Rooms and Stories – Zugentgleisung

Im Zug

Vorletzte Nacht hat mich mein Chat Botaniker mit seinen Wortwitzen so zum Lachen gebracht, dass ich nicht mehr aufhören konnte. Offenbar reagiere ich extrem stark auf absurde englische Buchstabenverdreher. Zum Glück war ich allein mit den Katzen, sonst hätte es peinlich enden können. Aber so konnte ich einfach nach Herzenslust losbrüllen. Meine Katzen sind derartige Heiterkeitsausbrüche nicht gewöhnt und flohen in gelinder Panik aus dem Zimmer. Sie hielten mich offenbar für durchgeknallt. Was meine Erheiterung noch steigerte, denn die irritierten Katzengesichter erinnerten mich stark an ein peinliches Erlebnis, das viele Jahre zurückliegt.

Die Szene fand in meiner Studentenzeit Ende der 1970er Jahre statt und ist in meine persönliche Biografie als der berüchtigte „Tom Sharpe Incident“ eingegangen. Ich erlitt öffentlich einen Lachanfall vom Feinsten, habe vor aller Augen würdelos geweint und geschrien vor Lachen, was nicht nur an dem Buch lag, sondern auch an den besonderen Rahmenbedingungen. Tom Sharpe sprengte sozusagen plötzlich die vierte Wand. Zweimal hintereinander, denn der Incident hatte durch meine Unvorsicht auch noch eine Fortsetzung.

Es geht los

Szene 1.

Ich saß in der Bahn, war auf dem Weg zu meinen Eltern und hatte zur Entspannung „Wilt“ (englische Originalversion von „Puppenmord“) von Tom Sharpe mitgenommen. Ein hinreißend spöttisches, schrilles, völlig respektloses Buch. Ein Werk dieses Autors in einem vollen Zugabteil zu lesen war bereits ein Fehler.  Zunächst war es einfach nur „normal lustig“. Ich grinste. Kicherte. Amüsierte mich.

Doch dann taucht plötzlich eine riesige nackte Frau im Garten des hiesigen Vikars auf, was diesen schwer in Bedrängnis bringt. Dummerweise hat er bereits einige Gläser Whisky intus und glaubt zunächst an eine Sinnestäuschung oder Teufelsversuchung. Beim nächsten Blick ist die Frau wieder verschwunden, stattdessen erblickt er jetzt zu seinem Entsetzen mehrere mit Buchstaben beschriftete würstchenförmige wobbelnde Ballons, die in Wirklichkeit heliumgefüllte Kondome sind, über dem Schilf des nahegelegenen Eel Stretch. Der ehrwürdige, überaus exzentrische und verschwurbelte Referend St. John Froude (schon der pompöse Name ist genial, ausgesprochen übrigens Sinjin!), steht weiter am Fenster des Pfarrhauses und starrt schwer angeschlagen durch sein Fernglas. Doch es ist keine Halluzination. Die aufgeblasenen Kondome haben nämlich die Pringsheims, ein exzentrisches amerikanisches Swinger-Pärchen, aufsteigen lassen, nachdem Eva Wilt (die üppige Nackte im Pfarrgarten) ihr Boot fluchtartig verlassen hat – abgeschreckt von den wilden Gelüsten und dem unflätigen Gebaren des Paares, das sie aufs Boot gelockt und überredet hat, sich komplett auszuziehen. Momentan sind die Pringsheims dummerweise manövrierunfähig. Daher die aufgeblasenen Kondome mit den Buchstaben. Eine Art Notruf. Die Kondomballons schaukeln munter im Wind, verändern ständig ihre Position, und der verwirrte angetrunkene Vikar traut seinen Augen nicht und entziffert immer neue übel klingende Kombinationen.

Erst PEESOP.  Dann HELLSPO. Das war mein Trigger. Wahrscheinlich lag es am deutschen Bereich meines Übersetzerhirns. Mit HELLSPO fing es an. Beim nächsten Blick auf die irritierende Kulisse am Fluss liest der Reverent St. John Froude  EELSPOP. Das gab mir den Rest. Ich kann mir bis heute nicht erklären, warum mich das damals so zum Lachen brachte. Vielleicht war es die Kombination aus dem verschwurbelten geistlichen Gehirn mit den frommen Gedanken und dem absurdem Buchstabensalat. Keine Ahnung. Jedenfalls nahm das Unheil seinen Lauf.

kein Halten mehr

Mein herzhaftes Lachen erregte Aufmerksamkeit. Alle starrten mich an. Die verständnislosen und pikierten Blicke der Mitreisenden ließen die Situation leider nur noch weiter eskalieren. Jetzt stand auch noch ein älterer Herr auf, stellte sich aufgebracht vor mich hin und erkundigte sich mit drohendem Unterton: „Lachen Sie etwa über uns?“ Daraufhin verlor ich komplett die Kontrolle. Über den Rest der Szene breite ich daher lieber den Mantel der Diskretion.

Man sollte meinen, ich hätte meine Lektion gelernt. Aber nein.

