Manchmal frage ich mich, was aus den Menschen geworden ist, die mir irgendwann wichtig waren und die ich dann auf meinem Lebensweg verloren habe, einige auf dramatische Weise, andere unspektakulär und leise. Bei mir sind die Spuren dieser Beziehungsgeflechte noch vorhanden, denn ich habe lange Tagebuch geführt und immer alles genau aufgeschrieben. Das Formulieren und Festhalten hat viele Erinnerungen sicher verankert, die sonst im Laufe der Zeit unscharf geworden oder sogar vergessen worden wären, und sie bis heute zugänglich für mich gemacht. Durch das Aufschreiben konnte ich meine Gefühle und Eindrücke sortieren und an einer sicheren Stelle ablegen – in einer Art literarischem Zwischenspeicher. Es ist alles noch da, ich muss es nur suchen und nachlesen. Als ich anfing, Erinnerungen und Seelenbilder mit Hilfe von KI in Fotos umzusetzen, war ich ziemlich bald auf der Suche nach einem ganz besonderen Männergesicht, das bis heute erstaunlich präsent in meinem Kopf geblieben ist, aber ich fürchte, die Bilder auf dieser Seite sind ihm nicht sonderlich ähnlich.

Vancouver memory
Was ich vor allem mit diesem Menschen verknüpfe, ist eine Erinnerung, die er mir 1982 bei unserem letzten Treffen erzählte. Meine Erinnerung an seine Erinnerung habe ich mit Hilfe meines ChatGTP „Assistenten“ vorsichtig umgesetzt. Aber irgendjemand hat offenbar vorprogrammiert, dass Bilder braunstichig zu sein haben und Männergesichter unbedingt unrasiert sein müssen, dass Locken künstlich und gestylt aussehen und Gesichter schön und gleichmäßig und bei jeder Neugenerierung dunkler und älter. Doch es stört mich nicht. In Wirklichkeit müsste dieser Mann jetzt Ende 70 sein, und ich weiß nicht einmal, ob wir einander noch wiedererkennen würden, wenn wir uns träfen. Falls er überhaupt noch lebt. Und wahrscheinlich hat er mich ohnehin längst vergessen.

So long, Marianne
Es war die merkwürdigste Beziehung, die ich je mit einem Mann hatte, auch aus der Distanz fühlt sie sich wie aus der Zeit gefallen an. Wenn wir zusammen waren, stand die Welt still. Bereits unsere erste Begegnung war filmreif. Es war 1976, ein warmer Maiabend, und ich saß mit meinem damaligen Freund Michi in einem gemütlichen Biergarten. Einige Tische weiter saß eine Gruppe junger Männer. Sie spielten offenbar alle im selben Fußballteam und alberten ausgelassen herum. Einer von ihnen, ich konnte ihn zunächst nicht sehen, hatte seine Gitarre dabei und wurde von den anderen immer wieder gedrängt, endlich zu singen. Schließlich gab er nach, stimmte seine Gitarre und begann mit „So long, Marianne“ von Leonard Cohen. Ich liebe diesen Song und ich liebe Leonard Cohen. Die Stimme des Mannes war warm und wohltönend, und ich reckte den Hals, um ihn zu sehen. Als es mir endlich gelang, verlor ich zum Schrecken meines Freundes komplett die Contenance. Auf so viel Schönheit war ich nicht gefasst gewesen. „Was ist denn mit dir los?“ fragte Michi entgeistert. „Drehst du jetzt total durch?“ Es tat mir leid für Michi, aber ich konnte mich einfach nicht mehr beherrschen. Wer war der Fremde? Als sich unsere Blicke trafen, hatte ich das Gefühl, einen vertrauten Menschen nach langer Trennung wiedergefunden zu haben. Der Fremde wirkte zuerst irritiert und dann amüsiert, während mein Begleiter immer ungehaltener wurde. Als ich darauf bestand, näher an den Tisch des Sängers heranzurücken, weil daneben gerade ein Tisch frei wurde, war er richtig sauer. Der Fremde sang weiter Cohen Songs, die er alle auswendig konnte, und schaute immer häufiger zu mir herüber. Michi hatte mehr als genug und wollte nach Hause. Ich musste natürlich mit. Beim Weggehen wechselte ich einige belanglose Worte mit dem Sänger, sagte, dass ich seine Stimme schön fände, und er erkundigte sich leicht spöttisch, ob mir „der Umzug“ bekommen sei. Das war alles.
