Sommer am Niederrhein – mit Ulla Genzel

Lichtzauber – Ulla Genzel

Normalerweise schreibe ich nicht über diese Jahreszeit. Aber für dieses Jahr habe ich mir fest vorgenommen, dem Sommer endlich eine Chance zu geben, auch wenn er mir zunehmend zu schaffen macht. Ganz egal, wie heiß er ist. Genau wie in den letzten Jahren leidet die Natur auch jetzt wieder unter der anhaltenden Trockenheit, und mein Garten braucht an manchen Tagen sogar drei Wasserrationen, um nicht zu verdursten. Das städtische Grün ist schon längst gelb verdorrt. Gestern kam ich am Stadtrand an einem Feld vorbei, auf dem ein Mähdrescher unterwegs war. Die trockene Staubwolke war so heftig, dass ich die Luft anhalten musste. So schlimm waren die Sommer früher nie! Nur gut, dass ein großer Teil meines Gartens ein Schattenreich ist, dort lässt es sich sogar an heißen Tagen noch aushalten. Hier gedeihen Elfenblumen, Hosta und Hortensien. Und Farn! Wie in den Wäldern!

Junimorgen – Ulla Genzel

An die niederrheinischen Kindheitssommer erinnere ich mich immer noch gern, und aus Ullas Bildern steigen sie gleich wieder auf. Die Felder voller Klatschmohn! Und die Waldränder mit Fingerhut! Den liebten wir, denn er war eine magische Pflanze. Wir wussten, dass er giftig ist, und behandelten ihn mit großem Respekt. Wir konnten stundenlang zusehen, wie die Bienen und Hummeln in seine gesprenkelten Blüten krabbelten. Ich rette hier im Garten bis heute sämtliche Fingerhüte, die aus den Fugen sprießen, und pflanze sie vorsichtig in Töpfe. Leider rette ich auch alle Hasel- und Hainbuchenbabys, die sich in die Beeten verirren, so dass ich langsam ein Platzproblem bekomme, aber egal. Vor zwei Jahren habe ich sogar eine winzige Eiche mit einem Blatt gefunden. Sie ist ordentlich gewachsen in ihrem Töpfchen und hat inzwischen schon vier Blätter!

Am Waldrand – Ulla Genzel

In den Sommerferien hatten wir damals alle Zeit der Welt, und zusammen mit Winnie, der Hauptperson in meinen beiden Büchern mit Kindheitserinnerungen vom Niederrhein, wanderte ich jeden Tag hinaus in die Felder. Zu den schwarzweißen Kühen, den zahmen Pferden, die uns freundlich beschnupperten, zu den Wildblumen an den Rändern der Getreidefelder, zum Hof der Bäuerin mit den Schweinen im Vorgarten, zu den zischenden Gänsen hinter dem Holzzaun oder auf die Nierswiesen, wo die Schafe grasten und wir endlich unbehelligt unsere „Bravos“ und etliche verbotene Bücher lesen konnten. Sogar „Lady Chatterley“! Und „Wer die Nachtigall stört“, was äußerst vielversprechend klang. Leider war der Inhalt kein bisschen so, wie der romantische Titel erwarten ließ, aber das Buch war trotzdem gut, also haben wir es zusammen ausgelesen.

Waldschatten - Ulla Genzel

Traumfänger – Ulla Genzel

Damals war die Natur noch bevölkert von geheimnisvollen Wesen. So gab es die Abendmutter, die alle Kinder fing, die sich im Dunkeln draußen aufhielten. Vor ihr hatte ich als ganz kleines Kind eine Heidenangst. Oder die Roggenmuhme mit den eisernen Brüsten und den langen scharfen Zähnen. Sie entführte alle Kinder, die in ihre Felder eindrangen, und schleppte sie in ihre Höhle. Klang gar nicht gut. Aber irgendwann hatten wir die kluge Idee, ihr Winnies nervigen Bruder anzubieten, den wir aus gutem Grund „den Brüllaffen“ nannten, damit sie ihn gegen einen „Wechselbalg“ austauschen konnte. Was genau das war, wussten wir nicht, aber es klang interessant, und wir stellten uns vor, dass es vielleicht ein hübscher kleiner Fuchs war. Aber die Roggenmuhme ließ sich nicht blicken, obwohl wir den Kinderwagen ganz weit in ihr Feld schoben. Wahrscheinlich hat sie sein übles Geschrei abgeschreckt.

