Kleine pandemische Sprachbetrachtung (3)

Wand im Belgischen Viertel (BFL)

Immer noch fallen mir fast täglich coronabedingte Begriffe oder sogar Neuschöpfungen auf, aber auch neue und ältere Anglizismen, die im Moment vermehrt ans Sprachufer gespült werden. Leider fehlt mir aufgrund meiner ausgeprägten Corona-Fatigue die Zeit und Geduld, sie ordentlich zu sortieren, aber es soll ja auch nur eine kleine Momentaufnahme sein. So wie bei den vorherigen Beiträgen.

Aha-Regeln (BFL)

Auf großen Plakaten werde ich bereits unmittelbar vor der Haustür auf die AHA-Regeln aufmerksam gemacht. Soweit ich sehe, halten sich zumindest in meinem Stadtteil fast alle daran, auch wenn ich gelegentlich in der Bahn auf dem Weg in die Innenstadt schon mal jemanden ohne Maske lautstark ins Handy brüllen sehe (und vor allem höre). Komischerweise sind es fast immer Männer. Meistens sehen sie einander sogar recht ähnlich. Die Macho-Variante, die auch gern Manspreading macht (ausladende Körperhaltung mit Beinspreizen, gern in Zügen und Bahnen). Leider sind die Monologe, die man da anhören muss, zwar sehr laut, aber nie interessant. Es gibt auch Mitbürger (ebenfalls meist Männer), bei denen die Alltagsmaske ausschließlich unter dem Riechkolben hängt. Oder gar unter dem Kinn. Am liebsten würde ich was sagen, traue mich aber nicht.

Bei den Corona-Kombis begegnen einem in der letzten Zeit vermehrt die Corona-Demonstrationen und Coronaproteste, bei denen (neben Normal- und Wutbürgern) vor allem Maskenverweigerer, Coronarebellen, Coronaskeptiker und Impfgegner ihren großen Auftritt haben. Ihr Protest richtet sich gegen die vermeintliche Coronadiktatur („Die wollen unsere Gesellschaft zerstören!“), mitunter kommt es auch zu aggressiven Übergriffen gegen die Presse (die sogenannte „Lügenpresse“). Ende August gelangten sogar einige Flaggenträger auf die Stufen des Reichstags und weckten ungute Erinnerungen. Übrigens hat heute noch jemand ernsthaft versucht, mich davon zu überzeugen, dass Corona eine Erfindung unserer Regierung sei. „Das machen die nur, um uns zu kontrollieren und unsere Wirtschaft zu ruinieren. Es soll wieder so werden wie nach dem zweiten Weltkrieg. Das Virus ist in Wirklichkeit ein Witz! Pure Erfindung!“ Warum sollte eine Regierung ihre Wirtschaft ruinieren wollen? Und warum wie nach dem Krieg? Genau konnte er mir das auch nicht erklären. „Das ist eben so.“ Wir hatten einen kurzen, unbefriedigenden Disput und waren beide reichlich geladen, als wir uns trennten. Ich konnte ihn nicht überzeugen, er konnte mich nicht überzeugen. Nur gut, dass ich seine Gedanken nicht lesen konnte.

(united-nations-covid-19-response/unsplash)

Immer öfter, auch bei Politikern, sieht man jetzt den Coronafußgruß und den Coronaellenbogengruß.  Ganz neu sind (zumindest in meiner coronamüden Wahrnehmung) das Coronakontakt-Tagebuch (führe ich jetzt auch) und die Coronahygienpauschale (bekomme ich nicht). Auf Straßen und Bürgersteigen sieht man leider täglich mehr Coronamüll (einsame Mundschutzleichen), wobei es sich vor allem um benutzte Einmalmasken handelt. Leider auch vor unserem Haus, weil wir an einer Haltestelle wohnen. Wir transportieren die Objekte mehrmals täglich mit Abstand, Ekel und Greifer in den Restmüll. Obwohl sie streng genommen in den Sondermüll gehören.

Wand im Belgischen Viertel (BFL)

