Nur eine Frage der Zeit

Die stille Zeit ist vorüber. Schon Februar! Den Christbaum habe ich wie immer am Dreikönigstag entschmückt, ein paar Tage später mit leichtem Bedauern die Adventskalender abgehängt und sämtliche Weihnachtskarten bis auf eine (der Hase ist einfach zu schön!) aus dem echt britischen Kartenhalter gepflückt und im Kartenkarton verstaut. Unsere provenzalische Krippe habe ich erst letzte Woche abgebaut. Die kleinen Tonfiguren stehen jetzt wieder in ihrer Vitrine, wo sie (zumindest für mich) das ganze Jahr über sichtbar sind. Im Laufe der Zeit sind es immer mehr geworden. Ungefähr siebzig müssen es schon sein, Tiere mitgerechnet. Häuser, Bäume und Laternchen liegen jetzt in der Krippenkiste und müssen im Dunkeln auf den nächsten Jahresauftritt warten. Alles hat seine Zeit.

(Foto: pixabay)

Schmücken und Abschmücken (genau wie Weihnachten und Silvester) machen mich immer irgendwie traurig. Wohl weil ich mir dabei zu viele Gedanken mache. Über die Vergänglichkeit. Über die Vergangenheit. Die Zeit im Allgemeinen. Tempus fugit. Die Zeit rast! Im Sauseschritt! Schon wieder Weihnachten! War das nicht grad erst? Schon wieder abschmücken! Ich hab den Baum doch gestern erst geschmückt! Schon 2019! Ist es wirklich schon ein halbes Jahrhundert her, dass ich zum letzten Mal mit meinem Vater Moos für die Krippe gesammelt habe? Schon zwanzig Jahre, dass meine Mutter an Heiligabend ihren speziellen Heringssalat gemacht hat? Ist sie wirklich schon seit acht Jahren tot? Und mein Vater seit sechs Jahren? Ist es wahr, dass alle unsere Enkel schon zur Schule gehen? Dass von meinen Katzen nur noch eine lebt? Wo ist die Zeit geblieben? Time is a jetplane! Möglicherweise ein ganz normales Gefühl, wenn man älter wird. Die Zeit wird immer kostbarer, aber leider auch immer knapper. Man darf sie nicht verschwenden, nicht vertrödeln, nicht verlieren und ihr nicht hinterherhinken. Festhalten kann man sie wohl nur mit der Kamera oder vielleicht mit dem Füller oder der Computertastatur. Wenn man Glück hat. Kontrollieren kann man sie leider auch nicht. Zurückdrehen oder anhalten schon gar nicht. Das kann sie nur selbst. Und hadern sollte man besser auch nicht mit ihr. Oder ständig über sie jammern. Das mag sie nämlich nicht, wie ich seit kurzem weiß.

(Foto: pixabay)

Weihnachten war diesmal ein echter Reinfall. Die Nordmanntanne war eindeutig von einem potenten Kater besprüht worden, was zum Glück nur meine (hochsensible) Nase (leider ziemlich massiv) störte, und ausgerechnet an Heiligabend setzte mich eine Lebensmittelvergiftung schachmatt. Der Ziegenkäse hatte zwar seine Mindesthaltbarkeitszeit noch lange nicht erreicht, schmeckte aber irgendwie komisch, was mir meine (hochsensiblen) Geschmacksknospen deutlich signalisierten. Hätte ich doch nur auf sie gehört! Aber ich war nun mal mitten beim Baumschmücken und Zeithadern und voll im Stress. Immer dieser Zeitdruck! In der folgenden Nacht ging es los, und danach war ich so krank, dass wir die Feiertage und das Familienessen „verschieben“ mussten. Ich lag flach, konnte weder essen noch trinken und war sogar zu krank zum Lesen und Fernsehen. Was bei mir extrem selten vorkommt. Diese Übelkeit! Wie bei einem akuten Anfall von Seekrankheit wünschte ich mir nur noch, mein Bett möge bitte sofort und auf der Stelle mit mir untergehen. Die stechenden Kopfschmerzen bitte gleich mit!

Ich hätte die Zeit liebend gern totgeschlagen, ich wusste nur nicht, wie. Sie muss es gespürt haben, denn zu meiner großen Verblüffung trat sie plötzlich neben mein Bett. Und stand wahrhaftig still! „Ich kann auch anders!“, sagte sie leise. „Merk es dir gut, bevor du wieder anfängst zu jammern, weil ich angeblich zu schnell bin!“ Daraufhin wechselte sie vor meinen Augen in den niedrigsten Schneckentempo-Gang, den man sich vorstellen kann. Und verschwand. Vier Tage und vier Nächte lang ließ sie mich völlig links liegen. Erst als ich anfing, mich wieder etwas besser zu fühlen, lächelte sie, startete durch und beschleunigte auf Normaltempo.

Seitdem rast sie in alter Frische. Mit einer kurzen Unterbrechung. Das war Mitte Januar. Ich hatte mal wieder den halben Tag mit ihr gehadert und vor lauter Zeitdruck meine guten Vorsätze vergessen. Alte Gewohnheiten wird man nun mal nicht so leicht los. Es begann hoffnungsvoll. Ich hatte keine Lebensmittelvergiftung, und wir konnten die geladenen Gäste empfangen und bewirten. Alles war bestens vorbereitet. Bloß die Quiche Lorraine musste noch aus dem Ofen geholt werden. Dummerweise löste sich beim Heben der Metallring vom Inneneinsatz und rutschte mir auf den (unbedeckten und überaus hochsensiblen) Unterarm. Es tat so höllisch weh, dass ich die Quiche sofort fallen ließ. Spontanreflex. Glucksend kippte sie kopfüber zurück in die offen stehende Backofentür und zerbarst in unzählige zitternde Stücke. Irgendwie schaffte ich es, die Wabbelteile schnell in eine Schüssel zu schaufeln, bevor ich das Coolpad (man sollte wirklich stets so einen Gel-Eisbeutel parat haben) aus dem Kühlschrank riss und auf den flammenden Arm presste. Das Malheur tat so weh, dass ich am liebsten geheult hätte.

Die bemerkenswert stoischen Gäste verzehrten mit Todesverachtung den größten Teil der Unglücksquiche, die alle Anwesenden stark an Kaiserschmarren erinnerte. Sie schmeckte gar nicht mal schlecht. So lange man sie beim Essen nicht ansah. Ich selbst konnte weder die Schmarren-Quiche noch das perfekte Parfait genießen und rannte immer wieder in die Küche, um meinen schwer entflammten Arm unter eiskaltes Wasser zu halten. Die Stelle, an der mir die Käse-Ei-Füllung auf die Haut geblubbert war, machte Anstalten, sich in eine riesige Blase zu verwandeln, und die Stelle, an der mich das Metall getroffen hatte, mutierte zu einer langen feuerroten Linie.

Wieder zeigte mir Frau Zeit eindrucksvoll, wie endlos langsam ihr Zeitlupengang sein kann. Nach etwa fünf Stunden Ewigkeit hörte mein Arm schlagartig auf zu schmerzen, was mich sehr verwunderte und mit tiefer Dankbarkeit erfüllte. Er sah zwar immer noch nicht schön aus (das tut er auch jetzt noch nicht), aber er tat wenigstens nicht mehr weh. Und es gab auch keinen Rückfall. Vielleicht lag es am Coolpad und an den vielen Eisklümpchen, die ich dauernd auf mir schmelzen ließ. Aber vielleicht hatte Frau Zeit diesmal tatsächlich etwas schneller Erbarmen mit mir, weil sie sah, dass ich ihre Message nachhaltig kapiert hatte. Jedenfalls schaltete sie wieder zurück auf „normal“. Wie beruhigend. Ich lasse sie jetzt in Ruhe rasen, arbeite fleißig an meiner Stressresistenz und werde mich in Zukunft zurückhalten mit zeitkritischen Äußerungen. Sie wird schon wissen, was sie tut.

(Foto: pixabay)
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Mülhausen revisited – vertraute Ecken

Altes Physikhaus und Villa Bongartz (BFL)

Auch wenn sich die Liebfrauenschule im Laufe der Jahre sehr verändert hat, gibt es immer noch vertraute Stellen, zum Beispiel die weiße Villa Bongartz und das alte Physikhaus. Beim Anblick der dunklen Backsteinmauern fiel mir gleich der denkwürdige Morgen ein, an dem wir nach einem mißglückten Experiment gemeinsam mit Schwester Irmengarde hustend und nach Luft ringend aus dem Gebäude fliehen mussten, weil es unerträglich nach faulen Eiern stank. Erst unter dem Dach des Kastanienbaums wurde es besser. Danach war es nur noch lustig. Sogar für Schwester Irmengarde.

