der Disney-Version. Die echte Pocahontas hat einen Mann namens John Rolfe geheiratet und wurde (freiwillig oder unter Druck) zum Christentum bekehrt. Irgendwer lockte sie auf ein Schiff, wenn ich mich recht erinnere. Nach der Taufe gab man ihr den Namen Rebecca. Aufsässige und autarke Mädchen waren in Kinderbüchern und Kinderfilmen rar gesät. Sogar der wilde „Trotzkopf“ wurde leider gebrochen. Die Pippi Langstrumpf-Bände kamen zu spät in mein Kinderleben, aber diese Zopfgestalt gehört ohnehin in eine andere Kategorie. Hoffentlich fühlen sich Rothaarige nicht durch sie diskriminiert. Schade, dass sie so oft rassistische Begriffe benutzte. Aus der  N….Prinzessin ist inzwischen allerdings längst eine Südseeprinzessin geworden.

Grab von Pocahontas (Mark Aleandri)

Wir lasen schon früh James Fenimore Cooper („Der letzte Mohikaner“, „Lederstrumpf“), die Bücher gab es in einer vereinfachten Jugendfassung in der Leihbibliothek, und später im Studium habe ich mich ausgiebig mit der amerikanischen Literatur aus der Zeit des „Wilden Westens“ beschäftigt. Da begegnete ich auch wieder Chingachgook (was für ein Name!) und Unkas. Als ich als Studentin nach England zog, traf ich gleich in der ersten Woche auf Pocahontas, denn ich lebte in Gravesend, und dort ist sie beerdigt. Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal (zufällig! Gibt es Zufälle?) ihre Statue fand.  Winnie-Kornelia war richtig neidisch. Ich habe Pocahontas (eigentlich hieß sie Matoaka) oft besucht.

Es gibt Orte, an denen ich gut nachdenken kann, und bei mir sind das vor allem Friedhöfe. Möglicherweise wird die mädchenhafte Gestalt mit der Feder im Haar bald verschwinden, denn auch sie bedient wohl vor allem weiße männliche, kolonialistische und sexistische Klischees. Die echte Pocahontas sah völlig anders aus und trägt auf dem alten noch erhaltenen Kupferstich eine düstere Miene und einen merkwürdigen Hut. Sie besuchte 1616 England und den Königshof, wo man sie als „Indianerprinzessin“ bewunderte, und erkrankte bei der Heimreise schwer an Typhus/Pocken/Lungenentzündung oder Tuberkulose. Genau weiß man es nicht. In Gravesend holte man sie schwerkrank vom Schiff, und dort starb sie dann am 21. März 1617. Eigentlich liegt sie gar nicht unter ihrer Statue, denn ihr Grab in der St. George’s Church wurde bei einem Brand völlig zerstört, aber das wusste ich damals noch nicht. Ich verbinde jedenfalls viele gute Erinnerungen mit ihrem vermeintlichen Grab.

Im Regal (BFL)

Ich habe nicht nur die Barbie-Puppe, sondern auch noch die meisten meiner Cowboys und Indianer aus Kinderzeiten. Wir nahmen den Figuren immer sofort die Waffen ab und machten sie zu Freunden. Leider gab es unserem Cowboy Fort keine einzige weibliche Figur (später habe ich mir zwei Indianerfrauen aus Masse gekauft), denn es war „Jungensspielzeug“. Wie die Ritterburgen und Bauernhöfe. Ich habe bis heute keine Ahnung, warum ausgerechnet mein Fort-Weihnachtswunsch erfüllt wurde. Einen Bauernhof und eine elektrische Eisenbahn hätte ich auch gern noch gehabt, nur die Ritterburg fand ich langweilig. Die Ritter trugen Rüstungen und ihre Pferde auch, man konnte nicht mal ihre Gesichter sehen. An unerfüllte Weihnachtswünsche und „Das gehört sich nicht für Mädchen!“ waren wir gewöhnt. Barbies hätte ich mir damals nie gewünscht, das war unter meiner Würde, aber damals gab es Pocahontas noch nicht. Ruth Bader Ginsburg hätte mir auch gefallen. Ich überlege gerade, ob ich sie mir als Action Figur zulege. Was für eine unglaublich tolle Frau!

