Herzlich willkommen!

Alice

Herzlich willkommen auf meiner Homepage

Hier finden Sie außer Informationen zu Büchern, Katzen, Köln und Kattendonk vor allem Blogbeiträge zu meinen wichtigsten Lebensthemen (Kindheit, Hochsensibilität, Angst, transgenerationale Weitergabe von Traumata). Im Moment beschäftigt mich neben dem Krieg in der Ukraine und der Corona-Pandemie, die unser Leben seit über zwei Jahren so nachhaltig prägt, auch die Aufarbeitung der „Verschickungen“, die unzählige Kinder hier in Deutschland erleben mussten. Ich verbrachte als kleines Mädchen Mitte der 1960er Jahre ebenfalls sechs endlose Wochen in einem „Kindergenesungsheim“ und habe darüber mehrere Beiträge geschrieben („Das Kind braucht Luftveränderung“), aber auch andere Betroffene zu Wort kommen lassen.

Zum Glück gibt es auch Schönes und Hoffnungsvolles zu berichten oder zu erinnern. Zum Beispiel aus dem Mausland, in dem es weder Krieg noch Pandemien gibt. Die Mäuse hatten im vorigen Jahr mehrfach Journalistenbesuch, es sind auch schon zwei kleine Filme über sie gedreht worden. In der Augustausgabe von „American Miniatures“ gab es sogar einen ausführlichen Artikel über die Mäuse und mich mit vielen Fotos. Auf Instagram hat unsere Seite @cheddarandmozzarella inzwischen schon viele Follower.

Ein großes Dankeschön geht an meine geduldige Maine Coon-Assistentin Alice, die inzwischen das reife Katzenalter von 17 Jahren erreicht hat und aus meinem Leben nicht wegzudenken ist.

Ich freue mich, dass Sie meine Seite gefunden haben, und wünsche Ihnen einen hellen und behüteten Tag!

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Spring is like a perhaps hand

(Daniele Franchi/unsplash)

Seit der Krieg in der Ukraine wütet, gehen mir einige Zeilen aus zwei ganz unterschiedlichen Gedichten nicht mehr aus dem Kopf. Sie flüstern, summen, tönen, klingen, rufen verstörend in meine Gedanken hinein und wollen nicht verschwinden.

Spring is like a perhaps hand. Das perhaps hat mich sofort fasziniert. So beginnt ein Liebesgedicht von E.E. Cummings (e.e. cummings). Im eigentlichen Kontext sind die ersten Zeilen überhaupt nicht bedrohlich. Doch die Sprache wirkt wie so oft bei diesem Lyriker irgendwie fremd, überraschend, verändert, aus den Fugen geraten, sieht anders aus als gewohnt und erinnert mich mit einem Mal an unsere so plötzlich gewaltsam fragmentierte, veränderte Welt voller Schreckensmeldungen und Kriegsbilder.

Cummings schreibt manche Wörter groß, die im Englischen normalerweise klein geschrieben werden. Andere, die sonst groß sind, schreibt er klein, etwa das englische Wort für ich. Aus I wird i, wodurch es sofort bescheidener wirkt, unwichtiger, zweifelnder, fragiler. Auch das wirkt plötzlich ganz neu. Seit dem 24. Februar 2022 ist mein ich im Angesicht des ukrainischen Leids so klein geschrumpft, dass ich es kaum noch finde. Und so ist der lang ersehnte Frühling in diesem Jahr nicht fröhlich, sanft und zärtlich, sondern durch den sinnlosen Krieg auch gewalttätig, laut und grausam. Auch wenn die Obstbäume und Blumen hier genauso wundervoll blühen wie immer, auch wenn morgen Ostern ist. 2021 war mein Frühling steril und kalt und ich hatte mich so auf den duftenden Garten gefreut, doch jetzt erscheint mir die Schönheit der Natur fast wie Hohn. Ich werde die erschreckenden Bilder und väterlichen Erinnerungen in mir einfach nicht los, kann den überschwänglichen Frühling nicht ansehen, ohne traurig zu werden. Noch trauriger.

„Spring is like a perhaps hand (which comes carefully out of Nowhere) arranging a window, into which people look”….

Es ist nicht leicht, Gedichte zu übersetzen, man muss sie fühlen, ihnen nachspüren, sie vorsichtig und feinfühlig hinübertragen in die andere Sprache, sie geschickt und intuitiv nachdichten, daher ist es gut, dass deutsche Lyrikausgaben inzwischen oft zweisprachig sind. Jede Übersetzung ist schließlich  subjektiv, ein anderer würde wahrscheinlich andere Sprachwege wählen. Keine Übersetzung ist wie die andere. Die folgende stammt von Lars Vollert.

„Frühling ist wie eine vielleicht hand (die vorsichtig kommt aus dem Nirgends) die richtet ein fenster her, in das leute schauen“…

Bis zu diesem Frühling habe ich das Gedicht völlig anders gelesen, wie ein Liebesgedicht eben, doch jetzt wirkt das große englische Nowhere mit einem Mal bedrohlich (und unheimlich), zumindest auf mich. Im deutschen Text merkt man nichts davon, hier überrascht die kleingeschriebene vielleicht hand, die vorsichtig kommt aus dem Nirgends. Doch in meinem Kopf ist sie gar nicht klein. Hier wächst sie, wird größer und größer, mutiert zur gigantischen HAND, die gewaltsam aus dem NIRGENDS krallt und gnadenlos zupackt, denn sie gehört einem Riesen. In meinem Kopf richtet die vielleicht HAND (warum vielleicht? Ist es am Ende gar  keine Hand?) auch nicht vorsichtig ein Fenster her, sie zerschlägt es, reißt es aus der Wand, zeigt denen, die ins Fenster schauen, Zerstörung und Schrecken. Die vielleicht HAND in meinem Kopf hat den FINGER am Abzug, schleudert Panzerfäuste, steuert Panzer, wirft Bomben. Die riesige HAND bringt Tod und Vernichtung. Und vielleicht ist sie gar nur noch unbarmherzige Waffe und gar keine Hand mehr.