Blütenwiese

Blütenwiese – Ulla Genzel

Mit einem großen Weidenkorb und zwei Küchenmessern bewaffnet gingen wir morgens in die Felder, um für unsere Kaninchen frischen Löwenzahn zu stechen und saftigen Klee zu pflücken. Oder um Kamillenblüten zu sammeln, die wir zu Hause in die Sonne legten und trockneten. Ihr Duft versetzt mich auch heute noch sofort wieder zurück. Sommer war damals reine „Draußenzeit“. Kein Mensch wusste, wo wir waren. Ein tolles Gefühl, wenn wir mit den Rädern in die Süchtelner oder Hinsbecker Höhen fuhren, wo der Boden so weich und federnd war und die Luft nach Nadelbäumen und Harz roch. Oder bis ans „Marienpötsche“ (aus dem angeblich die kleinen Kinder kamen, aber das glaubten wir natürlich nicht!) oder an die kühlen Krickenbecker Seen. Gemeine Apps, mit denen man uns überwachen konnte, oder nervige Handys, auf denen man uns selbst in unseren Verstecken stören konnte, gab es damals zum Glück noch nicht. Nicht mal Helikoptereltern, obwohl unsere Mütter von dem Konzept bestimmt hellauf begeistert gewesen wären. Besonders meine. Aber so waren wir einfach FREI und fühlten uns wie mutige Forscherinnen, die aufmerksam den Wald belauschten und Schafe und Wasservögel beobachteten. Oder die Liebespaare – im Freibad und im Wäldchen hinter der Grefrather Dorenburg. Aber natürlich nur ganz, ganz selten.

Faltertraum

Faltertraum – Ulla Genzel

Der Sommer hat tatsächlich auch schöne Seiten, wie ich feststelle. Die lauen Abende, an denen man noch lange draußen sitzt und den Tag in aller Ruhe ausklingen lässt (nachdem man zum letzten Mal seufzend seinen Oleander und die unzähligen Hortensientöpfe gewässert hat). Die Nächte, in denen man den Vollmond gebührend feiern kann. Wunderschön sind auch die Farben des Sommers, etwa das leuchtende Mohnrot, das kräftige Blau von Fächerblume, Storchschnabel und Agapanthus, das satte Gelb und warme Braun der großen schweren Sonnenblumenköpfe, das Zartrosa der Herbstanemonen, die bereits seit einer Woche hier blühen (erstaunlicherweise sind sie bei mir fast zwei Meter hoch!). Schön ist auch der Duft, den der Garten verströmt. Im Moment blühen meine Lilien (seit genau zwei Tagen auch „Tiger Woods“) und die alten Rosenbüsche. Die frischen Kräuter auf meinem Kräutertisch liebe ich auch,  obwohl ihre Blüten bei weitem nicht mehr so viele Insekten anlocken wie damals in den Gärten meines Vaters. Insekten sind eine echte Kostbarkeit geworden.

Mohnfeuer – Ulla Genzel

Wenn es richtig unerträglich heiß und schwül wird, steige ich schnell in eins von Ullas Nebelbildern. Nebel war für mich das Allerschönste am Niederrhein. Aber bald kommt ja wieder meiner Lieblingsjahreszeit, und dann zaubert Ulla bestimmt wieder neue Nebelbilder!  Allerdings hat sie dieses Jahr so viele strahlende Sommerbilder gemalt, dass ich mir schon überlege, ob ich nicht noch einen Sommerbeitrag mache. Ich habe ja bisher noch nie was Nettes über den Sommer geschrieben…..

Nebelbild

Nebel am Niederrhein – Ulla Genzel

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Kevelaer, Maria 2.0 und der schönste Vorbeter von Kattendonk

Sonntags in Kevelaer (BFL)

Am letzten Wochenende war ich zum dritten Mal mit meinen Winnie-Romanen zu Gast in Kevelaer, wieder anläßlich der traditionellen „Landpartie am Niederrhein“. Und wieder fielen mir die alten Kindheitserinnerungen ein, als ich nach meiner Lesung durch das verschlafen wirkende „heilige“ Städtchen ging. Kevelaer räkelte sich trotz brütender Mittagshitze beneidenswert entspannt unter duftenden Linden. Ganz im Gegensatz zu mir. Ich hasse Hitze. Auf dem ungewohntem Parkplatz wußte ich plötzlich nicht, ob es zur Basilika nach links oder rechts ging, und fragte ein älteres Ehepaar nach dem Weg.  Der Mann warf einen prüfenden Blick auf unser Auto und meinte: „Wat wollt ihr denn in der Basilika? Ihr habt doch den Dom!“ Darauf fiel mir dummerweise nichts Passendes ein. Winnie wäre das nicht passiert. Sie hätte bestimmt gekontert: „Aber ihr habt Maria! Wir ham bloß die Knochen von den Heiligen drei Könijen!“

