Herzlich willkommen!

Alice

Herzlich willkommen auf meiner Homepage

Hier finden Sie außer Informationen zu Büchern, Katzen, Köln und Kattendonk vor allem Blogbeiträge zu meinen wichtigsten Lebensthemen (Kindheit, Hochsensibilität, Angst, transgenerationale Weitergabe von Traumata). Im Moment beschäftigt mich neben der allgegenwärtigen Corona-Pandemie, die unser Leben seit fast einem Jahr so nachhaltig und erschreckend prägt und vielen von uns buchstäblich die Sinne raubt (s. meine Beiträge zu Geruchs- und Geschmacksverlust), auch die Aufarbeitung der „Verschickungen“, die unzählige Kinder hier in Deutschland ertragen mussten. Ich verbrachte als kleines Mädchen Anfang der 1960er Jahre ebenfalls sechs endlose Wochen in einem „Kindergenesungsheim“ und habe darüber mehrere Beiträge geschrieben („Das Kind braucht Luftveränderung“), aber auch andere Betroffene zu Wort kommen lassen.

Zum Glück gibt es auch immer wieder Schönes und Hoffnungsvolles zu berichten oder zu erinnern. Zum Beispiel aus dem Mausland, in dem es weder Abstandsregeln noch Masken gibt. Ein großes Dankeschön geht an meine geduldige Maine Coon-Assistentin Alice, deren entspanntes Schnurren Sie leider nicht hören können. Ich freue mich, dass Sie meine Seite gefunden haben, und wünsche Ihnen einen hellen, zuversichtlichen, gesunden und behüteten Tag!

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World Book Day!

Wie immer herrscht großer Andrang vor dem Buchladen (BFL)

Gestern war World Book Day, und wie es sich für Buchfans gehört, haben wir alle sehr viel gelesen, auch die Kleinsten, denn wir haben auch eine Menge Bilderbücher. Im Mausland ist der Buchladen zum Glück immer offen. Auch nachts.

Im Mouse Tales Bookshop (BFL)

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Welche Hautfarbe hat ein Gedicht?

Übersetzungsassistent (BFL)

Gestern las ich im „Guardian“, dass die junge niederländische Schriftstellerin Marieke Lucas Rijneveld (immerhin Gewinnerin des Man Booker Prize) die Poetin Amanda Gorman nicht mehr ins Niederländische übersetzt. Rijneveld ist von ihrem Vertrag bei Meulenhoff zurückgetreten. Nicht weil die Übersetzung nicht gut wäre, sondern weil die Farbe nicht stimmt. Für schwarze Dichter kommen momentan offenbar nur noch schwarze Übersetzer in Frage. Bei Schauspielern und Synchronsprechern (bitte im ganzen Text an den passenden Stellen Gender*, Binnen-I,  Gender_ mitdenken) kennt man das ja schon. Der Farbzwang gilt inzwischen gar für die Sprecher von Comic Figuren, wobei mein Liebling Donald Duck bisher noch kein Problem hat. Aber der ist ja auch weiß. Anders als Alladins Flaschengeist. Der ist blau. Und hat eine Menge Probleme.

Kann man Hautfarben tatsächlich lesen und hören oder ist das jetzt eine neue Art von Rassismus?

Treiben wir es mal kurz auf die Spitze. Was mache ich, wenn im zu übersetzenden Roman Persons of Color vorkommen? Das Problem hatte ich bei John Balls Romanen, etwa „In der Hitze der Nacht“. Muss man die schwarzen Textstellen von farblich passenden Übersetzern übertragen lassen? Hätte ich dem berühmten Virgil Tibbs meine Stimme gar nicht leihen dürfen? Noch dazu als Frau? Noch grundsätzlicher: Darf ein weibliches Wesen (jetzt mal ohne Farbproblem) überhaupt noch die Werke eines männlichen Wesens übersetzen (und umgekehrt)? Zudem gibt es ja bekanntlich immer mehr Geschlechter. Brauchen die alle genau die richtige übersetzerische Entsprechung?

Darf oder soll Marieke Lucas Rijneveld das Buch auch nicht übersetzen, weil sie/er sich als „nichtbinär“ versteht? (Das musste ich auch erst googeln. Jetzt weiß ich zwar, was es bedeutet, aber nicht, wie ich damit grammatikalisch umgehen soll.) Wie Amanda Gorman sich versteht, habe ich nicht herausgefunden. Wohl nicht als „nichtbinär“, sonst wäre das ja kein Thema.

Translation with Witch (BFL)

Es wird immer schlimmer. Schon jetzt bekommt man als Schriftsteller langsam Angst, seiner Fantasie freien Lauf lassen. Möglichst keine Romanfiguren mehr erfinden, die nicht wie man selbst sind. Möglichst die eigene Perspektive verwenden. Darf man überhaupt noch als Frau aus der Perspektive eines Mannes schreiben? Als Erwachsene aus der Kinderperspektive? Oder gar aus der eines japanischen Jungen? Darf man eine schwarze Romanfigur erfinden, wenn man selbst weiß ist? Ist das nicht bereits „kulturelle Aneignung“? Kreisen wir bald nur noch trist und öde um uns selbst (natürlich unter genauer Abbildung der Gesellschaft, die uns umgibt, also mit allen nur denkbaren Ethnien und sexuellen Identitäten, um nur ja niemanden auszulassen oder vor den Kopf zu stoßen)? Werden Fantasie und Sprache immer mehr zensiert? Bekommen Journalisten und Schriftsteller immer dickere Maulkörbe?

Vor einigen Jahren hatte ich eine Lesung (nur für Frauen)  in einem Frauenbuchladen, in dem nur Bücher von Frauen verkauft wurden. Die meisten Anwesenden lasen ausschließlich Bücher von Frauen, wie sich bei der anschließenden Diskussion herausstellte. Ich dachte an die Bronte-Schwestern, die sich Männernamen zulegen mussten, damit sie überhaupt eine Chance hatten. Auch J.K. Rowling hat nicht von ungefähr das Pseudonym Robert Galbraith. Es ist noch nicht lange her, da durften Frauen nicht mal Zeitung lesen. Zu viel Lektüre macht unfruchtbar, steht im alten Medizinbuch meiner Mutter. Das fand ich schon als Kind zum Lachen.

Trans late (geralt/pixabay)

„I had happily devoted myself to translating Amanda’s work, seeking it as the greatest task to keep her strength, tone and style“, schreibt Marieke Lucas Rijneveld, die/der mit Gormans befreundet ist und ebenfalls schon früh berühmt war. Die beiden haben also (außer der Hautfarbe) einiges gemeinsam. Die amerikanische Dichterin hat sich ihren translator wohlgemerkt selbst ausgesucht, doch leider passt sie/er einigen farblich nicht ins Konzept.

WER entscheidet das? WER bestimmt, was erlaubt oder erwünscht oder politically correct ist? Der Schriftsteller offenbar nicht, auch nicht der Verlag. Im niederländischen Fall wurde die Debatte von der schwarzen Journalistin und Aktivistin Janice Deul losgetreten. Sie begründet ihre Kritik damit, dass Rijneveld „white“ und „nonbinary“ sei und „no experience in this field“ habe (damit meint sie offenbar den dramatischen Spoken Word Stil). Nur gut, dass sehr viele Menschen auf Twitter diesen Standpunkt ganz und gar nicht teilen.

Translation has no skin colour. 

Übersetzer waren schon immer eine besondere Spezies. Anders als Schriftsteller stehen sie selten im Focus. Aber sie sind ebenso wichtig, denn ohne sie gäbe es keine Weltliteratur. Übersetzer reißen Grenzen ein, überwinden Mauern, öffnen Türen, Herzen und Köpfe.

Wie steht es in Amanda Gormans Gedicht: „To compose a country commited to all cultures, colors, characters and conditions of man.“ Hat Janice Deul diese Stelle überlesen? Vielleicht sollte sie selbst versuchen, das Gedicht zu übersetzen? Sie würde schnell merken, dass man durch die „richtige“ Hautfarbe und Geschlechtsidentität nicht automatisch ein guter Übersetzer oder Lyriker ist.

Gerade höre ich eine andere Stimme in meinem Kopf: „I have a dream that one day my four little children will live in a nation where they will not be judged by the color of their skin but by the content of their character. I have a dream today.“ Ist dieser Traum schon ausgeträumt?

Literaturübersetzer sind Fährleute, die seit Jahrtausenden kundig und gewandt die weiten, ruhigen und gefährlichen Sprachmeere dieser Welt befahren (einige haben dafür mit dem Leben bezahlt, etwa die Übersetzer von Salman Rushdie), überqueren ruhige und reißende Textflüsse, verbinden freundliche und feindliche Ufer, bauen kühne und kunstvolle Brücken, bringen neues Verständnis und frische Klarheit. Übersetzer vermitteln zwischen Gegensätzen und überwinden Zeit und Raum. Sie bewegen sich frei und demütig in fremden Köpfen und Kulturen, sind unsichtbare Gestaltenwandler. Sie leihen Schriftstellern ihre Stimme, damit sie überall auf der Welt gehört und verstanden werden können.

Nun ist Marieke Lucas Rijneveld gar kein translator, sondern ein writer (wie angenehm neutral doch englische Substantive sind). Möglicherweise wäre Rijneveld gerade deshalb genau richtig gewesen für dieses Buch. Um Lyrik übersetzen zu können, muss man nämlich vor allem hervorragend schreiben können, und wenn man  mit der Autorin befreundet ist, kann man sie im Zweifelsfall immer gleich fragen. Ideal für Übersetzer! Gedichte sicher wohlklingend ans andere Ufer zu bringen, ist übrigens äußerst schwer – wie mißglückt sind fast alle deutschen Gedichte von T.S. Eliot. Lyrik muss man „nachempfinden“, „nachfühlen“, „nachspüren. Das kann man am besten, wenn man selbst schreibt.  Wie wunderbar lesen sich die Übersetzungen von Paul Celan oder von Erich Fried (er hat sich sogar an den wortgewaltigen Dylan Thomas gewagt). Doch offenbar braucht man heute zum Übersetzen nicht nur Leidenschaft, Wissen, Können und Sprachgefühl, sondern auch noch die passende Hautfarbe und Geschlechtsidentität.

The Hill we Climb. Der Weg ist weit, der Aufstieg beschwerlich. Man fragt sich, ob man den Gipfel mit derartigen Abgründen und Hindernissen überhaupt erreichen kann.

Dictionaries (Tessakay/pixabay)

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Besuch in Mousetown!

