Ladevorgang abgebrochen – Gerät zu heiß!

Sommerfrau (Mohamed Nohassi/unsplash)

Nur gut, dass ich alles, was ich an positiven Gefühlen für den Sommer aufbringen kann, schon vorige Woche aufgeschrieben habe, denn diese Woche wäre ich dazu definitiv nicht mehr in der Lage. Heute morgen in der Früh war es in unserem Badezimmer so heiß, dass ich das Gefühl hatte, das Tropenhaus im Zoo zu betreten. Oder die Wüste. Mein hochsensibler Temperaturregler ist ja leider im Wärmebereich besonders empfindlich eingestellt. Im Sommer habe ich oft das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen, nicht mehr durchatmen zu können, was bei mir früher häufig zu Angstanfällen führte, denn schneller Puls, Schwitzen, Kopfdruck, Übelkeit und Schwindelgefühl sind oft auch Symptome bei Angst, und irgendwie hat mein Körper das häufig durcheinander gebracht. Zum Schluss bringt mich meine Alarmanlage zum Ausrasten, und ich brülle verzweifelt los wie eine Löwin. Wie ich gerade feststelle, bin ich ab 39° nicht mehr zurechnungsfähig. Ich rede Unsinn, bin desorientiert, habe lästige Wortfindungsstörungen und das ungute Gefühl, völlig kraftlos zu sein. Als wäre mein Akku leer. Mein Mann tut mir leid. Im Sommer teilt er sein Leben mit einer hochexplosiven Frau, bei der man nie weiß, wann sie in die Luft geht. Möglicherweise platze ich eines Tages. Oder verdunste. Oder löse mich sonstwie in meine Bestandteile auf. Ich entschuldige mich morgens schon für alles, was da kommen mag. Und abends natürlich nochmal. Für alles, was da gekommen ist. Und das kann eine Menge sein. Ich kann es nicht ändern, auch wenn ich es noch so sehr versuche. (Ja, ich weiß schon: „Stell dich nicht so an!“ Aber so einfach ist das nicht.)

Sommer (geralt/pixabay)

Gestern und vorgestern hatten wir das Pech, bei Bullenhitze im Auto unterwegs zu sein. Auf der Hinfahrt nach Marburg gab das Tomtom plötzlich den Geist auf. „Ladevorgang abgebrochen, Gerät zu heiß“. Das Gerät hatte mein vollstes Mitgefühl. Es fühlte sich glühend heiß an, und ich nahm es von der Halterung und schaltete es aus. Dann hielt ich es erst in die Kühlung und legte es dann auf meine Tasche. Als ich es nach einiger Zeit wieder anstellte, war es hitzegeschädigt. Es zeigte keine Baustellen und Staus mehr an und hatte keinen Schimmer, dass die blöde Brücke in Marburg, über die wir sonst immer in die Stadt kommen, gesperrt war. Verbockt wie es war, wollte es immer wieder auf die Brücke, egal, was wir machten. Jannik (die Tomtom-Stimme) wurde zunehmend leiser, vielleicht wollte er damit Energie sparen, während die merkwürdigsten Straßenangaben im Display lustig hin und her sprangen. Die Daueranzeige „Straße ohne Namen“ ist eine Meldung, die einen bei Hitze nicht wirklich erfreut. Wir kurvten gefühlte Stunden durch Marburg (überall gesperrte Straßen und Baustellen) und wussten nicht, wo wir waren. Das Tomtom offenbar auch nicht. Jannik erst recht nicht. Bis wir schließlich vor dem Freibad standen. Ich glaube, es heißt Sommerbad. Ich rastete aus, doch im Gegensatz zu Jannik wurde ich immer lauter. Nach einer Ewigkeit kamen wir dann trotzdem an.

Hitzewand (Tools-for-motivation/unsplash)

Im Hotel schleppte ich mich gleich unter die Dusche, umziehen musste ich mich sowieso, denn Frau und Kleidung waren, wie meine Mutter immer so schön sagte, „patschnass geschwitzt“. Nur gut, dass ich so viel Ersatzkleidung mithatte. Eine Stunde später hätte ich schon wieder duschen können. Gegen Mitternacht habe ich es dann endlich getan. Obwohl unser Raum einigermaßen klimatisiert war. Mir war es trotzdem zu heiß, und irgendwie schafften wir es nicht, die Temperatur niedriger einzustellen. Egal. Die Klimaanlage war so laut, dass sie mich störte, also Ohrstöpsel rein. Ohrstöpsel bei Wärmestau sind nicht so toll. Der beste Ehemann von allen sagte nicht: „Dir kann man es aber auch nie recht machen“. Dazu ist er zu höflich. Er schwieg gequält. Er hatte Rückenschmerzen und war nicht gut drauf. Trotzdem hat er mir vorgelesen. Sommerlektüre. „Ferien auf Saltkrokan“. Das beruhigt mich. Leider sollte der nächste Tag noch heißer werden. Wir checkten aus, mussten allerdings noch bis drei bleiben.

Batman in Marburg (BFL)

Gegen neun begab ich mich in die Oberstadt. Meine Spiegelreflexkamera hatte ich nicht dabei. Zu schwer. Zu warm. Und überhaupt. Mit der kleinen machte ich Fotos. Ein älterer Herr meinte freundlich „Ich habe gesehen, wie sie grade hochgeschaut und fotografiert haben. Ihre Augen möchte ich haben! Ich gehe hier jeden Tag vorbei, und der fällt mir gar nicht mehr auf!“ Er meinte den Batman, der kopfüber zwischen den Fachwerkhäusern hängt. Das war dann aber auch schon das Highlight des Tages. Der Kinderbuchladen, auf den ich mich so gefreut hatte, war umgezogen, so dass ich wieder zum Marktplatz zurückkehrte, mich auf eine Bank setzte und anfing zu schreiben. Das ging gerade noch. Einen Laden schaffte ich auch. Er war total sticksig, aber es gab da Bastelkram für meine Mäuse. Danach machte ich schlapp, knallte mich vor ein Café und kippte so viel kaltes Mineralwasser in mich hinein, bis mein pflegeleichter Magen leise seinen Unmut bekundete. Ja, ich weiß, dass eiskalte Getränke bei Hitze nicht gut sind, aber ich hatte nun mal das Bedürfnis, und so viel Freiheit muss sein. Zum ersten Mal zeigte ich dem schönen großen Buchladen, den ich in Marburg sonst IMMER aufsuche, die kalte oder vielmehr heiße Schulter. Aber ich konnte ihn von meinem Tisch aus sehen. (Mein Mann war  geschockt, als ich ihm das später mitteilte. „Kein einziges Buch? Geht es dir so schlecht?“) Ich war auch nicht in dem gemütlichen Café Vetter, in das ich sonst IMMER gehe. Nach der Mineralwasser-Episode schleppte ich mich mit letzter Kraft zurück in die relativ kühle Hotelhalle, um dort schräg im Sessel hängend auf meinen Mann zu warten.

(Karine Garmain/unsplash)

Doch zuerst musste ich noch meine Maus-Basteltüte im Auto verstauen. Dabei wurde mir siedend heiß klar, dass ich wirklich kurz vor dem Ausklinken stand. Ich fand den Aufzug zur Tiefgarage nicht mehr (es ist derselbe wie zu den Zimmern!) und rannte mindestens zehnmal hin und her, weil ich plötzlich dachte, er wäre in einem anderen Flur. Zum Schluss musste ich peinlicherweise die Dame an der Rezeption fragen, die mich komisch anguckte. Dabei kenne ich dieses Hotel seit 20 Jahren. Das ist mir da noch nie passiert! Endlich vor der Tiefgarage fand ich die Tür zu den Parkplätzen nicht. Und dann sah ich unser Auto nicht, obwohl es genau vor mir stand. Schwere temporäre Hitzeblindheit.

Ansteigend (geralt/pixabay)

Eigentlich hätte ich am liebsten schon wieder geduscht, aber wir hatten ja das Zimmer nicht mehr. Zu Lesen hatte ich auch nichts dabei, weil ich fest davon ausgegangen war, dass ich in der Buchhandlung zuschlagen würde. Also las ich im Handy meine Mails und die digitale „New York Times“ mit den neuen Artikeln über Trump und Boris Johnson. Zwei Stunden später kam mein Mann, und ich stieg matt und triefend ins Auto.

