Der Sprung ins Netz

(merakist/unsplash)

Hoffentlich kippt die Stimmung nicht! Gerade hatte ich nach meinem kühnen Vollsprung mitten ins Netz angefangen, mich virtuell etwas wohler zu fühlen. Doch in einigen Foren und Gruppen wird der Ton schon gereizter, es wird vorschnell und heftig auf Posts reagiert, beschimpft und getrollt, und das führt zu Aufregung und unnötigen Missverständnissen. Einige hängen bereits an der Decke, bevor sie die Beiträge überhaupt gelesen haben. Ich merke, wie ich zurückzucke. Bei Aggressionen bin ich dünnhäutig. Ich habe beschlossen, nicht mehr (wie in den Anfangstagen von Corona) mehrmals täglich den überquellenden Gruppenabschnitt des Netzes zu besuchen. Lieber treffe ich „enge Freunde“ bei facebook, in deren Gegenwart ich entspannen kann. Mehrere „Bekannte“ habe ich aus Selbstschutz aus meiner Freundesliste entfernt. Es ist mir nicht leicht gefallen, aber anders ging es nicht. Wahrscheinlich wird es dabei nicht bleiben. Zum Glück habe ich im realen Leben meinen Mann, der nicht mal durch Corona aus der Ruhe zu bringen ist. Vielleicht liegt das daran, dass er Virologe ist? Er ist die hoffnungsvolle menschliche Oase in meiner Social Distancing Wüste.

(Sara Kurfess/unsplash)

Mir fällt auf, dass viele Leute jetzt mehr telefonieren und (noch häufiger als sonst – ja, das geht!) whatsappen. Sogar ich. Es ist schön, schnell nachfragen zu können, wie es Freunden und Verwandten geht, und sich auch um Bekannte, mit denen man normalerweise nicht ständig in Kontakt steht, zu kümmern. In diesen Tagen geht mir so viel durch den Kopf. Der vor kurzem verstorbene Dieter Höss pflegte zu sagen: „Erst wenn wir im Dunkeln sitzen, geht uns ein Licht auf“. Da ist was dran.

Normalerweise telefoniere ich höchst ungern und muss mich überwinden, zum Telefon zu greifen, aber in den letzten Tagen sind meine Widerstände deutlich geringer geworden. Es tut gut, reale Stimmen zu hören, genauer nachzufragen und zu erfahren, wie es dem anderen jetzt wirklich geht. Mein Mann bekommt vermehrt Anrufe von ehemaligen Mitarbeitern und Weggefährten, von denen er jahrelang nichts gehört hat. Was ihn freut. Wer mit viel Zeit zu Hause sitzt, macht weite Ausflüge in die Vergangenheit. Das äußere Social Distancing führt offenbar auf der inneren Ebene die Menschen enger zusammen. Sprachnachrichten versende ich nach wie vor höchst ungern, bekomme aber gern welche von lieben Menschen, die damit keine Probleme haben und nicht so gern schreiben. Keine Ahnung, warum ich es hasse, in mein Handy zu sprechen. Möglicherweise erinnert es mich an das schreckliche Gerät, in das ich jahrelang meine medizinischen Fachübersetzungen diktieren musste. Was ich noch beobachte: Familien rücken (das geht auch aus der Ferne) wieder oder noch näher zusammen, längst vergessen geglaubte Freunde fallen einem plötzlich wieder ein und man fragt sich, ob es ihnen gut geht. Wie wunderbar, dass wir heute die Möglichkeit haben, auch „verlorene“ Freunde im riesigen Netz wiederzufinden. Wie trostlos muss das bei früheren Seuchenausbrüchen gewesen sein!

Radio mouse house in Tennessee

Instagram macht mir weiterhin Freude. Wenn die Bilder nur nicht so schnell wieder verschwinden würden, aber es gibt ja zum Glück die Option, sie zu speichern, und auch eine eigene Messenger-Funktion. Ich bin noch nicht sehr lange auf Insta, daher meistere ich auch noch nicht alles auf Anhieb. Mir gefallen die fantasievollen Beiträge. Hier treffen sich Menschen (vor allem KünstlerInnen) aus aller Welt, die einander freundlich Mut zusprechen und oft auch außerhalb der Posts miteinander kommunizieren. Ob das immer so ist, weiß ich nicht. Bei Instagram habe ich gleich mehrere Seelenfreundinnen gefunden, die jetzt auch meine Facebook Freundinnen sind. Vielleicht können wir uns eines Tages sogar mal richtig treffen, das wäre schön.

Frau Milkana’s new glasses

Meine Freundin in New York hat letzte Woche „einfach so“ eine winzige Brille für meine Maus-Lehrerin Frau Milkana gemacht, die ihre ursprünglichen Augengläser leider verloren hat. Das passiert öfters bei Minis, denn die Gegenstände sind ja nur wenige Zentimeter groß. So habe ich schon etliche Zitronen und Orangen zertreten und einmal sogar einen Bund klitzekleiner Fliegenpilze aus dem prallen Staubsaugerbeutel gefischt. Das war ziemlich eklig und hat bei mir einen heftigen Niesanfall hervorgerufen, aber es war effektiv. Den Pilzen sieht man den Horrortrip in den Sauger zum Glück nicht mehr an. Polymer Clay ist sehr robust. Frau Milkanas Brille wird wohl auch in den Staubsauger geraten sein. Ob ihre neue (viel, viel schöner als die alte!) je hier ankommt, wissen wir nicht. „I cannot say when I will get to the post office, I am not even sure if the post offices are open“, schreibt mir die Brillenmacherin. Diese liebenswerte, humorvolle Frau ist nur eins der vielen Wunder in dieser abscheulichen Coronazeit. Hoffentlich bleibt sie gesund!