Peter Kaninchen und Manon (BFL)

Letzten Mittwoch hatten die Mäuse zum ersten Mal in ihrem Leben journalistischen Besuch, was alle sehr freute. Das Wetter war so strahlend schön, dass ich etliche Häuser fürs Foto Shooting hinaus in den Garten tragen konnte, wobei ich fast jedes Mal trotz aller Vorsicht gegen irgendeinen Türrahmen oder irgendeine Wand stieß, weil ich ja hinter den meisten Häusern nichts sehen kann. Leider bringt jede unbedachte Bewegung das Mobiliar gleich in große Unordnung und versetzt die Bewohner in ziemliche Unruhe. Das große windschiefe Haus der norwegischen Hexenfamilie Jarlsberg kann man ohnehin nur zu zweit tragen, was die Sache deutlich erschwert. Zwei kostbare Hexenkessel und etliche Pilze, die ich im Hexengarten übersehen hatte, gingen beim Transport zu Bruch, auf zwei bin ich dann auch noch aus Versehen getreten. Die Kessel konnte ich wieder reparieren, aber die Pilze waren so winzig, dass nichts mehr zu machen war. Die Mäuse waren wie immer äußerst geduldig und nahmen mir meine Patzer nicht krumm. Die Pilze haben sie kurzentschlossen verspeist. Sie vertragen auch Giftpilze, denn unsere Maushexen haben einen hocheffizienten Zaubertrank gebraut, der immun gegen Gifte aller Art macht. Genau wie gegen Corona und andere üble Viren. Wir haben äußerst kundige Hexen.

Lupinchen liebt Fliegenpilze (BFL)

Alle Mäuse waren da, Miranda wartete schon vor dem kleinen blauen Käseladen, Chelsea brachte schnell noch eine Ladung Plätzchen und Kuchen in ihr Café „Chelsea’s Cherry on Top“, Cheddar und Mozzarrella sammelten ihre vielen Kinder ein, Dante rückte geduldig die Bücher in seinem Buchladen wieder zurecht, die beim ungeschickten Transport verrutscht waren, und die jüngsten Mauskinder bestaunten erst mal die neuen Produkte vor dem gut bestückten Pflanzenladen. Es gab frisch ausgegrabene Alraunen, die zum Glück noch zu jung waren, um so schrill und ohrenbetäubend zu schreien wie Alraunen es bekanntlich so gern machen.

Die beiden Besucher waren äußerst nett und der „Pressetermin“ machte allen Spaß, sogar Katze Alice kam aus ihrem Versteck, und nun sind wir natürlich alle gespannt, wie der Bericht in der Zeitung wohl aussehen wird. Von Alice soll es auch ein Bild geben. Den Mäusen habe ich auf jeden Fall eine Miniversion des Artikels versprochen, sobald er erscheint. Vielleicht nächste Woche? Den wollen sie dann im Buchladen auslegen. Damit ihn auch alle lesen können.

Mousetown im Frühling (BFL)

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Die Bärentänzerin von Brauron

Als ich das Mädchen im Museumsladen mitten zwischen den vielen anderen Statuen entdeckte, war ich fast erschrocken, sie sah so vertraut aus, es war wie ein zärtliches Wiedererkennen. Sie hatte sogar ein Kaninchen auf dem Arm! Mein Seelentier! Es war Liebe auf den ersten Blick, und die Verkäuferin meinte, die Kleine mit dem Hasen werde ihr fehlen. „Sie ist unsere letzte, und ich weiß nicht, wann der Künstler wieder welche macht.“ Die merkwürdige grüne Farbe war zwar nicht mein Geschmack, aber ich habe das Mädchen natürlich trotzdem gekauft, denn so viel Zuneigung auf einmal, wer konnte da widerstehen!

Bärenmädchen (BFL)

Mein Vater hat mir bewußt gleich zwei lateinische Namen mit auf den Lebensweg gegeben. Ursula und Beate. Der zweite (glücklich, gesegnet) sollte mich schützen und glücklich werden lassen (nomen est omen), der erste (kleine Bärin, ähnlich wie keltisch Artula) gehörte der Frau, von der er sich trennte, als er meine Mutter kennenlernte. Sollte die Fremde durch ihren Namen in mir weiterleben? Als lebenslange Erinnerung? Oder war es eine Form der Wiedergutmachung, ein Zugeständnis, das den doppelten Gewissensbiss meiner Eltern mildern sollte? Warum hat meine Mutter das erlaubt? Haben sie darüber diskutiert? Gab es Tränen? Wutausbrüche? Ich hätte das sicher nicht zugelassen! Meine Mutter hat mir auf Nachfragen von einer angeblichen Vereinbarung erzählt. Zwei Namen sollte das Kind auf jeden Fall haben. Mein Vater durfte die Namen der Tochter frei wählen, und wäre ich ein Junge geworden, hätte meine Mutter gewählt. Sie hätte mir bestimmt als zweiten Namen den ihres Vaters gegeben. Reinhold! Dann hätte ich geheißen wie Reinhold das Nashorn! Die Mädchennamen, die ihr am besten gefielen, waren Frauke und Fee, aber das waren einfach zu viele Fs für meinen Nachnamen.

Meinen Bärennamen mochte ich nicht, daher unterschlug ich ihn meistens. Das Tier dagegen wurde zu meinem großen, starken, mächtigen Schutzgeist. Lange habe ich Teddybären gesammelt und sogar auf Therapiebildern große Bären gemalt. Die familiären Erinnerungen, die dahintersteckten, machten mir allerdings weiterhin zu schaffen. Wie mochte sie gewesen sein, die fremde Frau, die man gegen meinen Willen mit mir verknüpft hatte? Eigentlich wollte ich es nicht wissen. „Ignorance is bliss“, wie man so schön sagt. Schön war, dass ich im Laufe der Jahre „zufällig“ gleich mehrere Freundinnen fand, die genauso heißen und mit denen ich mich aus völlig unterschiedlichen Gründen eng verbunden fühle, eine davon nenne ich sogar „Bärenschwester“.

Die letzte „Fügung“ damals im Museumshop war die Tatsache, dass die Verkäuferin ebenfalls Ursula hieß, wie sich an der Kasse herausstellte. Da gab sie mir nämlich den Zettel, auf dem die genaue Bezeichnung des Mädchens stand, „Bärenmädchen“, und wir kamen ins Gespräch. „Ich hab‘ mich mit dem Namen auch nie anfreunden können!“, meinte sie verwundert, als sie die kleine Statue vorsichtig verpackte. „Wenn Sie noch mehr herausfinden sollten, schreiben Sie mir doch bitte! Das interessiert mich jetzt wirklich!“ Es gab offenbar eine geheimnisvolle dreifache Verknüpfung, und am Abend schickte ich ihr gleich eine Mail mit den Daten, die ich im Internet gefunden hatte. Sie schrieb sofort zurück und war begeistert.

Bärenmädchen (BFL)

Die echte „Arktos“ (so heißt dummerweise auch ein graublaues vogelähnliches Pokemon-Wesen, das die Google-Suche sehr erschwert) stammt aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. und stellt ein lächelndes Mädchen im Alter von etwa neun Jahren dar, das im Dienst der Artemis Brauronia stand. Die Originalstatue ist aus hellem Marmor, und der Fundort Brauron liegt an der Ostküste von Attika, etwa auf der Höhe von Athen. Dort befand sich einst eine antike Kultstätte der Artemis, der Herrin der Tiere, Göttin der Jagd und der Natur, der Fruchtbarkeit, des Lebens und des Todes. Die geografische Lage war günstig, es gab einen Naturhafen, der Ort war seit der Jungsteinzeit besiedelt, und wenn man den Mythen glaubt, versammelten sich hier die Griechen zum Auslaufen der Schiffe nach Troja, wurden jedoch von Artemis durch widrige Winde (oder totale Windstille, je nach Quelle) an der Weiterfahrt gehindert. Die Göttin wollte damit Agamemnon bestrafen, der sich gebrüstet hatte, ein besserer Jäger als sie zu sein, nachdem er eine Hirschkuh in ihrem heiligen Hain getötet hatte. Die Griechenflotte war jedenfalls komplett bewegungsunfähig, die Männer mochten murren soviel sie wollten. Schließlich weissagte der Seher Kalchas, dass Agamemnon seine Tochter Iphigenie opfern müsse, um die Fahrt fortsetzen zu können. Iphigenie ist eng mit Artemis verknüpft, in Brauron soll sich auch ihr Grab befinden. Als Agamemnon schließlich bereit war, seine Tochter zu opfern, erbarmte sich Artemis, brachte die junge Frau nach Tauris und legte an ihrer Stelle eine Hirschkuh auf den Altar.

Artemis (pixabay)

Im Tempel der Artemis verbrachten damals adlige junge Mädchen einige Jahre als „Arktoi“ – mit Tanz, Wettläufen und Webkunst. Hier wurden sie auf ihre Rolle als Frau vorbereitet („Arkteia“ war der Name für das Initiationsritual) und blieben dort, bis sie das Brautalter erreichten. Richtige „Bärenfeste“ wurden hier gefeiert, wie immer sie ausgesehen haben mögen. Vom antiken Tempel sind heute nur noch die Fundamente erhalten. Das größtes Gebäude des Heiligtums war die große „Stoa der Arktoi“ (Halle der Bärinnen).

Ich freue mich immer, wenn ich meine Ursula sehe. Sie steht im Zimmer meines Mannes, damit sie nicht allein ist, und ist umgeben von antiken Göttinnen und anderen kleinen Büsten und  Statuen. Natürlich nur Nachbildungen und längst nicht so viele wie im Arbeitszimmer von Sigmund Freud, aber ich muss beim Anblick der stummen Schönheiten trotzdem an ihn denken. Sowohl im Arbeitszimmer in Wien als auch in seinem Haus in London habe ich seine eindrucksvolle Sammlung in der Vitrine und auf dem Schreibtisch mehr als einmal bewundert.

Sehr angerührt hat mich auch der im heutigen Serbien entdeckte geheimnisvolle und wohl älteste erhaltene Satz der Menschheit, den der amerikanische Linguist Toby Griffen entziffern konnte und folgendermaßen übersetzt hat: „Bärgöttin und Vogelgöttin sind wirklich die Bärgöttin“. Er steht auf zwei 7.000 Jahre alten Tonscherben (Spinnwirteln) und wurde in Jela, in der Nähe von Belgrad, gefunden. Die Zeichen in der Vinca-Schrift (Bär – Göttin – Vogel – Göttin – Bär – Göttin – Göttin) sind im Kreis herum geschrieben und vorwärts und rückwärts lesbar.

Bärenmädchen (BFL)

Die griechische Jagdgöttin Artemis, in deren Namen die Wurzel „Art“ ja noch zu sehen ist, geht wohl auf eine ältere Bär- und Vogelgöttin zurück, daher dienten ihr auch die kleinen „Bärinnen“. Artio war die Bärgöttin der Kelten, und Ursa Major (große Bärin) bezeichnet das Sternzeichen des Grossen Bären. In der griechischen Mythologie gibt es übrigens eine interessante Verknüpfung zwischen dem Großen und Kleinen Bären, der Mutter Kallisto, die von Hera aus Eifersucht (Zeus hatte Kallisto vergewaltigt und sie war schwanger geworden) in eine Bärin verwandelt wurde und verdammt war, durch die Wälder zu streifen, und Kallistos Sohn Arkas, der sie fast getötet hätte, weil er nicht ahnte, dass er im Wald plötzlich seiner eigenen Mutter in Bärenform gegenüberstand. Zum gegenseitigen Schutz wurden die beiden von Zeus vorsichtshalber schnell emporgeschleudert und sicher am Himmel „verstirnt“, und seither kann man sie gemeinsam am Nordhimmel bewundern. Mit meinem zweiten Vornamen habe ich mich endgültig versöhnt. Ursula ist ein magischer Name, und es ist fast schon eine Ehre, ihn zu tragen.

