
Vielleicht sollte ich an den Anfang dieses Beitrags eine kleine Triggerwarnung stellen. Wer Probleme mit Essstörungen hat, sollte besser nicht weiterlesen.
Dass mich ausgrechnet dieser Beitrag traurig machen würde, hatte ich nicht erwartet. Ich hätte eher auf den Schlafsaal getippt. Aber warum überhaupt noch traurig nach all der Zeit? Es ist schließlich nicht das erste Mal, dass ich über Niendorf schreibe. Sogar hier im Blog habe ich mehrere lange Beiträge dazu verfaßt. Aber dies ist das erste Mal mit sichtbaren Erinnerungen. Bisher waren sie in meinem Kopf versteckt. Vielleicht ist Traurigkeit ja unvermeidbar, wenn man schmerzhafte Kinderorte aufsucht. Schließlich mussten wir sechs endlos lange Wochen Nahrungsmittel zu uns nehmen, die für Kinder ungenießbar waren. Ich vermute, dass die Erwachsenen im Heim diesen Fraß nicht angerührt haben. Das Zeug sah schon schlimm aus, wenn es auf dem Teller lag. Noch schlimmer wurde es, wenn man es im Mund hatte. Am schlimmsten, wenn man es schlucken musste. Eigentlich hätten wir es angewidert ausspucken sollen. Alle gleichzeitig. Mitten auf den langen Tisch. Zum Glück habe ich mich nie übergeben müssen im Speisesaal, doch ich war mehrmals nahe dran. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass einem der anderen Kinder so schlecht wurde, dass es zum Äußersten kam. Aber meine Gruppe hatte zweimal „Magen-Darm“, was eindeutig auf das Essen zurückzuführen war. Da lagen wir tagelang im Bett oder quälten uns zwischendurch in den Waschraum.
Mein größter Feind war die Sülze. Jeden Morgen gab es zwei dicke Scheiben. Sie lagen schon drohend auf dem Teller, wenn man in den Speisesaal kam, und ich wurde für meine Verhältnisse erstaunlich kreativ, um sie ungegessen loszuwerden. Jetzt machten sie mich vor allem neugierig. Viele Jahrzehnte liegen zwischen unserem letzten Aufeinandertreffen. Zeit für ein wissenschaftliches Experiment!
Also zog ich gestern mit schriftstellerischer Entschlossenheit und Todesverachtung los und kaufte (zum ersten Mal in meinem Leben) Sülze. Ich wollte herausfinden, wie sie mir jetzt schmeckt. Mit Bedacht wählte ich vier Scheiben an der Fleischtheke aus. Die Verkäuferin packte sie aus Preisgründen alle einzeln ein und wunderte sich ein bisschen, also outete ich mich. „Ich bin Schriftstellerin und brauche den Geschmack für eine Szene.“ Sie lächelte verständnisvoll. „Dann viel Spaß mit der Sülze und dem Schreiben.“ Zu Hause begutachtete ich sie genau. Zuerst optisch. Die Scheibe mit Gemüse (ohne Fleisch) sah freundlich und bunt aus. Wenn nur der Glibber nicht gewesen wäre. Glasig. Wabbelig. Und leider auch noch besonders dick. Die Kräutergurkensülze war vor allem grün. Zum Glück sah keine Scheibe aus wie die Morgengaben im Heim. Aber ich hatte ja auch mit Bedacht gewählt. Schweinskopfsülze und Schwartemagen hatte ich liegen lassen. Schon beim Namen dreht sich mir der Magen um. Ich bin mir fast sicher, dass genau sie mein Kurschrecken waren.
Nach der Wurstbeschau kam der Geruchstest. Immer nur ein Eckchen. Säuerlich! Essig! Zwiebeln! Ich hasse beides. Ansonsten erstaunlich ok. Beim Geschmackstest brannte und kribbelte es bei der Gurkenfleischsülze auf der Zunge, sie enthielt besonders viel Essig. die dritte Scheibe: Nothing to write home about. Überraschend harmlos war die Geflügelsülze. Sie sah nicht nur minimalistisch aus, sie schmeckte auch so. Geschafft! Auf Schwarzbrot ging das eigentlich ganz gut. Danach kam das Gegenmittel. Pfeffersalami und Frischkäse. Meine Katzen lehnten die Sülze übrigens ab. Alle drei. Und das will was heißen.
