Alarmanlage auf Hochtouren: Überraschungsgewürz

Öfter mal was Neues!

Mein Mann liebt Überraschungen und probiert in der Küche gern neue Zutaten und kreative Ideen aus. Zum Beispiel letzten Samstag. Es gab Lachs. Ich muss gestehen, dass ich nicht sonderlich gern Fisch esse. Es sei denn, er wurde von meinem Mann zubereitet. Im Restaurant würde ich nie Fisch bestellen, weil er mir von vornherein verdächtig ist. Mit zwanzig hatte ich mal eine üble Fischvergiftung. So was prägt. Danach habe ich zehn Jahre lang keinen Fisch angerührt. Aber mein Mann ist ein wahrer Kochkünstler und weiß genau, welche Gewürze ich liebe. Zum Beispiel Pfeffer, Koriander, Muskat und Zimt. Er weiß außerdem, dass ich Saucen mag. Besonders Sahnesaucen.

Zickige Geschmacksknospen

Für zickige hochsensible Geschmacksknopsen zu kochen ist gar nicht so einfach. Da ich extrem auf Salz reagiere, sind meine Portionen kaum gesalzen, und so kann ich nach Belieben nachsalzen. Was für andere normal schmeckt, finden meine Geschmacksknospen meistens schon versalzen. Nur Pfeffer mögen die Knospen und ich richtig gern. Davon können wir gar nicht genug bekommen. Alle Arten. Schwarzen, weißen. Kerala, Belem, Malabar. Egal. Wir lieben schon den Duft! Schärfe macht mir und den Knospen nichts aus. Wir mögen auch Chili und Ingwer.

Würde ich den Mut aufbringen, meine vielen kapriziösen HS-Knospen-Sonderwünsche ehrlich und laut zu äußern, könnte man sich glatt an Sally aus „Harry und Sally“ erinnert fühlen. Natürlich würde ich das im Restaurant nie tun. Aber ich könnte: „Zwiebeln nur gedünstet, nie roh, am liebsten klein geschnitten, nicht in Ringen oder Scheiben. Bitte auf keinen Fall süßen Senf. Essig wirklich nur in homöopathischer Dosierung, das ist mein absoluter Ernst! Kein Estragon. Keine Senfsaat. Und auf gar keinen Fall Sellerie!“ Ich HASSE Sellerie. Schon der Geruch ist ekelhaft. Genau wie Essig. Ich VERABSCHEUE Essig. Ich mag ihn weder riechen noch schmecken. Es schüttelt mich schon beim Schreiben. Ausnahmen sind Himbeeressig und sehr guter Balsamico.

Lachsfilet

Doch zurück zum samstäglichen Fischmenu. Das Lachsfilet, das auf dem liebevoll dekorierten Teller vor mir lag („Das Auge isst schließlich mit“, sagt mein Mann) war mit zarten Dillstängelchen garniert und sah äußerst lecker aus. Schöne Farbe. Angenehmer Geruch, kein bisschen fischig oder tranig. Genau richtig lang gebraten. Ich mag Fisch nicht, wenn er glibberig ist, und ich mag auch nicht, wenn er zu trocken ist, und gekochten Fisch esse ich sowieso überhaupt nicht! Direkt daneben lag ein kleines appetitliches Hügelchen aus frisch in der Pfanne zubereitetem und trotzdem schön grün gebliebenen Babyspinat. Braunstichig geht gar nicht, aber ein Spritzer Zitrone und genau die richtige Pfannenverweildauer lösen das Problem.

Vergiftet? Verdorben? Hochsensibel?

Da der Küchenchef mir eine besondere Freude machen wollte, hatte er extra für mich eine neue Pfeffervariante mitgebracht. Zumindest dachte er, dass es sich um Pfeffer handeln müsse, denn immerhin hieß das Gewürz ja so. So weit, so gut. Ich steckte mir das erste Stückchen Lachs in den Mund – und erschrak! Was war denn mit dem Fisch los? War er verdorben? Warum prickelte und kribbelte es plötzlich so unangenehm auf der Zunge und auf der Mundschleimhaut? Vor allem das vordere Drittel der Zunge und die Mundschleimhaut an den vorderen Seiten und ganz vorn bis zur Lippe waren betroffen. Und wie! Es kribbelte und prickelte wie wild und dann fühlte es sich plötzlich irgendwie an, als hätte ich mehrere Tropfen pures japanisches Pfefferminzöl darauf verrieben. Vielleicht erinnerte es auch ein bisschen an Kampfer. Es wurde auch nicht besser, als ich mir zur Ablöschung und Neutralisierung eine Gabel Babyspinatblätter in den Mund steckte. Es wurde noch schlimmer! Auch der Spinat war offenbar verdorben und in perlige Gärung übergegangen! War ich jetzt vergiftet? Zu allem Übel fing ich auch noch an wie verrückt zu speicheln, und dann begann mein Mund auf einmal taub zu werden. Er fühlte sich an wie anästhesiert! Der Gesamteffekt erinnerte mich erschreckend an „Zahnarztstuhl nach Betäubungsspritze“! Die Alarmanlage lief inzwischen auf Hochtouren. Langsam sprangen auch die Panikmelder an. Trotzdem wollte ich vor dem kompletten Ausrasten ganz sicher gehen. Schnell ein Schluck Mineralwasser. Vielleicht war das ja alles nur Einbildung? Mein Mann zeigte schließlich keinerlei Reaktion, er schob sich gerade das dritte Lachsstück in den Mund.

Da ich extrem mutig bin, wagte ich noch einen Versuch. Mal sehen! Leider hoffnungslos. Ungenießbar prickelnd. Beides. Lachs und Spinat. Nach dem zweiten Testgang MUSSTE ich die heikle Frage stellen, auch wenn ich meine Lieblingskoch damit möglicherweise tief verletzen würde. Entweder war der Fisch verdorben und gesundheitsgefährdend oder meine hochsensiblen Geschmacksknospen zeigten mir wieder mal eindrucksvoll, dass der kreative Küchenchef meines Vertrauens mich mit einer lukullischen Neuerung zu erfreuen suchte.

