Osterglocken und Narzissen (Anni Hansen)

Narzissenwiese (Anni Hansen)

Fast alle Frühlingsblumen erschienen in diesem Jahr viel früher als sonst, und die meisten sind leider schon längst wieder verblüht. Hier im Garten kann man nur noch einige „Thalia“, spätblühende weiße Engelstränen-Narzissen, bewundern. Die meisten meiner Narzissen wachsen in Töpfen und Schalen, bald werde ich die Zwiebeln wieder aus dem Boden nehmen, an einer kühlen, dunklen Stelle überwintern und im nächsten Herbst wieder einpflanzen. Ich habe inzwischen eine kleine Sammlung – vor allem englische Zwergnarzissen mit wohlklingenden Namen wie „Rip van Winkle“, „Jack Snype“ und „Peeping Tom“.

Narzissen (der Name geht auf das griechische Wort narkein, betäuben, zurück), zu denen auch die gelb blühenden Osterglocken zählen, gehören nicht nur zu den beliebtesten Frühlingsblumen, sondern sicher auch zu den geheimnisvollsten. Lange vor unserer Zeit wurden sie bereits als Blumenschmuck genutzt, so fand man in einem altägyptischen Grab einen Kranz aus weißblühenden „Tazetten“, eine besondere Art von Narzissen mit mehreren büschelförmig wachsenden Blüten. Zudem begegnet man ihnen in alten Buchmalereien,  auf den Wandgemälden in Pompeji und auf mittelalterlichen Bildern, vor allem aber in der Dichtung und Mythologie, etwa dem Mythos von Demeter und Persephone.

Narzissen am Wasser (Anni Hansen)

Wenn sich die ersten Blumen zeigen, kehrt die junge Persephone aus der dunklen Unterwelt zurück zu ihrer Mutter Demeter. Das Mädchen Persephone ist gleich doppelt mit den Narzissen verbunden. So künden diese Blumen nicht nur von ihrer Rückkehr, sie waren auch der Köder, mit dem Hades, der Herrscher der Unterwelt, das junge Mädchen in seine Gewalt brachte. Er hatte sich in sie verliebt, wußte jedoch, dass sie ihm nicht freiwillig in sein dunkles Reich folgen würde. Als sie eines Tages mit ihren Freundinnen Blumen pflückte und sich gerade über eine betörend duftende Narzisse mit vielen Blüten beugte, stieg Hades plötzlich aus der Unterwelt empor, ergriff sie und entführte sie.

Ihre verzweifelte Mutter, die Fruchtbarkeitsgöttin Demeter, wanderte klagend umher und suchte nach ihrer Tochter, konnte sie aber nirgends finden. Da wurde sie so traurig, dass sie den Pflanzen zu wachsen verbot, den Bäumen untersagte, Früchte zu tragen, und den Tieren, sich zu vermehren. Als alles verdorrte und die Menschen anfingen zu sterben, fürchteten die anderen Götter, die Erde würde vergehen, und Zeus befahl Hades, Persephone zumindest zeitweise freizulassen. So darf sie nun einen Teil des Jahres bei ihrer Mutter auf der Erde verbringen, in der restlichen Zeit lebt sie in der Unterwelt als Königin der Toten. Während ihrer Abwesenheit herrschen auf der Erde Winter und tiefe Trauer, doch wenn sie im Frühling zu ihrer Mutter zurückkehrt, beginnt die Natur wieder zu blühen und hüllt sich ihr zu Ehren in ihr schönstes Freudenkleid.

Narzissenpracht  (Anni Hansen)

Narzissen sind leider giftig, unter anderem enthalten sie Alkaloide wie Narcissin und Narcipoetin, und ihr Schleim kann empfindliche Haut so reizen, dass man eine Kontaktallergie entwickelt, die „Narzissendermatitis“. Man kann sie in der Vase auch nur schlecht mit anderen Blumen kombinieren, da die meisten Blumen ihren Schleim nicht vertragen. Ich wundere mich oft, dass ich gegen Narzissen und auch Efeu gar nicht allergisch bin, allerdings vertrage ich keinerlei Berührung mit Raublattgewächsen.

In der chinesischen Kultur gelten Narzissen als Glückssymbol, in der islamischen Welt haben sie Augen (besonders die weißen Dichternarzissen mit der auffälligen Nebenkrone in der Mitte), in christlichen Darstellungen sieht man sie sogar unter dem Kreuz blühen, vielleicht sind sie dort ein Zeichen der Wiedergeburt.

Frühlingserwachen (Anni Hansen)

In der Antike waren die Narzissen außerdem eng mit dem Jüngling Narziss (Narcissus, Narkissos) verknüpft, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte, das er auf der Oberfläche eines Sees erblickte. Es gibt unterschiedliche Versionen, wie er zu Tode kam.   Eine Geschichte erzählt, dass er bei dem Versuch, sich selbst zu umarmen, ertrank. Eine andere, dass er versuchte, nach seinem Spiegelbild zu greifen, dabei Wellen entstanden und das Spiegelbild sich so sehr verzerrte, dass es häßlich wurde. Aus Verzweiflung darüber stürzte er sich in die Fluten. Mir gefällt die ersten Version besser.

Übrigens war er nicht allein. Die Nymphe Echo, die sich unsterblich in den schönen Jüngling verliebt hatte, jedoch von ihm abgewiesen und verhöhnt worden war, weil sie aufgrund eines Fluchs, der auf ihr lastete, immer nur die letzten Worte von anderen wiederholen konnte, trauerte so sehr um ihn, dass sie dahinsiechte, sich in Stein verwandelte und am Ende nur ihre Stimme übrig blieb. Das Echo, das von den Felsen widerhallt. Doch auch der schöne Jüngling verschwand nicht ganz. An der Stelle, wo sein Körper gelegen hatte, nachdem man ihn aus dem Wasser gezogen hatte, wuchs später eine wunderschöne Narzisse. Der Beschreibung nach war es eine duftende weiße Dichternarzisse.

Dancing in the Breeze (Anni Hansen)

In Annis Bildern, die alle in ihrer Heimatstadt Lübeck aufgenommen wurden, kann ich nicht nur richtig in Narzissen schwelgen, sie erinnern mich auch sofort an die wunderbaren Nazissenbänke in Cambridge, die ich so liebe, und an das Gedicht von William Wordsworth „Daffodils“. Sein Haus habe ich vor einigen Jahren in England besucht, aber leider nicht, als die Daffodils blühten. Genau wie Lübeck. Ich war schon oft dort, aber noch nie zur Narzissenzeit. Irgendwann muss ich beides unbedingt nachholen. Und vielleicht lerne ich dabei auch endlich meine ferne Freundin Anni und ihre Katzen persönlich kennen.

 

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