Süchtig nach Schneeglöckchen (Simone Garland)

Little Darlings  (Simone Garland)

In Ontario ist der Frühling in diesem Jahr zwar zeitig, doch es ist immer noch kalt. Heute, am Ostermontag, sind dort  -6°, und nachts fallen die Temperatur leicht bis zu -14°. Kein Wunder, dass die Schneeglöckchen (Galanthus nivalis) dort später blühen als bei uns, obwohl sie inzwischen auch in Kanada anderen Frühlingsboten Platz gemacht haben. Der Gattungsname Galanthus stammt übrigens aus dem Griechischen und bedeutet Milchblume (abgeleitet von gala, Milch und anthos, Blüte). Nivalis  bedeutet schneeweiß und bezieht sich daher gleich doppelt auf die Blütenfarbe. Meine Freundin Simone schreibt, dass die kleinen Glöckchen in Kanada gerade erst abgeblüht sind und jetzt die Scilla (Blausterne) und Hyazinthen blühen.

Ich mag Schneeglöckchen sehr gern. Ich habe eine uralte Hasenvase aus feinem Porzellan, in der ich die ersten aus unserem Garten immer hier ins Wohnzimmer hole. Sie verströmen einen angenehm zarten, an Honig erinnernden Duft, welken aber leider sehr schnell, so dass ich jedesmal ein schlechtes Gewissen habe, weil ich sie nicht draußen gelassen habe. Auch Schneeglöckchen sind giftig. Das in ihnen enthaltene Alkaloid Galanthamin wird sogar als Medikament gegen Demenzerkrankungen eingesetzt und soll vor allem im frühen Stadium die Krankheit verlangsamen und die Gehirnleistung verbessern, auch wenn die Nebenwirkungen oft nicht angenehm sind.

Snowdrops (Simone Garland)

Hier in Deutschland sind die bekannten „Nettetaler Schneeglöckchentage“ inzwischen umgezogen und finden seit 2019 Mitte Februar in Knechtsteden statt. Eine Bekannte von mir wünscht sich jedes Jahr ein besonderes Galanthus-Exemplar zum Geburtstag. Das kann dann durchaus (natürlich pro Stück!) 50 Euro kosten, doch weil es ihr ausdrücklicher Geburtstagswunsch ist, sieht man es ihr nach. Sie ist halt ein bisschen verrückt, wenn es um Schneeglöckchen und Gartenpflanzen geht. Dabei ist sie nur eine überaus vorsichtige Sammlerin, kein Vergleich zu den wirklich Süchtigen! Ich kann sie gut verstehen und bleibe den „Schneeglöckchen Tagen“ daher aus Kostengründen lieber fern.

Besonders in England gibt es zahlreiche „Galanthophile“, die sich ihre Liebe zu den unscheinbaren Blühern einiges kosten lassen. Auf einer „Galanthus-Gala“ bezahlen Sammler für ein Exemplar der Sorte „Flacon de Neige“ ohne mit der Wimper zu zucken 260 Euro, für „E.A. Bowles“ um die 350 Euro, und ein einziges Exemplar von „Elizabeth Harrison“ hat sich ein Hardcore Fan 2012 sogar stolze 1.000 Euro kosten lassen. Wer hätte gedacht, dass die unscheinbaren Winzlinge so wertvoll sind! Man kauft sie allerdings besser im blühenden Zustand, damit man nicht etwa die Katze im Sack oder das Glöckchen in der Zwiebel kauft.

Schneeglöckchen an Osterei (Simone Garland)

Ich muss gestehen, dass ich (noch) wenig Ahnung von den verschiedenen Galanthus-Sorten habe, obwohl ich immerhin drei Varianten im Garten beherberge (aber es gibt an die Tausend!). Ich habe dummerweise vergessen, welche wo steht, und erkenne sie nur daran, dass sie verschieden hoch sind und zu unterschiedlichen Zeiten blühen. Daher nenne ich sie einfach „normales“, „großes“ und „spätes“ Schneeglöckchen, und alle drei dürfen sich natürlich frei verwildern, so dass wir schon früh im Jahr überall kleine und große Tuffs bewundern können.

Spezialisten können die kleinen Blüher natürlich auf einen Blick unterscheiden, etwa an der Färbung (es gibt sogar welche mit Gelbtönen!), den Zeichnungen und Markierungen (es gibt auch welche ganz ohne), der Größe (zwischen 5 und 25 cm), der Anzahl, Anordnung und Form der „Röckchen“ (rund oder spitz, verschieden weit abstehend bis hin zu reiner Tropfenform). Gefüllte Varianten und herbstblühende gibt es auch. Eine der frühesten Sorten trägt den lustigen Namen „Ding Dong“. Das Schneeglöckchen, das viele Namen hat (u.a. Schneedurchstecher, Schneeblümlein, Schneetröpfli, Frostglöckchen, Frühlingsglöckchen, Weiße Jungfrau) ist auf vielen Gemälden und Zeichnungen, in der Literatur und in Liedern und Musikstücken verewigt. In einer Vertonung von Schubert heißt es „das schöne blasse Kind“.

