Welche Hautfarbe hat ein Gedicht?

Übersetzungsassistent (BFL)

Gestern las ich im „Guardian“, dass die junge niederländische Schriftstellerin Marieke Lucas Rijneveld (immerhin Gewinnerin des Man Booker Prize) die Poetin Amanda Gorman nicht mehr ins Niederländische übersetzt. Rijneveld ist von ihrem Vertrag bei Meulenhoff zurückgetreten. Nicht weil die Übersetzung nicht gut wäre, sondern weil die Farbe nicht stimmt. Für schwarze Dichter kommen momentan offenbar nur noch schwarze Übersetzer in Frage. Bei Schauspielern und Synchronsprechern (bitte im ganzen Text an den passenden Stellen Gender*, Binnen-I,  Gender_ mitdenken) kennt man das ja schon. Der Farbzwang gilt inzwischen gar für die Sprecher von Comic Figuren, wobei mein Liebling Donald Duck bisher noch kein Problem hat. Aber der ist ja auch weiß. Anders als Alladins Flaschengeist. Der ist blau. Und hat eine Menge Probleme.

Kann man Hautfarben tatsächlich lesen und hören oder ist das jetzt eine neue Art von Rassismus?

Treiben wir es mal kurz auf die Spitze. Was mache ich, wenn im zu übersetzenden Roman Persons of Color vorkommen? Das Problem hatte ich bei John Balls Romanen, etwa „In der Hitze der Nacht“. Muss man die schwarzen Textstellen von farblich passenden Übersetzern übertragen lassen? Hätte ich dem berühmten Virgil Tibbs meine Stimme gar nicht leihen dürfen? Noch dazu als Frau? Noch grundsätzlicher: Darf ein weibliches Wesen (jetzt mal ohne Farbproblem) überhaupt noch die Werke eines männlichen Wesens übersetzen (und umgekehrt)? Zudem gibt es ja bekanntlich immer mehr Geschlechter. Brauchen die alle genau die richtige übersetzerische Entsprechung?

Darf oder soll Marieke Lucas Rijneveld das Buch auch nicht übersetzen, weil sie/er sich als „nichtbinär“ versteht? (Das musste ich auch erst googeln. Jetzt weiß ich zwar, was es bedeutet, aber nicht, wie ich damit grammatikalisch umgehen soll.) Wie Amanda Gorman sich versteht, habe ich nicht herausgefunden. Wohl nicht als „nichtbinär“, sonst wäre das ja kein Thema.

Translation with Witch (BFL)

Es wird immer schlimmer. Schon jetzt bekommt man als Schriftsteller langsam Angst, seiner Fantasie freien Lauf lassen. Möglichst keine Romanfiguren mehr erfinden, die nicht wie man selbst sind. Möglichst die eigene Perspektive verwenden. Darf man überhaupt noch als Frau aus der Perspektive eines Mannes schreiben? Als Erwachsene aus der Kinderperspektive? Oder gar aus der eines japanischen Jungen? Darf man eine schwarze Romanfigur erfinden, wenn man selbst weiß ist? Ist das nicht bereits „kulturelle Aneignung“? Kreisen wir bald nur noch trist und öde um uns selbst (natürlich unter genauer Abbildung der Gesellschaft, die uns umgibt, also mit allen nur denkbaren Ethnien und sexuellen Identitäten, um nur ja niemanden auszulassen oder vor den Kopf zu stoßen)? Werden Fantasie und Sprache immer mehr zensiert? Bekommen Journalisten und Schriftsteller immer dickere Maulkörbe?

Vor einigen Jahren hatte ich eine Lesung (nur für Frauen)  in einem Frauenbuchladen, in dem nur Bücher von Frauen verkauft wurden. Die meisten Anwesenden lasen ausschließlich Bücher von Frauen, wie sich bei der anschließenden Diskussion herausstellte. Ich dachte an die Bronte-Schwestern, die sich Männernamen zulegen mussten, damit sie überhaupt eine Chance hatten. Auch J.K. Rowling hat nicht von ungefähr das Pseudonym Robert Galbraith. Es ist noch nicht lange her, da durften Frauen nicht mal Zeitung lesen. Zu viel Lektüre macht unfruchtbar, steht im alten Medizinbuch meiner Mutter. Das fand ich schon als Kind zum Lachen.

Trans late (geralt/pixabay)

„I had happily devoted myself to translating Amanda’s work, seeking it as the greatest task to keep her strength, tone and style“, schreibt Marieke Lucas Rijneveld, die/der mit Gormans befreundet ist und ebenfalls schon früh berühmt war. Die beiden haben also (außer der Hautfarbe) einiges gemeinsam. Die amerikanische Dichterin hat sich ihren translator wohlgemerkt selbst ausgesucht, doch leider passt sie/er einigen farblich nicht ins Konzept.

