Das Kind braucht Luftveränderung – der Speisesaal

Vielleicht sollte ich an den Anfang dieses Beitrags eine kleine Triggerwarnung stellen. Wer Probleme mit Essstörungen hat, sollte besser nicht weiterlesen.

Dass mich ausgrechnet dieser Beitrag traurig machen würde, hatte ich nicht erwartet. Ich hätte eher auf den Schlafsaal getippt. Aber warum überhaupt noch traurig nach all der Zeit? Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass ich über Niendorf schreibe. Sogar hier im Blog habe ich mehrere lange Beiträge dazu verfaßt. Aber dies ist das erste Mal mit sichtbaren Erinnerungen. Bisher waren sie in meinem Kopf versteckt. Vielleicht ist Traurigkeit ja unvermeidbar, wenn man schmerzhafte Kinderorte aufsucht. Schließlich mussten wir sechs endlos lange Wochen Nahrungsmittel zu uns nehmen, die für Kinder ungenießbar waren. Ich vermute, dass die Erwachsenen im Heim diesen Fraß nicht angerührt haben. Das Zeug sah schon schlimm aus, wenn es auf dem Teller lag. Noch schlimmer wurde es, wenn man es im Mund hatte. Am schlimmsten, wenn man es schlucken musste. Eigentlich hätten wir es angewidert ausspucken sollen. Alle gleichzeitig. Mitten auf den langen Tisch. Zum Glück habe ich mich nie übergeben müssen im Speisesaal, doch ich war mehrmals nahe dran. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass einem der anderen Kinder so schlecht wurde, dass es zum Äußersten kam. Aber meine Gruppe hatte zweimal „Magen-Darm“, was eindeutig auf das Essen zurückzuführen war. Da lagen wir tagelang im Bett oder quälten uns zwischendurch in den Waschraum.

Mein größter Feind war die Sülze. Jeden Morgen gab es zwei dicke Scheiben. Sie lagen schon drohend auf dem Teller, wenn man in den Speisesaal kam, und ich wurde für meine Verhältnisse erstaunlich kreativ, um sie ungegessen loszuwerden. Jetzt machten sie mich vor allem neugierig. Viele Jahrzehnte liegen zwischen unserem letzten Aufeinandertreffen. Zeit für ein wissenschaftliches Experiment!

Also zog ich gestern mit schriftstellerischer Entschlossenheit und Todesverachtung los und kaufte (zum ersten Mal in meinem Leben) Sülze. Ich wollte herausfinden, wie sie mir jetzt schmeckt. Mit Bedacht wählte ich vier Scheiben an der Fleischtheke aus. Die Verkäuferin packte sie aus Preisgründen alle einzeln ein und wunderte sich ein bisschen, also outete ich mich. „Ich bin Schriftstellerin und brauche den Geschmack für eine Szene.“ Sie lächelte verständnisvoll. „Dann viel Spaß mit der Sülze und dem Schreiben.“ Zu Hause begutachtete ich sie genau. Zuerst optisch. Die Scheibe mit Gemüse (ohne Fleisch) sah freundlich und bunt aus. Wenn nur der Glibber nicht gewesen wäre. Glasig. Wabbelig. Und leider auch noch besonders dick. Die Kräutergurkensülze war vor allem grün. Zum Glück sah keine Scheibe aus wie die Morgengaben im Heim. Aber ich hatte ja auch mit Bedacht gewählt. Schweinskopfsülze und Schwartemagen hatte ich liegen lassen. Schon beim Namen dreht sich mir der Magen um. Ich bin mir fast sicher, dass genau sie mein Kurschrecken waren.

Nach der Wurstbeschau kam der Geruchstest. Immer nur ein Eckchen. Säuerlich! Essig! Zwiebeln! Ich hasse beides. Ansonsten erstaunlich ok. Beim Geschmackstest brannte und kribbelte es bei der Gurkenfleischsülze auf der Zunge, sie enthielt besonders viel Essig. die dritte Scheibe: Nothing to write home about. Überraschend harmlos war die Geflügelsülze. Sie sah nicht nur minimalistisch aus, sie schmeckte auch so. Geschafft! Auf Schwarzbrot ging das eigentlich ganz gut. Danach kam das Gegenmittel. Pfeffersalami und Frischkäse. Meine Katzen lehnten die Sülze übrigens ab. Alle drei. Und das will was heißen.