Naturbelassen (Simone Garland)

Möglicherweise spielt das Blümchen sogar in der „Odyssee“ eine kleine, aber wichtige Rolle. So soll Odysseus seine Männer mit einem Schneeglöckchen-Trank vom Zauber der Circe befreit haben. Doch möglicherweise war damit auch eine ganz andere Blume, nämlich die Zierlauchart Allium Moly, gemeint. Der Text ist da etwas widersprüchlich. Homer nennt sie zwar Moly, doch Moly blüht gelb. Im Text steht aber ausdrücklich, dass sie milchweiß blüht, daher weiß man es nicht so genau. Mir gefällt natürlich die Schneeglöckchenversion besser. So ein winziges Pflänzchen liefert das Gegengift zu einem so mächtigen Zauber!

Es gibt auch Legenden, die sich um diese Blume ranken. Als Gott den Schnee erschuf, gab er ihm keine Farbe, was den Schnee betrübte, daher fragte er bei den Blumen an, ob sie ihm von ihrer Farbe abgeben würden. Nur das Schneeglöckchen war bereit, mit ihm zu teilen. Daher kommt es, dass der Schnee nur das Schneeglöckchen in seiner Nähe duldet. Eine andere Legende erzählt, daß Adam und Eva nach der Vertreibung aus dem Paradies während eines harten Winters in einer Schneelandschaft weinten und Gott einen Engel schickte, der die Flocken in winzige Blüten verwandelte. In einer weiteren Version weinte Eva Tränen der Reue, und aus ihren Tränen entstanden Schneeglöckchen.

Ein weiterer alter Name der  Blume lautet Lichtmess-Glöckchen, was auf ein längst vergessenes Ritual zurückgeht. Früher wurden in den katholischen Kirchen zu „Maria Lichtmess“ im Februar Schneeglöckchen als Sinnbild der Reinheit auf den Altar gestreut. Ich mag das Fest. An diesem Tag ging meine Oma mit mir in die Kirche, und wir ließen für die ganze Familie die Kerzen segnen. Darüber habe ich auch schon in diesem Blog geschrieben. Damals pflegten noch viele Familien Kerzen anzuzünden, für Unwetter und Gewitter gab es sogar eine ganz besondere, schwarze Kerze. Heute sind diese Gewitterkerzen nur noch schwer zu bekommen, aber ich habe voriges Jahr in Kevelaer welche gesehen.

Gewächshaus mit Gärtnern und Glöckchen (Simone Garland)

Das kleine Gewächshaus, in dem am Frühlingsanfang auch immer ein Töpfchen mit Schneeglöckchen steht, bekommt in Simones Haus jedes Jahr einen Ehrenplatz am Eingang und wird mit den Blumen bestückt, die gerade blühen. Als erstes kommen natürlich die Snowdrops, wie sie auf Englisch heißen. Zu den Holzfiguren aus dem Erzgebirge hat Simone einen ganz besonderen Bezug, denn die hat ihr Opa selbst auf einer Drehbank gemacht und auch selbst bemalt. Dargestellt sind Oma und Opa als Gärtnerin und Gärtner. Simone bekam sie als Erinnerung von ihm, als sie 1986 aus der DDR nach Kanada auswanderte. Die Großeltern hat sie danach leider nur noch wenige Male wiedergesehen, aber die schöne Erinnerung bleibt. In Opas Garten hatte die kleine Simone ein eigenes Beet, auf dem sie anpflanzen durfte, was sie wollte. Vielleicht wurzelt ja dort ihre große Liebe zu den Blumen und zur Natur?

Schneetröpfchen (Simone Garland)

 

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Osterglocken und Narzissen (Anni Hansen)

Narzissenwiese (Anni Hansen)

Fast alle Frühlingsblumen erschienen in diesem Jahr viel früher als sonst, und die meisten sind leider schon längst wieder verblüht. Hier im Garten kann man nur noch einige „Thalia“, spätblühende weiße Engelstränen-Narzissen, bewundern. Die meisten meiner Narzissen wachsen in Töpfen und Schalen, bald werde ich die Zwiebeln wieder aus dem Boden nehmen, an einer kühlen, dunklen Stelle überwintern und im nächsten Herbst wieder einpflanzen. Ich habe inzwischen eine kleine Sammlung – vor allem englische Zwergnarzissen mit wohlklingenden Namen wie „Rip van Winkle“, „Jack Snype“ und „Peeping Tom“.

Narzissen (der Name geht auf das griechische Wort narkein, betäuben, zurück), zu denen auch die gelb blühenden Osterglocken zählen, gehören nicht nur zu den beliebtesten Frühlingsblumen, sondern sicher auch zu den geheimnisvollsten. Lange vor unserer Zeit wurden sie bereits als Blumenschmuck genutzt, so fand man in einem altägyptischen Grab einen Kranz aus weißblühenden „Tazetten“, eine besondere Art von Narzissen mit mehreren büschelförmig wachsenden Blüten. Zudem begegnet man ihnen in alten Buchmalereien,  auf den Wandgemälden in Pompeji und auf mittelalterlichen Bildern, vor allem aber in der Dichtung und Mythologie, etwa dem Mythos von Demeter und Persephone.