WER entscheidet das? WER bestimmt, was erlaubt oder erwünscht oder politically correct ist? Der Schriftsteller offenbar nicht, auch nicht der Verlag. Im niederländischen Fall wurde die Debatte von der schwarzen Journalistin und Aktivistin Janice Deul losgetreten. Sie begründet ihre Kritik damit, dass Rijneveld „white“ und „nonbinary“ sei und „no experience in this field“ habe (damit meint sie offenbar den dramatischen Spoken Word Stil). Nur gut, dass sehr viele Menschen auf Twitter diesen Standpunkt ganz und gar nicht teilen.

Translation has no skin colour. 

Übersetzer waren schon immer eine besondere Spezies. Anders als Schriftsteller stehen sie selten im Focus. Aber sie sind ebenso wichtig, denn ohne sie gäbe es keine Weltliteratur. Übersetzer reißen Grenzen ein, überwinden Mauern, öffnen Türen, Herzen und Köpfe.

Wie steht es in Amanda Gormans Gedicht: „To compose a country commited to all cultures, colors, characters and conditions of man.“ Hat Janice Deul diese Stelle überlesen? Vielleicht sollte sie selbst versuchen, das Gedicht zu übersetzen? Sie würde schnell merken, dass man durch die „richtige“ Hautfarbe und Geschlechtsidentität nicht automatisch ein guter Übersetzer oder Lyriker ist.

Gerade höre ich eine andere Stimme in meinem Kopf: „I have a dream that one day my four little children will live in a nation where they will not be judged by the color of their skin but by the content of their character. I have a dream today.“ Ist dieser Traum schon ausgeträumt?

Literaturübersetzer sind Fährleute, die seit Jahrtausenden kundig und gewandt die weiten, ruhigen und gefährlichen Sprachmeere dieser Welt befahren (einige haben dafür mit dem Leben bezahlt, etwa die Übersetzer von Salman Rushdie), überqueren ruhige und reißende Textflüsse, verbinden freundliche und feindliche Ufer, bauen kühne und kunstvolle Brücken, bringen neues Verständnis und frische Klarheit. Übersetzer vermitteln zwischen Gegensätzen und überwinden Zeit und Raum. Sie bewegen sich frei und demütig in fremden Köpfen und Kulturen, sind unsichtbare Gestaltenwandler. Sie leihen Schriftstellern ihre Stimme, damit sie überall auf der Welt gehört und verstanden werden können.

Nun ist Marieke Lucas Rijneveld gar kein translator, sondern ein writer (wie angenehm neutral doch englische Substantive sind). Möglicherweise wäre Rijneveld gerade deshalb genau richtig gewesen für dieses Buch. Um Lyrik übersetzen zu können, muss man nämlich vor allem hervorragend schreiben können, und wenn man  mit der Autorin befreundet ist, kann man sie im Zweifelsfall immer gleich fragen. Ideal für Übersetzer! Gedichte sicher wohlklingend ans andere Ufer zu bringen, ist übrigens äußerst schwer – wie mißglückt sind fast alle deutschen Gedichte von T.S. Eliot. Lyrik muss man „nachempfinden“, „nachfühlen“, „nachspüren. Das kann man am besten, wenn man selbst schreibt.  Wie wunderbar lesen sich die Übersetzungen von Paul Celan oder von Erich Fried (er hat sich sogar an den wortgewaltigen Dylan Thomas gewagt). Doch offenbar braucht man heute zum Übersetzen nicht nur Leidenschaft, Wissen, Können und Sprachgefühl, sondern auch noch die passende Hautfarbe und Geschlechtsidentität.

The Hill we Climb. Der Weg ist weit, der Aufstieg beschwerlich. Man fragt sich, ob man den Gipfel mit derartigen Abgründen und Hindernissen überhaupt erreichen kann.

Dictionaries (Tessakay/pixabay)

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Besuch in Mousetown!

Peter Kaninchen und Manon (BFL)

Letzten Mittwoch hatten die Mäuse zum ersten Mal in ihrem Leben journalistischen Besuch, was alle sehr freute. Das Wetter war so strahlend schön, dass ich etliche Häuser fürs Foto Shooting hinaus in den Garten tragen konnte, wobei ich fast jedes Mal trotz aller Vorsicht gegen irgendeinen Türrahmen oder irgendeine Wand stieß, weil ich ja hinter den meisten Häusern nichts sehen kann. Leider bringt jede unbedachte Bewegung das Mobiliar gleich in große Unordnung und versetzt die Bewohner in ziemliche Unruhe. Das große windschiefe Haus der norwegischen Hexenfamilie Jarlsberg kann man ohnehin nur zu zweit tragen, was die Sache deutlich erschwert. Zwei kostbare Hexenkessel und etliche Pilze, die ich im Hexengarten übersehen hatte, gingen beim Transport zu Bruch, auf zwei bin ich dann auch noch aus Versehen getreten. Die Kessel konnte ich wieder reparieren, aber die Pilze waren so winzig, dass nichts mehr zu machen war. Die Mäuse waren wie immer äußerst geduldig und nahmen mir meine Patzer nicht krumm. Die Pilze haben sie kurzentschlossen verspeist. Sie vertragen auch Giftpilze, denn unsere Maushexen haben einen hocheffizienten Zaubertrank gebraut, der immun gegen Gifte aller Art macht. Genau wie gegen Corona und andere üble Viren. Wir haben äußerst kundige Hexen.