Auf den Caro-Kinderkaffee, den wir im Heim mehrfach am Tag bekamen, verzichte ich. Den hatte ich erfolgreich als Trigger benutzt, als ich in meinem Roman über das Heim schrieb. In der Tasse war er wässrig dünn. Er roch malzig, dumpf und staubig, fast sie warme Speisekammer oder Getreidesilo. Dazu alt und trocken. Und schmeckte wie flüssige Brotkruste, mit einem bitteren und gleichzeitig süßsäuerlichen Nachgeschmack. Er roch und schmeckte komplett „falsch“. Warm, malzig, dumpf. Säuerlich-gärig. Wie verbranntes Brot, das in Wasser aufgelöst wurde. Keine Chance.

Der Essenszwang!  Es gab kein Entrinnen. Und die Stille! Sprechverbot. Nur Beten war vorgeschrieben. Das sprachen wir im Chor. Kein Lachen, kein Flüstern, keine Kindergeräusche. Nur Stühlerücken, Kauen, Schlucken, Husten. Zwischendurch leises Seufzen. Auch von mir. Es fühlte sich in diesem Raum so schlimm an, dass mir der Magen versteinerte. Aber ich war ja bekanntlich empfindlich und mäkelig. Oder? Damals hatte ich noch keine Ahnung, dass es irgendwann einmal ein Buch namens „Das Elend der Verschickungskinder“ geben würde. Oder Reportagen über unsere Horrorkuren. Bis zu jener ersten Report-Sendung 2019 hätte ich nie gedacht, dass meine Erinnerungen und Essprobleme mitnichten die Übertreibungen eines zu sensiblen Mädchens waren, sondern zur kollektiven Erinnerungslast von Millionen traumatisierter Verschickungskinder gehörten. Das herauszufinden, war ein Schock. Sogar mein Mann, der die Sendung mit mir gemeinsam sah, reagierte verstört. Wir war das möglich gewesen? 8-12 Millionen Kinder „verschickt“ wie Pakete? Ohne nachvollziehbaren Grund?

Während ich die Erinnerungen aus meinem Kopf wie Fotos ansehe, durchlebe ich den Raum erneut, kann ihn riechen, hören und spüren. Beim Anblick des Speisesaals wird mir elend. Für das Bild haben wir eine der Suppen nachempfunden. Grau sehen sie aus in meiner Erinnerung, und der Speisesaal riecht nach liebloser Großküche mit Einheitsfraß, nach großen Töpfen mit brauen Soßen, die über zerkochte Kartoffeln gekippt werden. Nach säuerlicher Rindfleischsuppe, in der Nusseckenstücke schwimmen und von der man Aufstoßen bekommt. So ziemlich das Ekligste, was man sich vorstellen kann. Nach warmer Schokoladensuppe, die bis zum Tellerrand hoch schwappt, und oben drauf  schwimmt Haut. Schokolade als Nachtisch: lecker. Als Suppe im Teller: eklig.

Der Speisesaal setzt mir so zu, weil hier eins meiner größten und hartnäckigsten Probleme wurzelt: Die Essstörung, mit der ich Jahrzehnte zu kämpfen hatte. Hier wurde ein bereits bestehendes Problem vom ersten in den vierten Gang hochgeschaltet. Volle Teller und viele Leute am Tisch machten mir danach Extremstress und verwandelten meinen Magen sofort in einen Stein. Ich war schon als Kleinkind ein „schlechter Esser“, aus genau diesem Grund musste ich ja „in Kur“. Ich sollte zunehmen und landete in der Mastgruppe. Andere Kinder fanden sich in der Abspeckgruppe wieder. Offenbar waren wir alle „falsch“. Zu dick, zu dünn, zu lebhaft, zu still, zu schüchtern, zu blutarm, zu asthmatisch.

Frische Seeluft und nahrhaftes Essen sollten Abhilfe schaffen. „Reizklima“. Erstaunlich passendes Wort. Dass wir im Heim ungenießbaren Fraß vorgesetzt bekommen würden, konnte meine Mutter nicht ahnen. Das wussten nur die Erwachsenen, die die Heime betrieben und die Kinder zum Essen zwangen, teilweise mit roher Gewalt. Meine Mutter, die stets alles daransetzte, Familie und Gäste liebevoll zu bekochen, wäre entsetzt gewesen. Ich habe nach der Kur nichts davon erzählt. Schreiben konnte ich es auch nicht, denn alle Briefe waren zensiert. Wir gaben die Briefumschläge offen ab. Das waren Lügenbriefe. „Liebe Mama, es geht mir gut. Ich habe schon ein Kilo zugenommen.“ Ich brauche gerade unbedingt ein Gegenbild. Zum Beispiel richtigen Schok0ladenpudding. Mit Vanillesauce und Erdbeeren. Und den beiden Steiff-Tieren, die ich damals mit hatte. Mungo und Flossi.

