Farbenfrohes in trüben Zeiten – Niederrhein Rocks (2)

Seit meinem ersten Beitrag über die „Niederrhein Rocks“, der noch gar nicht so lange zurückliegt, hat sich in der Gruppe so viel getan, dass ich der Versuchung nicht widerstehen kann, noch ein paar mehr wandernde und ausgewilderte Steine zu zeigen. Die Wahl fällt mir wieder richtig schwer, zumal ich jeden Morgen neue kleine Kunstwerke auf der Seite entdecke.

Inzwischen hat die Gruppe bereits über sechstausend Mitglieder, die überaus aktiv und kreativ sind. Auch diesmal habe ich bei meiner „Präsentation“ kein wirkliches Konzept, sondern wähle einfach nur aus, was für meinen Blick spontan gut zueinander paßt. Schade, dass ich so weit weg wohne, sonst hätte ich bestimmt längst einige Steine adoptiert und hier im Garten ausgelegt. Am Sonntag habe ich mich übrigens tatsächlich selbst mal wieder hingesetzt und Steine bemalt. Seit einigen Jahren habe ich eine Steinspirale vor meinem Haselbusch. Wenn die Farben verschwunden sind, bemale ich die Steine wieder neu. Diesmal zum ersten Mal auch mit Gold. Jetzt leuchten sie in der Sonne.

Die Rocks haben in den letzten Monaten und vor allem während des Lockdowns sicher viele Menschen erfreut, überrascht und getröstet. So fand eine Frau an dem Tag, als ihr Hund eingeschläfert werden musste, auf dem traurigen Nachhauseweg vom Tierarzt gleich zwei Troststeine und konnte ganz kurz wieder ein bisschen lächeln.  Übrigens werden nicht alle Steine ausgewildert, etliche werden auch ganz gezielt verschenkt, für bestimmte Personen gestaltet oder nach Wunsch individuell bemalt.

Ein echter Renner sind die sogenannten „Müttersteine“, bei denen das erste Einzelstück, das in der Hebammenpraxis lag, beim Posten auf der fb-Seite so vielen werdenden Müttern gefiel, dass die Malerin erneut zur Tat schritt und der Stein „in Serie“ ging. Besonders anrührend finde ich übrigens die Sternenkindersteine, die von trauernden Eltern auf das Grab ihres verstorbenen Kindes gelegt werden können. Dazu gibt es einige sehr bewegende Geschichten.

Die meisten Steine werden so „versteckt“, dass man sie mit dem richtigen Blick bald findet, wobei vor allem darauf geachtet wird, dass auch Kinder sie gut sehen können. Und so liegen die Rocks malerisch auf Fensterbänken, Mauerkronen, Briefkästen, auf Bänken, Baumstümpfen, in Astgabelungen und Astlöchern, auf Hydranten, Schildern und Weidenpfählen, zwischen anderen Steinen, in Blumembeeten, vor Haustüren, auf Brunneneinfassungen, unter Bäumen, an Laternen oder unter Brücken.

Besonders Kindern, die ja in diesem Jahr vielerorts auf die Ostereiersuche verzichten mussten, machen die Rocks Riesenspaß. Nicht nur beim Finden und Bemalen gibt es viele kleine Fans, sondern auch beim Verstecken. So erfuhr ich von einer gewissen kleinen Enkelin namens Paula, der das Auswildern so gut gefällt, dass sie sich einen Teil von Omas Steinevorrat einfach geklaut hat und nun jeden Tag selbst aktiv auswildert. Das Prinzip hat sie trotz ihres zarten Alters sofort erfaßt. In der Nachbarschaft ist sie bereits eine richtige kleine Berühmtheit.

Danke an die vielen Malerinnen und Maler (ja, es gibt auch Männer in der Gruppe!), die so viel Freude und Zeit in ihre Werke stecken und mir für heute ihre Steine „geliehen“ haben.

Veröffentlicht unter Kunst, Niederrhein | Verschlagwortet mit , , , , , , | Schreib einen Kommentar

Süchtig nach Schneeglöckchen (Simone Garland)

Little Darlings  (Simone Garland)

In Ontario ist der Frühling in diesem Jahr zwar zeitig, doch es ist immer noch kalt. Heute, am Ostermontag, sind dort  -6°, und nachts fallen die Temperatur leicht bis zu -14°. Kein Wunder, dass die Schneeglöckchen (Galanthus nivalis) dort später blühen als bei uns, obwohl sie inzwischen auch in Kanada anderen Frühlingsboten Platz gemacht haben. Der Gattungsname Galanthus stammt übrigens aus dem Griechischen und bedeutet Milchblume (abgeleitet von gala, Milch und anthos, Blüte). Nivalis  bedeutet schneeweiß und bezieht sich daher gleich doppelt auf die Blütenfarbe. Meine Freundin Simone schreibt, dass die kleinen Glöckchen in Kanada gerade erst abgeblüht sind und jetzt die Scilla (Blausterne) und Hyazinthen blühen.

Ich mag Schneeglöckchen sehr gern. Ich habe eine uralte Hasenvase aus feinem Porzellan, in der ich die ersten aus unserem Garten immer hier ins Wohnzimmer hole. Sie verströmen einen angenehm zarten, an Honig erinnernden Duft, welken aber leider sehr schnell, so dass ich jedesmal ein schlechtes Gewissen habe, weil ich sie nicht draußen gelassen habe. Auch Schneeglöckchen sind giftig. Das in ihnen enthaltene Alkaloid Galanthamin wird sogar als Medikament gegen Demenzerkrankungen eingesetzt und soll vor allem im frühen Stadium die Krankheit verlangsamen und die Gehirnleistung verbessern, auch wenn die Nebenwirkungen oft nicht angenehm sind.

Snowdrops (Simone Garland)

Hier in Deutschland sind die bekannten „Nettetaler Schneeglöckchentage“ inzwischen umgezogen und finden seit 2019 Mitte Februar in Knechtsteden statt. Eine Bekannte von mir wünscht sich jedes Jahr ein besonderes Galanthus-Exemplar zum Geburtstag. Das kann dann durchaus (natürlich pro Stück!) 50 Euro kosten, doch weil es ihr ausdrücklicher Geburtstagswunsch ist, sieht man es ihr nach. Sie ist halt ein bisschen verrückt, wenn es um Schneeglöckchen und Gartenpflanzen geht. Dabei ist sie nur eine überaus vorsichtige Sammlerin, kein Vergleich zu den wirklich Süchtigen! Ich kann sie gut verstehen und bleibe den „Schneeglöckchen Tagen“ daher aus Kostengründen lieber fern.

Besonders in England gibt es zahlreiche „Galanthophile“, die sich ihre Liebe zu den unscheinbaren Blühern einiges kosten lassen. Auf einer „Galanthus-Gala“ bezahlen Sammler für ein Exemplar der Sorte „Flacon de Neige“ ohne mit der Wimper zu zucken 260 Euro, für „E.A. Bowles“ um die 350 Euro, und ein einziges Exemplar von „Elizabeth Harrison“ hat sich ein Hardcore Fan 2012 sogar stolze 1.000 Euro kosten lassen. Wer hätte gedacht, dass die unscheinbaren Winzlinge so wertvoll sind! Man kauft sie allerdings besser im blühenden Zustand, damit man nicht etwa die Katze im Sack oder das Glöckchen in der Zwiebel kauft.

Schneeglöckchen an Osterei (Simone Garland)

Ich muss gestehen, dass ich (noch) wenig Ahnung von den verschiedenen Galanthus-Sorten habe, obwohl ich immerhin drei Varianten im Garten beherberge (aber es gibt an die Tausend!). Ich habe dummerweise vergessen, welche wo steht, und erkenne sie nur daran, dass sie verschieden hoch sind und zu unterschiedlichen Zeiten blühen. Daher nenne ich sie einfach „normales“, „großes“ und „spätes“ Schneeglöckchen, und alle drei dürfen sich natürlich frei verwildern, so dass wir schon früh im Jahr überall kleine und große Tuffs bewundern können.

Spezialisten können die kleinen Blüher natürlich auf einen Blick unterscheiden, etwa an der Färbung (es gibt sogar welche mit Gelbtönen!), den Zeichnungen und Markierungen (es gibt auch welche ganz ohne), der Größe (zwischen 5 und 25 cm), der Anzahl, Anordnung und Form der „Röckchen“ (rund oder spitz, verschieden weit abstehend bis hin zu reiner Tropfenform). Gefüllte Varianten und herbstblühende gibt es auch. Eine der frühesten Sorten trägt den lustigen Namen „Ding Dong“. Das Schneeglöckchen, das viele Namen hat (u.a. Schneedurchstecher, Schneeblümlein, Schneetröpfli, Frostglöckchen, Frühlingsglöckchen, Weiße Jungfrau) ist auf vielen Gemälden und Zeichnungen, in der Literatur und in Liedern und Musikstücken verewigt. In einer Vertonung von Schubert heißt es „das schöne blasse Kind“.

Naturbelassen (Simone Garland)

Möglicherweise spielt das Blümchen sogar in der „Odyssee“ eine kleine, aber wichtige Rolle. So soll Odysseus seine Männer mit einem Schneeglöckchen-Trank vom Zauber der Circe befreit haben. Doch möglicherweise war damit auch eine ganz andere Blume, nämlich die Zierlauchart Allium Moly, gemeint. Der Text ist da etwas widersprüchlich. Homer nennt sie zwar Moly, doch Moly blüht gelb. Im Text steht aber ausdrücklich, dass sie milchweiß blüht, daher weiß man es nicht so genau. Mir gefällt natürlich die Schneeglöckchenversion besser. So ein winziges Pflänzchen liefert das Gegengift zu einem so mächtigen Zauber!