Lupinchen liebt Fliegenpilze (BFL)

Alle Mäuse waren da, Miranda wartete schon vor dem kleinen blauen Käseladen, Chelsea brachte schnell noch eine Ladung Plätzchen und Kuchen in ihr Café „Chelsea’s Cherry on Top“, Cheddar und Mozzarrella sammelten ihre vielen Kinder ein, Dante rückte geduldig die Bücher in seinem Buchladen wieder zurecht, die beim ungeschickten Transport verrutscht waren, und die jüngsten Mauskinder bestaunten erst mal die neuen Produkte vor dem gut bestückten Pflanzenladen. Es gab frisch ausgegrabene Alraunen, die zum Glück noch zu jung waren, um so schrill und ohrenbetäubend zu schreien wie Alraunen es bekanntlich so gern machen.

Die beiden Besucher waren äußerst nett und der „Pressetermin“ machte allen Spaß, sogar Katze Alice kam aus ihrem Versteck, und nun sind wir natürlich alle gespannt, wie der Bericht in der Zeitung wohl aussehen wird. Von Alice soll es auch ein Bild geben. Den Mäusen habe ich auf jeden Fall eine Miniversion des Artikels versprochen, sobald er erscheint. Vielleicht nächste Woche? Den wollen sie dann im Buchladen auslegen. Damit ihn auch alle lesen können.

Mousetown im Frühling (BFL)

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Die Bärentänzerin von Brauron

Als ich das Mädchen im Museumsladen mitten zwischen den vielen anderen Statuen entdeckte, war ich fast erschrocken, sie sah so vertraut aus, es war wie ein zärtliches Wiedererkennen. Sie hatte sogar ein Kaninchen auf dem Arm! Mein Seelentier! Es war Liebe auf den ersten Blick, und die Verkäuferin meinte, die Kleine mit dem Hasen werde ihr fehlen. „Sie ist unsere letzte, und ich weiß nicht, wann der Künstler wieder welche macht.“ Die merkwürdige grüne Farbe war zwar nicht mein Geschmack, aber ich habe das Mädchen natürlich trotzdem gekauft, denn so viel Zuneigung auf einmal, wer konnte da widerstehen!

Bärenmädchen (BFL)

Mein Vater hat mir bewußt gleich zwei lateinische Namen mit auf den Lebensweg gegeben. Ursula und Beate. Der zweite (glücklich, gesegnet) sollte mich schützen und glücklich werden lassen (nomen est omen), der erste (kleine Bärin, ähnlich wie keltisch Artula) gehörte der Frau, von der er sich trennte, als er meine Mutter kennenlernte. Sollte die Fremde durch ihren Namen in mir weiterleben? Als lebenslange Erinnerung? Oder war es eine Form der Wiedergutmachung, ein Zugeständnis, das den doppelten Gewissensbiss meiner Eltern mildern sollte? Warum hat meine Mutter das erlaubt? Haben sie darüber diskutiert? Gab es Tränen? Wutausbrüche? Ich hätte das sicher nicht zugelassen! Meine Mutter hat mir auf Nachfragen von einer angeblichen Vereinbarung erzählt. Zwei Namen sollte das Kind auf jeden Fall haben. Mein Vater durfte die Namen der Tochter frei wählen, und wäre ich ein Junge geworden, hätte meine Mutter gewählt. Sie hätte mir bestimmt als zweiten Namen den ihres Vaters gegeben. Die Mädchennamen, die ihr am besten gefielen, waren Frauke und Fee, aber das waren einfach zu viele Fs für meinen Nachnamen.

Meinen Bärennamen mochte ich nicht, daher unterschlug ich ihn meistens. Das Tier dagegen wurde zu meinem großen, starken, mächtigen Schutzgeist. Lange habe ich Teddybären gesammelt und sogar auf Therapiebildern große Bären gemalt. Die familiären Erinnerungen, die dahintersteckten, machten mir allerdings weiterhin zu schaffen. Wie mochte sie gewesen sein, die fremde Frau, die man gegen meinen Willen mit mir verknüpft hatte? Eigentlich wollte ich es nicht wissen. „Ignorance is bliss“, wie man so schön sagt. Schön war, dass ich im Laufe der Jahre „zufällig“ gleich mehrere Freundinnen fand, die genauso heißen und mit denen ich mich aus völlig unterschiedlichen Gründen eng verbunden fühle, eine davon nenne ich sogar „Bärenschwester“.

Die letzte „Fügung“ damals im Museumshop war die Tatsache, dass die Verkäuferin ebenfalls Ursula hieß, wie sich an der Kasse herausstellte. Da gab sie mir nämlich den Zettel, auf dem die genaue Bezeichnung des Mädchens stand, „Bärenmädchen“, und wir kamen ins Gespräch. „Ich hab‘ mich mit dem Namen auch nie anfreunden können!“, meinte sie verwundert, als sie die kleine Statue vorsichtig verpackte. „Wenn Sie noch mehr herausfinden sollten, schreiben Sie mir doch bitte! Das interessiert mich jetzt wirklich!“ Es gab offenbar eine geheimnisvolle dreifache Verknüpfung, und am Abend schickte ich ihr gleich eine Mail mit den Daten, die ich im Internet gefunden hatte. Sie schrieb sofort zurück und war begeistert.