Maria im Weihrauch (BFL)

Die Kattendonker fuhren früher (vielleicht auch heute noch?) mehrmals im Jahr mit Rädern oder Autos gen Kevelear, doch die große Wallfahrt (zu Fuß) fand im Sommer statt. Nur ein einziges Mal bin ich mitgegangen. Ich erinnere mich noch gut an die dicken Blasen und an meine erschöpften Waden. Die Madonna hat mir offenbar längst verziehen, dass ich damals nicht aus religiösen Gründen pilgerte, sondern nur, weil ich unsterblich in den schönsten Vorbeter von Kattendonk verliebt war, sonst hätte sie meine Lesungswege nicht zum dritten Mal zurück in ihren Ort gelenkt.

Im zweiten Winnie-Buch kommt der Vorbeter höchstpersönlich vor und heißt Gabriel. Das ist zwar ein erfundener Name, aber er paßt perfekt. Bei dem beschwerlichen Pilgermarsch im Jahre 1970 (an dem auch meine Freundin Winnie teilnahm) tat er zu meinem großen Kummer die ganze Zeit so, als wäre ich komplett unsichtbar, und ich war immer wieder den Tränen nah. Die Madonna muss Mitleid mit mir gehabt haben, denn sie hat mir meinen Herzenswunsch kurze Zeit später tatsächlich erfüllt. Doch wie das so ist mit Herzenswünschen. Man sollte sich immer gut überlegen, was man sich wünscht. Nach einigen Jahren war alles vorbei, wir gingen getrennte Wege und haben uns seit vierzig Jahre nicht gesehen. Ob wir uns überhaupt noch erkennen würden? Besser gar nicht daran denken!

Flammenflackern (BFL)

Die Kevelaer Kirchenluft war auch diesmal auf vertraute Weise weihrauchgeschwängert, aber das gehört ja unbedingt dazu. Angeregt durch die erfreuliche Maria 2.0-Aktion der katholischen Frauen im Mai, hatte ich an dem Morgen fast alle meine Marienkapitel gelesen. Erst das lustige mit Tante Pias stets tonlos heruntergeleierter Lieblingsgeschichte vom Kaufmann Henrik Busmann, dem in Kevelaer „vor langer, langer Zeit“ Maria erschien. Die Gottesmutter sprach dabei lupenreines Kevelaer Platt, was wir äußerst erheiternd fanden. Wir erprobten dann immer unsere boshafte „Großtanten-Tirriterung“: Wir störten sie so lange mit dummen Fragen, bis ihr der Kragen platzte. Und natürlich las ich auch wieder „Maria und der Heilige Geist“. Schließlich war ich in ihrer Stadt!

Deckenbild in Kevelaer (BFL)

Deckenbild in Kevelaer (BFL)

Aus heutiger Sicht würde unsere kindliche feministische Revolte eindeutig in die Kategorie Maria 1.5 fallen, wenn nicht sogar bereits in die Kategorie Maria 2.0, doch außer für Winnie und mich blieb sie leider völlig ohne Resonanz. Den Frauen war es offenbar egal, wie man sie behandelte. Und auch, dass man ihre Große Göttin so schmählich ausklammerte, obwohl sie am Niederrhein doch omnipräsent war. Aber was können zwei ketzerische kleine Mädchen schon ausrichten gegen die geballte männliche Religionsmacht der Welt? Das Weibliche, Mütterliche hat uns damals gefehlt, und zudem waren wir felsenfest davon überzeugt, dass nicht der Heilige Geist, sondern Maria in die Dreifaltigkeit gehöre. Oder dass es zumindest eine Vierfaltigkeit (mit Maria) geben müsse.