Kunst bei instagram

New Yorker cat with gnomes

Eine andere neue Instagram-Freundin, die ebenfalls in New York wohnt, gehört auch zur Risikogruppe, und wir tauschen täglich kurze Nachrichten aus. „How are you coping?“ Sie sorgt auch noch für ihre hochbetagte Mutter. Auch um sie mache ich mir Sorgen. Vor wenigen Wochen kannte ich sie nicht mal!

Eine quirlige junge Frau in Tennessee habe ich (ungewollt, aber gern) mit dem Mausvirus infiziert. Sie hat sich gerade die zweite Maus in Europa bestellt und baut ihr schon ein tolles Zimmer in einem alten Radio. Außerdem hat sie mir lauter schöne kleine Stoffstücke mit Minimustern geschickt. Und dann sind da noch die drei jungen Mauskinder, die bei meiner vierten neuen Freundin in Norwegen ungeduldig darauf warten, sich auf die Reise zu mir ins Mausland zu begeben. Ob und wann sie wohl hier ankommen? Überhaupt die Mäuse!

Auf Facebook und Instagram versuche ich, Kinder aller Altersklassen (es gibt echt mehr erwachsene Kinder als man denkt) damit zu trösten. Ich habe mir schon überlegt, ob ich als Krisenintervention nicht abends auch noch ein Gute-Nacht-Bild einstellen soll. Zwei Fotos am Tag mit Text ist zwar etwas Arbeit, und leider hat mein „Clean up“ Programm grade die meisten meiner Bilddateien zerstört, weil ich nicht aufgepaßt habe. Jetzt haben sie alle leer, haben „keinen Inhalt“ mehr, und ich muss gucken, wo die Originale sind. Auf irgendeinem Kamera-Chip, klar, aber auf welchem?

(Kleiner Nachtrag: Dem Supernetz sei Dank habe ich die meisten Bilder sicherheitshalber auch bei google Fotos gelagert, doch das fiel mir erst letzte Nacht ein, als ich mal wieder nicht schlafen konnte. Das hat mich gleich so entspannt, dass ich eingeschlafen bin. Wenn nur dieser schreckliche Alptraum nicht gewesen wäre und mich wieder geweckt hätte. Die grausigen Details erspare ich Ihnen lieber. Es ging um meine Katze, was mich zuverlässig sofort schockweckt.

Vitalfunktionen (unsplash)

Bei Twitter bin ich (noch) nicht, aber Messenger und Whatsapp lerne ich grad richtig schätzen, weil ich damit in Sekundenschnelle Freundinnen in Frankreich, Verwandte in England,  Freunde und Bekannte in den USA, Neuseeland, Kenia oder Japan erreichen kann. Das Netz ist in dieser Hinsicht genial, auch wenn es im Moment schwer verlangsamt ist, weil immer mehr von uns dauernd hineinspringen. Hoffentlich schmiert mir das Internet nicht ab! Lästig ist der Netzverlust leider immer, weil ich ein Internet Junkie bin und den freien Zugang für meine Arbeit dringend brauche, aber im Moment wäre der Verlust schier unerträglich. Ohne WLAN geht hier nämlich gar nichts. Nicht mal das Telefon.

Vorgestern habe ich selbst netzmäßig überreagiert. Jemand postete, es dürfe im Veedel ab sofort abends keine Musik mehr von den Bläck Fööss gespielt werden. Die Band habe das verboten. Die Nachricht zog mich runter, der Tag war gelaufen. Das gemeinsame Lied am Abend, auch wenn wir hier nur extrem wenige sind, gehört für mich irgendwie zum Corona-Zustand dazu, auch wenn es meistens blöd ist, mitten im Fernsehprogramm oder beim Essen hoch zu rasen und sich auf den kalten Balkon zu stellen. Vorgestern sind (weit, weit weg) fünf neue Schatten dazugekommen, die auch einsam die Handy-Taschenlampe durch die Nacht schwenkten. (Gestern waren wir aber leider wieder allein mit unserem unsichtbaren DJ nebenan.) Die Nachtlieder sind tröstlich. Ich beschloss daher, die Bläck Fööss persönlich um Erlaubnis zu fragen (facebook macht’s möglich), hatte aber nicht ernsthaft damit gerechnet, dass sie antworten würden. Taten sie aber: „Hallo liebe Beate, was für eine Frage. Natürlich, sehr gern. Es tut gut zu wissen, dass auch unsere Lieder für viele von Euch eine kleine Hilfe sind, um die aktuelle Situation zu meistern. Bleibt gesund. Viele Grüße.“ Ich wußte ja immer, dass die Bläck Fööss super sind!

(William Iven/unsplash)

Als ich las, dass man in Montreal nachts Lieder von Leonard Cohen singt, hätte ich mich am liebsten sofort dorthin gebeamt. „So long Marianne“ stand vorgestern auf dem Programm. NEID! Das Lied kann ich komplett auswendig!