Narzissen am Wasser (Anni Hansen)

Wenn sich die ersten Blumen zeigen, kehrt die junge Persephone aus der dunklen Unterwelt zurück zu ihrer Mutter Demeter. Das Mädchen Persephone ist gleich doppelt mit den Narzissen verbunden. So künden diese Blumen nicht nur von ihrer Rückkehr, sie waren auch der Köder, mit dem Hades, der Herrscher der Unterwelt, das junge Mädchen in seine Gewalt brachte. Er hatte sich in sie verliebt, wußte jedoch, dass sie ihm nicht freiwillig in sein dunkles Reich folgen würde. Als sie eines Tages mit ihren Freundinnen Blumen pflückte und sich gerade über eine betörend duftende Narzisse mit vielen Blüten beugte, stieg Hades plötzlich aus der Unterwelt empor, ergriff sie und entführte sie.

Ihre verzweifelte Mutter, die Fruchtbarkeitsgöttin Demeter, wanderte klagend umher und suchte nach ihrer Tochter, konnte sie aber nirgends finden. Da wurde sie so traurig, dass sie den Pflanzen zu wachsen verbot, den Bäumen untersagte, Früchte zu tragen, und den Tieren, sich zu vermehren. Als alles verdorrte und die Menschen anfingen zu sterben, fürchteten die anderen Götter, die Erde würde vergehen, und Zeus befahl Hades, Persephone zumindest zeitweise freizulassen. So darf sie nun einen Teil des Jahres bei ihrer Mutter auf der Erde verbringen, in der restlichen Zeit lebt sie in der Unterwelt als Königin der Toten. Während ihrer Abwesenheit herrschen auf der Erde Winter und tiefe Trauer, doch wenn sie im Frühling zu ihrer Mutter zurückkehrt, beginnt die Natur wieder zu blühen und hüllt sich ihr zu Ehren in ihr schönstes Freudenkleid.

Narzissenpracht  (Anni Hansen)

Narzissen sind leider giftig, unter anderem enthalten sie Alkaloide wie Narcissin und Narcipoetin, und ihr Schleim kann empfindliche Haut so reizen, dass man eine Kontaktallergie entwickelt, die „Narzissendermatitis“. Man kann sie in der Vase auch nur schlecht mit anderen Blumen kombinieren, da die meisten Blumen ihren Schleim nicht vertragen. Ich wundere mich oft, dass ich gegen Narzissen und auch Efeu gar nicht allergisch bin, allerdings vertrage ich keinerlei Berührung mit Raublattgewächsen.

In der chinesischen Kultur gelten Narzissen als Glückssymbol, in der islamischen Welt haben sie Augen (besonders die weißen Dichternarzissen mit der auffälligen Nebenkrone in der Mitte), in christlichen Darstellungen sieht man sie sogar unter dem Kreuz blühen, vielleicht sind sie dort ein Zeichen der Wiedergeburt.

Frühlingserwachen (Anni Hansen)

In der Antike waren die Narzissen außerdem eng mit dem Jüngling Narziss (Narcissus, Narkissos) verknüpft, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte, das er auf der Oberfläche eines Sees erblickte. Es gibt unterschiedliche Versionen, wie er zu Tode kam.   Eine Geschichte erzählt, dass er bei dem Versuch, sich selbst zu umarmen, ertrank. Eine andere, dass er versuchte, nach seinem Spiegelbild zu greifen, dabei Wellen entstanden und das Spiegelbild sich so sehr verzerrte, dass es häßlich wurde. Aus Verzweiflung darüber stürzte er sich in die Fluten. Mir gefällt die ersten Version besser.

Übrigens war er nicht allein. Die Nymphe Echo, die sich unsterblich in den schönen Jüngling verliebt hatte, jedoch von ihm abgewiesen und verhöhnt worden war, weil sie aufgrund eines Fluchs, der auf ihr lastete, immer nur die letzten Worte von anderen wiederholen konnte, trauerte so sehr um ihn, dass sie dahinsiechte, sich in Stein verwandelte und am Ende nur ihre Stimme übrig blieb. Das Echo, das von den Felsen widerhallt. Doch auch der schöne Jüngling verschwand nicht ganz. An der Stelle, wo sein Körper gelegen hatte, nachdem man ihn aus dem Wasser gezogen hatte, wuchs später eine wunderschöne Narzisse. Der Beschreibung nach war es eine duftende weiße Dichternarzisse.