Maria über den Kerzen (BFL)

Besser noch: Eine komplett weibliche Dreifaltigkeit. Wie die Niersmatronen. Oder Hekate mit den drei Köpfen. Oder die Dreiheit von Mother, Maiden und Crone bei den Kelten. Die kannten wir damals aber alle noch nicht. Leider. Denn damit hätten wir den Herrn Pastor todsicher beeindruckt. Unsere Überlegungen waren eindeutig schwere Gotteslästerung, wie uns die Großtanten entsetzt mitteilten. Tante Pia bekreuzigte sich sogar. Inzwischen weiß ich, dass „der“ Heilige Geist, der uns solche Probleme bereitete,  im Hebräischen und Griechischen tatsächlich feminin ist. Jammerschade, dass diese wichtige Nuance bei der Übersetzung verloren ging. Doch das ist den Übersetzern bestimmt nicht aufgefallen. Und wenn, hat es sie nicht gestört. Außerdem ist auch „pneuma“ im Deutschen maskulin, denn es heißt dummerweise „der Atem“. Keine Chance für das weibliche Geschlecht. Nicht mal für das grammatikalische!

Ein Teil der Kerzenwand in Kevelaer (BFL)

Draußen vor der Kapelle mit dem kleinen Gnadenbild versammelten sich unzählige Messdiener, die offenbar an einer Fahrradprozession teilgenommen hatten und direkt vom Zeltlager kamen. Sie stellten sich im Kreis auf, klingelten fröhlich mit ihren Fahrradklingeln und beteten dann wie aus einer Kehle „Gegrüßet seist du, Maria“. Untermalt von diversen Glocken. Erstaunlich wohltönenden übrigens.

Kevelaer Flagge (BFL)

Die Straßen waren wie üblich blaugelbweiß beflaggt (mit dem kiepentragenden Henrik Busmann aus Tante Pias Geschichte), die Menschen in Läden und Restaurants waren wie üblich gastfreundlich und gut gelaunt. Die unzähligen Kerzen vor den schwarzgerußten Wänden wirkten genau so unheimlich und andersweltlich wie früher, und auch die kleine Madonna in der Muschel war noch genau so weit weg und genau so schmerzerfüllt.

Ein Besuch im Andenkengeschäft musste diesmal sein, das war klar. Meinem Mann war die geballte katholische Devotionalienladung zu viel, so dass ich mich kurz darauf allein mit fünf Verkäuferinnen und ob der religiösen Wucht dann doch etwas überfordert in einem der großen Läden wiederfand.

Devotionalienschrank (BFL)

Drei geräumige Abteilungen mit unzähligen Regalen und Schränken, prall gefüllt mit Madonnen, Heiligen, Engeln, Krippenfiguren, Gebetsbüchern, Amuletten, Medaillen, Rosenkränzen, Kruzufixen, Ikonen, Kästen voller Heiligen- und Andachtsbildchen und Weihwassertöpfchen. Und natürlich Kerzen in jeder Größe. Transparent verpackt. Und geschmückt mit Bildern vom Papst, von Maria oder Jesus.

Kerzenfülle (BFL)

Ich entschied mich spontan für einen winzigen Holzaltar mit aufklappbaren Flügeln. Die dunkelblauen Fähnchen mit dem Marienbild, die ich als Kind immer so stolz nach Hause trug, fand ich nicht, sonst hätte ich mir glatt eins gekauft. Ob es sie überhaupt noch gibt? Als Kind besaß ich eine stattliche Sammlung. Sie standen als starrer Strauß auf meinem Klappbett in einer Vase und verloren regelmäßig das Gleichgewicht, wenn ich mich zu heftig von einer Seite auf die andere drehte. Sie standen gleich neben der kitschigen Plastikgondel, die mir Papa aus Venedig mitgebracht hatte.

Der kleine Marienaltar (BFL)

Übrigens im selben Jahr wie die Wallfahrt. Vor lauter Liebeskummer fuhr ich nämlich nicht wie sonst mit Papa in den Süden (meine Mutter verreiste grundsätzlich nie), sondern blieb zu Hause und hoffte auf ein Wunder. Das Wunder geschah. In Form eines hochromantischen Treffens unter drei alten krummen Sauerkirschbäumen. Danach nahm das Schicksal seinen Lauf. Papa hat mir das nie verziehen. Und ich war bis heute nicht in Venedig.