Zanthoxylum Piperitum

Ich gab mir also einen Ruck und fragte. „Hast du zufällig ein neues Gewürz ausprobiert?“ Mein Mann blickte mich erschrocken an. Er spricht zwar kein „Hochsensibel“, aber er versteht es recht gut und hörte daher gleich, dass irgendetwas nicht stimmte.

„Ja, hab ich. Szechuan Pfeffer. Schmeckt es dir nicht?“ Er wirkte enttäuscht.

Erleichterung machte sich in meinem Alarmsystem breit und verwandelte den Stress auf der Stelle in belustigte Neugier. Die blinkenden Signallampen waren schon nicht mehr ganz so bedrohlich, und die Sirenen verstummten langsam. Es war NUR ein neues Gewürz!

„Merkst du denn nichts?“ erkundigte ich mich interessiert. Nein, er merkte GAR nichts. Ihm schmeckte der Lachs hervorragend. Keinerlei perlige Prickelei. Das neue Gewürz war nur nicht sonderlich scharf, da hätte er echt mehr erwartet.„Was ist es denn?“ wollte ich wissen.

„Szechuanpfeffer.“ Das Zeug war auch am Spinat, daher meine heftige Doppelreaktion.Ich schilderte ihm eindrucksvoll und unmittelbar meine Zahnarztstuhlreaktion. Er wirkte tief beeindruckt. „DAS spürst du alles? Kaum zu glauben!“

Zum Glück sind wir stolze Besitzer eines sehr guten Gewürzbuchs. Es heißt „Workshop Würzen“ und ist von Bettina Matthei, die auch einen eigenen Gewürzversand betreibt, bei dem ich mir schon oft tolle Mischungen bestellt habe. Auf Seite 201 steht er: der Szechuanpfeffer. Zanthoxylum Piperitum. Was ich da las, führte zu absoluter Beruhigung und machte den Rest der Mahlzeit zu einem Genuss der ganz besonderen Art. Es war wirklich alles in Ordnung mit dem Lachs. Eigentlich war er perfekt. Alles gut. Es lag nur an mir und meinen hochsensiblen zickigen Geschmacksknospen. Szechuanpfeffer ist kein Pfeffer. Die Pflanze gehört zur Familie der Rautengewächse. Die Prickelwirkung kann intensiv und langanhaltend sein. So wie bei mir. Irgendwann können wir das Gewürz gern wieder benutzen, ich muss es nur vorher wissen und darauf vorbereitet sein, damit es mich nicht noch mal kalt erwischt. Wenn man Angst hat, kann man sein Essen wirklich nicht genießen.

Ach ja, heute hat der beste Ehemann von allen mir wunderbar duftenden Malabar Pfeffer mitgebracht. Gleich gibt es Gnocchetti. Mit Pilzen. Und Broccoli in Sahnesauce. Mit frisch gemahlenem Malabar Pfeffer. Völlig ohne Zanthoxylum Piperitum. Trotzdem: Ich muss die Wirkung unbedingt möglichst bald mal bei nichtsahnenden Gästen testen. Ob sie wohl auch so extrem reagieren?

Daria-Yakoleva/pixabay

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„Das Treffen“

rain

Eins meiner frühen Kölner Gedichte

Das Treffen

Großstadtwohnung Moltkestraße
gebohnertes Treppenhaus
Lebensmittelgeschäft nebenan
dritter Stock und Herzklopfen
eine durchnässte Frau klingelt
ein junger Mann steht in der Tür
beide suchen nach Worten
„was für eine Überraschung“
bist ja ganz außer Atem“
„vom Treppensteigen weißt du“
„komm doch rein“
„willst du die Tür nicht zumachen“
„leg den Mantel ab bitte
hast eine andere Frisur“
„wo soll ich denn den Schirm“
„ich bring ihn schnell ins Bad“
„werd auch nicht lange bleiben
nur sehen wie es dir geht
hast doch versprochen zu schreiben“
der Mann lächelt verlegen
„stimmt aber ich hatte keine Zeit“
„bist du jetzt glücklich“
„ja wir sind glücklich“ sagt er
sehr schnell und schaut zur Seite
„und wie geht es dir so“
sie streicht sich hastig den Rock glatt
„schön bist du und lachen tust du wie früher“
der Ring an seiner linken Hand
„hast du dich verlobt“
„weißt du denn nicht schon im August
aber jetzt erzähl mal von dir“
sie hat nichts zu erzählen
„ich lebe auch nicht mehr allein“
lügt sie mit offenen Augen
er wird immer nervöser
„du ich will dich nicht rauswerfen
aber sie kommt gleich zurück“
„versteh schon kommst du
noch mit nach unten“
die Treppe riecht nach Bohnerwachs
vor der Haustür ein flüchtiger Stirnkuss
sie versucht nicht zu zittern
spannt draußen den grünen Schirm auf
dunkle Punkte auf hellgrünem Grund
obwohl es zu regnen aufgehört hat
geht blind in die falsche Richtung
sorgsam darauf bedacht sich auf
keinen Fall nach ihm umzudrehen

(Beate Felten-Leidel, 1975)

umbrella

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„Avenidas“

Meine ganz persönlichen Assoziationen zu „dem“ Gedicht von Eugen Gomringer

Avenidas

avenidas y flores

Alleen und Blumen

flores
flores y mujeres

Blumen und Frauen

avenidas
avenidas y mujeres

Alleen und Blumen und Frauen

avenidas y flores y mujeres y
un admirador

ein Bewunderer

 

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Hochsensible Alarmanlage

wenn die Alarmglocken schrillen…. (Bild: Iculig/123rf.com)

Wie erklärt man Hochsensibilität?

Wie erklärt man jemandem, der noch nie etwas von Hochsensibilität gehört hat, diese Eigenart? Man kann sie sich gut wie eine komplizierte, mit allen Raffinessen ausgestattete innere Alarmanlage vorstellen.