Auch neue Formen von Scham bereichern meinen Wortschatz, z.B. die Coronascham (man schämt sich, weil es einem gar nicht so schlecht geht trotz Pandemie) oder auch das Coronashaming (Anprangern von Personen, die sich nicht an die Regeln halten, wild feiern oder wild durch die Gegend reisen, oft in sozialen Netzwerken oder in der Presse bis hin zum echten „Shitstorm“ – Vorsicht beim Gebrauch des letzten Begriffs im Englischen, es ist ein „falscher“ Anglizismus). Dabei kann es auch passieren, dass Maskenmuffel oder Maskenträger angefeindet oder tätlich angegriffen werden (weil sie keine bzw. weil sie eine Maske tragen). In den USA sind bei Maskenkeilereien schon Personen zu Tode gekommen. Nach wie vor tragen dort vor allem weiße ältere Männer aus einer gewissen Partei keine Maske, weil sie damit erstens ihre politische Einstellung gut sichtbar kundtun und weil sie zweitens auf keinen Fall wie Weicheier aussehen wollen. Number 45 trägt jetzt neuerdings ab und zu eine in Schwarz (ist ja bald Wahl, also muss er wohl) und findet sich damit sogar attraktiv, wie er verlauten läßt, weil er bemaskt aussieht wie der Lone Ranger („I sort of like that.“). Flugscham (Flight Shame), ursprünglich geprägt von Rita Thunberg, steht jetzt sogar im neuen Duden, auf den ich in einem anderen Post noch eingehen werde. Dagegen ist Urlaubsscham (weil man ja eigentlich während der Pandemie nicht verreisen sollte) recht neu, und Vacation Shaming  ebenso. Damit bezeichnet man den Gruppendruck, der armen Urlaubern Schuldgefühle macht oder sie gar mit Verachtung straft. Es soll sogar Leute geben, die ihre Urlaube jetzt lieber geheim halten als wie sonst darüber ausufernd zu reden.

Immer mehr Corona-Fake-Shops im Internet nutzen die Gunst der Stunde, um ihre leichtgläubigen Opfer abzuzocken, Corona-Drive-ins sind zumindest bei uns eher selten, aber es gibt sie in anderen Ländern. Inzwischen gibt es auch schon die ersten Jugendlichen mit Corona-Abitur, und hier in Köln fand in den Messehallen in Deutz gar die größte Corona-Klausur Deutschlands statt: 6.000 Prüfungen in einer Woche. Die armen Studenten! Es kostete 50.000 Euro, die Hallen zu mieten, wenn mich mein Zahlengedächtnis nicht trügt. Und in der Schweiz gibt es eine wunderschöne Corona-Bibel, über die ich an andere Stelle mehr schreiben werde.

Neues Maushaus (BFL)

Die Coronastarre macht mir immer noch zu schaffen, zuerst in Kombination mit dem Lockdown und dann mit der Sommerhitze. Sie äußert sich als generalisierte Schreib- und Leseblockade, als extremer Social Media-Überdruss und gelegentlich auch als leichte Gereiztheit. Nicht mal zum Binge-Watching meiner Lieblingsserien konnte ich mich bisher aufraffen. Dafür bin ich abhängig von neuen Handy-Apps (NDR Info, BBC News, ZDFheute, WDR aktuell) und habe mehrere neue Maushäuser gebaut. Corona-Maushäuser. Für diese kreative Frickelsarbeit kann ich komischerweise selbst bei Hitze, Angst und Frust genug Energie aufbringen. Es lenkt wunderbar ab und man braucht dabei nicht mal zu denken. Maushäuser bauen ist einfach nur entspannend. Bloß wohin damit, wenn sie fertig sind? Mein armer Mann erwägt schon anzubauen….. und ich träume von einer richtigen kleinen Werkstatt… und vielen langen breiten Regalen.

Corona Warnapp (BFL)

Die Corona-App bzw. Corona-Warn-App gibt es seit Juni. Ich habe sie mir gleich am 18. Juni heruntergeladen, treffe aber kaum Menschen, die sie auch haben. „Mit Bluetooth will ich nichts zu tun haben.“ „Das ist mir alles viel zu unheimlich. Damit wird man doch bloß überwacht.“ „Das macht mir nur unnötig Angst. Wenn ich infiziert bin, merk ich das schon.“ Die App funktioniert offenbar, frustriert allerdings dadurch, dass sie einem nicht mitzuteilen geruht, wo und wann genau man seine Risikobegegnungen hatte. Zumindest der Tag wäre hilfreich! Die Meldung „Eine Risiko-Begegnung“ bleibt zwar weiterhin beruhigend grün und verfärbt sich nicht grau oder gar rot, versetzt mich aber trotzdem in diffuse Alarmbereitschaft. Wer war das? Und wo? Beim Rewe? In der Bahn? War es der Typ mit der Maske unter der Nase, der mir so unsympathisch war? Oder der Kerl ohne Maske, der so in sein Handy gebrüllt hat? Dabei geh ich doch eh kaum aus dem Haus.

Auch mit dem After-Corona-Body (schwabbelig, unfit) und den angefressenen Corona-Kilos (Frust macht Hunger, besonders auf Süß) müssen sich etliche von uns weiterhin herumplagen. (Warum eigentlich After-Corona? Wir sind doch mitten drin in der Pandemie? Egal.) Bizarr fühlt es sich an, wenn man während der Pandemie mit Alltagsmaske zur Gynäkologin geht. Vor allem auf dem Stuhl. Irgendwie total verrückt.