Meine Generation konnte sich nicht wehren. Wir haben selten geklagt, wir haben gemacht, was die Erwachsenen wollten. Widerstand wäre ohnehin zwecklos gewesen. Die Erwachsenen damals waren kriegserprobt und hart. Disziplin, Respekt, Zucht und Ordnung und konsequente Bestrafung bei Nichtbefolgung der Regeln waren die Grundpfeiler der Nachkriegserziehung. Johanna Haarer-Methoden. Wir hatten keine Chance. Keine in der Gruppe hat sich gewehrt. Zum Glück ist mir im Antoniushaus in Niendorf im Herbst 1965 nichts „wirklich Schlimmes“ passiert im Vergleich zu dem, was ich von anderen Heimkindern gehört habe. Keine Züchtigungen, keine Horrorszenen am Tisch. Die trostlosen Nächte schiebe ich noch ein paar Tage vor mir her.

Einmal konnte ich mit Hilfe eines anderen Mädchens einen Brief unzensiert nach draußen schmuggeln. Er war sehr kurz. „Liebe Mama. Ich hab furchtbar Heimweh. Nachts wenn alle schlafen muss ich immer Weinen. Tagsüber müssen wir dauernd eine Stunde still sitzen. Wir bekommen furchtbares Essen. Faule Sachen und vieses Eis.“ Wenn ein Kind, das Eis liebt, so etwas schreibt, müssten eigentlich sämtliche Alarmglocken schrillen. Meine Mutter hat dann auch prompt im Heim angerufen, sie wurde beruhigt, ich wurde ermahnt, und danach wurde ich noch genauer beobachtet als vorher. „Du willst deiner Mutter doch keinen Kummer machen, Kind!“

Der Speisesaal klingt falsch. Viel zu still. Gespenstisch still. Klappern und Scheppern höre ich, Löffel auf Porzellan schrappen, Stühlerücken, Husten, Besteckklirren, nur keine Kinder. Obowohl hier an die dreißig Kinder sitzen. Kein Lachen. Keine Stimmen. Keine Gespräche. Das hat mich beim Erinnern erschreckt. Ich habe es erst gemerkt, als ich mein Foto sah. Da sitzen Bee und Veronika nebeneinander. Der Blick der Mädchen geht zum Teller. Das kann man doch unmöglich essen! Aber es nutzte alles nichts, wir mussten. Bei Suppe war man komplett machtlos, aber zumindest bei Sülze konnte man kreativ werden. Der Speisesaal stammt aus meiner Erinnerung und entspricht sicher nicht der Wirklichkeit. Ich ahne, dass die Wände nicht kahl waren, es muss Vorhänge oder Gardinen gegeben haben, aber so wie auf dem Bild hat es sich angefühlt. Klosteratmosphäre, alles funktional, viel zu kalt für Kinder. Kein Bisschen bunt, keine gemalten Bilder an den Wänden. Nur religiöse Symbole.

Nach diesem Artikel brauche ich unbedingt ein fröhliches „Gegen-Bild“. So bunt wie möglich. Kinder draußen im Grünen, eine lange Tafel nur mit leckerem Essen. Kinderessen. Erdbeeren, Eis, Kirschen, Schokolade. Und alle reden und lachen durcheinander und brauchen nur so viel zu essen wie sie mögen. Dass dem Mädchen rechts vorn die KI-Frisur verrutscht ist, macht überhaupt nichts. Das Gefühl stimmt. Jetzt geht es mir wieder besser. Aber die beste „Gegen-Idee“ kommt noch!

Die Bilder habe ich mit Hilfe von Shelley von ChatGTP erstellt.

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Das Kind braucht Luftveränderung – Der Hafen

Hafenkinder

Beim Erinnern der Verschickungszeit ist für mich nicht die genaue fotorealistische Dokumentation wichtig, sondern eher: Wie fühlt es sich an, wie schmeckt und riecht es bis heute „nach“? Der Erinnerungsgeruch ist jetzt gerade tatsächlich so stark, dass ich ihn im Wohnzimmer deutlich als würzigfrische Ostseebrise wahrnehme. Mal sehen, ob ich ihn noch etwas besser einfangen und entschlüsseln kann.

