Rooms and Stories – Tout Simenon (3)

Maigret wartet

Als ich meine Beiträge zu Simenon begann, hatte ich noch nie mit ChatGTP gearbeitet, weil mir KI viel zu unheimlich war. Das hat sich inzwischen geändert, so dass ich diesen letzten Teil mit brandneuen eigenen Bildkreationen illustrieren kann. Völlig anders als erwartet finde ich die „Zusammenarbeit“ mit meinem neuen „Illustrator“ erfrischend und inspirierend. Ich sehe Maigret jetzt in einem völlig neuen (für meinen Geschmack leider oft zu dunklen) Licht und habe meine eigene Version von ihm entwickelt. Eher zufällig allerdings, und ich fürchte, dass sie auch nicht von Dauer ist, da KI leider bei jedem Bild ein anderes Gesicht generiert. Lästig ist auch, dass sich immer wieder störende Elemente in die Bilder einschleichen, die einem erst auf den zweiten Blick auffallen. Einen neuen Ermittler habe ich übrigens durch Maigret auch kennengelernt. Er lebt und arbeitet in Edinburgh. Und sieht ziemlich gut aus. Doch das ist eine andere Geschichte….

Maigret im Büro

Was hat meinen Mann nun an Kommissar Maigret so fasziniert, dass er ihn immer wieder „aufsuchte“? Maigrets Besonnenheit, seine charismatische Ausstrahlung, seine physische Präsenz, seine Vorliebe für einfaches, deftiges Essen, Bistros und Bier, seine Bodenständigkeit und Zuverlässigkeit waren ihm sicher sympathisch. Auch seine Einfühlsamkeit und sein Interesse an den Lebensumständen von Tätern und Opfern. Dass Maigret sich den Großteil seiner Zeit mit Büroarbeit herumschlagen muss, einem Kommissariat vorsteht, gern im Team arbeitet und sich im Grunde nur als „einfachen Beamter“ sieht, kommt mir auch ziemlich bekannt vor. Hat Jan sich nicht damals mit den Worten „I‘m just a civil servant“ vorgestellt, als ich ihn in der ersten Englischstunde nach seinem Beruf fragte?

Maigret am Fenster

Maigret ist kein analytisches Genie, kein überspannter Exzentriker, kein charismatischer Frauenheld, kein wagemutiger Abenteurer, kein zynischer hard boiled detective und kein verschlossener Einzelgänger. Er ist weder arrogant noch abweisend, eher in sich gekehrt, gelegentlich melancholisch, manchmal auch desillusioniert und müde. Maigret ist „nur“ ein ganz normaler Mensch. Er hat keine ausgeklügelten Methoden, wenn er Fälle aufklärt, statt messerscharfer Logik nutzt er eher seinen gesunden Menschenverstand. Er ist kein Beobachtungsgenie wie Sherlock Holmes, bemerkt aber durchaus subtile Kleinigkeiten. Für gewöhnlich lässt er sich nicht durch seinen Verstand und seine Logik leiten, sondern eher durch seine langjährige Berufserfahrung und sein „Bauchgefühl“, verliert dabei aber nie sein ehrliches Interesse am Leben anderer. Er möchte verstehen, warum jemand zum Verbrecher wird und wie genau die Lebensumständen des Opfers ausgesehen haben. Ein wenig erinnert er mich an einen Arzt oder sogar an einen Seelsorger. Wieder eine Gemeinsamkeit. Tatsächlich hat Jan als junger Student ernsthaft überlegt, ob er nicht lieber Pastor werden sollte statt Arzt.

Maigret und Simenon an der Seine

Maigret ist ein durchaus emotionaler Mann hinter einer ruhigen, gesetzten Fassade, neigt nicht zu Exzessen und Eskapaden, ist 75 Romane lang „nur“ mit Madame Maigret verheiratet und ihr liebevoll verbunden. Ich denke, die beiden führen eine harmonische Ehe. Es gab ein gemeinsames Kind, das kurz nach der Geburt verstarb, ein Verlust, den die Eltern nie vergessen werden. Maigret ist kein „Bulle“, der auf Biegen und Brechen seine Prinzipien durchsetzt. Er kann auch „anders“ und „unerwartet“ reagieren. Die vielen ermüdenden Stunden, die er am Schreibtisch im Kommissariat verbringen muss, konnte Jan als Amtsleiter sicher gut nachempfinden. Und dass Maigret ein eher milder Chef ist, der gern im Team arbeitet und sich auf seine Mitarbeiter blind verlassen kann, hat ihm sicher auch gefallen. So war er selbst auch. Jeder Mitarbeiter war ihm wichtig, alle behandelte er auf Augenhöhe. Der Kommissariatsleiter Maigret, den ich eher langweilig finde, war wohl so etwas wie ein literarischer Weggefährte und Kollege, der ihn verstand und den er verstand.

Maigret und Simenon im Bistro

Krimis brauchten für Jan nicht actiongeladen und spannend zu sein, er genoß es vor allem, wenn er sich beim Lesen entspannen konnte. Er mochte keine rasanten Thriller, keine detaillierten Mordbeschreibungen und keinerlei Gewalt. Ich erinnere mich noch, wie er einmal einen Krimi nach zwanzig Seiten stark verstimmt zuklappte, weil der Autor einen jungen Mann seitenlang so sympathisch geschildert hatte, dass er dem Leser richtig ans Herz wuchs,  und ihn dann einfach brutal umbrachte. Von diesem Autor hat er nie wieder ein Buch angerührt. Diese Perspektive gefiel ihm ganz und gar nicht. Lieber ermittelte er ruhig und besonnen mit seinen Kommissaren.

