
Maigret wartet
Als ich meine Beiträge zu Simenon begann, hatte ich noch nie mit ChatGTP gearbeitet, weil mir KI viel zu unheimlich war. Das hat sich inzwischen geändert, so dass ich diesen letzten Teil mit brandneuen eigenen Bildkreationen illustrieren kann. Völlig anders als erwartet finde ich die „Zusammenarbeit“ mit meinem neuen „Illustrator“ erfrischend und inspirierend. Ich sehe Maigret jetzt in einem völlig neuen (für meinen Geschmack leider oft zu dunklen) Licht und habe meine eigene Version von ihm entwickelt. Eher zufällig allerdings, und ich fürchte, dass sie auch nicht von Dauer ist, da KI leider bei jedem Bild ein anderes Gesicht generiert. Lästig ist auch, dass sich immer wieder störende Elemente in die Bilder einschleichen, die einem erst auf den zweiten Blick auffallen. Einen neuen Ermittler habe ich übrigens durch Maigret auch kennengelernt. Er lebt und arbeitet in Edinburgh. Und sieht ziemlich gut aus. Doch das ist eine andere Geschichte….

Maigret im Büro
Was hat meinen Mann nun an Kommissar Maigret so fasziniert, dass er ihn immer wieder „aufsuchte“? Maigrets Besonnenheit, seine charismatische Ausstrahlung, seine physische Präsenz, seine Vorliebe für einfaches, deftiges Essen, Bistros und Bier, seine Bodenständigkeit und Zuverlässigkeit waren ihm sicher sympathisch. Auch seine Einfühlsamkeit und sein Interesse an den Lebensumständen von Tätern und Opfern. Dass Maigret sich den Großteil seiner Zeit mit Büroarbeit herumschlagen muss, einem Kommissariat vorsteht, gern im Team arbeitet und sich im Grunde nur als „einfachen Beamter“ sieht, kommt mir auch ziemlich bekannt vor. Hat Jan sich nicht damals mit den Worten „I‘m just a civil servant“ vorgestellt, als ich ihn in der ersten Englischstunde nach seinem Beruf fragte?

Maigret am Fenster
Maigret ist kein analytisches Genie, kein überspannter Exzentriker, kein charismatischer Frauenheld, kein wagemutiger Abenteurer, kein zynischer hard boiled detective und kein verschlossener Einzelgänger. Er ist weder arrogant noch abweisend, eher in sich gekehrt, gelegentlich melancholisch, manchmal auch desillusioniert und müde. Maigret ist „nur“ ein ganz normaler Mensch. Er hat keine ausgeklügelten Methoden, wenn er Fälle aufklärt, statt messerscharfer Logik nutzt er eher seinen gesunden Menschenverstand. Er ist kein Beobachtungsgenie wie Sherlock Holmes, bemerkt aber durchaus subtile Kleinigkeiten. Für gewöhnlich lässt er sich nicht durch seinen Verstand und seine Logik leiten, sondern eher durch seine langjährige Berufserfahrung und sein „Bauchgefühl“, verliert dabei aber nie sein ehrliches Interesse am Leben anderer. Er möchte verstehen, warum jemand zum Verbrecher wird und wie genau die Lebensumständen des Opfers ausgesehen haben. Ein wenig erinnert er mich an einen Arzt oder sogar an einen Seelsorger. Wieder eine Gemeinsamkeit. Tatsächlich hat Jan als junger Student ernsthaft überlegt, ob er nicht lieber Pastor werden sollte statt Arzt.

Maigret und Simenon an der Seine
Maigret ist ein durchaus emotionaler Mann hinter einer ruhigen, gesetzten Fassade, neigt nicht zu Exzessen und Eskapaden, ist 75 Romane lang „nur“ mit Madame Maigret verheiratet und ihr liebevoll verbunden. Ich denke, die beiden führen eine harmonische Ehe. Es gab ein gemeinsames Kind, das kurz nach der Geburt verstarb, ein Verlust, den die Eltern nie vergessen werden. Maigret ist kein „Bulle“, der auf Biegen und Brechen seine Prinzipien durchsetzt. Er kann auch „anders“ und „unerwartet“ reagieren. Die vielen ermüdenden Stunden, die er am Schreibtisch im Kommissariat verbringen muss, konnte Jan als Amtsleiter sicher gut nachempfinden. Und dass Maigret ein eher milder Chef ist, der gern im Team arbeitet und sich auf seine Mitarbeiter blind verlassen kann, hat ihm sicher auch gefallen. So war er selbst auch. Jeder Mitarbeiter war ihm wichtig, alle behandelte er auf Augenhöhe. Der Kommissariatsleiter Maigret, den ich eher langweilig finde, war wohl so etwas wie ein literarischer Weggefährte und Kollege, der ihn verstand und den er verstand.