Bei uns ritten sowohl die Cowboys als auch die Indianer ohne Sattel und Zaumzeug. Sie bekämpften sich nie, sie lebten friedlich zusammen in den Blockhäusern und züchteten Pferde. Ich weiß noch, dass der Cowboy mit dem blauen Hemd Jim hieß, und der Indianer mit dem erhobenen Arm (die Lanze hatten wir ihm abgenommen) Unkas. Ihm gehörte das schönste weiße Pferd, das wir hatten. Und wenn im Fernsehen halbnackte heulende Indianerhorden die Siedler umkreisten, regten wir uns tierisch auf. Wir kannten zwar die Worte Rassismus und Sexismus nicht, aber wir merkten sofort, wenn etwas unfair oder abfällig war. Und ein Genderproblem, was Spielzeug betraf, hatten wir eindeutig auch.

Gewand (BFL)

Als ich gestern noch überlegte, ob ich den überlangen Blogeintrag wirklich frei schalten oder lieber doch löschen sollte, passierten zwei merkwürdige Zufälle. Als erstes erwähnte eine Bekannte aus heiterem Himmel, dass sie aus Radebeul stamme und während ihrer Kindheit noch der Grizzly vor der Villa Bärenfett stand und ein echter amerikanischer Cowboy das Museum verwaltete. Er sei mit seinem Cowboyhut durch die Straßen von Radebeul marschiert und die Kinder hätten ihn auf Indianerart gegrüßt. Howgh! Und er grüßte genauso zurück. Das erste Zeichen. Als ich mich anschließend (nach einem langen anstrengenden Tag) ein wenig entspannen wollte und mich erwartungsvoll bei amazon prime einfand, präsentierte die Liste mit neuen Filmen mir als erstes „Te Ata – Stimme des Volkes“, was mich gleich doppelt vom Sofa haute. Von der berühmten Te Ata Fisher (geb. Mary Frances Thompson), die als Indian Story Teller sogar vor dem damaligen US-Präsidenten (Roosevelt) und der englischen Königsfamilie (King George) aufgetreten ist, hatte ich noch nie zuvor gehört.

Aber rein zufällig ist Ata der Name, den ich mir als Kind selbst gab und den nur meine liebsten Menschen benutzen dürfen. „Siehste!“ höre ich Winnie-Kornelia triumphieren. „Du has‘ ’nen echten Indjanernamen!“ Eigentlich stammt Ata aus der Sprache der Maori, merkwürdig, dass auch Mary Francis ihn wählte, und bedeutet Morgen. Ich betrachtete die schöne junge Frau im Film, die anmutig die Arme hob und mit eindrucksvoller Stimme rief: „My name is Te Ata, Bearer of the Morning. I am Chickasaw and a storyteller and this is my story.“ My name is auch Ata, und ein Storyteller bin ich auch. Das war das zweite Zeichen. Der Blogeintrag wird nicht gelöscht! Zum Glück werden die Indianer im Film alle von Indianern gespielt, und die Native American-Heldin hat wirklich gelebt. Ich darf den Film also mögen, auch wenn viele Schauspieler aussehen, als trügen sie schlecht sitzende Perücken. Vor allem Te Atas Vater und ihr früh ergrauter Gatte.

Mongole, Stämmelager 2010 (BFL)

Als Indianer verkleiden darf man sich schon lange nicht mehr. Das spielerische Hineinschlüpfen in „eine andere Haut“ (aus welchen Gründen auch immer) ist heute tabu. Möglicherweise sind auch die Tage der Festspiele von Bad Segeberg gezählt. Da treten eher keine echte Indianer auf, und das geht gar nicht in Zeiten, in denen sogar farbige Comicfiguren von gleichfarbigen Sprechern synchronisiert werden müssen. Merkwürdige Welt. Wenn das so weitergeht, werden unsere hervorragenden Synchronsprecher bald ein Problem haben.