Individuelle Krisenmelder

„normale“ Alarmanlage (Bild:Boiko Illia/123rf.com)

Jeder Mensch wird sozusagen mit einem individuellen Krisenmelder geboren, der vor Bedrohungen warnt. Die Normalversion ist solide, stabil und zuverlässig, reagiert nur bei Gefahr und ist wenig störanfällig. Wenn sie Alarm schlägt, steht ein Einbrecher vor der Tür, droht ein Herzinfarkt, steckt man in einer Beziehungskrise oder hat Megastress im Büro.

Hochsensible Alarmanlage

Die empfindliche Hochleistungsversion dagegen ist mit unzähligen komplizierten Zusatzsensoren, Rauchmeldern, Fühlern, Mikrofonen und Kameras ausgestattet. Die Sirenen schrillen bereits, wenn ein Mäuschen vorbeihuscht, das Herz zu schnell schlägt, der Partner ein falsches Wort sagt oder die Chefin komisch guckt. Manchmal reicht es sogar schon, wenn jemand in der Nähe lediglich hörbar kaut oder atmet. Die Riesenanlage macht unglaublich viel Lärm um nichts, und kaum jemand kommt auf Anhieb mit ihr klar.

meine HS Alarmanlage (Detail 1)

Wie zum Teufel funktioniert das Ding bloß?

Irgendwann hadert der überforderte Anlagebesitzer mit sich und der Welt. Warum bin ausgerechnet ich mit diesem Ungetüm geschlagen? Warum kann ich damit nicht umgehen? Alle anderen schaffen es doch mit ihren Anlagen auch. Warum springen all meine vielen Konvertoren und Transformatoren nicht an? Wie kann ich sie in Gang setzen? Wie kann ich Angst in Neugierde oder Stress in Eu-Stress verwandeln? Wie kann ich den ständigen Hintergrund-Scan zumindest kurzzeitig ausstellen? Den Entspannungsmodus aktivieren? Den Panikmodus verlassen? Was muss ich beachten, wenn ich einen Neustart durchführen möchte?

meine HS Alarmanlage (Detail2 – und so geht das endlos weiter… )

Keiner versteht mich…..

Auf Verständnis kann man nicht hoffen. »Stell das Ding doch ab! Hör nicht hin, wenn die Sirenen heulen. Markerschütternd? Ohrenbetäubend? Komisch, ich höre nichts. Leg dir doch eine andere Anlage zu!« Wenn es nur so einfach wäre. Man hat sich das zickige Supermodell schließlich nicht selbst ausgesucht! Früher oder später schämt sich der arme Besitzer nur noch in Grund und Boden und kann sich selbst nicht mehr leiden. Fatal! Für Schwankungen des Selbstwertgefühls gibt es einen Zusatzsensor, der mit hochgiftigen Stressdämpfen reagiert. Was tun?

„perfect bliss“ – so nenne ich ganz besondere Wohlfühlmomente (Bild: Erik Reis/123rf.com)

Gebrauchsanweisungen

Hoffnung naht! Seit einigen Jahren gibt es nämlich »Gebrauchsanweisungen« für die komplizierte Anlage, die genau erklären, wie sie funktioniert und wie man sie warten, umprogrammieren oder zumindest so einstellen kann, dass sie nicht ständig stört. Bereits das Lesen führt zu sofortiger Entspannung. Es hilft, wenn man endlich versteht, dass sie bestimmten Mustern folgt, die allerdings bei jedem anders sein können. Vielleicht reagiert sie besonders heftig, wenn man ein Kaufhaus betritt, Hunger verspürt, oder das Thermometer 30 Grad übersteigt? (Bei mir liegt die Wohlfühltemperatur bei 20-24°, ab 30 schrillt bei mir unüberhörbar die Alarmglocke und hatte früher sogar einen direkten Draht zum Panikmodus.)

Schlüssel zum Glück (Bild: Zimmytws/123rf.com)

Lebensverfeinerungssystem

Aber das Beste kommt noch. Wenn man sich liebevoll mit ihr beschäftigt, offenbart die Anlage ihre wahren Qualitäten, und schon hat man das faszinierendste Lebensverfeinerungssystem, das man sich vorstellen kann: eine Anlage, die sämtliche Sinneseindrücke und Gefühle genau aufzeichnet und verstärkt, eindrucksvolle Bilder, Erinnerungen und Träume produziert und über ein riesiges Kreativitätsarchiv  verfügt. Wenn man den richtigen Knopf gefunden hat, kann man unglaublich schöne kleine Wohlfühlmomente erleben, die ich bei mir „perfect bliss“ nenne. Die Anlage schafft es manchmal sogar, dass man die Welt um sich herum komplett vergisst und ganz in dem aufgeht, was man gerade erlebt oder tut. Diesen wunderbaren Zustand frei von Stress und Angst nennt man »Flow«.

(aus: „Von wegen Mimose“, meiner eigenen hochsensiblen „Gebrauchsanweisung“)

so fühlt sich bei mir ein Flow an …… (Bild: delcreations/123rf.com)

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„Wenn et Fasteloavend es….“

Fasteloavend (BFL)

Als Kinder gingen wir am Niederrhein an Fasteloavend immer die „Vuu jaare“. Dazu zogen wir kostümiert von Haus zu Haus, sangen ein altes plattdeutsches Lied und sammelten so viele Süßigkeiten, wie wir nur tragen konnten. Wer trotz intensiver Beschallung die Tür nicht öffnete, wurde als „Jitshols“ beschimpft.

„Wän et Fasteloavend es, dann jaare we di Vuu! Aier Aier in dä Koref, Leäwerwuersch detuu!
 Lot dat Mätske sengke, duer de vätte Schengke, Abrams Käthe, der Moon es duet, di Vrau es duet, Jef die Vrau jet vöer di Schnuut!“

Wir hatten sogar beim Heischegang mit schwerwiegenden Problemen zu kämpfen, denn unsere Mütter hatten bei der Kostümwahl leider das letzte Wort. Ich wäre liebend gern wenigstens ein Mal Cowboy gewesen, aber das schickte sich nicht für Mädchen. Auch Winnie durfte nicht Häuptling sein, aber immerhin Indianerin. Mit langen, blauschwarzen Zöpfen und rabenschwarzen Augenbrauen. Darauf hatte ihre Mutter bestanden. Sie trug ein sackartiges Gewand mit Fransen, braune Mokassins und ein gestreiftes Stirnband, das mit einer einzigen giftgrünen Feder geschmückt war.