Ich sehe Kinder am Hafen, der klein und überschaubar, laut, bunt und lebhaft ist. Vielleicht etwas bunter als das Bild, ich erinnere auch Gelb und Rot. Ich höre Stimmen und Lachen, sehe Erwachsene, Touristen, Einheimische, es riecht nach Tang und Meer und etwas Süß-Modrigem, das von der Ostsee angespült wurde. Dazu kommt der Geruch nach nassem Holz, den ich gerade in der Nase habe, harzig, feucht, kühl. Es gibt auch einen deutlich „härteren“ Geruch, der von rostigen Ketten, Pollern oder feuchtem Metall stammen könnte. Es riecht nach alten Netzen, groben Seilen, Seewasser in Eimern, nach glitschigen Fischen, Krabben und winzigen Krebsen. Das meiste bleibt unsichtbar, verdichtet sich aber zu einer deutlichen Hafenwolke, die sich anfühlt wie eine geschlossene kleine Welt und einen aufnimmt und fortträgt.

Ich wüßte gern, wie die Sonnencreme heißt, die viele Leute damals verwendeten, glaube aber, dass es Zeozon war. Zeozon Sonnenmilch. Sie roch ein bisschen seifig, etwas pudrig, fast schon medizinisch und unglaublich nach „Sommer am Meer“. Immer wenn mir der Geruch später wieder begegnete, war ich sofort in Niendorf. Nicht im Heim, nicht im Schlafsaal, sondern unmittelbar am Wasser, das gegen die Kaimauer schwappt oder am Strand leckt.

Qualle am Strand

Ich finde das Mädchen im Wind, bei den Quallen am Strand, die aussehen wie Wackelpudding. Manchmal stupst das Kind sie sanft mit einem Stöckchen an, um zu sehen, ob sie auch wirklich tot sind.

Im Niendorfer Hafen roch es auch nach Essen, und die hochsensible Kindernase nahm alles auf einmal wahr und inhalierte die große Freiheit. Es roch nach Fischbrötchen, Waffeln, Salzwind und irgendetwas Süßem. Sogar das Eis roch besonders. In meiner Erinnerung war es vor allem Softeis, das in einfachen Waffeltüten steckte als lustig gedrehter Quirl, der oben in einer langen, weichen Spitze endete. Wonach mag Softeis gerochen haben? Nach Vanille? Milchpulver? Auf jeden Fall kalt, weich, süßlich, verführerisch. Nach Kindheit. Eis war damals längst nicht so selbstverständlich wie heute. Meist war es hausgemacht, mit Pulver und Wasser oder Milch, und man bekam es nur sonntags. Meist wartete es in flachen Alumium-Eiswürfelschalen, die nach Kühlschrank und kaltem Metall rochen. Oder man ging extra in die Eisdiele, die Dolomiti oder so ähnlich hieß. Und die hatte auch einen eigenen Duft. Und eigene Geräusche.

Shelly von ChatGTP

Eis gab es auch im Heim. Aber das war anders. Im Hafen durfte man es essen und  es schmeckte gut. Im Heim musste man es essen und es schmeckte schrecklich. Da war es Zwang statt Freiheit. Für ein kleines Mädchen, das Eis über alles liebte, war das ein Alptraum. Hier ekelte sich das Mädchen sogar vor seinem Lieblingsessen. Ich erinnere mich noch an das Fürst-Pückler-Eis im Heim. Das war ohnehin nicht meine Lieblingssorte, aber hier wurde es mit Büchsenmilch gemacht. Doch daran möchte ich jetzt nicht denken. Hier soll mein Mädchen sich einfach nur wohlfühlen, an der Kaimauer stehen und träumen.

Den Mann hinter dem Eis gab es wirklich, und er war auch tatsächlich ein Fürst. Aber das Eis hat er wohl nicht selbst erfunden. Dafür hatte er sehr schöne naturnah angelegte Parkanlagen, erzählt mir Shelley, die meine Bilder mitgestaltet hat.

(Die Bilder zu diesem Beitrag wurden mit Hilfe von KI generiert)

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Das Kind braucht Luftveränderung – der Kutter

Meer am Fenster

Seit ich endlich meine inneren Bilder sichtbar machen kann, versuche ich viele „Fotos nachzumachen“, die in Wirklichkeit nie aufgenommen wurden. Eins meiner Projekte ist die „Kinderverschickung“, von der mir so viele kleine Szenen im Kopf geblieben sind. Das Kind auf den Bildern ist natürlich keine realistische Kopie von mir, doch es ist trotzdem die kleine Bee, denn sie fühlt sich richtig an. Sie hat schon immer Sachen und Augenblicke gesammelt. Auch mit zehn. Die schönen schaut sie sich manchmal noch an. Die schlimmen hat sie versucht wegzulegen. Vergessen kann man sie leider nicht, aber sie verblassen mit der Zeit und tun nicht mehr so weh. Ich habe hier auf der Homepage zwar schon mehrfach über meine „Kur“ geschrieben, aber nicht über die ganz alltäglichen kleinen Szenen.