Menschen, die normalerweise immer in Bewegung sind und beneidenswert viele soziale Kontakte haben, tun sich deutlich schwerer mit Social Distancing, und in meinem Umkreis manifestieren sich auch schon erste Depressions- und Hüttenkoller-Symptome. Es muss schlimm sein, wenn man gezwungen ist, mit nervigen Verwandten oder komplizierten Partnern (von denen man sich schlimmstenfalls vielleicht sogar trennen wollte) Tag und Nacht zusammenhockt. Da liegen rasch die Nerven blank. Wie es ist, eingesperrt mit übergriffigen Eltern oder Partnern zusammenzuleben, mag ich mir gar nicht vorstellen. (In China soll die häusliche Gewalt während der Corona-Krise um 30% zugenommen haben, und das betrifft nur die Frauen!) Oder wie es ist, krank, unversorgt und mutterseelenallein in der Wohnung zu liegen. In Spanien hat man in einem Seniorenheim die hilflosen alten Leute einfach liegen und sterben lassen und ist Hals über Kopf geflohen. Hier bei uns gibt es bisher noch keine Zunahme der häuslichen Gewalt, lese ich. Hoffentlich stimmt das. Wenn der übergriffige Mensch neben einem sitzt, wird man kaum wagen, die Polizei zu rufen. Von den armen Kindern ganz zu schweigen. Die können sich nicht mal wehren.

Gestern hörte ich im Radio, dass uns ein Pflegenotstand droht, weil die vielen, vielen (oft illegalen) Betreuungskräfte aus Ostdeutschland jetzt alle das Land verlassen (was ich sehr gut verstehen kann) und viele betagte Pflegefälle nicht mehr zu Hause versorgt werden können. Aber wo sollen sie hin? Viele Kinder können oder wollen ihre Eltern nicht zu sich nehmen, und jetzt Heimplätze zu organisieren, dürfte extrem schwer sein. Neue Pflegekräfte rücken wegen der Grenzkontrollen nicht mehr nach. Wie mag sich das alles für einen dementen, gelähmten, verwirrten, bettlägrigen, schmerzgeplagten, tauben oder blinden alten Menschen anfühlen? Ich habe eine Tante von über 90, die in einem Heim lebt und die man jetzt nicht mehr besuchen kann. Sie hört absolut gar nichts, und man muss alles aufschreiben, was man ihr sagen möchte. Wer macht sich schon die Mühe? Wie empfindet sie es wohl, wenn sie plötzlich von Menschen mit Mundschutz versorgt wird? Sie hat den Krieg noch erlebt, wahrscheinlich ist das für sie der pure Alptraum. Ich muss da heute unbedingt anrufen.

My Fairy Thorn (BFL)

Wie gut, dass meine Eltern das nicht mehr erleben. Draußen am Teich steht schon seit Jahren ein rotes Grablicht für sie. Der Friedhof ist unerreichbar weit weg, und ich habe ohnehin das Gefühl, dass sie hier bei mir sind und nicht in dem häßlichen Grab. Die Mönchsgrasmücke singt auch wieder, was ich als gutes Zeichen deute. Vor allem in der Nähe meines „Fairy Thorns„. Das ist der Weißdornstrauch, an den ich meine Wünsche in Form von Bändern hänge. Es werden täglich mehr. Ich hoffe, meine Zauberversuche helfen….

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Kölner Westen – Das neue Gold

Sensible Rolle  (BFL)

„Ist das eigentlich immer noch so schlimm?“ frage ich die Verkäuferin, während ich einmal mehr die leeren Regale bestaune. Sie grinst. Wir sind uns einig. „Verstehen kann ich die Leute nicht“, meint sie. „Jeden Tag kommt Nachschub! Es ist wirklich genug von dem Zeug da.“ Ich verstehe es auch nicht, obwohl ich mir seit Wochen darüber den Kopf zerbreche. Vor allem nachts, wenn ich nicht schlafen kann, was im Moment ziemlich häufig vorkommt. Irgendwie brauche ich kaum noch Schlaf und lese lieber die halbe Nacht. Oder denke nach. Ist sowieso egal, denn ich kann ja bis in die Puppen liegen bleiben, ohne dass es jemanden stört. Höchstens die Katze, die pünktlich ihr Futter einzunehmen wünscht. Danach lege ich mich wieder hin. Damit ich im Dunkeln nicht in nutzloses Grübeln verfalle, picke ich mir gern gezielt ein Problem heraus, über das ich mir tiefschürfende Gedanken mache. Gelegentlich kommt es dabei durchaus zu Geistesblitzen. Doch diesmal hakt es. Dieses Phänomen kapier ich nicht.

Freundliche Rolle (unsplash)

Sie haben natürlich längst erraten, worum es geht. Das neue Gold, die weichen, begehrenswerten Papierrollen, die seit einiger Zeit in gigantischen Mengen bevorratet werden. Ganze Zimmer und Garagen müssen inzwischen bis zur Decke mit dem Zeug vollgestapelt sein. Wahrscheinlich hängen die Besitzer dieser Sammlungen den halben Tag zufrieden zwischen ihren Rollen ab. Ob der merkwürdige Sammeltrieb daher rührt, dass so oft „sanft und SICHER“ auf den Packungen steht? Fühlt man sich irgendwie sicherer mit diesem Produkt? Oder liegt es daran, dass die Rollen auch ohne Pandemie in Großpackungen gekauft werden, so dass man bei Virenbedrohung  und  Lockdown folglich dringend ganz, ganz viele Großpackungen einlagern will? Damit nichts passiert!