Dancing in the Breeze (Anni Hansen)

In Annis Bildern, die alle in ihrer Heimatstadt Lübeck aufgenommen wurden, kann ich nicht nur richtig in Narzissen schwelgen, sie erinnern mich auch sofort an die wunderbaren Nazissenbänke in Cambridge, die ich so liebe, und an das Gedicht von William Wordsworth „Daffodils“. Sein Haus habe ich vor einigen Jahren in England besucht, aber leider nicht, als die Daffodils blühten. Genau wie Lübeck. Ich war schon oft dort, aber noch nie zur Narzissenzeit. Irgendwann muss ich beides unbedingt nachholen. Und vielleicht lerne ich dabei auch endlich meine ferne Freundin Anni und ihre Katzen persönlich kennen.

 

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Hoffnungsvoll – Kleine Schönheiten (Ulli Jung)

Traubenhyazinte (Ulli Jung)

In den nächsten Tagen möchte ich einige große und kleine Blumenstars aus dieser Jahreszeit zeigen, die sich auch von Corona nicht beirren läßt und gerade in ihren schönsten Farben erstrahlt. Die Bilder stammen von Andy, Anni, Simone und Ulli, die ich seit mehr als vier Jahren kenne. Zum ersten Mal begegnet bin ich ihnen in einer Foto-Facebook-Gruppe, doch schon bald wurden wir ferne „Freunde und Freundinnen“.

Ich habe die vier noch nie persönlich getroffen, und doch haben wir fast täglich Kontakt, schauen immer mal wieder kurz beieinander vorbei und nehmen teil am Leben der anderen, den Sorgen und Verlusten, den Hoffnungen, Glücksmomenten und Freuden. Dass derartige virtuelle Treffen überhaupt möglich sind, gehört für mich zu den besonderen Wundern unserer Zeit. Durch das Internet werden Entfernungen außer Kraft gesetzt, Menschen können mühelos sekundenschnell durch verschiedene Zeitzonen reisen und in Windeseile Städte, Berge, Flüsse und Meere überfliegen.

Die Bilder kommen aus unterschiedlichen Orten im Norden und Süden Deutschlands und sogar aus Kanada. Zunächst wollte ich alle Bilder in einem gemeinsamen Beitrag zeigen, doch dann habe ich entschieden, mehrere Beiträge zu machen. Die Blumen sind einfach zu schön, und jedes Bild verdient es, genauer und in Ruhe für sich betrachtet zu werden.

Zarte Glöckchen  (Ulli Jung)

Die ersten drei Bilder sind von Ulli Jung. Sie lebt in Hamburg und probiert mit ihren Kameras und Objektiven immer wieder Neues aus. Sie experimentiert ausgesprochen gern, „malt“ mit Formen und Farben und beschreitet oft auch ungewöhnliche Wege. Eine Zeitlang erschuf sie fantasievolle, surreale Collagen, die aus anderen Welten zu stammen schienen und in meinem Kopf gleich Geschichten entstehen ließen. Einmal hat sie für mich auf facebook eindrucksvolle Bilder zu meiner Beitragsserie über Träume gemacht.

Momentan hat sie sich auf Macro-Aufnahmen spezialisiert und spürt den ganz kleinen Motiven nach, an denen so viele achtlos vorübergehen. Wenn es sein muss, robbt sie dazu sogar bäuchlings über Wiesen. Am liebsten nachmittags, wenn der Boden nicht mehr ganz so kalt ist.

Daisy (Ulli Jung)

Vor kurzem hat Ulli eine Foto-Serie nur mit Gänseblümchen gemacht, einer zu Unrecht oft übersehenen Blume, die ich besonders liebe. Mir gefällt auch der englische Name: Daisy. Als Kind bin ich zu Hause oft rasch auf den Rasen gelaufen und habe möglichst viele Daisies gerettet, bevor der Rasenmäher sie abschnitt. Ich hatte (und habe) sogar mehrere Väschen für diese Winzlinge.

Letztes Jahr erwischte mich ein Bekannter dabei, wie ich zwei Tütchen mit Gänseblümchensamen verstreute. „Ich seh‘ wohl nicht richtig? Du säst Gänseblümchen? In euren RASEN?“ Ja, mache ich. Natürlich nur auf den Rasen im hinteren Teil des Gartens, denn der gehört mir und ist entsprechend „unordentlich“ und voller Wildblumen. Im vorderen Gartenteil wächst der richtige Rasen. Der sieht ziemlich so aus, wie ein Rasen aussehen sollte und wird auch regelmäßig gedüngt und vertikutiert.

Wenn sich die Gänseblümchen dorthin verirren (und das tun sie dauernd) grabe ich sie vorsichtig aus und pflanze sie hinten wieder ein. Genau wie die Vergißmeinnicht. Die braucht man nur wieder an anderer Stelle in ein bisschen Erde zu setzen, dann wurzeln sie unverdrossen weiter. Das würde ich am liebsten auch mit Löwenzahn machen. Wenn der nur nicht so lange Wurzeln hätte! Die gehen mir beim Ausbuddeln immer kaputt. Löwenzahn fasziniert mich, weil er so wandelbar ist. Und er ist in jeder Phase auf andere Weise schön. Vielleicht sollte ich ihm mal einen ganzen Beitrag widmen?