Maigret und Simenon im Bistro
Krimis brauchten für Jan nicht actiongeladen und spannend zu sein, er genoß es vor allem, wenn er sich beim Lesen entspannen konnte. Er mochte keine rasanten Thriller, keine detaillierten Mordbeschreibungen und keinerlei Gewalt. Ich erinnere mich noch, wie er einmal einen Krimi nach zwanzig Seiten stark verstimmt zuklappte, weil der Autor einen jungen Mann seitenlang so sympathisch geschildert hatte, dass er dem Leser richtig ans Herz wuchs, und ihn dann einfach brutal umbrachte. Von diesem Autor hat er nie wieder ein Buch angerührt. Diese Perspektive gefiel ihm ganz und gar nicht. Lieber ermittelte er ruhig und besonnen mit seinen Kommissaren.
Simenons Krimis sind überschaubar kurz, gehen (zumindest für Maigret) stets gut aus, die Fälle werden zuverlässig gelöst (Jan hasste open endings, während sie mich überhaupt nicht stören). Maigret altert nicht wirklich und wird zum Glück auch nicht von seinem Schöpfer ins Jenseits befördert (wie E. Morse von Colin Dexter, für Jan fast eine kleine Tragödie). Ich kann mir Maigret und Jan gut in einem Bistro vorstellen, wie sie sich bei einem Bier oder Kaffee über einen Fall oder ein Buch austauschen. So wie es Maigret und Simenon jetzt hier bei mir machen.
Paris als Kulisse wird ihm auch zugesagt haben. Jan liebte die Stadt und kannte sich dort so gut aus, dass er ein paar Mal für Freunde erfolgreich den Fremdenführer spielte. Vielleicht hätte er sich mit Maigret auch auf Französisch unterhalten können. Überhaupt war er sehr frankophil, genau wie sein Vater, dessen Baskenmütze hier immer noch irgendwo in einer Schublade ruht. Als Student gab Jan seinen Autos französische Namen, eins hieß „la grosse Margot“, nach einer Figur von Francois Villon. Margot war, glaube ich, ein Citroen 2 CV. Maigret hat sehr viele Eigenschaften, die auch mein Mann besaß. Was ihm eindeutig fehlt, ist Jans Schlagfertigkeit, seine Selbstironie und sein entwaffnender Humor.

Simenon schreibt
Angerührt hat mich bei meinen Recherchen die Entdeckung, dass Simenons Tochter Marie-Jo, die ihren Vater offenbar abgöttisch liebte, unter Depressionen litt und mehrfach versuchte, sich umzubringen. Beim siebten Versuch, da war sie 25 Jahre alt, kam sie tatsächlich ums Leben und ließ ihren Vater am Boden zerstört zurück. Er fühlte sich aus vielen Gründen mitverantwortlich für ihrem Tod. Sein letztes Buch „Intime Memoiren und das Buch von Marie-Jo“ handelt davon. Ich fand es hier bei den Biografien und habe es nun auch ins „white shelf“ gestellt. Simenon ist an Marie-Jos Tod fast zerbrochen, was mich sofort an Arthur Schnitzler und seine Tochter Lili erinnert. Sie nahm sich mit neunzehn das Leben. Beide Töchter waren ihren Vätern sehr zugetan, litten darunter, dass ihre Väter ausgesprochene Frauenhelden waren und die Ehen der Eltern scheiterten. Beide Väter hingen sehr an ihren Töchtern. Marie-Jo erschoss sich in Paris, Lili in Venedig. Beide Väter hatten Plots geschrieben, die sich im Nachhinein wie böse Vorahnungen lesen. Bei Schnitzler war es die Erzählung „Fräulein Else“, der eindringliche innere Monolog eines jungen Mädchens, das sich höchstwahrscheinlich umbringen wird, bei Simenon der psychologische Roman „Das Verschwinden der Odile“ sowie sein letzter Maigret. Beide Frauen hatten psychische Probleme, beide Väter lebten ausschweifend und schrieben über ihre erotischen Eskapaden und Seelenabgründe. Schnitzler reagierte mit einem totalen Zusammenbruch auf Lilis Tod und fand danach nie wieder in sein altes Leben zurück. Simenon versuchte, den Verlust in seinem wohl persönlichsten und intimsten Buch zu verarbeiten, im letzten Teil sind sogar Briefe seiner Tochter abgedruckt. In „Maigret und Monsieur Charles“ (1972) hat Simenon das Waffengeschäft in Paris beschrieben, in dem Marie-Jo dann später tatsächlich die Waffe kaufte, mit der sie sich erschoss. Simenon empfand wahrscheinlich auch Schuldgefühle wegen der düsteren psychologischen Romane, die seine Tochter möglicherweise mitgeprägt haben.
Die Idee, Simenon und Maigret zusammenzubringen, hatte ich erst beim Schreiben. Er selbst hat es in einem seiner Bücher auch getan, da regt sich Maigret in seinen Memoiren über den nervigen jungen Autor auf, der ihn ständig bei der Arbeit stört. Bei mir ist Simenon genauso alt wie Maigret. Simenon redet die meiste Zeit, während der wortkarge Kommissar ihm aufmerksam zuhört und sich so seine Gedanken macht. Sie scheinen sich durchaus zu mögen. Ich lasse sie Seite an Seite an der Seine spazieren gehen, zusammen im Bistro sitzen und später im Regen und auch bei Sonnenschein wieder ihrer Wege gehen.
Im Internet gibt es übrigens eine hervorragende Website von Oliver Hahn (Maigret.de) zu Simenon, seinem Leben und Schaffen und vor allem zu seinem berühmten Kommissar, die ich sehr hilfreich, spannend und informativ fand.