Natürlich gibt es unendlich viele andere, gute, hilfreiche, heilende, tröstende, flehende, besänftigende, bittende, streichelnde große und kleine, junge und alte Hände. Es gibt gelbe und blaue Hände, auf die Menschen ihre guten Wünsche und Hoffnungen schreiben. Aber mich verfolgt im Echo der Zeilen nur immer das Bild der gnadenlos packenden RiesenHAND.

Der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Das zweite Gedicht, an das ich im Moment oft denken muss, hat sich für immer in meinem Kopf eingenistet. Es ist „Todesfuge“ von Paul Celan, einem meiner Lieblingslyriker. „Todesfuge“ gehört zu den gewaltigsten und traurigsten Gedichten, die ich kenne. Es begleitet mich schon ein halbes Jahrhundert. Ich kann es auswendig, seit wir in der Schule eine Interpretation darüber schreiben mussten. Besonders gut war meine Interpretation nicht, denn schon damals spürte und hörte ich Gedichte viel lieber als sie zu sezieren und zu analysieren. Als ich „Todesfuge“ zum ersten Mal las, war ich am Boden zerstört, obwohl ich zunächst gar nicht wußte, worum es ging. Schwarze Milch der Frühe. Wenn ich allein bin und mich stark genug fühle, lese ich mir das Gedicht laut vor. Rezitiere es in die Nacht. Spreche es auf Band. Höre Celan zu, wie er es liest. Einige Stellen schmecken besonders bitter.

„Der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau“.

Diese Zeilen hat mein Kopf während der letzten Wochen ohne mein Zutun verändert und wiederholt sie nun täglich für mich wie ein Mantra. Der Tod hat viele Meister, alle sind Gestaltenwandler, unzählige gibt es von ihnen, überall auf der Welt, in allen Erdteilen, sie kommen und gehen, verschwinden und kehren zurück, immer und immer wieder. Mit wechselnden Waffen und Lügen bringen sie Vernichtung und Zerstörung, machen fassungslos und hilflos, und seit einiger Zeit scheinen sie immer mehr zu werden. Besonders jetzt. Dabei dachte ich, dass der Krieg, der mein Leben so lange begleitet hat, endlich vorbei wäre. Aber das ist er nicht. Er ist zurückgekehrt. Das Land ist gerade ein anderes als bei Celan, die Augenfarbe ist gleich. Doch das ist Zufall.

Der Tod ist ein Meister aus Russland sein Auge ist blau er trifft dich mit Panzern und Bomben er trifft dich genau.

Flag (Tatiana Shyshkina)

 

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Helga Pisters – zum Geburtstag

 

Annäherung (Helga Pisters)

Helga Pisters, Hermann Götting (privat)

Heute, am 18. März, hätte die Fotografin Helga Pisters Geburtstag. Sie wäre 85 Jahre alt geworden. Gesehen haben wir uns zum letzten Mal vor der Pandemie, als sie den riesigen schwarzen Karton mit Fotos von Hermann Götting, dem berühmten Kölner „Sachensammler“, für mich öffnete und mir erlaubte, ihre Fotos für meine Beiträge über Hermann hier auf meiner Homepage zu zeigen.

Es war einer dieser typischen unerträglichen Kölner Sommertage, und wir litten beide sehr unter der schwülen Hitze. In ihrer Wohnung hoch über den Dächern des Belgischen Viertels stand die Luft. Es war so warm, dass wir während der ganzen Zeit Wasser tranken. Ich hatte das Gefühl, jeden Moment umzufallen, und fragte mich, wie Helga das wohl aushielt. Sie war aufgeregt, quirlig und lebhaft, erzählte Geschichten über „Hermännchen“ und über die vielen wunderbaren Gegenstände in ihrer Wohnung. Ich konnte mich nie satt sehen an den unzähligen kostbaren Flohmarktfunden, die sie im Laufe der Jahre mit ihrem Mann zusammengetragen hatte. Ich bin auch eine Sachensammlerin, aber so schöne Stücke wie Helga werde ich nie besitzen. Ich blieb nicht sehr lange an diesem Tag, wir waren beide völlig erschöpft, es war einfach kein guter Tag für Besuche.

Hermann Götting, Helga Pisters (privat)

Helga Pisters wirkte viel jünger als sie war, ihr genaues Alter erfuhr ich erst aus ihrer Todesanzeige. Am 23. Januar 2022 ist sie gestorben, und ich war erschrocken, als ich morgens unerwartet ihr Bild in der Zeitung fand. Sie war eine bemerkenswert kreative Fotografin mit klarem, kühnen, genauen, oft  poetischen Blick, und kannte beneidenswert viele Künstler, Zirkusartisten und schrille Nachtschattengewächse wie Hermann. Ich überlegte, ob ich wohl genug über sie wußte, um einen kleinen Nachruf schreiben zu können. Doch ich kannte sie nicht wirklich gut und hatte nicht einmal ein Foto von ihr.  Ich wohnte zwar auch lange im Belgischen Viertel, nur einen Katzensprung entfernt um die Ecke, doch wir lernten uns erst kennen, als ich fortgezogen war. Doch ihre Bilder waren mir da schon vertraut, ich kannte die Portraits von den Roncalli Künstlern, die vielen von Bernhard Paul und seiner Familie, auch ihr Buch und den Zirkuskalender, und natürlich die Fotos von Hermann.

