Hermann Götting – Erinnerungen an einen Lebenskünstler (4)

Ausstellungen

Hermann Götting am Zirkus (Foto: Helga Pisters)

Als das Landesmuseum Koblenz im Jahr 2000 die Ausstellung „Das gestaltete Jahrhundert“ mit Exponaten aus der Sammlung Hermann Götting präsentierte, stand im Vorwort zum Begleitband: „Das Herzstück seiner Sammlung ist Hermann Götting selbst: Er lebt inmitten seiner Schätze, pflegt sie liebevoll und bietet seinen Gästen ein einzigartiges Ambiente, wenn er sie zu Festen einlädt, die weit über die Stadtgrenzen von Köln bekannt sind.“ Auch die Ausstellung „Mannequins“ in Gera (1996/97) war ein voller Erfolg. Hans-Peter Jakobson, der Direktor des Museums für Angewandte Kunst schreibt im Begleitband: „Ohne Zweifel darf man den Kölner zu den wichtigsten zeitgenössischen Sammlern in Deutschland zählen.“ Aber was ist hier in seiner Stadt von all seinen Schätzen geblieben? Bestand daran in Köln wirklich kein Interesse? Dabei war es doch vor allem Kölner Alltagskultur, die Hermann Götting gesammelt hat! Die Kölner Bürger hat man damals leider nicht gefragt, sie hätten bestimmt anders entschieden.

Hermann Götting, ausnahmsweise motorisiert (Foto: Helga Pisters)

Immerhin war die Ausstellung, die der Kölnische Kunstverein 1985/86 unter dem Titel „Von Maurice Chevalier bis zum Nierentisch“ mit Göttings Objekten veranstaltete, ein wahrer Publikumsmagnet und erreichte in den sechs Wochen Laufzeit die stolze Anzahl von 35 000 Besuchern. Mitten darin saß das Herzstück der Ausstellung, der Sammler höchstpersönlich. Hermann hat fest damit gerechnet, dass „die Stadt“ (wer immer das auch sein mag) seine Sammlung irgendwann angemessen würdigen würde, doch er hat nicht damit gerechnet, dass ihn der Tod so plötzlich mitten aus dem Leben reißen würde. Er hatte keine Vorkehrungen getroffen, und ohne seine schützende Hand waren seine Schätze hilflos. Es gab kein Testament, und die Erben waren wahrscheinlich überfordert. Zum Glück fand ein Teil der Sammlung in Gera ein neues Zuhause, hoffentlich auch viele seiner „stummen Freunde“ (Schaufensterpuppen). Fünfzig seiner seltenen Trachten wurden 2006 vom Thüringer Landestrachtenverband erworben, doch soweit ich in Erfahrung bringen konnte, werden sie dort nicht ausgestellt. Etliche Gewänder und Kostüme sind angeblich hier „beim Theater“ gelandet, berichten Hermanns Freunde. Einige alte Werbetafeln und die Kataloge zu den Ausstellungen werden ab und an noch bei Ebay angeboten. Aber wo sind all die schönen kompletten Laden- und Caféeinrichtungen geblieben?

Engel auf Melaten (Foto: BFL)

Beerdigung auf Melaten

Das „Programm“ zur Beerdigung

In diesem Jahr wäre Hermann Götting achtzig geworden, und vielleicht hätte auch ich wieder eine großformatige Einladung (Absender: von Hermes dem Götterboten) zu seinem Fünfzigsten bekommen. Doch leider ist er schon fünfzehn Jahre tot. Ich erinnere mich noch gut an die Beerdigung auf Melaten. Wenn ich die Notizen lese, die ich gleich nach der Trauerfeier geschrieben habe,  sehe ich sie wieder vor mir, die vielen Kölner, die Nachbarn aus dem Belgischen Viertel, mit denen ich (lange) vor der Trauerkapelle auf die eindrucksvolle Pferdekutsche und den (langen) Trauerzug wartete, der ihr vom Bestattungshaus in der Südstadt bis vor die Friedhofstore folgte. Es ist ein weiter Weg von der Friesenstraße bis zur Piusstraße, und es waren viele extravagante, weniger extravagante und kein bisschen extravagante Weggefährten, Freunde, Bekannte und Bewunderer von Hermann dabei. Einige hatten ihre Hunde mitgebracht, was den großen Tierfreund, der sich zum Geburtstag nie Geschenke wünschte, sondern Geldspenden für seine Tiere (und heimlich auf dem Brüsseler Platz sogar eine bestimmte Ratte fütterte, die sofort kam, wenn er sie rief), bestimmt gefreut hätte. Touristen habe ich nur wenige gesehen, obwohl die Beerdigung wahrlich sehenswert war. Auf dem Weg spielte eine Dixieland-Band, und während der Feier gab es unter anderem einen Auszug aus Wagners „Götterdammerung“, das „Largo“ von Händel und zum Abschluss „Thank you for the music“ von Abba. Keine Ahnung, wer die Musik zusammengestellt hat.