Auf den Caro-Kinderkaffee, den wir im Heim mehrfach am Tag bekamen, verzichte ich. Den hatte ich erfolgreich als Trigger benutzt, als ich in meinem Roman über das Heim schrieb. In der Tasse war er wässrig dünn. Er roch malzig, dumpf und staubig, fast sie warme Speisekammer oder Getreidesilo. Dazu alt und trocken. Und schmeckte wie flüssige Brotkruste, mit einem bitteren und gleichzeitig süßsäuerlichen Nachgeschmack. Er roch und schmeckte komplett „falsch“. Warm, malzig, dumpf. Säuerlich-gärig. Wie verbranntes Brot, das in Wasser aufgelöst wurde. Keine Chance.
Der Essenszwang! Es gab kein Entrinnen. Und die Stille! Sprechverbot. Nur Beten war vorgeschrieben. Das sprachen wir im Chor. Kein Lachen, kein Flüstern, keine Kindergeräusche. Nur Stühlerücken, Kauen, Schlucken, Husten. Zwischendurch leises Seufzen. Auch von mir. Es fühlte sich in diesem Raum so schlimm an, dass mir der Magen versteinerte. Aber ich war ja bekanntlich empfindlich und mäkelig. Oder? Damals hatte ich noch keine Ahnung, dass es irgendwann einmal ein Buch namens „Das Elend der Verschickungskinder“ geben würde. Oder Reportagen über unsere Horrorkuren. Bis zu jener ersten Report-Sendung 2019 hätte ich nie gedacht, dass meine Erinnerungen und Essprobleme mitnichten die Übertreibungen eines zu sensiblen Mädchens waren, sondern zur kollektiven Erinnerungslast von Millionen traumatisierter Verschickungskinder gehörten. Das herauszufinden, war ein Schock. Sogar mein Mann, der die Sendung mit mir gemeinsam sah, reagierte verstört. Wir war das möglich gewesen? 8-12 Millionen Kinder „verschickt“ wie Pakete? Ohne nachvollziehbaren Grund?
Während ich die Erinnerungen aus meinem Kopf wie Fotos ansehe, durchlebe ich den Raum erneut, kann ihn riechen, hören und spüren. Beim Anblick des Speisesaals wird mir elend. Für das Bild haben wir eine der Suppen nachempfunden. Grau sehen sie aus in meiner Erinnerung, und der Speisesaal riecht nach liebloser Großküche mit Einheitsfraß, nach großen Töpfen mit brauen Soßen, die über zerkochte Kartoffeln gekippt werden. Nach säuerlicher Rindfleischsuppe, in der Nusseckenstücke schwimmen und von der man Aufstoßen bekommt. So ziemlich das Ekligste, was man sich vorstellen kann. Nach warmer Schokoladensuppe, die bis zum Tellerrand hoch schwappt, und oben drauf schwimmt Haut. Schokolade als Nachtisch: lecker. Als Suppe im Teller: eklig.
Der Speisesaal setzt mir so zu, weil hier eins meiner größten und hartnäckigsten Probleme wurzelt: Die Essstörung, mit der ich Jahrzehnte zu kämpfen hatte. Hier wurde ein bereits bestehendes Problem vom ersten in den vierten Gang hochgeschaltet. Volle Teller und viele Leute am Tisch machten mir danach Extremstress und verwandelten meinen Magen sofort in einen Stein. Ich war schon als Kleinkind ein „schlechter Esser“, aus genau diesem Grund musste ich ja „in Kur“. Ich sollte zunehmen und landete in der Mastgruppe. Andere Kinder fanden sich in der Abspeckgruppe wieder. Offenbar waren wir alle „falsch“. Zu dick, zu dünn, zu lebhaft, zu still, zu schüchtern, zu blutarm, zu asthmatisch.