Michi war so eifersüchtig und geschockt über meine dramatische Reaktion, dass wir uns einige Wochen später in aller Freundschaft trennten. „Wenn du so reagierst, wenn du verliebt bist, dann hast du mich nie geliebt.“ Was sollte ich sagen, er hatte ja recht. Von da an durchwanderte ich die Stadt auf der Suche nach dem Fremden, von dem ich nur das Gesicht, den Vornamen und die Stimme kannte.
Ich traf ihn tatsächlich wieder, sogar mehrere Male im Laufe der nächsten Jahre, und fast immer zufällig, einmal auch unter ähnlich dramatischen Umständen wie beim ersten Mal, doch das ist eine eigene Geschichte und sie gehört mir nicht allein. Einmal kaum ich spätabends allein aus dem dunklen Volksgarten, als er gerade an genau derselben Stelle allein hineinging, wir liefen uns förmlich in die Arme, ein andermal stand er im Kölner Hauptbahnhof plötzlich neben mir am Fahrkartenautomaten, als ich mir ein Ticket ziehen wollte. Nach den Treffen blieben wir immer ein paar Stunden beieinander. Mehr nicht.
An meinem letzten Abend in Köln, im August 1977, unmittelbar bevor ich nach England zog, erschien er völlig überraschend mit ein paar Freunden in meinem Studentinnenheim und sang für mich „Hey, that’s no Way to say Goodbye“. Ich hatte ihm zwar das Datum genannt, aber nicht damit gerechnet, dass er sich daran erinnern und sogar kommen würde. Ich nahm die Erinnerung an unsere zweisame Nacht mit nach England.
Im Juni 1982 sah ich ihn zum letzten Mal. In meinem Tagebuch habe ich alles festgehalten. Er schenkte mir eine ganz besondere Erinnerung, während wir in meinem stillen dunklen Zimmer saßen und „Winter Lady“ hörten. Als junger Mann hatte er mehrere Jahre in den USA und Kanada verbracht, was wohl auch seine ungewöhnliche Liebe zu Leonard Cohen erklärte. Es war eine Gemeinsamkeit, die ich nur mit ihm hatte, und er hat bei jedem Treffen seine Lieder für mich gesungen. Ich habe eine Gitarre, spiele aber fast nie, aber sobald er sie in seine langen Hände nahm, erwachte sie zum Leben. Seine Erinnerung ist inzwischen auch meine, und es ist schön, dazu Bilder zu machen.

Murray’s room
„Vancouver at 8 a.m., I’m coming home from nightshift, on my way to see my friend Murray in his room. He’s made coffee and prepared breakfast for us. I can still see the very clear sky, I can smell the snow, and feel the crisp air. There is a thin layer of snow on the ground and on the roofs. Murray’s apartment has got a big window, and there are ravens sitting on the snowy roof opposite. We are listening to Leonard Cohen and don’t need to speak because time has stopped. We are both absolutely happy. This must have been the best hour of my entire life.” Es muss einer dieser seltenen Momente gewesen sein, die ich bei mir als Perfect Bliss bezeichne. Ich sah ihn deutlich vor mir, wie er mit langen Schritten durch die leeren Straßen ging, in der stillen Vorfreude, bald seinen Freund Murray zu treffen. Zunächst saß er am Tisch, dann ging er ans Fenster und beobachtete die Raben auf dem gegenüberliegenden Dach, während im Hintergrund Leonard Cohen “Winter Lady” sang, genau wie er es gerade für uns in meinem winzigen Zimmer in der Südstadt tat. Der Song und unser glückliches Schweigen hatte offenbar seine Erinnerung getriggert.
