Das schönste Weihnachtsfest von allen

Anfang Dezember war es soweit. Wir fuhren nach Grotekerk zum Säuglingsheim, um meine kleine Schwester zum ersten Mal zu besuchen. Leider durfte nur meine Mutter das Haus betreten. Kinder mussten draußen bleiben, denn sie hätten ja eine ansteckende Krankheit haben können. Ich verstand das nicht. Ich war doch gesund! Ich musste mit meinem Vater im warmen Auto sitzen, knibbelte vor Aufregung an den Fingern und fing vor lauter Unruhe an, die Fenster an den Häusern zu zählen. Es waren verdammt viele. Warum verging die Zeit bloß so langsam? „Ich seh wat!“ rief ich plötzlich. An einem der Fenster bewegte sich tatsächlich eine Gardine, und auf einmal stand meine Mutter da und hielt etwas hoch, das wie ein riesiges Schlummerle aussah. Viel mehr konnte ich auf die Entfernung nicht erkennen. Aber das Gesicht meiner Mutter leuchtete bis zu uns ins Auto. Das da oben war also meine kleine Schwester! Mein Vater war so gerührt, dass er anfing, sich zu räuspern. Das tat er immer, wenn ihm feierlich zumute war. Offenbar hatte auch er genug vom fernen Warten. „Komm, Kind“, sagte er schließlich, und wir stiegen aus.

An der Tür wartete schon eine fremde Frau auf uns. „Sie dürfen sich ausnahmsweise mit dem Mädchen unten an die Treppe stellen“, teilte sie meinem Vater mit. „Damit Sie die Kleine besser sehen können.“ Oben stand meine Mutter mit dem Baby, das gerade versuchte, ihr die Brille von der Nase zu reißen, und laut „Gak!“ rief. „Is‘ die aber süß!“ stammelte ich. Mein Vater sagte gar nichts. Er räusperte sich nur. Das Baby war blond, pummelig und trug einen gelben Strampelanzug mit einem aufgestickten Teddy. „Erst sieben Monate alt und kann schon ganz allein aus der Flasche trinken!“, erklärte die Frau stolz. „Wirklich ein liebes Kind. Und immer so gut gelaunt!“ Was hatte ich für ein Glück! Das fand auch meine beste Freundin Winnie. „Aber et is‘ ja auch ’n Mädchen“, meinte sie. Offenbar dachte sie dabei an ihren kleinen Bruder Gregor, der bei uns aufgrund seiner Stimmgewalt nur „der Brüllaffe“ hieß.

Die Türchen vom Adventskalender waren schon fast alle auf, als es endlich soweit war. Meine Mutter packte eine Tasche mit Babysachen, denn sie würden ihr die Kleine splitternackt übergeben. „Warum dat denn?“ fragte ich entsetzt. Meine Eltern wußten es auch nicht. Vielleicht brauchten sie die Sachen dringend für all die anderen Kinder? Wir packten viel zu viel ein, damit Nana sich nur ja nicht erkältete bei der nackten Übergabe und bei ihrem ersten Ausflug ins Freie.

Wir holten sie genau vier Tage vor Weihnachten ab. Wieder verschwand meine Mutter in dem Gebäude, doch diesmal kam sie nicht allein zurück. Sie trug die pausbäckige Nana auf dem Arm, die uns aus blauen Augen freundlich anschaute. So stolz hatte ich meine Mutter noch nie gesehen. Sie hatte Tränen in den Augen, genau wie mein Vater. „Darf ich die mal anfassen?“ fragte ich. „Ja, sicher“, sagte meine Mutter. „Nana ist doch jetzt deine Schwester!“

Sie setzte sich mit der Kleinen zu mir nach hinten auf den Rücksitz. Nana steckte unten in einer rosa Decke und oben in einem dunkelblauen Poncho mit Kapuze, den meine Mutter selbst gestrickt und mit weichem roten Stoff gefüttert hatte. Nana sah so niedlich aus, dass ich am liebsten geheult hätte. Ich versuchte vorsichtig, ihre kleine Hand zu streicheln. Sie strahlte mich an, packte mit energischem Griff meine Finger und steckte sie sich in den Mund. Sie hatte schon ein paar Zähne, aber zum Glück biß sie mich nicht. Sie nuckelte nur. Ihre Augen waren fast so blau wie die Glockenblumen in unserem Garten, und in der rechten Wange hatte sie ein imposantes Grübchen, das bei jedem Lachen zuverlässig erschien. Also ziemlich oft. Es war so tief, dass ich meine Zeigefingerspitze hineinstecken konnte, was Nana extrem lustig fand. Leider konnte sie noch kein Wort sprechen, so dass sie meine vielen Fragen nicht beantworten konnte. Aber sie konnte eindrucksvoll krähen und kreischen und stieß Laute aus, die meistens wie Chinesisch und ab und zu wie „Ragenragenragen“ klangen.

In der ersten Nacht stand Nanas Gitterbett im Schlafzimmer meiner Eltern, und ich durfte in der Besucherritze schlafen. Meine kleine Schwester ließ sich zu unserem Erstaunen problemlos ins Bett bringen, steckte sich routiniert den Daumen in den Mund, sah uns der Reihe nach an und schlief sofort ein. Sie schlief die ganze Nacht durch. Tief und fest. Wir hörten sie atmen und leise schnaufen. Meine Eltern und ich schliefen nicht. Kein bisschen. Wir wagten kaum, uns zu bewegen. Ab und zu flüsterten wir miteinander und standen immer wieder auf und sahen nach, ob sie noch da war. Nur gut, dass meine Mutter das Licht im Flur angelassen hatte. Als es endlich hell wurde, setzte Nana sich mit einem Ruck auf, rief forderend „Ragenragen“ und machte deutlich, dass sie Lust auf Gesellschaft hatte. Wir holten sie zu uns ins Bett, kuschelten ausgiebig mit ihr und ließen sie herumkrabbeln. Offenbar fühlte sie sich kein bißchen fremd. Es war wie ein Wunder.