Stiller Flur (BFL)

Die hellen, stillen Flure mit den verzierten Bögen und dem kühlen Schachbrettboden mochte ich schon immer, und ich meine mich zu erinnern, dass die dunkle Tür zu meiner Schulzeit schon ganz genauso aussah. Schade, dass der besondere Klosterschulenduft, auf den ich mich so gefreut hatte, komplett verschwunden ist. Es war eine eigenwillige Melange aus Steinkälte, Bohnerwachs, Möbelpolitur (in der Kapelle ergänzt durch diverse Kerzen-, Weihrauch- und Blumennoten) und allerlei Undefinierbarem. Wenn ich einen Namen dafür finden müsste, wäre es wohl am ehesten „feierlich“ oder einfach nur „klösterlich“. An anderen Orten, einmal sogar in einem englischen Internat, habe ich die kühle Melange sofort wiedererkannt, aber leider trotz meiner hochsensiblen Sinne nie genau analysieren können. Die Klassenräume riechen heute auch nicht mehr „richtig“. Vielleicht liegt es an der modernen Technik? Kreide, Tafeln, Schwämme und Tafellappen sind ja auch auf Nimmerwiedersehen verschwunden.

Tür zum Hof (BFL)

In den Sechziger Jahren

Am Anfang unserer Schulzeit verfügte das Kloster noch über eigene Ställe und Dienstbotenhäuschen, die jedoch bald der großen neuen Sporthalle weichen mussten, genau wie der verwunschene Kräutergarten. Neben dem Hauptgebäude stand das Physik- und Chemiehaus. Das verwinkelte alte Schulgebäude ging in einen langen Küchentrakt über, der den bedauernswerten Schülerinnen des F-Zweigs vorbehalten war, die hier in Kochen und Hauswirtschaftslehre unterrichtet wurden. Die Ärmsten mussten außerdem stricken und nähen, bis ihnen die Finger abfielen. Wir wollten auf jeden Fall in die G. Erziehungswissenschaft interessierte uns nicht, Handarbeit kam nicht in Frage, und Kochen fanden wir todlangweilig. Den ganzen Tag im Kittel am heißen Herd stehen und in Töpfen und Pfannen rühren? Es war schon schlimm genug, dass wir zu Hause beim Spülen, Erbsenpulen und Bohnenschnippeln helfen mussten.   (aus: „Mit Winnie in Niersbeck“)

die alten Gebäude (BFL)

Im Backsteingebäude ganz rechts befand sich mein erstes Klassenzimmer, man musste die Treppe hoch, an der heute „Der Kuss“ von Klimt die Wand ziert – zu meiner Zeit wäre gerade dieses Bild sicher undenkbar gewesen! Im selben Flur hatten wir unseren ersten Lateinunterricht, der mich bis heute in meinen Träumen verfolgt. Die Hautfarbe unseres Lehrers, der im Buch Prälat Sandemann heißt, war aufgrund einer Gasvergiftung im Krieg lilablau, was für unsere Kinderaugen äußerst unheimlich aussah. Ich fürchte, ich habe ihn in meiner Angst ziemlich verzerrt wahrgenommen. Unten im selben Gebäude war der große Externenraum, in dem ich im Herbst und Winter frühmorgens (gefühlt) stundenlang saß und Vokabeln lernte, weil mein Vater mich im Stockdustern auf seinem Weg nach Krefeld im Auto mitnahm und vor der schlafenden Schule absetzte.

Hier leistete mir oft Schwester Sirilla Gesellschaft. Sie unterhielt sich mit mir, hörte sich geduldig meine Sorgen an oder malte mit schönen Buchstaben Lesezeichen, auf denen „Ora et labora“, „Freu dich des Lebens“ oder „Ohne Fleiß kein Preis“ stand. Natürlich baten wir sie auch alle um einen Eintrag ins Poesiealbum. Wie gut, dass es einige der Alben noch gibt!

Nach der Schule gab es für besonders hungrige Kinder bei Schwester Sirilla für wenig Geld eine leckere Suppe. Im Buch heißt sie Schwester Lucia und kommt unter diesem Namen auch in einer meiner Erzählungen vor. „Nebel über der Niers“ gehört ins Genre der phantastischen Geschichten, und die geheimnisvollen Niersmatronen spielen darin eine wichtige Rolle. Die drei Göttinnen stammen noch aus römischer Zeit und wurden früher ganz in der Nähe mit einem Schrein verehrt. Heute sind sie am Niederrhein leider so gut wie unbekannt, aber wenn man großes Glück und wache Sinne hat, kann man ihnen bei Dämmerung und Nebel immer noch unverhofft begegnen.

Vor dem Backsteingebäude in der Nähe der Mauer befanden sich unzählige Fahrradständer, an denen wir stolz unsere Drahtesel banden oder anketteten. Unter den Bäumen spielten wir in den Pausen brave Mädchenspiele wie Gummitwist und Seilchenspringen – wenn wir uns nicht in den riesigen Park absetzten.

Den damaligen Küchentrakt mit all seinen interessanten Koch- und Backdünsten habe ich nie betreten, so dass er in meiner Vorstellung bis heute irgendwie die Aura des Geheimnisvollen besitzt. Ob es wohl die alte Glocke wohl noch gibt, mit der unsere strenge Direktorin immer die Versammlungen einläutete? Das Ding war ziemlich groß und sein Klang äußerst durchdringend. Wenn die Glocke geschwungen wurde, mussten sich die Schülerinnen warm anziehen. Aber vielleicht gibt es ja sogar irgendwo in der Schule ein kleines „Museum“? Da sind dann vielleicht auch die großen Glasvitrinen mit den ausgestopften Tieren, die immer so ernst und verständnisvoll auf uns herabschauten.

Schulglocke (pixabay)

Altvertraut und extrem fremd zugleich war für mich der ehemalige Musiksaal, in dem vor vielen Jahren meine musikalische Initiation stattfand. Meine Eltern hörten aus irgendwelchen Gründen nie klassische Musik, so dass ich durch nichts auf „Die Moldau“ von Smetana, das erste Klavierkonzert von Tschaikowski und „Die Fünfte“ von Beethoven vorbereitet war. Erst recht nicht auf die beiden Stellen in Dvoraks „Symphonie Nr. 9“ (aus der Neuen Welt), die mich mehr oder weniger vom Stuhl hauten. Die Schauern, die mir beim Erstkontakt mit diesen Werken über den Rücken liefen, waren unvergleichlich. Danach war ich musiksüchtig und konnte von Klassik gar nicht genug bekommen. Nur für Opern und Operetten fehlt mir bis heute jeder Sinn, aber das ist eine andere Geschichte und hat auch mit dem Musiksaal zu tun. Eine Stelle aus „Zar und Zimmermann“ kann ich bis heute auswendig, weil wir sie so oft schmettern mussten, dass sie uns aus den Ohren herausquoll. Es kommt mehrfach das Wort „Dideldum“ darin vor, und der Text ist wirklich schrecklich.

Mit meiner Blockflöte stand ich auf Kriegsfuß, zu schlimm waren die aufgezwungenen Auftritte vor Verwandten mit all den falschen Tönen und peinlichen Aussetzern. Gitarrenunterricht gab es damals an der Schule leider nicht. Dafür kann ich bis heute eindrucksvoll viele Volkslieder. Sogar als zweite Stimme und auch überaus schön im Kanon. Gelernt ist gelernt!

Im Musiksaal wurden wir übrigens auch oft genug eingeschlossen (angeblich zu unserer eigenen Sicherheit), sobald Schwester Engeltrudis, wie sie (zu ihrer eigenen Sicherheit) in meinem Buch heißt, verdächtige Männer im Park sichtete. Keine Ahnung, warum sie auf Männer so extrem reagierte. Die Männer auf sie übrigens auch. Schon bei der fernen Sichtung von Handwerkern trieb sie uns gleich mit lautem Händeklatschen wie eine munter schnatternde Entenschar vor sich her. Raus aus dem Park, rein in den Musiksaal! Und nur nach vorn kucken! Danach wurden gleich die Türen abgeschlossen. Natürlich erst, nachdem sie die Schar doppelt durchgezählt hatte und absolut sicher war, dass keine fehlte.

Kaum wiederzuerkennen: der ehemalige Musiksaal (BFL)

Sogar den Werken meiner Kunstlehrerin Lisa Vogt bin ich in den Fluren begegnet. Die Uhrenbilder hat sie mir mal in ihrem „Allerheiligsten“ gezeigt, als ich ihr nach dem Unterricht beim Aufräumen half. Ich meldete mich dazu immer freiwillig, denn Kunst war mein Lieblingsfach, und Frau Vogt war mein großes Vorbild. Ich bewunderte sie rückhaltlos. Genau so wie sie wollte ich später werden. Eine freischaffende Künstlerin! Mit eigenem Atelier! Mit eigenem Auto! Ohne Mann! Unabhängig und autark!