Maskenleiche auf dem Brüsseler Platz  (BFL)

Nervig finde ich so langsam die unzähligen Corona-Ausreden für alles und jedes und überall. „Wegen Corona!“ schallt es von allen Seiten. „Bin nicht dazu gekommen. Wegen Corona.“ „Hab ich vergessen. Wegen Corona!“ Als wir neulich gehackt wurden (extrem stressig) und bei der Polizei Anzeige erstatten wollten, kamen wir gar nicht erst ins Gebäude. Es ertönte nur eine körperlose weibliche Stimme aus der Wand. Fehlanzeige statt Strafanzeige. „Wir behandeln nur Notfälle. Wegen Corona! Erstatten Sie die Anzeige online.“ Haben wir gemacht, war äußerst hochschwellig, und bis heute haben wir keine Bestätigung, dass der Onlineschrieb angekommen ist. Wahrscheinlich im Äther verpufft. Wegen Corona! Zum Teil sind die Corona-Ausreden echt dreist. Nach einem Verkehrsunfall ließ eine Fahrerin das angefahrene Kind einfach liegen, weil man wegen Corona niemanden anfassen soll. Lautstark Feiernde begründen ihre Riesenpartys gegenüber der Polizei mit der Aussage „Was soll das? Wir sind doch nur eine große Patchworkfamilie!“. Manchmal kommt Corona aber auch gelegen. „Wir können uns leider nicht treffen/Ich kann leider nicht kommen/Das geht jetzt leider nicht. Du weißt schon, wegen Corona!“ Und die revolutionäre Corona-Mode: Seit einiger Zeit gehe ich eiskalt in Pantoffeln einkaufen und trage sie auch stolz in der Bahn. Sie sind meine bequemsten Schuhe, und mit Maske und Sonnenbrille erkennt mich eh keiner. Schuhfreiheit total. Meine Mutter wäre entsetzt.  Sowieso egal, was ich anziehe. Der Dresscode ist komplett aufgehoben. Wegen Corona! Es sollte nur nicht regnen.

Sicher wissen Sie längst, dass Homeoffice gar kein englisches Wort ist, sondern ein „Scheinanglizismus“. Home Office heißt in Großbritannien nämlich das Innenministerium und nicht der häusliche Arbeitsplatz. So ähnlich wie Gymnasium (engl. Turnhalle) oder Smoking (engl. tuxedo) oder Handy (engl. cell phone oder mobile phone).  Klingt zwar alles englisch, ist es aber nicht. Noch schlimmer sind die hier so beliebten Bodybags, die mit Corona schlimmstenfalls in ihrer Originalbedeutung etwas zu tun haben. Die frische Bezeichnung für die Rucksäcke oder Kuriertaschen mag für deutsche Ohren gut klingen, denn Anglizismen werden ja gern zur Veredelung von eher langweiligen Wörtern gebraucht, doch im Englischen bezeichnet man damit – festhalten! –  Leichensäcke.

Mein persönlicher Scheinanglizismus-Haßkandidat hat zum Glück nichts mit Corona zu tun: Barfen. „Das beste Barf-Menü für deine Katze“ oder „Hunde jetzt gesund barfen“. So steht es groß und fett auf einem Schild vor dem Laden, in dem ich das Katzenfutter kaufe, und mir wird bei dem Anblick jedes Mal ganz anders. Gucken die Leute, die solche Begriffe erfinden, eigentlich nie ins Wörterbuch? Barf (hier: biologisch artgerechtes rohes Futter) bedeutet auf Amerikanisch kotzen! Die Spucktüten in Flugzeugen heißen barf bags. Aber das ist jetzt wohl bloß wieder nur mein hyperaktives abschweifendes Übersetzerhirn. Sorry. Back to Covid19.

Aluhut (Tom Radetzki/unsplash)