Vorüber sind offenbar auch die bunten Tage der Kölner Stämme. Auch dort gibt oder gab es Indianer. Sie hatten die fremden Kulturen sorgfältig studiert, ihre Kleidung liebevoll selbst genäht, die Tipis originalgetreu nachgebaut. Erlaubt sind wohl höchstens noch die alten Römer, die am liebsten als Gladiatoren auftreten.  Alte Römer gibt es längst nicht mehr und die Hautfarbe stimmt ja. Ritter und Hunnen gehen vielleicht auch noch durch. Die gibt es längst nicht mehr, allerdings sind die Hunnen gelb geschminkt und damit wahrscheinlich rassistisch. Menschenfresser geht gar nicht, da Blackfacing und damit extrem rassistisch. Aber was ist mit Piraten? Weiße Piraten müssten eigentlich noch erlaubt sein. Weiße Kannibalen möglicherweise auch, die gibt es sogar in Grimms Märchen. Und Mongolen? Sie sind gelb geschminkt bei den Kölner Stämmen, und es gibt sie wirklich. Also rassistisch. Sie hatten wirklich schöne Zelte und Kostüme, alles originalgetreu. Und die Mongolen- und Hunnenfrauen waren echt zum Fürchten, besonders wenn sie im Pulk marschierten. Als Kinder wären wir entzückt gewesen. Die hätten uns mächtig imponiert! Gerade fällt mir auf, dass es schon ewig kein Kölner Stämmelager mehr gegeben hat. Das letzte große war 2010, da haben die Stämme sehr viel Geld für Mukoviszidose-Kinder gesammelt und mein Mann hielt im Namen der Stadt eine Dankesrede. Schade. Es war wunderbar, zur Abwechslung mal nach Herzenslust Menschen fotografieren zu dürfen, die sich freuten, wenn man sie ablichtete.

(BFL)

In den USA (und auch hier) sind momentan etliche bekannte Markennamen und Symbole (zu Recht!) dabei, auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden, nicht nur Persons of Color wie der weltberühmte Uncle Ben (ab 2021 werden die Produkte endgültig umbenannt in „Ben’s Originals“ und verlieren ihr Gesicht) und die lächelnde Aunt Jemima, die in der Tat mal extrem rassistisch war, sich im Laufe der Zeit aber schon stark verändert hat. Doch sie ist immer noch schwarz und daher immer noch ein rassistisches, und weil sie zudem eine Frau ist, auch ein sexistisches Klischee. Auch Indianer*innen wie die kniende „Indian Maiden“ auf den „Land o’ Lakes“-Produkten werden bald der Vergangenheit angehören. Inzwischen bietet die „Indian Maiden“ die Butter zwar nicht mehr kniend dar, suggeriert aber weiterhin, dass Indianerinnen romantisch, unschuldig und harmlos sind und bedient damit eindeutig weiße sexistische Vorurteile. Sie trägt fast die gleiche Kleidung wie Te Ata, Pocahontas und Winnetous Schwester. Auch der markante Indianerkopf mit der Federhaube auf „Crazy Horse Malt Liquor“ wird verschwinden.

In der Schweiz wird gerade eine beliebte Eissorte umbenannt, die „Winnetou“ heißt. Die Verpackung ziert ein Häuptlingskopf und das Eis ist schwarz-rot-gelb gestreift. Es gibt dieses Glace seit 1980, und in der Schweiz ist es offenbar überall bekannt, fällt aber klar in die Rubrik rassistisch, denn es verunglimpft einen Indianer, auch wenn es ihn niemals gab. Das geht gar nicht! Sogar Winnie-Kornelia und ich wären total ausgerastet bei der Vorstellung, Winnetou abzulecken und zu essen! Noch dazu mit Kopfschmuck und Kriegsbemalung! Ich bin gespannt, wie das Wassereis fortan heißen wird. Heute habe ich gelesen, dass bei uns auch die Haribo Goldbärchen bald der Vergangenheit angehören sollen. Nicht aus farblichen Gründen, sondern weil sich die Ernährungsgewohnheiten stark verändert haben. Da sollte ich mich doch noch einmal mit ein paar Packungen eindecken. Meine Lieblingsbärchen sind eindeutig die grünen, womit ich auf der sicheren Seite bin, denn es gibt ja auch gelbe und rote.

Ich gehe hoffnungsvoll davon aus, dass der kraftstrotzende Meister Proper, der ausschreitende Johnny Walker, der zahnkundige Dr. Best (seit kurzem auffallend verjüngt), der runde Schnauzbartkopf auf den Pringles-Packungen und der kernige Käpt’n Iglo noch ein bisschen bleiben, weil Werbung ohne Bilder und Bezugspersonen irgendwie doch ziemlich öde ist. Aber zum Glück bedienen sie ja keine rassistischen Klischees. Höchstens sexistische. Ich denke dabei an Meister Propers Muskelpakete. Aber bisher hat sich offenbar noch kein Mann beschwert.

Tanz (Jess Lindner/unsplash)

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