Es gibt auch Legenden, die sich um diese Blume ranken. Als Gott den Schnee erschuf, gab er ihm keine Farbe, was den Schnee betrübte, daher fragte er bei den Blumen an, ob sie ihm von ihrer Farbe abgeben würden. Nur das Schneeglöckchen war bereit, mit ihm zu teilen. Daher kommt es, dass der Schnee nur das Schneeglöckchen in seiner Nähe duldet. Eine andere Legende erzählt, daß Adam und Eva nach der Vertreibung aus dem Paradies während eines harten Winters in einer Schneelandschaft weinten und Gott einen Engel schickte, der die Flocken in winzige Blüten verwandelte. In einer weiteren Version weinte Eva Tränen der Reue, und aus ihren Tränen entstanden Schneeglöckchen.

Ein weiterer alter Name der  Blume lautet Lichtmess-Glöckchen, was auf ein längst vergessenes Ritual zurückgeht. Früher wurden in den katholischen Kirchen zu „Maria Lichtmess“ im Februar Schneeglöckchen als Sinnbild der Reinheit auf den Altar gestreut. Ich mag das Fest. An diesem Tag ging meine Oma mit mir in die Kirche, und wir ließen für die ganze Familie die Kerzen segnen. Darüber habe ich auch schon in diesem Blog geschrieben. Damals pflegten noch viele Familien Kerzen anzuzünden, für Unwetter und Gewitter gab es sogar eine ganz besondere, schwarze Kerze. Heute sind diese Gewitterkerzen nur noch schwer zu bekommen, aber ich habe voriges Jahr in Kevelaer welche gesehen.

Gewächshaus mit Gärtnern und Glöckchen (Simone Garland)

Das kleine Gewächshaus, in dem am Frühlingsanfang auch immer ein Töpfchen mit Schneeglöckchen steht, bekommt in Simones Haus jedes Jahr einen Ehrenplatz am Eingang und wird mit den Blumen bestückt, die gerade blühen. Als erstes kommen natürlich die Snowdrops, wie sie auf Englisch heißen. Zu den Holzfiguren aus dem Erzgebirge hat Simone einen ganz besonderen Bezug, denn die hat ihr Opa selbst auf einer Drehbank gemacht und auch selbst bemalt. Dargestellt sind Oma und Opa als Gärtnerin und Gärtner. Simone bekam sie als Erinnerung von ihm, als sie 1986 aus der DDR nach Kanada auswanderte. Die Großeltern hat sie danach leider nur noch wenige Male wiedergesehen, aber die schöne Erinnerung bleibt. In Opas Garten hatte die kleine Simone ein eigenes Beet, auf dem sie anpflanzen durfte, was sie wollte. Vielleicht wurzelt ja dort ihre große Liebe zu den Blumen und zur Natur?

Schneetröpfchen (Simone Garland)

 

Veröffentlicht unter Jahreszeit, Natur | Verschlagwortet mit , , , , , , | Schreib einen Kommentar

Osterglocken und Narzissen (Anni Hansen)

Narzissenwiese (Anni Hansen)

Fast alle Frühlingsblumen erschienen in diesem Jahr viel früher als sonst, und die meisten sind leider schon längst wieder verblüht. Hier im Garten kann man nur noch einige „Thalia“, spätblühende weiße Engelstränen-Narzissen, bewundern. Die meisten meiner Narzissen wachsen in Töpfen und Schalen, bald werde ich die Zwiebeln wieder aus dem Boden nehmen, an einer kühlen, dunklen Stelle überwintern und im nächsten Herbst wieder einpflanzen. Ich habe inzwischen eine kleine Sammlung – vor allem englische Zwergnarzissen mit wohlklingenden Namen wie „Rip van Winkle“, „Jack Snype“ und „Peeping Tom“.

Narzissen (der Name geht auf das griechische Wort narkein, betäuben, zurück), zu denen auch die gelb blühenden Osterglocken zählen, gehören nicht nur zu den beliebtesten Frühlingsblumen, sondern sicher auch zu den geheimnisvollsten. Lange vor unserer Zeit wurden sie bereits als Blumenschmuck genutzt, so fand man in einem altägyptischen Grab einen Kranz aus weißblühenden „Tazetten“, eine besondere Art von Narzissen mit mehreren büschelförmig wachsenden Blüten. Zudem begegnet man ihnen in alten Buchmalereien,  auf den Wandgemälden in Pompeji und auf mittelalterlichen Bildern, vor allem aber in der Dichtung und Mythologie, etwa dem Mythos von Demeter und Persephone.

Narzissen am Wasser (Anni Hansen)

Wenn sich die ersten Blumen zeigen, kehrt die junge Persephone aus der dunklen Unterwelt zurück zu ihrer Mutter Demeter. Das Mädchen Persephone ist gleich doppelt mit den Narzissen verbunden. So künden diese Blumen nicht nur von ihrer Rückkehr, sie waren auch der Köder, mit dem Hades, der Herrscher der Unterwelt, das junge Mädchen in seine Gewalt brachte. Er hatte sich in sie verliebt, wußte jedoch, dass sie ihm nicht freiwillig in sein dunkles Reich folgen würde. Als sie eines Tages mit ihren Freundinnen Blumen pflückte und sich gerade über eine betörend duftende Narzisse mit vielen Blüten beugte, stieg Hades plötzlich aus der Unterwelt empor, ergriff sie und entführte sie.

Ihre verzweifelte Mutter, die Fruchtbarkeitsgöttin Demeter, wanderte klagend umher und suchte nach ihrer Tochter, konnte sie aber nirgends finden. Da wurde sie so traurig, dass sie den Pflanzen zu wachsen verbot, den Bäumen untersagte, Früchte zu tragen, und den Tieren, sich zu vermehren. Als alles verdorrte und die Menschen anfingen zu sterben, fürchteten die anderen Götter, die Erde würde vergehen, und Zeus befahl Hades, Persephone zumindest zeitweise freizulassen. So darf sie nun einen Teil des Jahres bei ihrer Mutter auf der Erde verbringen, in der restlichen Zeit lebt sie in der Unterwelt als Königin der Toten. Während ihrer Abwesenheit herrschen auf der Erde Winter und tiefe Trauer, doch wenn sie im Frühling zu ihrer Mutter zurückkehrt, beginnt die Natur wieder zu blühen und hüllt sich ihr zu Ehren in ihr schönstes Freudenkleid.

Narzissenpracht  (Anni Hansen)

Narzissen sind leider giftig, unter anderem enthalten sie Alkaloide wie Narcissin und Narcipoetin, und ihr Schleim kann empfindliche Haut so reizen, dass man eine Kontaktallergie entwickelt, die „Narzissendermatitis“. Man kann sie in der Vase auch nur schlecht mit anderen Blumen kombinieren, da die meisten Blumen ihren Schleim nicht vertragen. Ich wundere mich oft, dass ich gegen Narzissen und auch Efeu gar nicht allergisch bin, allerdings vertrage ich keinerlei Berührung mit Raublattgewächsen.

In der chinesischen Kultur gelten Narzissen als Glückssymbol, in der islamischen Welt haben sie Augen (besonders die weißen Dichternarzissen mit der auffälligen Nebenkrone in der Mitte), in christlichen Darstellungen sieht man sie sogar unter dem Kreuz blühen, vielleicht sind sie dort ein Zeichen der Wiedergeburt.

Frühlingserwachen (Anni Hansen)

In der Antike waren die Narzissen außerdem eng mit dem Jüngling Narziss (Narcissus, Narkissos) verknüpft, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte, das er auf der Oberfläche eines Sees erblickte. Es gibt unterschiedliche Versionen, wie er zu Tode kam.   Eine Geschichte erzählt, dass er bei dem Versuch, sich selbst zu umarmen, ertrank. Eine andere, dass er versuchte, nach seinem Spiegelbild zu greifen, dabei Wellen entstanden und das Spiegelbild sich so sehr verzerrte, dass es häßlich wurde. Aus Verzweiflung darüber stürzte er sich in die Fluten. Mir gefällt die ersten Version besser.

Übrigens war er nicht allein. Die Nymphe Echo, die sich unsterblich in den schönen Jüngling verliebt hatte, jedoch von ihm abgewiesen und verhöhnt worden war, weil sie aufgrund eines Fluchs, der auf ihr lastete, immer nur die letzten Worte von anderen wiederholen konnte, trauerte so sehr um ihn, dass sie dahinsiechte, sich in Stein verwandelte und am Ende nur ihre Stimme übrig blieb. Das Echo, das von den Felsen widerhallt. Doch auch der schöne Jüngling verschwand nicht ganz. An der Stelle, wo sein Körper gelegen hatte, nachdem man ihn aus dem Wasser gezogen hatte, wuchs später eine wunderschöne Narzisse. Der Beschreibung nach war es eine duftende weiße Dichternarzisse.

Dancing in the Breeze (Anni Hansen)

In Annis Bildern, die alle in ihrer Heimatstadt Lübeck aufgenommen wurden, kann ich nicht nur richtig in Narzissen schwelgen, sie erinnern mich auch sofort an die wunderbaren Nazissenbänke in Cambridge, die ich so liebe, und an das Gedicht von William Wordsworth „Daffodils“. Sein Haus habe ich vor einigen Jahren in England besucht, aber leider nicht, als die Daffodils blühten. Genau wie Lübeck. Ich war schon oft dort, aber noch nie zur Narzissenzeit. Irgendwann muss ich beides unbedingt nachholen. Und vielleicht lerne ich dabei auch endlich meine ferne Freundin Anni und ihre Katzen persönlich kennen.

 

Veröffentlicht unter Feste, Natur | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | Schreib einen Kommentar

Hoffnungsvoll – Kleine Schönheiten (Ulli Jung)

Traubenhyazinte (Ulli Jung)

In den nächsten Tagen möchte ich einige große und kleine Blumenstars aus dieser Jahreszeit zeigen, die sich auch von Corona nicht beirren läßt und gerade in ihren schönsten Farben erstrahlt. Die Bilder stammen von Andy, Anni, Simone und Ulli, die ich seit mehr als vier Jahren kenne. Zum ersten Mal begegnet bin ich ihnen in einer Foto-Facebook-Gruppe, doch schon bald wurden wir ferne „Freunde und Freundinnen“.

