Angst und Corona – Schlafstörungen und Alpträume

Nachtwald (Alain Audet/pixabay)

Auf Englisch gibt es längst einen Namen für das nächtliche Problem, mit dem sich im Moment viele Menschen in aller Welt quälen: Corona Insomnia. Corona-Schlaflosigkeit. Manchmal ist es auch bei mir so schlimm, dass ich mich nach stundenlangem Bettwälzen morgens wie gerädert fühle. Nun hatte ich schon immer einen „leichten Schlaf“, ein Erbe meiner Mutter, die nachts mehr wachte als schlief, weil sie sich unablässig um jeden und alles sorgte. Dass es sich dabei um eine Generalisierte Angststörung handelte, war ihr nie bewußt. Es fühlte sich nicht an wie Angst, sondern wie körperliche Angespanntheit und „Sorgen“. Ich dagegen weiß sehr wohl, dass es meine Angst ist, die mich wachhält und aufweckt, und die kommt im Moment ja wirklich nicht von ungefähr.

Meine Alpträume hatte ich viele Jahre gut im Griff. Corona hat das geändert. Neuerdings habe ich sogar wieder die alten Intruder-Träume, in denen feindliche Schlägertypen in mein Haus eindringen, die Wände einreißen, die schützende Hecke im Garten gewaltsam zerstören oder auch nur bedrohlich vor der Türe herumlungern und nur darauf warten, dass ich mich endlich nach draußen traue. Manchmal haben sie sich auch heimlich meine Schlüssel beschafft. Oder die Türen stehen weit offen, ohne dass ich etwas dagegen tun kann, oder lassen sich partout nicht mehr abschließen. Diese Traummotive kenne ich nur allzu gut. Sie haben mich vor vielen Jahren so nachhaltig um den Schlaf gebracht, dass ich mich zum ersten Mal auf die Suche nach einer Therapeutin machte. Eine der besten Entscheidungen meines Lebens, wie sich bald herausstellte.

Heute horche ich genauer hin, wenn meine Träume mit mir sprechen. Wenn ich sie gerade richtig verstehe, wollen sie mir wohl deutlich machen, dass mein innerer Schutzwall wieder zu durchlässig ist, genau wie damals. Corona geht mir leider auch ziemlich unter die Haut, wie mir meine empfindsame äußere Hülle signalisiert. Mit juckenden Ekzemen und Entzündungen an den üblichen Stellen, vor allem am Hals und im Gesicht. So viele Angstsymptome. Da muss ich was machen. Höchste Zeit, meine Träume näher zu betrachten, damit sie sich wieder beruhigen können, und Nachtbilder zu suchen, die zu ihnen passen.

Nachtfalter (Ray Hennessy/unsplash)

Corona-Träume sind sehr unangenehm. Weil sie so nerven, habe ich sie gegen meine sonstige Gewohnheit seit Wochen nicht mehr aufgeschrieben, aber das haben sie mir offenbar übel genommen, daher notiere ich sie jetzt doch lieber wieder. Meine Träume sind es gewohnt, beachtet zu werden, und reagieren ziemlich ungehalten, wenn ich sie „übersehe“. Aber wenn ich mich ihnen wieder zuwende, verzeihen sie mir und belohnen mich mit schönen Bildern, um mir deutlich zu machen, dass wir wieder auf derselben Wellenlänge sind. Jedenfalls meistens. Mal sehen, was sie sich diesmal einfallen lassen. Im Moment sind sie noch sauer auf mich.

Letzte Nacht war ich im Traum mit meinem Mann in London, auf einer großen Straße, die nur so wimmelte vor Menschen. Keiner trug Mundschutz, keiner wahrte Abstand. Es war dunkel und regnete (wie so oft in meinen Träumen). Ich fühlte mich unbehaglich beim Anblick der Menschen und dachte schon beklommen an den anstehenden Rückflug. Mit all den anderen Passagieren im selben Flugzeug, und die Klimaanlage wirbelt uns dann die verbrauchte Luft auch noch immer wieder ins Gesicht. Ich war mir sicher, dass ich mich infizieren würde, und es gab gar nichts, das ich dagegen tun konnte. Dann verschwand plötzlich mein Mann von meiner Seite und das Handy funktionierte nicht mehr (passiert mir immer im Traum). Wie sollten wir einander jetzt noch finden oder auch nur erreichen? Ich wollte mich in ein Museum retten, weil ich dachte, dort gäbe es sicher genug Platz. Aber weit gefehlt, im Foyer hielt gerade jemand einen Vortrag, und überall waren Menschen. Alle ohne Sicherheitsabstand und Mundschutz. Höchste Zeit, wach zu werden.

Vorletzte Nacht versetzte mich ein bedrohlicher Fremder im Traum so in Panik, dass ich wach wurde. Auch er trug keinen Mundschutz und kam mir gefährlich nahe, obwohl ich ihn mit beiden Händen abwehrte und immer weiter zurückwich, bis ich förmlich mit dem Rücken an der Wand stand, nur um mir dann grinsend mitzuteilen, dass er gerade mehrere Tage auf einer Konferenz mit lauter infizierten Virologen (!) verbracht habe. Er habe sich dabei auch infiziert, aber das schien ihn nicht weiter zu stören. „Jetzt steckt er mich an!“ blitzte es mir durch den Kopf. Eine ganz neue Art von „Eindringling“ und übergrifflicher Gewalt, mit der ich noch umzugehen lernen muss.