Das alte Pult vor dem „Allerheiligsten“ (BFL)

Das Riesenpult im Zeichensaal kam mir vor wie ein alter Bekannter, und auch der Blick auf die Mülhausener Kirche, deren Turmdach in meinen Kinderaugen immer irgendwie falsch proportioniert war, ist gleich geblieben. Auch das Entenhaus habe ich entdeckt, allerdings fernab vom Teich und gänzlich ohne Enten. Den schönen Teich und den malerischen Schulpark gibt es nur noch auf Fotos und in der Erinnerung. Für mich war er neben dem verfallenen Grefrather Kirchhof mein wildromantisches Paradies. Aber darüber habe ich ja bereits geschrieben.

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Das schönste Weihnachtsfest von allen

Anfang Dezember war es soweit. Wir fuhren nach Grotekerk zum Säuglingsheim, um meine kleine Schwester zum ersten Mal zu besuchen. Leider durfte nur meine Mutter das Haus betreten. Kinder mussten draußen bleiben, denn sie hätten ja eine ansteckende Krankheit haben können. Ich verstand das nicht. Ich war doch gesund! Ich musste mit meinem Vater im warmen Auto sitzen, knibbelte vor Aufregung an den Fingern und fing vor lauter Unruhe an, die Fenster an den Häusern zu zählen. Es waren verdammt viele. Warum verging die Zeit bloß so langsam? „Ich seh wat!“ rief ich plötzlich. An einem der Fenster bewegte sich tatsächlich eine Gardine, und auf einmal stand meine Mutter da und hielt etwas hoch, das wie ein riesiges Schlummerle aussah. Viel mehr konnte ich auf die Entfernung nicht erkennen. Aber das Gesicht meiner Mutter leuchtete bis zu uns ins Auto. Das da oben war also meine kleine Schwester! Mein Vater war so gerührt, dass er anfing, sich zu räuspern. Das tat er immer, wenn ihm feierlich zumute war. Offenbar hatte auch er genug vom fernen Warten. „Komm, Kind“, sagte er schließlich, und wir stiegen aus.

An der Tür wartete schon eine fremde Frau auf uns. „Sie dürfen sich ausnahmsweise mit dem Mädchen unten an die Treppe stellen“, teilte sie meinem Vater mit. „Damit Sie die Kleine besser sehen können.“ Oben stand meine Mutter mit dem Baby, das gerade versuchte, ihr die Brille von der Nase zu reißen, und laut „Gak!“ rief. „Is‘ die aber süß!“ stammelte ich. Mein Vater sagte gar nichts. Er räusperte sich nur. Das Baby war blond, pummelig und trug einen gelben Strampelanzug mit einem aufgestickten Teddy. „Erst sieben Monate alt und kann schon ganz allein aus der Flasche trinken!“, erklärte die Frau stolz. „Wirklich ein liebes Kind. Und immer so gut gelaunt!“ Was hatte ich für ein Glück! Das fand auch meine beste Freundin Winnie. „Aber et is‘ ja auch ’n Mädchen“, meinte sie. Offenbar dachte sie dabei an ihren kleinen Bruder Gregor, der bei uns aufgrund seiner Stimmgewalt nur „der Brüllaffe“ hieß.

Die Türchen vom Adventskalender waren schon fast alle auf, als es endlich soweit war. Meine Mutter packte eine Tasche mit Babysachen, denn sie würden ihr die Kleine splitternackt übergeben. „Warum dat denn?“ fragte ich entsetzt. Meine Eltern wußten es auch nicht. Vielleicht brauchten sie die Sachen dringend für all die anderen Kinder? Wir packten viel zu viel ein, damit Nana sich nur ja nicht erkältete bei der nackten Übergabe und bei ihrem ersten Ausflug ins Freie.

Wir holten sie genau vier Tage vor Weihnachten ab. Wieder verschwand meine Mutter in dem Gebäude, doch diesmal kam sie nicht allein zurück. Sie trug die pausbäckige Nana auf dem Arm, die uns aus blauen Augen freundlich anschaute. So stolz hatte ich meine Mutter noch nie gesehen. Sie hatte Tränen in den Augen, genau wie mein Vater. „Darf ich die mal anfassen?“ fragte ich. „Ja, sicher“, sagte meine Mutter. „Nana ist doch jetzt deine Schwester!“

Sie setzte sich mit der Kleinen zu mir nach hinten auf den Rücksitz. Nana steckte unten in einer rosa Decke und oben in einem dunkelblauen Poncho mit Kapuze, den meine Mutter selbst gestrickt und mit weichem roten Stoff gefüttert hatte. Nana sah so niedlich aus, dass ich am liebsten geheult hätte. Ich versuchte vorsichtig, ihre kleine Hand zu streicheln. Sie strahlte mich an, packte mit energischem Griff meine Finger und steckte sie sich in den Mund. Sie hatte schon ein paar Zähne, aber zum Glück biß sie mich nicht. Sie nuckelte nur. Ihre Augen waren fast so blau wie die Glockenblumen in unserem Garten, und in der rechten Wange hatte sie ein imposantes Grübchen, das bei jedem Lachen zuverlässig erschien. Also ziemlich oft. Es war so tief, dass ich meine Zeigefingerspitze hineinstecken konnte, was Nana extrem lustig fand. Leider konnte sie noch kein Wort sprechen, so dass sie meine vielen Fragen nicht beantworten konnte. Aber sie konnte eindrucksvoll krähen und kreischen und stieß Laute aus, die meistens wie Chinesisch und ab und zu wie „Ragenragenragen“ klangen.

In der ersten Nacht stand Nanas Gitterbett im Schlafzimmer meiner Eltern, und ich durfte in der Besucherritze schlafen. Meine kleine Schwester ließ sich zu unserem Erstaunen problemlos ins Bett bringen, steckte sich routiniert den Daumen in den Mund, sah uns der Reihe nach an und schlief sofort ein. Sie schlief die ganze Nacht durch. Tief und fest. Wir hörten sie atmen und leise schnaufen. Meine Eltern und ich schliefen nicht. Kein bisschen. Wir wagten kaum, uns zu bewegen. Ab und zu flüsterten wir miteinander und standen immer wieder auf und sahen nach, ob sie noch da war. Nur gut, dass meine Mutter das Licht im Flur angelassen hatte. Als es endlich hell wurde, setzte Nana sich mit einem Ruck auf, rief forderend „Ragenragen“ und machte deutlich, dass sie Lust auf Gesellschaft hatte. Wir holten sie zu uns ins Bett, kuschelten ausgiebig mit ihr und ließen sie herumkrabbeln. Offenbar fühlte sie sich kein bißchen fremd. Es war wie ein Wunder.

Weil wir sie noch nicht „richtig“ adoptieren konnten, hatte ich schreckliche Angst, jemand könnte kommen und sie uns wegnehmen. Noch hatte sie ja nicht unseren Namen, so lange war sie also auch nicht sicher und musste unbedingt von mir bewacht werden. Ich hatte vor allem Angst vor ihrer richtigen Mutter. Die war nämlich nicht tot. „Un‘ wenn die jetzt einfach kommt und die Nana doch haben will?“ Ein Leben ohne meine kleine Schwester konnte ich mir schon gar nicht mehr vorstellen. „Sie weiß doch gar nicht, wo Nana ist“, versuchte meine Mutter mich zu beruhigen. „Mach dir keine Sorgen.“ Aber Sorgen machte ich mir trotzdem. Riesensorgen. Auf der Straße hielt ich dauernd Ausschau nach fremden Frauen mit Grübchen. Aber es kam keine Frau mit Grübchen, sondern nur die nette Fürsorgerin, und die fand alles in bester Ordnung und wollte uns die Kleine nicht wegnehmen. „Warum können wir die Nana denn nich‘ gleich adoptieren?“ fragte ich. „Weil das leider nicht geht, Kind“, sagte die nette Fürsorgerin. Die übliche Erklärung bei schwierigen Fragen.

Nach der ersten Nacht zog Nana mit ihrem Gitterbett in mein Zimmer, so dass ich sie nach Herzenslust beobachten konnte. Wenn sie schlief, lag sie meistens auf dem Bauch und hatte den Kopf zur Seite gedreht, ein Händchen zur Faust geballt, das andere am Mund, denn sie lutschte fast die ganze Zeit Daumen. Wenn man versuchte, das Däumchen herauszuziehen, saugte sie sich sogar im Schlaf so fest, dass man mit aller Kraft ziehen musste. Wahrscheinlich hätte man sie an ihrem Arm aus dem Bett heben können, doch so stark war ich nicht. Irgendwann machte es schließlich „Plopp“, und Nana war von ihrem Daumen getrennt, wachte auf, grinste, steckte sich den Daumen wieder in den Mund und schlief weiter. Zum Glück nahm sie mir meine Daumenexperimente nie übel. Sie hatte wunderbar weiche Locken, die man mit den Fingern oben auf ihrem Kopf zu einem Hahnenkamm drehen konnte. Dann sah sie aus wie die kleine Schwester von Max und Moritz. Nicht die einzige Gemeinsamkeit, wie sich bald herausstellen sollte.