Bärenmädchen (BFL)

Die echte „Arktos“ (so heißt dummerweise auch ein graublaues vogelähnliches Pokemon-Wesen, das die Google-Suche sehr erschwert) stammt aus dem 4. Jahrhundert v. Chr. und stellt ein lächelndes Mädchen im Alter von etwa neun Jahren dar, das im Dienst der Artemis Brauronia stand. Die Originalstatue ist aus hellem Marmor, und der Fundort Brauron liegt an der Ostküste von Attika, etwa auf der Höhe von Athen. Dort befand sich einst eine antike Kultstätte der Artemis, der Herrin der Tiere, Göttin der Jagd und der Natur, der Fruchtbarkeit, des Lebens und des Todes. Die geografische Lage war günstig, es gab einen Naturhafen, der Ort war seit der Jungsteinzeit besiedelt, und wenn man den Mythen glaubt, versammelten sich hier die Griechen zum Auslaufen der Schiffe nach Troja, wurden jedoch von Artemis durch widrige Winde (oder totale Windstille, je nach Quelle) an der Weiterfahrt gehindert. Die Göttin wollte damit Agamemnon bestrafen, der sich gebrüstet hatte, ein besserer Jäger als sie zu sein, nachdem er eine Hirschkuh in ihrem heiligen Hain getötet hatte. Die Griechenflotte war jedenfalls komplett bewegungsunfähig, die Männer mochten murren soviel sie wollten. Schließlich weissagte der Seher Kalchas, dass Agamemnon seine Tochter Iphigenie opfern müsse, um die Fahrt fortsetzen zu können. Iphigenie ist eng mit Artemis verknüpft, in Brauron soll sich auch ihr Grab befinden. Als Agamemnon schließlich bereit war, seine Tochter zu opfern, erbarmte sich Artemis, brachte die junge Frau nach Tauris und legte an ihrer Stelle eine Hirschkuh auf den Altar.

Artemis (pixabay)

Im Tempel der Artemis verbrachten damals adlige junge Mädchen einige Jahre als „Arktoi“ – mit Tanz, Wettläufen und Webkunst. Hier wurden sie auf ihre Rolle als Frau vorbereitet („Arkteia“ war der Name für das Initiationsritual) und blieben dort, bis sie das Brautalter erreichten. Richtige „Bärenfeste“ wurden hier gefeiert, wie immer sie ausgesehen haben mögen. Vom antiken Tempel sind heute nur noch die Fundamente erhalten. Das größtes Gebäude des Heiligtums war die große „Stoa der Arktoi“ (Halle der Bärinnen).

Ich freue mich immer, wenn ich meine Ursula sehe. Sie steht im Zimmer meines Mannes, damit sie nicht allein ist, und ist umgeben von antiken Göttinnen und anderen kleinen Büsten und  Statuen. Natürlich nur Nachbildungen und längst nicht so viele wie im Arbeitszimmer von Sigmund Freud, aber ich muss beim Anblick der stummen Schönheiten trotzdem an ihn denken. Sowohl im Arbeitszimmer in Wien als auch in seinem Haus in London habe ich seine eindrucksvolle Sammlung in der Vitrine und auf dem Schreibtisch mehr als einmal bewundert.

Sehr angerührt hat mich auch der im heutigen Serbien entdeckte geheimnisvolle und wohl älteste erhaltene Satz der Menschheit, den der amerikanische Linguist Toby Griffen entziffern konnte und folgendermaßen übersetzt hat: „Bärgöttin und Vogelgöttin sind wirklich die Bärgöttin“. Er steht auf zwei 7.000 Jahre alten Tonscherben (Spinnwirteln) und wurde in Jela, in der Nähe von Belgrad, gefunden. Die Zeichen in der Vinca-Schrift (Bär – Göttin – Vogel – Göttin – Bär – Göttin – Göttin) sind im Kreis herum geschrieben und vorwärts und rückwärts lesbar.

Bärenmädchen (BFL)

Die griechische Jagdgöttin Artemis, in deren Namen die Wurzel „Art“ ja noch zu sehen ist, geht wohl auf eine ältere Bär- und Vogelgöttin zurück, daher dienten ihr auch die kleinen „Bärinnen“. Artio war die Bärgöttin der Kelten, und Ursa Major (große Bärin) bezeichnet das Sternzeichen des Grossen Bären. In der griechischen Mythologie gibt es übrigens eine interessante Verknüpfung zwischen dem Großen und Kleinen Bären, der Mutter Kallisto, die von Hera aus Eifersucht (Zeus hatte Kallisto vergewaltigt und sie war schwanger geworden) in eine Bärin verwandelt wurde und verdammt war, durch die Wälder zu streifen, und Kallistos Sohn Arkas, der sie fast getötet hätte, weil er nicht ahnte, dass er im Wald plötzlich seiner eigenen Mutter in Bärenform gegenüberstand. Zum gegenseitigen Schutz wurden die beiden von Zeus vorsichtshalber schnell emporgeschleudert und sicher am Himmel „verstirnt“, und seither kann man sie gemeinsam am Nordhimmel bewundern. Mit meinem zweiten Vornamen habe ich mich endgültig versöhnt. Ursula ist ein magischer Name, und es ist fast schon eine Ehre, ihn zu tragen.