das „Programm“ zur Beerdigung

Die Wartenden vor der Trauerhalle wirkten fassungslos und ratlos. Jemand wie Hermann Götting konnte unmöglich einfach verschwinden! Das konnte nur ein Irrtum sein, war hoffentlich bloß einer seiner spektakulären Auftritte? Gleich würde er lachend hinter den Säulen hervortreten, auf seinem Roller über die Wege von Melaten fahren. So ein starker, wuchtiger Mensch, so ein Fels in der Brandung, war doch nicht von heute auf morgen weg! „Er hat unsere Stadt so schön bunt gemacht. Was wird denn jetzt bloß aus all seinen Sachen?“ „Köln braucht Menschen wie den Götting, so jemanden finden wir nie wieder. Der war ein Paradiesvogel, un so wat jit es doch hück ja net mih!“ (Ich hoffe, mein Kölsch stimmt.) Der besorgte alte Herr, der dies sagte, wohnte auch im Belgischen Viertel und hatte Tränen in den Augen. „Der verdient ein Museum! Und wenn die Stadt nix macht,  dann müssen wir an den Schramma schreiben! Sonst tut sich da nix!“ (Kurt Schramma war damals unser Oberbürgermeister.) Einvernehmliches Nicken. „Dafür hat der Hermann immer gekämpft. Jetzt sind wir dran! Wir müssen für ihn weiterkämpfen!“ Wollten wir ja! Aber wie? Das wussten wir auch nicht. Eine Unterschriftensammlung? Tatsächlich an den Oberbürgermeister schreiben? Persönlich vorsprechen? Oder lieber gleich die Museumsdirektoren aufsuchen? Einen Protestmarsch organisieren? Wir waren damals leider gar nicht gut vernetzt, kein bisschen organisiert und ziemlich überfordert, daher ist dann leider auch nichts passiert. Wenn man es weiß, kann man Hermann hier noch an der U-Bahn-Haltestelle Appellhof Platz sehen, als Kölner Kopf auf der Wand, aber ich bezweifle, dass ihn noch viele kennen – oder erkennen. Er wirkt auf dem Porträt fremd. Jedenfalls für mich. Vielleicht liegt es an den Farben. Oder daran, dass er nicht lächelt. Oder daran, dass er einen nicht ansieht.

Hermann Götting in der U-Bahn (Foto: BFL)

„Ich dachte immer, den Hermann könnte nichts umhauen“, sagte eine andere Anwohnerin. „Woran ist er bloß gestorben? Hat den etwa  jemand umgebracht?“ Erschrockene Blicke, dann Kopfschütteln. „In der Zeitung stand was von verschleppter Lungenentzündung.“ „Wat soll dat denn bedeuten? Verschleppt! Dat is doch keine Diagnose!“ Einvernehmliches Nicken. „Das Belgische Viertel wird anders sein ohne ihn.“ Stimmt. Das war es. Leerer. Leiser. Farbloser. Er fehlte uns damals sehr, und einigen fehlt er noch heute.