Das Tomtom warnte bereits in der Tiefgarage „Ladevorgang abgebrochen, Gerät zu heiß“, obwohl es sich total kühl anfühlte. Leider war der Akku so gut wie leer. Na toll! Offenbar hatte Tomtom einen bleibenden Schaden davongetragen. Seine Stimme Jannik auch. Wir beschlossen, Tomtom und Jannik trotz allem so lange anzulassen, bis wir den Weg allein finden konnten. Jannik war mittlerweile voll durch den Wind, obwohl er auf meinem Schoß lag und gar nicht in seiner hitzeanfälligen Halterung steckte. Er redete nur Unsinn! Mitten auf der Autobahn, neben uns donnerte grade ein Laster vorbei, stellte er uns eine Frage, die wir bei dem Krach leider nicht verstanden. Wahrscheinlich nuschelte er mit voller Absicht. Wiederholen wollte er sie jedenfalls nicht. Stattdessen plärrte er stur: „Sagen Sie ja oder nein!“ Wenn man nichts sagte, kam: „Bitte wiederholen Sie! Ja oder nein!“ Mit zunehmend bedrohlichem Unterton. Irgendwann schrie ich entnervt „Ja, du Idiot!“, woraufhin er „Ich habe Ihre Antwort nicht verstanden, bitte wiederholen Sie! Ja oder nein!“ sagte, und ich so laut „Ja! Ja! Ja!“ brüllte, dass meinem Mann fast die Ohren abfielen. „Ja“ ist in Zweifelsfällen besser als „nein“. Dachte ich. Leider ein Fehler. Jannik seufzte erleichtert und verkündete dann freundlich und gut verständlich: „Neues Ziel: nächste Zahnarztpraxis“. Das Display nudelte kurz und präsentierte uns sogleich den Namen eines Zahnarztes in Weißderteufel bei Wetzlar. Die Praxis hieß Pirandello oder Paparello oder so. Irgendwas, das bei mir Zirkusassoziationen hervorrief.  Ich änderte das Ziel manuell, doch danach zeigte Tomtom nur noch Pfeile im Schneckentempo oder gar nichts, und Jannik war verstummt. Möglicherweise vor Zahnschmerzen. Offenbar brauchte er den Zahnarzt wirklich dringend. In meinem Kopf spukten inzwischen Visionen von kühlen nordischen Häusern herum. Grün-Weiß-Rot. Muss wohl an „Ferien auf Saltkrokan“ liegen. Für richtig kalte Schneebilder fehlte mir eindeutig die Energie.

Nordvisionen (Sasu Tikkanen/unsplash)

Zum Glück kannte mein Mann den Weg und schaffte es auch ohne die Hilfe von Tomtom und trotz seiner halluzinierenden Beifahrerin. Mit letzter Kraft stieß ich mein Mantra aus: „Tut mir echt leid, aber das hat nichts mit dir zu tun! Das ist nur die Hitze! Ehrlich!“ Mein Mann war so klug, nichts zu sagen. Draußen herrschte inzwischen Backofentemperatur. 42 Grad. Sagte jedenfalls der Info-Anzeiger, aber es war bestimmt noch viel, viel heißer. Als absolute Krönung machte urplötzlich die Klimaanlage schlapp und blies uns heiße statt kühle Luft um die Ohren, so dass wir sie ausschalten mussten. Das gab mir den Rest. Ich wäre fast kollabiert, und mein Mann warf mir besorgte Arztblicke zu und meinte: „Halte bitte durch!“ Die nordischen Bilder waren inzwischen Visionen von eisgekühlten Zitrusgetränken gewichen. Mit Zitronenscheiben. Und frischen Pfefferminzblättern. Daneben Riesenportionen Carameleis mit Salz. Das haben wir immer in der Truhe, weil ich es so liebe.

Kühle Halluzinationen

Kurz vor meinem Hitzschlag erreichten wir unser Heim. Der Garten sah ziemlich so aus, wie ich mich fühlte. Aber die Natur geht immer vor, wenn man hochsensibel ist. Auch bei 40°. Ich fütterte die Katze, wässerte ausgetrockneten Töpfe und schlaffe Stauden, leerte eine große Flasche kaltes Mineralwasser (ja, ich weiß, ist schlecht bei Hitze), und erst dann schleppte ich mich unter die Dusche, schaltete im Schlafzimmer (immerhin auch noch stolze 30° warm) die Klimaanlage an (in meinem Fall eine fürwahr lebensrettende Anschaffung) und knallte mich mit der Katze aufs Bett. Als ich mich wieder bewegen konnte, aß ich zwei Portionen Carameleis mit Salz. Mein Magen verstand mich und machte keinen Mucks. Was Temperaturen betrifft, ist er längst nicht so sensibel wie der Rest von mir. Ich hoffe, er hält durch bis zum Herbst.

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Sommer am Niederrhein – mit Ulla Genzel

Lichtzauber – Ulla Genzel

Normalerweise schreibe ich nicht über diese Jahreszeit. Aber für dieses Jahr habe ich mir fest vorgenommen, dem Sommer endlich eine Chance zu geben, auch wenn er mir zunehmend zu schaffen macht. Ganz egal, wie heiß er ist. Genau wie in den letzten Jahren leidet die Natur auch jetzt wieder unter der anhaltenden Trockenheit, und mein Garten braucht an manchen Tagen sogar drei Wasserrationen, um nicht zu verdursten. Das städtische Grün ist schon längst gelb verdorrt. Gestern kam ich am Stadtrand an einem Feld vorbei, auf dem ein Mähdrescher unterwegs war. Die trockene Staubwolke war so heftig, dass ich die Luft anhalten musste. So schlimm waren die Sommer früher nie! Nur gut, dass ein großer Teil meines Gartens ein Schattenreich ist, dort lässt es sich sogar an heißen Tagen noch aushalten. Hier gedeihen Elfenblumen, Hosta und Hortensien. Und Farn! Wie in den Wäldern!

Junimorgen – Ulla Genzel

An die niederrheinischen Kindheitssommer erinnere ich mich immer noch gern, und aus Ullas Bildern steigen sie gleich wieder auf. Die Felder voller Klatschmohn! Und die Waldränder mit Fingerhut! Den liebten wir, denn er war eine magische Pflanze. Wir wussten, dass er giftig ist, und behandelten ihn mit großem Respekt. Wir konnten stundenlang zusehen, wie die Bienen und Hummeln in seine gesprenkelten Blüten krabbelten. Ich rette hier im Garten bis heute sämtliche Fingerhüte, die aus den Fugen sprießen, und pflanze sie vorsichtig in Töpfe. Leider rette ich auch alle Hasel- und Hainbuchenbabys, die sich in die Beeten verirren, so dass ich langsam ein Platzproblem bekomme, aber egal. Vor zwei Jahren habe ich sogar eine winzige Eiche mit einem Blatt gefunden. Sie ist ordentlich gewachsen in ihrem Töpfchen und hat inzwischen schon vier Blätter!

Am Waldrand – Ulla Genzel

In den Sommerferien hatten wir damals alle Zeit der Welt, und zusammen mit Winnie, der Hauptperson in meinen beiden Büchern mit Kindheitserinnerungen vom Niederrhein, wanderte ich jeden Tag hinaus in die Felder. Zu den schwarzweißen Kühen, den zahmen Pferden, die uns freundlich beschnupperten, zu den Wildblumen an den Rändern der Getreidefelder, zum Hof der Bäuerin mit den Schweinen im Vorgarten, zu den zischenden Gänsen hinter dem Holzzaun oder auf die Nierswiesen, wo die Schafe grasten und wir endlich unbehelligt unsere „Bravos“ und etliche verbotene Bücher lesen konnten. Sogar „Lady Chatterley“! Und „Wer die Nachtigall stört“, was äußerst vielversprechend klang. Leider war der Inhalt kein bisschen so, wie der romantische Titel erwarten ließ, aber das Buch war trotzdem gut, also haben wir es zusammen ausgelesen.

Waldschatten - Ulla Genzel

Traumfänger – Ulla Genzel

Damals war die Natur noch bevölkert von geheimnisvollen Wesen. So gab es die Abendmutter, die alle Kinder fing, die sich im Dunkeln draußen aufhielten. Vor ihr hatte ich als ganz kleines Kind eine Heidenangst. Oder die Roggenmuhme mit den eisernen Brüsten und den langen scharfen Zähnen. Sie entführte alle Kinder, die in ihre Felder eindrangen, und schleppte sie in ihre Höhle. Klang gar nicht gut. Aber irgendwann hatten wir die kluge Idee, ihr Winnies nervigen Bruder anzubieten, den wir aus gutem Grund „den Brüllaffen“ nannten, damit sie ihn gegen einen „Wechselbalg“ austauschen konnte. Was genau das war, wussten wir nicht, aber es klang interessant, und wir stellten uns vor, dass es vielleicht ein hübscher kleiner Fuchs war. Aber die Roggenmuhme ließ sich nicht blicken, obwohl wir den Kinderwagen ganz weit in ihr Feld schoben. Wahrscheinlich hat sie sein übles Geschrei abgeschreckt.