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„Das Kind braucht Luftveränderung“ (7) – Ameland

 

Ameland (Wynand van Poortvliet/unsplash)

Zum Glück gab es auch schöne Ferien. Als Kind war ich noch ein zweites Mal am Meer, diesmal an der Nordsee. Doch auf Ameland war es völlig anders als „in Kur“. Diesmal war ich nämlich nicht allein, eine meiner Cousinen war bei mir, der Aufenthalt dauerte nur zwei Wochen, und die Kindergruppe war fröhlich. Die „Ferienfreizeit in Holland“ muss von der Kirche organisiert worden sein, denn alle waren katholisch, kamen aus meiner Gegend, und wir beteten morgens, mittags und abends. Aber ganz ungezwungen. Es war auch ein älteres Mädchen aus unserem Dorf als Betreuerin dabei. Meine Erinnerungen an Ameland sind anders als die Kurerinnerungen angenehm und bestehen vor allem aus Wasser, Möwen, Sand und Dünen, wenn man von zwei lästigen physischen Störfaktoren, die einfach nur mein persönliches Pech waren, einmal absieht.

Karten (BFL)

Zwischen den alten Briefen entdeckte ich eine Karte, die meine Mutter mir damals geschrieben hat. Darauf ist ein philosophisch blickendes Eichhörnchen zu sehen, das unbequem auf einem Ast ruht. Die Karte ist datiert: 4.8.1969. Hier finde ich auch meine damalige Adresse. Vacantiehiem „Licht der Zee“. Der Ort hieß Buren. Fotos gibt es keine von unserem Aufenthalt, aber etliche Karten. Eine mit Seevögeln. Wilde Eend, Zeekoet, Scholekster, Kievit. Beim Gedächtnissondieren fällt mir doch noch einiges ein. Busfahrten, ein Schiff, übermütige Kinderstimmen, die Lieder aus der „Mundorgel“ singen. Groeten van het eiland Ameland. Auf einer Karte sieht man eine Windmühle und einen rotweißen Leuchtturm, und ich schreibe von einer „schönen Traktorfahrt“, an die ich keinerlei Erinnerung habe. Der Aufenthalt war unbeschwert, nur die gelegentlichen und meiner Meinung nach völlig unnötigen Kabbeleien mit meiner Cousine machten mir etwas Kummer. Aber ich war schon immer extrem harmoniesüchtig. Wenn alles ausdiskutiert war, schliefen wir zum Glück meistens einträchtig Hand in Hand ein, und alles war wieder gut. An die anderen Kinder kann ich mich nicht erinnern, nur an das Mädchen, das im unteren Teil des Etagenbetts neben unserem schlief und C. hieß.

Ameland (Florian_Hölzl/pixabay)

Wir waren viel draußen, machten Wanderungen, aßen Eis und feierten mit einem ziemlich alten Pastor Gottesdienste am Strand, wo unsere Stimmen im Winde verwehten. Wir schliefen in einem ehemaligen Kuhstall, in dem lauter Etagenbetten aus Metall standen, immer zwei zusammengeschoben. Das Ambiente war extrem bescheiden, aber wir fanden das lustig. Meine Cousine und ich ergatterten zwei der begehrten oberen Schlafplätze, „Wir haben das beste Bett erwischt“, steht auf meiner Karte. Wir konnten alle nach Herzenslust flüstern und auf Toilette durften wir nachts auch.

Schräg unter mir lag das Mädchen, an das ich mich so gut erinnere. Jeden Abend vor dem Einschlafen warf sie ihren Kopf so heftig auf dem Kissen hin und her, dass ich Angst bekam, sie könnte sich den Hals brechen. Ich hatte keine Ahnung, warum sie das machte, und überlegte, ob es vielleicht ähnliche Gründe haben könnte wie das Hin- und Herwiegen des Oberkörpers bei Heimkindern. Das hatte meine kleine Schwester in den ersten Wochen bei uns gemacht, und mein Vater hatte mir erklärt, dass die Babys auf diese Weise versuchten, sich selbst zu beruhigen. Das Kopfwerfen sah äußerst unbequem aus, aber C. schlief dabei tatsächlich ein. Ich weiß nicht, ob sonst noch jemand diese Eigenheit bemerkte. Vielleicht wussten die Betreuer davon, denn das Bett neben ihr war leer. Beim Übersetzen von psychiatrischer Fachliteratur stieß ich viele Jahre später auf den Namen des Phänomens: „Jaktation“. Bei C. war es offenbar „Jactatio capitis“.

Ameland (Smu93/pixabay)

C. hielt sich tagsüber bewusst abseits, und wir konnten mit ihr nichts Richtiges anfangen, aber sie tat uns leid und wir waren freundlich zu ihr. Noch etwas wiederholte sich jeden Abend. Wir sangen immer das Lied „Danke“ (in der Kurzversion), damals ein echter christlicher Hit, den die meisten von uns auswendig kannten. Am Ende des Lieds schmetterte das merkwürdige Mädchen zu meinem Entzücken jedes Mal: „Danke, ach Herr, ich will DICH danken, dass ich danken kann“. Bis heute denke ich an sie, wenn ich das Lied höre. Und die letzte Zeile singe ich genau wie sie, allerdings leise und nur für mich. Was mag wohl aus ihr geworden sein? Was mag wohl ihr Problem gewesen sein?

Ameland (Marijket/pixabay)

Dass die Ferien ein unschönes Ende hatten, lag ausschließlich an einem heimtückischen Fremdkörper und meinem unteren linken Backenzahn, der plötzlich anfing, wahnsinnig zu schmerzen, weil sich unter der Plombe Gas gebildet hatte, so dass ich zum ersten Mal in meinem Leben Sehnsucht nach einem Zahnarzt  hatte. Schmerzmittel gab es keine und einen Zahnarzt auch nicht. Dazu hätte man mich aufs Festland verfrachten müssen, und so viel Aufwand wollte ich nicht. Lieber alles tapfer ertragen, der Urlaub war ja bald vorbei. Was Zahnschmerzen betraf, war ich dank meiner Zahnarztphobie hart im Nehmen. In meiner Verzweiflung versuchte ich, vor dem Einschlafen das Puckern zu lindern, indem ich etwas Kaltes anfasste, zum Beispiel die Metallstangen vom Bett. Ich wartete, bis meine Finger kühl waren, und legte sie dann vorsichtig um den wehen Zahn. Es schmeckte unangenehm und half kaum.

Am Tag nach der Heimfahrt schleppte ich mich sofort als Notfall in die Höhle des Löwen. Was immer sich unter der Plombe gegen mich verschworen hatte, entwich zischend als stinkende kleine Giftwolke, die sogar Dr. K einen Pfiff des Erstaunens entlockte. In das Loch kam etwas extrem Bitterschmeckendes, und der Zahn und ich wurden erneut vorgeladen. Beim nächsten Termin wurden wir gewaltsam voneinander getrennt, und ich versuchte wie üblich, mich voll Panik in den Fußbereich des Zahnarztstuhls zu schlängeln. Ein unmögliches Unterfangen bei der extrem schiefen Körperlage, mein Kopf berührte ja fast den Boden. Es war völlig klar, dass ich scheitern würde, aber ich musste es einfach versuchen. Dr. K. schimpfte, stach mehrfach mit der Spritze und extrahierte. Also alles wie immer. Den Zahn nahm ich mit nach Hause und vergrub ihn im Beisein meiner Katzen feierlich hinten im Garten. Unmittelbar neben einem Rosenbusch.

Ameland (sedaris/pixabay)

Auf Ameland kümmerte sich übrigens auch noch ein netter junger Kaplan um uns. Als ich mir wenige Tage vor der Heimfahrt zu allem Zahnübel auch noch einen fetten Dorn in den Fuß trat, den keine der Betreuerinnen herauszudrücken vermochte, und mich nur noch auf der Ferse humpelnd fortbewegen konnte, sorgte er dafür, dass der lädierte Zehenballen mit schwarzer Zugsalbe eingeschmiert wurde. Mehrfach. Die sollte den Dorn herausziehen, was der Dorn aber leider nicht kapierte. Er gab sich erst zu Hause in der Badewanne geschlagen und trieb plötzlich völlig ohne mein Zutun eindrucksvoll schwarz und spitz im heißen grünen Fichtennadelwasser. Ein Riesendorn! Kein Wunder, dass er mich geplagt hatte! Und so verbrachte ich meine zweiten Meerferien zwar seelisch unbeschadet, dafür aber gequält von Zahnweh und Ballendorn. Doch meine Erinnerungen vermag das nicht zu trüben. See und Salzluft waren trotzdem schön, genau wie das laute Seevogelgekreisch und meine Sonnenlotion. Zeozon. In einer gelbgrünen Plastikflasche.

Ameland (Ridderhof/pixabay)

An Essen und Getränke habe ich keine Erinnerungen, also wird alles in Ordnung gewesen sein. Wir konnten uns wohl selbst bedienen, was mir schon immer am liebsten war. Ich bekomme nur einen Steinmagen, wenn der Teller voll ist (vor allem mit Dingen, die ich nicht mag oder hasse) und ich ihn leer essen muss. Offenbar ein chronischer Kur-Effekt. Ich habe mich in der Ameland-Kindergruppe sehr wohl gefühlt, nur das gemeinsame Duschen war peinlich. Vor allem wegen meiner Cousine. Verwandte sollten sich auf gar keinen Fall nackt sehen! Heimweh hatte ich vor allem nach meinem kleinen Zoo, denn zu dem Zeitpunkt hatte ich ja außer einem Hamster namens Maxim, einem dicken Meerschweinchen und vielen Kaninchen auch schon meine Katzen.

Der Hörnchenkarte entnehme ich, dass meine Mutter wie üblich, wenn Familienmitglieder abwesend waren (mein Vater war zeitgleich auf Dienstreise), massive Veränderungen im Haus vornahm. Diesmal ließ sie das Wohnzimmer renovieren, eine Dusche im Keller einbauen und eine neue Kühltruhe anliefern. Vielleicht musste sie sich intensiv ablenken, um den Trennungsstress zu ertragen? Aber vielleicht nutzte sie aber auch nur die Gunst der Stunde und die gewonnene Freiheit, um ungestört walten zu können? Mein Vater hasste Handwerker und Veränderungen – und mir ging es ähnlich. Als ich aus der Niendorf-Kur zurückkam, überraschte meine Mutter mich mit einem komplett neu gestalteten Zimmer und richtig schönen Möbeln, die sie höchstpersönlich abgebeizt und gestrichen hatte. Über den neuesten Stand der Renovierung wurde ich in jedem Brief auf dem Laufenden gehalten.