Kurz zuvor war Hermann zum fünfzehnten Mal fünfzig geworden. Jetzt lag er in dem bemalten Sarg, auf dem er selbst mit seinem weißen Tempelhund und der roten Katze Wunderkätzchen abgebildet war, was mich dann doch ziemlich aus der Fassung brachte, als ich meine Blumen ins offene Grab warf. Damit hatte ich nicht gerechnet. „Mach et joot, Hermännsche!“ riefen ihm zwei Freundinnen nach. Weinende Männer lagen sich vor dem Grab in den Armen. Es gab viel Prominenz aus der Szene. Die Trauerfeier hätte Hermann gefallen, auch die Ansprache von Bert van der Post (der merkwürdigerweise im „Programm“ nur als Hermann und Bernd, aber nie als Bert aufgeführt wird), und auch die überwältigende Anteilnahme (geschätzte 800 Trauergäste!), die Musik und das muntere Hundegebell. Wohl auch der Grabstein, eine Säule, umschlungen von einem steinernen Schal.

Neben mir in der Trauerkapelle stand eine betagte kleine Dame mit Schmetterlingsbrille und Blumenhut („Extra für Hermann angezogen, den mochte er immer so gern!“), die in jeder Manteltasche Unmengen von Leckerchen hatte und die unruhigen Vierbeiner in ihrer Nähe damit beruhigte, wenn sie auf die musikalische Untermalung allzu heftig reagierten („Hab ich immer dabei, für alle Fälle. Ich kenn doch so viele Hundemenschen!“). Amour, der zwei Tage lang neben seinem toten Herrchen gewacht hatte, überlebte ihn offenbar nicht lange, wie ich vor kurzem erfuhr. „Vor Trauer gestorben“, sagte meine Bekannte.

 

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Hermann Götting – Erinnerungen an einen Lebenskünstler (3)

Hermann Götting und das Elektromobil SINCLAIR

Hermann Götting als stolzer SINCLAIR Fahrer  (Foto: Franta)

Georg Franta, der Inhaber des von mir sehr geschätzten „FRANTA“ in der Maastrichter Straße, erinnert sich:

„Wir hatten das Elektromobil, ich glaube, das war Anfang der 1990er Jahre, in unserem Geschäft ausgestellt. Hermann, den ich aus früherer Zeit sehr gut persönlich kannte, interessierte sich sofort für dieses „Unikum“, wie er es nannte. Hermann wollte unbedingt auffallen und fiel ja auch immer auf, und das schien ihm wieder genau das richtige Objekt dafür zu sein.

Hermann Götting (Foto: Georg Franta)

Seine Freundin MA (Braungart, Urgestein der Kölner Frauenbewegung) fuhr zu dieser Zeit mit einem verkappten Roller durch Köln, und das war schon ein Hingucker. Die Beiden überboten sich, wenn möglich, immer wieder in ihren „Auftritten“, sei es bekleidungstechnisch oder mit anderen außergewöhnlichen Dingen. Da kam Hermann das SINCLAIR natürlich gerade recht, denn so konnte er seine Freundin MA toppen, elektrotechnisch war sie ja noch nicht unterwegs.

Ich wies Hermann in die Bedienung des sehr innovativen Elektromobils ein. Ich wies Ihn natürlich auch darauf hin, dass die Fortbewegung mittels Druckknopf nur eine Tretunterstützung zu den vorhandenen Pedalen sei, erklärte ihm, dass dies bei Dauernutzung viel Batterie-Energie koste und dass die Batterie dann natürlich irgendwann schlapp machen würde.

Hermann Götting (Foto: Georg Franta)

Aber Herman war eher der bequeme Typ und fuhr natürlich per Knopfdruck los (sieht ja auch viel cooler aus!) – und zwar gleich über die Deutzer Brücke auf die andere Rheinseite, was zu viel Bewunderung bei den übrigen Verkehrsteilnehmern führte. Hermann hatte also seine Aufmerksamkeit…

Irgendwann am Abend kam er mitsamt SINCLAIR zurück in die Maastrichter Straße zu unserem Geschäft – fix und fertig und nass geschwitzt. Die Deutzer Brücke von der linken Rheinseite aus war (per Knopfdruck) kein Problem gewesen. Aber die Rückfahrt! Hier musste Hermann leider mangels Batterie-Energie kräftig trampeln, und das hat ihn dann doch sehr aufgewühlt.