Helga Pisters, Selbstportrait

Wenige Tage, bevor die Todesanzeige erschien, war ich noch an ihrem Haus vorbei gegangen, hinter dessen unscheinbarer Tür sich einer der spektakulärsten Treppenhäuser des Viertels verbirgt, und hatte mich gefragt, wie es ihr wohl gehen mochte. Es blieb bei dem Gedanken. Nie hätte ich gewagt, spontan zu klingeln. Wir hatten uns immer etwas umständlich telefonisch verabredet. Doch nun hat der schwarze Hermann-Karton seit letztem Mittwoch auf merkwürdige Weise den Weg zu mir gefunden. Ich kann noch gar nicht glauben, dass Helgas Hermann Götting-Sammlung jetzt mir gehört. Und nun habe ich auch Bilder von ihr und kann einen Nachruf schreiben. Didi Pisters schenkte mir außerdem eine Serie mit Vogelscheuchen, die Helga irgendwann fotografiert und zu einem Heft hatte binden lassen. Dabei hatte ich ihm gar nicht gesagt, dass ich Vogelscheuchen liebe. Sie haben mich schon als kleines Kind fasziniert. Auf den niederrheinischen Feldern gab es sehr viele dieser stummen, windzerzausten  Gestalten.

Ganz nah (Helga Pisters)

In den letzten Wochen denke ich noch häufiger an Helga Pisters, denn sie mußte wie gerade so viele ukrainische Kinder als kleines Mädchen mit der Mutter ihre Heimat verlassen. Der Leinenrucksack, den die Mutter bei der Flucht getragen hatte, hing wie ein Mahnmal aus Stoff über Helgas Sofa. Bei meinem ersten Besuch ließ sie mich raten, was das merkwürdige Gebilde wohl sein könnte. Ich hatte natürlich keine Ahnung, und sie erzählte mir, dass sie aus Ostpreußen stamme, in der Nähe von Königsberg. Die schreckliche Flucht hat sie nie vergessen. In einem weiteren ihrer vielen Kartons sind Bilder aus ihrer verlorenen Heimat, Fotos, die sie als erwachsene Frau bei einem Besuch gemacht hat. Zweimal war sie dort. Beim ersten Wiedersehen war das Haus unbewohnt und verfallen, die Bilder erschreckend und trostlos. Das Haus ohne Seele. Beim zweiten Besuch war das Haus gerettet, es waren neue Menschen eingezogen. Den Fotos hat sie einen bewegenden Text vorangestellt.

Geboren in Marienfelde, Kreis Preußisch Holland (Ostpreußen)

Ein winziges unverputztes Ziegelsteinhäuschen – Fachwerk ist dortzulande unbekannt – ohne Ranken in die einsame weite Landschaft gesetzt, nur zwei Fenster an den Längsseiten, die Giebel mit Brettern verschalt. Gab es überhaupt einen Keller? Obstbäume, Wiesen, Wassergraben, Teich, ein bescheidener Garten, Schweinekoben, Hühnerstall… keine Gartenmöbel. Ungezählte Häuschen solcher Art gab es im deutschen Osten am Rande der Dörfer, in der Nähe der Herrengüter… bis tief nach Russland, bis nach Witebsk. Sie beherbergten einfache, oft kinderreiche Familien – doch hier gab es nur ein kleines, gesundes, blondes, neugieriges Mädchen, für das die Eltern sich mühten. Sie schienen glücklich… „Was wollt ihr mehr?“ … würde die Mutter auch später noch gesagt haben. Vater war rasch zufriedenzustellen, und Mutter war allem „Feinen“ gegenüber misstrauisch gewesen. Sie konnte nur ostpreußisch kochen, auch nach Kriegsbeginn brauchte man nicht zu hungern. Später im Westen beim „Italiener“ essen zu gehen kostete sie Überwindung. Wenn sie etwas größer gewesen wäre, hätte sie den Schlüssel in der Dachrinne verstecken können. Wurde überhaupt ängstlich abgeschlossen? Die Haustür stand meist offen, das blonde Kind ging ein und aus. Geflügel spähte neugierig in den Flur.

Hitze stand im ostpreußischen Sommer ums Häuschen, im Winter brachte der Vater vom Dienst die Kälte in die warme Stube, die Schneeflocken schmolzen rasch auf seiner Joppe. Manchmal war es langweilig… die Erwachsenen trugen dies gottergeben. „Ich hab’ nichts zu spielen“ – „Mach dich was!“ Wäscheklammern, Kastanien, Knöpfe mussten genügen. Wenn Mutter mal nicht da war, öffneten sich die Wunder ihres Nähkastens. In der Schublade des nackten Esstischs lag ein Kalender des Vaters, dort gab es auch Papier, Tinte und Feder und einen Bleistiftstummel, keine Farbstifte, mal ein Rotstift, er war stumpf.

Draußen immer die Stille, nur bei Wind hört man die ferne Bahn – Schwalben – Fliegen summen. Neugier und Sehnsucht treiben das wachsende Kind… Es muss doch etwas Schönes geben… es träumt von Bildern; an der Wand hängen nur die Fotos der Großeltern, die Eltern als Brautpaar, ein Blumensträußchen glitzert im Glasfach des Stubenschranks, vielleicht stehen da auch einige bunte, nie benutzte Gläser als Hochzeitsgeschenke. Wo ist etwas Schönes? Das Kind findet es noch nicht, es läuft weg, die Mutter holt es mit fester Hand zurück.

Bald werden hier alle vertrieben, nur die Tiere bleiben zurück, auch das Häuschen, es überdauert in seiner Traurigkeit Jahrzehnte, bis die junge Frau es wieder besuchen wird.