Maigret und sein Hut
Es bliebe noch viel zu sagen zu dem erfolgreichen Autor Simenon und seiner sympathischen Hauptfigur, doch ich werde mich nun einem Kommissar zuwenden, der Jan noch viel mehr am Herzen lag: dem berühmten Detective Chief Inspector (DCI) Endeavour Morse, Oxford Police, aus den Büchern von Colin Dexter. Oder, wie er selbst immer zu sagen pflegt: „Just Morse“. Er war Jans absoluter Liebling.
Ganz zum Schluss kam mir die Idee, Maigret seinen Hut durch die Luft wirbeln zu lassen. Ein Akt der Befreiung, den ich ihm von Herzen gönne. Auch ein ernster Kommissar darf sich nach getaner Arbeit mal so richtig freuen.
(die Bilder in diesem Beitrag sind KI generiert)





Mit Simenon fange ich an, weil ich die Maigrets aus dem Flur ins Wohnzimmer geholt habe. Im düsteren Krimiregal wirkten sie mit ihren weißen Einbänden und roten Lesebändchen fehl am Platz. Nun logieren sie in ihrem eigenen Regal, dem einzigen „white shelf“ im Haus. Alles, was sich darin oder darauf befindet, ist weiß. Es würde Jan gefallen. Da es sein Regal ist, enthält es auch ein Kästchen mit persönlichen Dingen – Brille, Uhr, Ausweis, Taschenmesser.
Aber welchen Band sollte ich als ersten lesen? Ich stellte mich vor das weiße Regal, hoffte auf die richtige Fügung, griff in die Reihen und zog spontan Band 22 heraus. „Maigret verliert eine Verehrerin“. Hinten auf dem Buch prangt noch der Aufkleber, der verrät, wo und wann Jan es gekauft hatte, Thalia, 9.8.2011. Zu meiner Freude fielen beim Aufschlagen drei mir unbekannte Fotos von ihm heraus. Zufall oder Zeichen? Darauf sieht man Jan in geselliger Runde mit seiner „Herrenriege“. Die Mitglieder trafen sich unter der Woche regelmäßig abends „an der Tränke“ im hiesigen Einkaufscenter. Im Laufe der Jahre mussten sie mehrfach umziehen, weil die Lokale alle irgendwann wegen Geschäftsaufgabe oder Umbauarbeiten zumachten. Auf den Fotos sitzt er entspannt an der Theke und hält tatsächlich das aufgeschlagene „Magret verliert eine Verehrerin“ in der Hand. Vor ihm steht ein halbleeres Glas mit seinem geliebten Grauburgunder. Es war wirklich das richtige Buch! Ich war ganz gerührt. Ich habe es an nur einem Abend ausgelesen. Jetzt lese ich „Maigret stellt eine Falle“. Leider ohne Fotos.
Im Gegensatz zu mir ging Jan leidenschaftlich gern einkaufen und war ein begnadeter Koch. Es machte ihm Freude, auf dem Wochenmarkt oder im Center noch schnell „was Leckeres“ zu holen, ausgefallene Gewürze, irgendein exotisches Gemüse oder ein schönes Stück Fleisch. Oft verwarf er unsere gemeinsamen Essenspläne und erstand spontan völlig andere Zutaten. Er hatte umdisponiert. „Das tut mir jetzt leid, aber es hat mich einfach so angelacht!“. Einmal überraschte er mich mit einer häßlichen, übel riechenden Schrumpelkugel. Mit Parmesan über die Nudeln gehobelt schmeckte sie überraschend gut, wie ich zugeben muss, machte mich aber nicht zum Trüffel-Fan. Jan liebte saisonale lukullische Experimente, was ich als „creature of habit“ oft nicht zu schätzen wusste. Ich kann wochenlang jeden Tag Nudeln oder Kartoffeln essen. Heute würde ich alles dafür geben, mich noch einmal liebevoll von ihm bekochen zu lassen. Selbst wenn es getrüffelter Leberkäs an Linsen wäre. Ihm würde bestimmt eine leckere Sahnesauce einfallen, um mir selbst diesen Alptraum schmackhaft zu machen. Die Liebe zum Essen, das durchaus deftig sein durfte, hatte er übrigens mit Maigret gemeinsam. Nicht die einzige Gemeinsamkeit, wie ich beim aufmerksamen Lesen feststellte. In Jans Arbeitszimmer entdeckte ich letzte Woche zwischen den geheimen Kochbüchern, die er dort zu horten pflegte, „Simenon und Maigret bitten zu Tisch“. Mit klassischen Bistrorezepten. Noch so ein Zeichen?