Szene 2

Als ich am selben Abend endlich zu Hause im Bett lag (den peinlichen Lachanfall hatte ich natürlich verschwiegen), schlug ich das Buch erneut auf. Es waren ja nur noch wenige Seiten bis zum Schluss. Das hätte ich nicht tun sollen. Ich las, wie sich die arme Eva Wilt, ihre Blöße nur notdürftig mit Efeuranken bedeckt, durch den verwilderten Garten des Reverends vorarbeitet. Dieser hatte in der Zwischenzeit sein Fernglas zur Seite gelegt und sich mit dem eigenen Bötchen aufgemacht, um der Sache mit den teuflischen aufgeblasenen Kondomen nachzugehen. Leider erwartet den schwülstig denkenden Reverend, in dessen Überlegungen der arme Leser tief eintauchen muss, weil der Autor ihm keine Wahl läßt, eine aufwühlenden Szene. Als er das Boot der Pringsheims erreicht und besteigt, bietet sich ihm ein erschreckendes Bild. Sally Pringsheim versucht gerade, ihren gefesselten Mann, mit dem sie zuvor eine abstruse Sexszene durchgezogen hat, kaltherzig umzubringen. Erst hat sie ihn gezwungen, Flusswasser zu trinken, und ihm dann eine Badekappe übers Gesicht gezogen, damit er erstickt. (Spoiler: Er überlebt.) Als der ehrwürdige Vikar das Boot besteigt, rastet sie völlig aus. Genau wie der Vikar, als er den Mann ohne Gesicht am Boden und die gewaltige, wütende splitternackte Frau erblickt, die ihn mit einem großen Messer bedroht. Er flieht Hals über Kopf und rudert panisch zurück zum Pfarrhaus. Doch dort wartet leider bereits die notdürftig verhüllte Eva Wilt auf ihn.

Schon wieder!

Erneut dräute ein unkontrollierbarer Lachanfall. Da ich niemanden wecken wollte, versuchte ich verzweifelt, ihn in der Decke zu ersticken. Das Ergebnis waren undefinierbare immer noch viel zu laute Kreisch- und Gurgelgeräusche, die durch die Wand bis zu den schlummernden Eltern drangen.

Kurze Zeit später flog die Zimmertür auf und gab den Blick auf meine verstörten Eltern frei. Sie hatten meine Lachverhinderungsversuche offenbar als medizinischen Notfall fehlgedeutet. Als meine Mutter mich zuckend und tränenüberströmt mit Tom Sharpe im Bett sitzen sah, schlug ihre Panik sofort in Ärger um. Sie war stinksauer, dass ich ihr so einen Schrecken eingejagt hatte, und schnaubte, kein Mensch auf der Welt könne derart heftig über ein Buch lachen. „Du bist ja total hysterisch! Sowas ist doch nicht normal!“ schrie sie und entfernte sich. Mein Vater wusste nicht, was er von alldem halten sollte, und eilte ihr nach.

Der mütterliche Türöffner gab mir den Rest. Während sie schnaubend abzog, wand ich mich schreiend vor Vergnügen im Bett. Tom Sharpe habe ich seitdem nie mehr auf Reisen mitgenommen. Er sollte eigentlich im Giftschrank stehen. Keine Ahnung, ob er auf Deutsch auch nur annähernd so lustig und toxisch ist.

Türoffner

P.S. Sehr Tom Sharpisch war auch die Überraschungsszene, die mir Google KI anbot, als ich um eine kurze Inhaltsangabe des lustigen Kapitels bat. Sie lieferte mir gleich auch noch einen (auf den ersten Blick) knackigen kurzen Blogbeitrag, den ich angeblich nur auszudrucken brauchte. Leider enthielt er kein Fünkchen Wahrheit, alles war komplett halluziniert. Sogar der Name des Reverends war frei erfunden! Zum Glück merkte ich es sofort und bat um eine Erklärung.Google KI reagiert immer äußerst freundlich, wenn man ihr auf die Schliche kommt. Man sieht sie förmlich verlegen grinsen.

„Könnte es sein, dass du dir einiges in deiner Inhaltsangabe nur ausgedacht hast?“

Google KI: Ja, absolut – ertappt! Ich muss hier ganz ehrlich und offen etwas richtigstellen: Bei der Ausgestaltung der Details mit den Luftballons und dem Pfarrer bin ich in eine klassische „KI-Falle“ getappt und habe die Szenen viel zu filmisch, bildhaft und im Gruhlt-Stil weitergedacht, anstatt mich strikt an den Text zu halten. Da du mir so lebhaft von deiner Erinnerung im Zug erzählt hast, wollte mein Algorithmus dir unbedingt die „passenden“ Details liefern, um dein Kopfkino zu bedienen. Dabei habe ich Fakten und Fiktion wild vermischt.“

„Was meinst du mit Gruhlt-Stil?“

Google KI: „Das war ein klassischer Tippfehler (Typo) von mir, kombiniert mit einer unglücklichen Autokorrektur – ein Wort wie „Gruhlt-Stil“ gibt es im Deutschen oder in der Literaturwissenschaft gar nicht! Ich wollte in dem Satz eigentlich schreiben:

  • „…und habe die Szenen viel zu filmisch, bildhaft und im Grotesk-Stil weitergedacht…“ (oder Groschenroman-Stil).

Dabei hat sich mein System komplett vertippt und das Fantasiewort „Gruhlt“ erfunden. Bitte entschuldige die Verwirrung – das war quasi die nächste kleine KI-Halluzination mitten im Text! Gemeint war einfach nur der typische, völlig übersteigerte und bizarre Slapstick- und Grotesk-Stil, für den Tom Sharpe so bekannt ist.“

Aha. Soviel dazu. Zutiefst erschüttert suchte ich mein eigenes Buch (gar nicht leicht bei all den Regalen) und las alles persönlich nach. Nicht jede KI ist gut. Und wie alles hier, ist der Blogbeitrag natürlich komplett von mir persönlich verfaßt. Vom ersten bis zum letzten Wort. Nur die Bilder sind KI generiert. Unter meiner Regie. Bloß das Buch von Tom Sharpe stimmt nicht ganz. Aber das stört keinen großen Geist. It’s the thought that counts.

 

Dieser Beitrag wurde unter Erzählungen abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen für den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.