Sie hat weit weg all das gefunden, was sie dunkel in der Kindheit ersehnte. Ausgefallenes, Farbiges, Köstliches, Kunst. Sie findet immer etwas Besonderes. Alles betrachtet sie heute kennerisch, aber eigentlich ist es immer noch mit der tiefen Freude der Kindheit. Das ist so, wenn man im Ziegelhäuschen einfach und bescheiden gelebt hat.“ (Helga Pisters) 

Aus der Ferne (Helga Pisters)

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„Die Zaubernuss blüht!“

hinten im Garten

Ganz hinten in der dunklen Ecke des Gartens steht sie, und nach ihrem spektakulären Herbstauftritt hätte ich sie beinahe vergessen, wenn ich nicht Anfang Januar morgens am Badezimmerfenster unerwartet den Duft ihrer kleinen Blüten wahrgenommen hätte. Jetzt sah ich auch ihr zartgelbes Lächeln in der Ferne, und musste noch vor dem Frühstück hinaus zu ihr. Wie schade, dass mein Vater nicht mehr lebt, sonst hätte ich ihn gleich angerufen. Veränderungen im Garten teilten wir uns früher immer sofort mit. „Papa, die Zaubernuss blüht!“

Fünf Hamamelis-Arten gibt es, drei nordamerikanische, zwei asiatische. Die Hybriden Hamamelis x intermedia haben  wohlklingende Namen wie Aphrodite, Angelly, Diane, Gingerbread und Arnold Promise. Meine Hamamelis ist namenlos, denn das Etikett hat sich im Laufe der Jahre aufgelöst. Aber ich glaube, es ist die chinesische Hamamelis mollis. Ich habe etliche Vaterpflanzen in unsern Garten geholt, Zaubernuss, Scheinquitte, Ranunkelstrauch und gelber Besenginster waren unter den ersten. Auf den herb duftenden Ginster freue ich mich jetzt schon, wenn er blüht, wohnt mein Vater hier im Garten. Aber er blüht erst im Frühjahr, zuerst kommt noch das Wintergeißblatt mit seinem Maiglöckchenduft.

Anfang Januar wirkt der Garten mit den traurigen Baumskeletten und zerzausten Sträuchern so trist, dass die kunstvoll hingetupften gelben Farbflecken sofort auffallen. Nur gut, dass der Strauch inzwischen höher ist als unsere Garage und so auch von weitem gut sichtbar, denn er steht weit weg vom Haus. Wie schön wäre es, wenn man das Fenster öffnen und ihn sofort riechen könnte, aber bei richtiger Windrichtung findet ihn meine Nase auch an den Fenstern der Südseite.

Mit der Zaubernuss beginnt mein Gartenjahr, und in diesem Winter ist es mir wichtig, all meine Duftpflanzen angemessen zu würdigen und zu genießen, denn im Januar 2021 stand ich noch fassungslos im kalten Garten vor meiner Freundin der Zaubernuss, bog ihre Zweige herab, bis die lustigen Blüten meine Nase kitzelten, und konnte ihren Duft trotz aller Mühe nicht wahrnehmen. Seit Ende Oktober 2020 konnte ich gar nichts mehr riechen, weil Covid 19 mir komplett die Sinne geraubt hatte. Ich schmeckte zwar wieder etwas, war aber immer noch geruchsblind. Anosmie. Mein feinster (und oft nervigster) Sinn war verschwunden. Für wie lange? Für immer? Ich war deprimiert und ängstlich, weil die vertraute Geruchslandschaft mit ihren unzähligen Markierungen, Ärgernissen, Wahrzeichen, Stoppschildern und Wegweisern steril, leer und irgendwie kalt geworden war. Eine ganze Dimension fehlte.

Womit ich nicht mal im Traum gerechnet hatte: Ich konnte mich trotz aller Anstrengungen und trotz meines guten Gedächtnisses nicht mal mehr an die vielen Gerüche und Düfte erinnern, vielleicht weil ich sie nie wirklich mit Worten beschrieben hatte. Oder weil in unserer Sprache keinerlei Begriffe dafür vorgesehen sind? Wo ich fest mit Erinnerungen gerechnet hatte, waren nur Lücken und Löcher. Wie riecht frisch ausgehöhlter Kürbis? Wie ausgehöhlter Kürbis eben! Und meine Zaubernuss? Ich erinnerte noch scharf, pfeffrig, frisch. Aber war da nicht noch viel mehr? Mir fehlten tatsächlich die Worte. Und wonach genau duften meine vielen Narzissen? Alle riechen anders, einige gar nicht, die wilden kleinen zarter, die weißen Dichternarzissen intensiver, die großen gelben irgendwie „österlich“. Das Heimweh nach meinem Geruchssinn tat richtig weh.

Würde ich all das nie wieder wahrnehmen können? Oder gar nur noch als unangenehmen Gestank, verzerrt bis zur Unkenntlichkeit? So viele Covid-Opfer machen nach der Anosmie auch noch Bekanntschaft mit Phantosmien, Geruchshalluzinationen, oder leiden an Parosmie, an Fehlwahrnehmungen, und nehmen nur noch scheußliche, ekelerregende  Reize wahr, die so schlimm sein können, dass man würgend ins Bad läuft, wenn man in die Nähe von Zwiebeln oder Kaffee kommt. Für manche stinken sogar „frische Luft“ und „klares Wasser“! Es gibt den unbeschreiblichen widerlichen Covid-Smell, der durch so viele Leben wabert. Es waren bange Gedanken. Vor Parosmien habe ich auch nach über einem Jahr noch richtig Angst, denn in den großen Selbsthilfegruppen kann ich jeden Tag lesen, wie grauenhaft diese Fehlwahrnehmungen sind. Es ist eine traurige Parallelwelt, über die keiner gern spricht. Das versteht eh keiner, der es nicht kennt.