Unerreichbare Rollen  (unsplash)

Hilft es dabei, die Angst vor Kontrollverlust und Hilflosigkeit zu bewältigen? Der „Feind“ ist unsichtbar, aber man muss ihm unbedingt etwas entgegensetzen, um nicht in Panik zu verfallen. Warum also nicht die preiswerte weiße „Geheimwaffe“, die alle anderen auch benutzen und für wirksam zu halten scheinen? Es ist ein Massenphänomen. Wie bei einer Stampede oder beim Run aufs Wasserloch. Und das erhebende Gefühl, gerade als letzter etwas ergattert zu haben, das so viele andere Menschen unbedingt auch haben wollen und jetzt nicht kriegen, führt möglicherweise vorübergehend zu Überlegenheitsgefühlen und Angstlinderung. Bei mir nicht. Leider. Ich wollte, es wäre so, dann würde ich sofort auch horten und stapeln, aber ich weiß nun mal, dass man sich auf dem Weg ganz bestimmt nicht ansteckt. Die Viren sind zwar bei manchen Menschen noch im Stuhl nachweisbar, aber nicht mehr infektiös. Adieu, weiche weiße Sicherheit! Das Klopapier schützt nicht unseren Körper, es schützt unsere Psyche. Komischerweise horten Menschen, die ihre Angst gut kennen, im Moment eher kein Klopapier. Sie versuchen, sich gut zu informieren, und sind jetzt zu ihrem eignen Erstaunen diejenigen, die andere beruhigen. Den Zustand, mit dem die Horter gerade so schlecht zurechtkommen, müssen sie nämlich jeden Tag bewältigen.

Viele Rollen (Erik Mclean/unsplash)

Trotzdem komisch, dass es in so vielen Ländern dieser Welt genau gleich abläuft – wenn man von den Regionen  absieht, in denen die Menschen im täglichen Leben nicht mal Zugang zu sauberem Wasser haben und in denen Klopapier überhaupt keine Rolle spielt. Was dort zur Bewältigung der Angst dient, weiß ich nicht. Vielleicht bestimmte Nahrungsmittel oder Rituale. Auf jeden Fall kein Klopapier so wie hier bei uns. Im Netz werden tatsächlich  jeden Morgen Tipps ausgetauscht, wo man das Zeug noch bekommt und wer grade wieder vier Packungen gehamstert hat. Und vor allem wird auf andere Hamsterer geschimpft und sich aufgeregt. Alles gut gegen Angst.

Ich habe mich umgehört und im Internet recherchiert. In den USA, in Australien, Kanada, Großbritannien, Frankreich (da flaut es allerdings grade ab, sagt meine französische Freundin) oder hier: alle haben dasselbe Lieblingsobjekt. Ein weißes Papiergespenst spukt durch unser Leben. Morgen für Morgen stürmen hoffnungsvolle Kunden die Läden (hier in Weiden wartet täglich eine Riesenschlange schon vor Ladenöffnung vor dem DM, hoffentlich mit genügend Sicherheitsabstand) und schon werden wieder die Rollen und Pakete aus den Regalen gerissen. Kurz darauf ist alles vorbei. Ausverkauft! Gähnende Leere, und schon wächst sie wieder, die nagende Klopapier-Mangel-Panik. Bis es einfach nicht mehr auszuhalten ist und unbedingt neuer Nachschub her muss. Dabei kann es zu bemerkenswerten Eskalationen kommen.

Rollenhorter (Eric Mclean/unsplash)

Ein facebook-Freund wurde vor wenigen Tagen Zeuge, wie eine Frau mittleren Alters im Supermarkt (nicht hier in Weiden!) kreischte: „Ich laß mir doch von Ihnen nicht vorschreiben, wie ich mein Leben rette!“, als man sie bat, doch bitte nur eine Riesenpackung des ersehnten Papierpodukts zu kaufen und nicht zwei Riesenpackungen. Sie wedelte wild mit den papierbewehrten Armen wie eine Windmühle und ging sogar die Kassiererin an, bis schließlich der Geschäftsführer einschritt und die Dame ohne Beute des Ladens verwies. Hallo? Seit wann rettet Klopapier unser Leben? Ich schätze Klopapier durchaus, aber so wichtig ist es nun auch wieder nicht. Wasser, Seife und Handtücher sind viel wichtiger.

Überraschung! (BFL)

Hier in Weiden entdeckte ich heute morgen zu meiner Verwunderung ein mir bisher unbekanntes Nischenprodukt, das bei mir und einer anderen Kundin (mit gebührendem Sicherheitsabstand) zu echter Erheiterung führte. Die Po-Dusche! Sie „reduziert den Papierbedarf um mindestens 50%“ (äußerst praktisch beim gegenwärtigen Rollenschwund) und wird nicht nur „von 9 von 10 Personen“, sondern auch „von Gesundheitsexperten“ (?) empfohlen. Klingt doch hervorragend! Aber warum stand sie noch da? Hatte man sie bei der Stampede übersehen? War sie gerade erst eingeräumt worden? Auf den ersten Blick sieht die Po-Dusche aus wie eine elektrische Zahnbürste, ein Fieberthermometer oder eine Art „Einlaufhilfe“, aber vielleicht macht sie ja im Laufe des heutigen Tages noch einen Kunden glücklich und gibt ihm das gute Gefühl, mit genau diesem Kauf sein Leben gerettet zu haben. Ich wollte sie jedenfalls nicht, und die andere Dame auch nicht. Stattdessen habe ich mir ein weiteres Stück Seife gegönnt, an dem ich mich freuen kann. Mein Seifenvorrat ist schön anzusehen und wohlduftend. Die meisten Mint in Box (originalverpackt), wie man unter Sammlern sagt. Ein Vorrat eben. Seife ist ja lange haltbar. Legt man sie in die Schubladen, riecht es da auch gut.