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„Das Kind braucht Luftveränderung“ (7) – Ameland

 

Ameland (Wynand van Poortvliet/unsplash)

Zum Glück gab es auch schöne Ferien. Als Kind war ich noch ein zweites Mal am Meer, diesmal an der Nordsee. Doch auf Ameland war es völlig anders als „in Kur“. Diesmal war ich nämlich nicht allein, eine meiner Cousinen war bei mir, der Aufenthalt dauerte nur zwei Wochen, und die Kindergruppe war fröhlich. Die „Ferienfreizeit in Holland“ muss von der Kirche organisiert worden sein, denn alle waren katholisch, kamen aus meiner Gegend, und wir beteten morgens, mittags und abends. Aber ganz ungezwungen. Es war auch ein älteres Mädchen aus unserem Dorf als Betreuerin dabei. Meine Erinnerungen an Ameland sind anders als die Kurerinnerungen angenehm und bestehen vor allem aus Wasser, Möwen, Sand und Dünen, wenn man von zwei lästigen physischen Störfaktoren, die einfach nur mein persönliches Pech waren, einmal absieht.

Karten (BFL)

Zwischen den alten Briefen entdeckte ich eine Karte, die meine Mutter mir damals geschrieben hat. Darauf ist ein philosophisch blickendes Eichhörnchen zu sehen, das unbequem auf einem Ast ruht. Die Karte ist datiert: 4.8.1969. Hier finde ich auch meine damalige Adresse. Vacantiehiem „Licht der Zee“. Der Ort hieß Buren. Fotos gibt es keine von unserem Aufenthalt, aber etliche Karten. Eine mit Seevögeln. Wilde Eend, Zeekoet, Scholekster, Kievit. Beim Gedächtnissondieren fällt mir doch noch einiges ein. Busfahrten, ein Schiff, übermütige Kinderstimmen, die Lieder aus der „Mundorgel“ singen. Groeten van het eiland Ameland. Auf einer Karte sieht man eine Windmühle und einen rotweißen Leuchtturm, und ich schreibe von einer „schönen Traktorfahrt“, an die ich keinerlei Erinnerung habe. Der Aufenthalt war unbeschwert, nur einige unnötigen Kabbeleien machten mir etwas Kummer. Aber ich war schon immer extrem harmoniesüchtig. An die meisten anderen Kinder kann ich mich nicht erinnern, nur an das Mädchen, das im unteren Teil des Etagenbetts neben unserem schlief und C. hieß.

Ameland (Florian_Hölzl/pixabay)

Wir waren viel draußen, machten Wanderungen, aßen Eis und feierten mit einem sehr alten Pastor Gottesdienste am Strand, wo unsere Stimmen im Winde verwehten. Wir schliefen in einem ehemaligen Kuhstall, in dem lauter Etagenbetten aus Metall standen, immer zwei zusammengeschoben. Das Ambiente war extrem bescheiden, aber wir fanden das lustig. Meine Cousine und ich ergatterten zwei der begehrten oberen Schlafplätze, „Wir haben das beste Bett erwischt“, steht auf meiner Karte. Wir konnten alle nach Herzenslust flüstern und auf Toilette durften wir nachts auch. Mit meiner Cousine schlief ich manchmal Hand in Hand ein.

Schräg unter mir lag das Mädchen, an das ich mich so gut erinnere. Jeden Abend vor dem Einschlafen warf sie ihren Kopf so heftig auf dem Kissen hin und her, dass ich Angst bekam, sie könnte sich den Hals brechen. Ich hatte keine Ahnung, warum sie das machte, und überlegte, ob es vielleicht ähnliche Gründe haben könnte wie das Hin- und Herwiegen des Oberkörpers bei Heimkindern. Das hatte meine kleine Schwester in den ersten Wochen bei uns gemacht, und mein Vater hatte mir erklärt, dass die Babys auf diese Weise versuchten, sich selbst zu beruhigen. Das Kopfwerfen sah äußerst unbequem aus, aber C. schlief dabei tatsächlich ein. Ich weiß nicht, ob sonst noch jemand diese Eigenheit bemerkte. Vielleicht wussten die Betreuer davon, denn das Bett neben ihr war leer. Beim Übersetzen von psychiatrischer Fachliteratur stieß ich viele Jahre später auf den Namen des Phänomens: „Jaktation“. Bei C. war es offenbar „Jactatio capitis“.

