Rooms and Stories: Tout Simenon (2)

Mein literarisches Experiment geht weiter, diesmal allerdings mit einem kleinen Umweg. „Maigret stellt eine Falle“ ist der 48. Band der Simenon-Reihe. Ich wähle das Buch bewußt, weil ich die Handlung bereits durch die Verfilmung kenne. Es ist August und in Paris herrscht drückende Schwüle. Ich mag Wetter in Büchern, und Simenons Beschreibung ist so atmosphärisch, dass sie sogar im Winter wirkt. Die Fenster im Kommissariat stehen weit offen, doch auch die Luft von draußen ist unerträglich und scheint heiß vom aufgeweichten Asphalt und den glühenden Pflastersteinen aufzusteigen. „Man hätte glauben können, die Seine würde bald wie kochendes Wasser auf einem Herd dampfen.“ Die Stadt ächzt unter der brütenden Hitze, und nun treibt offenbar treibt in den Nächten auch noch ein Serienmörder in Montmartre sein Unwesen. Fünf Frauen wurden ermordet, alle nach Anbruch der Dunkelheit, alle vom Typ her ähnlich. Vom Mörder fehlt jede Spur, die Polizei tappt im Dunkeln. Alle Opfer wurden erstochen und mit zerfetzter Kleidung aufgefunden, keine der Frauen wurde vergewaltigt.

Wieder spiele ich Detektivin und finde sogleich Lesespuren. Jan hat das Buch am 15.9.2010 in der Kölner Buchhandlung Ludwig gekauft und den Kassenzettel wie so oft als Lesezeichen benutzt. Ausgelesen hat er das Buch auch, denn ich erinnere mich, dass er mir damals beim Abendessen das Ende erzählt hat.

Die ersten Seiten finde ich gut, doch dann kommen für mich ziemlich langweilige Gespräche (Maigret unterhält sich ausgiebig mit einem Psychiater) und mir fällt auf, dass ich lieber Beschreibungen mag als endlose direkte Rede. Da ich den Plot kenne, überfliege ich etliche Seiten und ich frage mich, ob mir das Buch wohl genauso gut gefällt wie der Film (es gibt mehrere, ich kenne nur den mit Rowan Atkinson), der allerdings an einigen Stellen abweicht. Im Buch behält Maigret den Fall, während im Film ein anderer Ermittler hinzugezogen wird. Es ist ein äußerst psychologischer Krimi, was ich eigentlich mag, aber die Psychologie wirkt vor allem am Schluss ziemlich holzhammerartig.

Ich sollte mir unbedingt noch mal „Die Phantome des Hutmachers“ ansehen. Mir habe gerade erst entdeckt, dass die Romanvorlage von Simenon stammt. Den Film habe ich 1982 gesehen und fand ihn verstörend.

Shelfie 1

Das Umsiedeln der Maigrets in das „white shelf“ war nur der Auftakt größerer tektonischer Buchverschiebungen hier im Haus, denn inzwischen habe ich auch die alphabetisch geordneten Regalwände im Wohnzimmer beherzt in Angriff genommen. Für mich uninteressante Autoren, doppelte Bücher (allein den Golem hatten wir fünfmal, überall im Haus verteilt) habe ich entsorgt oder verschenkt, zerlesene, zerfallende und vergilbte Bücher der Tonne geopfert und stattdessen meine eigenen Lieblingsautoren mehr in den Vordergrund gerückt. Bis vor kurzem war das undenkbar. Ich respektierte Jans alte Ordnung und habe lediglich „addiert“, so dass die Literatur fast überall doppelt steht. Jetzt ist vieles im Wohnzimmer nicht mehr alphabetisch, sondern intuitiv geordnet. Die Regalwände waren bereits prall gefüllt, als ich einzog, meine eigene Bibliothek wanderte daher gleich in mein Arbeitszimmer, das ebenfalls deckenhohe Regale hat. Jan hat sie mir damals zur Hochzeit geschenkt. Er wußte, wie sehr ich Bücher liebe.

