Ostern in Kattendonk

Die Tage unmittelbar vor Ostern waren fast noch schöner als das Fest selbst. Wir kochten Eier in einem riesigen Blechtopf hart, meine Mutter färbte sie mit Heitmann-Farbtabletten in großen Tassen bunt und gab mir eine ganze Schüssel mit weißen Eiern zum Bemalen. Leider waren die wabbeligen Glibberstäbchen dazu wenig geeignet, denn sie schmolzen sofort auf dem heißen Ei und verschmierten meine schönen Muster. Sie rochen unangenehm, glitschten weg und verfärbten vor allem meine Finger. Die Ostereier, die wir an die blühenden Zweige hängten, gefielen mir weit besser. Auch dazu gab es ein Ritual: Mein Vater setzte sich mit mir in die Küche und blies einige rohe Eier aus, die ich mit Deckfarben vorsichtig genau so verzieren konnte, wie es mir gefiel. Bei den ersten TRANK er den Glibber sogar, was ich überhaupt nicht verstehen konnte. Das schmeckte doch ekelhaft! Ich schüttelte mich, und er lachte. Auch das gehörte zum Ritual. Durch die fertig bemalten Eier zog meine Mutter mit einer langen Stopfnadel einen Faden oder ein Bändchen, das unten mit einer Perle oder einem Knopf gesichert war.

Am Ostersonntag war das Wohnzimmer liebevoll geschmückt, wir standen früh auf und frühstückten ausgiebig, obwohl man eigentlich „vor der Kirche“ nüchtern bleiben musste. Doch meine Mutter wußte genau, dass sowohl mein Vater als auch ich äußerst unleidlich wurden, wenn wir Hunger bekamen, und außerdem war ich noch so klein, dass ich ohnehin nicht an der Kommunion teilnehmen durfte. Sie hat auch später dafür gesorgt, dass ich nie nüchtern zur Kirche ging. Wahrscheinlich wäre mir das auch gar nicht gut bekommen. „Das ist bei dir keine Sünde“, beruhigte mich meine Mutter. „So dünne Kinder wie du MÜSSEN unbedingt morgens was im Magen haben. Und so hungrige Väter auch, sonst knurrt der Magen nachher ganz laut, und alle in der Kirche können es hören!“ Ich habe meinen überaus angenehmen Sättigungsgrad nie jemandem verraten. Nicht mal meiner besten Freundin, deren armer Magen in der Messe regelmäßig laute Unmutsbekundungen von sich gab.

Ostertisch in „Kattendonk“

Nach dem Frühstück gingen mein Vater und ich allein zur Kirche, meist ins Hochamt, weil das besonders feierlich und noch dazu lateinisch war, und fuhren danach zu seiner Schwester nach Lobberich, während meine Mutter das aufwändige Festessen vorbereitete. Auf dem Esszimmertisch meiner Tante stand während der gesamten Osterzeit ein kleiner brauner Holzkarren, der bis obenhin mit Zuckereiern gefüllt war und von einem Hasen gezogen wurde. Wie gerne hätte ich genau so einen Osterkarren gehabt! Jedes Jahr stellte ich mich mit klopfendem Herzen vor den Tisch und streichelte den schönen Hasen vorsichtig mit dem Zeigefinger, in der Hoffnung, die Erwachsenen würden irgendwann merken, wie wunderschön ich ihn fand. Leider merkten sie es nie, weil sie weit weg in ihren großen Sesseln saßen und viel zu sehr mit ihrer Unterhaltung beschäftigt waren. Außerdem sagte ich ja nichts. Sprechen hätte sicher geholfen, doch ich konnte als Kind meine Wünsche nur indirekt äußern. Für mich waren meine Signale zwar überdeutlich, für die Erwachsenen jedoch viel zu subtil. Meine Hoffnung, man könnte mir meine sehnlichsten Wünsche ansehen oder sie gar spüren, hat sich leider nie erfüllt. Direkt um etwas zu bitten, war mir unglaublich peinlich. Ich hatte auch als Erwachsene lange noch eine regelrechte Wunschhemmung.