Ich habe die vier noch nie persönlich getroffen, und doch haben wir fast täglich Kontakt, schauen immer mal wieder kurz beieinander vorbei und nehmen teil am Leben der anderen, den Sorgen und Verlusten, den Hoffnungen, Glücksmomenten und Freuden. Dass derartige virtuelle Treffen überhaupt möglich sind, gehört für mich zu den besonderen Wundern unserer Zeit. Durch das Internet werden Entfernungen außer Kraft gesetzt, Menschen können mühelos sekundenschnell durch verschiedene Zeitzonen reisen und in Windeseile Städte, Berge, Flüsse und Meere überfliegen.

Die Bilder kommen aus unterschiedlichen Orten im Norden und Süden Deutschlands und sogar aus Kanada. Zunächst wollte ich alle Bilder in einem gemeinsamen Beitrag zeigen, doch dann habe ich entschieden, mehrere Beiträge zu machen. Die Blumen sind einfach zu schön, und jedes Bild verdient es, genauer und in Ruhe für sich betrachtet zu werden.

Zarte Glöckchen  (Ulli Jung)

Die ersten drei Bilder sind von Ulli Jung. Sie lebt in Hamburg und probiert mit ihren Kameras und Objektiven immer wieder Neues aus. Sie experimentiert ausgesprochen gern, „malt“ mit Formen und Farben und beschreitet oft auch ungewöhnliche Wege. Eine Zeitlang erschuf sie fantasievolle, surreale Collagen, die aus anderen Welten zu stammen schienen und in meinem Kopf gleich Geschichten entstehen ließen. Einmal hat sie für mich auf facebook eindrucksvolle Bilder zu meiner Beitragsserie über Träume gemacht.

Momentan hat sie sich auf Macro-Aufnahmen spezialisiert und spürt den ganz kleinen Motiven nach, an denen so viele achtlos vorübergehen. Wenn es sein muss, robbt sie dazu sogar bäuchlings über Wiesen. Am liebsten nachmittags, wenn der Boden nicht mehr ganz so kalt ist.

Daisy (Ulli Jung)

Vor kurzem hat Ulli eine Foto-Serie nur mit Gänseblümchen gemacht, einer zu Unrecht oft übersehenen Blume, die ich besonders liebe. Mir gefällt auch der englische Name: Daisy. Als Kind bin ich zu Hause oft rasch auf den Rasen gelaufen und habe möglichst viele Daisies gerettet, bevor der Rasenmäher sie abschnitt. Ich hatte (und habe) sogar mehrere Väschen für diese Winzlinge.

Letztes Jahr erwischte mich ein Bekannter dabei, wie ich zwei Tütchen mit Gänseblümchensamen verstreute. „Ich seh‘ wohl nicht richtig? Du säst Gänseblümchen? In euren RASEN?“ Ja, mache ich. Natürlich nur auf den Rasen im hinteren Teil des Gartens, denn der gehört mir und ist entsprechend „unordentlich“ und voller Wildblumen. Im vorderen Gartenteil wächst der richtige Rasen. Der sieht ziemlich so aus, wie ein Rasen aussehen sollte und wird auch regelmäßig gedüngt und vertikutiert.

Wenn sich die Gänseblümchen dorthin verirren (und das tun sie dauernd) grabe ich sie vorsichtig aus und pflanze sie hinten wieder ein. Genau wie die Vergißmeinnicht. Die braucht man nur wieder an anderer Stelle in ein bisschen Erde zu setzen, dann wurzeln sie unverdrossen weiter. Das würde ich am liebsten auch mit Löwenzahn machen. Wenn der nur nicht so lange Wurzeln hätte! Die gehen mir beim Ausbuddeln immer kaputt. Löwenzahn fasziniert mich, weil er so wandelbar ist. Und er ist in jeder Phase auf andere Weise schön. Vielleicht sollte ich ihm mal einen ganzen Beitrag widmen?

 

Veröffentlicht unter Natur | Verschlagwortet mit , , , , , | Schreib einen Kommentar

Kölner Westen – Kleiner Ausflug und Abendlieder

Dass der Virologe und SARS-Experte Prof. Christian Drosten gerade allen Ernstes erwägen muss, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen, weil er angefeindet wird, als Karikaturfigur verunglimpft und dazu auch noch für den Tod des hessischen Finanzministers verantwortlich gemacht wird, kann ich nicht fassen. Diese ruhige Stimme der Wissenschaft und Vernunft, die uns seit einigen Wochen täglich so viele wertvolle, aktuelle und angstfreie  Informationen gibt, halte ich für unverzichtbar. Für mich ist er jedenfalls von montags bis freitags das Highlight des Tages. Heute (Mittwoch, 1. April) konnte er leider nicht sprechen, weil er erkältet ist. Eine Nachricht, die mich jetzt richtig erschreckt. Ich hoffe inständig, dass er bald wieder ganz gesund ist! Dass es nichts Schlimmes ist! Und dass er weitermacht! Für mich ist dies der beste Podcast, den ich je gehört habe. 20 Millionen Abrufe verzeichnet die Sendung inzwischen, man hört sie in vielen Ländern, und es gibt auch schon Bitten, die Beiträge übersetzen zu lassen. Doch wie schwierig das ist, kann ich mir als Übersetzerin lebhaft vorstellen.

Experiment mit Gott (BFL)

Letzten Montag haben wir einen kurzen Spaziergang durch Weiden gemacht.  Leider fing es plötzlich an, heftig zu hageln, so dass wir an der Kirche kehrt machen mussten. Auf unserem Weg fielen mir viele Veränderungen auf, etwa das große bunte Regenbogenbild am Zaun der Clarenhofschule, das mit Kreide geschriebene Bibelzitat auf dem Bürgersteig vor der Evangelischen Kirche und die Briefumschläge, die am Aushang hingen. „Experiment mit Gott“ stand darauf. (Die online-Beiträge in „Oasenworte in Wüstentagen“ auf der Homepage der Evangelischen Kirche werden übrigens von Tag zu Tag umfangreicher, so dass zumindest die Gläubigen mit Internetzugang dort Trost finden und vertraute Stimmen hören können.)

Blüte (BFL)

Die Natur im Kirchengarten blüht und sprießt natürlich unverdrossen weiter, und an den weiß gestrichenen Stämmen der kleinen Straßenbäume blühen rosa Blüten. Der Frühling läßt sich durch ein paar Hagelschauer und Nachtfröste nicht beirren. Der grimmige Mose rechts neben dem Kircheneingang schaut genauso unwirsch wie immer, aber weil er mir leid tat, wie er so ganz allein im Hagel stand und auf den leeren Säulengang starrte, habe ich ihm kurz meinen Schirm geliehen. Über der Eingangstür leuchtet jetzt übrigens wieder der große Herrnhuter Stern, der sonst nur in der Advents- und Weihnachtszeit aufgehängt wird. Das warme Gelb ist tröstlich. Unser eigener, viel kleinerer Stern hängt übrigens auch noch hier im Garten.

Mose im Hagel (BFL)

Mit Schrecken las ich gestern Abend einen Artikel über einen Chor in den USA, der Anfang März die letzte Chorprobe in einer Kirche abhielt. Alle freuten sich über das Treffen, alle fühlten sich gesund, keiner hatte Symptome. Alle Vorsichtsmaßnahmen wurden eingehalten, man wahrte genug Abstand, es wurden keine Hände geschüttelt, jeder hatte seine oder ihre eigenen Notenblätter mitgebracht. Dann sangen alle gemeinsam. Eine Stunde lang. Viele schöne Lieder. Die Chorprobe machte allen Anwesenden Freude, es tat gut, sich in diesen dunklen Tagen zu sehen und zusammen zu singen. Doch jetzt, drei Wochen später, sind 49 der 60 Chormitglieder an Covid19 erkrankt, mehrere liegen im Krankenhaus, und zwei sind bereits an der Krankheit verstorben.

Reserviert für den Chor (BFL)

Wie gut, denke ich erleichtert, dass der Abendgottesdienst am 15. März nicht stattgefunden hat. Mein Mann hatte an diesem Abend Küsterdienst, alles war vorbereitet, und die ersten drei Reihen auf beiden Seiten waren für unsere Kantorei abgetrennt. Dahinter wären mehrere Reihen frei geblieben. Ein guter Freund von mir ist Mitglied der Kantorei, auch er wäre dort gewesen, und ich hatte mich schon darauf gefreut, ihn zu sehen. Es hätte zwar genug Abstand zwischen den Stuhlreihen gegeben, doch die Sänger und Sängerinnen wären sehr wahrscheinlich trotzdem nicht gut genug geschützt gewesen. Wenn man laut und kräftig singt, ist die Luft um einen herum voller Aerosole, und die Umstehenden atmen diese verwirbelte Luft ein. Es reicht offenbar, wenn nur eine Person infiziert ist, auch wenn sie selbst nichts davon spürt und völlig symptomfrei ist. Wie gut, dass der Gottesdienst so kurzfristig abgesagt wurde, auch wenn es sich damals so falsch anfühlte. Und wie grausam, dass etwas so Schönes und Kostbares wie gemeinsames Singen und Umarmen im Moment lebensgefährlich ist. Dieses Virus ist überall, macht keinen Unterschied,  behandelt alle gleich. Ganz egal, wo wir leben, ganz egal, wer wir sind. Es überwindet alle Grenzen, dringt durch alle Ritzen und verbreitet sich in Windeseile um den Erdball. Es zwingt uns, alles zu stoppen, im Guten wie im Schlechten. Wir sind gezwungen, unser Leben auf Null herunterzufahren und zu warten, bis der böse Spuk vorbei ist. Und das kann dauern. Die Zahlen der Infizierten steigen. Die Zahlen der Verstorbenen auch. Heute liegen wir in Deutschland schon bei über 73.000 Infizierten (ohne Dunkelziffer), über 800 Toten und über 19.000 Genesenen (Quelle: nov2019.live). Und Trump hat es tatsächlich geschafft. In allen drei Sparten. America first. Jetzt stimmt es wirklich. Ein bitterer Triumph. Sogar für jemanden wie Trump.