Immer wieder setzte sie sich zwischendurch in ihrem Bett auf, starrte merkwürdig ins Leere und schaukelte ihren kleinen Oberkörper vor und zurück. „Warum macht die Nana dat?“ fragte ich verwundert. „Das kommt vom Heim“, erklärte mein Vater. „Da waren die Babys so viel allein, dass sie sich selbst beruhigen mussten. Weil sich keiner um sie kümmern konnte. Es gibt da einfach zu viele Kinder.“ Ein schrecklicher Gedanke. „Die arme Nana!“ Wenn sie so einsam zu schaukeln begann, holten wir sie sofort aus dem Bett, trugen sie im Zimmer herum oder ließen sie krabbeln. Auf dem Schoß hielt sie es nie lange aus, denn es gab überall so viel zu erforschen. Aber das Schaukeln sollte noch eine Weile dauern. Und das Daumenlutschen erst recht.

Weihnachten kam immer näher. Wir holten Moos und Zweige für die Krippe, der Förster aus Luisenburg brachte die Tanne und wir schmückten sie mit Holzanhängern und Kugeln. Ich baute ganz allein die Krippe auf, machte aus einem Spiegel einen silbernen See, auf dem Enten und Schwäne schwammen, und sah das Kind in der Krippe mit ganz neuen Augen. Unser Wohnzimmer war mollig warm und roch nach Babypuder, Wald, Winter, Keksen, Kerzen und frischer Wäsche.

Ich war sieben Jahre alt, Nana saß auf meinem Schoß, nuckelte an ihrer Flasche und kuschelte sich ganz eng an mich. Endlich hatte ich eine Schwester! Das hatte ich mir so sehr gewünscht wie nichts sonst auf der Welt. Mein Vater hatte den Arm um meine Mutter gelegt, eine Geste, die ich nur selten bei meinen Eltern gesehen habe. Ich spürte ihre Nähe, fühlte mich geborgen und beschützt. Ich schaute meine Eltern an, und die Freude sprang warm und leuchtend zwischen uns hin und her wie ein riesiger Ball aus Licht, bis ich es kaum noch aushielt vor Glück.

Geschenke waren unwichtig in diesem Jahr, denn bei uns war das Christkind persönlich eingezogen. Es versuchte, in den Baum zu krabbeln, riß an den Strohsternen und Weihnachtskugeln, aß fast alle meine Plätzchen, und an Heiligabend fing es an zu schneien. Für mich war es das schönste Weihnachtsfest von allen. Und das ist es bis heute geblieben.

Weihnachten mit Nana (Foto: privat)
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Winterlied

Snow (Aaron Burden/unsplash)

Dieses sehr persönliche Gedicht meines Schwiegervaters berührt mich ganz besonders. Jachym hat es 1944 geschrieben, vor genau 74 Jahren. Im Krieg. An der Ostfront. Kurz vor Weihnachten.

 

Hans-Joachim Leidel

Winterlied für meinen Sohn Jan

 

Im Ofen rauscht das Holz

ganz wie im Wind ein großer Wald.

Kleine Holzwürmer schießen im Feuer Kobolz.

Draußen ist es so kalt.

 

Das Dach trägt einen Scheitel aus Schnee.

Kommt der eisige Wind und kämmt’s,

fliegen tausend kleine Flocken zum See

in ihrem weißen Hemd.

 

Im Keller die kleinen Mäuse sitzen,

in ihren Stübchen ist es so warm.

Sie wollen den kleinen Jan beschützen.

Der schläft in Muttis Arm.

 

Flakes (Aaron Burden/unsplash)

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Zeitfalte: Der Tante-Emma-Laden in Grefrath

Festlich geschmückt (BFL)

Manchmal hat man Glück und findet eine Zeitfalte, die tatsächlich die Tür in die eigene Vergangenheit öffnet – mit all den vertrauten Düften, Gerüchen, Geräuschen und Bildern. Einer dieser besonderen Orte ist für mich auf jeden Fall der Tante-Emma-Laden im Niederrheinischen Freilichtmuseum in meinem Heimatort Grefrath. Er erinnert mich nämlich an das kleine Geschäft von „Hüser Wisa“ (am Niederrhein kam immer der Familienname zuerst), in dem wir damals ganz selbstverständlich auch außerhalb der Ladenzeiten einkaufen konnten. Wisa war eine ältere Dame, wohnte zusammen mit ihrem Bruder und machte immer auf, wenn man freundlich an der Hintertür klopfte. Sogar sonntags, wenn wieder mal Not am Mann war, weil Besuch kam und man plötzlich entsetzt feststellte, dass man keine Milch oder keinen Zucker mehr im Haus hatte. Kein Grund zur Panik, es gab ja Hüser Wisa!

Bonbongläser (BFL)

Auf Wisas Theke standen herrlich bauchige Bonbongläser, und kein Kind verließ den Laden ohne einen kleinen runden Lutscher (meistens kirschrot) oder eine Hand voll Himbeerbonbons (eine Nuance dunkler und leicht gefrostet) oder ein paar Gummibärchen (hier aber auf keinen Fall die roten, weil ich die partout nicht mochte und mag) oder Kaugummis (Farbe egal), aus denen sich tolle Blasen herstellen ließen, die einem dann auf der Nase zerplatzten. Und dann konnte man die Blase mit der Zunge wieder in den Mund holen und seine Mutter schimpfen lassen. Sie haßte es, wenn wir Kaugummis kauten. Heute kann ich das sogar ziemlich gut verstehen. Kauende Kiefer wirken irgendwie aggressiv. Damals sah ich das zum Glück eher aus der Innenperspektive.

Neben dem eindrucksvollen Bonbonsortiment hatte Wisa auch diverse Lakritzsorten, gesalzen, gezuckert, gesäuert und pur. Mein Vater schätzte auch ihre Salmiak- und Veilchenpastillen, die mir so gar nicht schmeckten. Auch wenn sie interessant rochen und sich in niedlichen kleinen Döschen befanden, die man sammeln konnte. Irgendwo hab ich noch ein paar, aber wo? Mir schmeckten dafür die mit hauchdünner Schokoschicht umkleideten Mohrenköpfe (nur ja nicht drücken!), die inzwischen zwar anders heißen, aber wahrscheinlich noch genauso klebrig-schaumig und süß sind wie früher. Es muss Jahrzehnte her sein, dass ich meinen letzten Schokokuss (oder doch besser Schaumkuss?) verzehrt habe. Vielleicht sollte ich bei nächster Gelegenheit mal meine gustatorischen Erinnerungen auffrischen.

Der Dorenburger Tante-Emma-Laden sah bei meinem Besuch am letzten Sonntag übrigens deutlich verändert aus, die Theken war offenbar neu arrangiert, und der Raum wirkte dadurch irgendwie größer. Vielleicht gibt es jetzt gar einen Tisch mehr für noch mehr Gäste, die Lust auf Kaffee und Kuchen verspüren. Oder stehen die Tische einfach nur anders? Auf jeden Fall war es dort wie immer ziemlich voll und ziemlich warm.  Auch das Schild draußen am Baum kam mir neu vor. Dafür war der Kräutergarten direkt hinter dem Haus genau so winterlich wie beim letzten Mal. Nur matschiger. Aber die Tanne mit dem Strohstern, die 2016 draußen stand, hat mir gefehlt. Wie gut, dass ich sie fotografiert habe.

Die Tanne mit dem Stern (BFL)

Tische gab es bei Hüser Wisa natürlich keine, und Kaffee und Kuchen bekam man bei ihr auch nicht, dafür aber todsicher die neuesten Neuigkeiten und Skandale aus dem Dorf. Ich bedauere bis heute, dass wir keinen Fotoapparat hatten, sonst hätte ich schon als Kind wie wild alles um mich herum fotografiert. Ich hatte schon immer das Bedürfnis, die Zeit anzuhalten und in jede verfügbare Zeitfalte zu schlüpfen.

An Hüser Wisas Gesicht kann ich mich dummerweise nicht so gut erinnern wie an ihre schönen bauchigen Bonbongläser. Wohl aber an ihre Stimme und an das Grefrather (Jriiersch) Platt, wenn sie sich intensiv mit Oma und meinen Großtanten austauschte. Und auch an den Tag, als meine kleine Schwester Nana so enorm viele Bonbons stibitzte, weil meine Mutter und Wisa so enorm in die neuesten Neuigkeiten vertieft waren. Wisa hat die Untat sicher bemerkt, aber sie hat trotzdem nichts gesagt. Und von den Süßigkeiten hat Nana mir sogar welche abgegeben.