Simenons Krimis sind überschaubar kurz, gehen (zumindest für Maigret) stets gut aus, die Fälle werden zuverlässig gelöst (Jan hasste open endings, während sie mich überhaupt nicht stören). Maigret altert nicht wirklich und wird zum Glück auch nicht von seinem Schöpfer ins Jenseits befördert (wie E. Morse von Colin Dexter, für Jan fast eine kleine Tragödie). Ich kann mir Maigret und Jan gut in einem Bistro vorstellen, wie sie sich bei einem Bier oder Kaffee über einen Fall oder ein Buch austauschen. So wie es Maigret und Simenon jetzt hier bei mir machen.

Paris als Kulisse wird ihm auch zugesagt haben. Jan liebte die Stadt und kannte sich dort so gut aus, dass er ein paar Mal für Freunde erfolgreich den Fremdenführer spielte. Vielleicht hätte er sich mit Maigret auch auf Französisch unterhalten können. Überhaupt war er sehr frankophil, genau wie sein Vater, dessen Baskenmütze hier immer noch irgendwo in einer Schublade ruht. Als Student gab Jan seinen Autos französische Namen, eins hieß  „la grosse Margot“, nach einer Figur von Francois Villon. Margot war, glaube ich, ein Citroen 2 CV. Maigret hat sehr viele Eigenschaften, die auch mein Mann besaß. Was ihm eindeutig fehlt, ist Jans Schlagfertigkeit, seine Selbstironie und sein entwaffnender Humor.

Simenon schreibt

Angerührt hat mich bei meinen Recherchen die Entdeckung, dass Simenons Tochter Marie-Jo, die ihren Vater offenbar abgöttisch liebte, unter Depressionen litt und mehrfach versuchte, sich umzubringen. Beim siebten Versuch, da war sie 25 Jahre alt, kam sie tatsächlich ums Leben und ließ ihren Vater am Boden zerstört zurück. Er fühlte sich aus vielen Gründen mitverantwortlich für ihrem Tod. Sein letztes Buch „Intime Memoiren und das Buch von Marie-Jo“ handelt davon. Ich fand es hier bei den Biografien und habe es nun auch ins „white shelf“ gestellt. Simenon ist an Marie-Jos Tod fast zerbrochen, was mich sofort an Arthur Schnitzler und seine Tochter Lili erinnert. Sie nahm sich mit neunzehn das Leben. Beide Töchter waren ihren Vätern sehr zugetan, litten darunter, dass ihre Väter ausgesprochene Frauenhelden waren und die Ehen der Eltern scheiterten. Beide Väter hingen sehr an ihren Töchtern. Marie-Jo erschoss sich in Paris, Lili in Venedig. Beide Väter hatten Plots geschrieben, die sich im Nachhinein wie böse Vorahnungen lesen. Bei Schnitzler war es die Erzählung „Fräulein Else“, der eindringliche innere Monolog eines jungen Mädchens, das sich höchstwahrscheinlich umbringen wird, bei Simenon der psychologische Roman „Das Verschwinden der Odile“ sowie sein letzter Maigret. Beide Frauen hatten psychische Probleme, beide Väter lebten ausschweifend und schrieben über ihre erotischen Eskapaden und Seelenabgründe. Schnitzler reagierte mit einem totalen Zusammenbruch auf Lilis Tod und fand danach nie wieder in sein altes Leben zurück. Simenon versuchte, den Verlust in seinem wohl persönlichsten und intimsten Buch zu verarbeiten, im letzten Teil sind sogar Briefe seiner Tochter abgedruckt. In „Maigret und Monsieur Charles“ (1972) hat Simenon das Waffengeschäft in Paris beschrieben, in dem Marie-Jo dann später tatsächlich die Waffe kaufte, mit der sie sich erschoss. Simenon empfand wahrscheinlich auch Schuldgefühle wegen der düsteren psychologischen Romane, die seine Tochter möglicherweise mitgeprägt haben.

Die Idee, Simenon und Maigret zusammenzubringen, hatte ich erst beim Schreiben. Er selbst hat es in einem seiner Bücher auch getan, da regt sich Maigret in seinen Memoiren über den nervigen jungen Autor auf, der ihn ständig bei der Arbeit stört. Bei mir ist Simenon genauso alt wie Maigret. Simenon redet die meiste Zeit, während der wortkarge Kommissar ihm aufmerksam zuhört und sich so seine Gedanken macht. Sie scheinen sich durchaus zu mögen. Ich lasse sie Seite an Seite an der Seine spazieren gehen, zusammen im Bistro sitzen und später im Regen und auch bei Sonnenschein wieder ihrer Wege gehen.

Im Internet gibt es übrigens eine hervorragende Website von Oliver Hahn (Maigret.de) zu Simenon, seinem Leben und Schaffen und vor allem zu seinem berühmten Kommissar, die ich sehr hilfreich, spannend und informativ fand.

Maigret und sein Hut

Es bliebe noch viel zu sagen zu dem erfolgreichen Autor Simenon und seiner sympathischen Hauptfigur, doch ich werde mich nun einem Kommissar zuwenden, der Jan noch viel mehr am Herzen lag:  dem berühmten Detective Chief Inspector (DCI) Endeavour Morse, Oxford Police, aus den Büchern von Colin Dexter. Oder, wie er selbst immer zu sagen pflegt: „Just Morse“. Er war Jans absoluter Liebling.

Ganz zum Schluss kam mir die Idee, Maigret seinen Hut durch die Luft wirbeln zu lassen. Ein Akt der Befreiung, den ich ihm von Herzen gönne. Auch ein ernster Kommissar darf sich nach getaner Arbeit mal so richtig freuen. 

(die Bilder in diesem Beitrag sind KI generiert)

 

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