1993 fuhr ich eigens wegen Simenon mit dem Zug nach Lüttich, um eine 3D-Ausstellung im Musée de l‘Art Wallon zu besuchen, die „Tout Simenon“ hieß. Ich hatte davon in der Zeitung gelesen – und war begeistert! Die Ausstellung war für die damalige Zeit höchst ungewöhnlich und sprach alle Sinne gleichzeitig an, sogar den Geruchssinn! Es war eine der besten Ausstellungen, die ich je besucht habe. Sie war chronologisch aufgebaut, begann mit einer alten Straßenbahn und einer Lütticher Straßenszene nebst Kopfsteinpflaster und Straßenhändlern vom Anfang des letzten Jahrhunderts, so wie Simenon es in seiner Kindheit gesehen haben mochte. Alles mit authentischen Geräuschen untermalt. Im ersten Stock wanderten die Besucher durch verschiedene Räume, besuchten Simenons Büro in der „Gazette de Liège“ und gelangten irgendwann in den Flur des berühmten Polizeireviers. Der Wartebereich mit den Holzbänken war offenbar das „Aquarium“ aus den Romanen, es gab verschiedene Türen und am Ende des Flurs auch Maigrets Büro. Aus den Räumen hörte man Stimmen reden oder diktieren, unruhige Schritte, Absätze klackern, Telefone läuten, metallisches Schreibmaschinengeklapper und die hellen Glockentöne am Zeilenende. Es roch nach Zigaretten, Pfeifenrauch und Kaffee. In Maigrets Zimmer sah man den Schreibtisch, die Lampe mit dem grünen Schirm, Papierstapel, ein halb gegessenes Butterbrot und die Bierflasche, die offenbar in den Büchern so oft die Auflösung des Falls einläutet. Und die Pfeife. Dunhill kreierte übrigens speziell für Simenon einen exklusiven Pfeifentabak namens „Maigret Cut“.
Plötzlich bin ich nicht mehr in Lüttich, sondern im Herzen von Paris, am Quai des Orfèvres. Ich kann mich nicht mehr an alle Räume erinnern, auf jeden Fall aber an das schäbige Zimmer im Stundenhotel, in dem gerade ein Mord verübt worden war. Wenn ich jetzt ans Fenster trete, lauern draußen Dämmerung und Sprühregen, und unten sehe ich den berühmten Kommissar, der immer noch durchaus aussieht wie ein groß gewachsener Rowan Atkinson (sorry, Jan!), wie er den Quai des Orfèvres verläßt, sorgfältig den Samtkragen seines dunklen Überziehers hochklappt und sich die Melone tiefer in die Stirn zieht. Die Film-Maigrets tragen alle lieber Fedora oder Trilby. Sogar Rowan Atkinson.
Simenons turbulentes Privatleben wurde in der Ausstellung durchaus kritisch kommentiert. Im Gegensatz zu Maigret war er ein notorischer Frauenheld, der gelegentlich damit prahlte, mit mehr als zehntausend Frauen (die meisten davon Prostituierte) geschlafen zu haben. Wie entsetzlich. Aber Simenon war eben nicht Maigret. Am Ende der Ausstellung traf man dann auch noch den Meister selbst. Als Wachsfigur an seinem Schreibtisch. Lächelnd, was offenbar extrem untypisch für ihn war. Schade, dass ich Jan damals noch nicht kannte. Aber da die Gedanken bekanntlich frei sind, ist er jetzt in meiner Erinnerung die ganze Zeit an meiner Seite. Ich glaube, er freut sich, dass ich seinen Maigret endlich etwas besser kennenlerne.