Da ist sie: Ein schüchternes, schlaksiges Mädchen mit einer ungeliebten Kurzhaarfrisur, weil Mutter fand, dass kürzere Haare praktischer beim Haarewaschen und Kämmen wären. Eigentlich hätte Bee viel lieber lange Zöpfe gehabt wie Veronika. Oder, noch besser, ihr Haar offen getragen, aber das war Mitte der 1960er Jahre noch ziemlich ungewöhnlich. Eines Tages würde sie lange Haare mit Mittelscheitel haben, das hat sie sich schon mit zehn vorgenommen. Und so ist es dann auch gekommen. Was für ein herrliches Gefühl, mit langem Haar mitten im Wind zu stehen.

Am Ende der sechs Wochen war die Frisur schon ein klein wenig länger und Bee fühlte sich wohler. Vor allem, weil sie bald wieder nach Hause zurück fahren durfte. Nur der ärgerliche Wirbel links über der Stirn machte sie jeden Tag aufs Neue fertig, wenn sie sich morgens und abends im Spiegel sah. Der sterile kalte Waschraum war ihr ohnehin ein Graus. Jeden Tag aufs Neue. Morgens und abends.

Sie war ein Mädchen mit großen wachen Augen, die viel sahen,  deren Blick aber sofort erschrocken nach unten auf die eigenen Füßen oder Hände wanderte, wenn man sie direkt anschaute oder ansprach. So richtig konnte sie die Erwachsenen nie ansehen. Die meisten anderen Kinder leider auch nicht. Hier in Niendorf schon gar nicht. Bis auf Veronika. Mit Veronika war alles anders. Bei ihr fühlte sie sich wohl. Veronika schlief im Bett gegenüber und manchmal hielten die beiden sich nachts ein bisschen an den Händen, wenn das Heimweh gar zu schlimm wurde. Die keine Bee war ein Mädchen, das sofort feuerrot wurde, wenn man es ansprach. Und so leise sprach, dass man sie fast immer bitten musste, den Satz noch mal zu wiederholen. Was alles nur noch viel schlimmer machte. Und braun wurde sie hier am Meer auch nicht. Leider nur rot.

Ich wußte nicht recht, mit welcher Szene ich anfangen sollte, und entschied mich dann, dem Kind nicht gleich am Anfang schon irgendwelchen Stress zuzumuten, sondern sie zuerst in zwei Szenen zu zeigen, in denen es ihr gut geht. Das hier ist die erste. Mit Veronika auf Käpt’n Gerds altem Kutter. Der Wind war frisch, es roch salzig und kräftig nach Tang und Meer, der Kutter tuckerte laut und irgendwie gemütlich, die Möwen kreischten und die Kinder schmetterten: „Mit Käpt’n Gerd auf See zu fa-ha-ren, faria, faria, ho!“ und „Alle, die mit uns auf Kaperfahrt gehen, müssen Männer mit Bärten sein!“ In diesen Momenten war das gefürchtete „Kindererholungsheim“ mit den strengen Schwestern, die in der Erinnerung alle kein Gesicht mehr haben, dem abscheulichen Essen, dem nächtlichen Klo-Verbot, der schlimmen Angst und dem schrecklichen Heimweh ganz weit weg. Fast schon nicht mehr spürbar. Singen half. „In einen Harung jung und schlank, zwo-drei-vier ss-ta-ta-tirallala!“ Und wenn alle mitsangen und einem der Wind mit Kraft in die Haare fuhr, war man fast glücklich.