Blütenwiese

Blütenwiese – Ulla Genzel

Mit einem großen Weidenkorb und zwei Küchenmessern bewaffnet gingen wir morgens in die Felder, um für unsere Kaninchen frischen Löwenzahn zu stechen und saftigen Klee zu pflücken. Oder um Kamillenblüten zu sammeln, die wir zu Hause in die Sonne legten und trockneten. Ihr Duft versetzt mich auch heute noch sofort wieder zurück. Sommer war damals reine „Draußenzeit“. Kein Mensch wusste, wo wir waren. Ein tolles Gefühl, wenn wir mit den Rädern in die Süchtelner oder Hinsbecker Höhen fuhren, wo der Boden so weich und federnd war und die Luft nach Nadelbäumen und Harz roch. Oder bis ans „Marienpötsche“ (aus dem angeblich die kleinen Kinder kamen, aber das glaubten wir natürlich nicht!) oder an die kühlen Krickenbecker Seen. Gemeine Apps, mit denen man uns überwachen konnte, oder nervige Handys, auf denen man uns selbst in unseren Verstecken stören konnte, gab es damals zum Glück noch nicht. Nicht mal Helikoptereltern, obwohl unsere Mütter von dem Konzept bestimmt hellauf begeistert gewesen wären. Besonders meine. Aber so waren wir einfach FREI und fühlten uns wie mutige Forscherinnen, die aufmerksam den Wald belauschten und Schafe und Wasservögel beobachteten. Oder die Liebespaare – im Freibad und im Wäldchen hinter der Grefrather Dorenburg. Aber natürlich nur ganz, ganz selten.

Faltertraum

Faltertraum – Ulla Genzel

Der Sommer hat tatsächlich auch schöne Seiten, wie ich feststelle. Die lauen Abende, an denen man noch lange draußen sitzt und den Tag in aller Ruhe ausklingen lässt (nachdem man zum letzten Mal seufzend seinen Oleander und die unzähligen Hortensientöpfe gewässert hat). Die Nächte, in denen man den Vollmond gebührend feiern kann. Wunderschön sind auch die Farben des Sommers, etwa das leuchtende Mohnrot, das kräftige Blau von Fächerblume, Storchschnabel und Agapanthus, das satte Gelb und warme Braun der großen schweren Sonnenblumenköpfe, das Zartrosa der Herbstanemonen, die bereits seit einer Woche hier blühen (erstaunlicherweise sind sie bei mir fast zwei Meter hoch!). Schön ist auch der Duft, den der Garten verströmt. Im Moment blühen meine Lilien (seit genau zwei Tagen auch „Tiger Woods“) und die alten Rosenbüsche. Die frischen Kräuter auf meinem Kräutertisch liebe ich auch,  obwohl ihre Blüten bei weitem nicht mehr so viele Insekten anlocken wie damals in den Gärten meines Vaters. Insekten sind eine echte Kostbarkeit geworden.

Mohnfeuer – Ulla Genzel

Wenn es richtig unerträglich heiß und schwül wird, steige ich schnell in eins von Ullas Nebelbildern. Nebel war für mich das Allerschönste am Niederrhein. Aber bald kommt ja wieder meiner Lieblingsjahreszeit, und dann zaubert Ulla bestimmt wieder neue Nebelbilder!  Allerdings hat sie dieses Jahr so viele strahlende Sommerbilder gemalt, dass ich mir schon überlege, ob ich nicht noch einen Sommerbeitrag mache. Ich habe ja bisher noch nie was Nettes über den Sommer geschrieben…..

Nebelbild

Nebel am Niederrhein – Ulla Genzel

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Kevelaer, Maria 2.0 und der schönste Vorbeter von Kattendonk

Sonntags in Kevelaer (BFL)

Am letzten Wochenende war ich zum dritten Mal mit meinen Winnie-Romanen zu Gast in Kevelaer, wieder anläßlich der traditionellen „Landpartie am Niederrhein“. Und wieder fielen mir die alten Kindheitserinnerungen ein, als ich nach meiner Lesung durch das verschlafen wirkende „heilige“ Städtchen ging. Kevelaer räkelte sich trotz brütender Mittagshitze beneidenswert entspannt unter duftenden Linden. Ganz im Gegensatz zu mir. Ich hasse Hitze. Auf dem ungewohntem Parkplatz wußte ich plötzlich nicht, ob es zur Basilika nach links oder rechts ging, und fragte ein älteres Ehepaar nach dem Weg.  Der Mann warf einen prüfenden Blick auf unser Auto und meinte: „Wat wollt ihr denn in der Basilika? Ihr habt doch den Dom!“ Darauf fiel mir dummerweise nichts Passendes ein. Winnie wäre das nicht passiert. Sie hätte bestimmt gekontert: „Aber ihr habt Maria! Wir ham bloß die Knochen von den Heiligen drei Könijen!“

Maria im Weihrauch (BFL)

Die Kattendonker fuhren früher (vielleicht auch heute noch?) mehrmals im Jahr mit Rädern oder Autos gen Kevelear, doch die große Wallfahrt (zu Fuß) fand im Sommer statt. Nur ein einziges Mal bin ich mitgegangen. Ich erinnere mich noch gut an die dicken Blasen und an meine erschöpften Waden. Die Madonna hat mir offenbar längst verziehen, dass ich damals nicht aus religiösen Gründen pilgerte, sondern nur, weil ich unsterblich in den schönsten Vorbeter von Kattendonk verliebt war, sonst hätte sie meine Lesungswege nicht zum dritten Mal zurück in ihren Ort gelenkt.

Im zweiten Winnie-Buch kommt der Vorbeter höchstpersönlich vor und heißt Gabriel. Das ist zwar ein erfundener Name, aber er paßt perfekt. Bei dem beschwerlichen Pilgermarsch im Jahre 1970 (an dem auch meine Freundin Winnie teilnahm) tat er zu meinem großen Kummer die ganze Zeit so, als wäre ich komplett unsichtbar, und ich war immer wieder den Tränen nah. Die Madonna muss Mitleid mit mir gehabt haben, denn sie hat mir meinen Herzenswunsch kurze Zeit später tatsächlich erfüllt. Doch wie das so ist mit Herzenswünschen. Man sollte sich immer gut überlegen, was man sich wünscht. Nach einigen Jahren war alles vorbei, wir gingen getrennte Wege und haben uns seit vierzig Jahre nicht gesehen. Ob wir uns überhaupt noch erkennen würden? Besser gar nicht daran denken!

Flammenflackern (BFL)

Die Kevelaer Kirchenluft war auch diesmal auf vertraute Weise weihrauchgeschwängert, aber das gehört ja unbedingt dazu. Angeregt durch die erfreuliche Maria 2.0-Aktion der katholischen Frauen im Mai, hatte ich an dem Morgen fast alle meine Marienkapitel gelesen. Erst das lustige mit Tante Pias stets tonlos heruntergeleierter Lieblingsgeschichte vom Kaufmann Henrik Busmann, dem in Kevelaer „vor langer, langer Zeit“ Maria erschien. Die Gottesmutter sprach dabei lupenreines Kevelaer Platt, was wir äußerst erheiternd fanden. Wir erprobten dann immer unsere boshafte „Großtanten-Tirriterung“: Wir störten sie so lange mit dummen Fragen, bis ihr der Kragen platzte. Und natürlich las ich auch wieder „Maria und der Heilige Geist“. Schließlich war ich in ihrer Stadt!

Deckenbild in Kevelaer (BFL)

Deckenbild in Kevelaer (BFL)

Aus heutiger Sicht würde unsere kindliche feministische Revolte eindeutig in die Kategorie Maria 1.5 fallen, wenn nicht sogar bereits in die Kategorie Maria 2.0, doch außer für Winnie und mich blieb sie leider völlig ohne Resonanz. Den Frauen war es offenbar egal, wie man sie behandelte. Und auch, dass man ihre Große Göttin so schmählich ausklammerte, obwohl sie am Niederrhein doch omnipräsent war. Aber was können zwei ketzerische kleine Mädchen schon ausrichten gegen die geballte männliche Religionsmacht der Welt? Das Weibliche, Mütterliche hat uns damals gefehlt, und zudem waren wir felsenfest davon überzeugt, dass nicht der Heilige Geist, sondern Maria in die Dreifaltigkeit gehöre. Oder dass es zumindest eine Vierfaltigkeit (mit Maria) geben müsse.

Maria über den Kerzen (BFL)

Besser noch: Eine komplett weibliche Dreifaltigkeit. Wie die Niersmatronen. Oder Hekate mit den drei Köpfen. Oder die Dreiheit von Mother, Maiden und Crone bei den Kelten. Die kannten wir damals aber alle noch nicht. Leider. Denn damit hätten wir den Herrn Pastor todsicher beeindruckt. Unsere Überlegungen waren eindeutig schwere Gotteslästerung, wie uns die Großtanten entsetzt mitteilten. Tante Pia bekreuzigte sich sogar. Inzwischen weiß ich, dass „der“ Heilige Geist, der uns solche Probleme bereitete,  im Hebräischen und Griechischen tatsächlich feminin ist. Jammerschade, dass diese wichtige Nuance bei der Übersetzung verloren ging. Doch das ist den Übersetzern bestimmt nicht aufgefallen. Und wenn, hat es sie nicht gestört. Außerdem ist auch „pneuma“ im Deutschen maskulin, denn es heißt dummerweise „der Atem“. Keine Chance für das weibliche Geschlecht. Nicht mal für das grammatikalische!