Weil wir sie noch nicht „richtig“ adoptieren konnten, hatte ich schreckliche Angst, jemand könnte kommen und sie uns wegnehmen. Noch hatte sie ja nicht unseren Namen, so lange war sie also auch nicht sicher und musste unbedingt von mir bewacht werden. Ich hatte vor allem Angst vor ihrer richtigen Mutter. Die war nämlich nicht tot. „Un‘ wenn die jetzt einfach kommt und die Nana doch haben will?“ Ein Leben ohne meine kleine Schwester konnte ich mir schon gar nicht mehr vorstellen. „Sie weiß doch gar nicht, wo Nana ist“, versuchte meine Mutter mich zu beruhigen. „Mach dir keine Sorgen.“ Aber Sorgen machte ich mir trotzdem. Riesensorgen. Auf der Straße hielt ich dauernd Ausschau nach fremden Frauen mit Grübchen. Aber es kam keine Frau mit Grübchen, sondern nur die nette Fürsorgerin, und die fand alles in bester Ordnung und wollte uns die Kleine nicht wegnehmen. „Warum können wir die Nana denn nich‘ gleich adoptieren?“ fragte ich. „Weil das leider nicht geht, Kind“, sagte die nette Fürsorgerin. Die übliche Erklärung bei schwierigen Fragen.

Nach der ersten Nacht zog Nana mit ihrem Gitterbett in mein Zimmer, so dass ich sie nach Herzenslust beobachten konnte. Wenn sie schlief, lag sie meistens auf dem Bauch und hatte den Kopf zur Seite gedreht, ein Händchen zur Faust geballt, das andere am Mund, denn sie lutschte fast die ganze Zeit Daumen. Wenn man versuchte, das Däumchen herauszuziehen, saugte sie sich sogar im Schlaf so fest, dass man mit aller Kraft ziehen musste. Wahrscheinlich hätte man sie an ihrem Arm aus dem Bett heben können, doch so stark war ich nicht. Irgendwann machte es schließlich „Plopp“, und Nana war von ihrem Daumen getrennt, wachte auf, grinste, steckte sich den Daumen wieder in den Mund und schlief weiter. Zum Glück nahm sie mir meine Daumenexperimente nie übel. Sie hatte wunderbar weiche Locken, die man mit den Fingern oben auf ihrem Kopf zu einem Hahnenkamm drehen konnte. Dann sah sie aus wie die kleine Schwester von Max und Moritz. Nicht die einzige Gemeinsamkeit, wie sich bald herausstellen sollte.

Immer wieder setzte sie sich zwischendurch in ihrem Bett auf, starrte merkwürdig ins Leere und schaukelte ihren kleinen Oberkörper vor und zurück. „Warum macht die Nana dat?“ fragte ich verwundert. „Das kommt vom Heim“, erklärte mein Vater. „Da waren die Babys so viel allein, dass sie sich selbst beruhigen mussten. Weil sich keiner um sie kümmern konnte. Es gibt da einfach zu viele Kinder.“ Ein schrecklicher Gedanke. „Die arme Nana!“ Wenn sie so einsam zu schaukeln begann, holten wir sie sofort aus dem Bett, trugen sie im Zimmer herum oder ließen sie krabbeln. Auf dem Schoß hielt sie es nie lange aus, denn es gab überall so viel zu erforschen. Aber das Schaukeln sollte noch eine Weile dauern. Und das Daumenlutschen erst recht.

Weihnachten kam immer näher. Wir holten Moos und Zweige für die Krippe, der Förster aus Luisenburg brachte die Tanne, und wir schmückten sie mit Holzanhängern und Kugeln. Ich baute ganz allein die Krippe auf, machte aus einem Spiegel einen silbernen See, auf dem Enten und Schwäne schwammen, und sah das Kind in der Krippe mit ganz neuen Augen. Unser Wohnzimmer war mollig warm und roch nach Babypuder, Wald, Winter, Keksen, Kerzen und frischer Wäsche.

Ich war sieben Jahre alt, Nana saß auf meinem Schoß, nuckelte an ihrer Flasche und kuschelte sich ganz eng an mich. Endlich hatte ich eine Schwester! Das hatte ich mir so sehr gewünscht wie nichts sonst auf der Welt. Mein Vater hatte den Arm um meine Mutter gelegt, eine Geste, die ich nur selten bei meinen Eltern gesehen habe. Ich spürte ihre Nähe, fühlte mich geborgen und beschützt. Ich schaute meine Eltern an, und die Freude sprang warm und leuchtend zwischen uns hin und her wie ein riesiger Ball aus Licht, bis ich es kaum noch aushielt vor Glück.

Geschenke waren unwichtig in diesem Jahr, denn bei uns war das Christkind persönlich eingezogen. Es versuchte, in den Baum zu krabbeln, riß an den Strohsternen und Weihnachtskugeln, aß fast alle meine Plätzchen, und an Heiligabend fing es an zu schneien. Für mich war es das schönste Weihnachtsfest von allen. Und das ist es bis heute geblieben.

Weihnachten mit Nana (Foto: privat)
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