Wer Lust hat auf eine federleichte Sommerlektüre: die Geschichte mit dem schönsten Vorbeter von Kattendonk finden Sie in meinem zweiten Niederrheinbuch „Mit Winnie in Niersbeck“. Niersbeck ist mein Deckname für den Ort jenseits der Niers (von Kattendonk aus gesehen), in dem sich meine ehemalige Schule befindet. Damals war sie allerdings noch eine strenge Klosterschule, natürlich ausschließlich für Mädchen.

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Hochsensible Mäusewelt

der extrem schüchterne Nocturne (Foto: BFL)

Es begann damit, dass ich mich bei etsy Hals über Kopf in ein Mäusepärchen der jungen Filzkünstlerin Johana Molina aus Chile verliebte. Es dauerte fast einen Monat, bis die  beiden endlich hier eintrafen. Ich sah sie an – und nannte sie Cheddar und Mozzarella. Aber zwei Mäuse kommen selten allein, und die Mäuse fühlten sich einsam, daher geschah, was geschehen musste. Sie vermehrten sich rasant. Das ist nun vier Jahre her, und in der Zwischenzeit haben die Mäuse mein Leben ziemlich umgekrempelt. Ich hätte selbst nicht für möglich gehalten, dass ich eines Tages selbst Häuser, Läden und Möbel konstruieren und mich an fitzeligste Kleinarbeiten mit Holz, Papier und Fimo wagen würde. Im letzten Sommer haben die Mäuse auch noch einen reich bestückten Bücherladen bekommen, sogar die Erkerfenster und Regale sind selbst gebastelt.  Allein an den Büchern und Kleinstdekorationen saß ich tagelang.

Dante, Marisa und die hochbegabte Mila (Foto: BFL)

Inzwischen bevölkert eine wahre Mäusesschar unser Haus, und ihre Behausungen nehmen immer mehr Raum ein. Zum Glück habe ich einen geduldigen Mann, der sogar Mäusevillen m Schlafzimmer toleriert (solange sie nicht mitten im Bett stehen).

Da meine Schreibmotivation bei heißem Wetter arg leidet, konzentriere ich mich vor allem im Sommer auf meine Mausarbeit. Vielleicht wird ja eines Tages ein Buch daraus? Oder ein Kalender? In der letzten Zeit  sind gleich zwei neue kleine Läden entstanden: die rote Konditorei und der zartgrüne Gemüse- und Blumenladen. Dazu noch ein Halloweenmarktstand mit selbstgemachten Kürbissen und ein griechisch anmutendes Häuschen für die Schriftstellermaus Marco Polo, das aber noch nicht ganz fertig ist.

Hexenmaus Kashta (Foto: BFL)

Manchmal brauche ich ziemlich lange, bis ich verstehe, was die jeweiligen Mäuse sich wünschen oder was sie mir unbedingt mitteilen wollen. Jede Maus hat natürlich ihre eigene Biografie  und ihre eigenen Stärken und Schwächen. Der Liebling der Fangemeinde ist offenbar der schüchterne Nocturne, der nur auftaut, wenn er sich um Babys oder Tiere kümmern kann. Ansonsten traut er sich nicht aus dem Haus und ist sich selbst im Weg.

Mimolette, Lupinchen, Mila, Olga, Lunetta und Marisa (Foto: BFL)

Momentan arbeite ich an einem Zimmer für die große Hexenmaus Kashta, die eindeutig eine unheimliche Seite und eine ausgeprägte Vorliebe für Alraunen und sprechende Fliegenpilze hat. Und für Drachen und kleine Monsterchen. Zauberhaften Nachschub an magischen Kleinstwesen finden wir seit kurzem bei der bemerkenswerten Künstlerin Georgia Marfels.

Marisa, Olga und Chelsea (Foto:BFL)

Dann gibt es noch Chelsea, die Kleine mit der gelben Jacke und der bunten Schleife. Sie ist eine ideale Kuchenmaus mit hochsensiblen Geschmacksknospen und träumt schon seit einem halben Jahr von einem eigenen Café. Das hat sie mir erst im März eröffnet, und jetzt gehört ihr das „Chelsea’s Cherry On Top“, in dem vor allem Kuchen mit Kirschen verkauft und serviert werden. Der Grünladen „Parsly Sage Rosemary & Thyme“ gehört jetzt Toscanello, der Riesenspitzmaus mit der Supernase, und seinem Freund Bloomsdale, der sich gern um Pflanzen kümmert.