„Schon wieder kein richtijer Kopfschmuck“, maulte sie. „Bloß die blöden Zöpfe und die ömmelige Feder. So’n Mist.“ Sie überlegte. „Machste mir die Zöpfe mal auf?“

Danach sah sie richtig wild aus. Ihre neuen Haare waren blauschwarz und wellig und reichten ihr fast bis auf die Brust. Die Feder saß jetzt nicht mehr ordentlich hinten am Kopf, sondern schön schief an der Seite. Winnie hatte noch mehr Federn mitgebracht, die wir zusätzlich in ihrer eindrucksvollen Mähne verteilten.

„Rotweiß“ (BFL)

Mich hatte es diesmal wieder besonders schlimm erwischt. Mein Kostüm war bunt mit Rauten. Gelben, grünen, blauen, roten und weißen. Auch die roten und gelben Zacken mit den vielen Glöckchen an Ärmeln und Knöcheln gefielen mir gar nicht. Ich sah wirklich kein bisschen cowboymäßig aus. Notfalls wäre ich auch gern als Pirat gegangen. Mit Augenklappe und Säbel. Aber leider gehörte sich auch das nicht für Mädchen. Am schlimmsten war mein Narrenhut mit den beiden großen Glöckchen, die bei jeder Bewegung fröhlich bimmelten. Angeblich das Markenzeichen meiner Figur, aber leider viel zu eng und viel zu warm. Vorn sah die Schellenkappe aus wie Micky Maus, denn ich hatte ein schwarzes „V“ mitten auf der Stirn, das wie verrückt juckte.

„Schon wieder so wat Komisches!“ wunderte sich Winnie. „Wat biste denn diesmal?“ – „Till Eulenspiegel“, antwortete ich bedrückt. – „Kenn’ ich nich’“, sagte Winnie. – „Meine Mutter sagt, der is’ richtig berühmt“, verteidigte ich ihn. – „Kenn’ ich trotzdem nich’“, meinte Winnie. „Na ja, wenigstens haste Jlöckchen. Un’ zwar ziemlich viele.“ – „Aber die Hörner!“ – „Ja, die Hörner sind wirklich Scheiße!“, musste Winnie zustimmen.

Besonders scheußlich fanden wir unsere knallroten Lippen, auch eine Idee unserer Mütter, und den ekelhaften Schönheitsfleck, der mitten auf meiner rechten Wange prangte. Wieso hatte dieser Till Eulenspiegel eigentlich einen Schönheitsfleck? Er war doch ein Mann! Als ich versuchte, ihn abzuwischen, gab es eine Riesenschmiererei. Winnie griff tatkräftig ein. Mit einem nicht ganz sauberen Taschentuch und ziemlich viel Spucke. „Ich krieg’ dat auch nicht ab“, resignierte sie schließlich. „Jetzt siehste noch schlimmer aus als vorher. Die Backe is’ knallrot.“ – „So’n Mist“, maulte Till Eulenspiegel, während die Glöckchen lustig an seinen Knöcheln und seiner Schellenkappe bimmelten. „Dann bin ich ja total verschangeliert!“ – „Aber et passt jut zum Lippenstift“, tröstete mich Winnie. „Von der Farbe her, mein’ ich.“

„Clown“ (BFL)

Axel Brökskes von gegenüber durfte natürlich Häuptling sein und wusste sein Glück nicht mal zu würdigen. Er raste nur wild ballernd durch die Gegend, brüllte „A-a-a-a!“ und schlug sich dabei mit der Hand vor den Mund. Als er Winnie sah, grinste er blöd und sagte: „Huck! Da kommt ja meine Squaw!“

„Wenn de nich’ sofort die Schnauze hältst“, ranzte Winnie ihn an, „kriechste eins aufs Maul. Außerdem find’ ich deine Kriegsbemalung bescheuert.“

Axel zögerte. Die bunten Streifen auf seinem Gesicht begannen unsicher zu zucken. „Aber die Marlies, die sieht wirklich Scheiße aus!“, rief er schnell, schwang ein letztes Mal drohend sein Kriegsbeil und ritt auf seinem imaginären Hengst davon. Wir waren stinksauer. Warum ließen Eltern einen nicht mal an Karneval das sein, was man wirklich wollte? Dann hätten wir es dem blöden Axel zeigen und ihn kurz und klein hauen können. Oder ihn wenigstens an den Marterpfahl binden und um ihn herumtanzen können. „So schlimm siehste auch wieder nich’ aus“, tröstete mich Winnie. „Dat Kostüm is’ schon irjenswie interessant, find’ ich.“

Mit unseren Körben bewaffnet marschierten wir auch diesmal mutig von Haus zu Haus und sangen, was das Zeug hielt. Was der Liedtext bedeutete, wussten wir nicht. Es war eben echte Kattendonker Tradition und uralt. Das genügte. Das hatten schon unsere Großeltern gesungen.

„Dreeimol öm di Flööt, dreeimoel öm di Tööt, dreeimol öm dä Schtüüver Schtüüver,
 Moon lot ons net te lang waute
, We mode noch en Hüske wier joan. Jäf mich en Ai, dann jon ich verbai
. Jäf mich ene Tsänt, dann bin ich kontänt.“

(aus: „Mit Winnie in Kattendonk“)

„Feder“ (BFL)

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Rosenmontag am Niederrhein

Karneval (BFL)

Es war einmal … an einem kalten Rosenmontag vor vielen, vielen Jahren.  An Karneval fällt es mir jedes Mal wieder ein. Eine denkwürdige Begegnung und der Beginn einer wunderbaren Freundschaft!