Danach waren wir zum Glück immer noch befreundet…“

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Hermann Götting – Erinnerungen an einen Lebenskünstler (2)

Hermann Götting mit Fächer (Foto: Helga Pisters)

Im Gegensatz zu Hermann Götting kleide ich mich äußerst unauffällig und mag überhaupt nicht, wenn man mich anstarrt, doch seine Sammelleidenschaft habe ich immer gut verstanden. Auch ich bin der Meinung, dass viele Dinge, die achtlos entsorgt und weggeworfen werden, Teil unserer Geschichte, unserer Kultur, unserer Stadt und unseres Lebens sind und allein deshalb absolut sammelwürdig. Auch ich rette gern Dinge vor der Zerstörung, allerdings in völlig anderen Dimensionen. Ich sammle kleine Dinge, eher Adventskalender als Film- und Werbeplakate, eher Puppenstubenmöbel als Couchgarnituren, Nierentische und Riesenvitrinen. Hermann Göttings Sammlung, die mühelos drei Außenlager und seine Jugendstilwohnung füllte, bestand zu 70% aus Objekten der Alltagskultur und „Kitsch“, der Rest waren von Künstlern geschaffene Objekte.

Zum Teil waren die „Objekte“ riesig, so besaß er mehr als 160 aufwändige Neonwerbeanlagen (u.a. die unter Lebensgefahr und trotz extremer Höhenangst vom Kölner Messeturm abmontierte Leuchtreklame von 4711), zig komplette Werkstätten von Handwerksbetrieben, ganze Ladeneinrichtungen, Verkaufstheken und gigantische Konzerttruhen.  Die Bandbreite war groß, seine Sammlung umfaßte die Alltagskultur des kompletten 20. Jahrhunderts, Doch seine besondere Liebe galt dem Jugendstil und den 50er Jahren. 

Eingeladen bei Hermann Götting (Foto: Helga Pisters)

Auch ich habe ein Schwäche für die Vergangenheit, und die Zeit meiner Kindheit habe in meinen Winnie-Romanen auf meine Weise zu retten und zu bewahren versucht. Mit ihren Läden, Häusern, Möbeln, ihrer Sprache, ihren Kinofilmen und Fernsehsendungen, den längst verklungenen Stimmen meiner Verwandten, den besonderen Düften und Gerüchen, den vertrauten Geräuschen und Klängen, dem typischen (niederrheinischen) Essen, den überquellenden Tante-Emma-Läden, den Glanzbildchen, Poesiealben, Köllnflocken, Lurchiheften, Bilderbüchern, dem Fürst-Pückler-Eis im Eiswürfelformer aus Aluminium, der Erdbeerbowle und dem Transistorradio.

Hermann Göttings Küche (Foto: Helga Pisters)

Genau wie Hermann versuche ich, alles im Blick zu haben. Teppiche, Tapeten, Möbel, Geschirr, Besteck, die Blumen auf der Fensterbank, Kleidung und Kopfbedeckungen. Sogar die Erinnerung daran, wie es war, im Sommer mit den nackten Beinen am Plastikbezug des Küchenstuhls festzukleben oder an Omas Geburtstag Eierlikör aus flachen Gläsern zu lecken. Auch das Gummizwicken in den weißen Kniestrümpfen (mach dich bloß nicht schmutzig, Kind!), die atemberaubenden Weihrauchschwaden im Hochamt, das gefährlich zischende Geräusch des großen schweren Bügeleisens auf feuchtem Stoff (mein Opa war Schneidermeister). Das hätte Hermann sicher gefallen. Wahrscheinlich hätte er Opas Werkstatt sofort gerettet. Aber so ist nur noch die riesige Schere da, und zwar hier bei mir. Als Kind hatte ich Angst, dass man mir damit irgendwann den Daumen abschneiden würde, genau wie im Struwwelpeter. 

Einmal im Jahr steckte pünktlich im August ein großer Umschlag mit schöner Schrift in meinem Postkasten. Die Einladung zu Hermanns Fünfzigsten, immer mit einem langen fantasievollen Text voller ungewöhnlicher Wörter und einem ansprechenden Foto, meistens von Helga Pisters. Es waren rauschende, bunte Feste mit Tanz, Gesang und Cabaret, natürlich in illustrer Gesellschaft. Faszinierend, doch nicht unbedingt das richtige Wohlfühlambiente für jemanden, der es hasst aufzufallen und sich gar nicht gern verkleidet……

Hermann Götting im Sommer (Foto: Helga Pisters)