Ein Teil der Kerzenwand in Kevelaer (BFL)

Draußen vor der Kapelle mit dem kleinen Gnadenbild versammelten sich unzählige Messdiener, die offenbar an einer Fahrradprozession teilgenommen hatten und direkt vom Zeltlager kamen. Sie stellten sich im Kreis auf, klingelten fröhlich mit ihren Fahrradklingeln und beteten dann wie aus einer Kehle „Gegrüßet seist du, Maria“. Untermalt von diversen Glocken. Erstaunlich wohltönenden übrigens.

Kevelaer Flagge (BFL)

Die Straßen waren wie üblich blaugelbweiß beflaggt (mit dem kiepentragenden Henrik Busmann aus Tante Pias Geschichte), die Menschen in Läden und Restaurants waren wie üblich gastfreundlich und gut gelaunt. Die unzähligen Kerzen vor den schwarzgerußten Wänden wirkten genau so unheimlich und andersweltlich wie früher, und auch die kleine Madonna in der Muschel war noch genau so weit weg und genau so schmerzerfüllt.

Ein Besuch im Andenkengeschäft musste diesmal sein, das war klar. Meinem Mann war die geballte katholische Devotionalienladung zu viel, so dass ich mich kurz darauf allein mit fünf Verkäuferinnen und ob der religiösen Wucht dann doch etwas überfordert in einem der großen Läden wiederfand.

Devotionalienschrank (BFL)

Drei geräumige Abteilungen mit unzähligen Regalen und Schränken, prall gefüllt mit Madonnen, Heiligen, Engeln, Krippenfiguren, Gebetsbüchern, Amuletten, Medaillen, Rosenkränzen, Kruzufixen, Ikonen, Kästen voller Heiligen- und Andachtsbildchen und Weihwassertöpfchen. Und natürlich Kerzen in jeder Größe. Transparent verpackt. Und geschmückt mit Bildern vom Papst, von Maria oder Jesus.

Kerzenfülle (BFL)

Ich entschied mich spontan für einen winzigen Holzaltar mit aufklappbaren Flügeln. Die dunkelblauen Fähnchen mit dem Marienbild, die ich als Kind immer so stolz nach Hause trug, fand ich nicht, sonst hätte ich mir glatt eins gekauft. Ob es sie überhaupt noch gibt? Als Kind besaß ich eine stattliche Sammlung. Sie standen als starrer Strauß auf meinem Klappbett in einer Vase und verloren regelmäßig das Gleichgewicht, wenn ich mich zu heftig von einer Seite auf die andere drehte. Sie standen gleich neben der kitschigen Plastikgondel, die mir Papa aus Venedig mitgebracht hatte.

Der kleine Marienaltar (BFL)

Übrigens im selben Jahr wie die Wallfahrt. Vor lauter Liebeskummer fuhr ich nämlich nicht wie sonst mit Papa in den Süden (meine Mutter verreiste grundsätzlich nie), sondern blieb zu Hause und hoffte auf ein Wunder. Das Wunder geschah. In Form eines hochromantischen Treffens unter drei alten krummen Sauerkirschbäumen. Danach nahm das Schicksal seinen Lauf. Papa hat mir das nie verziehen. Und ich war bis heute nicht in Venedig.

Wer Lust hat auf eine federleichte Sommerlektüre: die Geschichte mit dem schönsten Vorbeter von Kattendonk finden Sie in meinem zweiten Niederrheinbuch „Mit Winnie in Niersbeck“. Niersbeck ist mein Deckname für den Ort jenseits der Niers (von Kattendonk aus gesehen), in dem sich meine ehemalige Schule befindet. Damals war sie allerdings noch eine strenge Klosterschule, natürlich ausschließlich für Mädchen.

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Hochsensible Mäusewelt

der extrem schüchterne Nocturne (Foto: BFL)

Es begann damit, dass ich mich bei etsy Hals über Kopf in ein Mäusepärchen der jungen Filzkünstlerin Johana Molina aus Chile verliebte. Es dauerte fast einen Monat, bis die  beiden endlich hier eintrafen. Ich sah sie an – und nannte sie Cheddar und Mozzarella. Aber zwei Mäuse kommen selten allein, und die Mäuse fühlten sich einsam, daher geschah, was geschehen musste. Sie vermehrten sich rasant. Das ist nun vier Jahre her, und in der Zwischenzeit haben die Mäuse mein Leben ziemlich umgekrempelt. Ich hätte selbst nicht für möglich gehalten, dass ich eines Tages selbst Häuser, Läden und Möbel konstruieren und mich an fitzeligste Kleinarbeiten mit Holz, Papier und Fimo wagen würde. Im letzten Sommer haben die Mäuse auch noch einen reich bestückten Bücherladen bekommen, sogar die Erkerfenster und Regale sind selbst gebastelt.  Allein an den Büchern und Kleinstdekorationen saß ich tagelang.

Dante, Marisa und die hochbegabte Mila (Foto: BFL)

Inzwischen bevölkert eine wahre Mäusesschar unser Haus, und ihre Behausungen nehmen immer mehr Raum ein. Zum Glück habe ich einen geduldigen Mann, der sogar Mäusevillen m Schlafzimmer toleriert (solange sie nicht mitten im Bett stehen).

Da meine Schreibmotivation bei heißem Wetter arg leidet, konzentriere ich mich vor allem im Sommer auf meine Mausarbeit. Vielleicht wird ja eines Tages ein Buch daraus? Oder ein Kalender? In der letzten Zeit  sind gleich zwei neue kleine Läden entstanden: die rote Konditorei und der zartgrüne Gemüse- und Blumenladen. Dazu noch ein Halloweenmarktstand mit selbstgemachten Kürbissen und ein griechisch anmutendes Häuschen für die Schriftstellermaus Marco Polo, das aber noch nicht ganz fertig ist.

Hexenmaus Kashta (Foto: BFL)

Manchmal brauche ich ziemlich lange, bis ich verstehe, was die jeweiligen Mäuse sich wünschen oder was sie mir unbedingt mitteilen wollen. Jede Maus hat natürlich ihre eigene Biografie  und ihre eigenen Stärken und Schwächen. Der Liebling der Fangemeinde ist offenbar der schüchterne Nocturne, der nur auftaut, wenn er sich um Babys oder Tiere kümmern kann. Ansonsten traut er sich nicht aus dem Haus und ist sich selbst im Weg.

Mimolette, Lupinchen, Mila, Olga, Lunetta und Marisa (Foto: BFL)

Momentan arbeite ich an einem Zimmer für die große Hexenmaus Kashta, die eindeutig eine unheimliche Seite und eine ausgeprägte Vorliebe für Alraunen und sprechende Fliegenpilze hat. Und für Drachen und kleine Monsterchen. Zauberhaften Nachschub an magischen Kleinstwesen finden wir seit kurzem bei der bemerkenswerten Künstlerin Georgia Marfels.

Marisa, Olga und Chelsea (Foto:BFL)

Dann gibt es noch Chelsea, die Kleine mit der gelben Jacke und der bunten Schleife. Sie ist eine ideale Kuchenmaus mit hochsensiblen Geschmacksknospen und träumt schon seit einem halben Jahr von einem eigenen Café. Das hat sie mir erst im März eröffnet, und jetzt gehört ihr das „Chelsea’s Cherry On Top“, in dem vor allem Kuchen mit Kirschen verkauft und serviert werden. Der Grünladen „Parsly Sage Rosemary & Thyme“ gehört jetzt Toscanello, der Riesenspitzmaus mit der Supernase, und seinem Freund Bloomsdale, der sich gern um Pflanzen kümmert.

Bloomsdale und Minouche (Foto: BFL)

Schon die Namensfindung macht unglaublich Spaß, und ich suche unter all den Hunderten von Käsesorten genau den passenden Namen für die jeweilige Maus, oder unter all den vielen möglichen Wortspielen genau den richtigen Namen für den jeweiligen Laden aus. Dabei hilft mir, dass ich vor Jahren mal ein Buch mit dem Titel „Käsesorten der Welt“ übersetzt habe. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich damals beim Übersetzen so einen Heißhunger auf Käse bekam, dass ich einen Sommer lang zum Dauerkunden im „Käsehaus Wingenfeld“ wurde, das nur fünf Minuten von meiner damaligen Wohnung entfernt lag. Ich war durchaus experimentierfreudig und futterte mich langsam durch alle möglichen (mir bis dahin unbekannten) Sorten. Die profunde Käsekenntnis kommt heute meinen Mäusen zugute.

Hexenmaus Caerphilly auf ihrer Veranda (Foto: BFL)

Bei den Ladentaufen und im täglichen Mausleben sind die vielen treuen Fans meiner fb-Seite „Cheddar & Mozzarella“ äußerst hilfreich. Sie  beflügeln meine Fantasie und die der Kleinen immer wieder aufs Neue. Ohne sie gäbe es die Geschichten gar nicht. Die fb-Seite besteht übrigens grade seit genau drei Jahren.

Also: Herzlichen Glückwunsch, meine kleinen Mäuse! Und vielen Dank, liebe Mausfans!