Öffnungszeiten (BFL)

Bei meinen früheren Besuchen standen auf der Fensterbank neben der Ladentür noch etliche alte Bügeleisen, und auch die weckten sofort Erinnerungen. Mein Großvater war nämlich Schneider (nicht Lehrer wie in den Winnie-Büchern) und besaß gleich mehrere solcher Ungetüme, die sich auf schwarzen Ständern aufheizten und gefährlich zischten, sobald sie das feuchte Tuch berührten, das er immer vorsorglich auf die Stoffe legte. Unsere leichten Dampfbügeleisen waren damals natürlich noch in weiter Ferne. Ich saß derweil mit malerisch gekreuzten Beinen hoch oben auf dem Tisch, wie es sich für die Enkelin von echten Schneidergroßeltern gehörte, und beobachtete alles um mich herum genau. Als ich ganz klein war, konnte ich mich auch stundenlang mit Omas riesiger Knopfdose beschäftigen, die bis obenhin mit bunten Schätzen gefüllt war (ich habe zwar auch so eine Knopfdose hier, aber meine Enkel interessieren sich mehr für digitale Knöpfe).

Bügeleisen (BFL)

Am Arm hatte Opa immer ein Kissen, das mit Stecknadeln bespickt war, manchmal hatte er auch Unmengen davon zwischen den Lippen, und ich hatte Sorge, dass er sie verschlucken könnte. Was man dann machen musste, wußte ich. Ganz viel Sauerkraut essen! Auf dem Tisch lagen geheimnisvolle Kreidevierecke und Rädchen, die ständig im Einsatz waren. Sogar den intensiven Stoffgeruch habe ich noch in der Nase. Die riesige Schneiderschere ist jetzt übrigens hier bei mir und immer noch ziemlich eindrucksvoll, jedoch für heutige Verhältnisse so höllisch schwer, so dass ich sie nie benutze. Als Kind hatte ich Angst, jemand würde mir irgendwann damit die Daumen abschneiden wie im „Struwelpeter“. Die Schneidergene habe ich leider nicht geerbt. Wirklich kein einziges. Ich kann nicht mal stricken. Handarbeit war für mich immer ein Horror-Fach. Aber man kann schließlich nicht alles haben. Oder können.

Hier geht es zum Kräutergarten  (BFL)

 

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Halloween im Belgischen Viertel

Geistertisch (Foto: Franta)

Mitte der 1980er Jahre zog ich aus der wuseligen Kölner Südstadt ins damals eher beschauliche Belgische Viertel, das zu dieser Zeit noch ein echter Geheimtipp war. Ich fühlte mich dort gleich zu Hause und freue mich bis heute jedes Mal, wenn ich in die Maastrichter Straße einbiege und die vertrauten Türme von St. Michael sehe. Obwohl ich schon seit zwanzig Jahren im „Wilden Westen“ Kölns lebe, bekomme ich manchmal noch richtiges Heimweh nach „meinem“ alten Viertel. Deshalb spielt dort auch mein nächster Roman. So wohne ich zumindest im Buch direkt gegenüber von St. Michael und genieße den Blick auf die Bäume, den Platz und die Kirche.

Lady Liberty mit Pumpkin (Foto: Franta)

Zu meiner Überraschung öffnete 1989, als man von Halloween in Köln noch wenig wußte, ein ungewöhnlicher Laden an der Ecke Maastrichter und Brabanter Straße und schmückte sich Ende Oktober auch gleich mit Hexen und Geistern. Da ich gerade in den USA gewesen war und als Übersetzerin ohnehin vor allem amerikanische Bücher ins Deutsche übertrug, kam mir das bunte Fleckchen Amerika in unserer Straße gerade recht. Abends, wenn ich müde vom Englischunterricht nach Hause kam, begrüßte mich schon von weitem die strahlende Leuchtreklame. Da ich nur wenige Häuser entfernt wohnte, kam ich jeden Tag an den Schaufenstern und den riesigen Figuren vor dem Geschäft vorbei. Im Sommer war es eine Freiheitsstatue, die an Halloween gar mit einem Kürbis geschmückt war, im Winter ein illuminierter Schneemann oder Father Christmas höchstpersönlich.

„FRANTA“ brachte amerikanisches Flair ins Viertel und Farbe in den Alltag. Leider konnte ich mir zunächst keines der tollen Objekte leisten. Bis ich mich eines Tages in Nipper, den traurig blickenden Hund von „His Masters Voice“, verliebte, den ich später Murphy taufte und der auf meinem Schreibtisch immer noch treu und brav Wache hält. Merkwürdigerweise teilte mein Maine Coon-Kater Ben diese Liebe, und ich fand ihn oft genug pfötchenhaltend mit Murphy vor. Meine amerikanischen Katzen Cisco, Ben, Elaine und Alice spielen im Buch eine wichtige Rolle. Und Marigard, die Erzählerin, bekommt von Frau Franta (genau wie ich) einen besonderen Nachbarinnen-Sonderpreis, als sie sich (genau wie ich) in Murphy verguckt.

Ben mit Murphy (BFL)

Außer dem eigentlichen Laden gibt es auf der Maastrichter Straße auch in anderen Gebäuden „FRANTA“-Schaufenster, und im gegenüberliegenden Parkhaus befindet sich eine große Galerie, die man allerdings erst auf den zweiten Blick entdeckt.

Inzwischen sind die Wohnungen im Belgischen Viertel, das bis heute mein Seelenviertel ist und von mir (mindestens!) zweimal im Monat besucht wird (schon weil ich mein Schwarzbrot grundsätzlich nur in der Bäckerei „Zimmermann“ kaufe), extrem teuer und begehrt. Vor allem gut Betuchte lassen sich heute hier nieder, und auch die Geschäfte, Galerien und Kneipen haben sich verändert und auf den wachsenden Touristenstrom eingestellt.

Halloween Witch (Foto: Franta)

Im Sommer ist der Brüsseler Platz nachts kaum wiederzuerkennen, weil er so laut und überfüllt ist. Doch tagsüber sind die Straßen manchmal noch so still wie früher, als unser gemütlicher Briefträger Hans Kranz, die „Seele des Viertels“, dort die Post austrug und für jeden Bewohner ein freundliches Wort hatte. Ich habe ihn zum Glück schon damals für meinen Roman ausgiebig interviewt, genau wie den schrillen Paradiesvogel Hermann Götting, der täglich mit ausgefallenen Kostümen und Hüten in Begleitung seiner Hunde im Belgischen Viertel Hof hielt. „Dann möchte ich aber auch ein eigenes Kapitel!“, hat er damals gemeint. Das hat er auch bekommen. Wie schade, dass die beiden das Buch nicht mehr lesen können.

Auch längst verschwundene Läden gibt es bei mir noch, etwa die Krimi-Buchhandlung „Alibi“ mit ihrem Besitzer Manni Sarrazin, die große italienische Eisdiele am Brüsseler Platz mit Hofterrasse, den Kinderbuch- und Spielzeugladen „Gebrüder Grimm“ (am Mauritiussteinweg), die BUNT-Buchhandlung (in der Ehrenstraße), die Reisebuchhandlung „Gleumes“ (am Ring) sowie in völlig verwandelter Form und an anderer Stelle das Antiquariat „Heibutzki“, das früher am Rudolfplatz war. Einige meiner Lieblingsgeschäfte wie „FRANTA“ und „Papelito“ (im Kwartier Latäng) sind geblieben. Rolf Ormanns, der einstige „Herr Papelito“, lebt leider nicht mehr, doch auch er wußte von meinen Buchplänen und hatte Lust auf einen kleinen Gastauftritt. Über seine wimmelige Schatztruhe und deren neue Besitzerin werde ich noch einen eigenen Beitrag schreiben, genau wie über Hermann Götting. Die Fotos dazu habe ich schon. Etliche „Papelito“-Schätze habe ich natürlich als echte Sachensammlerin auch hier bei mir im Haus.

Spooky Pyramid (Foto: Franta)

Americana sind sicher nicht jedermanns Geschmack, aber mich haben die Möbel und Leuchten, die ausgefallenen Designartikel, die eindrucksvollen Ventilatoren, die großen und kleinen Walt Disney Figuren und die riesigen Jukeboxes im „FRANTA“ immer fasziniert. Dort findet man neben echten Klassikern und Kultobjekten des 20. und 21. Jahrhunderts, die man übrigens nicht nur kaufen, sondern auch für Partys, TV-Beiträge oder Filme mieten kann, noch viele andere Gegenstände, zum Beispiel US-Nummernschilder und Reklameschilder (eins davon hängt heute in unserer Küche). Eindrucksvoll finde ich auch den verstellbaren Frisierstuhl mit Pferdekopf für Kinder. Alles wird liebevoll zusammengetragen vom Eigentümer Georg Franta, der mir freundlicherweise auch die Fotos zu diesem Artikel zur Verfügung gestellt hat und wahrscheinlich zu jedem Stück eine lange Geschichte erzählen kann.