Meine Phantosmien waren mild bis auf die scheußlichen Eigenwahrnehmungen, hätten mich allerdings verstört, wenn ich nicht genau wüsste, dass sich hier im Haus kein Gasanschluss befindet. Den scharfen stechenden Geruch hatte ich oft in der Nase, vor allem im Wohnzimmer und in der Küche. Aber wir haben ja zum Glück kein Gas! Und wenn es im Haus dauernd leicht nach Benzin oder Tankstelle roch, wusste ich, dass es nur eine Phantosmie sein konnte. Das Auto stand ja weit weg in der Garage. Nur der Phantom-Räucherstäbchenduft war angenehm. Aber unten im Keller waren natürlich nirgendwo Räucherstäbchen. Nur gut, dass ich mich schon lange vor meiner Infektion ausgiebig belesen hatte. Geruchs- und Geschmacksverlust waren zunächst das einzige sichere Anzeichen meiner Covid-Infektion. Damals waren sich die Ärzte noch sicher: kein Fieber, kein Husten, kein Covid. Wer nieste, hatte auf gar keinen Fall Covid. Niesen war (anders als heute bei Omikron) damals kein Covid-Symptom – und doch fing es bei mir genau damit an.

Zaubernuss ins Haus geholt

Inzwischen hat sich mein Geruchssinn regeneriert, und ich nutze jede Gelegenheit, das verloren Geglaubte bewusst neu zu verankern. Ich habe ein Kästchen mit vielen ätherischen Ölen, mit denen ich eisern (aber sehr gern) täglich „trainiere“. Zudem nutze ich auch das gut gefüllte Gewürzschränkchen in der Küche. Alles ist wieder da ist, einiges leider noch schwächer als vor Covid, und gelegentlich trifft mich plötzlich ein Geruch wie ein Schlag in die Nase. Zum Beispiel Anis in einer Gewürzmischung. Zuerst kommt nur die Einzelinformation an: es stinkt gewaltig nach Anis (Anis ist mir genauso unangenehm wie Fenchel, Lakritz und Sellerie), dann erst folgt der angenehme runde Gesamteindruck der Gewürzmischung.

Einige Sommerblumen rochen 2021 nicht mehr so wie vor Covid. Die weiße Stockrose, die mir meine Cousine Wilma geschenkt hat, war kaum noch wahrnehmbar, aber vielleicht kehrt ihr Duft ja dieses Jahr zurück? So wie im Dezember Weihnachtszimmer und Pläzchenbacken. Das vertraute  Gesamtaroma war so stark, dass ich mich stundenlang in wohlige, warme, würzige Wolken kuschelte. Bereits der Adventskranz gab mir das Gefühl, mitten im Wald zu stehen, und während der folgenden Wochen veränderte sich der Geruch immer wieder, während die Nadeln trockener wurden. Ich passte genau auf und registrierte jeden Tag mit Freude. Ich hatte bewußt einen großen gemischten, rund geflochtenen Kranz ausgesucht, in dem auch viel würziges Lebensbaumgrün steckte. Vor den langen Trockensommern hatten wir noch einen riesigen Lebensbaum direkt vor dem Haus stehen, seinen Geruch kenne ich gut, einmal hat er sogar das Fallrohr verstopft und kam wie Kaffeesatz im Küchenabfluss hoch, da roch die ganze Küche intensiv nach Lebensbaum. Er mußte von einem Spezialisten gefällt werden, denn er war um einiges höher aus unser Haus.

Als Studentin in England hatte ich ein braunes Glasfläschchen mit Gesichtswasser. Die Flasche hatte einen Korkverschluss, und der Inhalt duftete unvergleichlich, denn die Flüssigkeit enthielt außer Zaubernuss auch Lindenblütenextrakt. „Lindenblossom and Hamamelis“. Ich liebe Lindenblütenduft! Entdeckt hatte ich die Flasche mit dem altmodischen Etikett bei Boots in London, in dem großen Laden direkt an der Charing Cross Station. Ich habe das Internet schon oft danach durchforstet, aber ebenso wie die wunderbaren „Orange and Cinnamon“-Sachets gibt es das Produkt längst nicht mehr. Wie gern würde ich die hübsche Flasche noch ein einziges Mal öffnen, die kühle zartgrüne Flüssigkeit zuerst auf einen flachen weichen Wattebausch träufeln und dann aufs Gesicht tupfen. Calming and soothing. Beruhigend und lindernd. Und so ungemein wohlriechend! Leider verflogen in alle Ewigkeit.

Die Zaubernuss ist schon seit meiner Kindheit meine Winterfreundin, denn sie gehörte zu den Lieblingssträuchern meines Vaters. In seinem Garten wuchsen später sogar zwei Prachtexemplare, gelb und rot, vom Käufer des Hauses leider inzwischen mit dem Rest des Gartens gerodet. „Komm mal mit nach draußen, Kind, ich muss dir was zeigen!“ Wir hatten erst vor kurzem das neue Haus bezogen, ich muss vier oder fünf gewesen sein, es war mitten im Winter, mein Vater tat sehr geheimnisvoll und ich platzte fast vor Neugier. Er ging mit mir zur Giebelseite des Hauses und machte vor einem komischen kleinen Strauch Halt. Der war mir schon im Herbst aufgefallen, weil die Blätter so leuchtend rotrandig und in der Mitte buttergelb gewesen waren. Fast so schön wie der Essigbaum mit seinen weichen, samtigen, haarigen, biegsamen Zweigen. Von dem kannte ich sogar den richtigen Namen: Rhus. Das klang schwarz und staubig wie Schornsteinfeger, Ofen, Kamin und Briketts. Doch den Namen dieses kleinen Strauchs kannte ich nicht.