Aushangkasten (BFL)

Was mir auffällt: Ich sehe noch mehr Menschen mit Mundschutz auf den Straßen, lese noch mehr über die Vorteile dieser Vorsorge (für andere), habe mich mit einem Freund in Japan ausgetauscht, wo man an Atemschutzmasken gewöhnt ist. Langsam verändert sich meine Wahrnehmung. Einmal habe ich schon so einen Mundschutz getragen. Es war gar nicht so einfach. Das Atmen gegen Widerstand fiel mir nach einer halben Stunde schwer, unter dem Stoff war es warm und ungemütlich. Und dann wurde das Material langsam feucht. Schön war das nicht. Vor ein paar Tagen habe ich ernsthaft angefangen, für uns einen kleinen Vorrat zusammenzutragen. Aus unterschiedlichen Quellen. Hier in Weiden gibt es gleich mehrere Frauen, die solche Masken nähen, einige sind großzügig und verschenken sie, andere verkaufen sie. Zu sehr unterschiedlichen Preisen. Ich weiß, dass es viel Arbeit macht, so eine Maske zu nähen, und wie schon so oft bedauere ich, dass mir dazu das Talent fehlt, obwohl ich mütterlicherweits aus einer Schneiderfamilie komme. Schade, dass ich das Schneidergen so gar nicht geerbt habe. Ins Center sind wir bei unserem letzten kleinen Ausflug nicht gegangen, nur in die Apotheke. Mich deprimieren die leeren Gänge und verschlossenen Läden. Alles wirkt so ausgestorben. Auch die Bahn war wieder menschenleer.

Allein in der Nacht (unsplash)

Nach wie vor wird hier in Weiden abends um 21:00 Uhr ein Lied gesungen, über das im Laufe des Tages abgestimmt wird. In den großen Wohnblöcken singen viele Menschen mit, doch hier bin ich meist mit dem DJ unten im Schulhof allein. Einmal blieb es ganz still, da gab es gar keine Musik, nur der Mond stand fern und schmal am schwarzen Himmel. Ab und zu zeigen sich auch die Bewohner eines Hauses ganz weit weg rechts von mir. Zum Beispiel letzten Sonntag, als das bekannte Lied „Heimweh nach Köln“ von Willi Ostermanns gespielt wurde. Die inoffizielle Hymne dieser Stadt. Für mich hatte die Szene etwas Unheimliches, denn ich hatte plötzlich das starke Gefühl, dass mein Vater anwesend war. Fast auf den Tag genau sieben Jahre ist er jetzt tot. Er starb am 2. April 2013. Und doch stand er jetzt neben mir. Er kannte dieses Lied nur zu gut. Aus dem Krieg. „Das haben die Soldaten aus Köln immer gesungen. Sogar in den Schützengräben, mitten im Kugelhagel. Und nachts, wenn sie Heimweh hatten. Und auch in Gefangenschaft. Und dabei haben sie geweint.“ Willi Ostermann schrieb das Lied 1936, also noch vor dem Krieg, und verwendete dabei die Melodie einer früheren Komposition „Sehnsucht nach dem Rhein“. Es entstand kurz vor seinem Tod, als er nach einer schweren Operation in einem Kölner Krankenhaus lag und wußte, dass er nicht mehr nach Hause kommen würde. Zum ersten Mal gesungen wurde es an seinem Grab. Allein oben auf meinem Balkon stand ich neben meinem unsichtbaren Vater, den ich genau spürte, und versuchte mitzusingen. Bei der berühmten Zeile „Ich mööch zo Foß noh Kölle gon“ (Ich möchte zu Fuß nach Köln gehen) versagte mir die Stimme. Ich hörte die anderen klar und sicher mitsingen, während bei mir nur noch die Tränen liefen.

 

Veröffentlicht unter Corona, Köln | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | 2 Kommentare

Kölner Westen – Mit Abstand der beste Kunde!

Freitag morgen waren wir auf dem Clarenhof, um den ersten frischen Spargel zu kaufen. Dass dort so viele Kunden sein würden, hatte ich gar nicht erwartet. Im großen Feld an der Straße blühen wie immer um diese Jahreszeit üppig die Tulpen und Narzissen (man kann sie auch selbst pflücken), und vor dem Laden sah es schon richtig österlich aus. Wenn die großen runden Abstandskreise und die Pfeile überall nicht gewesen wären, hätte man meinen können, die Welt sei noch in Ordnung. Ist sie aber nicht.

Draußen auf den Tischen standen nicht nur Hasen in allen Farben, sondern auch kleine und große Töpfe mit Blumen, und ich konnte nicht widerstehen und kaufte mir als Frühlingstrost zwei Märzenbecher. Meine hier im Garten haben offenbar die Wühlmäuse gefressen, und die neuen habe ich eben eingepflanzt. Mögen sie noch lange blühen und nächstes Jahr wiederkommen.

Ostern? (BFL)

Drinnen im Laden gibt es übrigens ein Produkt, das ich persönlich schon seit zig Jahren bevorrate: Schwarzbrot der Bäckerei Zimmermann, meiner Lieblingsbäckerei noch aus der Zeit im Belgischen Viertel. Ein gutes Gefühl, jetzt wieder zwei Pakete mehr zu haben.

Im Clarenhof wird sorgsam auf Sicherheit geachtet, draußen gibt es Markierungen, und es sind immer nur ganz wenige Kunden gleichzeitig im Laden. Es tat mir gut, die vielen frischen Lebensmittel zu sehen. Produktmäßig sah alles ganz „normal“ aus, genau wie immer. Aber was mir auffiel: Inzwischen tragen immer mehr Menschen Mundschutz. Und immer mehr Menschen blicken ernst und schweigen. Nur wenige lächeln. Keiner lacht. Und ich sehe weniger Kinder. Wenn man sich in den Gängen oder an den Türen begegnet, dreht man einander den Rücken zu. Das ist richtig, rücksichtsvoll und notwendig in diesen Tagen, doch es fühlt sich nicht gut an. Mein Gefühl dabei: Ich stelle eine potentielle Gefahr für die anderen dar, und die anderen sind eine potentielle Gefahr für mich. Ich fühle mich bedroht. Von allen Seiten bedroht. Von Menschen und Viren. Sogar von der Luft und vom Spargel!

Und draußen lacht die Sonne und leuchten die Tulpen und Narzissen. Was für ein Kontrast! „Wir haben auch sonntags auf“, sagte die Frau an der Kasse. „Von 10 bis 18 Uhr.“ Für Menschen mit Hüttenkoller hier in Weiden, die ein bisschen Osterstimmung dringend nötig haben, ist der Hofladen vielleicht einen kleinen Ausflug wert? Aber das Wetter soll ja schlechter werden. Schneeregen ist angesagt.

Der Spargel vom Clarenhof schmeckt übrigens gut, wir haben ihn gestern schon gegessen. Spargel erinnert mich an meine Kindheit, denn ich komme ja vom Niederrhein. Meine Oma hatte ein großes Spargelbeet im Garten, der Boden in Herongen ist sehr sandig, und mein Vater fuhr während der Spargelsaison fast jede Woche nach Walbeck, um Nachschub für unsere Familie zu holen. Besonders meine Mutter war ziemlich spargelsüchtig. Spargel bedeutet für mich Vertrautheit, Elternhaus, Niederrhein, im besten Sinne. Im Auto habe ich mir die Hände desinfiziert. Hoffentlich werde ich nicht paranoid. Oder ist das nur vernünftig und realistisch?

Schlange (BFL)

Vor dem großen Rewe in Lövenich stand bereits eine erstaunlich lange Schlange, und auch hier herrschte auffällige Stille, kaum ein Lächeln, nur von den Angestellten, und der gebotene Sicherheitsabstand zwischen den Kunden war oft noch viel größer als 1,5 Meter. An der Ausgabe der Einkaufswagen stand eine freundliche Angestellte mit Handschuhen und schob den Kunden vorsorglich den Wagen hin, natürlich mit frisch desinfiziertem Griff. Auch hier fiel mir auf: Immer mehr Menschen tragen Mundschutz. Es sind alle Varianten vertreten von selbstgenäht und bunt bis weiß und „medizinisch“ oder richtig professionell und „krankenhausartig“. Ein Kunde, wahrscheinlich jung, aber genau weiß ich es nicht, denn man sah von seinem Gesicht nichts, trug eine Totenkopfmaske. In seinen Ohren steckten kleine Headphones, und alle, die alle vor und hinter ihm standen, durften mithören.

Distanz wahren (congerdesign/pixabay)

Auch im Laden selbst hielten die stillen Kunden großzügige Sicherheitsabstände ein. Sie warteten geduldig in den Gängen, bis die anderen fertig waren, und drehten einander den Rücken zu, wenn der Abstand aus Platzmangel zufällig unterschritten wurde. Der weiträumige Laden war wie immer gut bestückt, wirkte aber zumindest während unseres Besuchs kundenleer.

Ich warf einen interessierten Blick in das Regal, in dem Sie-wissen-schon-was hätte liegen sollen. Es war nicht leer, sondern mit anderen Produkten gefüllt, woraus ich schloss, dass der momentane Superstar aus Papier immer noch mit Abwesenheit glänzt. Durch den neuen Inhalt fiel es nur nicht mehr auf.