Eines Abends, es muss Ende der 90er Jahre gewesen sein und zwar mitten im Winter, war Hermann Götting wieder einmal mit seinem vollgeladenen Handwagen unterwegs nach Hause. Ich kam vom Ring und sah von weitem, wie der Wagen umkippte und die ganze Pracht im Schnee landete. Hermann Götting konnte sehr laut und ausdrucksstark fluchen, wie ich bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal feststellte. Natürlich habe ich ihm geholfen, seine Schätze wieder einzusammeln, und zum Dank schenkte er mir einen Johnny Walker-Mann und etliche Oster- und Weihnachtskarten aus den 50er Jahren. 

Geradezu magisch fand ich Hermanns unzählige Schaufensterpuppen, und auch da entdeckte ich vertraute Gesichter. In meiner Kindheit wollte ich unbedingt immer zu einem ganz bestimmten Geschäft, weil mich die Schaufensterpuppen so faszinierten, besonders die lebensgroßen Käthe Kruse Figuren mit den „richtigen Haaren“. Es waren hübsch angezogene Jungen und Mädchen, die mit ernsten Gesichtern in die Ferne blickten und Stoffhände hatten. Auch die „erwachsenen“ Schaufensterpuppen waren schön und hatten ausdrucksvolle Gesichter, an die ich angesichts der häßlichen kahlen weißen Einheitsköpfe, die heute überall zu sehen sind, oft wehmütig denke. Im Laden selbst standen besondere Hutständer auf der Theke, elegante Damenbüsten, malerisch mit Schals und Hüten dekoriert. Bei Hermann sah ich sie alle wieder, zum Teil trugen sie seltene Trachten und fantasievolle Kostüme, und ich hätte sie stundenlang bewundern können. Vor allem Maurice Chevalier. Ich besitze nur eine einzige Büste, die nicht mal antik ist, aber dafür trägt sie sämtliche Hüte meiner Mutter, und zwar alle gleichzeitig. Genau deswegen habe ich sie ja auch gekauft. Ich habe es nicht übers Herz gebracht, die vielen Hüte zu entsorgen. Hermann hätte das todsicher verstanden. 

 

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Hermann Götting – Erinnerungen an einen Lebenskünstler (1)

Hermann Göttings Küche, Dezember 1997 (Foto: Helga Pisters)

Beim Schreiben meines Romans, der im Moment noch auf Verlagssuche ist und in den Jahren 2002 und 2003 im Belgischen Viertel in Köln spielt, mußte ich oft an Hermann Götting denken, denn er wandert genauso heiter und beschwingt als schillernder Paradiesvogel durch mein Buch wie früher durch die Straßen unseres geliebten Veedels. Als ich noch in der Maastrichter wohnte, habe ich ihn draußen oft getroffen, wenn er wieder mal mit seinen Hunden unterwegs war oder sich mit seinem Bollerwagen im Schlepptau und einer Flasche Wein unter dem Arm auf die Jagd nach neuen Schätzen machte. „Nichts darf verloren gehen“ war seine Devise. Hermann Götting war ein passionierter Sachensammler und Spurensicherer, doch seine umfangreiche Sammlung, die auf jeden Fall ein eigenes Museum (und zwar hier in Köln!) verdient hätte, wurde nach seinem plötzlichen Tod 2004 schnell auseinandergerissen. Nur ein kleiner Teil seiner Objekte (etwa tausend von mehr als hunderttausend) konnte zusammen bleiben und befindet sich heute im Museum für Angewandte Kunst in Gera. Doch die meisten seiner Möbel, Büsten, Schilder, Vasen, Lampen, Türen, Fenster, Reklametafeln, Ladeneinrichtungen und Kostüme sind in alle Winde zerstreut. Dabei hätte ein Hermann-Götting-Museum so gut zu seiner Wahlheimat Köln gepaßt, denn er betrieb ja vor allem die Spurensicherung dieser Stadt!