Wenn das Wetter es zuließ, suchte ich in unserem Garten nach den versteckten Körbchen und Nestern mit Süßigkeiten. Das war nie sehr schwer, denn mein Vater liebte bekanntlich seine Pflanzen, so dass man nie ins Beet zu steigen brauchte und die bunten Farben schon von weitem leuchten sah. Mit von der Partie war immer mein großer Hase Hupp mit den langen weichen  Schlappohren, den meine Mutter für mich genäht hatte. Er war eindeutig das schönste Ostergeschenk, das ich je in meinem Leben bekommen habe, und anfangs fast genauso groß wie ich. Ohne meinen geliebten Hupp ging ich als kleines Kind weder aus dem Haus noch zu Bett. Im Laufe der Jahre ist er tragischerweise verloren gegangen, nur seine blaue Bluse habe ich noch, aber eine Freundin hat ihn mir nach meinen Erinnerungszeichnungen in klein (und sogar noch viel schöner, denn jetzt sind seine Augen echte Glasaugen und keine umhäkelten Knöpfe!) „nachgebaut“.

Kaninchen und Hasen waren schon früh meine Seelentiere, schließlich hatten wir selbst echte Kaninchen, die bei schönem Wetter oft nach draußen in den Garten geholt wurden und so zahm waren, dass sie bei mir auf dem Schoß schliefen und ihre Babys mehr oder weniger in meine Hände bekamen. Der vertraute Heugeruch und der Anblick von Kaninchen rührt mich übrigens bis heute zu Tränen. Wenn es irgendwo Kaninchenbraten gab, war ich krank. Glücklicherweise hatte sogar meine Mutter dafür Verständnis. Meine kleine Sammlung von Steiffhasen habe ich natürlich bis heute noch und halte sie weiterhin in Ehren. Und mein Angstbuch heißt auch nicht von ungefähr „HASENHERZ und Sorgenketten“.

Ostermontag besuchten wir nachmittags alle zusammen meine Großmutter in Herongen.  Oma hatte einen riesigen Garten und viele Tiere, unter anderem den gutmütigen uralten Dackelmix Bobby, die Schäferhündin Leda, etliche Goldfische, die einträchtig in einem gemauerten Becken umher schwammen, und ein Dutzend Hühner, die ich gemeinsam mit ihr füttern durfte. Wenn ich bei ihr „in Ferien“ war, durfte ich sogar morgens früh die frischen Eier im Hühnerhaus einsammeln. Zu Ostern bekam ich von Oma jedes Jahr eine Ansichtskarte,  „richtig mit der Post“. Schade, dass ich ihre zierliche Sütterlinschrift nicht lesen konnte. Oma Amalies Haus lag unmittelbar neben einer Schule, so dass man die Kinder auf dem Schulhof aus sicherer Entfernung beobachten konnte. Doch an Ostern waren sie natürlich nirgendwo zu sehen. An Sonn- und Feiertagen saßen wir auch in ihrem geräumigen Wohnzimmer und nicht in der Küche.

„Oma Amalies Küche führte auf eine schmale Terrasse, von der eine Treppe hinunter in den Garten ging. Ich saß morgens gern bei meiner Oma am Küchentisch und aß mit einem langen silbernen Löffel gezuckerten weißen Joghurt aus einem Glasfläschchen. Morgens zum Frühstück bekam ich eine Scheibe selbstgebackenes Kastenweißbrot mit Knusperkruste und ein braunes Ei, das ich aus einem ganz bestimmten Eierbecher aß, der nur mir gehörte und von dem heute leider nur noch die vordere Hälfte übrig ist. Es ist ein schielender gelber Hase, der eine rote Blüte zwischen den Vorderläufen hält. Das orangefarbene Körbchen auf seinem Rücken, in dem damals mein Ei steckte, ist irgendwann zerbrochen. Zu Ostern stand auf Omas Tisch ein handbemalter Teller mit eiförmigen Mulden für die bunten Ostereier. Oma war sogar stolze Besitzerin eines Keramikhuhns, in dessen Bauch man die gefärbten Eier legen konnte. Als Kind war ich fest davon überzeugt, dass alle braunen Eier von den Hühnern meiner Oma stammten, und weigerte mich hartnäckig, weiße Eier auch nur anzurühren. Die Vorliebe für braune Eier und Naturjoghurt habe ich bis heute.“   (aus: „Oma Amalie neben der Schule“)

Dieser Beitrag wurde unter Hochsensibel, Kattendonk, Kindheit, Niederrhein abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.