Ameland (Smu93/pixabay)

C. hielt sich tagsüber bewusst abseits, und wir konnten mit ihr nichts Richtiges anfangen, aber sie tat uns leid und wir waren freundlich zu ihr. Noch etwas wiederholte sich jeden Abend. Wir sangen immer das Lied „Danke“ (in der Kurzversion), damals ein echter christlicher Hit, den die meisten von uns auswendig kannten. Am Ende des Lieds schmetterte das merkwürdige Mädchen zu meinem Entzücken jedes Mal: „Danke, ach Herr, ich will DICH danken, dass ich danken kann“. Bis heute denke ich an sie, wenn ich das Lied höre. Und die letzte Zeile singe ich genau wie sie, allerdings leise und nur für mich. Was mag wohl aus ihr geworden sein? Was mag wohl ihr Problem gewesen sein?

Ameland (Marijket/pixabay)

Dass die Ferien ein unschönes Ende hatten, lag ausschließlich an einem heimtückischen Fremdkörper und meinem unteren linken Backenzahn, der plötzlich anfing, wahnsinnig zu schmerzen, weil sich unter der Plombe Gas gebildet hatte, so dass ich zum ersten Mal in meinem Leben Sehnsucht nach einem Zahnarzt  hatte. Schmerzmittel gab es keine und einen Zahnarzt auch nicht. Dazu hätte man mich aufs Festland verfrachten müssen, und so viel Aufwand wollte ich nicht. Lieber alles tapfer ertragen, der Urlaub war ja bald vorbei. Was Zahnschmerzen betraf, war ich dank meiner Zahnarztphobie hart im Nehmen. In meiner Verzweiflung versuchte ich, vor dem Einschlafen das Puckern zu lindern, indem ich etwas Kaltes anfasste, zum Beispiel die Metallstangen vom Bett. Ich wartete, bis meine Finger kühl waren, und legte sie dann vorsichtig um den wehen Zahn. Es schmeckte unangenehm und half kaum.

Am Tag nach der Heimfahrt schleppte ich mich sofort als Notfall in die Höhle des Löwen. Was immer sich unter der Plombe gegen mich verschworen hatte, entwich zischend als stinkende kleine Giftwolke, die sogar Dr. K einen Pfiff des Erstaunens entlockte. In das Loch kam etwas extrem Bitterschmeckendes, und der Zahn und ich wurden erneut vorgeladen. Beim nächsten Termin wurden wir gewaltsam voneinander getrennt, und ich versuchte wie üblich, mich voll Panik in den Fußbereich des Zahnarztstuhls zu schlängeln. Ein unmögliches Unterfangen bei der extrem schiefen Körperlage, mein Kopf berührte ja fast den Boden. Es war völlig klar, dass ich scheitern würde, aber ich musste es einfach versuchen. Dr. K. schimpfte, stach mehrfach mit der Spritze und extrahierte. Also alles wie immer. Den Zahn nahm ich mit nach Hause und vergrub ihn im Beisein meiner Katzen feierlich hinten im Garten. Unmittelbar neben einem Rosenbusch.

Ameland (sedaris/pixabay)

Auf Ameland kümmerte sich übrigens auch noch ein netter junger Kaplan um uns. Als ich mir wenige Tage vor der Heimfahrt zu allem Zahnübel auch noch einen fetten Dorn in den Fuß trat, den keine der Betreuerinnen herauszudrücken vermochte, und mich nur noch auf der Ferse humpelnd fortbewegen konnte, sorgte er dafür, dass der lädierte Zehenballen mit schwarzer Zugsalbe eingeschmiert wurde. Mehrfach. Die sollte den Dorn herausziehen, was der Dorn aber leider nicht kapierte. Er gab sich erst zu Hause in der Badewanne geschlagen und trieb plötzlich völlig ohne mein Zutun eindrucksvoll schwarz und spitz im heißen grünen Fichtennadelwasser. Ein Riesendorn! Kein Wunder, dass er mich geplagt hatte! Und so verbrachte ich meine zweiten Meerferien zwar seelisch unbeschadet, dafür aber gequält von Zahnweh und Ballendorn. Doch meine Erinnerungen vermag das nicht zu trüben. See und Salzluft waren trotzdem schön, genau wie das laute Seevogelgekreisch und meine Sonnenlotion. Zeozon. In einer gelbgrünen Plastikflasche.

Ameland (Ridderhof/pixabay)

An Essen und Getränke habe ich keine Erinnerungen, also wird alles in Ordnung gewesen sein. Wir konnten uns wohl selbst bedienen, was mir schon immer am liebsten war. Ich bekomme nur einen Steinmagen, wenn der Teller voll ist (vor allem mit Dingen, die ich nicht mag oder hasse) und ich ihn leer essen muss. Offenbar ein chronischer Kur-Effekt. Ich habe mich in der Ameland-Kindergruppe sehr wohl gefühlt, nur das gemeinsame Duschen war peinlich. Vor allem wegen meiner Cousine. Ich schämte mich so! Verwandte sollten sich auf gar keinen Fall nackt sehen! Heimweh hatte ich vor allem nach meinem kleinen Zoo, denn zu dem Zeitpunkt hatte ich ja außer meinem Hamster Maxim, einem dicken Meerschweinchen und vielen Kaninchen auch schon meine Katzen.