Damals mit Winnie

„Meine Freundin Winnie traf ich zum ersten Mal an Karneval. Ich muss fünf oder sechs gewesen sein. Wir trugen leider beide Kostüme, die wir uns nicht selbst ausgesucht hatten. Winnie war Prinzessin, ich war Maus. Mit übel drückenden Nagezähnen aus Plastik und einem langen Schwanz, der unschön auf dem Boden schleifte. Meine Mutter hatte das Kostüm höchstpersönlich genäht, denn sie legte großen Wert darauf, dass ich immer etwas „Originelles“ trug. Maus war damals in Kattendonk tatsächlich sonst keiner. Wahrscheinlich auch vorher oder nachher nicht. Winnie lachte sich kaputt, als sie mich sah, und vergaß, wie sauer sie war, dass sie Pink tragen musste und Prinzessinnen nicht ausstehen konnte. „Wat bis‘ du denn?“ kreischte sie. „Soll dat ne Ratte sein oder wat?“ Ich wurde rot wie eine Tomate. „Ich bin Maus“, erklärte ich so würdevoll wie möglich. „Aber aussehen tuste wie ne Ratte!“ wieherte sie gnadenlos. Ich war tief getroffen. Eigentlich wollte ich ihr böse sein, aber ihr Lachen war so entwaffnend, dass ich unweigerlich mitlachen musste. Dann gab mir Winnie den ersten von vielen wirklich guten Ratschlägen. „Nimm die blöden Zähne doch einfach raus“, meinte sie. Ob ich das durfte? Meine Mutter hatte das Frontgebiß doch eigens für mich und mein Kostüm in Krefeld erstanden. Ich schaute mich suchend um. Meine Mutter war nicht zu sehen. Ein Glück. Das hätte sie nie im Leben gebilligt. Dann nahm ich mutig die Nagezähne aus meinem Mund und fühlte mich gleich bedeutend besser. „Na siehste“, grinste Winnie. Und von dem Moment an waren wir die besten Freundinnen auf der Welt.“ (aus: „Mit Winnie in Niersbeck“)

Prinzessin  (BFL)

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Hohenlohe am Brüsseler Platz

„Irgendwo in Hohenlohe“ (Andreas Schmelz)

Jetzt ist auch in dem Roman, den ich gerade überarbeite, Anfang Februar. Andy, dem die Bäckerei nebenan gehört, hat gerade neue Winterbilder aus seiner Heimat aufgehängt, so dass man auch im Belgischen Viertel in Köln (zumindest mit den Augen) jeden Tag mühelos nach Hohenlohe reisen kann. Herr Hayashi, der aus Japan stammt, sagt, dass ihn manche von Andys Bildern an japanische Haikus erinnern, vor allem das mit der Sonne. Im Café ist es in dieser kalten Zeit warm und gemütlich, und Andy bereitet sich schon intensiv auf den Kölner Karneval vor. Seine Muzemandeln sind kleine Meisterwerke, dezent bezuckert, feinfühlig mandelig und veredelt mit einem Hauch von Rosenwasser, eben perfekt „schmelzig“.

„Kupferhofallee“ (Andreas Schmelz)

Der alte Herr Christen aus der Lütticher Straße hat gefragt, ob man die Bilder eventuell kaufen könne. Ihm gefällt vor allem die Kupferhofallee im Schnee. Als er heute zu seinem üblichen Morgenkaffee in die Bäckerei kam, hat Andy ein kleines flaches Päckchen vor ihn auf den Tisch gelegt. Darin war – die Kupferhofallee. Da hat er der alte Herr Christen, der sonst nie die Fassung verliert, tatsächlich angefangen zu weinen.

„Schneebäume“ (Andreas Schmelz)

Am Brüsseler Platz leben im Buchjahr 2003 noch viele ältere Menschen. Eine davon ist die blinde Frau Hagedorn. Sie wohnt direkt neben der Kirche. Meine Marigard im Buch liest ihr seit kurzem vor und beschreibt sie auch näher.

„Winterapfel“ (Andreas Schmelz)

„Frau Hagedorn ist schon über achtzig, und operieren kann man ihre Augen nicht mehr. Sie sieht jetzt mit den Ohren, mit der Nase und mit den Fingerspitzen. Manchmal betastet sie vorsichtig mein Gesicht. Weil sie schon so alt ist, möchte sie nicht mehr umziehen, obwohl sie eigentlich rund um die Uhr betreut werden müsste. Sie will auf keinen Fall in ein Heim. Meistens sitzt sie am Fenster und träumt. Manchmal fallen ihr Gedichte ein, die sie früher gelesen hat. Sie hat seltene Bücher, die es nicht mal bei Herrn Halibutt im Antiquariat gibt. Zum Beispiel das Buch vom Puppenzwerg. Manchmal erinnert sie sich auch an ihre Verwandten. Leider sind die meisten tot. Ihr Vater war Bäcker, und sie kann das frische Brot immer noch riechen. Andy bringt ihr morgens die Brötchen, und eine Nachbarin geht für sie einkaufen und kocht für sie. Ihr Highlight des Tages ist Herr Prinz. Wenn er Urlaub hat, wird ihre Welt wirklich finster, sagt sie. Ich finde es traurig, dass sie so allein lebt. Aber sie ist zufrieden damit, in sich reinzuhorchen und sich zu erinnern. „Mit dem Alter wird man müde“, sagt sie. „Und dann geht man immer weiter zurück in die Vergangenheit.“ Dann sitzt sie am Seerosenteich ihrer Oma und beobachtet die Enten. Oder sie steht neben ihrem Vater in der Bäckerei und verkauft Kuchen. Sie sagt, dass Andy genau so gut nach Backstube und Café duftet wie früher ihr Papa.“

„Frostnetz“ (Andreas Schmelz)