 

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Kölner Westen – Kleiner Ausflug und Abendlieder

Dass der Virologe und SARS-Experte Prof. Christian Drosten gerade allen Ernstes erwägen muss, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen, weil er angefeindet wird, als Karikaturfigur verunglimpft und dazu auch noch für den Tod des hessischen Finanzministers verantwortlich gemacht wird, kann ich nicht fassen. Diese ruhige Stimme der Wissenschaft und Vernunft, die uns seit einigen Wochen täglich so viele wertvolle, aktuelle und angstfreie  Informationen gibt, halte ich für unverzichtbar. Für mich ist er jedenfalls von montags bis freitags das Highlight des Tages. Heute (Mittwoch, 1. April) konnte er leider nicht sprechen, weil er erkältet ist. Eine Nachricht, die mich jetzt richtig erschreckt. Ich hoffe inständig, dass er bald wieder ganz gesund ist! Dass es nichts Schlimmes ist! Und dass er weitermacht! Für mich ist dies der beste Podcast, den ich je gehört habe. 20 Millionen Abrufe verzeichnet die Sendung inzwischen, man hört sie in vielen Ländern, und es gibt auch schon Bitten, die Beiträge übersetzen zu lassen. Doch wie schwierig das ist, kann ich mir als Übersetzerin lebhaft vorstellen.

Experiment mit Gott (BFL)

Letzten Montag haben wir einen kurzen Spaziergang durch Weiden gemacht.  Leider fing es plötzlich an, heftig zu hageln, so dass wir an der Kirche kehrt machen mussten. Auf unserem Weg fielen mir viele Veränderungen auf, etwa das große bunte Regenbogenbild am Zaun der Clarenhofschule, das mit Kreide geschriebene Bibelzitat auf dem Bürgersteig vor der Evangelischen Kirche und die Briefumschläge, die am Aushang hingen. „Experiment mit Gott“ stand darauf. (Die online-Beiträge in „Oasenworte in Wüstentagen“ auf der Homepage der Evangelischen Kirche werden übrigens von Tag zu Tag umfangreicher, so dass zumindest die Gläubigen mit Internetzugang dort Trost finden und vertraute Stimmen hören können.)

Blüte (BFL)

Die Natur im Kirchengarten blüht und sprießt natürlich unverdrossen weiter, und an den weiß gestrichenen Stämmen der kleinen Straßenbäume blühen rosa Blüten. Der Frühling läßt sich durch ein paar Hagelschauer und Nachtfröste nicht beirren. Der grimmige Mose rechts neben dem Kircheneingang schaut genauso unwirsch wie immer, aber weil er mir leid tat, wie er so ganz allein im Hagel stand und auf den leeren Säulengang starrte, habe ich ihm kurz meinen Schirm geliehen. Über der Eingangstür leuchtet jetzt übrigens wieder der große Herrnhuter Stern, der sonst nur in der Advents- und Weihnachtszeit aufgehängt wird. Das warme Gelb ist tröstlich. Unser eigener, viel kleinerer Stern hängt übrigens auch noch hier im Garten.

Mose im Hagel (BFL)

Mit Schrecken las ich gestern Abend einen Artikel über einen Chor in den USA, der Anfang März die letzte Chorprobe in einer Kirche abhielt. Alle freuten sich über das Treffen, alle fühlten sich gesund, keiner hatte Symptome. Alle Vorsichtsmaßnahmen wurden eingehalten, man wahrte genug Abstand, es wurden keine Hände geschüttelt, jeder hatte seine oder ihre eigenen Notenblätter mitgebracht. Dann sangen alle gemeinsam. Eine Stunde lang. Viele schöne Lieder. Die Chorprobe machte allen Anwesenden Freude, es tat gut, sich in diesen dunklen Tagen zu sehen und zusammen zu singen. Doch jetzt, drei Wochen später, sind 49 der 60 Chormitglieder an Covid19 erkrankt, mehrere liegen im Krankenhaus, und zwei sind bereits an der Krankheit verstorben.

Reserviert für den Chor (BFL)