Er weiß genau, woher seine Schätze kommen: Der einarmige Bandit stammt aus Illinois, der eine Flugzeugpropeller aus Alabama, der andere aus Dallas, das Postoffice kommt aus dem Wilden Westen, das Holz-Surfbrett aus Florida, das alte Motorboot aus Miami, und die Tanksäule ist aus Manhattan, und zwar aus der Zeit des Art Deco. Pünktlich zu Halloween leuchten bei „FRANTA“ immer noch die Kürbisse, Geister und Hexen. Das Antiquariat in meinem Buch leiht sich jedes Jahr einige aus, damit es auch am Brüsseler Platz richtig schön gruselig wird. Mein Buchvater, der Übersetzer Martin Baker, ist schließlich Amerikaner. Übrigens backt er überaus leckere Halloween-Cupcakes und kocht die beste Kürbissuppe, die man sich vorstellen kann. Ein begnadeter Koch ist er nämlich auch.

Cupcakes (Foto: Unsplash)

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Nebelwege – Erinnerung an Hans-Joachim Leidel

Hans-Joachim Leidel (Foto: privat)

Die Spuren meines Schwiegervaters findet man überall in unserem Kölner Haus, obwohl er noch nie hier gewesen ist. Seine Bilder hängen an unseren Wänden, seine Bücher stehen in unseren Regalen. In den tiefen Schubladen seines alten Schreibtischs, der natürlich wie jeder richtige alte Schreibtisch ein Geheimfach besitzt, das zu öffnen nur unter Lebensgefahr möglich ist, nisten jetzt meine Buchkinder, Farben und Kreiden. In unserem Eisenbahnkeller schlummert in riesigen hölzernen Brandkisten geduldig sein umfangreiches „Archiv“, das vor allem aus vergessenen vergilbten Zeitungsausschnitten besteht, mit denen außer ihm sicher kein Mensch etwas anfangen kann.

Mr Grips (BFL)

Im Arbeitszimmer meines Mannes haust der bizarre Mr Grips. Ein erschreckendes Wesen, erschaffen von Hans-Joachim Leidel, aus einer krummen, scharfspitzigen  Gartenhäckchenklaue und einem aufgespießten unförmigen Kopfklumpen aus dunkelgrauem Typenreiniger. Jeden, der ihm zu nahe kommt, starrt er bedrohlich aus trüben Augen an. Ich finde, der Kopf von Mr Grips riecht nach uralter Knete. Als Kind hätte ich Angst vor diesem schwarzen kleinen Alptraumteufel gehabt.

Leider habe ich Hans-Joachim, den ich heimlich Jachym nenne, weil ich Menschen, die ich mag, gern meinen ganz persönlichen Namen gebe, nie kennengelernt. Er starb allzu früh mit nur sechsundvierzig Jahren, und ich war in seinem Todesjahr erst sieben. Heute, am 28. Oktober, ist sein Geburtstag. Heute vor hundertdrei Jahren wurde er in Angermünde in der Uckermark geboren. Trotzdem ist Jachym für mich kein Fremder, denn sein Sohn hat mir viel über ihn erzählt. Jachyms Gedichte habe ich unzählige Male gelesen, die Lieblingsstellen fest im Gedächtnis verankert. Und immer rauscht das Meer in meinen kleinen Muscheln; die Keilschrift ziehender Vögel bedeckt mich ganz. Holunderburg, mein Fernwehheim.

Hans-Joachim Leidel als Student, ca. 1940 (Passfoto)

Sein Gesicht ist mir von den kleinen Fotos vertraut, die ich im Lauf der Jahre in Schubladen, Alben und Kartons gefunden habe. Die meisten sind unscharf, und ich habe sie gescannt, bearbeitet und genau betrachtet. Ich kenne sein unbeholfenes Jungengesicht, sein erschöpftes Soldatengesicht, sein glückliches Vater- und Gattengesicht, sein müdes Arztgesicht, sein nachdenkliches Dichtergesicht. Ich weiß sogar, wie er ging. Sehr aufrecht, den Kopf in den Nacken gelegt, den Blick nach oben gerichtet. So sehe ich ihn unter der Linde den Nahrungsberg hinab in die Stadt gehen. Jachym Guck-in-die-Luft. Gassenhans, Spelunkenwurm, wandert durch die Stadt. Geht das letzte Haus kaputt, Königskerze auf dem Schutt beugt sich tief im Sturm.

Er war sehr kurzsichtig, hatte blondes Haar, liebte es, sich beim Barbier rasieren zu lassen, auch wenn er sich das so gar nicht leisten konnte. Nur bei seiner Augenfarbe bin ich mir nicht ganz sicher. Vermutlich waren seine Augen blau. Er besaß einen grünen Lieblingsmantel und eine schwarze Baskenmütze, die immer noch irgendwo hier im Haus ist. Schlenderhannes, Hundertfuß, springt im ersten Tau. Dieser Schwalbe meine Hand, jeder Rose Kuß und Band, wie der Fuchs so schlau.

Hans-Joachim Leidel, 50er Jahre (Foto: privat)

Bei der Gartenarbeit trug er eine zerbeulte alte Hose, die nicht etwa mit einem Gürtel, sondern mit einem zerfaserten Strick zusammengehalten wurde. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich ihn in seinem Gießener Garten auf der alten Bank sitzen, zwischen den großen duftenden Rosenbüschen, tief unter dem dichten Blätterdach und den Schneekaskaden des Holunders, in seinem Fernwehheim, über das er auch ein Gedicht geschrieben hat. Dieser Anfang! Schneckenstille. Unbewegte Luft – Über niederem Dach die Holunderburg – Aber wir sehen hinaus: Ach, die schönen Stürme dort, die Jagden, Falkenflüge, la rive gauche. Paris. Dort wär er gern gewesen. Schneckenstille könnte die Mittagsstille neben ihm auf der Bank sein, kurz bevor der erschreckende Pan erscheint. Schneckenstille. Unbewegte Luft. Im Herbst ging er in den Botanischen Garten in Gießen und sammelte Samen von interessanten Pflanzen. In leeren Ephedrin-Röhrchen. Das Medikament brauchte er für sein quälendes Asthma. Und er brauchte es auch, um durch die Tage und Nächte zu kommen. Seine besonderen Lieblinge waren die Schachbrettblumen. Sie wachsen auch bei uns im Garten.

Der Arzt Hans-Joachim Leidel (Foto: privat)

Viele schöne Wörter hat mir mein Schwiegervater geschenkt. Nicht nur das Fernwehheim, die Schneckenstille, die Keilschrift der Vögel und die Holunderburg. Auch den witzigen „Früchtekorb Gellert“ (benannt nach dem Dichter Fürchtegott Gellert), die Alfanzereien, den Hundewein (Holunderwein), das Schmäuzchen (Haferflocken mit Milch und Zucker) und das „arme“ und das „alte“ Wasser. Was für eine geniale Idee, im Badezimmer einfach die ersten Buchstaben am Wasserhahn abzukratzen. Wie nur zwei Buchstaben die Welt verändern können! Eine besonders lästige Stubenfliege, die ihn ständig umbrummte und sich vorwiegend von gekochten Nudeln ernährte, taufte er Mr Pollock und berichtete über deren Befindlichkeit sogar in seinen Briefen. Mr Pollock ist wohl auch der Grund, warum hier im Haus die Fliegen mit Respekt behandelt und vorsichtig nach draußen getragen werden, auch wenn sie noch so nerven. Wie schade, dass ich Jachyms Stimme nicht kenne. Sie war tief und wohltönend, und wenn er seine vielen Geschichten erzählte oder aus seinen Gedichten las, klang es, als würde er singen. Das letzte Wort hätte er übrigens beim Rezitieren sin-g-en ausgesprochen.

Hilde und Hans-Joachim Leidel (Foto: privat)

Er liebte Frankreich. Bestimmt konnten die Franzosen seine Vornamen nicht richtig aussprechen. Hans-Joachim. Hans. Joachim. Jochen. Lange suchte ich nach meinem Namen für den Menschen, der mir aus der Ferne wohl vertraut ist, obwohl ich ihn nie getroffen habe. Doch das stimmt nicht ganz. Einmal sah ich ihn. Nur wenige Sekunden lang, unverhofft und unvergessen. Auf dem Gießener Friedhof, an dem herbstlichen Nebeltag, als mein Mann mich zum ersten Mal mitnahm zum Grab seiner Eltern. Ich war sehr aufgeregt, denn es fühlte sich an, als würde er mich tatsächlich zu ihnen bringen, um mich ihnen vorzustellen. Als wir das Grab erreichten, sah ich die beiden. Sie erwarteten uns bereits. Sie standen nebeneinander, lächelten und nickten. Jachym hatte den rechten Arm um seine Frau Hilde gelegt. Fast sah es aus, als stünden sie vor ihrer Haustür am Nahrungsberg und würden mich freundlich willkommen heißen. Die Begegnung ist nun schon zwanzig Jahre her und war durchaus verstörend. Nicht nur für mich. Ich hätte wohl nie gewagt, darüber zu sprechen oder zu schreiben, wenn mein Mann seine Eltern nicht genauso klar und deutlich gesehen hätte. Im selben Moment, wie er mir später gestand. Er neigt so gar nicht zu Visionen, aber an diesem Nachmittag sah er dasselbe wie ich. Sein Vater stand neben seiner Mutter und hatte den Arm um sie gelegt. Sie lächelten und nickten uns zu. Wir hatten das Glück, uns sehr nah zu sein an jenem Nebeltag. Aber der Herbst ist ja die Zeit, wenn der Vorhang zwischen den Welten durchlässig wird und sich gelegentlich sogar kurz öffnet. Leise, wie im Käfig unterm Tuch.