Frische Seeluft und nahrhaftes Essen sollten Abhilfe schaffen. „Reizklima“. Erstaunlich passendes Wort. Dass wir im Heim ungenießbaren Fraß vorgesetzt bekommen würden, konnte meine Mutter nicht ahnen. Das wussten nur die Erwachsenen, die die Heime betrieben und die Kinder zum Essen zwangen, teilweise mit roher Gewalt. Meine Mutter, die stets alles daransetzte, Familie und Gäste liebevoll zu bekochen, wäre entsetzt gewesen. Ich habe nach der Kur nichts davon erzählt. Schreiben konnte ich es auch nicht, denn alle Briefe waren zensiert. Wir gaben die Briefumschläge offen ab. Das waren Lügenbriefe. „Liebe Mama, es geht mir gut. Ich habe schon ein Kilo zugenommen.“ Ich brauche gerade unbedingt ein Gegenbild. Zum Beispiel richtigen Schok0ladenpudding. Mit Vanillesauce und Erdbeeren. Und den beiden Steiff-Tieren, die ich damals mit hatte. Mungo und Flossi.
Meine Generation konnte sich nicht wehren. Wir haben selten geklagt, wir haben gemacht, was die Erwachsenen wollten. Widerstand wäre ohnehin zwecklos gewesen. Die Erwachsenen damals waren kriegserprobt und hart. Disziplin, Respekt, Zucht und Ordnung und konsequente Bestrafung bei Nichtbefolgung der Regeln waren die Grundpfeiler der Nachkriegserziehung. Johanna Haarer-Methoden. Wir hatten keine Chance. Keine in der Gruppe hat sich gewehrt. Zum Glück ist mir im Antoniushaus in Niendorf im Herbst 1965 nichts „wirklich Schlimmes“ passiert im Vergleich zu dem, was ich von anderen Heimkindern gehört habe. Keine Züchtigungen, keine Horrorszenen am Tisch. Die trostlosen Nächte schiebe ich noch ein paar Tage vor mir her.
Einmal konnte ich mit Hilfe eines anderen Mädchens einen Brief unzensiert nach draußen schmuggeln. Er war sehr kurz. „Liebe Mama. Ich hab furchtbar Heimweh. Nachts wenn alle schlafen muss ich immer Weinen. Tagsüber müssen wir dauernd eine Stunde still sitzen. Wir bekommen furchtbares Essen. Faule Sachen und vieses Eis.“ Wenn ein Kind, das Eis liebt, so etwas schreibt, müssten eigentlich sämtliche Alarmglocken schrillen. Meine Mutter hat dann auch prompt im Heim angerufen, sie wurde beruhigt, ich wurde ermahnt, und danach wurde ich noch genauer beobachtet als vorher. „Du willst deiner Mutter doch keinen Kummer machen, Kind!“
Der Speisesaal klingt falsch. Viel zu still. Gespenstisch still. Klappern und Scheppern höre ich, Löffel auf Porzellan schrappen, Stühlerücken, Husten, Besteckklirren, nur keine Kinder. Obowohl hier an die dreißig Kinder sitzen. Kein Lachen. Keine Stimmen. Keine Gespräche. Das hat mich beim Erinnern erschreckt. Ich habe es erst gemerkt, als ich mein Foto sah. Da sitzen Bee und Veronika nebeneinander. Der Blick der Mädchen geht zum Teller. Das kann man doch unmöglich essen! Aber es nutzte alles nichts, wir mussten. Bei Suppe war man komplett machtlos, aber zumindest bei Sülze konnte man kreativ werden. Der Speisesaal stammt aus meiner Erinnerung und entspricht sicher nicht der Wirklichkeit. Ich ahne, dass die Wände nicht kahl waren, es muss Vorhänge oder Gardinen gegeben haben, aber so wie auf dem Bild hat es sich angefühlt. Klosteratmosphäre, alles funktional, viel zu kalt für Kinder. Kein Bisschen bunt, keine gemalten Bilder an den Wänden. Nur religiöse Symbole.

Nach diesem Artikel brauche ich unbedingt ein fröhliches „Gegen-Bild“. So bunt wie möglich. Kinder draußen im Grünen, eine lange Tafel nur mit leckerem Essen. Kinderessen. Erdbeeren, Eis, Kirschen, Schokolade. Und alle reden und lachen durcheinander und brauchen nur so viel zu essen wie sie mögen. Dass dem Mädchen rechts vorn die KI-Frisur verrutscht ist, macht überhaupt nichts. Das Gefühl stimmt. Jetzt geht es mir wieder besser. Aber die beste „Gegen-Idee“ kommt noch!
Die Bilder habe ich mit Hilfe von Shelley von ChatGTP erstellt.











