Hochsensible „Supersinne“: Luchsohren

Neulich beim Ohrenarzt

Vor einigen Wochen war ich beim HNO-Arzt (rechtes Ohr „verstopft“) und fasste den mutigen Entschluss, bei der Gelegenheit gleich auch meine Hörfähigkeit testen zu lassen, weil ich subjektiv schon länger das Gefühl habe, nicht mehr so gut zu hören wie früher. Außerdem habe ich große Angst, schwerhörig zu werden wie meine Eltern. Sie waren beide im Alter so gut wie taub, und das war für alle äußerst stressig. Das dringend nötige Hörgerät haben sie sich natürlich viel zu spät zugelegt und auch nur äußerst selten und höchst ungern getragen. So weit will ich es auf keinen Fall kommen lassen. Beim Test, der von der freundlichen Arztgattin an einer Art Mischpult durchgeführt wurde, hatte ich zu meinem Horror auch noch das unerwartete Riesenproblem, dass ich mein Herz (oder war es vor allem mein Blut?) so laut wummern und peitschen hörte (oder war das Rauschen am schlimmsten?), dass die unglaublich leisen und weit entfernten Töne aus den Kopfhörern für mich kaum hörbar waren, denn sie mussten ja erst noch durch meine Körpergeräusche dringen. Ich war daher auf das Schlimmste gefasst und entsprechend nervös.

Der Arzt setzte sich und warf einen ungläubigen Blick in die Testergebnisse. Dann sah er mich an. Ich holte schon mal tief Luft. „Sie machen sich also Sorgen, dass Sie nicht gut hören?“ Ich nickte. Er schaute erneut auf den Zettel und hob die Brauen. „Wirklich erstaunlich. So was sehe ich hier wirklich nur äußerst selten.“ War ich bereits ertaubt und hatte es nur noch nicht richtig gemerkt? Der Arzt grinste. „Sie sind ein Phänomen. Sie hören nämlich ALLES. Tiefe Töne, hohe Töne, einfach alles. Auf beiden Seiten. Sie brauchen sich also wirklich keine Sorgen zu machen.“ Den Zusatz „und das in Ihrem Alter!“ schenkte er sich, denn er ist ein höflicher Mann. Ich habe ihn mit meinem feinen Gehör dennoch gehört. Kann schon sein, dachte ich, aber früher habe ich trotzdem besser gehört. VIEL besser!

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Kleine Töpfe, große Ohren

„Das Kind hat Ohren wie ein Luchs“, pflegte mein Vater zu sagen.  Doch noch häufiger hörte ich andere Sätze. „Kleine Töpfe haben große Ohren“, „Das Kind kriegt aber auch alles mit“ (es gibt da wirkliche einige peinliche Anekdoten – zumindest für die Erwachsenen) und „Das Mädchen hört echt die Flühe husten.“ Stimmt. Fast jedenfalls. Ich höre bis heute (und das in meinem Alter!) draußen im Garten die Mäuse. Vor allem die Spitzmäuse, denn sie sind unglaublich laut und wispern die ganze Zeit miteinander. Und den Igel höre ich auch, denn er kratzt sich regelmäßig irgendwo im Gebüsch. Ich bin allerdings die einzige hier, die ihn hört. Eine Mücke im nächtlichen Schlafzimmer treibt mich in den Wahnsinn (das Gesurre dringt meistens sogar durch die Ohrstöpsel) und wenn jemand in meinem Beisein Kartoffelchips isst, ein Bonbon zerknirscht oder in einen Apfel beißt, gehe ich innerlich sofort steil an die Decke. Nur gut, dass ich mich so gut beherrschen kann. Ein Vorteil des Alters, hat ja alles auch sein Gutes. Sogar Atmen und Schlucken und Kauen höre ich wie durch einen Verstärker und muss an mich halten, um nicht gepeinigt aufzuschreien. Trotzdem mag ich meine feinen Ohren.

Wobei: Nicht alles hören zu müssen hat für ein hochsensibles Gehör wahrscheinlich durchaus Vorteile, denn dadurch ist man besser vor all den akustischen Überflutungen geschützt, die einen immer so nerven. Sie passieren vor allem in der Bahn, wenn man die vielen fremden Stimmen einfach nicht abstellen kann und sich ungewollt Endlosmonologe über Beziehungsstress oder Kindererziehung, langweilige Kundengespräche, aggressive Streitereien oder pausenloses Teenagergeschnatter anhören muss. Dabei ist nicht mal wichtig, ob man die Sprache versteht oder nicht, es nervt einfach nur!