Hans-Joachim Leidel, 50er Jahre. (Passfoto)

Mein Schwiegervater hatte viele Namen und spielte gern mit Pseudonymen. Manchmal hieß er Bé Auf Der Stejne, Jehan Bronx oder einfach nur Bronx. Jachym ist die tschechische Form seines Vornamens. Ja, so hätte ich ihn wohl genannt, wenn ihm mein Name auch gefallen hätte, und so wird er auf jeden Fall heißen, sollte er eines Tages in meinen Büchern erscheinen. Apropos Bücher: Vielen in unserem Haus sieht man sofort an, dass sie einst Jachym gehörten. Er hatte seine ureigene und reichlich gewöhnungsbedürftige Art, sie zu „reparieren“, wenn sie auseinanderzufallen drohten. Er verarztete sie einfach notfallmäßig mit hässlichem rotem Gewebeklebeband. Er muss Unmengen davon gehabt haben. Ab und zu versuchen wir halbherzig, unsere riesige Bibliothek aufzuräumen und uns wenigstens von den ältesten vergilbten oder zerlesenen Ausgaben zu trennen. Doch Bücher, an denen rotes Klebeband glüht, sind tabu. Sie sind verzaubert und dürfen bleiben. Unantastbar sind auch die nicht glühenden, wenn vorn in fester schräger Schrift sein Name steht. Fast immer findet man darunter auch das Datum, an dem er das Buch kaufte oder geschenkt bekam.

Das kleine Tagebuch von 1933 (BFL)

Überhaupt ist mir seine Handschrift fast noch vertrauter als sein Gesicht. In einer besonderen Schublade, die wie alle Schubladen in unserem Haus heftig klemmt und sich nur mit äußerster Anstrengung und einem komplizierten Schloss öffnen lässt, liegen seine Aufzeichnungen und viele seiner handgeschriebenen Gedichte. Auch die ganz frühen. Ach wie der Mond die Dinge traurig macht. Durchs Wiesenland sieht man die Weiden steigen. Zikaden sticken in den blauen Zweigen den lichten Saum an das Gewand der Nacht. Wir haben sogar noch das kleine Tagebuch aus seiner Schulzeit, allerdings ist die Schrift darin so winzig, dass man sie kaum entziffern kann. Und im Nachttisch meines Mannes befinden sich die Hefte, in denen Jachym die Gedichte anderer sammelte. Gelegentlich blättere ich darin. Es sind vor allem Herbst- und Wintergedichte. Etliche Autoren kenne ich nicht. Doch ich entdecke darin auch Werke von Ezra Pound, Rudolf Hagelstange und Georg Trakl. Und sogar alte Bekannte wie Ingeborg Bachmanns „Anrufung des Großen Bären“ (Großer Bär, komm herab, zottige Nacht, Wolkenpelztier mit den alten Augen), ausgeschnitten am 22. September 1956 aus der FAZ. Und „Die bösen Sieben“ von Christian Morgenstern (Im Nebelgeriesel, im tiefen Schnee, im wilden Wald, in der Winternacht), ausgeschnitten am 1.4.1953. Es gibt auch ein Buch, in dem Jachym verzeichnet hat, was er gerade gelesen hatte. Mich hat überrascht, dass er Ludwig Bemelmans kannte. Ihn würde wahrscheinlich überraschen, dass ich Ludwig Bemelmans kenne.

Verfall heißt dein Gesang. Tod heißt dein Lied. Jachym war überzeugter Kriegsgegner, doch das hat ihn nicht vor dem Krieg schützen können. Er wurde als Lazarettarzt in Frankreich und als Sanitätsarzt einer Panzerdivision an der Ostfront eingesetzt, Erfahrungen, die ihn nachhaltig prägten. Das Abzeichen der Internationale der Kriegsdienstgegner mit dem zerbrochenen Gewehr, broken rifle, Hände zerbrechen Gewehr, das er stets am Revers trug, hat er mit ins Grab genommen. Über den Krieg schrieb Jachym eindringliche Gedichte. Das Weiße im Auge des Gegner. Mondschein an der Front. Gegend der Trauer. Doch sie verdienen einen eigenen Beitrag. Später. Wenn es kälter wird. Im Winter. Bald.

(Die Zitate stammen aus seinen Gedichten „Mein Fernwehheim“, „Leise, wie im Käfig unterm Tuch“, „Schlenderhannes“, „Sommernacht“ und „Rondel“.)

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Kürbisrausch

Schon lange freue ich mich darauf,  Simone Garlands Herbst- und Winterfotos zu zeigen und dazu etwas zu schreiben. Schade, dass ich mich nicht einfach mal schnell mit meiner Kamera zu ihr nach Kanada beamen kann, denn hier in Köln findet man so stimmungsvolle Motive natürlich nicht. Ich würde bestimmt sofort in den absoluten Kürbisrausch verfallen. Ganze Felder, Vorgärten und Karren voller pumkins hat Simone auf ihren Bildern eingefangen, herbstlich geschmückte Verandastufen, grinsende Kürbiskerle mit Holzfällerhemden, alte Schindelhäuser unter bunten Bäumen und lodernde Laubfeuer im kanadischen Indian Summer. Im Kleinen habe ich es dieses Jahr endlich auch selbst mal geschafft, eine Veranda nach Herzenslust zu bestücken, denn ich habe meinen Mäusen eine amerikanische Mini-Veranda gebaut. Aber das ist natürlich nicht dasselbe.

Keine Ahnung, warum mich dieses Fest von Anfang an so fasziniert hat – lange, bevor es in Deutschland überhaupt bekannt war. Es muss die prickelnde Mischung aus Melancholie, Farbrausch, Vergänglichkeit und Gruselschauer sein. Zum ersten Mal bestaunte ich die ausgehöhlten Kürbisse und die Hexen mit den schwarzen Spitzhüten als Kind in einem Donald Duck-Heft, das mir ein Handwerker schenkte, der in unserem Keller ein defektes Wasserrohr reparierte. Ich muss noch sehr jung gewesen sein, denn ich konnte noch nicht selbst lesen. Ich weiß noch, wie mir der freundliche junge Mann die Sprechblasen vorgelesen hat. Das Wort Halloween hat er falsch ausgesprochen, weil er es auch noch nicht kannte. Das Heft habe ich lange gehütet wie einen Schatz. An dem Nachmittag wurde ich gleich auch Donald Duck-Fan. Meine Kollegin Dr. Erika Fuchs, die Übersetzerin der Walt Disney-Hefte, war übrigens ein echtes Genie. Wem sonst wären Namen wie Gundel Gaukelei oder Fähnlein Fieselschweif eingefallen!

Später begegneten mir die grinsenden pumpkins in Büchern und Bilderbüchern wieder, auf ganzseitigen Fotos in Bildbänden, gezeichnet bei den Peanuts und auf den Herbst-Covern der Zeitschrift „The New Yorker“. Ich versuche seit einiger Zeit, die Cover-Klassiker (z.B. die von Chas Addams, dem Erfinder der Addams Family) zusammenzutragen, denn jedes Jahr Ende Oktober hänge ich voller Vorfreude meine Halloweenbilder auf. Darüber habe ich ja auch schon im vorigen Herbst geschrieben.

Ganzjährig gibt es eine kleine Wechselausstellung mit Covern hier im Haus, denn seit ich vor etlichen Monden einen Reiseführer über New York übersetzt habe, bin ich treue Abonnentin von „The New Yorker“ und erwarte jede Woche gespannt die neue Ausgabe. Auch wenn sich der Preis im letzten Jahr leider aus mir unerklärlichen Gründen verdoppelt hat. Möglicherweise ist daran auch nur wieder der derzeitige POTUS schuld. Ich habe lange überlegt, ob ich mir die Hefte weiter leisten kann und soll, aber am Ende konnte ich doch nicht widerstehen. So ist das eben, wenn man papiersüchtig ist.