Herr Prinz ist der Briefträger und die gute Seele im Viertel. Auch er schaut jeden Tag bei Andy vorbei. Mit oder ohne Post, denn er beendet seine tägliche Runde immer mit einem Milchkaffee. Den wunderbaren Briefträger aus meinem Buch hat es übrigens wirklich gegeben, und ich habe seinen Namen nur ein ganz klein wenig verändert. In Wirklichkeit hieß er nicht Prinz, sondern Kranz. Ich habe ihn damals extra für meinen Roman, der in meinem Kopf schon vor vielen Jahren Gestalt anzunehmen begann, ausgiebig interviewt. Dabei erfuhr ich zu meiner Verwunderung, dass Herr Kranz nicht nur der blinden Frau am Brüsseler Platz morgens die Post vorlas, sondern auch für etliche ältere Menschen im Viertel „schnell mal“ einkaufen ging und für einige Wohnungen sogar den Schlüssel hatte.“Falls mal was passiert, und keiner es merkt.“ Er war dann auch tatsächlich mehr als einmal der Retter in der Not, etwa wenn jemand unglücklich gestürzt war und hilflos in der Wohnung lag, oder plötzlich krank wurde und es nicht mal mehr zur Tür schaffte. Einmal fand er sogar einen älteren Mann, der sich aus Verzweiflung über seine unheilbare Krankheit umgebracht hatte. Er merkte sofort, wenn etwas nicht stimmte oder jemand Trost und Zuwendung brauchte.

„Kleine Wunder“ (Andreas Schmelz)

Für mich gehörte Hans Kranz, unser ehemaliger Briefträger im Belgischen Viertel, der bei seiner Arbeit so viele lustige, schöne und traurige Geschichten erlebt hat, eindeutig zu den ganz großen, oft übersehenen und vergessenen „Helden des Alltags“. Dass er durch seine fürsorglichen Einsätze immer viel länger arbeitete, als er eigentlich musste, hat ihn nie gestört. Er fühlte sich in unserem Viertel zu Hause, mochte die Menschen dort und kannte jede Ecke und jedes Haustier. Er war ein fürwahr hochsensibler Mensch, der schon von weitem sah, wenn es einem schlecht ging („Das merke ich schon am Gang“) und stets ein offenes Ohr und ein gutes Wort zur rechten Zeit hatte. Dabei war er immer bescheiden und äußerst diskret. Ich hatte das große Glück, dass er mir meine Post „aus Tradition“ persönlich überreichte, statt sie einfach unten in den Briefkasten zu werfen. Obwohl er dafür bis in den dritten Stock hoch musste (zum Glück gab es einen Aufzug). Er wußte, dass ich als Übersetzerin den ganzen Tag allein zu Hause am Schreibtisch saß, und hatte vielleicht auch das Gefühl, dass wir irgendwie seelenverwandt waren. Vielleicht genoß er die kurzen Begegnungen an der Tür oder unten auf der Straße ja auch genau so sehr wie ich? Wir haben den Kontakt bis zu seinem Tod vor zwei Jahren nicht abbrechen lassen und uns zu Weihnachten immer Karten geschickt. Wenn möglich, mit einem richtig schönen, knallroten englischen Briefkasten. Und einem Rotkehlchen oben drauf.

„Winterbaum“ (Andreas Schmelz)

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Verschneit liegt rings die ganze Welt

Schneemännder (Simone Garland)

Noch ist Winter, die Zeit der Stille, die Zeit der Kälte. Die Zeit der langen, dunklen, einsamen Nächte. Die Zeit der Flocken, des Raureifs, der Eiszapfen. Die Zeit der Winterstürme, glatten Straßen und gefrorenen Seen. Wie lange ist es eigentlich her, dass ich meinen letzten Schneemann gebaut habe?

„Zufrieden“ (Simone Garland)

Bei uns in Köln war der Winter bisher recht nachsichtig, wenn man von den beiden heftigen Orkanen Burglind und Friederike einmal absieht, die sich leider auch in unserem Garten wieder ein Baumopfer geholt haben. Friederike riss unseren geliebten uralten, mit Efeu und duftender Clematis bewachsenen, „heiligen“ Holunder innerhalb von Minuten buchstäblich aus den Wurzeln, so dass sich die Singvögel jetzt einen neuen Lieblingsbaum suchen müssen. Langsam wird es kahl am Gartenrand, nachdem der extrem trockene Sommer auch schon dem Lebensbaum von über 25 Metern den Garaus gemacht hat und Kyrill hat seinerzeit mit einem Atemzug die große Blutpflaume gefällt. Ich bin immer wieder erschüttert, wie schnell ein Baum verschwindet, wenn man bedenkt, wie viele Jahre er braucht, um sich zu entfalten. Der Verlust meiner Bäume macht mich immer sehr traurig.

In anderen Teilen der Welt war und ist dieser Winter jedoch außergewöhnlich hart. An der Ostküste der USA sorgten arktische Temperaturen dafür, dass der New Yorker Flughafen JFK zeitweise völlig lahm gelegt wurde, in Kanada fiel die Temperatur zeitweise auf drastische -50°C. Meine Freundin Simone Garland berichtet aus Kanada, sie hätte in dreißig Jahren noch keinen so eisigen Jahreswechsel erlebt. Auch im Januar sind die Temperaturen dort tagsüber eisig, die gefühlte Temperatur erreicht durch den schneidenden Wind oft sogar -35 Grad. Heute, am 30. Januar zeigt mir meine Wetter-App für Ontario grade auch nur -26°C, nachts fällt die Temperatur diese Woche sogar wieder auf -30°. Die Extremkälte ist sicher äußerst unangenehm, doch die Bilder, die sie für Simone gezaubert hat, sind einfach wunderschön. Dass selbst die Niagara Fälle einfrieren können, habe ich mir bisher noch nie bewusst gemacht. Simone hat auch dieses Naturschauspiel eingefangen.