Teil meiner Sammlung (BFL)

Seife, man kann es gar nicht oft genug sagen, ist zur Zeit wirklich lebensrettend, weil sie die Virenhüllen zerstört, und trotzdem ist überall noch genug davon da. Sogar die transparente Flüssigseife mit den schwimmenden Fischen drin. Die horte ich auch. Kurzzeitig war sie ausverkauft, und das hat dann mich echt in Panik versetzt, aber jetzt ist alles wieder gut. Dass den Drogeriemärkten die Kondome ausgehen, wie man neuerdings dauernd munkeln hört, kann ich für Weiden nicht bestätigen. Das Regal war bestens bestückt, mit Exemplaren in allen Farben und Größen,  davon habe ich mich auf diskrete Weise selbst überzeugt. Für den Rest von Köln und Deutschland kann das natürlich völlig anders aussehen. Auch egal.

Wenn ich lese, dass die US-Bürger (nur die Männer oder auch die Frauen?) als spontane Vorbereitung auf die anstehende Pandemie (noch vor dem Run auf die Klopapierrollen!) in Horden die Waffenläden stürmten, um sich ordentlich mit Munition und diversen Schusswaffen einzudecken, finde ich auch irgendwie befremdlich. Aber es paßt. Der Griff zu den Waffen ist kulturell erlernt und gut erprobt im Umgang mit „Feinden“, von denen man sich bedroht fühlt. Aber Viren kann man nun mal nicht einfach abknallen. Höchstens mit einer Spritze, die mit genau dem richtigen Impfstoff geladen ist. Aber das gehört in den Bereich der sogenannten „Schulmedizin“. Und da die wissenschaftlich fundiert und evidenzbasiert ist, kann das mit dem echten Schutz und dem lebensrettenden Schuss leider noch etwas dauern.

grüner Trost

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Niederrhein Rocks: Farbenfrohes in trüben Zeiten

Viele Menschen haben im Moment existentielle und andere richtig schlimme Probleme, sind krank, fühlen sich einsam und verlassen, anderen fällt langsam die Decke auf den Kopf, sie haben Langeweile, sind genervt, haben Angst oder Anflüge von Hüttenkoller, wieder andere sind gereizt, gehen leicht in die Luft, regen sich über Klopapiermangel auf oder kommen nicht damit zurecht, dass sie plötzlich keine Zeit mehr für sich allein haben, sie vermissen ihre Arbeit oder ihre sozialen Kontakte. Oder geliebte Menschen, von denen sie nun getrennt bleiben müssen. Ablenkung tut gut in diesen Tagen!

Aber es gibt auch Menschen, denen die Zeit am Schreibtisch, am Küchentisch oder auch sonstwo in den eigenen vier Wänden weniger ausmacht. Ganz im Gegenteil, manche schaffen es sogar, sich fantasievoll mit der neuen Situation auseinanderzusetzen und erfolgreich zu „kreativieren“. Malend, zeichnend, fotografierend, bastelnd, singend, musizierend, schreibend gehen sie die düstere Weltlage an. Kunst und Fantasie können besonders in diesen Zeiten so tröstlich, beruhigend und heiter sein!

 

 

Als Schriftstellerin und Übersetzerin habe ich zum Glück kein Problem damit, „eingesperrt“ zu sein. Wenn man fast sein ganzes Leben allein am Schreibtisch zwischen Bücherstapeln und schlafenden Katzen in Wörterbüchern verbracht hat, macht einem auch ein wochenlanger  Lockdown wenig aus. Ist doch eigentlich wie immer! Alles, was man braucht und mag, hat man ja! Wenn man arbeitet oder „kreativiert“, kann man abschalten, Ideen sammeln, sich treiben lassen und die Gedanken auf Reisen schicken.

Erst wenn man die Nachrichten hört oder aufsteht und nach draußen geht, merkt man wieder, dass unser Leben aus den Fugen geraten ist, dass die Straßen und Läden gähnend leer sind und die Menschen Masken tragen und einander aus dem Weg gehen. Dann kann es passieren, dass man traurig wird, Angst bekommt und fast den Mut verliert. Doch zurück in den eigenen vier Wänden legt man gleich los mit neuen Projekten. Über Instagram sehe ich die Früchte der „eingesperrten“ Fantasie und Kreativität in aller Welt und staune täglich aufs Neue.

In den nächsten Tagen möchte ich hier einige Menschen vorstellen, die sich nicht unterkriegen lassen und auch jetzt noch versuchen, Farbe und Freude in ihren und unseren trüben Corona-Alltag zu bringen.

Heute haben mir die „Steinfrauen“ der Gruppe „Niederrhein Rocks“ erlaubt, einige ihrer Werke zu zeigen. Zum Mutmachen und Trösten für alle Hüttenkollerigen: Schaut euch an, was man alles tun kann mit ganz wenigen Mitteln in Zeiten von Corona, und vielleicht macht das ja auch den Kindern Spaß!