Alles ist gut (Anni Hansen)

Meine Facebook-Freundin Anni aus Lübeck hat mir ein Bild geschenkt, das hoffnungsfroh stimmt, was die Klopapierzwangskäufe betrifft. Zumindest die Lübecker sind wohl zur Normalität zurückgekehrt, dort sind die Regale jedenfalls wieder voll. Vielleicht ist es hier ja auch bald soweit. Ich würde es mir wünschen. Dann könnte ich endlich aufhören, darüber zu schreiben. Aber in Lübeck gibt es gerade eine üble Sturmflut, und Teile der Stadt stehen unter Wasser. Ich mag Lübeck sehr, und Annis neue Bilder von überfluteten Straßen und wilden Wellen lassen Schlimmes ahnen. Auch das noch! Haben wir denn nicht schon genug Probleme? Wann hört das denn endlich auf?

Überflutetes Lübeck (Anni Hansen)

Alle Personen, die im Rewe damit beschäftigt waren, die Regale aufzufüllen, trugen jetzt Visiere aus Kunststoff, und die KassiererInnen saßen gut geschützt hinter einer „Schutzwand“ aus Plexiglas, die mich spontan an die Bahnhöfe meiner Kindheit erinnerte. Vielleicht auch an die Post in unserem Dorf. Es gibt unten eine kleine viereckige Öffnung, durch die man sein Geld reichen kann. Aber wie beim letzten Besuch bezahlten die meisten mit Karte. Wie das so ist mit Zahlen, wenn man nicht wirklich entspannt ist, war die erste Pin-Eingabe falsch. Aber die Kassiererin blieb trotzdem ruhig und zugewandt. „Machen Sie sich keinen Stress!“ Das fällt mir immer wieder auf in dieser Rewe-Filiale: Alle, die dort arbeiten, sind äußerst freundlich und hilfsbereit. An der Kasse gab es ein Schüsselchen für Trinkgeld. Das war auch neu. Und auch diesmal habe ich mir im Auto die Hände desinfiziert. Überall können Viren lauern, langsam fange ich an zu spinnen. Schnell wieder zurück nach Hause! Die Straßen waren erstaunlich leer, sogar die Aachener.

Nach diesen beiden Einkaufserlebnissen sank meine Stimmung trotz Spargel, Schwarzbrot und Märzenbecher auf den Nullpunkt, und ich beschloss, uns jetzt endlich auch einen Mundschutz zu organisieren. Nicht weil ich daran glaube, dass sie uns schützen, eher weil wir offenbar langsam die einzigen sind, die noch „normal“ herumlaufen. Außerdem ist es eine Geste der Solidarität und signalisiert dem Ladenpersonal Rücksicht und Respekt. Hier in Weiden gibt es gleich mehrere Quellen, wie ich in der Facebook-Gruppe und bei nebenan.de lese. Etliche Frauen haben ihre Nähmaschinen hervorgeholt und nähen, was das Zeug hält. Man kann die fertigen Masken kontaktlos an einem Fenster abholen. Sogar die Wunschfarbe kann man angeben. Ich hätte am liebsten Blaugemustert. Nur nichts Rotes. Das erinnert mich leider sofort an Blut. Das will ich im Moment wirklich nicht vor dem Mund haben. Schon gar nicht auf meinem ersten Mundschutz.

Weidener Schafe (Juliane B.)

Eine nette Mit-Weidenerin, die ich gerade erst bei Facebook kennengelernt habe, hat mir ein Foto geschenkt, das sie gestern morgen gemacht hat. Weidende Schafe in Weiden, völlig ohne Social Distancing. Die Glücklichen! Auch dieses Bild erinnert mich an meine Kindheit. Trotz der städtischen Strommasten. Wie oft habe ich mit meiner Freundin Winnie an der Niers gesessen, Bravos oder andere verbotene Hefte und Bücher gelesen und den Schafen zugeschaut. Den Rücken an einem Baumstamm oder bäuchlings auf dem Gras. Ich höre noch das Blöken der Schafe und wie sie gemütlich und friedlich kauen, und ich sehe die beiden schwarzen Hunde des Schäfers (der mit dem großen Hut) eifrig hin und her laufen. Ein vertrautes, beruhigendes Bild. Heute, am Sonntag, ist die Weidener Weide wieder leer. Schade. Die Schafe sind weiter gezogen. Sie haben es gut, sie können sich frei bewegen. Sogar in großen Gruppen. Gut behütet von ihrem Schäfer und seinen Hunden. Entspannt und sicher. Anders als wir Menschen.

Veröffentlicht unter Corona, Köln | Verschlagwortet mit , , , , , , | Schreib einen Kommentar

Der Sprung ins Netz

(merakist/unsplash)

Hoffentlich kippt die Stimmung nicht! Gerade hatte ich nach meinem kühnen Vollsprung mitten ins Netz angefangen, mich virtuell etwas wohler zu fühlen. Doch in einigen Foren und Gruppen wird der Ton schon gereizter, es wird vorschnell und heftig auf Posts reagiert, beschimpft und getrollt, und das führt zu Aufregung und unnötigen Missverständnissen. Einige hängen bereits an der Decke, bevor sie die Beiträge überhaupt gelesen haben. Ich merke, wie ich zurückzucke. Bei Aggressionen bin ich dünnhäutig. Ich habe beschlossen, nicht mehr (wie in den Anfangstagen von Corona) mehrmals täglich den überquellenden Gruppenabschnitt des Netzes zu besuchen. Lieber treffe ich „enge Freunde“ bei facebook, in deren Gegenwart ich entspannen kann. Mehrere „Bekannte“ habe ich aus Selbstschutz aus meiner Freundesliste entfernt. Es ist mir nicht leicht gefallen, aber anders ging es nicht. Wahrscheinlich wird es dabei nicht bleiben. Zum Glück habe ich im realen Leben meinen Mann, der nicht mal durch Corona aus der Ruhe zu bringen ist. Vielleicht liegt das daran, dass er Virologe ist? Er ist die hoffnungsvolle menschliche Oase in meiner Social Distancing Wüste.

(Sara Kurfess/unsplash)

Mir fällt auf, dass viele Leute jetzt mehr telefonieren und (noch häufiger als sonst – ja, das geht!) whatsappen. Sogar ich. Es ist schön, schnell nachfragen zu können, wie es Freunden und Verwandten geht, und sich auch um Bekannte, mit denen man normalerweise nicht ständig in Kontakt steht, zu kümmern. In diesen Tagen geht mir so viel durch den Kopf. Der vor kurzem verstorbene Dieter Höss pflegte zu sagen: „Erst wenn wir im Dunkeln sitzen, geht uns ein Licht auf“. Da ist was dran.

Normalerweise telefoniere ich höchst ungern und muss mich überwinden, zum Telefon zu greifen, aber in den letzten Tagen sind meine Widerstände deutlich geringer geworden. Es tut gut, reale Stimmen zu hören, genauer nachzufragen und zu erfahren, wie es dem anderen jetzt wirklich geht. Mein Mann bekommt vermehrt Anrufe von ehemaligen Mitarbeitern und Weggefährten, von denen er jahrelang nichts gehört hat. Was ihn freut. Wer mit viel Zeit zu Hause sitzt, macht weite Ausflüge in die Vergangenheit. Das äußere Social Distancing führt offenbar auf der inneren Ebene die Menschen enger zusammen. Sprachnachrichten versende ich nach wie vor höchst ungern, bekomme aber gern welche von lieben Menschen, die damit keine Probleme haben und nicht so gern schreiben. Keine Ahnung, warum ich es hasse, in mein Handy zu sprechen. Möglicherweise erinnert es mich an das schreckliche Gerät, in das ich jahrelang meine medizinischen Fachübersetzungen diktieren musste. Was ich noch beobachte: Familien rücken (das geht auch aus der Ferne) wieder oder noch näher zusammen, längst vergessen geglaubte Freunde fallen einem plötzlich wieder ein und man fragt sich, ob es ihnen gut geht. Wie wunderbar, dass wir heute die Möglichkeit haben, auch „verlorene“ Freunde im riesigen Netz wiederzufinden. Wie trostlos muss das bei früheren Seuchenausbrüchen gewesen sein!

Radio mouse house in Tennessee

Instagram macht mir weiterhin Freude. Wenn die Bilder nur nicht so schnell wieder verschwinden würden, aber es gibt ja zum Glück die Option, sie zu speichern, und auch eine eigene Messenger-Funktion. Ich bin noch nicht sehr lange auf Insta, daher meistere ich auch noch nicht alles auf Anhieb. Mir gefallen die fantasievollen Beiträge. Hier treffen sich Menschen (vor allem KünstlerInnen) aus aller Welt, die einander freundlich Mut zusprechen und oft auch außerhalb der Posts miteinander kommunizieren. Ob das immer so ist, weiß ich nicht. Bei Instagram habe ich gleich mehrere Seelenfreundinnen gefunden, die jetzt auch meine Facebook Freundinnen sind. Vielleicht können wir uns eines Tages sogar mal richtig treffen, das wäre schön.

Frau Milkana’s new glasses

Meine Freundin in New York hat letzte Woche „einfach so“ eine winzige Brille für meine Maus-Lehrerin Frau Milkana gemacht, die ihre ursprünglichen Augengläser leider verloren hat. Das passiert öfters bei Minis, denn die Gegenstände sind ja nur wenige Zentimeter groß. So habe ich schon etliche Zitronen und Orangen zertreten und einmal sogar einen Bund klitzekleiner Fliegenpilze aus dem prallen Staubsaugerbeutel gefischt. Das war ziemlich eklig und hat bei mir einen heftigen Niesanfall hervorgerufen, aber es war effektiv. Den Pilzen sieht man den Horrortrip in den Sauger zum Glück nicht mehr an. Polymer Clay ist sehr robust. Frau Milkanas Brille wird wohl auch in den Staubsauger geraten sein. Ob ihre neue (viel, viel schöner als die alte!) je hier ankommt, wissen wir nicht. „I cannot say when I will get to the post office, I am not even sure if the post offices are open“, schreibt mir die Brillenmacherin. Diese liebenswerte, humorvolle Frau ist nur eins der vielen Wunder in dieser abscheulichen Coronazeit. Hoffentlich bleibt sie gesund!