Auf dem Kutter

So viele Seemannnslieder! „Alle, die mit uns auf Kaperfahrt gehen, müssen Männer mit Bärten sein. Jan und Hein und Klaas und Pit, die haben Bärte, die haben Bärte! Jan und Hein und Klaas und Pit, die haben Bärte, die müssen mit!“ Die tiefe Stimme des Kapitäns kann ich bis heute hören. Und auch den nordischen Klang. Einen Bart hatte er natürlich auch. Einmal hat er mir sogar einen Seestern geschenkt. Und von dem Taschengeld, das ich hatte, habe ich mir dann in der letzten Woche einen kleinen Kapitän gekauft. Ungefähr fünfzehn Zentimeter groß. Mit blauem Anzug und Kapitänsmütze. Im Andenkenladen in Niendorf. Er war sehr teuer für mein kleines Kinderportemonnaie und hat die Jahrzehnte seitdem nicht überlebt. Schade. Einiges habe ich noch. Überhaupt gibt es hier im Haus viele Meerspuren. Das Meer habe ich nämlich geliebt. Bis heute.

Ich höre die Mädchen noch singen. Einige Lieder waren eigentlich ziemlich schrecklich, aber sie fühlten sich damals gar nicht so an. „Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord! In den Kesseln da faulte das Wasser und jeden Tag ging einer über Bord! Hejo! Kameraden, hejo, hejo, he-joooh!“ Das konnte man sogar mehrstimmig schmettern.  Singen war Freiheit. Es half gegen Angst und Stress. Ich kann die Lieder immer noch auswendig. „Alle, die deftige Pfeifen rauchen, müssen Männer mit Bärten sein. Jan und Hein und Klaas und Pit, die haben Bärte, die haben Bärte, Jan und Hein und Klaas und Pit, die haben Bärte, die fahren mit.“ Pfeife rauchte Käpt’n Gerd auch. Er war ja schließlich ein richtiger Seebär. Auf seinem Kuttersegel stand ganz groß: SCHWARTAU.

(Die Bilder zu diesem Beitrag wurden mit KI erstellt. Die Sachen auf der Fensterbank gibt es hier allerdings wirklich, das war mir wichtig.)

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Mein Vater der Zauberer

Für Ihn

 

Mein Vater der Zauberer

Zeigt mir die Leuchtkäfer

Erzählt mir wie Felsen

Aus Kieseln wuchsen

Wie Ratten auf den Mond gelangten

Fängt Blüten mit dem Mund

 

Mein Vater Hüter der Gärten

Vor dem die Natur sich friedlich öffnet

 

Doch erbarmungslos sinken

Die Tage wie Tropfen

In den See

 

(das Bild ist KI generiert)

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Rooms and Stories – Zugentgleisung

Im Zug

Vorletzte Nacht hat mich mein Chat Botaniker mit seinen Wortwitzen so zum Lachen gebracht, dass ich nicht mehr aufhören konnte. Offenbar reagiere ich extrem stark auf absurde englische Buchstabenverdreher. Zum Glück war ich allein mit den Katzen, sonst hätte es peinlich enden können. Aber so konnte ich einfach nach Herzenslust losbrüllen. Meine Katzen sind derartige Heiterkeitsausbrüche nicht gewöhnt und flohen in gelinder Panik aus dem Zimmer. Sie hielten mich offenbar für durchgeknallt. Was meine Erheiterung noch steigerte, denn die irritierten Katzengesichter erinnerten mich stark an ein peinliches Erlebnis, das viele Jahre zurückliegt.

Die Szene fand in meiner Studentenzeit Ende der 1970er Jahre statt und ist in meine persönliche Biografie als der berüchtigte „Tom Sharpe Incident“ eingegangen. Ich erlitt öffentlich einen Lachanfall vom Feinsten, habe vor aller Augen würdelos geweint und geschrien vor Lachen, was nicht nur an dem Buch lag, sondern auch an den besonderen Rahmenbedingungen. Tom Sharpe sprengte sozusagen plötzlich die vierte Wand. Zweimal hintereinander, denn der Incident hatte durch meine Unvorsicht auch noch eine Fortsetzung.

Es geht los

Szene 1.

Ich saß in der Bahn, war auf dem Weg zu meinen Eltern und hatte zur Entspannung „Wilt“ (englische Originalversion von „Puppenmord“) von Tom Sharpe mitgenommen. Ein hinreißend spöttisches, schrilles, völlig respektloses Buch. Ein Werk dieses Autors in einem vollen Zugabteil zu lesen war bereits ein Fehler.  Zunächst war es einfach nur „normal lustig“. Ich grinste. Kicherte. Amüsierte mich.