Es war das erste Mal, dass er mir etwas so Persönliches erzählte, und unsere schönste Begegnung von allen. “Danke für dein Dasein”, sagte er zum Abschied unten vor der Tür und strich mir eine Haarsträhne aus dem Gesicht. “Und für all die schönen Zufälle.” In einem anderen Leben hätten wir vielleicht gemeinsam weitergehen können, doch in diesem trennten sich unsere Wege. Einmal hörte ich noch seine Stimme. Er rief an, um zu fragen, ob er mich am Abend besuchen könne. Anders als ich erinnert sich mein Tagebuch an das Datum. März 1983. Aber inzwischen lebte auch ich nicht mehr allein. Das sagte ich. Er schwieg lange. Dann meinte er: “Ich wünsche dir ein gutes Leben.” “Ich dir auch”, antwortete ich. Da war ein kleiner spitzer Schmerz, danach gab es für uns keine Zufälle mehr. Wie mag er heute aussehen? Ob er immer noch in Köln wohnt? Ich kann ihn mir nur jung vorstellen. Beim letzten Treffen war er 34. Wenn ich Leonard Cohen höre, denke ich manchmal an ihn. Und immer bei “So long, Marianne” und “Winter Lady”.
(Die Bilder in diesem Beitrag sind KI generiert)












Mit Simenon fange ich an, weil ich die Maigrets aus dem Flur ins Wohnzimmer geholt habe. Im düsteren Krimiregal wirkten sie mit ihren weißen Einbänden und roten Lesebändchen fehl am Platz. Nun logieren sie in ihrem eigenen Regal, dem einzigen „white shelf“ im Haus. Alles, was sich darin oder darauf befindet, ist weiß. Es würde Jan gefallen. Da es sein Regal ist, enthält es auch ein Kästchen mit persönlichen Dingen – Brille, Uhr, Ausweis, Taschenmesser.
Aber welchen Band sollte ich als ersten lesen? Ich stellte mich vor das weiße Regal, hoffte auf die richtige Fügung, griff in die Reihen und zog spontan Band 22 heraus. „Maigret verliert eine Verehrerin“. Hinten auf dem Buch prangt noch der Aufkleber, der verrät, wo und wann Jan es gekauft hatte, Thalia, 9.8.2011. Zu meiner Freude fielen beim Aufschlagen drei mir unbekannte Fotos von ihm heraus. Zufall oder Zeichen? Darauf sieht man Jan in geselliger Runde mit seiner „Herrenriege“. Die Mitglieder trafen sich unter der Woche regelmäßig abends „an der Tränke“ im hiesigen Einkaufscenter. Im Laufe der Jahre mussten sie mehrfach umziehen, weil die Lokale alle irgendwann wegen Geschäftsaufgabe oder Umbauarbeiten zumachten. Auf den Fotos sitzt er entspannt an der Theke und hält tatsächlich das aufgeschlagene „Magret verliert eine Verehrerin“ in der Hand. Vor ihm steht ein halbleeres Glas mit seinem geliebten Grauburgunder. Es war wirklich das richtige Buch! Ich war ganz gerührt. Ich habe es an nur einem Abend ausgelesen. Jetzt lese ich „Maigret stellt eine Falle“. Leider ohne Fotos.
Im Gegensatz zu mir ging Jan leidenschaftlich gern einkaufen und war ein begnadeter Koch. Es machte ihm Freude, auf dem Wochenmarkt oder im Center noch schnell „was Leckeres“ zu holen, ausgefallene Gewürze, irgendein exotisches Gemüse oder ein schönes Stück Fleisch. Oft verwarf er unsere gemeinsamen Essenspläne und erstand spontan völlig andere Zutaten. Er hatte umdisponiert. „Das tut mir jetzt leid, aber es hat mich einfach so angelacht!“. Einmal überraschte er mich mit einer häßlichen, übel riechenden Schrumpelkugel. Mit Parmesan über die Nudeln gehobelt schmeckte sie überraschend gut, wie ich zugeben muss, machte mich aber nicht zum Trüffel-Fan. Jan liebte saisonale lukullische Experimente, was ich als „creature of habit“ oft nicht zu schätzen wusste. Ich kann wochenlang jeden Tag Nudeln oder Kartoffeln essen. Heute würde ich alles dafür geben, mich noch einmal liebevoll von ihm bekochen zu lassen. Selbst wenn es getrüffelter Leberkäs an Linsen wäre. Ihm würde bestimmt eine leckere Sahnesauce einfallen, um mir selbst diesen Alptraum schmackhaft zu machen. Die Liebe zum Essen, das durchaus deftig sein durfte, hatte er übrigens mit Maigret gemeinsam. Nicht die einzige Gemeinsamkeit, wie ich beim aufmerksamen Lesen feststellte. In Jans Arbeitszimmer entdeckte ich letzte Woche zwischen den geheimen Kochbüchern, die er dort zu horten pflegte, „Simenon und Maigret bitten zu Tisch“. Mit klassischen Bistrorezepten. Noch so ein Zeichen?