Kunst bei instagram

New Yorker cat with gnomes

Eine andere neue Instagram-Freundin, die ebenfalls in New York wohnt, gehört auch zur Risikogruppe, und wir tauschen täglich kurze Nachrichten aus. „How are you coping?“ Sie sorgt auch noch für ihre hochbetagte Mutter. Auch um sie mache ich mir Sorgen. Vor wenigen Wochen kannte ich sie nicht mal!

Eine quirlige junge Frau in Tennessee habe ich (ungewollt, aber gern) mit dem Mausvirus infiziert. Sie hat sich gerade die zweite Maus in Europa bestellt und baut ihr schon ein tolles Zimmer in einem alten Radio. Außerdem hat sie mir lauter schöne kleine Stoffstücke mit Minimustern geschickt. Und dann sind da noch die drei jungen Mauskinder, die bei meiner vierten neuen Freundin in Norwegen ungeduldig darauf warten, sich auf die Reise zu mir ins Mausland zu begeben. Ob und wann sie wohl hier ankommen? Überhaupt die Mäuse!

Auf Facebook und Instagram versuche ich, Kinder aller Altersklassen (es gibt echt mehr erwachsene Kinder als man denkt) damit zu trösten. Ich habe mir schon überlegt, ob ich als Krisenintervention nicht abends auch noch ein Gute-Nacht-Bild einstellen soll. Zwei Fotos am Tag mit Text ist zwar etwas Arbeit, und leider hat mein „Clean up“ Programm grade die meisten meiner Bilddateien zerstört, weil ich nicht aufgepaßt habe. Jetzt haben sie alle leer, haben „keinen Inhalt“ mehr, und ich muss gucken, wo die Originale sind. Auf irgendeinem Kamera-Chip, klar, aber auf welchem?

(Kleiner Nachtrag: Dem Supernetz sei Dank habe ich die meisten Bilder sicherheitshalber auch bei google Fotos gelagert, doch das fiel mir erst letzte Nacht ein, als ich mal wieder nicht schlafen konnte. Das hat mich gleich so entspannt, dass ich eingeschlafen bin. Wenn nur dieser schreckliche Alptraum nicht gewesen wäre und mich wieder geweckt hätte. Die grausigen Details erspare ich Ihnen lieber. Es ging um meine Katze, was mich zuverlässig sofort schockweckt.

Vitalfunktionen (unsplash)

Bei Twitter bin ich (noch) nicht, aber Messenger und Whatsapp lerne ich grad richtig schätzen, weil ich damit in Sekundenschnelle Freundinnen in Frankreich, Verwandte in England,  Freunde und Bekannte in den USA, Neuseeland, Kenia oder Japan erreichen kann. Das Netz ist in dieser Hinsicht genial, auch wenn es im Moment schwer verlangsamt ist, weil immer mehr von uns dauernd hineinspringen. Hoffentlich schmiert mir das Internet nicht ab! Lästig ist der Netzverlust leider immer, weil ich ein Internet Junkie bin und den freien Zugang für meine Arbeit dringend brauche, aber im Moment wäre der Verlust schier unerträglich. Ohne WLAN geht hier nämlich gar nichts. Nicht mal das Telefon.

Vorgestern habe ich selbst netzmäßig überreagiert. Jemand postete, es dürfe im Veedel ab sofort abends keine Musik mehr von den Bläck Fööss gespielt werden. Die Band habe das verboten. Die Nachricht zog mich runter, der Tag war gelaufen. Das gemeinsame Lied am Abend, auch wenn wir hier nur extrem wenige sind, gehört für mich irgendwie zum Corona-Zustand dazu, auch wenn es meistens blöd ist, mitten im Fernsehprogramm oder beim Essen hoch zu rasen und sich auf den kalten Balkon zu stellen. Vorgestern sind (weit, weit weg) fünf neue Schatten dazugekommen, die auch einsam die Handy-Taschenlampe durch die Nacht schwenkten. (Gestern waren wir aber leider wieder allein mit unserem unsichtbaren DJ nebenan.) Die Nachtlieder sind tröstlich. Ich beschloss daher, die Bläck Fööss persönlich um Erlaubnis zu fragen (facebook macht’s möglich), hatte aber nicht ernsthaft damit gerechnet, dass sie antworten würden. Taten sie aber: „Hallo liebe Beate, was für eine Frage. Natürlich, sehr gern. Es tut gut zu wissen, dass auch unsere Lieder für viele von Euch eine kleine Hilfe sind, um die aktuelle Situation zu meistern. Bleibt gesund. Viele Grüße.“ Ich wußte ja immer, dass die Bläck Fööss super sind!

(William Iven/unsplash)

Als ich las, dass man in Montreal nachts Lieder von Leonard Cohen singt, hätte ich mich am liebsten sofort dorthin gebeamt. „So long Marianne“ stand vorgestern auf dem Programm. NEID! Das Lied kann ich komplett auswendig!

Menschen, die normalerweise immer in Bewegung sind und beneidenswert viele soziale Kontakte haben, tun sich deutlich schwerer mit Social Distancing, und in meinem Umkreis manifestieren sich auch schon erste Depressions- und Hüttenkoller-Symptome. Es muss schlimm sein, wenn man gezwungen ist, mit nervigen Verwandten oder komplizierten Partnern (von denen man sich schlimmstenfalls vielleicht sogar trennen wollte) Tag und Nacht zusammenhockt. Da liegen rasch die Nerven blank. Wie es ist, eingesperrt mit übergriffigen Eltern oder Partnern zusammenzuleben, mag ich mir gar nicht vorstellen. (In China soll die häusliche Gewalt während der Corona-Krise um 30% zugenommen haben, und das betrifft nur die Frauen!) Oder wie es ist, krank, unversorgt und mutterseelenallein in der Wohnung zu liegen. In Spanien hat man in einem Seniorenheim die hilflosen alten Leute einfach liegen und sterben lassen und ist Hals über Kopf geflohen. Hier bei uns gibt es bisher noch keine Zunahme der häuslichen Gewalt, lese ich. Hoffentlich stimmt das. Wenn der übergriffige Mensch neben einem sitzt, wird man kaum wagen, die Polizei zu rufen. Von den armen Kindern ganz zu schweigen. Die können sich nicht mal wehren.

Gestern hörte ich im Radio, dass uns ein Pflegenotstand droht, weil die vielen, vielen (oft illegalen) Betreuungskräfte aus Ostdeutschland jetzt alle das Land verlassen (was ich sehr gut verstehen kann) und viele betagte Pflegefälle nicht mehr zu Hause versorgt werden können. Aber wo sollen sie hin? Viele Kinder können oder wollen ihre Eltern nicht zu sich nehmen, und jetzt Heimplätze zu organisieren, dürfte extrem schwer sein. Neue Pflegekräfte rücken wegen der Grenzkontrollen nicht mehr nach. Wie mag sich das alles für einen dementen, gelähmten, verwirrten, bettlägrigen, schmerzgeplagten, tauben oder blinden alten Menschen anfühlen? Ich habe eine Tante von über 90, die in einem Heim lebt und die man jetzt nicht mehr besuchen kann. Sie hört absolut gar nichts, und man muss alles aufschreiben, was man ihr sagen möchte. Wer macht sich schon die Mühe? Wie empfindet sie es wohl, wenn sie plötzlich von Menschen mit Mundschutz versorgt wird? Sie hat den Krieg noch erlebt, wahrscheinlich ist das für sie der pure Alptraum. Ich muss da heute unbedingt anrufen.

My Fairy Thorn (BFL)

Wie gut, dass meine Eltern das nicht mehr erleben. Draußen am Teich steht schon seit Jahren ein rotes Grablicht für sie. Der Friedhof ist unerreichbar weit weg, und ich habe ohnehin das Gefühl, dass sie hier bei mir sind und nicht in dem häßlichen Grab. Die Mönchsgrasmücke singt auch wieder, was ich als gutes Zeichen deute. Vor allem in der Nähe meines „Fairy Thorns„. Das ist der Weißdornstrauch, an den ich meine Wünsche in Form von Bändern hänge. Es werden täglich mehr. Ich hoffe, meine Zauberversuche helfen….

Veröffentlicht unter Corona, Köln | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | Schreib einen Kommentar

Kölner Westen – Das neue Gold

Sensible Rolle  (BFL)

„Ist das eigentlich immer noch so schlimm?“ frage ich die Verkäuferin, während ich einmal mehr die leeren Regale bestaune. Sie grinst. Wir sind uns einig. „Verstehen kann ich die Leute nicht“, meint sie. „Jeden Tag kommt Nachschub! Es ist wirklich genug von dem Zeug da.“ Ich verstehe es auch nicht, obwohl ich mir seit Wochen darüber den Kopf zerbreche. Vor allem nachts, wenn ich nicht schlafen kann, was im Moment ziemlich häufig vorkommt. Irgendwie brauche ich kaum noch Schlaf und lese lieber die halbe Nacht. Oder denke nach. Ist sowieso egal, denn ich kann ja bis in die Puppen liegen bleiben, ohne dass es jemanden stört. Höchstens die Katze, die pünktlich ihr Futter einzunehmen wünscht. Danach lege ich mich wieder hin. Damit ich im Dunkeln nicht in nutzloses Grübeln verfalle, picke ich mir gern gezielt ein Problem heraus, über das ich mir tiefschürfende Gedanken mache. Gelegentlich kommt es dabei durchaus zu Geistesblitzen. Doch diesmal hakt es. Dieses Phänomen kapier ich nicht.