Den Ausdruck Covidiot habe ich zum ersten Mal bei Saskia Esken gehört, aber es gibt ihn bereits seit April oder Mai – damals bezeichnete man damit Personen, die wie verrückt Klopapier und Küchenrollen horteten. Inzwischen ist die Bedeutung etwas breiter und bezieht sich auch auf Corona-Leugner. Das Wort ist offenbar auch im Englischen gebräuchlich. Nicht mal die Aluhüte waren mir ein Begriff, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, obwohl es die nun wirklich schon seit Jahren gibt, früher allerdings eher verbunden mit den Anhängern der anstrusen Chemtrail-Theorien. Heute sieht man die silbernen Dinger gelegentlich sogar als bitterernst oder auch nur ironisch gemeinte Kopfbedeckung (gegen vermeintliches Gedankenausspähen und schädliche Strahlen) oder als Symbol dafür, dass der Träger „Corona“ für eine Erfindung hält. Da wäre ein längerer Besuch auf einer spanischen Intensivstation sicher hilfreich. Was für ein Glück, dass wir hier in Deutschland bisher dank früher Tests und nur kleinen Clustern so gut wie verschont geblieben sind. Die ganze Welt beneidet uns dafür, doch hier erregt das Glück bei vielen einfach nur Unmut und Wut. Ist doch nichts passiert! Wo sind denn die vielen Toten? Wieder einmal zeigt sich auf höchst eindrucksvolle Weise: There is no Glory in Prevention. Offenbar können einige es nur auf die harte Tour lernen.

(Engin Akyurt/unsplash)

Abends und nachts sorgen übrigens gelegentlich genau die Mitbürger aus der nahegelegenen Hochhaussiedlung, die ich während der Lockdown-Einsamkeit so beneidet habe (als sie jeden Abend gemeinsam gesungen und Wunderkerzen geschwenkt haben, während hier absolute Totenstille herrschte) für Unmut, weil sie laut, rücksichts- und abstandslos bis in die Puppen gemeinsam grölen und feiern. Das passiert in Köln an den richtig großen Corona-Hotspots leider noch viel ausgeprägter, z.B. im Stadtgarten und auf meinem geliebten Brüsseler Platz, der deshalb abends und nachts abgesperrt ist. Die Pop-up-Bars und Biergärten zur Entlastung haben sich übrigens leider nicht bewährt und sind längst wieder abgebaut.

Weihnachtsmarkt (BFL)

Relativ neu ist auch das Wort bemaskt. Maskiert kann man ja bei den komischen Mundnasebedeckungen (besonders in einer Karnevalsstadt wie Köln) schlecht sagen, also musste dringend eine neue Wortschöpfung her. Karneval fällt übrigens wahrscheinlich komplett aus im nächsten Jahr. Genau wie dieses Jahr der Töpfermarkt und die Weihnachtsmärkte. Das mit den Weihnachtsmärkten hat mich echt tangiert und in eine temporäre Depression katapultiert. Keine Weihnachtsmärkte? Ich liebe Weihnachtsmärkte! Allerdings nur morgens, wenn kaum Besucher da sind und man nach Herzenslust fotografieren kann. Dieses Jahr werde ich mir wohl nur wehmütig meine vielen alten Fotos ansehen können. Ob wir wohl unseren alljährlichen Adventskalendervortrag werden halten können? Vielleicht in der fast leeren Kirche. Vielleicht. Und ohne Glühwein und ohne Plätzchen.

(united-nations-covid19-response/unsplash)

Zum Schluss fallen mir  noch die vielen pandemiebedingten Wellen ein. Es wellt in letzter Zeit wirklich recht heftig, und zwischen all den Viruswellen, Ansteckungswellen und Pandemiewellen gibt es jetzt auch immer mehr Pleitewellen und Konkurswellen. Sogar das Kölner Pascha, das größte Bordell Europas (ich wußte gar nicht, dass es so bedeutend ist!) hat gerade Insolvenz angemeldet. Ob es da jetzt noch was bringt, dass (ab heute) in NRW die Prostitution wieder erlaubt ist, wage ich zu bezweifeln. Gerade fragen sich auch schon viele besorgt, ob uns im Winter (Game of Thrones: „Winter is coming!“) wohl eine zweite, dritte oder sogar eine richtig große Monsterwelle droht, denkbar wäre auch eine fette Doppelwelle (zusammen mit der Influenza). Die Grippe-Impfungen sollte man sich am besten jetzt schon bestellen. Der Virologe Hendrik Streeck spricht übrigens gar von einer Dauerwelle und kreierte damit eine gelungene und erheiternde Bedeutungserweiterung des bisher unter diesem Namen bekannten chemischen Umformungsprozesses, bei dem glatte Haare hübsch gewellt werden. Mir fällt bei all der Wellerei jetzt auch noch Franz Grillparzers Drama aus Studienzeiten ein. „Des Meeres und der Liebe Wellen“. Geht höchst tragisch aus, mit dem Tod der beiden Liebenden Hero und Leander, die zueinander nicht kommen können. Ausnahmsweise nicht coronabedingt, sondern weil jemand die Lampe gelöscht hat, die Leander den Weg weisen sollte. Er ertrank, und sein Leichnam wurde von den Wellen an Land gespült.

(united-nations-covid19-response/unsplash)

 

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