Hermann Göttings Büstenparade, Dezember 1997 (Foto: Helga Pisters)

Hermanns zahlreiche Schätze füllten zu seinen Lebzeiten mühelos mehrere Lager, die ihm die Stadt zur Verfügung stellte, und natürlich auch die Zimmer seiner Wohnung in der Richard-Wagner-Straße. Jeder Raum war in einem anderen Stil dekoriert und eingerichtet, und man konnte sich kaum satt sehen an all den kunstvoll in Szene gesetzten Gegenständen, die er so liebevoll zusammengetragen hatte. Es hat mir große Freude gemacht, meinen Buchmädchen Marigard und Michan dieses Paradies zu zeigen und zu beobachten, wie sie staunend und ehrfürchtig durch Hermanns Zimmer gehen und anschließend andächtig mit ihm in der Küche sitzen, von Marigards Buchprojekt erzählen und süßen Kakao trinken. Hermann wußte übrigens tatsächlich von meinem Roman und gab mir und den Buchmädchen damals bereitwillig Auskunft, allerdings unter der Bedingung, dass er dann bitte schön auch ein ganzes Kapitel nur für sich bekommen wolle. Das hat er. Nichts leichter als das. Meine Erinnerungen sind übrigens auch deshalb noch so frisch und klar, weil Hermanns Paradiesvogelwelt von einer ganz besonderen Kölner Fotografin stimmungsvoll eingefangen und vor dem Vergessen bewahrt wurde. Ich freue mich sehr, dass ich einige ihrer Bilder zeigen darf, und hoffe, dass auch meine Erinnerungen und Marigards Schilderungen den Lebenskünstler wieder ein wenig präsenter machen können. Vielleicht sogar über die Grenzen von Köln hinaus. Hermann Götting hat es verdient. Nichts darf verloren gehen!

Hermann Götting mit Schirm und Entenkette (Foto: Helga Pisters)

Schon der Flur mit den vielen Lampen war eindrucksvoll, doch betrat man erst die Küche oder den Salon, kam man aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Noch nie habe ich so viele Starfotos, Schaufensterpuppen und Büsten auf einem Fleck gesehen. Leider wagte ich nie, bei meinen Besuchen den Fotoapparat zu zücken, es hätte irgendwie nicht gepaßt und vielleicht auch die ganz besondere Stimmung zerstört, obwohl er mich gelegentlich sogar als Lichtbildnerin bezeichnete. Das schrieb er auch auf die Umschläge, wenn er mich mit einer seiner tollen Karten zum Geburtstag einlud. Ab 1989 feierte er nur noch seinen Fünfzigsten (+). Keine schlechte Idee. Er feierte ihn leider nur fünfzehn Mal. Ich wurde für ihn zur Lichtbildnerin, weil ich im Viertel so viel fotografierte und ihn ab und zu mit Aufnahmen von Jugendstilfenstern und alten Straßenschildern überraschte, die er zu seinem Bedauern nicht hatte retten können. „Dann hab ich sie jetzt wenigstens als Bild“, meinte er. Ich selbst habe kein einziges Bild von ihm gemacht, doch zum Glück kenne ich die Fotografin Helga Pisters, die mit Hermann gut befreundet war und ihn, seine Hunde und die Wohnung ausgiebig fotografiert hat. Hermann war nicht nur ein leidenschaftlicher Sammler, er war auch ein begnadeter Selbstdarsteller, der sich jeden Tag anders gewandete, die meisten Kleidungsstücke und Kostüme selbst schneiderte und stets neu und „anders“ kombinierte. Nähen hatte er schon als Schüler gelernt, als einziger Junge unter lauter Mädchen.

Hermann Götting mit Bückeburger Haube (Foto: Helga Pisters)