Wie gut, denke ich erleichtert, dass der Abendgottesdienst am 15. März nicht stattgefunden hat. Mein Mann hatte an diesem Abend Küsterdienst, alles war vorbereitet, und die ersten drei Reihen auf beiden Seiten waren für unsere Kantorei abgetrennt. Dahinter wären mehrere Reihen frei geblieben. Ein guter Freund von mir ist Mitglied der Kantorei, auch er wäre dort gewesen, und ich hatte mich schon darauf gefreut, ihn zu sehen. Es hätte zwar genug Abstand zwischen den Stuhlreihen gegeben, doch die Sänger und Sängerinnen wären sehr wahrscheinlich trotzdem nicht gut genug geschützt gewesen. Wenn man laut und kräftig singt, ist die Luft um einen herum voller Aerosole, und die Umstehenden atmen diese verwirbelte Luft ein. Es reicht offenbar, wenn nur eine Person infiziert ist, auch wenn sie selbst nichts davon spürt und völlig symptomfrei ist. Wie gut, dass der Gottesdienst so kurzfristig abgesagt wurde, auch wenn es sich damals so falsch anfühlte. Und wie grausam, dass etwas so Schönes und Kostbares wie gemeinsames Singen und Umarmen im Moment lebensgefährlich ist. Dieses Virus ist überall, macht keinen Unterschied,  behandelt alle gleich. Ganz egal, wo wir leben, ganz egal, wer wir sind. Es überwindet alle Grenzen, dringt durch alle Ritzen und verbreitet sich in Windeseile um den Erdball. Es zwingt uns, alles zu stoppen, im Guten wie im Schlechten. Wir sind gezwungen, unser Leben auf Null herunterzufahren und zu warten, bis der böse Spuk vorbei ist. Und das kann dauern. Die Zahlen der Infizierten steigen. Die Zahlen der Verstorbenen auch. Heute liegen wir in Deutschland schon bei über 73.000 Infizierten (ohne Dunkelziffer), über 800 Toten und über 19.000 Genesenen (Quelle: nov2019.live). Und Trump hat es tatsächlich geschafft. In allen drei Sparten. America first. Jetzt stimmt es wirklich. Ein bitterer Triumph. Sogar für jemanden wie Trump.

Aushangkasten (BFL)

Was mir auffällt: Ich sehe noch mehr Menschen mit Mundschutz auf den Straßen, lese noch mehr über die Vorteile dieser Vorsorge (für andere), habe mich mit einem Freund in Japan ausgetauscht, wo man an Atemschutzmasken gewöhnt ist. Langsam verändert sich meine Wahrnehmung. Einmal habe ich schon so einen Mundschutz getragen. Es war gar nicht so einfach. Das Atmen gegen Widerstand fiel mir nach einer halben Stunde schwer, unter dem Stoff war es warm und ungemütlich. Und dann wurde das Material langsam feucht. Schön war das nicht. Vor ein paar Tagen habe ich ernsthaft angefangen, für uns einen kleinen Vorrat zusammenzutragen. Aus unterschiedlichen Quellen. Hier in Weiden gibt es gleich mehrere Frauen, die solche Masken nähen, einige sind großzügig und verschenken sie, andere verkaufen sie. Zu sehr unterschiedlichen Preisen. Ich weiß, dass es viel Arbeit macht, so eine Maske zu nähen, und wie schon so oft bedauere ich, dass mir dazu das Talent fehlt, obwohl ich mütterlicherweits aus einer Schneiderfamilie komme. Schade, dass ich das Schneidergen so gar nicht geerbt habe. Ins Center sind wir bei unserem letzten kleinen Ausflug nicht gegangen, nur in die Apotheke. Mich deprimieren die leeren Gänge und verschlossenen Läden. Alles wirkt so ausgestorben. Auch die Bahn war wieder menschenleer.

Allein in der Nacht (unsplash)

Nach wie vor wird hier in Weiden abends um 21:00 Uhr ein Lied gesungen, über das im Laufe des Tages abgestimmt wird. In den großen Wohnblöcken singen viele Menschen mit, doch hier bin ich meist mit dem DJ unten im Schulhof allein. Einmal blieb es ganz still, da gab es gar keine Musik, nur der Mond stand fern und schmal am schwarzen Himmel. Ab und zu zeigen sich auch die Bewohner eines Hauses ganz weit weg rechts von mir. Zum Beispiel letzten Sonntag, als das bekannte Lied „Heimweh nach Köln“ von Willi Ostermanns gespielt wurde. Die inoffizielle Hymne dieser Stadt. Für mich hatte die Szene etwas Unheimliches, denn ich hatte plötzlich das starke Gefühl, dass mein Vater anwesend war. Fast auf den Tag genau sieben Jahre ist er jetzt tot. Er starb am 2. April 2013. Und doch stand er jetzt neben mir. Er kannte dieses Lied nur zu gut. Aus dem Krieg. „Das haben die Soldaten aus Köln immer gesungen. Sogar in den Schützengräben, mitten im Kugelhagel. Und nachts, wenn sie Heimweh hatten. Und auch in Gefangenschaft. Und dabei haben sie geweint.“ Willi Ostermann schrieb das Lied 1936, also noch vor dem Krieg, und verwendete dabei die Melodie einer früheren Komposition „Sehnsucht nach dem Rhein“. Es entstand kurz vor seinem Tod, als er nach einer schweren Operation in einem Kölner Krankenhaus lag und wußte, dass er nicht mehr nach Hause kommen würde. Zum ersten Mal gesungen wurde es an seinem Grab. Allein oben auf meinem Balkon stand ich neben meinem unsichtbaren Vater, den ich genau spürte, und versuchte mitzusingen. Bei der berühmten Zeile „Ich mööch zo Foß noh Kölle gon“ (Ich möchte zu Fuß nach Köln gehen) versagte mir die Stimme. Ich hörte die anderen klar und sicher mitsingen, während bei mir nur noch die Tränen liefen.

 

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Kölner Westen – Mit Abstand der beste Kunde!