„Steinsucht“ (auch bekannt unter dem Namen „American Rock Fever“) paßt gut in diese Zeit, denn sie ist ebenfalls ansteckend, aber im besten Sinne. Im Moment ist es vielleicht ratsam, die Steine nur für sich selbst oder für den eigenen Garten zu bemalen statt sie in freier Wildbahn „auszuwildern“ und finden zu lassen. Das mache ich übrigens schon seit langem. Meine Steine liegen alle draußen zwischen den Büschen oder draußen auf der Fensterbank, zuerst sind sie bunt und leuchtend, dann verlieren sie langsam ihre Farben, werden immer blasser, und schließlich sammele ich sie ein und bemale sie neu. Ich verwende Plaka Farbe und favorisiere als Stil das australische „Dot Painting“, aber feiner und subtiler geht es natürlich mit Acrylfarbe. Wenn meine Enkel Lust haben, malen wir auch gemeinsam. Bei Draußen-Steinen trägt man zum Schluss noch eine Schicht Bootslack oder Klarlack auf, damit sie nicht zu schnell ausbleichen.

Seit es im Fernsehen eine Sendung über die „Niederrhein Rocks“ gab, kommen täglich neue „Rocker“ und „Rockerinnen“  in die Gruppe, weil sie schnell merken, wie entspannend das Bemalen von Steinen ist. Probieren Sie es selbst, sicher sind Sie talentierter als Sie ahnen! Auch für Kinder ist es toll, wenn sie ihre schönen Steine auf der Fensterbank liegen sehen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt! Alles ist schön! Man kann sie auch einfach nur beschreiben mit mutmachenden Sätzen.

Einige von Angelikas Danke-Steinen

Meine Freundin Angelika bemalt schon seit einiger Zeit Steine in dieser Gruppe. Vor der Pandemie wurden alle Mini-Rocks liebevoll „ausgewildert“ und meist schnell begeistert gefunden, und sicher gibt es am Niederrhein inzwischen Leute, die gezielt beim Gassi gehen oder Spazieren danach Ausschau halten. Man kann die kleinen Fundstücke entweder behalten und als Dekogegenstand nutzen, an Freunde und Verwandte verschenken oder einfach wieder neu „auswildern“ und beobachten, wo sie irgendwann landen. Letzteres ist im Moment vielleicht nicht so gut, aber es gibt ja eine Zeit nach Corona, und dafür ist ein kleiner Steinvorrat ideal!

In diesen Tagen malen Angelika und viele andere „Danke-Steine“ für Verkäuferinnen und Kassiererinnen, für Krankenhauspersonal und für viele andere Menschen, die bei uns „den Laden am Laufen“ halten. Vor dem Verschenken werden die Mini-Rocks vorsorglich gereinigt und manchmal auch in Cellophan verpackt. Wenn man die Steine nach der Beschenkung noch mal mit Seife wäscht, sind sie garantiert ungefährlich und übertragen nur die Kreative Steinsucht. Bei den eigenen Steinen erübrigt sich diese Reinigungsprozedur natürlich. Übrigens habe ich noch nie gehört, dass Steine Viren übertragen und würde mir da keine Sorgen machen, aber egal. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Oder in diesem Fall der Steinsammlung. Ich jedenfalls finde all diese munteren Rocks wunderschön und bedaure, dass ich sie heute nicht alle zeigen kann. Aber dafür reicht der Platz leider nicht. Ich kann ja irgendwann einen weiteren Beitrag dazu schreiben, denn es kommt täglich Nachschub.

Folgendes steht in der Facebook-Info der „Niederrhein Rocks“ und gilt für Normalzeiten ohne „Sie wissen schon was“: „Mit dieser Gruppe möchte ich einem amerikanischen Trend folgen: Stein suchen, säubern, bemalen, rückseitig beschriften, auswildern und hoffen, dass ihn jemand findet, dem er eine riesige Freude bereitet. Und mit etwas Glück wird er von jemandem gefunden, der ihn hier postet.“

 

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Kölner Westen – zum Tod von Dieter Höss

Am Samstag fand ich im Kölner Stadt-Anzeiger die Todesanzeige des Schriftstellers Dieter Höss, der am 11. März verstorben ist, und war einfach nur traurig. Wie bei allen Todesanzeigen in diesen Tagen las ich auch hier den schrecklichen Satz „Die Trauerfeier in Köln kann wegen des Coronavirus nicht stattfinden“. In der jetzigen Ausnahmezeit können Verstorbene nicht mehr gemeinsam betrauert werden. Auch Dieter nicht. Wir waren nicht nur Kollegen, sondern auch gute Bekannte. Dieter war ein bemerkenswerter Mensch, witzig, klug, freundlich und überaus warmherzig. Ursprünglich stammte er aus dem Allgäu und wurde am 9. September 1935 in Immenstadt geboren. Nun ist er dorthin zurückgekehrt, zurück ins Land seiner Väter („Zurückgekehrt ins Land meiner Väter? Dass ich nicht lache. Das ganze Land zwischen Iller und Immach hat immer Baronen und Grafen gehört“).