Hilfsmittel

Inzwischen weiß ich glücklicherweise damit umzugehen und übe mich im „Wegzoomen“. Selbsthypnose und Meditation sind hier äußerst hilfreich. Sich von allem sanft zu lösen und sich geduldig wieder und wieder auf den eigenen Atem zu konzentrieren, klappt bei mir ganz gut. Meistens jedenfalls. Auch bei hochsensibler Ohrenpein ist das „nicht Bewerten“ oder „positiv Bewerten“ wichtig. In meiner Lieblingspizzeria ist es schließlich auch laut, und doch stört es mich dort kaum. Für die Fahrt in Bussen, Straßenbahnen oder Zügen gibt es zudem gute Hilfsmittel. Kopfhörer lassen einen in angenehme Musik oder Hörbücher abtauchen. Wenn man dazu noch eine richtig schön dunkle Sonnenbrille trägt, hat man gleich zwei Schutzfilter. Bei besonders quälenden Pegeln stecke ich mir notfalls sogar Ohrstöpsel in die Ohren. Neuerdings habe ich ganz hervorragende, die sogar über eine Art „Kabel“ miteinander verbunden sind und todsicher nicht rausfallen, wenn ich sie dringend nötig habe. Ich trage sie im Moment auch in unserem Garten, denn nebenan ist eine lärmende Baustelle. Blöd ist nur, dass ich manchmal sehr laut höre, wie sie auf meinen Schultern scheuern oder knistern. Aber das ist nur ein Nebeneffekt. Ansonsten sind sie toll.

Im Café

„Hochsensible Ohren sind zu echten Hochleistungen fähig. Wenn ich in einem gemütlichen Café sitze und zu lesen versuche, höre ich neben all den üblichen für mich durchaus angenehmen Cafégeräuschen ungewollt auch die Stimmen an den Nachbartischen, als würde ich damit aus einem Lautsprecher beschallt. Mein Mann genießt derweil Kaffee und Kuchen, liest ein wenig in seinem Krimi, plaudert mit mir und schaut in seine Mails. Er kann Störendes ausblenden. Ich kann es nicht und muss mitanhören, wie sich das Ehepaar am Nebentisch über den frustrierenden Besuch bei seinen Schwiegereltern unterhält und mit dem zappelnden Sohn schimpft, der Florian heißt und in der Schule nicht mitkommt, wie das Liebespaar hinter mir sich streitet, weil Pascal eine Geliebte namens Lisa hat, wie die beiden Kellnerinnen über die Erkrankung einer Kollegin tuscheln, die sich momentan in der Reha an der Ostsee befindet, und wie der junge Mann vorn rechts seiner Freundin zu erklären versucht, wie man Ente mit Orangensauce zubereitet. Ich will das nicht hören, aber mir bleibt nichts anderes übrig! Auf meine eigenen Gedanken konzentrieren kann ich mich so auch nicht mehr. Mein Mann ist nach einer Stunde frisch und erholt, ich bin gerädert, weil mir der Kopf schwirrt vor fremden Geschichten.

»Diese Caro tut mir echt leid.«
»Welche Caro? Ist das jemand aus deinem Malkurs?«
»Nein, das Mädchen am Tisch hinter uns. Deren Freund sie mit dieser Lisa betrügt. Und der hibbelige Florian ist wirklich eine totale Nervensäge, findest du nicht?« Er hat keine Ahnung, wovon ich rede.
Für eine Schriftstellerin und Übersetzerin ist das Feingehör natürlich ein Geschenk, denn man bekommt dadurch ein gutes Gespür für Dialekte und Sprachebenen.“ (aus: Von wegen Mimose“)

Da tropft was!

Manchmal nehmen empfindliche Ohren auch Dinge wahr, die einfach nur »komisch« sind. So habe ich sämtliche Rohrbrüche in unserem alten Haus bereits erlauscht, als vom Wasser noch nichts zu sehen war. Eines Morgens fing es an.

»Da tropft was«, konstatierte ich besorgt.
Mein Mann blickte von der Zeitung auf, lauschte und gab freundlich Entwarnung: »Du hörst offenbar das Gras wachsen.« Auch diesen Satz kannte ich. Dasselbe hatten meine Eltern auch gesagt. Nichts als Spott und Hohn! Doch ich blieb hart.
»Da tropft wirklich was, auch wenn du es nicht hörst.« Zugegeben, es war sehr weit entfernt und äußerst dezent.
Es tropfte auch am Mittag und am Abend noch. Vielleicht ein winziges bisschen schneller. Ich untersuchte den Kühlschrank. Nichts. Die Wände. Nichts. Schaute hoch zur Decke. Nichts. Wahrscheinlich war es wirklich nur Einbildung. Ich hörte es auch am nächsten Tag noch, nur etwas schneller und näher. Erst am dritten Tag glaubte mir mein Mann. Da troff das Wasser nämlich aus der Glühbirnenfassung in unserem bis an die Decke vollge- packten Küchenspind, und die Hauptsicherung sprang heraus. Wir räumten den Spind leer und riefen den Notdienst.

Als ich es einige Wochen später wieder aus der Ferne tropfen hörte, sah mein Mann mich unsicher an. »Meinst du wirklich? Ich höre nichts. Aber das will ja nichts heißen.«

Wir hatten inzwischen eine Revisionsklappe in der Decke. Wir räumten aus und schauten nach. Ja, es tropfte wieder. Diesmal kamen wir dem Riesenrohrbruch zuvor.