 

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Wieder online!

Manchmal ist es sehr hilfreich, wenn man einfach eine Hotline anrufen kann und tatsächlich das Glück hat, einen freundlichen, kompetenten Menschen am anderen Ende der Leitung zu haben, so wie ich heute bei Serverprofis. Jedenfalls ist mein Homepage Fehler jetzt behoben, und ich bin nach über einer Woche wieder online. Etliche Tage Stress und viele E-Mails hin und her, dabei war alles ganz einfach, und der „fatal error“ und die „technischen Probleme“ ließen sich rasch beseitigen. Man muss nur den richtigen Moment erwischen und einen netten Helfer haben. Aber heute ist ja auch ein besonderer Tag: Sommersonnenwende! Heute vor 21 Jahren habe ich zum ersten Mal meinen Garten betreten, das möchte ich nachher noch gebührend „feiern“. Und ab morgen gibt es wieder „richtige“ Beiträge. Morgen ist nämlich auch ein ganz besonderer Tag. Aber heute freue ich mich einfach nur! Seid alle herzlich gegrüßt!

mein kleiner Fuchs, gemalt von Ulla Genzel (BFL)

Mein Füchslein (gemalt von Ulla Genzel) (BFL)

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Ein Museum der Gefühle

Fensterecke (BFL)

Wie könnte ein Museum mit Hermann Göttings Schätzen wohl aussehen? Er selbst wünschte sich ein „Museum der Liebe zu den Dingen“, und ich kann mir vorstellen, was er damit meinte. Ich kannte ja seine Wohnung! Präsentiert wird vor allem die Zeit zwischen 1920 und 1960, und mein Fantasie-Museum ist randvoll mit nahen und fernen Erinnerungen, Alltagskultur, Kitsch und Kunst (und erinnert von der Stimmung her ein bisschen an das nordenglische „Beamish“). Es befindet sich vor den Toren Kölns (für das Belgische Viertel ist es zu groß) und besteht aus einem kleinen Platz mit Bänken, Tischen, Laubbäumen und einem Karussell, umgeben von hohen Stadthäusern. Alles liebevoll wieder aufgebaut, mit Giebeln, Treppenhäusern, Erkern und Balkonen, so ähnlich wie die Häuser am Brüsseler Platz und am Stadtgarten.

Lachende Frau (BFL)

Alles ist da, um die vielen Wohnungen bis hinauf in den Speicher zu bestücken (da kann man zum Beispiel die Wäsche aufhängen oder in geheimnisvollen abgeschabten Kartons mit Fotos und Kleidungsstücken herumstöbern), und ich bediene mich aus Hermanns riesigen Fundus an Möbeln, Teppichen, Kronleuchtern, Lampenschirmen, Kleidung, Kinderwagen, Türen, Fenstern, Schildern, Laternen, Reklametafeln, Schaufenstern – und vergesse auch die vielen nützlichen und überflüssigen Kleinigkeiten nicht, die den Menschen lieb und vertraut waren.

Zum Schluss besitzt jedes Haus seinen ureigenen Duft und seinen ganz besonderen Charakter. Die Zimmer sehen aus, als wären die Bewohner nur kurz hinaus gegangen und würden jeden Moment zurückkehren. Noch besser: Die Häuser sind richtig bewohnt! Die Besucher können durch die Räume streifen, mit den Bewohnern plaudern und sich nach Herzenslust umsehen. Menschen in zeitgenössischer Kleidung geben Auskunft oder gehen einfach ruhig ihren alltäglichen Aufgaben nach. Vielleicht stammen sie sogar aus alten Zeiten? In der Fantasie ist zum Glück alles möglich. Gern würde ich Familienmitglieder, die ich schon immer gern kennenlernen wollte, hier wohnen lassen. Zum Beispiel die kleine Ida.

Alle Bewohner haben eigene Biografien, Berufe, Vorlieben, Hobbys und Haustiere. Es gibt Wissensdurstige (mit Regalen voller Bücher), Künstler (mit Atelier oder chaotischem Schreibtisch), abgedrehte Außenseiter  (mit eindrucksvoller Uhren- oder Lampensammlung) und die unterschiedlichsten Paarkombinationen mit und ohne Kinder. Ein junger Mann sieht aus wie Martin W., den ich nur von Fotos kenne. (Er war Arzt, mit der Großmutter meines Mannes verlobt und starb im Ersten Weltkrieg.) Handwerker gibt es hier auch.

Zum Schuster gehe ich besonders gern, weil ich den Geruch nach Leder und Leim liebe. Mein Urgroßvater Xaver D. war Schuster (Hermanns Großvater übrigens auch). Vielleicht hat Hermann die kleine Werkstatt aus der Apostelstraße ja noch retten können? Als Studentin mit chronischem Geldmangel hat mir der freundliche Schuster dort immer Sonderpreise gemacht und keinen Ton über meine abgetragenen Schuhe verloren. Er reparierte und besohlte sie, und danach sahen sie (fast) aus wie neu.

Da ich schon immer eine Caféschreiberin war, gibt es gleich mehrere plüschige Cafés, in denen man sitzen und seinen Kaffee mit Sahnehaube trinken und dazu altmodischen Kuchen essen kann, der gleich Erinnerungen weckt. Buttercremetorte, Bienenstich, Kalter Hund, Grillagetorte, Holländer Kirsch. Hier sitze ich mit Notizbuch und Füllfederhalter und erfinde Geschichten. Nebenan gibt es einen schummrigen Nachtclub, doch der öffnet erst viel später, und der Conferencier sieht (kein Zufall) aus wie Hermann.

Brotbacken (Pexels/pixabay)

Wie üblich schaue ich kurz in die nach frischem Brot duftende Bäckerei mit eigener Backstube und kaufe mir ein knuspriges, noch ofenwarmes Steinofenbrot. Gleich nebenan befindet sich ein Eiscafé mit hausgemachtem Eis. Hier gibt es vor allem Klassiker, die ziemlich so schmecken wie im Eiscafé „Van der Put“ am Südfriedhof, einem sehr beliebten alten Kölner Familienbetrieb mit Sinn für Tradition.

Und dann ist da noch der Laden mit buntem Allerlei. Vor Ostern und Weihnachten ist es hier besonders schön. So alte Schätze findet man tatsächlich auch heute noch, etwa bei MAROLIN, wo nach wie vor mit Papiermachémasse und alten Formen gearbeitet wird. Hier bekommt man noch Osterhasen, Christbaumschmuck und Weihnachtsmänner aus den 20er Jahren, Krippenfiguren, Tiere, Märchenfiguren aus den 50ern, alten Glasschmuck für den Christbaum und auch die Märchenwüfel (aus Holz, beklebt mit bunten Bildern), mit denen ich als Kind gespielt habe.

Lädchen in Beamish (BFL)

Schokoladenmädchen (BFL)

Am liebsten würde ich ewig weiter durch mein Fantasiemuseum wandern, doch für heute soll es genügen. Außerdem muss ich langsam Abschied von Hermann Götting und seiner Welt nehmen. Also setze ich mich in mein Lieblingscafé (das mit dem Schokoladenmädchen), bestelle mir eine Kanne Tee (oder doch eine Riesentasse heiße Schokolade?) und einen Teller mit ganz besonderem Gebäck.  Und träume und schreibe ….

 

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Hermann Götting – Erinnerungen an einen Lebenskünstler (4)

Ausstellungen

Hermann Götting am Zirkus (Foto: Helga Pisters)

Als das Landesmuseum Koblenz im Jahr 2000 die Ausstellung „Das gestaltete Jahrhundert“ mit Exponaten aus der Sammlung Hermann Götting präsentierte, stand im Vorwort zum Begleitband: „Das Herzstück seiner Sammlung ist Hermann Götting selbst: Er lebt inmitten seiner Schätze, pflegt sie liebevoll und bietet seinen Gästen ein einzigartiges Ambiente, wenn er sie zu Festen einlädt, die weit über die Stadtgrenzen von Köln bekannt sind.“ Auch die Ausstellung „Mannequins“ in Gera (1996/97) war ein voller Erfolg. Hans-Peter Jakobson, der Direktor des Museums für Angewandte Kunst schreibt im Begleitband: „Ohne Zweifel darf man den Kölner zu den wichtigsten zeitgenössischen Sammlern in Deutschland zählen.“ Aber was ist hier in seiner Stadt von all seinen Schätzen geblieben? Bestand daran in Köln wirklich kein Interesse? Dabei war es doch vor allem Kölner Alltagskultur, die Hermann Götting gesammelt hat! Die Kölner Bürger hat man damals leider nicht gefragt, sie hätten bestimmt anders entschieden.