Bloomsdale und Minouche (Foto: BFL)

Schon die Namensfindung macht unglaublich Spaß, und ich suche unter all den Hunderten von Käsesorten genau den passenden Namen für die jeweilige Maus, oder unter all den vielen möglichen Wortspielen genau den richtigen Namen für den jeweiligen Laden aus. Dabei hilft mir, dass ich vor Jahren mal ein Buch mit dem Titel „Käsesorten der Welt“ übersetzt habe. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich damals beim Übersetzen so einen Heißhunger auf Käse bekam, dass ich einen Sommer lang zum Dauerkunden im „Käsehaus Wingenfeld“ wurde, das nur fünf Minuten von meiner damaligen Wohnung entfernt lag. Ich war durchaus experimentierfreudig und futterte mich langsam durch alle möglichen (mir bis dahin unbekannten) Sorten. Die profunde Käsekenntnis kommt heute meinen Mäusen zugute.

Hexenmaus Caerphilly auf ihrer Veranda (Foto: BFL)

Bei den Ladentaufen und im täglichen Mausleben sind die vielen treuen Fans meiner fb-Seite „Cheddar & Mozzarella“ äußerst hilfreich. Sie  beflügeln meine Fantasie und die der Kleinen immer wieder aufs Neue. Ohne sie gäbe es die Geschichten gar nicht. Die fb-Seite besteht übrigens grade seit genau drei Jahren.

Also: Herzlichen Glückwunsch, meine kleinen Mäuse! Und vielen Dank, liebe Mausfans!

 

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Wieder online!

Manchmal ist es sehr hilfreich, wenn man einfach eine Hotline anrufen kann und tatsächlich das Glück hat, einen freundlichen, kompetenten Menschen am anderen Ende der Leitung zu haben, so wie ich heute bei Serverprofis. Jedenfalls ist mein Homepage Fehler jetzt behoben, und ich bin nach über einer Woche wieder online. Etliche Tage Stress und viele E-Mails hin und her, dabei war alles ganz einfach, und der „fatal error“ und die „technischen Probleme“ ließen sich rasch beseitigen. Man muss nur den richtigen Moment erwischen und einen netten Helfer haben. Aber heute ist ja auch ein besonderer Tag: Sommersonnenwende! Heute vor 21 Jahren habe ich zum ersten Mal meinen Garten betreten, das möchte ich nachher noch gebührend „feiern“. Und ab morgen gibt es wieder „richtige“ Beiträge. Morgen ist nämlich auch ein ganz besonderer Tag. Aber heute freue ich mich einfach nur! Seid alle herzlich gegrüßt!

mein kleiner Fuchs, gemalt von Ulla Genzel (BFL)

Mein Füchslein (gemalt von Ulla Genzel) (BFL)

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Ein Museum der Gefühle

Fensterecke (BFL)

Wie könnte ein Museum mit Hermann Göttings Schätzen wohl aussehen? Er selbst wünschte sich ein „Museum der Liebe zu den Dingen“, und ich kann mir vorstellen, was er damit meinte. Ich kannte ja seine Wohnung! Präsentiert wird vor allem die Zeit zwischen 1920 und 1960, und mein Fantasie-Museum ist randvoll mit nahen und fernen Erinnerungen, Alltagskultur, Kitsch und Kunst (und erinnert von der Stimmung her ein bisschen an das nordenglische „Beamish“). Es befindet sich vor den Toren Kölns (für das Belgische Viertel ist es zu groß) und besteht aus einem kleinen Platz mit Bänken, Tischen, Laubbäumen und einem Karussell, umgeben von hohen Stadthäusern. Alles liebevoll wieder aufgebaut, mit Giebeln, Treppenhäusern, Erkern und Balkonen, so ähnlich wie die Häuser am Brüsseler Platz und am Stadtgarten.

Lachende Frau (BFL)

Alles ist da, um die vielen Wohnungen bis hinauf in den Speicher zu bestücken (da kann man zum Beispiel die Wäsche aufhängen oder in geheimnisvollen abgeschabten Kartons mit Fotos und Kleidungsstücken herumstöbern), und ich bediene mich aus Hermanns riesigen Fundus an Möbeln, Teppichen, Kronleuchtern, Lampenschirmen, Kleidung, Kinderwagen, Türen, Fenstern, Schildern, Laternen, Reklametafeln, Schaufenstern – und vergesse auch die vielen nützlichen und überflüssigen Kleinigkeiten nicht, die den Menschen lieb und vertraut waren.