Ameland (Skitterphoto/pixabay)

 

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„Das Kind braucht Luftveränderung“ (6) – Barbara

Muschelherz (Alexandra_Koch/pixabay)

Als Kontaktperson für „Verschickungskinder“, die genau wie ich im Kurort Niendorf an der Ostsee waren, habe ich im Laufe des letzten Jahres einige Mails von anderen ehemaligen „Kurkindern“ bekommen, unter anderem einen langen Brief von Barbara, die als ganz kleines Kind „verschickt“ wurde und mir erlaubt hat, ihn hier zu zeigen.

Meine eigenen Erinnerungen kommen sofort zurück, wenn ich ihren Bericht lese. Ich rieche das Meer, den Gestank der Muscheln, Krabben und Seesterne, den fischigen Seekutter, den Duft meiner cremigen Sonnenlotion, den scheußlichen blassen Kinderkaffee, von dem wir Durchfall bekamen, die eklige wabbelige Frühstücksülze. Ich spüre die salzige, herbe Luft auf Lippen und Zunge, die kalten Kacheln, den groben, spitzen Kies unter meinen nackten Füßen, das weiche hellblaue Badetuch beim Abrubbeln, die eisigen Wellen beim Baden im Meer, die Gänsehaut am ganzen Körper, den klebrigen Sand zwischen den Zehen, den rauen Bettbezug am Gesicht. Mein Haß auf weiße Bettwäsche rührt eindeutig aus dieser Zeit.

Den Wackelpudding mit dem Schokokringel hatte ich tatsächlich vergessen. Den gab es auch bei uns! Er war wirklich lecker, vor allem, wenn er grün war. Mein Waldmeistertrost. Das Eis war zu meiner Zeit allerdings ungenießbar, was traurig war, denn Eis war mein Lieblingsnachtisch. Wie habe ich es noch in dem mühsam herausgeschmuggelten Brief ausgedrückt, der meine besorgte Mutter so in Alarmbereitschaft versetzte, dass sie sofort im Heim anrief: „Wir bekommen furchtbares Essen. Faule Sachen und vieses Eis.“ Ich vermute, das Eis war mit Büchsenmilch gemacht, und Büchsenmilch fand ich als Kind einfach widerlich. Auch die Milchsuppe mit der dicken Haut und die scheußliche Reste-Suppe, in der die Nußeckenstücke vom Vortag schwammen, sehe ich wieder vor mir, und schon schnürt sich mein Hals zu. Das Schwimmbad, von dem Barbara schreibt, kenne ich nicht, wir haben damals „richtig“ in der Ostsee gebadet, wenn auch nicht oft, aber wir waren ja auch „schon groß“. Für so kleine Kinder wie Barbara wäre das sicher zu gefährlich gewesen.

Hühnergötter (Saiflower/pixabay))

Barbaras Brief

„Auf WDR 5 habe ich gerade einen Bericht über den Verein „Verschickungsheime“ gehört. Und da kommen die Erinnerungen wieder hoch. 1968 war ich 5 Jahre alt, meine Schwester war damals 6 und wog zu wenig. Deshalb sollte sie aufgepäppelt werden, und damit sie nicht allein war, wurde ich mitgeschickt. Entgegen der üblichen Praxis waren wir beiden jedoch nur 3 Wochen dort, alle anderen Kinder 6 Wochen. Das Essen war zwar oft eklig, aber in meiner Erinnerung nicht verdorben oder so. Milchsuppe hab ich gehasst, musste sie aber jeden Morgen essen. „Wer nicht auf isst, darf nicht aufstehen vom Tisch!“ Und wer kotzt (das kam ziemlich oft vor), bekommt mittags keinen Nachtisch. Dieser Nachtisch war super: Wackelpudding mit einem Schokokringel darauf. Der war bei allen sehr begehrt. Und sonntags gab’s Eis zum Nachtisch! Also, möglichst nicht kotzen! Die „Fräuleins“ (Betreuerinnen) und die Nonne waren sehr streng. Liebevoll habe ich sie überhaupt nicht in Erinnerung, eher kalt und hart, manchmal auch gemein.

Allein (Lauralucia/pixabay)

Ich hab damals oft in die Hose gemacht, besonders wenn ich Angst hatte. Am 2. Tag hatte ich schon zwei Schlüpfer gewechselt und brauchte gegen Mittag schon den dritten. Die Erzieherin erlaubte es nicht. „Wenn du in die Hose machst, musst du das halt aushalten. Die Unterwäsche wird nur einmal in der Woche gewechselt!“ Und so lief ich total wund eine ganze Woche mit der selben Unterhose herum und hab wahrscheinlich unglaublich gestunken. Als die Nonne das am Ende der Woche gesehen hat, gab’s richtig Ärger. Ab da durfte ich jeden Tag zumindest einmal die Wäsche wechseln (mehr aber auch nicht!!!), aber wenn die Nonne weg war, musste ich manchmal auch mit nasser Hose rumlaufen.

Schlimm war auch die Bettkontrolle morgens: „Wer von euch hat ins Bett gemacht?“ Peinlich war das. Erniedrigend. Und wenn abends das Licht ausgemacht wurde, kam 10 Minuten später die Nonne und hat jedem Kind mit der Taschenlampe ins Gesicht geleuchtet, um zu kontrollieren, ob wir auch schliefen. Wenn man die Augen ganz fest zusammenkniff, merkte sie nicht, dass man noch wach war. Glaubten wir. Weinen war verboten, das weiß ich noch, und auch, dass auf dem Flur immer jemand Wache gehalten hat, damit niemand aufsteht.

Meine Schwester bekam Windpocken im Heim, einige Tage später ich auch und so folgten alle Kinder nach und nach. Man musste für einige Tage allein im Schlafsaal bleiben, durfte nicht aufstehen, und ich hatte unendliches Heimweh. Es war grauenhaft.

Vor ca. 20 Jahren bin ich nochmal nach Niendorf gefahren. Hab das Haus von Weitem erkannt, obwohl ich weder Namen noch Adresse hatte. Hab unseren Gruppenraum direkt gefunden, wusste noch, wo wir immer gesessen haben. War alles noch sehr ähnlich wie damals, aber der Raum schien mir viel heller. Die dunkle Holzvertäfelung war, glaube ich, nicht mehr da.

Strandläufer (Skitterphoto/pixabay)

Als ich auf dem Hof unten eine Betreuerin fragte, wo die „Schreckenskammer“ ist, wusste sie sofort, was ich meinte: den Duschraum vor dem Schwimmbad. Einmal in der Woche war dort Schwimmen, Baden und Planschen angesagt, und das haben wir geliebt. Aber um ins Schwimmbad zu kommen, mussten wir uns natürlich erst umziehen. Und was dann kam, war furchtbar. Alle Kinder wurden in einen kleinen schmalen Raum gesperrt, dicht an dicht, und die Tür hinter uns geschlossen. Niemand konnte mehr raus. Der Raum hatte Oberlichter und war mit weißen Kacheln raumhoch gefliest. Unter der Decke waren in regelmäßigen Abständen Duschköpfe montiert. Von außen wurde dann das Wasser aufgedreht, und das war eiskalt! Alle schrien und versuchten, möglichst weit weg von den Duschköpfen zu kommen. Es war ohrenbetäubend, alle schubsten, drängten und drückten, eiskaltes Wasser prasselte von oben auf uns herunter, lautes Geschrei und Gekreische… Ich hatte Todesangst. Ich war die Jüngste in unserer Gruppe, alle anderen waren 6 und 7 Jahre alt, aber ich war ja erst 5 und damit die Kleinste und Schwächste. Panik, blanke Panik! Es war die Hölle. Bei meinem zweiten Besuch gab es diese Kammer wohl nicht mehr. Das Schwimmbad war damals komplett gesperrt und wurde gerade saniert.

Einsame Feder (Cairomoon/pixabay)

Meine Mutter war 1938 selber als Kind in diesem Heim. Warum sie uns dann auch noch dahin geschickt hat, verstehe ich bis heute nicht. Meine jüngste Schwester (6 Jahre jünger als ich) war 1978 auch dort, aber da war sie schon 10 Jahre alt und hat ganz wunderbare Erinnerungen daran. Dort war sie die Älteste und durfte sich mit um die Kleinen kümmern. Endlich mal nicht die Kleine sein wie zuhause, sondern zu den Großen zählen, das hat sie sehr genossen.

Ob wir in dem Heim auch unser Erbrochenes essen musste, weiß ich nicht mehr. Vielleicht bilde ich mir das ja nur ein. Bin mir da nicht mehr sicher, aber es treibt mir die Tränen in die Augen. Nachdem ich das in so vielen Berichte von anderen gelesen habe, gruselt’s mich immer mehr. Kann das wirklich möglich sein? Die eigene Kotze essen müssen? Unglaublich!

So viele Erinnerungen kommen wieder hoch. Ich fand es dort ganz schrecklich. Mich hat gerettet, dass meine große Schwester dabei war. Somit waren wir wenigstens nicht alleine…“     

(Barbara)

Frei (Kranich17/pixabay)

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Good riddance 2020!

(pixel2013/unsplash)

Es war ein schlimmes Jahr für uns alle, und ich bin froh, dass es in weniger als zwei Stunden endlich vorbei ist. Da keine Böller und Raketen verkauft werden dürfen, wird die Nacht hoffentlich still werden. Viel zu feiern gibt es wirklich nicht. Wie immer am Altjahresabend schreibe ich meinen ganz persönlichen Rückblick, doch diesmal fällt er umfangreicher und bedrückender aus als sonst.

Das Jahr begann nicht nur mit Feuerwerk, guten Wünschen, neuen Vorsätzen und ausgelassenen Feiern, sondern auch mit einem denkbar schlechten Omen. In Krefeld zündeten in der Silvesternacht drei Frauen verbotene Himmelslaternen an, die zwar schön aussehen, aber brandgefährlich sind und das Affenhaus im Krefelder Zoo in Brand setzten. Fünfzig Tiere mussten qualvoll verbrennen.

(Patrick Perkins/unsplash)

Es sollte tatsächlich ein Jahr der Flammen werden. Schon bald folgten verheerende Buschfeuer in Australien, die sich zu einem Megafeuer verbanden und eine Milliarde Tiere das Leben kosteten. Ich sehe Kängurus mit versengten Gesichtern und verbrannten Füßen und hilflose Koalas, die von ihren Rettern in Sicherheit gebracht werden. Irgendwann brannte dann auch die Westküste der USA so lichterloh, dass die Menschen nicht mehr atmen konnten, der Himmel über San Francisco sich blutrot und orangegrau färbte und die Rauchwolken bis nach New York zogen.

(Patrick Perkins/unsplash)

Im kalifornischen Death Valley erreichte die Temperatur den Rekordwert von 54°. Heftige Winde fachten die Feuer immer weiter an. Ich sehe ausgebrannte Autos, von deren Fahrern nichts mehr übrig ist, erschöpfte Feuerwehrleute, die unermüdlich im Einsatz sind, weinende Überlebende vor Häusern, die in Schutt und Asche liegen. Unzählige jahrhundertealte Baumriesen verbrannten innerhalb weniger Tage  im Sierra National Forest.