Hermann Götting, ausnahmsweise motorisiert (Foto: Helga Pisters)

Immerhin war die Ausstellung, die der Kölnische Kunstverein 1985/86 unter dem Titel „Von Maurice Chevalier bis zum Nierentisch“ mit Göttings Objekten veranstaltete, ein wahrer Publikumsmagnet und erreichte in den sechs Wochen Laufzeit die stolze Anzahl von 35 000 Besuchern. Mitten darin saß das Herzstück der Ausstellung, der Sammler höchstpersönlich. Hermann hat fest damit gerechnet, dass „die Stadt“ (wer immer das auch sein mag) seine Sammlung irgendwann angemessen würdigen würde, doch er hat nicht damit gerechnet, dass ihn der Tod so plötzlich mitten aus dem Leben reißen würde. Er hatte keine Vorkehrungen getroffen, und ohne seine schützende Hand waren seine Schätze hilflos. Es gab kein Testament, und die Erben waren wahrscheinlich überfordert. Zum Glück fand ein Teil der Sammlung in Gera ein neues Zuhause, hoffentlich auch viele seiner „stummen Freunde“ (Schaufensterpuppen). Fünfzig seiner seltenen Trachten wurden 2006 vom Thüringer Landestrachtenverband erworben, doch soweit ich in Erfahrung bringen konnte, werden sie dort nicht ausgestellt. Etliche Gewänder und Kostüme sind angeblich hier „beim Theater“ gelandet, berichten Hermanns Freunde. Einige alte Werbetafeln und die Kataloge zu den Ausstellungen werden ab und an noch bei Ebay angeboten. Aber wo sind all die schönen kompletten Laden- und Caféeinrichtungen geblieben?

Engel auf Melaten (Foto: BFL)

Beerdigung auf Melaten

Das „Programm“ zur Beerdigung

In diesem Jahr wäre Hermann Götting achtzig geworden, und vielleicht hätte auch ich wieder eine großformatige Einladung (Absender: von Hermes dem Götterboten) zu seinem Fünfzigsten bekommen. Doch leider ist er schon fünfzehn Jahre tot. Ich erinnere mich noch gut an die Beerdigung auf Melaten. Wenn ich die Notizen lese, die ich gleich nach der Trauerfeier geschrieben habe,  sehe ich sie wieder vor mir, die vielen Kölner, die Nachbarn aus dem Belgischen Viertel, mit denen ich (lange) vor der Trauerkapelle auf die eindrucksvolle Pferdekutsche und den (langen) Trauerzug wartete, der ihr vom Bestattungshaus in der Südstadt bis vor die Friedhofstore folgte. Es ist ein weiter Weg von der Friesenstraße bis zur Piusstraße, und es waren viele extravagante, weniger extravagante und kein bisschen extravagante Weggefährten, Freunde, Bekannte und Bewunderer von Hermann dabei. Einige hatten ihre Hunde mitgebracht, was den großen Tierfreund, der sich zum Geburtstag nie Geschenke wünschte, sondern Geldspenden für seine Tiere (und heimlich auf dem Brüsseler Platz sogar eine bestimmte Ratte fütterte, die sofort kam, wenn er sie rief), bestimmt gefreut hätte. Touristen habe ich nur wenige gesehen, obwohl die Beerdigung wahrlich sehenswert war. Auf dem Weg spielte eine Dixieland-Band, und während der Feier gab es unter anderem einen Auszug aus Wagners „Götterdammerung“, das „Largo“ von Händel und zum Abschluss „Thank you for the music“ von Abba. Keine Ahnung, wer die Musik zusammengestellt hat.

das „Programm“ zur Beerdigung

Die Wartenden vor der Trauerhalle wirkten fassungslos und ratlos. Jemand wie Hermann Götting konnte unmöglich einfach verschwinden! Das konnte nur ein Irrtum sein, war hoffentlich bloß einer seiner spektakulären Auftritte? Gleich würde er lachend hinter den Säulen hervortreten, auf seinem Roller über die Wege von Melaten fahren. So ein starker, wuchtiger Mensch, so ein Fels in der Brandung, war doch nicht von heute auf morgen weg! „Er hat unsere Stadt so schön bunt gemacht. Was wird denn jetzt bloß aus all seinen Sachen?“ „Köln braucht Menschen wie den Götting, so jemanden finden wir nie wieder. Der war ein Paradiesvogel, un so wat jit es doch hück ja net mih!“ (Ich hoffe, mein Kölsch stimmt.) Der besorgte alte Herr, der dies sagte, wohnte auch im Belgischen Viertel und hatte Tränen in den Augen. „Der verdient ein Museum! Und wenn die Stadt nix macht,  dann müssen wir an den Schramma schreiben! Sonst tut sich da nix!“ (Kurt Schramma war damals unser Oberbürgermeister.) Einvernehmliches Nicken. „Dafür hat der Hermann immer gekämpft. Jetzt sind wir dran! Wir müssen für ihn weiterkämpfen!“ Wollten wir ja! Aber wie? Das wussten wir auch nicht. Eine Unterschriftensammlung? Tatsächlich an den Oberbürgermeister schreiben? Persönlich vorsprechen? Oder lieber gleich die Museumsdirektoren aufsuchen? Einen Protestmarsch organisieren? Wir waren damals leider gar nicht gut vernetzt, kein bisschen organisiert und ziemlich überfordert, daher ist dann leider auch nichts passiert. Wenn man es weiß, kann man Hermann hier noch an der U-Bahn-Haltestelle Appellhof Platz sehen, als Kölner Kopf auf der Wand, aber ich bezweifle, dass ihn noch viele kennen – oder erkennen. Er wirkt auf dem Porträt fremd. Jedenfalls für mich. Vielleicht liegt es an den Farben. Oder daran, dass er nicht lächelt. Oder daran, dass er einen nicht ansieht.

Hermann Götting in der U-Bahn (Foto: BFL)

„Ich dachte immer, den Hermann könnte nichts umhauen“, sagte eine andere Anwohnerin. „Woran ist er bloß gestorben? Hat den etwa  jemand umgebracht?“ Erschrockene Blicke, dann Kopfschütteln. „In der Zeitung stand was von verschleppter Lungenentzündung.“ „Wat soll dat denn bedeuten? Verschleppt! Dat is doch keine Diagnose!“ Einvernehmliches Nicken. „Das Belgische Viertel wird anders sein ohne ihn.“ Stimmt. Das war es. Leerer. Leiser. Farbloser. Er fehlte uns damals sehr, und einigen fehlt er noch heute.

Kurz zuvor war Hermann zum fünfzehnten Mal fünfzig geworden. Jetzt lag er in dem bemalten Sarg, auf dem er selbst mit seinem weißen Tempelhund und der roten Katze Wunderkätzchen abgebildet war, was mich dann doch ziemlich aus der Fassung brachte, als ich meine Blumen ins offene Grab warf. Damit hatte ich nicht gerechnet. „Mach et joot, Hermännsche!“ riefen ihm zwei Freundinnen nach. Weinende Männer lagen sich vor dem Grab in den Armen. Es gab viel Prominenz aus der Szene. Die Trauerfeier hätte Hermann gefallen, auch die Ansprache von Bert van der Post (der merkwürdigerweise im „Programm“ nur als Hermann und Bernd, aber nie als Bert aufgeführt wird), und auch die überwältigende Anteilnahme (geschätzte 800 Trauergäste!), die Musik und das muntere Hundegebell. Wohl auch der Grabstein, eine Säule, umschlungen von einem steinernen Schal.

Neben mir in der Trauerkapelle stand eine betagte kleine Dame mit Schmetterlingsbrille und Blumenhut („Extra für Hermann angezogen, den mochte er immer so gern!“), die in jeder Manteltasche Unmengen von Leckerchen hatte und die unruhigen Vierbeiner in ihrer Nähe damit beruhigte, wenn sie auf die musikalische Untermalung allzu heftig reagierten („Hab ich immer dabei, für alle Fälle. Ich kenn doch so viele Hundemenschen!“). Amour, der zwei Tage lang neben seinem toten Herrchen gewacht hatte, überlebte ihn offenbar nicht lange, wie ich vor kurzem erfuhr. „Vor Trauer gestorben“, sagte meine Bekannte.

 

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Hermann Götting – Erinnerungen an einen Lebenskünstler (3)

Hermann Götting und das Elektromobil SINCLAIR

Hermann Götting als stolzer SINCLAIR Fahrer  (Foto: Franta)

Georg Franta, der Inhaber des von mir sehr geschätzten „FRANTA“ in der Maastrichter Straße, erinnert sich:

„Wir hatten das Elektromobil, ich glaube, das war Anfang der 1990er Jahre, in unserem Geschäft ausgestellt. Hermann, den ich aus früherer Zeit sehr gut persönlich kannte, interessierte sich sofort für dieses „Unikum“, wie er es nannte. Hermann wollte unbedingt auffallen und fiel ja auch immer auf, und das schien ihm wieder genau das richtige Objekt dafür zu sein.

Hermann Götting (Foto: Georg Franta)

Seine Freundin MA (Braungart, Urgestein der Kölner Frauenbewegung) fuhr zu dieser Zeit mit einem verkappten Roller durch Köln, und das war schon ein Hingucker. Die Beiden überboten sich, wenn möglich, immer wieder in ihren „Auftritten“, sei es bekleidungstechnisch oder mit anderen außergewöhnlichen Dingen. Da kam Hermann das SINCLAIR natürlich gerade recht, denn so konnte er seine Freundin MA toppen, elektrotechnisch war sie ja noch nicht unterwegs.