Der Hörnchenkarte entnehme ich, dass meine Mutter wie üblich, wenn Familienmitglieder abwesend waren (mein Vater war zeitgleich auf Dienstreise), massive Veränderungen im Haus vornahm. Diesmal ließ sie das Wohnzimmer renovieren, eine Dusche im Keller einbauen und eine neue Kühltruhe anliefern. Vielleicht musste sie sich intensiv ablenken, um den Trennungsstress zu ertragen? Aber vielleicht nutzte sie aber auch nur die Gunst der Stunde und die gewonnene Freiheit, um ungestört walten zu können? Mein Vater hasste Handwerker und Veränderungen – und mir ging es ähnlich. Als ich aus der Niendorf-Kur zurückkam, überraschte meine Mutter mich mit einem komplett neu gestalteten Zimmer und richtig schönen Möbeln, die sie höchstpersönlich abgebeizt und gestrichen hatte. Über den neuesten Stand der Renovierung wurde ich in jedem Brief auf dem Laufenden gehalten.

Ameland (Skitterphoto/pixabay)

 

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„Das Kind braucht Luftveränderung“ (6) – Barbara

Muschelherz (Alexandra_Koch/pixabay)

Als Kontaktperson für „Verschickungskinder“, die genau wie ich im Kurort Niendorf an der Ostsee waren, habe ich im Laufe des letzten Jahres einige Mails von anderen ehemaligen „Kurkindern“ bekommen, unter anderem einen langen Brief von Barbara, die als ganz kleines Kind „verschickt“ wurde und mir erlaubt hat, ihn hier zu zeigen.

Meine eigenen Erinnerungen kommen sofort zurück, wenn ich ihren Bericht lese. Ich rieche das Meer, den Gestank der Muscheln, Krabben und Seesterne, den fischigen Seekutter, den Duft meiner cremigen Sonnenlotion, den scheußlichen blassen Kinderkaffee, von dem wir Durchfall bekamen, die eklige wabbelige Frühstücksülze. Ich spüre die salzige, herbe Luft auf Lippen und Zunge, die kalten Kacheln, den groben, spitzen Kies unter meinen nackten Füßen, das weiche hellblaue Badetuch beim Abrubbeln, die eisigen Wellen beim Baden im Meer, die Gänsehaut am ganzen Körper, den klebrigen Sand zwischen den Zehen, den rauen Bettbezug am Gesicht. Mein Haß auf weiße Bettwäsche rührt eindeutig aus dieser Zeit.

Den Wackelpudding mit dem Schokokringel hatte ich tatsächlich vergessen. Den gab es auch bei uns! Er war wirklich lecker, vor allem, wenn er grün war. Mein Waldmeistertrost. Das Eis war zu meiner Zeit allerdings ungenießbar, was traurig war, denn Eis war mein Lieblingsnachtisch. Wie habe ich es noch in dem mühsam herausgeschmuggelten Brief ausgedrückt, der meine besorgte Mutter so in Alarmbereitschaft versetzte, dass sie sofort im Heim anrief: „Wir bekommen furchtbares Essen. Faule Sachen und vieses Eis.“ Ich vermute, das Eis war mit Büchsenmilch gemacht, und Büchsenmilch fand ich als Kind einfach widerlich. Auch die Milchsuppe mit der dicken Haut und die scheußliche Reste-Suppe, in der die Nußeckenstücke vom Vortag schwammen, sehe ich wieder vor mir, und schon schnürt sich mein Hals zu. Das Schwimmbad, von dem Barbara schreibt, kenne ich nicht, wir haben damals „richtig“ in der Ostsee gebadet, wenn auch nicht oft, aber wir waren ja auch „schon groß“. Für so kleine Kinder wie Barbara wäre das sicher zu gefährlich gewesen.

Hühnergötter (Saiflower/pixabay))

Barbaras Brief

„Auf WDR 5 habe ich gerade einen Bericht über den Verein „Verschickungsheime“ gehört. Und da kommen die Erinnerungen wieder hoch. 1968 war ich 5 Jahre alt, meine Schwester war damals 6 und wog zu wenig. Deshalb sollte sie aufgepäppelt werden, und damit sie nicht allein war, wurde ich mitgeschickt. Entgegen der üblichen Praxis waren wir beiden jedoch nur 3 Wochen dort, alle anderen Kinder 6 Wochen. Das Essen war zwar oft eklig, aber in meiner Erinnerung nicht verdorben oder so. Milchsuppe hab ich gehasst, musste sie aber jeden Morgen essen. „Wer nicht auf isst, darf nicht aufstehen vom Tisch!“ Und wer kotzt (das kam ziemlich oft vor), bekommt mittags keinen Nachtisch. Dieser Nachtisch war super: Wackelpudding mit einem Schokokringel darauf. Der war bei allen sehr begehrt. Und sonntags gab’s Eis zum Nachtisch! Also, möglichst nicht kotzen! Die „Fräuleins“ (Betreuerinnen) und die Nonne waren sehr streng. Liebevoll habe ich sie überhaupt nicht in Erinnerung, eher kalt und hart, manchmal auch gemein.