Sein größter Traum, ein berühmter Schauspieler zu werden, hat sich zu seinem Bedauern nicht erfüllt, dafür aber sein zweitgrößter: Straßenbahnschaffner! Auch in dieser Rolle war er überraschend und gänzlich unkonventionell. Er pflegte in seinen Bahnen die Fahrgäste persönlich zu begrüßen und sämtliche Haltestellen singend anzukündigen, und seine Gäste lächelten, wenn sie ausstiegen. Hermann sah nicht nur eindrucksvoll aus (groß und gewichtig), er hatte auch eine kräftige, wohltönende Stimme und liebte es, als Conferencier und Entertainer vor großem Publikum aufzutreten und alte Schlager zu singen. Im Internet gibt es noch ein Video, in dem man sehen kann, wie er in einer seiner Gewandungen auf seinem kleinen Roller direkt in eine WDR-Talkshow fährt, begleitet von seinem japanischen Tempelhund Amour. Noch imposanter als Amour waren die Riesendoggen Valentino und Ivo Fürst von Metternich (Ivo 1 und Ivo 2). Vorher oder zwischendurch, genau weiß ich es nicht mehr, gab es auch noch den betagten schwarzgrauen Nicki und den eigenwilligen Chow Wotan Wahnwitz. Sämtliche Hunde waren ihrem Herrn äußerst zugetan und folgten ihm freiwillig ohne Leine überall hin. Nur Amor trug ein Geschirr, damit er nicht überfahren wurde, denn der weiße Akita Inu war taub. Neben dem Hunderudel beherbergte Hermann zeitweise auch jede Menge (ausgesetzte) Katzen, zwei Schlangen (eine riesige und eine kleinere), deren Leben er zufällig gerettet hatte, und etliche Kaninchen. Leider fraßen die Schlangen ausschließlich Lebendfutter, daher wurde die Fütterung von einer Freundin übernommen, während Hermann kurz an die frische Luft ging. Alles, was sie verschmähten, wurde sofort begnadigt und durfte fortan in Hermanns Küche wohnen.

Hermann Götting melancholisch (Foto: Helga Pisters)

Sein Kleiderschrank muss randvoll mit Fantasiekostümen gewesen sein, denn Hermann liebte Verkleidungen und war ungemein wandlungsfähig. Mich erinnerte er mit all seinen Strick- und Samtmützen, Kappen und Hüten oft an Rembrandt, und so heißt er auch bei der Familie in meinem Roman. Wenn er in wallenden Gewändern über die Kölner Ringe marschierte, kam es gelegentlich zu Auffahrunfällen, weil die Autofahrer ihren Augen nicht trauten und vor lauter Verblüffung nicht mehr auf den Verkehr achteten. Eins von Hermanns Lieblingsstücken war ein Mantel mit passender Krawatte (keine Ahnung, ob genäht oder geklebt) aus Plus-Plastiktüten. Mir gefiel das orangeblauweiße Teil überhaupt nicht, aber Hermann bestand darauf, dass es sein ganz persönliches kritisches Statement zur Konsumkultur sei. Offenbar war das Plusgewand ein sündhaft teures Designerstück, das sich der notorisch an Geldmangel leidende Hermann buchstäblich vom Mund absparen musste. Wenn ich mich nicht irre, befindet es sich heute im Kölnischen Stadtmuseum.

Hermann Götting mit Dogge  (Foto: Helga Pisters)

Wenn Hermann Götting vornehm wie ein Maharadscha mit seinen Tieren durchs Belgische Viertel schritt, huldvoll lächelnd und mit einem seiner übergroßen Fächer wedelnd, verrenkten sich die Touristen jedes Mal verdutzt die Hälse und begannen aufgeregt zu tuscheln (was er sehr genoß), während die Ureinwohner nur kurz aufblickten und „Da kütt de Jeck!“ murmelten (was ihn sehr erheiterte). Aus dem Belgischen Viertel war er jedenfalls nicht wegzudenken. Besonders malerisch fand ich seine Auftritte im Herbst und Winter. Ich werde nie vergessen, wie er an der Spitze seiner Hundekarawane in roter Gardeuniform und Stulpenstiefeln an St. Michael vorbei durch den Schnee stapfte oder bei heftigstem Blättertreiben mit einer Hand an seinem unglaublichen Wagenradhut zur Reinigung in der Neuen Maastrichter Straße eilte. Nur an Karneval verließ er sein Haus grundsätzlich nicht. Da räumte er lieber seinen Keller auf. Der Grund lag auf der Hand. An Karneval fiel er nicht auf, weil alle anderen dann auch verkleidet waren.

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Kölle alaaf!

„Clown“ (BFL)

Trotz Regen und Sturmwarnung lassen sich echte Kölner nicht von ihrem Rosenmontagszug abhalten…… Ich denke an das alte Fasteloavend-Lied aus meinem Heimatort, das ich immer noch auswendig kann, und wünsche Ihnen und euch allen einen schönen Tag!

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