Hochsensibel im Hochsommer

Marco Polo

Aus hochsensiblen Temperaturgründen bin ich jedes Jahr den ganzen Sommer lang völlig schachmatt. Meine Alarmanlage springt schon bei etwa 25° heftig an und gerät bei über 30° sogar völlig außer Kontrolle. Was andere Menschen als schönen Sommertag empfinden, ist für mich nur Quälerei. Meine innere Zündschnur ist dann nur ganz kurz, vor allem, wenn mich dann auch noch jemand oder etwas in meiner Umgebung nervt. Bei Lärm und lauter Musik klinke ich dann völlig aus.

Schreiben geht im Sommer gar nicht (was mich in prä-hochsensibler Zeit oft in Panik versetzt hat), Überarbeiten von Texten oder Korrekturlesen funktioniert noch so grade. Das einzige, was noch Spaß macht, ist das Abtauchen in eine Welt jenseits der Hitze, in Bücher (einen Sommer lang las ich immer wieder „Die Nebel von Avalon“) oder kühle Filme (ich erinnere mich noch sehr gut an den Sommer, in dem ich nur Filme mit viel Wasser sah, etwa „The Deep Blue“, und dabei die Füße in einem Eimer mit kaltem Wasser hatte). Seit etwa drei Jahren habe ich nun die hochsensiblen Mäuse, die mich hervorragend ablenken, denn bei den hohen Temperaturen trocknen meine selbstgebauten Häuser und Möbel im Handumdrehen. Ich brauche nicht nachzudenken, ich kreiere einfach alles, was mir so in den Kopf kommt, und freue mich auf den Herbst. Mit Pappmaché, Holz und Farben wollte ich ohnehin immer schon mal „richtig“ arbeiten und experimentieren und bin nie dazu gekommen. Im Kleinen kann man sogar Vermessungsfehler ganz gut reparieren. Es gibt inzwischen außerdem wunderschöne Kreidefarben in allen möglichen Farben, die ungiftig, wasserlöslich und nahezu geruchsneutral sind. Außerdem kann ich alles auf dem großen Gartentisch aufbauen und nach Herzenslust fotografieren, was im Herbst und Winter nicht geht, weil die Mäuse nicht wegfliegen oder naß werden dürfen.

Die Mäuse helfen beim Ladenbauen

Im vorigen Jahr habe ich Piraten- und Strandhäuser gebaut, dieses Jahr einen Wohnwagen und einen Buchladen. Er ist fast fertig, und ich habe schon ziemlich viele Mini-Bücher und Regale gemacht. Sogar nach eigenen Entwürfen, mit Pappe und Balsa Holz. Beim Basteln und Bauen kann ich mich ganz gut entspannen und merke nicht mehr so sehr, wie arg mir die hohen Temperaturen zusetzen.

Der neue Mausladen

Ich kann mich nur an zwei Sommer erinnern, die ähnlich heiß und drückend waren. Im ersten war ich noch Studentin und musste mich dringend auf meine Zwischenprüfung vorbereiten. Ich wohnte im Studentenheim direkt unter dem Dach und kam vor Hitze fast um. An Schlaf war nachts nicht zu denken. Der einzige Ort in Köln, der dauerhaft kühl blieb, war der Dom. Dort habe ich mich dann tatsächlich fast jeden Tag in meine Lieblingsecke gesetzt und alles Mögliche auswendig gelernt. Den größten Teil der Nächte verbrachte ich im Volksgarten, denn das Studentenheim war nur wenige Minuten entfernt. Der zweite brüllheiße Sommer war 2003. Ein Jahrhundertsommer! Ich war völlig fertig mit der Welt. Genau in dem Jahr spielt zufällig mein nächstes Buch, für das ich jetzt nur noch einen Verlag finden muss. Aber das komplizierte Anschreiben, in dem jeder Satz sitzen muss, verschiebe ich besser auf einen kühleren Tag. Es ist ohnehin vor allem ein Herbstbuch, denn ich habe es von Halloween 2002 bis Halloween 2003 geschrieben. Eine selbstgesetzte Frist. Halloween ist für die Buchfamilie noch wichtiger als Weihnachten und alle Geburtstage zusammen.

Vielleicht macht mir meine kleine Mauswelt auch deshalb so viel Freude, weil wir die Weltpolitik und der Klimawandel seit einiger Zeit so viele Sorgen und Angst macht. Die Mauswelt ist friedlich und überschaubar, der Umgangston ist freundlich und rücksichtsvoll, keiner pöbelt oder beleidigt, und die vielen kleinen Mauswanderer aus aller Herren Länder leben einträchtig zusammen, helfen und trösten einander und genießen jeden neuen Tag. Da sie alle ihre eigene Biografie und Geschichte haben, sind sie für mich inzwischen ohnehin richtige kleine „Persönlichkeiten“. Sie sprechen mit mir, und ich denke mir viele kleine Geschichten aus, die hoffentlich auch bald in einem Buch ihren Platz finden.

Bühnenzauber

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2 Kommentare zu Hochsensibel im Hochsommer

  1. Monika sagt:

    Liebe Beate,

    deine Mäuse sind sowas von entzückend. Wenn ich diese Bilder sehe, erinnere ich mich an meinen Wunsch, mir mal ein großes Puppenstubenhaus selbst zu bauen …

    An den Sommer 2003 kann ich mich auch noch sehr gut erinnern. Damals war ich gottseidank arbeitslos. Ich habe den ganzen Tag auf dem Bett gelegen im Halbdunkel (mangels Sofa), die Rolläden blieben den ganzen Tag unten und ich habe gedacht, ich sterbe irgendwie. Ich habe dazu sogar eine ganz gruselige Geschichte geschrieben. Ich bin sehr glücklich, dass ich heute in einer Wohnung am Waldrand lebe, in der es nie wärmer als 26° ist, egal, wie warm es draußen ist. Wenn ich vor die Tür muss, bin ich immer ganz schockiert …

    Liebe Grüße,
    Monika

    • Bee sagt:

      Danke für deine Rückmeldung, liebe Monika. Das Puppenhaus kannst du ja immer noch bauen. Ich entdecke dauernd neue Fähigkeiten bei mir. Inzwischen kann ich sogar Möbel entwerfen! Am Waldrand würde ich auch gern wohnen….. Herzliche Grüße, Beate.

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