Freitag morgen waren wir auf dem Clarenhof, um den ersten frischen Spargel zu kaufen. Dass dort so viele Kunden sein würden, hatte ich gar nicht erwartet. Im großen Feld an der Straße blühen wie immer um diese Jahreszeit üppig die Tulpen und Narzissen (man kann sie auch selbst pflücken), und vor dem Laden sah es schon richtig österlich aus. Wenn die großen runden Abstandskreise und die Pfeile überall nicht gewesen wären, hätte man meinen können, die Welt sei noch in Ordnung. Ist sie aber nicht.

Draußen auf den Tischen standen nicht nur Hasen in allen Farben, sondern auch kleine und große Töpfe mit Blumen, und ich konnte nicht widerstehen und kaufte mir als Frühlingstrost zwei Märzenbecher. Meine hier im Garten haben offenbar die Wühlmäuse gefressen, und die neuen habe ich eben eingepflanzt. Mögen sie noch lange blühen und nächstes Jahr wiederkommen.

Ostern? (BFL)

Drinnen im Laden gibt es übrigens ein Produkt, das ich persönlich schon seit zig Jahren bevorrate: Schwarzbrot der Bäckerei Zimmermann, meiner Lieblingsbäckerei noch aus der Zeit im Belgischen Viertel. Ein gutes Gefühl, jetzt wieder zwei Pakete mehr zu haben.

Im Clarenhof wird sorgsam auf Sicherheit geachtet, draußen gibt es Markierungen, und es sind immer nur ganz wenige Kunden gleichzeitig im Laden. Es tat mir gut, die vielen frischen Lebensmittel zu sehen. Produktmäßig sah alles ganz „normal“ aus, genau wie immer. Aber was mir auffiel: Inzwischen tragen immer mehr Menschen Mundschutz. Und immer mehr Menschen blicken ernst und schweigen. Nur wenige lächeln. Keiner lacht. Und ich sehe weniger Kinder. Wenn man sich in den Gängen oder an den Türen begegnet, dreht man einander den Rücken zu. Das ist richtig, rücksichtsvoll und notwendig in diesen Tagen, doch es fühlt sich nicht gut an. Mein Gefühl dabei: Ich stelle eine potentielle Gefahr für die anderen dar, und die anderen sind eine potentielle Gefahr für mich. Ich fühle mich bedroht. Von allen Seiten bedroht. Von Menschen und Viren. Sogar von der Luft und vom Spargel!

Und draußen lacht die Sonne und leuchten die Tulpen und Narzissen. Was für ein Kontrast! „Wir haben auch sonntags auf“, sagte die Frau an der Kasse. „Von 10 bis 18 Uhr.“ Für Menschen mit Hüttenkoller hier in Weiden, die ein bisschen Osterstimmung dringend nötig haben, ist der Hofladen vielleicht einen kleinen Ausflug wert? Aber das Wetter soll ja schlechter werden. Schneeregen ist angesagt.

Der Spargel vom Clarenhof schmeckt übrigens gut, wir haben ihn gestern schon gegessen. Spargel erinnert mich an meine Kindheit, denn ich komme ja vom Niederrhein. Meine Oma hatte ein großes Spargelbeet im Garten, der Boden in Herongen ist sehr sandig, und mein Vater fuhr während der Spargelsaison fast jede Woche nach Walbeck, um Nachschub für unsere Familie zu holen. Besonders meine Mutter war ziemlich spargelsüchtig. Spargel bedeutet für mich Vertrautheit, Elternhaus, Niederrhein, im besten Sinne. Im Auto habe ich mir die Hände desinfiziert. Hoffentlich werde ich nicht paranoid. Oder ist das nur vernünftig und realistisch?

Schlange (BFL)

Vor dem großen Rewe in Lövenich stand bereits eine erstaunlich lange Schlange, und auch hier herrschte auffällige Stille, kaum ein Lächeln, nur von den Angestellten, und der gebotene Sicherheitsabstand zwischen den Kunden war oft noch viel größer als 1,5 Meter. An der Ausgabe der Einkaufswagen stand eine freundliche Angestellte mit Handschuhen und schob den Kunden vorsorglich den Wagen hin, natürlich mit frisch desinfiziertem Griff. Auch hier fiel mir auf: Immer mehr Menschen tragen Mundschutz. Es sind alle Varianten vertreten von selbstgenäht und bunt bis weiß und „medizinisch“ oder richtig professionell und „krankenhausartig“. Ein Kunde, wahrscheinlich jung, aber genau weiß ich es nicht, denn man sah von seinem Gesicht nichts, trug eine Totenkopfmaske. In seinen Ohren steckten kleine Headphones, und alle, die alle vor und hinter ihm standen, durften mithören.

Distanz wahren (congerdesign/pixabay)

Auch im Laden selbst hielten die stillen Kunden großzügige Sicherheitsabstände ein. Sie warteten geduldig in den Gängen, bis die anderen fertig waren, und drehten einander den Rücken zu, wenn der Abstand aus Platzmangel zufällig unterschritten wurde. Der weiträumige Laden war wie immer gut bestückt, wirkte aber zumindest während unseres Besuchs kundenleer.