Die Wohnzimmerordnung habe ich geändert, weil ich Heinrich Böll und Tanja Blixen nur mit Hilfe einer Leiter erreichen konnte. Böll bewohnt jetzt eine ganze Reihe auf Augenhöhe. In den Reihen gleich unter ihm logieren Max Frisch, Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Die Reihenfolge ergibt sich hier für mich aus den Neigungen der Autoren. Sowohl Max Frisch als auch Paul Celan waren mit Ingeborg Bachmann zusammen, daher steht die Bachmann in der Mitte. Für den Fall, dass Frisch und Celan noch eifersüchtig sind. Alle drei habe ich in genau dieser Reihenfolge mit meinem Literaturkreis gelesen, und es war spannend, ihnen nachzuspüren. Dabei entdeckte ich auch das Buch von Celans ehemaliger Partnerin Brigitta Eisenreich („Celans Kreidestern“), das mein Celan-Bild reichlich ins Wanken brachte. Neben Celan steht die von mir sehr geliebte Marie-Luise Kaschnitz, die ihn persönlich kannte und bei einer Preisverleihung sogar einmal die Laudatio auf ihn gehalten hat. Ich nehme daher an, dass sie sich mögen.

Den dicken silbrig glänzenden Band „Ferne Nähe. Paul Celan als Übersetzer“ habe ich ebenfalls ins Wohnzimmer geholt. Celan war ein bedeutender Übersetzer, hat (meist Gedichte) aus mehreren Sprachen übertragen, darunter von Schriftstellern wie Rimbaud, Valéry, Shakespeare, Yeats, Emily Dickinson und Ivan Goll (letzteren mit fatalem Nachspiel). Als Lyriker hatte er sicher das richtige Feingefühl für solche Nachdichtungen, denn Gedichte sind die schwierigsten Texte überhaupt, auch wenn Celans Handschrift gelegentlich deutlich erkennbar ist, was echten Übersetzern eher selten passiert.  Gleichzeitig Schriftsteller und Übersetzer zu sein ist nicht unproblematisch. Übrigens gibt es sogar einen Paul-Celan-Preis für Übersetzer, der auf 25 000 Euro dotiert ist. Ich verspürte plötzlich große Lust, ein wenig in „Ferne Nähe“ zu blättern, setzte mich aufs Sofa und las mich erstaunt fest. War das jetzt Zufall oder Fügung?

Shelfie 2

Ich hatte nicht erwartet, dass Paul Celan in irgendeiner Weise mit Simenon verknüpft sein könnte, doch 1954/1955 hat er tatsächlich für Kiepenheuer & Witsch die beiden damals neuesten Maigrets (Band 43 und 44) übersetzt. Pro Band erhielt er 600 Mark. Sein Briefwechsel mit dem Verlag ist im Buch zu finden und hochinteressant. Offenbar war es für Celan nur eine ungeliebte Brotarbeit, die unter großem Zeitdruck fertiggestellt werden musste. Ironischerweise waren die beiden Bücher wohl seine auflagenstärksten Übersetzungen überhaupt.

Die erste Übersetzung reichte Celan aufgrund einer unvorhergesehen Reise mehrere Wochen zu spät ein, statt Anfang Juni 1954 erst im August, sie wurde vom Verlag sehr gelobt, doch die zweite fiel krachend durch. Der Diogenes Verlag ließ beide Bände für seine Werkausgabe später neu übersetzen, lediglich die Titel blieben gleich: „Maigret irrt sich“ und „Maigret und die schrecklichen Kinder“ (kein sehr passender Titel, aber vielleicht stammte er vom Lektor).  Der Kampa Verlag hat dann für seine eigene Neuauflage den zweiten Titel zu „Maigret in der Schule“ geändert („Maigret à l’École“).

Celan schickte die zweite Übersetzung erst nach hartnäckigem Drängen des Lektorats am 8. Januar „ohne jedes begleitende Wort“ per Einschreiben ab (Deadline wäre der 15. November gewesen), so dass er den Verlag in arge Schwierigkeiten geriet, da der festgesetzte Drucktermin nicht eingehalten werden konnte. Diesmal waren dem Übersetzer angeblich eine Reise und eine Mandelentzündung dazwischengekommen. Aber privat gab es todsicher auch Turbulenzen. Seine Ehefrau war schwanger, 1955 wurde sein Sohn Eric geboren, und seine Geliebte Brigitta unterzog sich, wenn ich mich recht erinnere, 1955 einer Abtreibung. Der Verlag reagierte erst am 28. Februar (auf Anfrage) und teilte mit, man sei bestürzt, da die Übersetzung so schlecht sei, dass man vermute, Celan habe „irgendeinem Dilettanten“ für sich arbeiten lassen. Der Stil sei diesmal gänzlich anders und es seien Stellen dazugedichtet und ausgelassen worden. Man habe den Text leider komplett umarbeiten müssen. „Wenn wir mehr Zeit gehabt hätten, hätten wir Ihnen das Manuskript zurückgeschickt.“