Einige Tage zuvor fand ich mich im Traum in einem riesigen überfüllten Krankenhaus wieder, auf der Suche nach meinem verschwundenen Mann, so dass ich nicht mal fliehen konnte, weil ich ihn ja verzweifelt suchte. Im Flur war die Luft zum Schneiden dick, man konnte kaum atmen, und überall saßen Corona-Kranke, die laut husteten, mehr tot als lebendig wirkten und mit langen Armen nach mir griffen, um mich zu packen und festzuhalten. Ein gruseliger Flur wie in einem Horrorfilm. Wieder wurde ich wach. Leider ohne meinen Mann im Traum gefunden zu haben. Zu meiner Erleichterung hörte ich ihn neben mir atmen und entkrampfte mich wieder. Überhaupt verliere ich ihn neuerdings dauernd im Traum, und auch das macht mir zu schaffen. Ist das jetzt nur meine „normale“ Angst oder etwa irgendeine düstere Vorahnung? Verlustangst und Corona-Angst sind keine gute Kombination. Dass ich gelegentlich prophetische Träume habe, trägt auch nicht gerade zu meiner Beruhigung bei. Ob es wirklich eine Vorahnung war, weiß man immer erst nachher. Hoffentlich nicht!

Nachthaus (cocoparisienne/pixabay)

Corona-Alpträume haben im Moment viele Menschen, tröstet mich das Internet. Auch da bin ich alles andere als allein. Wir befinden uns schließlich weltweit im Ausnahmezustand, sind machtlos und fremdbestimmt einem völlig neuen Problem ausgeliefert, mit dem wir nicht umgehen können, und werden gerade gleich massenweise traumatisiert. Vor allem die Kinder. Es gibt Kinder, die stundenlang weinen, weil sie Angst haben, dass jetzt alle an Corona sterben. Kinder, die so schlimme Angst haben, dass sie mit einem Mal nicht mehr allein auf Toilette gehen wollen, und ihre Mutter bitten, mitzukommen und ihnen die Hand zu halten. Große Kinder, die plötzlich dauernd auf den Schoß steigen und kuscheln wollen, die an ihren Eltern hängen wie die Kletten. Ich kann sie so gut verstehen. Wahrscheinlich haben auch sie nachts Alpträume.

Wir fühlen uns bedroht, unser Leben ist auf den Kopf gestellt, wir haben Angst umeinander und voreinander, fühlen uns einsam und abgeschnitten, die Zukunft ist wie ein undurchdringlicher Nebel. Nicht nur Menschen mit Angstneigung bringt das um den dringend nötigen Schlaf. Schlafstörungen sind auch so ein häufiges Problem. Ich hatte als Kind starke Angst vor dem Bett und vor der Nacht, denn ich wußte ja, was mich da erwartete. Jetzt kommt diese Angst zurück. Ich bin wieder das kleine Mädchen, das nicht ins Bett will, weil da doch nur Gefahr lauert.

Nachtlichter (enriquelopezgarre/pixabay)

Ich schlafe nur schwer ein, obwohl mein Mann mir jeden Abend fürsorglich vorliest, und oft werde ich mitten in der Nacht plötzlich mit rasendem Herzen wach, weil ich einen Alptraum hatte, weil mir zu heiß ist oder einfach so, ohne einen für mich ersichtlichen Grund. Und dann kann ich nur mit Mühe wieder einschlafen. Ich weiß, dass man in diesem Zustand wegen des „blauen Lichts“ nicht zum Handy greifen sollte, aber meistens mache ich es dann nach einer Stunde Wachsein und Wälzen doch und lese Zeitung, bis ich müde werde. Als erstes werden die Augen müde, denn das Starren auf das Handy-Display ist anstrengend. Seit ich einen beleuchteten kindle habe, kann ich zum Glück „richtig“ lesen. Gestern habe ich mir das „Mabinogion“ und ein altes Buch mit Haikus heruntergeladen, weil ich mich bei Angst gern in alte Mythen und japanische Gedichte flüchte. Hat sich in der Vergangenheit häufig bewährt. Am besten sind eigentlich extrem langweilige oder schwierige Bücher, bei denen man schon nach drei Seiten so erschöpft ist, dass man zu gähnen beginnt. Während meines Studiums eigneten sich dazu am besten Philosophiebücher, aber mit dem Seienden im Seienden oder dem kathegorischen Imperativ will ich mich jetzt nicht auch noch nachts rumschlagen. Dann doch lieber Mythen.

Zum Glück gibt es auch nachts noch sichere Orte, an die ich gehen kann, um endlich Ruhe und Frieden zu finden, zum Beispiel in die Hütte im Käuzchenwald, das Schlafzimmer am Meer und den Garten zwischen den Mauern, und auch die Übungen zur Muskelentspannung helfen. Aber darüber mehr im nächsten Beitrag.

Nachtfalter (stergo/pixabay)

 

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