Ich warf einen interessierten Blick in das Regal, in dem Sie-wissen-schon-was hätte liegen sollen. Es war nicht leer, sondern mit anderen Produkten gefüllt, woraus ich schloss, dass der momentane Superstar aus Papier immer noch mit Abwesenheit glänzt. Durch den neuen Inhalt fiel es nur nicht mehr auf.

Alles ist gut (Anni Hansen)

Meine Facebook-Freundin Anni aus Lübeck hat mir ein Bild geschenkt, das hoffnungsfroh stimmt, was die Klopapierzwangskäufe betrifft. Zumindest die Lübecker sind wohl zur Normalität zurückgekehrt, dort sind die Regale jedenfalls wieder voll. Vielleicht ist es hier ja auch bald soweit. Ich würde es mir wünschen. Dann könnte ich endlich aufhören, darüber zu schreiben. Aber in Lübeck gibt es gerade eine üble Sturmflut, und Teile der Stadt stehen unter Wasser. Ich mag Lübeck sehr, und Annis neue Bilder von überfluteten Straßen und wilden Wellen lassen Schlimmes ahnen. Auch das noch! Haben wir denn nicht schon genug Probleme? Wann hört das denn endlich auf?

Überflutetes Lübeck (Anni Hansen)

Alle Personen, die im Rewe damit beschäftigt waren, die Regale aufzufüllen, trugen jetzt Visiere aus Kunststoff, und die KassiererInnen saßen gut geschützt hinter einer „Schutzwand“ aus Plexiglas, die mich spontan an die Bahnhöfe meiner Kindheit erinnerte. Vielleicht auch an die Post in unserem Dorf. Es gibt unten eine kleine viereckige Öffnung, durch die man sein Geld reichen kann. Aber wie beim letzten Besuch bezahlten die meisten mit Karte. Wie das so ist mit Zahlen, wenn man nicht wirklich entspannt ist, war die erste Pin-Eingabe falsch. Aber die Kassiererin blieb trotzdem ruhig und zugewandt. „Machen Sie sich keinen Stress!“ Das fällt mir immer wieder auf in dieser Rewe-Filiale: Alle, die dort arbeiten, sind äußerst freundlich und hilfsbereit. An der Kasse gab es ein Schüsselchen für Trinkgeld. Das war auch neu. Und auch diesmal habe ich mir im Auto die Hände desinfiziert. Überall können Viren lauern, langsam fange ich an zu spinnen. Schnell wieder zurück nach Hause! Die Straßen waren erstaunlich leer, sogar die Aachener.

Nach diesen beiden Einkaufserlebnissen sank meine Stimmung trotz Spargel, Schwarzbrot und Märzenbecher auf den Nullpunkt, und ich beschloss, uns jetzt endlich auch einen Mundschutz zu organisieren. Nicht weil ich daran glaube, dass sie uns schützen, eher weil wir offenbar langsam die einzigen sind, die noch „normal“ herumlaufen. Außerdem ist es eine Geste der Solidarität und signalisiert dem Ladenpersonal Rücksicht und Respekt. Hier in Weiden gibt es gleich mehrere Quellen, wie ich in der Facebook-Gruppe und bei nebenan.de lese. Etliche Frauen haben ihre Nähmaschinen hervorgeholt und nähen, was das Zeug hält. Man kann die fertigen Masken kontaktlos an einem Fenster abholen. Sogar die Wunschfarbe kann man angeben. Ich hätte am liebsten Blaugemustert. Nur nichts Rotes. Das erinnert mich leider sofort an Blut. Das will ich im Moment wirklich nicht vor dem Mund haben. Schon gar nicht auf meinem ersten Mundschutz.

Weidener Schafe (Juliane B.)

Eine nette Mit-Weidenerin, die ich gerade erst bei Facebook kennengelernt habe, hat mir ein Foto geschenkt, das sie gestern morgen gemacht hat. Weidende Schafe in Weiden, völlig ohne Social Distancing. Die Glücklichen! Auch dieses Bild erinnert mich an meine Kindheit. Trotz der städtischen Strommasten. Wie oft habe ich mit meiner Freundin Winnie an der Niers gesessen, Bravos oder andere verbotene Hefte und Bücher gelesen und den Schafen zugeschaut. Den Rücken an einem Baumstamm oder bäuchlings auf dem Gras. Ich höre noch das Blöken der Schafe und wie sie gemütlich und friedlich kauen, und ich sehe die beiden schwarzen Hunde des Schäfers (der mit dem großen Hut) eifrig hin und her laufen. Ein vertrautes, beruhigendes Bild. Heute, am Sonntag, ist die Weidener Weide wieder leer. Schade. Die Schafe sind weiter gezogen. Sie haben es gut, sie können sich frei bewegen. Sogar in großen Gruppen. Gut behütet von ihrem Schäfer und seinen Hunden. Entspannt und sicher. Anders als wir Menschen.

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