Celan wehrte sich gegen den Verdacht und betonte, er selbst sei leider dieser Dilettant gewesen. Der Originaltext sei seiner Meinung nach „recht medioker“, habe ihn nicht sonderlich inspiriert und sei in seinen Augen auch kein ehrfurchtsgebietendes Kunstwerk. Sicher war der wortgewaltige, hochpoetische Celan auch nicht der ideale Übersetzer für den eher schlichten Simenon, trotzdem wundert mich Celans vernichtendes Urteil. Aber er war ja auch kein reiner Übersetzer, sondern vor allem Schriftsteller und Lyriker.  Übersetzer sind normalerweise extrem leidensfähig, selbst wenn sie sich mit ungeliebten öden Werken herumschlagen müssen, treten demütig hinter dem Autor zurück und versuchen trotz allem, ihr Bestes zu geben. Was bleibt ihnen auch anderes übrig.

real pipe on real books

Ich wüsste gern, was genau da passiert ist. Entweder war Celan so extrem angeödet und gestresst, dass er eine schludrige Übersetzung abgab, oder er hat den Maigret tatsächlich von jemand anderem übersetzen lassen. Ich neige zur zweiten Theorie und bin froh, dass ich Simenon hier im Haus weit weg von Celan an einer anderen Wand untergebracht habe. Schade, dass ich die alten Übersetzungen nicht habe, ich hätte sie gern mit den neuen verglichen. Früher nahmen Übersetzer (und sicher auch Lektoren!) häufig eigenmächtig Änderungen an Texten vor und hatten dabei wohl oft eine Art unmündigen deutschen Leser vor Augen, dem man alles erklären musste und der nicht mal in der Lage war, englischen Namen zu lesen. Gelegentlich hat man die Handlung sogar einfach nach Deutschland verlegt und die Namen eingedeutscht (z.B. in der ersten Übersetzung von Huxleys „Schöne neue Welt“). Aber damals waren Übersetzer ja auch meist noch anonym und Leser eher unkritisch. Später erschienen die Namen der Übersetzer erst winzig klein im Impressum (Herausgeber standen dagegen auch damals schon unübersehbar fett gedruckt an prominenter Stelle) und dann, viel später, schafften sie es endlich aufs Titelblatt. Heute gibt es sogar Übersetzer, die auf dem Buchcover erscheinen, wenn auch eher selten. Zumindest werden sie jetzt in seriösen Besprechungen stets genannt, was mich jedes Mal aufs Neue freut.

Meinen eigenen Namen hat man bei einer Buch-Übersetzung übrigens einmal komplett vergessen, und ich musste der VG Wort mühsam mit Hilfe des Verlags beweisen, dass ich tatsächlich die Übersetzerin war. Ein anderes Mal stand sogar ein falscher Name vorn im Buch, was ich noch viel schlimmer fand. Als ich erwartungsvoll mein Freiexemplar aufschlug, traf mich fast der Schlag. Auch das noch! Wieder umständliches Beweisen bei der VG Wort, damit der genannte Herr nicht auch noch meine Tantiemen bekam. Voller Stolz verschenken konnte ich das Buch jetzt auch nicht mehr…

Viel Zeit hatte Celan übrigens nicht für seine Übersetzungen, auch wenn die Texte nicht sonderlich schwierig waren. Ich hätte das in der Zeit sicher auch nur mit Mühe geschafft. Aber ich wäre auch nicht herumgereist, sondern hätte brav an meinem Schreibtisch gesessen und bis in die Nacht übersetzt. Und natürlich auch an den Wochenenden.

Nach der überraschenden Entdeckung der Celan-Simenon-Connection greife ich nun wieder zu Band 48 und versuche zu ergründen, was meinem Mann so sehr an Jules Maigret gefallen hat, dass er „mit großem Vergnügen“, wie er immer zu sagen pflegte, sämtliche 75 Bände gelesen hat. Langsam fange ich an, ihn zu verstehen, denn dieser französische Kommissar hat in der Tat sehr vieles mit ihm gemeinsam.

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