Wie oft hat er mich im Laufe der Jahre abgeholt, und wir sind gemeinsam zu den Treffen des Kölner Schriftstellerverbands gefahren. Auf der Fahrt haben wir meistens über Schottland und England geplaudert, manchmal hat er auch lustige Geschichten über seinen Hund erzählt. Bei den Treffen saßen wir stets nebeneinander und anschließend unterhielten wir uns über den Abend und über gemeinsame Bekannte, während Dieter mich durchs dunkle Köln sicher zurück nach Hause fuhr. Er wohnte in Junkersdorf, also eigentlich nur um die Ecke, und trotzdem haben wir uns nie richtig besucht, obwohl wir es immer vorhatten. Jetzt ist es zu spät. Wie erschreckend schnell das geht, wird mir wieder einmal mehr bewußt. Wenn wir uns trafen, haben wir viel miteinander gelacht, und sein feiner, spöttischer (ziemlich britischer) Humor, seine subtile Schlagfertigkeit sowie seine unverwechselbare Stimme werden mir und ganz sicher vielen Menschen fehlen. Von seinen liebevoll gestalteten Büchern habe ich natürlich etliche, ganz besonders mag ich die lustigen „Hai-Kuhs“ und den Rückblick auf seine Kindheit. Wir waren verblüfft, als wir feststellten, dass wir beide als Kinder „Les Preludes“ von Liszt mochten. Ich fand die Musik damals so schön, dass ich sie sie ganz laut abspielte und mich von den Klängen begeistert davontragen ließ. Plötzlich stürzte meine Mutter ins Zimmer und schrie: „Mach das sofort aus! Das haben die Nazis immer gespielt!“ Ich war entsetzt, und das Stück war danach nie mehr dasselbe. 

Schottland (BFL)

Vielen Kölnern ist Dieter Höss wohl noch als „King of Limericks“ bekannt, denn Limericks waren seine ganz besondere Spezialität, und viele Jahre lang erschienen seine kleinen Kunstwerke wöchentlich im Kölner Stadt-Anzeiger. Seine Bücher hat er mit feinem Strich selbst illustriert, denn er war von Hause aus Grafiker. Seine Gedichte erschienen in zahlreichen Zeitschriften, u.a. „Stern“, „Die Zeit“ und „Pardon“. Für meinen Köln-Roman hat Dieter der kleinen Hauptperson, die ein echter Fan von ihm ist, sogar extra zwei Haikus gedichtet. Marigard hat sich wahnsinnig gefreut und ist sehr stolz auf ihre eigenen Gedichte. Noch zu Weihnachten hat Dieter mir geschrieben, und nie hätte ich damit gerechnet, dass er so schnell für immer fort sein würde. Jetzt ist er plötzlich und unerwartet gestorben. Er wird mir fehlen.

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Kölner Westen – Wenn am Himmel die Stääne danze

Nachthimmel (pixel2013/pixabay)

Gestern Abend um 21:00 Uhr sang (fast) ganz Weiden „In unserm Veedel“, und diesmal habe ich endlich auch etwas gehört an der überbreiten Aachener Strasse, denn es gibt zum Glück immer mehr Weidener, die mitmachen, jetzt auch in meiner Nähe. Dazu beigetragen hat, dass der Hausmeister der Schule in unserer Nachbarschaft mit seiner Übertragungsanlage geholfen hat. Vielen Dank! Eine Nacht vorher war hier noch NICHTS zu hören und wir haben uns sehr einsam gefühlt.

Auch beim Glockenläuten (um 19:30 Uhr) hat sich die Reaktion gestern verbessert, denn diesmal stand ich nicht allein mit meinem Mann an der Straße. Auf der anderen Seite erschien eine Nachbarin, öffnete ihr Fenster und versuchte ebenfalls, den Glocken zuzuhören, und zwischendurch haben wir uns zugewunken. Leider lärmten ausgerechnet zur Glockenzeit besonders viele Autos vorbei, die alles übertönten. Ich bin mir nicht sicher, ob hier auch die Glocke der Evangelische Kirche schon mitläutet.

St. Michael, Belgisches Viertel (BFL)

Der Moment, in dem die Glocken zu läuten anfangen, berührt mich jedesmal. Es fühlt sich archaisch an, uralt, tröstlich, vertraut, heimatlich, kinderzeitlich. Schade, dass meine „Seelenkirche“ St. Michael nicht hier in Weiden steht. Als ich noch im Belgischen Viertel wohnte (immerhin 14 Jahre), war das Läuten ein fester Bestandteil meines Tages. Wenn die Autos doch nur kurz stehen bleiben würden, wenn die Glocken läuten. Vielleicht gehe ich heute Abend in den Garten, denn unsere Büsche filtern den Straßenkrach. Aber dann kann ich der Nachbarin nicht zuwinken, falls sie wieder ans Fenster kommt. Jammerschade, dass man den Dom nicht bis zu uns hören kann. Ob es eine Übertragung im Radio oder online gibt? Dann könnte ich mein Laptop vor die Haustür stellen und richtig aufdrehen.

Fenster in Kevelaer (BFL)

Heute Abend um 18:00 Uhr spielen hier in Köln übrigens viele Musiker von ihren Fenstern oder Balkonen aus „Freude schöner Götterfunke“. Aber ob ich davon etwas mitbekomme? Vielleicht stellt ja anschließend jemand auf fb ein Video ein, so wie gestern mit „In unserm Veedel“.

Später, diesmal um 20:00 Uhr (aktuelle Terminänderung),  singen wir „Stääne“, und darin kommen auch Glocken vor. Das wird bestimmt wieder emotional, aber Kölner haben kein Problem damit,  Gefühle zu zeigen, und wir haben hier so viele schöne Lieder und tolle Gruppen, dass man damit auch eine längere Quarantäne durchstehen kann. Das Lied heute Abend ist von den Klüngelköpp.

 „Wenn am Himmel die Stääne danze
Un dr Dom sing Jlocke spillt
Jo dann weiß ich dat ich doheim bin
Jo doheim bin heh am Ring“

Um 21:00 Uhr folgt dann Radio Köln mit „In unserm Veedel“, da hat Weiden vor, ebenfalls mitzumachen. Also ein gesangvoller Sonntag.