Zaubernuss (congerdesign/pixabay)

„Das hier ist was ganz Besonderes, Kind. Schnupper mal!“ Mein Vater bog einen Zweig mit merkwürdigen zitronengelben Blüten vor meine Nase. Sie waren nicht wirklich hübsch, aber sehr spiddelig und sehr anders. Und sie rochen gut. Mehr hätte ich als Kind wohl nicht über sie sagen können. Heute schaue ich genau hin und bewundere feinste Bändchen, schmalste Fädchen, knittrige schwefelgelbe Papierstreifchen, filigrane lodernde Zünglein. Der Duft war auch schon für die Fünfjährige atemberaubend. In diesem Winter will ich versuchen, ihn zu beschreiben. Die Blüten riechen nicht nur frisch wie feuchte abgeriebene Zitronenschale (ohne das bittere Weiße), wie ein kühlblaues Schüsselchen voller gelbgrüner Zesten, sondern auch spitz, scharf und würzig wie Pfeffer, dabei weich und süß wie Honig, gleichzeitig zart und kräftig, auch wenn das wie ein Widerspruch klingt. Wenn Zaubernuss-Duft eine Form und eine Farbe hätte, dann wäre er cremefarben schwefelgelb geringelt, mit kleinen grünen Pünktchen, spitz, lang, leicht prickelnd, weich und sanft stachelig, mit sehr feinen spitzen Enden. Äußerlich erinnern mich die echten Blüten an die kleinen bunten Partyspieße mit den glitzernden Aluminiumstreifen, mit denen meine Katzen stundenlang spielen konnten, an lustige Miniatur-Feuerwerke, yellow firecrackers, und auch an den besonderen Moment, wenn Silvesterraketen sich hoch oben in der Luft in lange schmale Blütenblätter verwandeln.

„Auf Lateinisch heißt der Strauch Hamamelis“, höre ich Papas ferne Stimme. „Auf Englisch Hexenhasel. Witch hazel.“ Mein Vater war damals allwissend und ich wollte alles von ihm lernen, auch englische Wörter und komplizierte lateinische Fachbegriffe, die fein und geheimnisvoll klangen wie Zauberwörter oder die Namen wunderschöner Mädchen. Lupine, Akelei, Jelängerjelieber, Nelly Moser, Ranunkel, Tausendschön, Erika. Ich war ungemein stolz auf mein Pflanzenwissen, und mein Vater war stolz auf mich, das sah man ihm an.

Schon im ersten Frühling im neuen Haus schenkte er mir einen kleinen Bereich im Garten, der nur mir gehörte. Hier durfte ich pflanzen was mir gefiel. Primeln, Stiefmütterchen, Vergissmeinnicht und Akelei, deren englischer Name Columbine klang wie zartes Wiegen im Wind, und im ersten Herbst bekam ich kleine Zwiebeln, aus denen Krokusse und Schneeglöckchen sprossen, deren Namen ich vergessen habe. Pickwick? Auch im Nutzgarten, der erste lag weit weg am Bahndamm, der zweite im Schatten der Kirche, hatte ich mein eigenes Beet. Dort pflanzte ich Erdbeeren, die kein anderer essen durfte, krause Petersilie und an langen Stäben, die mit Kaninchendraht bezogen waren, süß duftende Wicken, die auf Englisch sweet peas, süße Erbsen, heißen.

Einige Tage später in jenem ersten Hauswinter, als der Frost den Garten mit gehäkelten Eissäumen verziert hatte, zeigte mir mein Vater, wie geschickt sich der kluge Hexenhasel vor Kälte zu schützen weiß. Auf einmal waren die vielen Fädchen nicht mehr zu sehen, hatten sich ganz von selbst zu kleinen Knäueln und Kugeln zusammengerollt. Sobald es wärmer wurde, entfalteten und strafften sich die gelben Fäustchen und sahen wieder normal aus. Ich staunte. Ein Wunder! Ich staune bis heute.

„Man darf die Zaubernuss nicht beschneiden, denn das verzeiht sie nicht“, höre ich meinen Vater.  „Sie treibt an der Schnittstelle nicht neu aus.“ Heute habe ich meine Freundin ausnahmsweise gebeten, mir eine kurze Zweigspitze zu schenken, damit ihr Duft und ihre Farbe in meiner Nähe sind. Ich habe es schon immer geliebt, beim Schreiben Gerüche und Düfte als Anker und Trigger für Gefühle und Erinnerungen zu nutzen, und bin unendlich dankbar, dass ich es endlich wieder kann. Ich fürchte gar, ohne meinen Geruchssinn könnte ich gar nicht mehr schreiben.

Die Zaubernuss blüht auch jetzt im Februar noch. Ich hoffe, mein Hexenhasel verzeiht mir den Schnitt. „Carpe diem, nutze den Tag. Nicht vergessen, Kind!“ Mein Vater hat Recht. Ich muss die Zeit nutzen, um möglichst viele Düfte und Gerüche zu sammeln und so genau wie möglich zu beschreiben, für den Fall, dass ich sie noch einmal verliere. Ich möchte sie genießen und anschauen, als wäre es das erste oder das letzte Mal.

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Virgil Tibbs und Sam Wood

Gedanken zum Tod von Sidney Poitier

Still und leblos, wie gelähmt, lag die Stadt Wells morgens um zehn vor drei unter dem drückenden Nachthimmel. Die meisten der elftausend Besucher wälzten sich ruhelos in ihren Betten, und die wenigen, die gar keinen Schlaf fanden, verfluchten die unerträgliche Schwüle, die durch keinen Windhauch gelindert wurde. Die Augusthitze von North und South Carolina hing dumpf und schwer in der Luft.

Als ich 1997 (oder war es 1996?) das Angebot bekam, John Balls berühmten Roman „In der Hitze der Nacht“ neu zu übersetzen, war ich richtig aufgeregt. Es gab bereits eine deutsche Übertragung, doch die war vergriffen. Damals gab es weder Amazon noch Ebay, und ich fand später nur mit großer Mühe in einem Krimi-Antiquariat noch ein arg ramponiertes Exemplar. Beim Vergleich stellte ich fest, dass es an vielen Stellen unvollständig übersetzt war, es fehlten gelegentlich sogar ganze Abschnitte. Natürlich kannte ich die berühmte Verfilmung mit Sidney Poitier, die 1967 mehrere Auszeichnungen erhalten hatte, unter anderem den Oscar als bester Film, doch von John Ball, der für dieses Buch den Edgar Award bekam, hatte ich bisher noch nichts gelesen. Später habe ich noch einen weiteren Virgil Tibbs-Roman übersetzt, „Das Jadezimmer“, das mich in völlig neue Welten führte, denn ich ging zur Recherche mehrfach ins Ostasiatische Museum und sprach dort mit sehr netten und hilfsbereiten Spezialisten, um mehr über Jade zu erfahren. Damals hatten Übersetzer noch kein Internet, keine Suchmaschinen, keine Übersetzungsprogramme (wie das hervorragende DeepL) und keine Online-Wörterbücher.