Freundliche Rolle (unsplash)

Sie haben natürlich längst erraten, worum es geht. Das neue Gold, die weichen, begehrenswerten Papierrollen, die seit einiger Zeit in gigantischen Mengen bevorratet werden. Ganze Zimmer und Garagen müssen inzwischen bis zur Decke mit dem Zeug vollgestapelt sein. Wahrscheinlich hängen die Besitzer dieser Sammlungen den halben Tag zufrieden zwischen ihren Rollen ab. Ob der merkwürdige Sammeltrieb daher rührt, dass so oft „sanft und SICHER“ auf den Packungen steht? Fühlt man sich irgendwie sicherer mit diesem Produkt? Oder liegt es daran, dass die Rollen auch ohne Pandemie in Großpackungen gekauft werden, so dass man bei Virenbedrohung  und  Lockdown folglich dringend ganz, ganz viele Großpackungen einlagern will? Damit nichts passiert!

Unerreichbare Rollen  (unsplash)

Hilft es dabei, die Angst vor Kontrollverlust und Hilflosigkeit zu bewältigen? Der „Feind“ ist unsichtbar, aber man muss ihm unbedingt etwas entgegensetzen, um nicht in Panik zu verfallen. Warum also nicht die preiswerte weiße „Geheimwaffe“, die alle anderen auch benutzen und für wirksam zu halten scheinen? Es ist ein Massenphänomen. Wie bei einer Stampede oder beim Run aufs Wasserloch. Und das erhebende Gefühl, gerade als letzter etwas ergattert zu haben, das so viele andere Menschen unbedingt auch haben wollen und jetzt nicht kriegen, führt möglicherweise vorübergehend zu Überlegenheitsgefühlen und Angstlinderung. Bei mir nicht. Leider. Ich wollte, es wäre so, dann würde ich sofort auch horten und stapeln, aber ich weiß nun mal, dass man sich auf dem Weg ganz bestimmt nicht ansteckt. Die Viren sind zwar bei manchen Menschen noch im Stuhl nachweisbar, aber nicht mehr infektiös. Adieu, weiche weiße Sicherheit! Das Klopapier schützt nicht unseren Körper, es schützt unsere Psyche. Komischerweise horten Menschen, die ihre Angst gut kennen, im Moment eher kein Klopapier. Sie versuchen, sich gut zu informieren, und sind jetzt zu ihrem eignen Erstaunen diejenigen, die andere beruhigen. Den Zustand, mit dem die Horter gerade so schlecht zurechtkommen, müssen sie nämlich jeden Tag bewältigen.

Viele Rollen (Erik Mclean/unsplash)

Trotzdem komisch, dass es in so vielen Ländern dieser Welt genau gleich abläuft – wenn man von den Regionen  absieht, in denen die Menschen im täglichen Leben nicht mal Zugang zu sauberem Wasser haben und in denen Klopapier überhaupt keine Rolle spielt. Was dort zur Bewältigung der Angst dient, weiß ich nicht. Vielleicht bestimmte Nahrungsmittel oder Rituale. Auf jeden Fall kein Klopapier so wie hier bei uns. Im Netz werden tatsächlich  jeden Morgen Tipps ausgetauscht, wo man das Zeug noch bekommt und wer grade wieder vier Packungen gehamstert hat. Und vor allem wird auf andere Hamsterer geschimpft und sich aufgeregt. Alles gut gegen Angst.

Ich habe mich umgehört und im Internet recherchiert. In den USA, in Australien, Kanada, Großbritannien, Frankreich (da flaut es allerdings grade ab, sagt meine französische Freundin) oder hier: alle haben dasselbe Lieblingsobjekt. Ein weißes Papiergespenst spukt durch unser Leben. Morgen für Morgen stürmen hoffnungsvolle Kunden die Läden (hier in Weiden wartet täglich eine Riesenschlange schon vor Ladenöffnung vor dem DM, hoffentlich mit genügend Sicherheitsabstand) und schon werden wieder die Rollen und Pakete aus den Regalen gerissen. Kurz darauf ist alles vorbei. Ausverkauft! Gähnende Leere, und schon wächst sie wieder, die nagende Klopapier-Mangel-Panik. Bis es einfach nicht mehr auszuhalten ist und unbedingt neuer Nachschub her muss. Dabei kann es zu bemerkenswerten Eskalationen kommen.

Rollenhorter (Eric Mclean/unsplash)

Ein facebook-Freund wurde vor wenigen Tagen Zeuge, wie eine Frau mittleren Alters im Supermarkt (nicht hier in Weiden!) kreischte: „Ich laß mir doch von Ihnen nicht vorschreiben, wie ich mein Leben rette!“, als man sie bat, doch bitte nur eine Riesenpackung des ersehnten Papierpodukts zu kaufen und nicht zwei Riesenpackungen. Sie wedelte wild mit den papierbewehrten Armen wie eine Windmühle und ging sogar die Kassiererin an, bis schließlich der Geschäftsführer einschritt und die Dame ohne Beute des Ladens verwies. Hallo? Seit wann rettet Klopapier unser Leben? Ich schätze Klopapier durchaus, aber so wichtig ist es nun auch wieder nicht. Wasser, Seife und Handtücher sind viel wichtiger.

Überraschung! (BFL)

Hier in Weiden entdeckte ich heute morgen zu meiner Verwunderung ein mir bisher unbekanntes Nischenprodukt, das bei mir und einer anderen Kundin (mit gebührendem Sicherheitsabstand) zu echter Erheiterung führte. Die Po-Dusche! Sie „reduziert den Papierbedarf um mindestens 50%“ (äußerst praktisch beim gegenwärtigen Rollenschwund) und wird nicht nur „von 9 von 10 Personen“, sondern auch „von Gesundheitsexperten“ (?) empfohlen. Klingt doch hervorragend! Aber warum stand sie noch da? Hatte man sie bei der Stampede übersehen? War sie gerade erst eingeräumt worden? Auf den ersten Blick sieht die Po-Dusche aus wie eine elektrische Zahnbürste, ein Fieberthermometer oder eine Art „Einlaufhilfe“, aber vielleicht macht sie ja im Laufe des heutigen Tages noch einen Kunden glücklich und gibt ihm das gute Gefühl, mit genau diesem Kauf sein Leben gerettet zu haben. Ich wollte sie jedenfalls nicht, und die andere Dame auch nicht. Stattdessen habe ich mir ein weiteres Stück Seife gegönnt, an dem ich mich freuen kann. Mein Seifenvorrat ist schön anzusehen und wohlduftend. Die meisten Mint in Box (originalverpackt), wie man unter Sammlern sagt. Ein Vorrat eben. Seife ist ja lange haltbar. Legt man sie in die Schubladen, riecht es da auch gut.

Teil meiner Sammlung (BFL)

Seife, man kann es gar nicht oft genug sagen, ist zur Zeit wirklich lebensrettend, weil sie die Virenhüllen zerstört, und trotzdem ist überall noch genug davon da. Sogar die transparente Flüssigseife mit den schwimmenden Fischen drin. Die horte ich auch. Kurzzeitig war sie ausverkauft, und das hat dann mich echt in Panik versetzt, aber jetzt ist alles wieder gut. Dass den Drogeriemärkten die Kondome ausgehen, wie man neuerdings dauernd munkeln hört, kann ich für Weiden nicht bestätigen. Das Regal war bestens bestückt, mit Exemplaren in allen Farben und Größen,  davon habe ich mich auf diskrete Weise selbst überzeugt. Für den Rest von Köln und Deutschland kann das natürlich völlig anders aussehen. Auch egal.

Wenn ich lese, dass die US-Bürger (nur die Männer oder auch die Frauen?) als spontane Vorbereitung auf die anstehende Pandemie (noch vor dem Run auf die Klopapierrollen!) in Horden die Waffenläden stürmten, um sich ordentlich mit Munition und diversen Schusswaffen einzudecken, finde ich auch irgendwie befremdlich. Aber es paßt. Der Griff zu den Waffen ist kulturell erlernt und gut erprobt im Umgang mit „Feinden“, von denen man sich bedroht fühlt. Aber Viren kann man nun mal nicht einfach abknallen. Höchstens mit einer Spritze, die mit genau dem richtigen Impfstoff geladen ist. Aber das gehört in den Bereich der sogenannten „Schulmedizin“. Und da die wissenschaftlich fundiert und evidenzbasiert ist, kann das mit dem echten Schutz und dem lebensrettenden Schuss leider noch etwas dauern.

grüner Trost

Veröffentlicht unter Angst, Corona, Köln | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | 2 Kommentare

Niederrhein Rocks: Farbenfrohes in trüben Zeiten

Viele Menschen haben im Moment existentielle und andere richtig schlimme Probleme, sind krank, fühlen sich einsam und verlassen, anderen fällt langsam die Decke auf den Kopf, sie haben Langeweile, sind genervt, haben Angst oder Anflüge von Hüttenkoller, wieder andere sind gereizt, gehen leicht in die Luft, regen sich über Klopapiermangel auf oder kommen nicht damit zurecht, dass sie plötzlich keine Zeit mehr für sich allein haben, sie vermissen ihre Arbeit oder ihre sozialen Kontakte. Oder geliebte Menschen, von denen sie nun getrennt bleiben müssen. Ablenkung tut gut in diesen Tagen!

Aber es gibt auch Menschen, denen die Zeit am Schreibtisch, am Küchentisch oder auch sonstwo in den eigenen vier Wänden weniger ausmacht. Ganz im Gegenteil, manche schaffen es sogar, sich fantasievoll mit der neuen Situation auseinanderzusetzen und erfolgreich zu „kreativieren“. Malend, zeichnend, fotografierend, bastelnd, singend, musizierend, schreibend gehen sie die düstere Weltlage an. Kunst und Fantasie können besonders in diesen Zeiten so tröstlich, beruhigend und heiter sein!