Allein (Lauralucia/pixabay)

Ich hab damals oft in die Hose gemacht, besonders wenn ich Angst hatte. Am 2. Tag hatte ich schon zwei Schlüpfer gewechselt und brauchte gegen Mittag schon den dritten. Die Erzieherin erlaubte es nicht. „Wenn du in die Hose machst, musst du das halt aushalten. Die Unterwäsche wird nur einmal in der Woche gewechselt!“ Und so lief ich total wund eine ganze Woche mit der selben Unterhose herum und hab wahrscheinlich unglaublich gestunken. Als die Nonne das am Ende der Woche gesehen hat, gab’s richtig Ärger. Ab da durfte ich jeden Tag zumindest einmal die Wäsche wechseln (mehr aber auch nicht!!!), aber wenn die Nonne weg war, musste ich manchmal auch mit nasser Hose rumlaufen.

Schlimm war auch die Bettkontrolle morgens: „Wer von euch hat ins Bett gemacht?“ Peinlich war das. Erniedrigend. Und wenn abends das Licht ausgemacht wurde, kam 10 Minuten später die Nonne und hat jedem Kind mit der Taschenlampe ins Gesicht geleuchtet, um zu kontrollieren, ob wir auch schliefen. Wenn man die Augen ganz fest zusammenkniff, merkte sie nicht, dass man noch wach war. Glaubten wir. Weinen war verboten, das weiß ich noch, und auch, dass auf dem Flur immer jemand Wache gehalten hat, damit niemand aufsteht.

Meine Schwester bekam Windpocken im Heim, einige Tage später ich auch und so folgten alle Kinder nach und nach. Man musste für einige Tage allein im Schlafsaal bleiben, durfte nicht aufstehen, und ich hatte unendliches Heimweh. Es war grauenhaft.

Vor ca. 20 Jahren bin ich nochmal nach Niendorf gefahren. Hab das Haus von Weitem erkannt, obwohl ich weder Namen noch Adresse hatte. Hab unseren Gruppenraum direkt gefunden, wusste noch, wo wir immer gesessen haben. War alles noch sehr ähnlich wie damals, aber der Raum schien mir viel heller. Die dunkle Holzvertäfelung war, glaube ich, nicht mehr da.

Strandläufer (Skitterphoto/pixabay)

Als ich auf dem Hof unten eine Betreuerin fragte, wo die „Schreckenskammer“ ist, wusste sie sofort, was ich meinte: den Duschraum vor dem Schwimmbad. Einmal in der Woche war dort Schwimmen, Baden und Planschen angesagt, und das haben wir geliebt. Aber um ins Schwimmbad zu kommen, mussten wir uns natürlich erst umziehen. Und was dann kam, war furchtbar. Alle Kinder wurden in einen kleinen schmalen Raum gesperrt, dicht an dicht, und die Tür hinter uns geschlossen. Niemand konnte mehr raus. Der Raum hatte Oberlichter und war mit weißen Kacheln raumhoch gefliest. Unter der Decke waren in regelmäßigen Abständen Duschköpfe montiert. Von außen wurde dann das Wasser aufgedreht, und das war eiskalt! Alle schrien und versuchten, möglichst weit weg von den Duschköpfen zu kommen. Es war ohrenbetäubend, alle schubsten, drängten und drückten, eiskaltes Wasser prasselte von oben auf uns herunter, lautes Geschrei und Gekreische… Ich hatte Todesangst. Ich war die Jüngste in unserer Gruppe, alle anderen waren 6 und 7 Jahre alt, aber ich war ja erst 5 und damit die Kleinste und Schwächste. Panik, blanke Panik! Es war die Hölle. Bei meinem zweiten Besuch gab es diese Kammer wohl nicht mehr. Das Schwimmbad war damals komplett gesperrt und wurde gerade saniert.

Einsame Feder (Cairomoon/pixabay)

Meine Mutter war 1938 selber als Kind in diesem Heim. Warum sie uns dann auch noch dahin geschickt hat, verstehe ich bis heute nicht. Meine jüngste Schwester (6 Jahre jünger als ich) war 1978 auch dort, aber da war sie schon 10 Jahre alt und hat ganz wunderbare Erinnerungen daran. Dort war sie die Älteste und durfte sich mit um die Kleinen kümmern. Endlich mal nicht die Kleine sein wie zuhause, sondern zu den Großen zählen, das hat sie sehr genossen.

Ob wir in dem Heim auch unser Erbrochenes essen musste, weiß ich nicht mehr. Vielleicht bilde ich mir das ja nur ein. Bin mir da nicht mehr sicher, aber es treibt mir die Tränen in die Augen. Nachdem ich das in so vielen Berichte von anderen gelesen habe, gruselt’s mich immer mehr. Kann das wirklich möglich sein? Die eigene Kotze essen müssen? Unglaublich!

So viele Erinnerungen kommen wieder hoch. Ich fand es dort ganz schrecklich. Mich hat gerettet, dass meine große Schwester dabei war. Somit waren wir wenigstens nicht alleine…“     

(Barbara)

Frei (Kranich17/pixabay)

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