1993 fuhr ich eigens wegen Simenon mit dem Zug nach Lüttich, um eine 3D-Ausstellung im Musée de l‘Art Wallon zu besuchen, die „Tout Simenon“ hieß. Ich hatte davon in der Zeitung gelesen – und war begeistert! Die Ausstellung war für die damalige Zeit höchst ungewöhnlich und sprach alle Sinne gleichzeitig an, sogar den Geruchssinn! Es war eine der besten Ausstellungen, die ich je besucht habe. Sie war chronologisch aufgebaut, begann mit einer alten Straßenbahn und einer Lütticher Straßenszene nebst Kopfsteinpflaster und Straßenhändlern vom Anfang des letzten Jahrhunderts, so wie Simenon es in seiner Kindheit gesehen haben mochte. Alles mit authentischen Geräuschen untermalt. Im ersten Stock wanderten die Besucher durch verschiedene Räume, besuchten Simenons Büro in der „Gazette de Liège“ und gelangten irgendwann in den Flur des berühmten Polizeireviers. Der Wartebereich mit den Holzbänken war offenbar das „Aquarium“ aus den Romanen, es gab verschiedene Türen und am Ende des Flurs auch Maigrets Büro. Aus den Räumen hörte man Stimmen reden oder diktieren, unruhige Schritte, Absätze klackern, Telefone läuten, metallisches Schreibmaschinengeklapper und die hellen Glockentöne am Zeilenende. Es roch nach Zigaretten, Pfeifenrauch und Kaffee. In Maigrets Zimmer sah man den Schreibtisch, die Lampe mit dem grünen Schirm, Papierstapel, ein halb gegessenes Butterbrot und die Bierflasche, die offenbar in den Büchern so oft die Auflösung des Falls einläutet. Und die Pfeife. Dunhill kreierte übrigens speziell für Simenon einen exklusiven Pfeifentabak namens „Maigret Cut“.
Plötzlich bin ich nicht mehr in Lüttich, sondern im Herzen von Paris, am Quai des Orfèvres. Ich kann mich nicht mehr an alle Räume erinnern, auf jeden Fall aber an das schäbige Zimmer im Stundenhotel, in dem gerade ein Mord verübt worden war. Wenn ich jetzt ans Fenster trete, lauern draußen Dämmerung und Sprühregen, und unten sehe ich den berühmten Kommissar, der immer noch durchaus aussieht wie ein groß gewachsener Rowan Atkinson (sorry, Jan!), wie er den Quai des Orfèvres verläßt, sorgfältig den Samtkragen seines dunklen Überziehers hochklappt und sich die Melone tiefer in die Stirn zieht. Die Film-Maigrets tragen alle lieber Fedora oder Trilby. Sogar Rowan Atkinson.
Simenons turbulentes Privatleben wurde in der Ausstellung durchaus kritisch kommentiert. Im Gegensatz zu Maigret war er ein notorischer Frauenheld, der gelegentlich damit prahlte, mit mehr als zehntausend Frauen (die meisten davon Prostituierte) geschlafen zu haben. Wie entsetzlich. Aber Simenon war eben nicht Maigret. Am Ende der Ausstellung traf man dann auch noch den Meister selbst. Als Wachsfigur an seinem Schreibtisch. Lächelnd, was offenbar extrem untypisch für ihn war. Schade, dass ich Jan damals noch nicht kannte. Aber da die Gedanken bekanntlich frei sind, ist er jetzt in meiner Erinnerung die ganze Zeit an meiner Seite. Ich glaube, er freut sich, dass ich seinen Maigret endlich etwas besser kennenlerne.