Es brannte auch auf dem Kilimandscharo (weil Bergsteiger ihr Lagerfeuer nicht gelöscht hatten) und katastrophal in den Regenwäldern des Amazonas, wo die grüne Lunge unseres Planeten von Menschen mutwillig zerstört wird. Im Juli tobten die Flammen sogar in der Antarktis, der kältesten Region der Welt, wo plötzlich Temperaturen von 40 Grad erreicht wurden. Es brannte bei den Ärmsten der Armen im Flüchtlingslager in Moria, und explosiv im Hafen von Beirut, wo fast 200 Menschen starben und über 6.000 verletzt wurden. Es brannte auch in den Straßen von Minneapolis, nachdem dort ein Mann qualvoll ersticken musste. Und am Ende des Jahres brennt es schon wieder in Australien.

(8385/pixabay)

„Get Brexit done“, lautete der trotzige Wahlslogan der Konservativen. Das Jahr begann mit britischem Jubel über die baldige Trennung, die dann aber doch noch eine gefühlte Ewigkeit unter endlosem Gezerre dauern sollte. Die „Europäer“ trauern. Ich höre Ursula von der Leyen zum Abschied sagen: „We will always love you and we will never be far.“ Als ich sehe, wie sich die Menschen im Europäischen Parlament im Januar bei den Händen fassen, und höre, wie sie gemeinsam „Auld Lang Syne“ singen, kommen mir die Tränen. Dieses Lied hat mich schon immer traurig gemacht. Gleich beim ersten Mal, als ich mit zwölf am Lagerfeuer stand und nur die deutsche Übersetzung kannte, die längst nicht so berührend ist wie das Original von Robert Burns.

(MIH83/pixbay)

Der Brexit zog sich ein Jahr lang zäh dahin und war erst vor wenigen Tagen, an Heiligabend, wirklich „done“. Gestern hat die Queen das Handelsabkommen unterzeichnet, nachdem auch das Ober- und Unterhaus grünes Licht gegeben hatten. Vorher mussten sich allerdings noch tausende Laster auf den Autobahnen in Kent stauen. Doch das lag nicht (nur) am Brexit, sondern vor allem an der mutierten Virusvariante, die sich gerade auf der Insel ausbreitet und nur darauf wartet über den Kanal zu springen. Der neue britische Rekordwert liegt heute bei 55.892 Neuinfektionen.

(webentwicklerin/unsplash)

2020 sieht auch aus wie die hässliche Stachelkugel, die einfach überall lauert. Man kann ihr nicht entfliehen. Heute vor genau einem Jahr wurde die erste Meldung von einer mysteriösen Krankheit in China veröffentlicht. Aus Wuhan machte sich im Januar ein gefährliches, unberechenbares neues Virus auf, um die Welt in Windeseile zu besiegen. In Venedig wurde der Karneval abgesagt, in Italien wurde man bald der Kranken und Leichen nicht mehr Herr, in Deutschland feierte man zwar noch, doch dann kamen Ischgl und Heinsberg, und bald war auch Deutschland im Krisenmodus und verfiel in Schockstarre. Aus Frankreich und Spanien kamen Schreckensmeldungen. Plötzlich waren Corona und Covid überall.

(Matt Seymour/unsplash)

Kontaktverbot, Quarantäne, Hamstern, Triage, Ausnahmezustand, Risikogebiet, Sperrgebiet. Wörter wie aus den Kriegsgeschichten unserer Eltern. Super Spreader, Lockdown, Shutdown, Testpflicht, Abstandsregeln, AHA-Regeln, PCR-Tests, Auftrittsverbote. Neue und gefährlich klingende Wörter. Draußen wurde es stiller und leerer, die Häuser füllten sich mit Eingeschlossenen, Klopapier und Desinfektionsmitteln, die Menschen fanden sich plötzlich im Homeoffice, in Kurzarbeit und in Zoomkonferenzen oder ganz ohne Job wieder, auf den Balkonen wurde abends gesungen und geklatscht, man fühlte sich solidarisch mit Lebensrettern und Alltagshelden und irgendwie auch miteinander. Doch das dauerte nicht lange. Die häusliche Gewalt gegen Frauen und Kinder nahm zu, viele Menschen standen vor dem finanziellen oder seelischen Ruin, Künstler und Selbstständige waren besonders betroffen, viele verloren ihre Arbeit, landeten gar auf der Straße. Doch es gab und gibt  auch viel Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft. Und eine große Müdigkeit. Nach einem Jahr sind wir es leid. Corona-Fatigue. Und Long Covid, die schlimmen Nachwirkungen der Seuche.

„Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst“, warnte die Kanzlerin im März die Bevölkerung. Das vergangene Jahr hat für mich so viele Gesichter und Stimmen. Die ruhigen, besonnenen Stimmen von Angela Merkel, Christian Drosten, Anthony Fauci und Jo Biden, das aggressive Gezeter von Donald Trump und seiner Gefolgschaft, die wirren Reden der Corona-Leugner und Wutbürger, die ironischen Gesichter und spöttischen Stimmen der Satiriker Oliver Welke und Stephen Colbert, das schöne Gesicht und die genialen (lippensynchronisierten) Trump-Parodien von Sarah Cooper, das markante Gesicht und die nachdrücklichen Ansprachen und Pressekonferenzen des New Yorker Gouverneurs Andrew Cuomo.

George Floyd (Jon Tyson/unsplash)

2020 hat auch das Gesicht und die verzweifelte Stimme von George Floyd, dessen „I can’t breathe“ die „Black Lives Matter“ Bewegung ins Rollen brachte, die sich rasch überall verbreitete und mit unglaublicher Wucht zahlreiche Helden vom Sockel fegte.

Das Jahr hat auch das Gesicht und die Stimme der zierlichen betagten Supreme Court Richterin Ruth Bader-Ginsburg, deren unerschütterliches „I dissent“ Millionen amerikanischen Frauen neuen Mut und Zuversicht gab. Wie schade, dass sie nicht noch einen Monat länger leben durfte. „My most fervent wish is that I will not be replaced until a new president is installed.“ Es war ihr nicht vergönnt. Mitch McConnell vergaß sich selbst und setzte sich durch. Der Noch-Präsident machte daraus einen persönlichen Trump-Triumph. Einen von vielen. Und keiner davon war gut.

RBG (Jon Tyson/unsplash)

Das Jahr hat auch die Gesichter der drei unerschütterlichen Oppositionsführerinnen in Belarus, die jetzt tragischerweise im Exil und im Gefängnis sind. Und das Gesicht und die Raspelstimme von Lothar Wieler, dem Präsidenten des Robert Koch-Instituts, der täglich geduldig Rede und Antwort stand, das glatte Gesicht und die mahnende Stimme von Gesundheitsminister Jens Spahn, sowie die abgehackte Sprache und das streitlustige Gesicht des flegelhaften Störenfrieds Boris Johnson, das dann vorübergehend gar nicht mehr so stolz  und selbstherrlich aussah, sondern ziemlich bleich und krank.

Zwischendurch taucht auch das junge Gesicht von Greta Thunberg auf, das uns daran erinnert, dass es noch ein anderes Thema als Corona gibt, denn auch dieses Jahr bricht wieder etliche extreme Wetterrekorde, und das ist bedrohlich und macht mir große Angst. Die Erde wird immer wärmer, die Pole schmelzen, immer mehr Tiere sterben aus.

(Jon Tyson/unsplash)

Ich sehe, wie sich Donald Trump triumphierend und medienwirksam vor einer fremden Kirche aufbaut und eine fremde Bibel hochhält wie eine Trophäe.

Und ich sehe den einsamen alten Papst mit dem ernsten Gesicht und dem Pestkreuz allein im Regen auf dem ausgestorbenen Petersplatz in Rom. Vielleicht wird mir dieses Bild am nachhaltigsten im Kopf bleiben, denn es hat mich zum Weinen gebracht. Ich sehe leere Straßen, dunkle, geschlossene Geschäfte und Theater, ausgestorbene Kinos und Restaurants.

Ich sehe das entschlossene Gesicht von Alexej Navalny und höre ihn im Flugzeug vor Schmerzen schreien, freue mich, als man ihn nach Deutschland holt, und noch mehr, als er aus dem Koma erwacht, aufsteht und weiterkämpft.

Ich sehe, wie Donald Trump im Oktober wenige Tage nach seiner Corona-Infektion stolz wie ein Hollywoodheld aus dem Krankenhaus ins Weiße Haus zurückkehrt und sich demonstrativ die Maske vom Gesicht reißt. Masken sind ohnehin nur für Verlierer und Weichlinge. Und für Demokraten. Nein, Corona braucht man nicht zu fürchten, Trump fühlt sich besser denn je nach seinem Medikamentencocktail, und ab jetzt weiß er mehr über die Krankheit als alle anderen zusammen. Das Virus lacht sich derweil ins Fäustchen und rafft immer mehr Amerikaner dahin.

Dem Virus ist alles egal, es verbreitet sich schneller denn je und versucht es auch mit anderen Staatsoberhäuptern, etwa dem französischen Präsidenten. Ich sehe den Lehrer Samuel Paty, der in Paris enthauptet wurde, weil er seinen Schülern Karikaturen gezeigt hat, um mit ihnen über das Recht auf Meinungsfreiheit zu diskutieren. Und ich überlege, warum diese Karikaturen überhaupt nötig waren in einer Zeit, in der es ohnehin genug Probleme gibt.

Das Fahrrad ist das Fortbewegungsmittel des Jahres, Corona-Pandemie ist das Wort des Jahres, Mund-Nasen-Schutz ist die Gesichtsbedeckung des Jahres, Spuckschutzscheiben und Schweinestau sind die bizarrsten Wörter des Jahres, Knuffel-Kontakt ist das schönste Wort des Jahre, und seit heute hat meine Corona-Warn-App eine Zusatzfunktion. Ich kann ab jetzt ein Kontakttagebuch führen. Wenn diese App doch nur besser und genauer warnen würde, google und facebook überwachen uns doch auch auf Schritt und Tritt. Ich würde gern wissen, wo und wann mein Risikokontakt stattgefunden hat. Aber vielleicht ändern sie das ja bei der nächsten Pandemie.

Fauci (Jon Tyson/unsplash)

Ich sehe die erschöpften Ärzte und Ärztinnen und das Pflegepersonal in Krankenhäusern und Heimen, verzweifelt und am Ende ihrer Kraft, sehe die einsamen alten Menschen in ihren Zimmern, die Sterbenden, die allein bleiben müssen, sehe leblose Körper, die nicht mehr allein atmen können und an lebensrettenden Maschinen hängen, die Trauernden, die sich von ihren Verstorbenen nicht verabschieden können, sich bei Beerdigungen nicht trösten lassen können. Ich sehe die Polizisten, die brüllenden Demonstranten entgegentreten müssen, die getrennten Liebenden, die auseinandergerissenen Familien, die Großeltern, die Kinder und Enkel, wenn überhaupt, nur noch am Computer oder im Handy sehen. Ich sehe die vielen bemaskten Kinder, die tapfer durchhalten und einfach nur wollen, dass Corona „wieder weg geht“, die Schüler, die in Decken gehüllt in zugigen Klassenzimmern sitzen oder zuhause am Computer, wenn wieder Distanzunterricht an der Reihe ist.