Ich wies Hermann in die Bedienung des sehr innovativen Elektromobils ein. Ich wies Ihn natürlich auch darauf hin, dass die Fortbewegung mittels Druckknopf nur eine Tretunterstützung zu den vorhandenen Pedalen sei, erklärte ihm, dass dies bei Dauernutzung viel Batterie-Energie koste und dass die Batterie dann natürlich irgendwann schlapp machen würde.

Hermann Götting (Foto: Georg Franta)

Aber Herman war eher der bequeme Typ und fuhr natürlich per Knopfdruck los (sieht ja auch viel cooler aus!) – und zwar gleich über die Deutzer Brücke auf die andere Rheinseite, was zu viel Bewunderung bei den übrigen Verkehrsteilnehmern führte. Hermann hatte also seine Aufmerksamkeit…

Irgendwann am Abend kam er mitsamt SINCLAIR zurück in die Maastrichter Straße zu unserem Geschäft – fix und fertig und nass geschwitzt. Die Deutzer Brücke von der linken Rheinseite aus war (per Knopfdruck) kein Problem gewesen. Aber die Rückfahrt! Hier musste Hermann leider mangels Batterie-Energie kräftig trampeln, und das hat ihn dann doch sehr aufgewühlt.

Danach waren wir zum Glück immer noch befreundet…“

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Hermann Götting – Erinnerungen an einen Lebenskünstler (2)

Hermann Götting mit Fächer (Foto: Helga Pisters)

Im Gegensatz zu Hermann Götting kleide ich mich äußerst unauffällig und mag überhaupt nicht, wenn man mich anstarrt, doch seine Sammelleidenschaft habe ich immer gut verstanden. Auch ich bin der Meinung, dass viele Dinge, die achtlos entsorgt und weggeworfen werden, Teil unserer Geschichte, unserer Kultur, unserer Stadt und unseres Lebens sind und allein deshalb absolut sammelwürdig. Auch ich rette gern Dinge vor der Zerstörung, allerdings in völlig anderen Dimensionen. Ich sammle kleine Dinge, eher Adventskalender als Film- und Werbeplakate, eher Puppenstubenmöbel als Couchgarnituren, Nierentische und Riesenvitrinen. Hermann Göttings Sammlung, die mühelos drei Außenlager und seine Jugendstilwohnung füllte, bestand zu 70% aus Objekten der Alltagskultur und „Kitsch“, der Rest waren von Künstlern geschaffene Objekte.

Zum Teil waren die „Objekte“ riesig, so besaß er mehr als 160 aufwändige Neonwerbeanlagen (u.a. die unter Lebensgefahr und trotz extremer Höhenangst vom Kölner Messeturm abmontierte Leuchtreklame von 4711), zig komplette Werkstätten von Handwerksbetrieben, ganze Ladeneinrichtungen, Verkaufstheken und gigantische Konzerttruhen.  Die Bandbreite war groß, seine Sammlung umfaßte die Alltagskultur des kompletten 20. Jahrhunderts, Doch seine besondere Liebe galt dem Jugendstil und den 50er Jahren. 

Eingeladen bei Hermann Götting (Foto: Helga Pisters)

Auch ich habe ein Schwäche für die Vergangenheit, und die Zeit meiner Kindheit habe in meinen Winnie-Romanen auf meine Weise zu retten und zu bewahren versucht. Mit ihren Läden, Häusern, Möbeln, ihrer Sprache, ihren Kinofilmen und Fernsehsendungen, den längst verklungenen Stimmen meiner Verwandten, den besonderen Düften und Gerüchen, den vertrauten Geräuschen und Klängen, dem typischen (niederrheinischen) Essen, den überquellenden Tante-Emma-Läden, den Glanzbildchen, Poesiealben, Köllnflocken, Lurchiheften, Bilderbüchern, dem Fürst-Pückler-Eis im Eiswürfelformer aus Aluminium, der Erdbeerbowle und dem Transistorradio.

Hermann Göttings Küche (Foto: Helga Pisters)

Genau wie Hermann versuche ich, alles im Blick zu haben. Teppiche, Tapeten, Möbel, Geschirr, Besteck, die Blumen auf der Fensterbank, Kleidung und Kopfbedeckungen. Sogar die Erinnerung daran, wie es war, im Sommer mit den nackten Beinen am Plastikbezug des Küchenstuhls festzukleben oder an Omas Geburtstag Eierlikör aus flachen Gläsern zu lecken. Auch das Gummizwicken in den weißen Kniestrümpfen (mach dich bloß nicht schmutzig, Kind!), die atemberaubenden Weihrauchschwaden im Hochamt, das gefährlich zischende Geräusch des großen schweren Bügeleisens auf feuchtem Stoff (mein Opa war Schneidermeister). Das hätte Hermann sicher gefallen. Wahrscheinlich hätte er Opas Werkstatt sofort gerettet. Aber so ist nur noch die riesige Schere da, und zwar hier bei mir. Als Kind hatte ich Angst, dass man mir damit irgendwann den Daumen abschneiden würde, genau wie im Struwwelpeter. 

Einmal im Jahr steckte pünktlich im August ein großer Umschlag mit schöner Schrift in meinem Postkasten. Die Einladung zu Hermanns Fünfzigsten, immer mit einem langen fantasievollen Text voller ungewöhnlicher Wörter und einem ansprechenden Foto, meistens von Helga Pisters. Es waren rauschende, bunte Feste mit Tanz, Gesang und Cabaret, natürlich in illustrer Gesellschaft. Faszinierend, doch nicht unbedingt das richtige Wohlfühlambiente für jemanden, der es hasst aufzufallen und sich gar nicht gern verkleidet……

Hermann Götting im Sommer (Foto: Helga Pisters)

Eines Abends, es muss Ende der 90er Jahre gewesen sein und zwar mitten im Winter, war Hermann Götting wieder einmal mit seinem vollgeladenen Handwagen unterwegs nach Hause. Ich kam vom Ring und sah von weitem, wie der Wagen umkippte und die ganze Pracht im Schnee landete. Hermann Götting konnte sehr laut und ausdrucksstark fluchen, wie ich bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal feststellte. Natürlich habe ich ihm geholfen, seine Schätze wieder einzusammeln, und zum Dank schenkte er mir einen Johnny Walker-Mann und etliche Oster- und Weihnachtskarten aus den 50er Jahren. 

Geradezu magisch fand ich Hermanns unzählige Schaufensterpuppen, und auch da entdeckte ich vertraute Gesichter. In meiner Kindheit wollte ich unbedingt immer zu einem ganz bestimmten Geschäft, weil mich die Schaufensterpuppen so faszinierten, besonders die lebensgroßen Käthe Kruse Figuren mit den „richtigen Haaren“. Es waren hübsch angezogene Jungen und Mädchen, die mit ernsten Gesichtern in die Ferne blickten und Stoffhände hatten. Auch die „erwachsenen“ Schaufensterpuppen waren schön und hatten ausdrucksvolle Gesichter, an die ich angesichts der häßlichen kahlen weißen Einheitsköpfe, die heute überall zu sehen sind, oft wehmütig denke. Im Laden selbst standen besondere Hutständer auf der Theke, elegante Damenbüsten, malerisch mit Schals und Hüten dekoriert. Bei Hermann sah ich sie alle wieder, zum Teil trugen sie seltene Trachten und fantasievolle Kostüme, und ich hätte sie stundenlang bewundern können. Vor allem Maurice Chevalier. Ich besitze nur eine einzige Büste, die nicht mal antik ist, aber dafür trägt sie sämtliche Hüte meiner Mutter, und zwar alle gleichzeitig. Genau deswegen habe ich sie ja auch gekauft. Ich habe es nicht übers Herz gebracht, die vielen Hüte zu entsorgen. Hermann hätte das todsicher verstanden. 

 

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Hermann Götting – Erinnerungen an einen Lebenskünstler (1)

Hermann Göttings Küche, Dezember 1997 (Foto: Helga Pisters)

Beim Schreiben meines Romans, der im Moment noch auf Verlagssuche ist und in den Jahren 2002 und 2003 im Belgischen Viertel in Köln spielt, mußte ich oft an Hermann Götting denken, denn er wandert genauso heiter und beschwingt als schillernder Paradiesvogel durch mein Buch wie früher durch die Straßen unseres geliebten Veedels. Als ich noch in der Maastrichter wohnte, habe ich ihn draußen oft getroffen, wenn er wieder mal mit seinen Hunden unterwegs war oder sich mit seinem Bollerwagen im Schlepptau und einer Flasche Wein unter dem Arm auf die Jagd nach neuen Schätzen machte. „Nichts darf verloren gehen“ war seine Devise. Hermann Götting war ein passionierter Sachensammler und Spurensicherer, doch seine umfangreiche Sammlung, die auf jeden Fall ein eigenes Museum (und zwar hier in Köln!) verdient hätte, wurde nach seinem plötzlichen Tod 2004 schnell auseinandergerissen. Nur ein kleiner Teil seiner Objekte (etwa tausend von mehr als hunderttausend) konnte zusammen bleiben und befindet sich heute im Museum für Angewandte Kunst in Gera. Doch die meisten seiner Möbel, Büsten, Schilder, Vasen, Lampen, Türen, Fenster, Reklametafeln, Ladeneinrichtungen und Kostüme sind in alle Winde zerstreut. Dabei hätte ein Hermann-Götting-Museum so gut zu seiner Wahlheimat Köln gepaßt, denn er betrieb ja vor allem die Spurensicherung dieser Stadt!