Zum Schluss besitzt jedes Haus seinen ureigenen Duft und seinen ganz besonderen Charakter. Die Zimmer sehen aus, als wären die Bewohner nur kurz hinaus gegangen und würden jeden Moment zurückkehren. Noch besser: Die Häuser sind richtig bewohnt! Die Besucher können durch die Räume streifen, mit den Bewohnern plaudern und sich nach Herzenslust umsehen. Menschen in zeitgenössischer Kleidung geben Auskunft oder gehen einfach ruhig ihren alltäglichen Aufgaben nach. Vielleicht stammen sie sogar aus alten Zeiten? In der Fantasie ist zum Glück alles möglich. Gern würde ich Familienmitglieder, die ich schon immer gern kennenlernen wollte, hier wohnen lassen. Zum Beispiel die kleine Ida.

Alle Bewohner haben eigene Biografien, Berufe, Vorlieben, Hobbys und Haustiere. Es gibt Wissensdurstige (mit Regalen voller Bücher), Künstler (mit Atelier oder chaotischem Schreibtisch), abgedrehte Außenseiter  (mit eindrucksvoller Uhren- oder Lampensammlung) und die unterschiedlichsten Paarkombinationen mit und ohne Kinder. Ein junger Mann sieht aus wie Martin W., den ich nur von Fotos kenne. (Er war Arzt, mit der Großmutter meines Mannes verlobt und starb im Ersten Weltkrieg.) Handwerker gibt es hier auch.

Zum Schuster gehe ich besonders gern, weil ich den Geruch nach Leder und Leim liebe. Mein Urgroßvater Xaver D. war Schuster (Hermanns Großvater übrigens auch). Vielleicht hat Hermann die kleine Werkstatt aus der Apostelstraße ja noch retten können? Als Studentin mit chronischem Geldmangel hat mir der freundliche Schuster dort immer Sonderpreise gemacht und keinen Ton über meine abgetragenen Schuhe verloren. Er reparierte und besohlte sie, und danach sahen sie (fast) aus wie neu.

Da ich schon immer eine Caféschreiberin war, gibt es gleich mehrere plüschige Cafés, in denen man sitzen und seinen Kaffee mit Sahnehaube trinken und dazu altmodischen Kuchen essen kann, der gleich Erinnerungen weckt. Buttercremetorte, Bienenstich, Kalter Hund, Grillagetorte, Holländer Kirsch. Hier sitze ich mit Notizbuch und Füllfederhalter und erfinde Geschichten. Nebenan gibt es einen schummrigen Nachtclub, doch der öffnet erst viel später, und der Conferencier sieht (kein Zufall) aus wie Hermann.

Brotbacken (Pexels/pixabay)

Wie üblich schaue ich kurz in die nach frischem Brot duftende Bäckerei mit eigener Backstube und kaufe mir ein knuspriges, noch ofenwarmes Steinofenbrot. Gleich nebenan befindet sich ein Eiscafé mit hausgemachtem Eis. Hier gibt es vor allem Klassiker, die ziemlich so schmecken wie im Eiscafé „Van der Put“ am Südfriedhof, einem sehr beliebten alten Kölner Familienbetrieb mit Sinn für Tradition.

Und dann ist da noch der Laden mit buntem Allerlei. Vor Ostern und Weihnachten ist es hier besonders schön. So alte Schätze findet man tatsächlich auch heute noch, etwa bei MAROLIN, wo nach wie vor mit Papiermachémasse und alten Formen gearbeitet wird. Hier bekommt man noch Osterhasen, Christbaumschmuck und Weihnachtsmänner aus den 20er Jahren, Krippenfiguren, Tiere, Märchenfiguren aus den 50ern, alten Glasschmuck für den Christbaum und auch die Märchenwüfel (aus Holz, beklebt mit bunten Bildern), mit denen ich als Kind gespielt habe.

Lädchen in Beamish (BFL)

Schokoladenmädchen (BFL)

Am liebsten würde ich ewig weiter durch mein Fantasiemuseum wandern, doch für heute soll es genügen. Außerdem muss ich langsam Abschied von Hermann Götting und seiner Welt nehmen. Also setze ich mich in mein Lieblingscafé (das mit dem Schokoladenmädchen), bestelle mir eine Kanne Tee (oder doch eine Riesentasse heiße Schokolade?) und einen Teller mit ganz besonderem Gebäck.  Und träume und schreibe ….

 

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