Niagara Fälle (Simone Garland)

Simone hat mehrere Katzen, unter anderem einen wilden kleinen Streunerkater, der so scheu ist, dass er sich auch bei Extremkälte nicht ins Haus wagt. Doch er bleibt in der Nähe, lässt sich füttern und genießt die liebevolle Fürsorge. Simone macht es ihm leicht. Der Kleine schläft in einer isolierten Hütte mit Heizmatte und ist sogar stolzer Besitzer eines beheizten Wassernapfs. Wie schade, dass er seine Geschichte nicht erzählen kann. Ob er schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht hat und sich daher vor lauter Angst nicht ins warme Haus traut? Vielleicht hat er auch nur als Kitten die sensible Prägephase verpasst und erst viel zu spät Menschen kennen gelernt? Auf jeden Fall ist für ihn gesorgt, und man sieht, dass es ihm trotz allem gut geht.

„Carter“ (Simone Garland)

Ich habe seit ich denken kann eine Schwäche für Schneebilder und Schneemärchen. Schon immer war Andersens „Schneekönigin“ mein Lieblingsmärchen, und ich kann mich gut erinnern, wie ich als kleines Mädchen zusammen mit meiner Freundin am Fenster saß und nach dem mächtigen Schlitten der Schneekönigin Ausschau hielt. Wir wussten, dass sich um die eisige Luftkutsche, die von starken Schneepferden gezogen wurde, die Flocken zu wundersamen Gestalten ballten. Wenn man nur lange genug wartete, entdeckten man sie sogar, all die geheimnisvollen Polargänse, aufgeplusterten Schneehühner, majestätischen Schwäne und eleganten Silberreiher. Und hing da hinten am mächtigen Schlitten der Königin nicht auch der hölzerne Kinderschlitten des kleinen Kai? Wie gern wären wir mit Gerda ausgezogen, um ihn zu suchen und sein gefrorenes Herz wieder aufzutauen, damit der Splitter aus dem Spiegel des Teufels endlich herausgespült werden konnte. Bis in den Eispalast wären wir mit Gerda und dem treuen Rentier gewandert und hätten ihm dort die kleinen Eisstücke zurechtgelegt. Denn Kai kann ja erst erlöst werden, wenn er das Wort „Ewigkeit“ liest. Warum es ausgerechnet dieses Wort ist, habe ich allerdings bis heute nicht verstanden. Aber Andersen wird sich schon etwas dabei gedacht haben.

„Ahornkanne“ (Simone Garland)

Es gibt so viele schöne Wintergedichte, dass man ihnen eigentlich einen eigenen Beitrag schenken sollte. Manchmal bin ich dankbar, dass meine strenge Deutschnonne uns damals mehr oder weniger gezwungen hat, Gedichte auswendig zu lernen. Einige habe ich bis heute im Kopf, wenn auch nur bruchstückhaft.

„Der Wind nur geht bei stiller Nacht
und rüttelt an dem Baume,
Da rührt er seine Wipfel sacht
Und redet wie im Träume.“

(aus: „Verschneit liegt rings die ganze Welt“ von Joseph von Eichendorff)

„Snow Horse“ (Simone Garland)

 

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Barter Books in Alnwick

Barter Books (BFL)

Kurz vor Weihnachten entdeckte ich in Alnwick, einem beschaulichen Ort in der Nähe von Newcastle, das wohl eindrucksvollste Antiquariat, das ich je gesehen habe. Es befindet sich in einer alten viktorianischen Bahnhofshalle aus dem Jahr 1887, die 1968 geschlossen wurde.

Barter Books (BFL)

Die Originalräume des Bahnhofs sind noch gut erkennbar, werden jedoch inzwischen gänzlich anders genutzt und sind heute vor allem eins: ein Mekka für Bücherfreunde aus aller Welt. Ich hatte an dem Tag Schnupfen und war müde, und trotzdem war es Liebe auf den ersten Blick.

Den großen Bahnhof verdankt der kleine Marktflecken den berühmten Dukes of Northumberland, deren Schloss sich in unmittelbarer Nähe befindet und einem irgendwie bekannt vorkommt. Nicht von ungefähr: hier wurden etliche „Harry Potter“ Szenen gedreht, und es diente auch in den späten „Downton Abbey“ Staffeln als Kulisse. Alnwick Castle ist nach Windsor Castle der zweitgrößte Adelssitz Englands, und die Royals wollte man natürlich auch gebührend beeindrucken, falls es sie mal nach einem Besuch bei den Dukes gelüsten sollte.

Stolze Besitzer der „British Library of secondhand bookshops“ ist das Ehepaar Mary und Stuart Manley. Ich fand ihren geräumigen Buchladen der Extraklasse so gemütlich und einladend, dass ich am liebsten ein Wochenende oder zumindest eine Nacht ungestört dort verbringen würde, um mich in aller Ruhe umzusehen. Wahrscheinlich würde ich es sogar eine geschlagene Woche oder noch länger dort aushalten, da ich mich bekanntlich gern und ausgiebig „festlese“.

Barter Books (BFL)

Selbst mitten im Winter empfing Barter Books seine Gäste schon im Eingangsbereich ausgesprochen freundlich. Im offenen Kamin prasselte ein munteres Feuer, und direkt daneben stand ein einladendes Sideboard zum Aufwärmen und „Zuhausefühlen“ – mit Keksen und Kuchen, Kaffee und Tee. Für Kinder gibt es im ehemaligen Bahnhofseingang einen Raum voller Bilderbücher, Jugendbücher und Spielzeug. Gut sortierte Regale und Vitrinen warten überall auf Erkundung, und immer wieder laden Sitzgelegenheiten zum Verweilen ein. Es gibt Bänke, Sofas, Stühle und Sessel, aber auch Tische, falls man seine Bücherberge irgendwo absetzen möchte oder Lust hat auf einen kleinen Plausch mit anderen Book People.

Barter Books (BFL)

Sogar für das leibliche Wohl der Buchfans ist gesorgt. Sie können wählen zwischen dem Red, Green und Blue Room und dem Café im ehemaligen Wartesaal. Im Vorraum zu den Toiletten wird man übrigens von einem illustren Paar empfangen. Keine Ahnung, ob die beiden immer dort stehen oder nur zur Weihnachtszeit. Mein ganz besonderes Highlight war an diesem kalten, grauen, verschnupften Wintertag eindeutig der bunt illuminierte Weihnachtsbaum aus lauter Büchern.