Wir sprechen jetzt alle das neue gedämpfte Maskendeutsch, undeutlich, dumpf, verschwommen. Wir sehen aus wie aufrecht gehende vermummte Tiere, mit weißen Schnäbeln und merkwürdigen Papier- und Stoffrüsseln. Wie oft habe ich Panik bekommen hinter meinem Sicherheitsstoff. Wir fürchten einander und uns selbst. Wir fürchten den winzigen Feind, der in unserer Atemluft nistet und nur darauf wartet, auf den nächsten „Wirt“ überzuwechseln. Wir selbst sind die Bedrohung, vor der wir uns bei anderen fürchten. Wir haben verlernt, uns die Hände zu schütteln und uns in den Arm zu nehmen. Jedes Husten, jedes Niesen lässt uns das Blut gefrieren. Wir waschen uns die Hände wie die Weltmeister.

Joe Biden (Jon Tyson/unsplash)

Ich sehe mich im November hinten in unserem Garten sitzen und nachdenken, als plötzlich die Eilmeldung auf meinem Handy aufleuchtet, dass Joe Biden die Wahl nach all der quälendem Warterei und Zählerei tatsächlich gewonnen hat, und sehe mich in Tränen der Erleichterung ausbrechen. Das ist mir bei einer Wahl noch nie zuvor passiert. Leider zieht sich die Trump-Farce ähnlich lange hin wie der Brexit. Er will einfach nicht einsehen, dass seine Zeit vorbei ist, unternimmt immer neue Versuche, die Wahrheit zu verbiegen. „Stop the count!“ „Voter fraud!“ Er akzeptiert Wahlen nur, wenn er sie gewinnt. Was für ein schlechter Verlierer. Während sein Volk stirbt, spielt er Golf. Ich bin erleichtert, als die Wahlmänner Biden geschlossen zum Sieger erklären, aber es naht schon die nächste Krise. Ein neuer Einspruch. Nimmt das denn gar kein Ende? Sicher kann man wohl erst sein, wenn Biden am 20. Januar endlich ins Weiße Haus einzieht. Ich sehe das freundliche Gesicht der starken jungen Frau an seiner Seite, die am Telefon immer wieder lachend ruft „We did it, Joe!“ Kamala Harris. Und das von Dr. Jill Biden, der anderen starken Frau an seiner Seite, der man am liebsten den Doktortitel absprechen würde, weil sich das für die Frau eines Präsidenten angeblich nicht gehört. Amerikanische Logik.

(Markus Winkler/unsplash)

Ich lese bei Twitter Florian Krammers Satz „Dear world, we have a vaccine!“, und wieder kommen mir die Tränen. Ein Impfstoff! So unfaßbar schnell! Was für eine unglaubliche Leistung! Ich sehe die lächelnden Gesichter der beiden deutschen BionTech Forscher Uğur Şahin und Özlem Türeci, an deren Institut Menschen aus 60 verschiedenen Nationen arbeiten. Internationale Zusammenarbeit statt pompöse MAGA-Haltung. Auch Professor Drosten, der als erster einen Test für das Virus entwickelte, teilte seine Entdeckung sofort mit der Welt. Vernetzung statt Isolation. Das macht Hoffnung. Inzwischen sind hier bereits zwei Impfstoffe zugelassen, und ich sehe die glücklichen Gesichter der Geimpften. Auch sie gehören zu diesem Jahr, und es werden mit jedem Tag mehr.

Greta (Bruno Figueirdo/unsplash)

Die Pandemie hat mich zum Medien-Junkie gemacht. Ein bisschen sogar zum „Doomscroller“. Nachts, wenn ich nicht schlafen kann, lese ich die „New York Times“, schaue erst bei CNN vorbei, dann beim „Guardian“ und bei der BBC. Wenn ich immer noch nicht müde bin, besuche ich auch noch die Seiten von ARD und ZDF. Morgens bekomme ich die neuesten Meldungen von „Stadt mit K“, „NDR-Info“ und „ZDF Heute“. Ein Twitter Account habe ich auch. Nicht nur wegen Trump. Meine größte Entdeckung des Jahres war das Radio. Mit NDR-Info und dem Coronavirus Update fing es an, danach habe ich mir viele weitere interessante Podcasts und Sendungen angehört. Außerdem habe ich meine Schwäche für Blinkist entdeckt und auf diesem Weg etliche neue Bücher in der Kurzfassung kennengelernt. Ein paar davon habe ich mir danach gekauft.

(Webentwicklerin/pixabay)

Corona hat dafür gesorgt, dass ich plötzlich ziemlich nah am Wasser gebaut bin. Mir kommen die Tränen, als unsere Tochter, die wir seit über einem Jahr nicht gesehen haben, an Heiligabend weit weg im Norden Englands ihre erste Impfung mit dem neuen Impfstoff von BioNTech/Pfizer erhält und uns ein Whatsapp-Foto davon schickt, und auch im November kommen mir die Tränen, als ich fast ungläubig meinen Antikörpertest in der Hand halte, obwohl ich den Gedanken, dass mir im Moment nicht mehr viel passieren kann, nach so vielen Monaten der Sorge und Angst, kaum fassen kann. Wie es ist, nichts mehr riechen und schmecken zu können, hat mich Corona auch gelehrt. Und wie wunderbar es sich anfühlt, die verlorenen Sinne wieder zurückzubekommen. Ein Geschenk des Lebens. Und auch das Leben ist ein Geschenk.

Noch viel mehr hat mich dieses Jahr gelehrt. Geduld. Demut. Dankbarkeit. Liebe. Achtsamkeit. Mitgefühl. Entschleunigung. Nichts ist selbstverständlich. Jeder Tag kann der letzte sein. Jede Umarmung, jedes Lächeln, jedes Treffen kann das letzte sein. Ich weiß jetzt, wie unfaßbar schön es ist, unbeschwert und ohne Maske, Abstand und Angst durchs Leben und durch meine Stadt zu gehen. Wie schön es ist, mit anderen angstfrei  zu sprechen, zu essen und zu trinken. Wie zerbrechlich und gefährdet unser Leben ist. Nichts soll man aufschieben, wer weiß, wieviel Zeit uns noch bleibt. Auch wenn wir noch so vorsichtig sind, kann es uns erwischen. Wie wichtig doch die kleinen Freuden und Glücksmomente sind. Sogar der Duft des Weihnachtbaums, den man zwei Wochen lang nicht hat wahrnehmen können, macht überglücklich, wenn man ihn plötzlich wieder riecht. Ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass 2021 für uns und unsere Erde ein besseres, gesünderes, freundlicheres Jahr werden wird. It’s time for a change.

See yo next year!

Ausblick und Neuanfang (geralt/pixabay)

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Sinneswandel im Dezember

Seit ich weiß, dass mir Geruch und Geschmack (hoffentlich) nur vorübergehend abhanden gekommen sind (schmecken kann ich wieder alles), freue ich mich jeden Tag über die unzähligen Sinneseindrücke, die nach und nach zurückkehren. Ich genieße und begrüße jeden einzelnen wie einen alten Freund. Sogar die unangenehmen, die man normalerweise am liebsten ausblenden würde. Eins habe ich in den letzten Monaten gelernt: Nichts, aber auch gar nichts ist selbstverständlich, nicht mal der Duft von Seife oder der Geschmack von Zucker. Vorige Woche fuhren wir an einem Bauernhof vorbei, ich konnte den Misthaufen deutlich riechen, es war wunderbar! Ich bemerke inzwischen auch wieder unseren Abfalleimer, die Mülltonne, das benutzte Katzenklo, verschimmelte Zitrusfrüchte und abgestandenes Blumenwasser. Ja, darüber kann man sich tatsächlich unbändig freuen! Das hätte ich bis vor kurzem auch nicht für möglich gehalten. Es ist ein gutes, beruhigendes Gefühl, dass fast alle sicheren Wegweiser und Warnmelder wieder da sind. Die hochsensible Alarmanlage musste einen kompletten Neustart hinlegen und ist dabei nicht abgestürzt.

Es fühlt sich an, als wäre ich neu geboren, so frisch und intensiv nehme ich alles um mich herum wahr. Ich gerate in Verzückung über den Duft von Orangen und Äpfeln, von Kerzenrauch, Pfefferminz, Petersilie, Lavendel, Regenluft, Kaffee und Toast. Ich genieße den Geschmack von Sahne und Milch, Joghurt und Quark, Kaugummi, Süßkartoffel, Möhre, Schlangengurke, frisch gemahlenem Parmesan, Weihnachtsmarmelade (besonders die von Wilkin & Sons) und Schokolade. Manchmal gönne ich mir auch einfach alles durcheinander. Mir wird davon nicht etwa schlecht, es tut einfach nur gut, wieder so viel zu schmecken und zu riechen. Lebkuchengewürz! Spekulatiusgewürz! Bourbon Vanille!

Gelegentlich entwickle ich sonderbare, für mich untypische Gelüste, über die ich mich selbst wundere, und muss dann unbedingt weiche Marshmallows, kleine Salzkaramelltrüffel, klebrige runde Physalis, saure Gewürzgürkchen, Toblerone mit Honignougat oder englischen Cheddar mit „Original Branston Mixed Pickles“ essen. Diese Pickles bekommt man in England zum „Ploughman’s Lunch“, und die angenehme Erinnerung, im warmen Pub mit besten Freunden zu sitzen bei gedämpfter englischer Hintergrundkonversation, wird damit sofort „getriggert“.

(Calum Lewis/unsplash)

Leider waren die Pickles echt schwer zu bekommen so kurz vor Weihnachten, denn die englischen Läden hier waren so gut wie leer gekauft. Aber schließlich wurde ich doch noch fündig und bestellte auch gleich ein Glas „Heinz Sandwich Spread“, das strich mir meine „englische Mutter“ Pat immer auf die Lunchbrote, und „Coleman’s Mintsauce“. Die gab es stets zu den gräßlichen Lammgerichten.  In GB sind die „Lämmer“ offensichtlich deutlich älter als hier in Deutschland, so dass englisches Lammfleisch unangenehm nach Hammel schmeckt und riecht, darauf habe ich auch kein bisschen Lust, seltsamerweise aber auf die knallgrüne Mintsauce, die damals zuverlässig den ekligen Hammelgeschmack abmilderte.

Die Lamb-Mint-Kombination gab es oft bei meinen Landlords, einem äußerst netten älteren Ehepaar, das leider schon lange nicht mehr lebt, an das ich mich aber gern erinnere. Daher wohl auch der Mintsauce-Trigger, der mich auf der Stelle in das gemütliche Holmansche Eßzimmer versetzt, wo Mrs Holman von ihrem letzten Urlaub erzählt und dabei ihre Ringe dreht. Jetzt gerade bekomme ich übrigens auch noch Lust auf den Earl Grey Tea von Twinings (hab ihn leider nicht vorrätig), den tranken wir immer in unserem Haus in der Kitchener Avenue, und Mr Holman bezeichnete den typischen Geruch gern als „Chanel No 5“. Und Mince Pies (haben wir dieses Jahr leider auch nicht). Wie leicht man mit Aromen aller Art in die Vergangenheit reisen kann, und wie schön, dass ich diese Möglichkeit wieder habe, dass die Sinnes-Türen zu meinen Erinnerungen wieder offen stehen.