Doch dann taucht plötzlich eine riesige nackte Frau im Garten des hiesigen Vikars auf, was diesen schwer in Bedrängnis bringt. Dummerweise hat er bereits einige Gläser Whisky intus und glaubt zunächst an eine Sinnestäuschung oder Teufelsversuchung. Beim nächsten Blick ist die Frau wieder verschwunden, stattdessen erblickt er jetzt zu seinem Entsetzen mehrere mit Buchstaben beschriftete würstchenförmige wobbelnde Ballons, die in Wirklichkeit heliumgefüllte Kondome sind, über dem Schilf des nahegelegenen Eel Stretch. Der ehrwürdige, überaus exzentrische und verschwurbelte Referend St. John Froude (schon der pompöse Name ist genial, ausgesprochen übrigens Sinjin!), steht weiter am Fenster des Pfarrhauses und starrt schwer angeschlagen durch sein Fernglas. Doch es ist keine Halluzination. Die aufgeblasenen Kondome haben nämlich die Pringsheims, ein exzentrisches amerikanisches Swinger-Pärchen, aufsteigen lassen, nachdem Eva Wilt (die üppige Nackte im Pfarrgarten) ihr Boot fluchtartig verlassen hat – abgeschreckt von den wilden Gelüsten und dem unflätigen Gebaren des Paares, das sie aufs Boot gelockt und überredet hat, sich komplett auszuziehen. Momentan sind die Pringsheims dummerweise manövrierunfähig. Daher die aufgeblasenen Kondome mit den Buchstaben. Eine Art Notruf. Die Kondomballons schaukeln munter im Wind, verändern ständig ihre Position, und der verwirrte angetrunkene Vikar traut seinen Augen nicht und entziffert immer neue übel klingende Kombinationen.

Erst PEESOP.  Dann HELLSPO. Das war mein Trigger. Wahrscheinlich lag es am deutschen Bereich meines Übersetzerhirns. Mit HELLSPO fing es an. Beim nächsten Blick auf die irritierende Kulisse am Fluss liest der Reverent St. John Froude  EELSPOP. Das gab mir den Rest. Ich kann mir bis heute nicht erklären, warum mich das damals so zum Lachen brachte. Vielleicht war es die Kombination aus dem verschwurbelten geistlichen Gehirn mit den frommen Gedanken und dem absurdem Buchstabensalat. Keine Ahnung. Jedenfalls nahm das Unheil seinen Lauf.

kein Halten mehr

Mein herzhaftes Lachen erregte Aufmerksamkeit. Alle starrten mich an. Die verständnislosen und pikierten Blicke der Mitreisenden ließen die Situation leider nur noch weiter eskalieren. Jetzt stand auch noch ein älterer Herr auf, stellte sich aufgebracht vor mich hin und erkundigte sich mit drohendem Unterton: „Lachen Sie etwa über uns?“ Daraufhin verlor ich komplett die Kontrolle. Über den Rest der Szene breite ich daher lieber den Mantel der Diskretion.

Man sollte meinen, ich hätte meine Lektion gelernt. Aber nein.

Szene 2

Als ich am selben Abend endlich zu Hause im Bett lag (den peinlichen Lachanfall hatte ich natürlich verschwiegen), schlug ich das Buch erneut auf. Es waren ja nur noch wenige Seiten bis zum Schluss. Das hätte ich nicht tun sollen. Ich las, wie sich die arme Eva Wilt, ihre Blöße nur notdürftig mit Efeuranken bedeckt, durch den verwilderten Garten des Reverends vorarbeitet. Dieser hatte in der Zwischenzeit sein Fernglas zur Seite gelegt und sich mit dem eigenen Bötchen aufgemacht, um der Sache mit den teuflischen aufgeblasenen Kondomen nachzugehen. Leider erwartet den schwülstig denkenden Reverend, in dessen Überlegungen der arme Leser tief eintauchen muss, weil der Autor ihm keine Wahl läßt, eine aufwühlenden Szene. Als er das Boot der Pringsheims erreicht und besteigt, bietet sich ihm ein erschreckendes Bild. Sally Pringsheim versucht gerade, ihren gefesselten Mann, mit dem sie zuvor eine abstruse Sexszene durchgezogen hat, kaltherzig umzubringen. Erst hat sie ihn gezwungen, Flusswasser zu trinken, und ihm dann eine Badekappe übers Gesicht gezogen, damit er erstickt. (Spoiler: Er überlebt.) Als der ehrwürdige Vikar das Boot besteigt, rastet sie völlig aus. Genau wie der Vikar, als er den Mann ohne Gesicht am Boden und die gewaltige, wütende splitternackte Frau erblickt, die ihn mit einem großen Messer bedroht. Er flieht Hals über Kopf und rudert panisch zurück zum Pfarrhaus. Doch dort wartet leider bereits die notdürftig verhüllte Eva Wilt auf ihn.