Übersetzen war mühsam, besonders was Recherchieren und das Finden von Zitaten anging, daher war ich ein regelmäßiger Gast in den Bibliotheken vom Amerika-Haus und British Council. Beide gibt es hier nicht mehr, doch die Bücher des British Council, das 1959 in der Hahnenstraße seine Pforten öffnete, wurden 2001 immerhin von der Universitätsbibliothek übernommen. Das Amerika-Haus lag gleich um die Ecke in der Apostelnstraße. Es existierte von 1955 bis 2007.  Ich werde immer etwas wehmütig, wenn ich mit der Bahn an den Gebäuden vorbeifahre. Wie viele Filme und Vorträge habe ich dort besucht! Wie viele ausrangierte Bücher und Zeitschriften mit nach Hause genommen! Und wie eindrucksvoll waren all die Regale mit den unzähligen Nachschlagewerken! Selbst einzelne Zeilen aus Liedern oder Gedichten konnte man dort mit genügend Geduld und Detektivarbeit finden. Für mich als Übersetzerin war es äußerst befriedigend, wenn ich wieder eins der vielen Texträtsel und Wortspiele geknackt hatte. Besonders wenn es um die Romane von Charlotte MacLeod ging. Zitate waren ihre Leidenschaft, denn sie hatte lange als Bibliothekarin gearbeitet und war äußerst belesen. Ihren Fans ist es todsicher nie aufgefallen, aber ICH wusste, wie schwierig die Suche und wie schön die Auflösung gewesen waren!

Eigentlich hatte ich erwartet, dass mich Virgil Tibbs, den ich mir beim Übersetzen genauso vorstellte wie den attraktiven Sidney Poitier, faszinieren würde, doch zu meiner Überraschung merkte ich, wie ich mich immer mehr in eine Nebenfigur verliebte. Den Streifenpolizisten Sam Wood, der nachts durch die schwülheißen Straßen fährt und über die schlafende Stadt wacht. In all den Jahren als Übersetzerin ist mir so etwas sonst nie passiert. Richtig erklären kann ich es bis heute nicht, aber sobald Sam im Text auftauchte, bekam ich Herzklopfen und hatte das Gefühl, als stünde er leibhaftig vor mir. Dabei fand ich ihn zunächst nicht sonderlich sympathisch, aber da denkt er auch noch in Südstaatenklischees. Sein Leben beginnt sich zu verändern, als er einen erschreckenden Fund macht.

Sam gab Gas und ließ den Wagen vorwärtsschießen. Im Lichtstrahl seiner vier Scheinwerfer wurde der Gegenstand immer größer, bis Sam das Auto mitten auf der Straße anhielt, nur wenige Meter vor dem leblosen Männerkörper, der ausgestreckt auf der Fahrbahn lag.

Elizabeth Vollalta, South Carolina Beach (unsplash)

Es ist der Dirigent Enrico Mantoli, der für die anstehenden Musikfestspiele der Stadt verantwortlich ist, doch das weiß Sam zu dem Zeitpunkt noch nicht. Und ich wusste damals noch nicht, dass Musik für den Schriftsteller John Ball so eine große Rolle spielte. Er hatte in seinem Leben viele Berufe ausgeübt, unter anderem war er auch Musikkritiker und PR-Manager. In seinen Büchern wimmelt es nur so vor musikalischen Anspielungen.

Sam streckte die Hand aus und legte sie vorsichtig auf den Hinterkopf des Mannes, als könne die Berührung den anderen trösten.

Ob meine Gefühle mit diesem kleinen Satz angefangen haben? Der Mann auf der Straße ist natürlich tot. Ermordet. Bill Gillespie, der Polizeichef von Wells, wird im Film von Rod Steiger gespielt, der für die Rolle einen Oscar erhielt. Im Buch besitzt er (zunächst) ein unerschütterliches Selbstbewusstsein und ist so groß, dass er verächtlich auf die meisten Menschen herabschauen kann. (Ich stellte ihn mir vor wie einen Bekannten meiner Mutter, der ebenfalls riesig war und den ich nicht ausstehen konnte.) Für Sam, den er zum Bahnhof schickt, um dort nach Tatverdächtigen zu suchen, hat er wenig übrig, und  für den Schwarzen, der in dem Bereich des Bahnhofs aufgegriffen wird, der nur für „Farbige“ bestimmt ist, spürt er (zunächst) nur Verachtung. Ich erinnere mich an intensive Gespräche mit dem Lektor. Wie soll man die vielen rassistischen Begriffe übersetzen? Neger? Nigger? Auch Sam nennt den Fremden „nigger boy“ und hält ihn aufgrund seiner Hautfarbe automatisch für den Mörder. Sympathisch ist mir dieser Polizist in dem Kapitel eigentlich immer noch nicht, auch wenn ich nachvollziehen kann, dass er seinen Chef nicht mag. Ich mochte seinen Chef auch nicht. Gillespies schwarzes Gegenüber bleibt bewundernswert cool und ungerührt.