 

 

Als Schriftstellerin und Übersetzerin habe ich zum Glück kein Problem damit, „eingesperrt“ zu sein. Wenn man fast sein ganzes Leben allein am Schreibtisch zwischen Bücherstapeln und schlafenden Katzen in Wörterbüchern verbracht hat, macht einem auch ein wochenlanger  Lockdown wenig aus. Ist doch eigentlich wie immer! Alles, was man braucht und mag, hat man ja! Wenn man arbeitet oder „kreativiert“, kann man abschalten, Ideen sammeln, sich treiben lassen und die Gedanken auf Reisen schicken.

Erst wenn man die Nachrichten hört oder aufsteht und nach draußen geht, merkt man wieder, dass unser Leben aus den Fugen geraten ist, dass die Straßen und Läden gähnend leer sind und die Menschen Masken tragen und einander aus dem Weg gehen. Dann kann es passieren, dass man traurig wird, Angst bekommt und fast den Mut verliert. Doch zurück in den eigenen vier Wänden legt man gleich los mit neuen Projekten. Über Instagram sehe ich die Früchte der „eingesperrten“ Fantasie und Kreativität in aller Welt und staune täglich aufs Neue.

In den nächsten Tagen möchte ich hier einige Menschen vorstellen, die sich nicht unterkriegen lassen und auch jetzt noch versuchen, Farbe und Freude in ihren und unseren trüben Corona-Alltag zu bringen.

Heute haben mir die „Steinfrauen“ der Gruppe „Niederrhein Rocks“ erlaubt, einige ihrer Werke zu zeigen. Zum Mutmachen und Trösten für alle Hüttenkollerigen: Schaut euch an, was man alles tun kann mit ganz wenigen Mitteln in Zeiten von Corona, und vielleicht macht das ja auch den Kindern Spaß!

„Steinsucht“ (auch bekannt unter dem Namen „American Rock Fever“) paßt gut in diese Zeit, denn sie ist ebenfalls ansteckend, aber im besten Sinne. Im Moment ist es vielleicht ratsam, die Steine nur für sich selbst oder für den eigenen Garten zu bemalen statt sie in freier Wildbahn „auszuwildern“ und finden zu lassen. Das mache ich übrigens schon seit langem. Meine Steine liegen alle draußen zwischen den Büschen oder draußen auf der Fensterbank, zuerst sind sie bunt und leuchtend, dann verlieren sie langsam ihre Farben, werden immer blasser, und schließlich sammele ich sie ein und bemale sie neu. Ich verwende Plaka Farbe und favorisiere als Stil das australische „Dot Painting“, aber feiner und subtiler geht es natürlich mit Acrylfarbe. Wenn meine Enkel Lust haben, malen wir auch gemeinsam. Bei Draußen-Steinen trägt man zum Schluss noch eine Schicht Bootslack oder Klarlack auf, damit sie nicht zu schnell ausbleichen.

Seit es im Fernsehen eine Sendung über die „Niederrhein Rocks“ gab, kommen täglich neue „Rocker“ und „Rockerinnen“  in die Gruppe, weil sie schnell merken, wie entspannend das Bemalen von Steinen ist. Probieren Sie es selbst, sicher sind Sie talentierter als Sie ahnen! Auch für Kinder ist es toll, wenn sie ihre schönen Steine auf der Fensterbank liegen sehen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt! Alles ist schön! Man kann sie auch einfach nur beschreiben mit mutmachenden Sätzen.

Einige von Angelikas Danke-Steinen

Meine Freundin Angelika bemalt schon seit einiger Zeit Steine in dieser Gruppe. Vor der Pandemie wurden alle Mini-Rocks liebevoll „ausgewildert“ und meist schnell begeistert gefunden, und sicher gibt es am Niederrhein inzwischen Leute, die gezielt beim Gassi gehen oder Spazieren danach Ausschau halten. Man kann die kleinen Fundstücke entweder behalten und als Dekogegenstand nutzen, an Freunde und Verwandte verschenken oder einfach wieder neu „auswildern“ und beobachten, wo sie irgendwann landen. Letzteres ist im Moment vielleicht nicht so gut, aber es gibt ja eine Zeit nach Corona, und dafür ist ein kleiner Steinvorrat ideal!

In diesen Tagen malen Angelika und viele andere „Danke-Steine“ für Verkäuferinnen und Kassiererinnen, für Krankenhauspersonal und für viele andere Menschen, die bei uns „den Laden am Laufen“ halten. Vor dem Verschenken werden die Mini-Rocks vorsorglich gereinigt und manchmal auch in Cellophan verpackt. Wenn man die Steine nach der Beschenkung noch mal mit Seife wäscht, sind sie garantiert ungefährlich und übertragen nur die Kreative Steinsucht. Bei den eigenen Steinen erübrigt sich diese Reinigungsprozedur natürlich. Übrigens habe ich noch nie gehört, dass Steine Viren übertragen und würde mir da keine Sorgen machen, aber egal. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Oder in diesem Fall der Steinsammlung. Ich jedenfalls finde all diese munteren Rocks wunderschön und bedaure, dass ich sie heute nicht alle zeigen kann. Aber dafür reicht der Platz leider nicht. Ich kann ja irgendwann einen weiteren Beitrag dazu schreiben, denn es kommt täglich Nachschub.

Folgendes steht in der Facebook-Info der „Niederrhein Rocks“ und gilt für Normalzeiten ohne „Sie wissen schon was“: „Mit dieser Gruppe möchte ich einem amerikanischen Trend folgen: Stein suchen, säubern, bemalen, rückseitig beschriften, auswildern und hoffen, dass ihn jemand findet, dem er eine riesige Freude bereitet. Und mit etwas Glück wird er von jemandem gefunden, der ihn hier postet.“

 

Veröffentlicht unter Kunst, Niederrhein | Verschlagwortet mit , , , , , | Schreib einen Kommentar

Kölner Westen – zum Tod von Dieter Höss

Am Samstag fand ich im Kölner Stadt-Anzeiger die Todesanzeige des Schriftstellers Dieter Höss, der am 11. März verstorben ist, und war einfach nur traurig. Wie bei allen Todesanzeigen in diesen Tagen las ich auch hier den schrecklichen Satz „Die Trauerfeier in Köln kann wegen des Coronavirus nicht stattfinden“. In der jetzigen Ausnahmezeit können Verstorbene nicht mehr gemeinsam betrauert werden. Auch Dieter nicht. Wir waren nicht nur Kollegen, sondern auch gute Bekannte. Dieter war ein bemerkenswerter Mensch, witzig, klug, freundlich und überaus warmherzig. Ursprünglich stammte er aus dem Allgäu und wurde am 9. September 1935 in Immenstadt geboren. Nun ist er dorthin zurückgekehrt, zurück ins Land seiner Väter („Zurückgekehrt ins Land meiner Väter? Dass ich nicht lache. Das ganze Land zwischen Iller und Immach hat immer Baronen und Grafen gehört“).

Wie oft hat er mich im Laufe der Jahre abgeholt, und wir sind gemeinsam zu den Treffen des Kölner Schriftstellerverbands gefahren. Auf der Fahrt haben wir meistens über Schottland und England geplaudert, manchmal hat er auch lustige Geschichten über seinen Hund erzählt. Bei den Treffen saßen wir stets nebeneinander und anschließend unterhielten wir uns über den Abend und über gemeinsame Bekannte, während Dieter mich durchs dunkle Köln sicher zurück nach Hause fuhr. Er wohnte in Junkersdorf, also eigentlich nur um die Ecke, und trotzdem haben wir uns nie richtig besucht, obwohl wir es immer vorhatten. Jetzt ist es zu spät. Wie erschreckend schnell das geht, wird mir wieder einmal mehr bewußt. Wenn wir uns trafen, haben wir viel miteinander gelacht, und sein feiner, spöttischer (ziemlich britischer) Humor, seine subtile Schlagfertigkeit sowie seine unverwechselbare Stimme werden mir und ganz sicher vielen Menschen fehlen. Von seinen liebevoll gestalteten Büchern habe ich natürlich etliche, ganz besonders mag ich die lustigen „Hai-Kuhs“ und den Rückblick auf seine Kindheit. Wir waren verblüfft, als wir feststellten, dass wir beide als Kinder „Les Preludes“ von Liszt mochten. Ich fand die Musik damals so schön, dass ich sie sie ganz laut abspielte und mich von den Klängen begeistert davontragen ließ. Plötzlich stürzte meine Mutter ins Zimmer und schrie: „Mach das sofort aus! Das haben die Nazis immer gespielt!“ Ich war entsetzt, und das Stück war danach nie mehr dasselbe. 

Schottland (BFL)

Vielen Kölnern ist Dieter Höss wohl noch als „King of Limericks“ bekannt, denn Limericks waren seine ganz besondere Spezialität, und viele Jahre lang erschienen seine kleinen Kunstwerke wöchentlich im Kölner Stadt-Anzeiger. Seine Bücher hat er mit feinem Strich selbst illustriert, denn er war von Hause aus Grafiker. Seine Gedichte erschienen in zahlreichen Zeitschriften, u.a. „Stern“, „Die Zeit“ und „Pardon“. Für meinen Köln-Roman hat Dieter der kleinen Hauptperson, die ein echter Fan von ihm ist, sogar extra zwei Haikus gedichtet. Marigard hat sich wahnsinnig gefreut und ist sehr stolz auf ihre eigenen Gedichte. Noch zu Weihnachten hat Dieter mir geschrieben, und nie hätte ich damit gerechnet, dass er so schnell für immer fort sein würde. Jetzt ist er plötzlich und unerwartet gestorben. Er wird mir fehlen.

Veröffentlicht unter Köln, Lyrik | Verschlagwortet mit , , , | Schreib einen Kommentar