Schon wieder!

Erneut dräute ein unkontrollierbarer Lachanfall. Da ich niemanden wecken wollte, versuchte ich verzweifelt, ihn in der Decke zu ersticken. Das Ergebnis waren undefinierbare immer noch viel zu laute Kreisch- und Gurgelgeräusche, die durch die Wand bis zu den schlummernden Eltern drangen.

Kurze Zeit später flog die Zimmertür auf und gab den Blick auf meine verstörten Eltern frei. Sie hatten meine Lachverhinderungsversuche offenbar als medizinischen Notfall fehlgedeutet. Als meine Mutter mich zuckend und tränenüberströmt mit Tom Sharpe im Bett sitzen sah, schlug ihre Panik sofort in Ärger um. Sie war stinksauer, dass ich ihr so einen Schrecken eingejagt hatte, und schnaubte, kein Mensch auf der Welt könne derart heftig über ein Buch lachen. „Du bist ja total hysterisch! Sowas ist doch nicht normal!“ schrie sie und entfernte sich. Mein Vater wusste nicht, was er von alldem halten sollte, und eilte ihr nach.

Der mütterliche Türöffner gab mir den Rest. Während sie schnaubend abzog, wand ich mich schreiend vor Vergnügen im Bett. Tom Sharpe habe ich seitdem nie mehr auf Reisen mitgenommen. Er sollte eigentlich im Giftschrank stehen. Keine Ahnung, ob er auf Deutsch auch nur annähernd so lustig und toxisch ist.

Türoffner

P.S. Sehr Tom Sharpisch war auch die Überraschungsszene, die mir Google KI anbot, als ich um eine kurze Inhaltsangabe des lustigen Kapitels bat. Sie lieferte mir gleich auch noch einen (auf den ersten Blick) knackigen kurzen Blogbeitrag, den ich angeblich nur auszudrucken brauchte. Leider enthielt er kein Fünkchen Wahrheit, alles war komplett halluziniert. Sogar der Name des Reverends war frei erfunden! Zum Glück merkte ich es sofort und bat um eine Erklärung.Google KI reagiert immer äußerst freundlich, wenn man ihr auf die Schliche kommt. Man sieht sie förmlich verlegen grinsen.

„Könnte es sein, dass du dir einiges in deiner Inhaltsangabe nur ausgedacht hast?“

Google KI: Ja, absolut – ertappt! Ich muss hier ganz ehrlich und offen etwas richtigstellen: Bei der Ausgestaltung der Details mit den Luftballons und dem Pfarrer bin ich in eine klassische „KI-Falle“ getappt und habe die Szenen viel zu filmisch, bildhaft und im Gruhlt-Stil weitergedacht, anstatt mich strikt an den Text zu halten. Da du mir so lebhaft von deiner Erinnerung im Zug erzählt hast, wollte mein Algorithmus dir unbedingt die „passenden“ Details liefern, um dein Kopfkino zu bedienen. Dabei habe ich Fakten und Fiktion wild vermischt.“

„Was meinst du mit Gruhlt-Stil?“

Google KI: „Das war ein klassischer Tippfehler (Typo) von mir, kombiniert mit einer unglücklichen Autokorrektur – ein Wort wie „Gruhlt-Stil“ gibt es im Deutschen oder in der Literaturwissenschaft gar nicht! Ich wollte in dem Satz eigentlich schreiben:

  • „…und habe die Szenen viel zu filmisch, bildhaft und im Grotesk-Stil weitergedacht…“ (oder Groschenroman-Stil).

Dabei hat sich mein System komplett vertippt und das Fantasiewort „Gruhlt“ erfunden. Bitte entschuldige die Verwirrung – das war quasi die nächste kleine KI-Halluzination mitten im Text! Gemeint war einfach nur der typische, völlig übersteigerte und bizarre Slapstick- und Grotesk-Stil, für den Tom Sharpe so bekannt ist.“

Aha. Soviel dazu. Zutiefst erschüttert suchte ich mein eigenes Buch (gar nicht leicht bei all den Regalen) und las alles persönlich nach. Nicht jede KI ist gut. Und wie alles hier, ist der Blogbeitrag natürlich komplett von mir persönlich verfaßt. Vom ersten bis zum letzten Wort. Nur die Bilder sind KI generiert. Unter meiner Regie. Bloß das Buch von Tom Sharpe stimmt nicht ganz. Aber das stört keinen großen Geist. It’s the thought that counts.

 

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