Ich schwelge in Soul Food (Spaghetti mit Tomatensauce, Weißbrot mit frischem Holländer, Pfannkuchen und Waffeln) und vertrautem, fast vergessenen „Kinderessen“, mache mir grünen Waldmeister-Wackelpeter, trinke Coca Cola (classic, das Lieblingsgetränk meines Vaters) und Rotbäckchen. Beides mag ich eigentlich schon lange nicht mehr, aber es tut einfach unglaublich gut, es wieder schmecken zu können, denn es weckt so viele Erinnerungen! Die richtigen Veilchenpastillen (die liebte mein Vater) und gebrannte Mandeln (die liebte meine Mutter) habe ich noch nicht auftreiben können, aber ich halte die Augen und die Nasenflügel offen.

In der Zwischenzeit gönne ich mir die knusprigen Kekse nach den alten Rezepten meiner Großmütter, luftiges Rosinenbrot (fast hatte ich vergessen, wie unglaublich süß und weich Rosinen sind) und warme, in Zucker gewälzte Krapfen. Jedes Mal habe ich wieder das beglückende Gefühl, „nach Hause“ zu kommen, zurück zu meinen feinen hochsensiblen Sinnen. Ich fühle genau, wie ich heile. Diese unberechenbare,  heimtückische, oft lebensbedrohliche und leider allzu oft tödliche Krankheit, die gerade überall auf der Welt wütet und ein Land nach dem anderen in die Knie und in den Lockdown zwingt, hat mich (hoffentlich) nur gestreift.

Noch weiß man es nicht genau, aber einige Studien lassen darauf schließen, dass es möglicherweise vor allem die milden Verläufe sind, die mit dem für die Krankheit typischen Symptom des Geruchs- und Geschmacksverlusts einhergehen (70-85%), so dass die plötzliche „Sinnesänderung“ im Grunde vielleicht sogar ein gutes Zeichen ist. Anscheinend löst das Virus bei Patienten, die einen totalen Verlust des Geruchssinns erleiden, in der Nase eine sehr starke lokale Immunreaktion aus, die zwar zu Geruchsverlust führt, gleichzeitig aber dafür sorgt, dass die Infektion auf den Riechkolben beschränkt bleibt und das Virus nicht weiter vordringt. Bei schweren Fällen kommt das Symptom weit weniger häufig vor (nur bei 10-15%). Die Überlebenden von schweren Verläufen, die ich persönlich kenne, hatten alle keinen Geruchsverlust.

(Calum Lewis/unsplash)

Bei meinem Oktober-Eintrag war ich noch nicht sicher. Inzwischen weiß ich es. Es war gar nicht so schwer, den Antikörpertest machen zu lassen, und die junge Labordame hat meine Vene zu meiner Erleichterung auch gleich gefunden. (Meine Blutabnahme-Erfahrungen sind leider ziemlich schrecklich.) Das Ergebnis lag bereits am nächsten Morgen vor. Ich war einigermaßen fassungslos und musste mehrfach hinsehen. Zuerst empfand ich tiefe Erleichterung, doch schon bald nagten erste Zweifel. „Was, wenn der Test jetzt falschpositiv ist?“ fragte meine Angst. „Bei gleich drei Arten von Antikörpern? Ziemlich unwahrscheinlich.“ „Und wenn ich mich jetzt noch mal anstecke?“ „Also sehr wahrscheinlich ist das im Moment nicht.“ „Aber es gibt doch schon so viele gefährliche Mutationen!“ „Nun beruhige dich erst mal und sei dankbar, dass es dir wieder gut geht!“ „Soll oder kann ich mich denn jetzt überhaupt noch impfen lassen oder wäre das total verkehrt?“ „Das wird sich alles noch klären. Noch sind wir eh nicht dran.“

Wie lange werden die lästigen Rückfälle mit den totalen Erschöpfungsattacken aus heiterem Himmel wohl noch auftreten? Es gibt Tage, an denen fühle ich mich wie nach einer überlangen Flugreise. Jetlag vom Feinsten, ich liege flach, zu müde zum Lesen oder Schreiben, quäle mich durch die Stunden, und die Fingergelenke tun so weh, dass ich sie kaum bewegen kann. Aber am nächsten Tag ist alles gut, als wäre nichts gewesen.

Bei vielen Menschen kann es noch Wochen und Monate nach der Infektion zu Fehlwahrnehmungen und Anosmie kommen, zu plötzlichem Haarausfall, extremen Erschöpfungszuständen, Konzentrationsproblemen, Nebel im Kopf und starken Gelenkbeschwerden, wie ich aus den großen Selbsthilfeforen weiß. Ein ständiges Auf und Ab. Haarausfall? Corona-Fatigue? „Kann, aber muss nicht“, beruhige ich die Angst. Das Lesen der vielen schlimmen Erfahrungsberichte tut uns nicht gut. Die Angst befürchtet immer gleich das Schlimmste, und ich verspreche ihr, nicht mehr jeden Tag dort vorbeizuschauen. „Hab doch bitte noch ein bisschen Geduld“, rate ich ihr. „Vielleicht haben wir ja Glück.“

Nachts machen wir deutlich mehr Fortschritte, im Traum trage ich jetzt keinen Mund-Nasen-Schutz mehr und kann andere auch wieder liebevoll umarmen. In meinen Träumen fühle ich mich schon sehr viel sicherer, im realen Leben hat sich außer einer gewissen Erleichterung beim Bahnfahren und Menschentreffen nur wenig geändert, die AHA+L Regeln werden weiter eingehalten, Kontakte weiter gemieden, die Masken nach jedem Ausflug sorgsam gewaschen. Ich werde die Sicherheitsvorkehrungen so lange befolgen, bis die Pandemie eingedämmt ist. Außerdem bin ich ja nicht allein. Was für ein Segen, dass ich einen lieben Knuffel-Kontakt und eine liebe Katze habe!

Seit dem 16. Dezember befinden wir uns im zweiten harten Lockdown, leider auch an Weihnachten, doch die Stimmung scheint trotz allem besser als beim ersten Mal. Wir wissen inzwischen viel mehr über das Virus, es gibt bereits zwei offenbar hochwirksame Impfstoffe, und heute (in einigen Orten auch schon gestern) beginnt man in der EU mit dem Impfen. In den USA und GB wird schon seit einigen Tagen geimpft. Der Twittertroll im Weißen Haus wird die Weltbühne bald verlassen, auch wenn man ihn wohl mit Gewalt wegschleppen muss, und der britische Mini-Trump hat an Heiligabend endlich den blöden Brexit durchgezogen. Es geht weiter. Mal sehen, was jetzt passiert.

Die aggressive neue Corona-Mutation, die vor allem in „meinem“ Teil Englands auftritt, macht mir Sorge, und die armen 30 000 Trucker, die tagelang auf den Straßen Kents festsaßen, nichts zu essen und zu trinken hatten, von Toiletten und Waschgelegenheiten ganz zu schweigen, und tausendmal lieber zu Hause mit ihren Familien Weihnachten gefeiert hätten, sind mir auch nicht aus dem Kopf gegangen. Doch die Staus sind jetzt aufgelöst, die Grenzen zu Frankreich wieder offen. Jetzt machen andere Länder dicht, um sich den winzigen mutierten Feind vom Leib zu halten, aber er wird seinen Weg schon finden. Leider. Im Fernsehen schaue ich mir die Jahresrückblicke an, bin bisweilen den Tränen nahe und hoffe aus tiefster Seele auf ein besseres, menschenfreundlicheres Jahr. Time for a change. High time!

Hier im Einkaufscenter hat man sich für den vorweihnachtlichen Lockdown einiges einfallen lassen, um bei den Kunden das Gefühl der Trostlosigkeit zu verhindern. Vor Weihnachten duftete es beim Hereinkommen nach frischem Brot und Teeladen, wie ich dank meines Sinneswandels erfreut feststellte, die meisten Läden waren zwar geschlossen, jedoch weiterhin beleuchtet, prächtige Weihnachtsbäume schmückten die Gänge, und von irgendwoher ertönte leise festliche Musik. Schade, dass ich bei jedem Ausflug nach draußen so in kalten Schweiß gebadet bin, dass ich mich anschließend umziehen muss. Klaustrophobie unter der Maske? Virus-Nachwehen? An die Masken haben wir uns doch längst gewöhnt? Die Angst weiß es auch nicht und schweigt lieber.

Die Menschen bewegten sich ruhig und besonnen, es gab weder Schlangen vor den Klopapierregalen noch Staus an den Kassen, nicht mal an Heiligabend. Vielleicht haben diesmal tatsächlich viele ganz allein „gefeiert“? Die meisten meiner älteren Verwandten, mit einigen habe ich in diesem Jahr viel mehr telefoniert als in sämtlichen Jahren davor zusammen, haben ihren Weihnachtsbesuchern abgesagt. Einige Geschäfte ermöglichten es den Kunden, bestellte Waren abzuholen, auch davon machten viele Gebrauch. Es waren mehr kleine Läden offen als beim ersten Lockdown, auch der Gewürzladen, den ich kurz vor den Festtagen mehrfach aufgesucht habe, weil ich plötzlich unbändige Lust auf geröstete Koriandersaat, zerdrückte Wacholderbeeren, Zimtstangen, Kürbisgewürzmischung, Arabisches Kaffeegewürz und Garam Marsala hatte. Und auf Szechuan Pfeffer, der frisch einfach unwiderstehlich duftet. Ein olfaktorisches Feuerwerk. Dass ich das vorher nie bemerkt habe!

Morgens und abends mache ich seit einigen Wochen „Riechtraining“, Physiotherapie für die Nase, habe im Internet Sets mit verschiedenen Düften erstanden, die auch von HNO-Ärzten empfohlen werden. Vier Duftrichtungen sind abgedeckt und können trainiert werden: blumig, würzig, fruchtig und harzartig.

So schnuppere ich an Thymian, Eukalyptus, Rose, Jasmin, Zitrone, Mandarine, Minze und Gewürznelke. Leider hat meine Nase immer noch viele blinde Flecken, so konnte ich unseren Adventskranz nicht riechen und leider im Moment auch nicht den hübschen kleinen Weihnachtsbaum. Schade. Ich liebe Waldgeruch! Vielleicht sollte ich mir noch ein paar ätherische Öle (Zeder, Fichte, Kiefer) zulegen? Auch bei den Duschgels ist nach wie vor kaum was los. Mir fehlen offenbar noch etliche holzige, dunkle Aromen. Aber meine Sinne sind auf einem guten Weg.