Jetzt ziehe ich auch wieder „The Halloween Tree“ (auf Deutsch „Halloween“) von Ray Bradbury aus dem Regal und tauche begeistert ab in die Geschichte von Pipkin und seinen Freunden. Es ist ein ungewöhnliches Buch, poetisch, gut übersetzt und jedes Mal wieder neu spannend. Wer genug Englisch kann, sollte es unbedingt auch in der Originalsprache lesen. Halloween ist eben kein Tag wie jeder andere. Die Jungen, die zunächst in ihren Kostümen unterwegs sind, um Süßigkeiten zu sammeln, begegnen in einem Spukhaus einem geheimnisvollen Mann (es ist der Tod persönlich), der sie mitnimmt auf eine Wirbelreise durch Zeit und Raum und ihnen bei der Suche nach ihrem verschwundenen Freund Pipkin hilft, der in höchster Gefahr schwebt und nur von ihnen gerettet werden kann.

Getragen werden sie auf ihrer abenteuerlichen Reise von einem riesigen Drachen aus lebendigem Herbstlaub, der sie unter anderem zu den Feuern der Steinzeitmenschen fliegt, zu den Hexen im Mittelalter, den Wasserspeiern hoch oben auf das Dach von Notre Dame und nach Mexiko, mitten hinein in das bunte, quirlige Treiben am Tag der Toten (über dieses Fest habe ich im vorigen Jahr schon ausführlich geschrieben). Es ist Ray Bradbury at his best: überaus wortgewaltig, sehr amerikanisch, ziemlich unheimlich und wunderschön, für Kinder und Erwachsene gleichermaßen. Aber Bradbury gehört ohnehin seit langem zu meinen Lieblingsautoren.

Alle Fotos in diesem Beitrag stammen von meiner Bilderfreundin Simone Garland.

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Oktoberland

Perfect bliss (unsplash)

Wie in jedem Jahr freue ich mich auf meinen Lieblingsmonat und heiße ihn herzlich willkommen, auch wenn er diesmal sicher nicht so farbenprächtig daherkommen kann wie sonst. Zu viele Blätter sind im Sommer verbrannt, verdorrt und vorzeitig abgefallen.

Heute morgen las ich im Kölner Stadt-Anzeiger ein Interview mit dem britischen Star-Koch Nigel Slater, der ganz ähnlich zu ticken scheint wie ich. „Im Sommer funktioniere ich einfach nicht gut genug. Mir ist ständig heiß, ich habe kaum Energie, und ich hasse es zu schwitzen.“ Vielleicht ist er auch hochsensibel? Er liebt allerdings vor allem den Winter. Bei mir ist es eindeutig der Herbst.

Ich merke förmlich, wie all meine quirligen Lebensgeister wieder zurückkehren, mich begeistert umwuseln, mir vielstimmig Ideen zurufen und Lust auf völlig neue, aber auch altvertraute kreative Tätigkeiten machen. Der Porzellanmalkurs mit seinem Duft nach Nelkenöl und Terpentin hat grade wieder angefangen, vor mir liegt das nagelneue Scraperboard-Kit und lädt zum kontrastreichen Bildermachen ein, die kleine Halloween-Veranda muss unbedingt in verschiedenen Blautönen gestrichen und zusammengesetzt werden, damit meine Mäuse endlich ihre winzigen Kürbisse richtig in Szene setzen können, mein neuer Roman ist immer noch nicht ganz fertig „poliert“ – ich hänge noch zu sehr an ihm und kann ihn  irgendwie nicht los lassen und allein hinaus in die Welt schicken. Und dann warten da noch all die Filme, die ich schon so lange sehen möchte, in der langen „Watch List“. Seit kurzem habe einen amazon firestick, den ich noch nicht so ausgiebig genutzt habe, wie ich es gern getan hätte. Es war mir einfach zu warm zum Filmegucken! Außerdem gibt bald wieder Lesungen, die es vorzubereiten gilt. Lauter schöne Herausforderungen.

Herbstbuch (unsplash)

Es ist natürlich kein Zufall, dass mein nächster Roman an Halloween beginnt und ein Jahr später an Halloween endet. Mir hat wohl noch nie ein Buch so viel Freude gemacht, und noch nie waren mir die Personen so nah. Ich könnte sie glatt in ihrer Wohnung am Brüsseler Platz besuchen oder alle hierher zum Tee einladen. Oder sogar für immer hier einziehen lassen. Nach all der gemeinsam verbrachten Zeit sind sie echte Familienmitglieder. Für meinen Mann zum Glück auch. Wir haben Martin und Marigard sogar schon mehrmals mit in Urlaub genommen und uns dabei dauernd gefragt: Was würden sie jetzt tun oder sagen? Sie haben es uns immer sehr bald mitgeteilt. Ihre Reaktionen waren oft überraschend und unvorhersehbar.  Jetzt fehlt nur noch ein Verlag, aber da bin ich zuversichtlich.

Martins Hände (unsplash)

Manchmal suche ich im Internet nach den Gesichtern meiner Hauptpersonen. Ich weiß natürlich genau, wie sie aussehen und würde sie sofort erkennen! Aber wie soll man Fotos von jemanden finden, den es gar nicht gibt? Moment mal: gar nicht gibt? Sie sind absolut real! In Marigards Vater Martin bin ich sogar ein klein wenig (möglicherweise auch mehr) verliebt. So was ist mir auch noch nie passiert. Schon ein merkwürdiges Gefühl, den Kopf so voller Geschichten, Gesichter und Stimmen zu haben. Manchmal träume ich von meinen Figuren, und sie teilen mir mit, was ich doch bitte unbedingt noch ändern sollte, weil sie das nie im Leben so sagen oder tun würden. Oder sie lassen mich wissen, was ich in einer Szene noch vergessen habe. Bisher haben sie mich immer überzeugt! Ich habe jetzt schon Angst, wie einsam ich mich fühlen werde, wenn ich sie nicht mehr jeden Tag um mich habe. Aber dann schreibe ich eben einfach eine Fortsetzung. So wie bei den Winnie-Romanen. Marlies und Winnie haben damals auch einfach keine Ruhe gegeben. Auch wenn sie keinen Vater hatten, in den ich ein klein wenig (möglicherweise auch mehr) verliebt war.

Bücherwolken (unsplash)

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Mülhausen revisited – die alte Bibliothek

Ein bisschen wie Hogwarts (BFL)

Die alte Bibliothek der Liebfrauenschule stammt noch aus der Klosterschulzeit und erinnert offenbar nicht nur mich, sondern auch die heutigen Schüler ein bisschen an Hogwarts, die Schule von Harry Potter. Vielleicht liegt es am dunklen Holz, vielleicht auch an der ganz besondere Stimmung oder am typischen Bücherduft.

Bücherleben (unsplash)

Inmitten von Büchern habe ich mich schon immer besonders wohl und sicher gefühlt, und selbst nach über einem halben Jahrhundert ist die Bibliothek in Mülhausen tatsächlich ein Stückchen Heimat für mich geblieben. Sehr verändert haben sich allerdings die Ordensschwestern. Sie sehen heute gänzlich anders aus als die strengen schwarzweißen Lehrerinnen aus meiner Schulzeit und haben mich durch ihre herzliche, entspannte Art tief beeindruckt. Überhaupt war es eine gelöste, heitere Atmosphäre, auch nach der Lesung gab es noch  viele interessierte Fragen und persönliche Gespräche. Meine ehemalige Schule hat mich wirklich mit offenen Armen empfangen. Ich freue mich schon darauf, in derselben Bibliothek bald auch vor den SchülerInnen zu lesen.

während der Lesung (JL)

Heute steht der Raum mit den hohen dunklen Regalen allen Schülern und Schülerinnen offen, zu meiner Zeit war er noch ein gut gehüteter Geheimbereich, den nur wenige betreten durften. Viel zu selten hatte eine von uns das Glück, auserwäht und zum Sortieren oder Katalogisieren mit hinein genommen zu werden. Damals roch die Bibliothek noch weit stärker nach Gewürzen, Staub der Weisheit und ehrwürdigem Papier. Wenn man sie betrat, wurde einem gleich so feierlich zumute, dass man automatisch die Stimme senkte. Das ist heute wahrscheinlich nicht mehr so. Ich meine mich zu erinnern, dass hier gelegentlich auch Klausuren nachgeschrieben wurden. Die guten Geister der Bibliothek hatten am Tag meiner Lesung überall Vasen mit wunderschönen riesigen Sonnenblumen verteilt, die schon von weitem leuchteten, so dass es nicht nur „buchig“, sondern auch nach frischem Herbstgarten roch. Der Strauß, den ich mit nach Köln nehmen durfte, hat mich über eine Woche lang erfreut und wird dies auf den Fotos, die ich von ihm gemacht habe, sicher noch sehr lange tun.

aufgeschlagen (unsplash)

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