Nach seinem Namen gefragt, antwortet der Fremde mit ruhiger und gelassener Stimme „Ich heiße Tibbs. Virgil Tibbs.“

Fast wie „Mein Name ist Bond. James Bond.“ Als Übersetzerin sorgte ich dafür, dass die Beamten ihn duzten, im Englischen gibt es diese Feinheit natürlich nicht. Dann kommt die Überraschung, zumindest beim ersten Lesen oder Filmsehen. Nachdem er seine Brieftasche inspiziert hat, fragt Gillespie grimmig:

„Und womit verdienst du in Pasadena, Kalifornien, so viel Geld?“ Der Gefangene zögerte nur den Bruchteil einer Sekunde mit seiner Antwort. „Ich bin Polizeibeamter“, sagte er.

 Im Film haben der besonnene Virgil Tibbs und sein genialer Darsteller Sidney Poitier die Herzen des Publikums da natürlich schon längst gewonnen. Auch der Buch-Virgil schafft das mühelos. Aber wann ist mir bloß diese komische Sache mit Sam Wood passiert? Dazu muss ich wohl noch weiterlesen.

Sam konnte Schwarze aus Prinzip nicht leiden, zumindest nicht, wenn er persönlich mit ihnen zu tun hatte. Es verwirrte ihn daher sekundenlang, als er plötzlich feststellte, dass er für den schlanken Mann neben sich ein Gefühl der Bewunderung verspürte. Sam war ein Sportler und genoss es daher, wenn jemand, gleichgültig wer es auch war, dem neuen Polizeichef von Wells erfolgreich die Stirn bot.

Sam ist auch sonst ziemlich beeindruckt von Tibbs, vor allem als er mitbekommt, wie gründlich und sorgfältig – ganz im Gegensatz zu seinem schlampigen Vorgesetzten – er die Leiche untersucht. Im Polizeirevier gibt es noch getrennte Toiletten für „Weiße“ und „Farbige“. Sam ist emphatisch, gibt zu bedenken, dass dort nicht einmal Handtücher sind. Und er denkt auch daran, Virgil ein Frühstück anzubieten. Und kurz darauf beginnt der kalifornische Cop, seine bewundernswerte messerscharfe Beobachtungsfähigkeit unter Beweis zu stellen, bis zu dem Satz, der in die Film- und Romangeschichte eingehen sollte. Darauf angesprochen, dass Virgil ein ziemlich ausgefallener Name für einen „black boy“ ist, und wie man ihn denn zu Hause, da wo er herkommt, nennt, antwortet der Fremde: „Dort nennt man mich Mr. Tibbs.“ Ein verbaler Schlag ins Gesicht.

Sam ist derweil bei den Endicotts, Freunden des Toten, um sie über die Ermordung von Maestro Mantoli zu informieren. Er tut dies äußerst behutsam und feinfühlig. Ist es vielleicht dort passiert? Duena, die schöne Tochter des Toten, schläft noch. Sam verliebt sich später in sie, und sie sich in ihn. Genau wie ich. Ich war sogar ein winziges Bisschen eifersüchtig auf sie. John Ball mochte Sam sicher auch, sonst hätte er ihn nicht so einfühlsam beschrieben. Sam Wood hat sich bereits auf Seite 42 ziemlich verändert und findet inzwischen zu seiner eigenen Überraschung den kalifornischen Kollegen richtig sympathisch. Gillespie dagegen ist so wütend auf Virgil, der ihn seiner Meinung nach durch seine Ermittlungen bloßgestellt hat, dass er ihn erneut zu demütigen versucht.

„Wer zum Teufel hat dir gesagt, du solltest dein großes schwarzes Maul aufreißen?“

Er wirft ihn sogar hochkant hinaus, doch sein Triumph ist nicht von Dauer. Mr. Endicott bittet nämlich ausdrücklich darum, dass Mr. Tibbs in dem Fall weiter ermittelt, und Gillespie muss sich fügen.

Beim nochmaligen Lesen fällt mir auf, dass an keiner Stelle im Buch die Sichtweise von Tibbs gewählt wird. Tibbs wird nur distanziert und meist verzerrt oder kritisch durch die Augen der anderen betrachtet, deren Gedanken fast immer durch Vorurteile und Rassismus geprägt sind. Ihre Sichtweise entlarvt sie. Virgil Tibbs, dessen scharfsinnige und analytische Arbeit an Sherlock Holmes erinnert, kommt derweil der Lösung immer näher. Doch vorher nimmt Sams Schicksal noch einige dramatische Wendungen, an denen er fast zerbricht. Sein unfähiger Chef lässt ihn einsperren, weil er urplötzlich Sam für den Mörder hält, Duena besucht ihn unerwartet im Gefängnis und küsst ihn sogar, einen Moment lang schöpft er Hoffnung, doch dann verdächtigt man ihn fälschlich der Vergewaltigung einer Minderjährigen, und zum Schluss ist er tatsächlich ein anderer geworden. Ich wünsche ihm von Herzen, dass er mit Duena zusammen bleiben kann.

Wenn ich das Buch heute lese, spüre ich meine alten Gefühle nicht mehr, aber ich bin jetzt auch deutlich älter als damals und sitze nicht mehr einsam und allein Tag und Nacht übersetzend am Schreibtisch und sehne mich nach einer starken Schulter. Die Filmfigur war übrigens total enttäuschend. Kein Wunder. Mein literarischer Sam Wood sah immerhin haargenau aus wie Paul Newman.

Sidney Poitier, berühmt für seine Filme „Flucht in Ketten“, „Lilien auf dem Felde“ und „In der Hitze der Nacht“, starb am 6. Januar 2022 mit 94 Jahren in Los Angeles. Auch er lebte in Kalifornien, genau wie Virgil Tibbs. Ich hatte ganz vergessen, dass er nach mehreren Ehen seit 1976 mit der kanadischen Schauspielerin Joanna Shimkus verheiratet war, die ich im Film „Die Abenteurer“ so eindrucksvoll fand. Die beiden haben eine gemeinsame Tochter, Anika Poitier.

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