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Lebendiger Ökumenischer Adventskalender

„Kleines Dorf im Winter“, historischer Adventskalender, Richard Sellmer Verlag

„Peter und Liesel“, Reichhold & Lang, ca. 1920

Ohne „Corona“ würden mein Mann und ich am 1. Dezember genau wie in den vergangenen Jahren in der evangelischen Kirche in Weiden mit großer Freude im Rahmen des Lebendigen Ökumenischen Adventskalenders „das erste Türchen öffnen“, gemeinsam einen liebevoll vorbereiteten (und hoffentlich kurzweiligen) Powerpoint-Vortrag über Adventskalender halten und dabei Bilder von antiken und modernen Papierkalendern zeigen. Danach würden wir bei selbstgebackenen Plätzchen und Glühwein noch eine Weile gemütlich mit unseren Gästen plaudern. Doch leider mussten wir unseren Vortrag „pandemiebedingt“ auf das nächste Jahr verschieben, daher möchte ich unser Türchen in verkürzter Form hier auf meiner Seite öffnen.

Auch diesmal haben wir uns wieder auf die Suche nach thematisch passenden Kalendern für das fast verflossene Jahr gemacht und in unserer Sammlung einige Adventskalender aus dunklen Zeiten gefunden, etwa die sogenannten „Notkalender“. Sie stammen aus Vorkriegs- und Kriegszeiten sowie aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, als viele Menschen unter Traumata, Hunger und Entbehrungen litten und in den vertrauten Kalendern, in denen die Welt noch (oder wieder) heil war, ein wenig Trost und Hoffnung fanden. Die Notkalender sind auf dünnem, nicht sehr hochwertigen Papier gedruckt und sehen inzwischen fast alle sehr fleckig, „abgeliebt“ und vergilbt aus. Trotzdem sind sie kleine Schätze, denn sie haben sicher alle ihre eigene Geschichte.

„Traumnacht“, 1962, Richard Sellmer Verlag (Detail)

Es gibt auch einige historische Adventskalender in unserer Sammlung, die auf den ersten Blick recht düster wirken, etwa die sogenannten „schwarzen Adventskalender“ mit ihrem tiefschwarzen Himmel. Dies gilt auch für einen neueren Kalender („Traumnacht“, 1962) aus dem Sellmer Verlag, den der Künstler Frans Haacken bewusst dunkel gestaltet hat. Nur an wenigen Stellen gibt es sparsame Farbtupfer. Mir persönlich gefällt er gut, weil er „so anders“ ist. Oben am Himmel fliegt sogar eine fröhliche Hexe (vielleicht die Weihnachtshexe Befana?). Sellmer bietet ihn bei den historischen Nachdrucken immer noch zum Kauf an. Irgendwie passt er gut in dieses „ausgefallene“ Jahr, daher bekommt er  diesmal einen besonderen Platz in unserer kleinen privaten „Ausstellung“ hier im Haus.

Frauenkirche im Schnee, M. Röhl, Dresden, 1948 (Detail)

In Deutschland haben Adventskalender eine lange Tradition (hier wurden sie um 1900 auch „erfunden“) und sind aus der Vorweihnachtszeit gar nicht wegzudenken, auch wenn vor allem die gefüllten Varianten immer bizzarer ausfallen (u.a. gibt es sie mit Alkohol, Wurst, Parfüm, Tiernahrung und Erotikartikeln) und mit Weihnachten so gar nichts mehr zu tun haben.

Die „echten“ Adventskalender haben ihren besonderen Zauber wohl nie verloren. Selbst in Notzeiten gab es sie noch, da wurden sie von Eltern oder älteren Geschwistern gebastelt, um den Kleinen, die auf so vieles verzichten mussten, jeden Tag wenigstens eine kleine Freude zu machen.

In meiner Kindheit gehörte der Gang zum Schreibwarenladen an der Hand meiner Oma (und später meiner Mutter) zu den schönsten Highlights des Jahres. Die Verkäuferin breitete gleich zwanzig oder mehr neue Kalender auf die Theke aus, ich konnte mich gar nicht sattsehen und hatte die Qual der Wahl. Ich durfte mir leider, leider nur einen aussuchen. Ich war so aufgeregt! Ach, all die schönen Engel, Nikoläuse, Weihnachtsmänner, Märchenbilder, Zwerge, Rehe, Dörfer, Schneelandschaften und die feierlichen Krippenszenen! Glitter und Glimmer! Adventsuhren, Aufstellkalender, Türchenkalender, Abreißkalender! Sogar Hampelkalender gab es! Am liebsten hätte ich sie alle mitgenommen, doch das klappte erst, als ich erwachsen war. Die Kinderkalender habe ich immer noch. Auch den allerersten. Damals liebte ich vor allem die Bilder von Fritz Baumgarten, doch dieser Illustrator und meine alten Kalender verdienen einen eigenen Beitrag.

Kurz nach Beginn des zweiten Weltkriegs wurden Adventskalender zwar zunächst noch gedruckt, allerdings zunehmend ideologisch gefärbt und schließlich sogar bewußt für politische Zwecke mißbraucht. 1940 wurde der Druck von Kalendern verboten, da Papier nur noch für kriegsrelevante Druckerzeugnisse benutzt werden durfte. Ganz verzichten wollte man aber nicht auf den Adventskalender, daher veröffentlichte die NSDAP kurzerhand ab 1941 ihre eigene Version, den „Vorweihnachtskalender“. Darin wurden christliche Bräuche umgedeutet, so wurde aus St. Nikolaus ein martialisch wirkender „Rupprecht“, aus dem Adventskranz wurde ein „Sonnenwendkranz“,  aus dem Weihnachtsbaum ein „Julbaum“, und es gab Bastelanleitungen für Kriegsspielzeug und Lichtersprüche für Soldaten und den Führer. Der Kalender erschien in hohen Auflagen, wurde jedes Jahr leicht verändert und diente vor allem dem Zweck, Kinder auf diesem Weg ideologisch zu beeinflussen.

„Die kleine Stadt“, Richard Sellmer Verlag, 1946

Nach dem Krieg spendeten die ersten „richtigen“ Adventskalender sicher vielen Menschen Trost, denn auf ihnen waren ruhige, friedliche Szenen und vertraute Städte, Märkte und Gebäude zu sehen, die in Wirklichkeit völlig zerstört waren, etwa die Frauenkirche in Dresden. In der sowjetischen Besatzungszone erschienen die ersten Adventskalender bereits wieder 1945, und vor allem aus dem Raum Dresden sind noch viele erhalten. Immer noch erstehen kann man übrigens den ersten Kalender des Sellmer Verlags nach dem 2. Weltkrieg, die zeitlos schöne „kleine Stadt“.

Auch farbenfrohe, fröhliche Kalender wollten wir zeigen, mit all den Dingen, auf die wir in diesem Jahr schweren Herzens verzichten müssen: wimmelige Dorfszenen, geschäftige Weihnachtsmärkte, gemütliche Weihnachtswerkstätten, unbeschwerte Familien.

„Peter und Liesel“ von Lotte Block

„Peter und Liesel“, unseren „Familienkalender“, hätten wir auch wieder mitgebracht. Wir haben ihn nicht nur als gedruckten kommerziellen Kalender mit den Illustrationen von Josef Mauder (als Album und Abreißblock), sondern auch in Form von zwei ganz besonderen handgezeichneten „Originalen“.

Die erste Version stammt von „Tante Lotte“, die damit die drei Kinder ihrer allzu früh verstorbenen besten Freundin trösten wollte, die andere von der Mutter meines Mannes, die Tante Lottes Werk erbte und als Vorlage benutzte, damit jedes ihrer beiden Kinder seinen eigenen „Peter und Liesel“ Kalender  hatte. Beide Kalender sind so gestaltet, dass man sie immer wieder benutzen kann.

„Peter und Liesel“ von Hilde Leidel

Der Text (bei Tante Lotte in Sütterlinschrift) steht auf der Rückseite der Bilder, die gelocht und mit einem roten Bändchen auf ein hübsch bemaltes Stück Pappe aufgezogen sind. Jeden Tag wird die oberste Karte abgenommen und die  Geschichte darauf vorgelesen. Die Schlussbilder sind unterschiedlich, weil (bei den Eltern) eigene Familienmitglieder als Vorbild dienten. Sind alle Karten gelesen, werden sie in der richtigen Reihenfolge wieder aufs Bändchen gezogen.

Ich hätte auch wieder meinen besonderen Liebling, das Weihnachtsmärchen „Die Christrose“, mitgebracht. Der Kalender stammt aus den 1920er Jahren, die Illustrationen sind von Else Wenz-Vietor, der Text von Sepp Bauer. „Die Christrose“ thematisiert als einziger Adventskalender überhaupt die Suche nach Heilung und wirkt daher in diesem Jahr noch anrührender als sonst. In der Geschichte machen sich die Geschwister Fritz und Grete auf eine gefährliche Reise, um ihren todkranken Vater zu retten, denn nur der Duft einer ganz besonderen Blume, die vom Christkind persönlich gesegnet wurde, kann ihn wieder gesund machen. Dazu müssen die Kinder mit Hilfe vieler Tiere (u.a. Eisbär, Reh, Wildgans, Maus und Rentier) und Märchenwesen (einem bedrohlichen Riesen) das eisige, unwirtliche Land des Winterkönigs durchqueren, um  hinauf in den Himmel zu gelangen.

„Die Christrose“, Reichhold & Lang, um 1926

Jeden Tag geht die Geschichte mit einem kleinen Text und einem neuen Bild weiter, bis Fritz und Grete zum Schluss gemeinsam mit dem Nikolaus und dem Christkind im Himmelsschlitten zur Erde zurückkehren und ihrem Vater die himmlische Wunderblume bringen. Der arme Holzfäller atmet den Duft ein und wird gesund. Eine heilende Blume bräuchten so viele Menschen in aller Welt in diesem Jahr!

Der Kalender aus dem Hause Reichold & Lang war damals so beliebt, dass es ihn über mehrere Jahre in verschiedenen Ausführungen gab: als Abreißkalender mit unterschiedlichen Alben (die Bilder wurden eingeklebt, und am Ende hatte man ein Bilderbuch) und sogar in Kombination mit dünnen Schokoladentäfelchen. Damit war er 1926 möglicherweise der erste Schokoladenkalender überhaupt. Er entstand in Zusammenarbeit mit der Kölner Schokoladenfabrik Stollwerck, und als wir vor einigen Jahren im Schokoladenmuseum eine Adventskalenderausstellung hatten, fragte ich nach und daraufhin entdeckte man im Archiv sogar noch zwei bisher unbekannte Entwürfe von weiteren Schokoladenkalendern. Die wurden dann gleich mit ausgestellt, was mich sehr freute.

Vor einiger Zeit (2006) legte der Lappan Verlag „Die Christrose“ als Bilderbuch neu auf, so dass man sich auch heute noch von dem alten Weihnachtsmärchen trösten lassen kann. Leider ist das Buch bereits vergriffen, wird jedoch in vielen Antiquariaten noch angeboten.

„Die Christrose“ von Else Wenz-Vietor und Sepp Bauer, Verlag Reichhold & Lang, um 1926

 

 

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