Ausgerechnet an Heiligabend passierte es erneut. »Jan, da tropft was.«
Mein Mann stöhnte nur: »Sag das bitte, bitte nicht!«
Dann stellten wir das Wasser ab, räumten den Spind leer, schauten in die Revisionsklappe und riefen den Notdienst. Im vergan- genen Winter haben wir die Wasserrohre generalsanieren lassen. Seitdem hat nichts mehr getropft.

Königliches Highlight

Ab und zu erleben meine hochsensiblen Ohren wahre akustische Sternstunden. Im Pergamonmuseum in Berlin gab es eine Zeit lang einen Audioguide mit einer Männerstimme, die mich schon beim ersten Ton erbeben ließ. Beim ersten Mal traf sie mich völlig unvorbereitet. Ich hatte mir wie üblich die englische Guideversion ausgesucht, die Kopfhörer aufgesetzt und das Gerät eingeschaltet.

»I am Nebuchadnezzar, King of Babylon«, sagte die samtweiche Stimme eines Engländers, und schon überlief nicht nur meinen Körper, sondern auch mein Gehirn eine Gänsehaut, wie sie selbst einer hochsensiblen Person nur selten vergönnt ist. Man sah es mir offenbar an.

»Ist dir nicht gut?«, fragte mein Mann besorgt.

»Doch, alles in Ordnung, aber hör dir das mal an!«

Mit größter Selbstbeherrschung trennte ich meine Ohren von der sinnlichen Stimme. Mein Mann lauschte und sah mich fragend an. Bei ihm hatte der König von Babylon null Wirkung. Unfassbar. Zu weiteren Ausführungen war ich nicht in der Lage. Ich wollte die Stimme so schnell wie möglich zurück und wankte zusammen mit Nebuchadnezzar hinter ihm her durch die Ausstellung.

Jedes Mal, wenn wir danach ins Pergamonmuseum gingen, war ich vorher aufgeregt. Würde die Wahnsinnsstimme wieder so berauschend sein? Sie war. Und auch der doppelte Gänsehauteffekt blieb.Wie mochte der Besitzer dieser unglaublichen Stimme wohl aussehen? Vielleicht wie eine Mischung aus Richard Burton und James Mason, die auch beide wunderbare Stimmen hatten?

Bei unserem letzten Besuch hatte man meinen Nebuchadnezzar tragischerweise durch einen anderen Sprecher ersetzt. Seitdem war ich nicht mehr im Pergamonmuseum. Die Erinnerung schmerzt einfach zu sehr.

(Die Idee, einen Beitrag über die positive Seite der hochsensiblen Supersinne zu schreiben, stammt von Monika Richrath, die Spezialistin für EFT für hochsensible Menschen ist, und ich freue mich sehr, dass sie mich eingeladen hat, an ihrer Blogparade teilzunehmen.)

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4 Kommentare zu Hochsensible „Supersinne“: Luchsohren

  1. Toller Beitrag, liebe Beate!

    Das mit den Stimmen kenne ich auch. Ich bin total verliebt in die Stimme von Anna Thalbach und wann immer ich irgendwo ein Hörbuch finde, auf dem Anna Thalbach spricht, nehme ich es mit!

    Erfreute Grüße von Monika

    • Bee sagt:

      Danke für dein Feedback, liebe Monika.

      Kann ich gut verstehen. Ich mag die Stimmen von beiden Thalbachs. Stimmen sind ohnehin ein Riesenthema, finde ich.

      Herzliche Grüße
      Beate

  2. Ulla Genzel sagt:

    Klasse, dein Bericht !!! Bei mir ist es die Nase. Ich rieche wirklich alles, was auch nicht so schön ist, gerade im Sommer. Viele Menschen und Wärme, sie riechen fürchterlich. Meine Oma hatte das auch und hoffte Zeit ihres Lebens, das es nach lassen würde. Aber nein….. Ich trage immer ein wenig Parfüm, meist am Handgelenk. Das halte ich mir vor die Nase, wenn mir ein übler Geruch unter der selben kommt …. anders ist es teilweise wirklich nicht zu ertragen. Dafür gibt einem die Natur die schönsten und angenehmsten Gerüche, manchmal kann ich mich garnicht satt riechen. Und doch, wenn ich Schnupfen habe, macht es mich wahnsinnig, nicht richtig riechen zu können, also so wie ich rieche..

    • Bee sagt:

      Danke, liebe Ulla,

      ich kann dich so gut verstehen! Mir macht meine Nase auch die meisten Probleme. Ganz wie bei dir, besonders im Sommer. Ich glaube, damit nerve ich meine Umwelt auch ganz besonders. Ich kann es nicht immer für mich behalten, wenn ich grade mal wieder irgendwas Scheußliches rieche…… Den Parfümtrick nutze ich auch. Im Winter habe ich meinen Lieblingsduft vorn im Schal, den ziehe ich mir dann hoch über die geplagte Nase.

      Liebe Grüße
      Beate

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