Barter Books (BFL)

Es macht Riesenspaß durch die vielen „Regalstraßen“ zu schlendern, auch wenn die Fülle einem zunächst den Atem nimmt oder einen geradezu erschlägt, und nach ganz besonderen Schätzen zu suchen. Mein Mann entdeckte dort immerhin ein seltenes deutsches (!) Buch über Germanische Mythologie von Elard Hugo Meyer aus dem Jahr 1891. Aber man braucht eine Weile, bis man sich zurechtfindet.

Inzwischen habe ich mir den Lageplan des Ladens genauer angesehen und auch einiges zur Geschichte von Barter Books recherchiert. Bei meinem ersten, spontanen Besuch hat sich mir die besondere und wohl bedachte Ausrichtung der Regalwege vor lauter Begeisterung leider noch nicht wirklich erschlossen, ich war noch viel zu sehr überwältigt durch die Bücherfülle. Auch die vielen Zitate oben zwischen den Regalen habe ich eindeutig nicht genügend gewürdigt, aber zum Glück kann ich ja wiederkommen.

Barter Books (BFL)

Lustig fand ich die elektrische Eisenbahn, die unermüdlich über den Köpfen der Kunden im Kreis fährt und auf spielerische Weise an die Geschichte des Gebäudes erinnert. Selbst ein riesiges Wandbild mit berühmten Schriftstellern und Dichtern kann man hoch oben am Eingangsbogen zu den ehemaligen Gleisen bewundern, und es ist beileibe nicht das einzige Kunstwerk in Barter Books. Leider hatte ich meine „richtige“ Kamera aus Schnupfengründen zu Hause gelassen, so dass ich mich nicht an die Portraits heranzoomen konnte. Beim nächsten Mal……

Just aus diesem Buchladen stammt übrigens das inzwischen weltberühmte rote Poster„Keep calm and carry on“. Die Britische Regierung hat es 1939 als „guten Satz in schlimmen Zeiten“ für den Fall eines vernichtenden Militärschlags zum Mutmachen fürdie Bevölkerung in Auftrag gegeben, aber nie veröffentlicht. Stuart Manley entdeckte es im Jahr 2000 zufällig in einer Kiste mit alten Büchern, die er bei einer Auktion ersteigert hatte. Von Alnwick aus eroberte es dann in Windeseile die Welt und existiert heute in unzähligen Abwandlungen („keep calm and marry on“, „keep calm and have a cupcake“, keep calm and have tea“, es gibt sogar eine Version mit Colin Firth). Bei meinem Besuch hatte ich von der Postergeschichte noch keine Ahnung und wunderte mich nur, dass es in dem Laden so auffallend viele Tassen, Poster und Magnete mit dem geflügelten Wort gab. Aber man lernt bekanntlich nie aus. You live to learn!

Barter Books (BFL)

Selbst Hunde sind in Barter Books willkommen, so dass auch Black Labrador Jed mit in den Laden durfte. Für ihn gab es zwar eine besondere Regalreihe nur mit Hundebüchern, aber er interessierte sich zumindest an diesem Tag vor allem für die Wassernäpfe. Falls es Sie je in den Norden Englands verschlagen sollte: unbedingt einen kleinen Abstecher zu Barter Books einplanen! Und im Sommer kann man danach noch durch die schönen Gärten von Alnwick Castle schlendern und je nach Neigung an Harry Potter oder die Familie von Downton Abbey denken. Oder an beide.

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Kindheitswinter

„Frost“ von Simone Garland

Waren die Winter damals wirklich so viel kälter als heute? Ich erinnere mich an unzählige Schneewanderungen, flockenumwirbelt, mit dicken wollenen Fäustlingen an den Händen und eisigen Füßen in knarzenden fellgefütterten Stiefeln, an Schlittern mit Anlauf auf langen spiegelglatt gefrorenen Pfützen, an lästiges Schneeschaufeln noch vor der Schule. Ich erinnere mich an Eisblumen an den Fenstern, in die man kleine Atemlöcher hauchen konnte, und an lange Eiszapfen, die von den Dächern hingen. Ich erinnere mich an gefrorene Beeren und aufgeplusterte Vögel, die bis auf unsere Terrasse kamen, um sich aufzuwärmen.

„Eisblumen“ von Simone Garland

Mutige Kinder liefen bei Eis auf dem Graben der Dorenburg Schlittschuh, was mir streng untersagt war, weil ich todsicher stürzen und hart auf den Hinterkopf fallen oder gar einbrechen und jämmerlich im Eiswasser ertrinken würde. Die detailreichen Warnungen meiner Verwandten, die von Schädelbruch bis Hirnquetschung reichten, waren so drastisch, dass ich mich tatsächlich nie aufs Eis wagte, nicht mal Jahre später im neu gebauten Eisstadion, auch wenn ich es noch so gern getan hätte.

„Frozen“ von Simone Garland

Wenn Winnie unter der Trauerweide auf ihren Schlittschuhen herumwirbelte und begeistert rief: „Nu komm doch! Du fälls’ schon nich’! Dat is’ toll! Echt wie Fliegen!“ blieb ich unglücklich am Ufer zurück, stampfte von einem Fuß auf den anderen, um nicht festzufrieren, bewunderte Winnies Pirouetten, wäre liebend gern anders gewesen und ärgerte mich über mich selbst. Doch Angst ist leider ansteckend, und die bangen Befürchtungen meiner Verwandten waren Legion. Winnie brach nie ein, fiel nie hart auf den Hinterkopf und ertrank auch nicht jämmerlich. Wenn sie hin fiel, stand sie lachend wieder auf und machte weiter. (Aus: „Mit Winnie in Niersbeck“)

Auch diesmal freue ich mich sehr, dass mir Simone Garland ihre wunderschönen poetischen Bilder für meinen Beitrag geschenkt hat.

„Schneestraße“ von Simone Garland

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