Ich bin “nur“ ein Immi, gleich nach der Schule hergezogen, aber viele meiner Vorfahren kamen aus Köln, und etliche Verwandte wohnten hier. Mir war immer klar, dass ich eines Tages nach Köln ziehen würde. Seit langem bin ich hier zu Hause. Wenn ich von irgendwoher zurückkomme und in der Ferne den Dom sehe, atme ich tief durch und bin froh. Auch nach so vielen Jahrzehnten noch. Jo dann weiß ich, dat ich doheim bin, jo doheim bin heh am Ring.

Coronaleere Evangelische Kirche Weiden (BFL)

Heute ist Sonntag. Viele Weidener wären heute morgen in ihren Kirchen gewesen. Das ist jetzt leider nicht mehr möglich. Noch vor wenigen Wochen hätte ich mir das nicht vorstellen können. Keinen Menschen mehr sehen! Keinen mehr treffen! Solidarität zeigen, indem man sich voneinander fernhält! Social Distancing als lebensrettende Maßnahme!

Doch die Kirchen lassen ihre Gläubigen auch jetzt nicht allein, nicht nur das Glockenläuten erinnert daran. Seit dem 15. März sind alle Gottesdienste abgesagt. Wie kann man da noch Gemeinde sein und gemeinsam Gottes Wort hören, Trost finden und trösten? Der Pfarrer unserer evangelischen Gemeinde hatte da eine schöne Idee: die „Oasen-Worte in Wüsten-Tagen“. Wer mitmachen möchte, kann einen kurzen Text mit seinen Gedanken aus dem eigenen Corona-Alltag und einem „guten Wort“ als Audio-Datei auf der Website der Gemeinde (ev-kirche-weiden.de) einstellen. So können wir auch in dieser schweren Zeit verbunden bleiben und einander hören und uns gegenseitig Mut zusprechen.

Schmuckmadonna im Dom (BFL)

Vielleicht haben ja die katholischen Gemeinden hier in Weiden auch Wege zueinander gefunden? Ich selbst bin katholisch aufgewachsen, war lange kirchenlos und bin jetzt evangelisch, ich bin also „bi-religiös“ und froh, dass ich auch die alten katholischen Rituale kenne. Ich kann mich noch gut erinnern, wie die Frauen in meiner Familie bei Problemen, Unwettern und in Zeiten großer Krisen „zu Maria gingen“ und Kerzen anzündeten. Vor allem, wenn geliebte Menschen krank waren, im Sterben lagen oder gerade verstorben waren. Hier in Köln gibt es gleich zwei berühmte Marien-Kraftorte, die Schmuckmadonna im Dom und die Schwarze Madonna in St. Maria in der Kupfergasse.

Vor der Schmuckmadonna (BFL)

Beide sind alte Pilgerorte, nicht nur in Zeiten der Not, und es hat in der Tat etwas Tröstliches, für sich selbst oder für liebe Menschen in Gefahr eine Kerze dort zu entzünden und sich still auf eine der Bänke zu setzen, die flackernden Lichter zu betrachten und denen, um die man sich sorgt, gute Gedanken zu schicken. Es ist aber auch schön, dorthin zu gehen, um sich zu bedanken, wenn alles gut gegangen ist, oder Trost zu finden, wenn man Schlimmes erfahren hat oder die schlimmsten Befürchtungen wahr geworden sind. Am Niederrhein hatte damals so gut wie jede Familie eine Marienstatue, meist in Form der Schutzmantelmadonna. Ich habe die alte Statue meiner Eltern geerbt, die ein Holzschnitzer in den Dolomiten vor vielen Jahren eigens für meinen Vater gemacht hat.

Der Dom bietet auf seiner offiziellen fb-Seite die schöne Möglichkeit, auch aus der Ferne eine Kerze anzuzünden. Jeden Morgen werden die vielen Gebete und Bitten der Menschen mitgenommen. In den Dom, zu den Kerzen, zu Maria. Es ist bewegend, die Gedanken der Menschen zu lesen. Menschen aus aller Welt haben dort geschrieben, was sie bekümmert in diesen Tagen.

Schwarze Madonna, Köln (BFL)

Ob man auch bei der Schwarzen Madonna aus der Ferne Kerzen anzünden kann, weiß ich nicht. Ihre Kerzen sind noch „wie früher“, lang und weiß, und man kann sie vor dem kleinen Raum, in dem sich die Statue befindet, anzünden. Schwarze Madonnen oder Schwarze Göttinnen gelten als etwas Besonderes, und ich habe dies noch nie so stark gespürt wie in der dämmrigen, unheimlichen Grotte der Schwarzen Sara im französischen Saintes Maries de la Mèr. Ich kann gut verstehen, dass die Frauen in meiner Kindheit zu Maria beteten. Wie oft ging Oma (die selbst Maria hieß) mit mir „ein Kerzken anmachen“. Ich durfte dann den Docht an einer anderen Kerze entzünden und unsere Kerze vorsichtig in einen der vielen schwarzen Ständer stellen. Und im August pilgerte der ganze Ort nach Kevelaer. Zu Fuß. Mit Blasen unter den Füßen. Ich fand es ziemlich beschwerlich, aber ich liebe Kevelaer.

Kerzen bei der Schwarzen Madonna (BFL)

 

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