Hermann Göttings Büstenparade, Dezember 1997 (Foto: Helga Pisters)

Hermanns zahlreiche Schätze füllten zu seinen Lebzeiten mühelos mehrere Lager, die ihm die Stadt zur Verfügung stellte, und natürlich auch die Zimmer seiner Wohnung in der Richard-Wagner-Straße. Jeder Raum war in einem anderen Stil dekoriert und eingerichtet, und man konnte sich kaum satt sehen an all den kunstvoll in Szene gesetzten Gegenständen, die er so liebevoll zusammengetragen hatte. Es hat mir große Freude gemacht, meinen Buchmädchen Marigard und Michan dieses Paradies zu zeigen und zu beobachten, wie sie staunend und ehrfürchtig durch Hermanns Zimmer gehen und anschließend andächtig mit ihm in der Küche sitzen, von Marigards Buchprojekt erzählen und süßen Kakao trinken. Hermann wußte übrigens tatsächlich von meinem Roman und gab mir und den Buchmädchen damals bereitwillig Auskunft, allerdings unter der Bedingung, dass er dann bitte schön auch ein ganzes Kapitel nur für sich bekommen wolle. Das hat er. Nichts leichter als das. Meine Erinnerungen sind übrigens auch deshalb noch so frisch und klar, weil Hermanns Paradiesvogelwelt von einer ganz besonderen Kölner Fotografin stimmungsvoll eingefangen und vor dem Vergessen bewahrt wurde. Ich freue mich sehr, dass ich einige ihrer Bilder zeigen darf, und hoffe, dass auch meine Erinnerungen und Marigards Schilderungen den Lebenskünstler wieder ein wenig präsenter machen können. Vielleicht sogar über die Grenzen von Köln hinaus. Hermann Götting hat es verdient. Nichts darf verloren gehen!

Hermann Götting mit Schirm und Entenkette (Foto: Helga Pisters)

Schon der Flur mit den vielen Lampen war eindrucksvoll, doch betrat man erst die Küche oder den Salon, kam man aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Noch nie habe ich so viele Starfotos, Schaufensterpuppen und Büsten auf einem Fleck gesehen. Leider wagte ich nie, bei meinen Besuchen den Fotoapparat zu zücken, es hätte irgendwie nicht gepaßt und vielleicht auch die ganz besondere Stimmung zerstört, obwohl er mich gelegentlich sogar als Lichtbildnerin bezeichnete. Das schrieb er auch auf die Umschläge, wenn er mich mit einer seiner tollen Karten zum Geburtstag einlud. Ab 1989 feierte er nur noch seinen Fünfzigsten (+). Keine schlechte Idee. Er feierte ihn leider nur fünfzehn Mal. Ich wurde für ihn zur Lichtbildnerin, weil ich im Viertel so viel fotografierte und ihn ab und zu mit Aufnahmen von Jugendstilfenstern und alten Straßenschildern überraschte, die er zu seinem Bedauern nicht hatte retten können. „Dann hab ich sie jetzt wenigstens als Bild“, meinte er. Ich selbst habe kein einziges Bild von ihm gemacht, doch zum Glück kenne ich die Fotografin Helga Pisters, die mit Hermann gut befreundet war und ihn, seine Hunde und die Wohnung ausgiebig fotografiert hat. Hermann war nicht nur ein leidenschaftlicher Sammler, er war auch ein begnadeter Selbstdarsteller, der sich jeden Tag anders gewandete, die meisten Kleidungsstücke und Kostüme selbst schneiderte und stets neu und „anders“ kombinierte. Nähen hatte er schon als Schüler gelernt, als einziger Junge unter lauter Mädchen.

Hermann Götting mit Bückeburger Haube (Foto: Helga Pisters)

Sein größter Traum, ein berühmter Schauspieler zu werden, hat sich zu seinem Bedauern nicht erfüllt, dafür aber sein zweitgrößter: Straßenbahnschaffner! Auch in dieser Rolle war er überraschend und gänzlich unkonventionell. Er pflegte in seinen Bahnen die Fahrgäste persönlich zu begrüßen und sämtliche Haltestellen singend anzukündigen, und seine Gäste lächelten, wenn sie ausstiegen. Hermann sah nicht nur eindrucksvoll aus (groß und gewichtig), er hatte auch eine kräftige, wohltönende Stimme und liebte es, als Conferencier und Entertainer vor großem Publikum aufzutreten und alte Schlager zu singen. Im Internet gibt es noch ein Video, in dem man sehen kann, wie er in einer seiner Gewandungen auf seinem kleinen Roller direkt in eine WDR-Talkshow fährt, begleitet von seinem japanischen Tempelhund Amour. Noch imposanter als Amour waren die Riesendoggen Valentino und Ivo Fürst von Metternich (Ivo 1 und Ivo 2). Vorher oder zwischendurch, genau weiß ich es nicht mehr, gab es auch noch den betagten schwarzgrauen Nicki und den eigenwilligen Chow Wotan Wahnwitz. Sämtliche Hunde waren ihrem Herrn äußerst zugetan und folgten ihm freiwillig ohne Leine überall hin. Nur Amor trug ein Geschirr, damit er nicht überfahren wurde, denn der weiße Akita Inu war taub. Neben dem Hunderudel beherbergte Hermann zeitweise auch jede Menge (ausgesetzte) Katzen, zwei Schlangen (eine riesige und eine kleinere), deren Leben er zufällig gerettet hatte, und etliche Kaninchen. Leider fraßen die Schlangen ausschließlich Lebendfutter, daher wurde die Fütterung von einer Freundin übernommen, während Hermann kurz an die frische Luft ging. Alles, was sie verschmähten, wurde sofort begnadigt und durfte fortan in Hermanns Küche wohnen.

Hermann Götting melancholisch (Foto: Helga Pisters)

Sein Kleiderschrank muss randvoll mit Fantasiekostümen gewesen sein, denn Hermann liebte Verkleidungen und war ungemein wandlungsfähig. Mich erinnerte er mit all seinen Strick- und Samtmützen, Kappen und Hüten oft an Rembrandt, und so heißt er auch bei der Familie in meinem Roman. Wenn er in wallenden Gewändern über die Kölner Ringe marschierte, kam es gelegentlich zu Auffahrunfällen, weil die Autofahrer ihren Augen nicht trauten und vor lauter Verblüffung nicht mehr auf den Verkehr achteten. Eins von Hermanns Lieblingsstücken war ein Mantel mit passender Krawatte (keine Ahnung, ob genäht oder geklebt) aus Plus-Plastiktüten. Mir gefiel das orangeblauweiße Teil überhaupt nicht, aber Hermann bestand darauf, dass es sein ganz persönliches kritisches Statement zur Konsumkultur sei. Offenbar war das Plusgewand ein sündhaft teures Designerstück, das sich der notorisch an Geldmangel leidende Hermann buchstäblich vom Mund absparen musste. Wenn ich mich nicht irre, befindet es sich heute im Kölnischen Stadtmuseum.

Hermann Götting mit Dogge  (Foto: Helga Pisters)

Wenn Hermann Götting vornehm wie ein Maharadscha mit seinen Tieren durchs Belgische Viertel schritt, huldvoll lächelnd und mit einem seiner übergroßen Fächer wedelnd, verrenkten sich die Touristen jedes Mal verdutzt die Hälse und begannen aufgeregt zu tuscheln (was er sehr genoß), während die Ureinwohner nur kurz aufblickten und „Da kütt de Jeck!“ murmelten (was ihn sehr erheiterte). Aus dem Belgischen Viertel war er jedenfalls nicht wegzudenken. Besonders malerisch fand ich seine Auftritte im Herbst und Winter. Ich werde nie vergessen, wie er an der Spitze seiner Hundekarawane in roter Gardeuniform und Stulpenstiefeln an St. Michael vorbei durch den Schnee stapfte oder bei heftigstem Blättertreiben mit einer Hand an seinem unglaublichen Wagenradhut zur Reinigung in der Neuen Maastrichter Straße eilte. Nur an Karneval verließ er sein Haus grundsätzlich nicht. Da räumte er lieber seinen Keller auf. Der Grund lag auf der Hand. An Karneval fiel er nicht auf, weil alle anderen dann auch verkleidet waren.

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