Tag der Toten – Dia de los Muertos

„Engelsrose“ von Beate Felten-Leidel

„Himmel und Erde“, so heißt es in einem keltischen Sprichwort, „sind nur drei Fuß voneinander entfernt“, doch wenn man sich an einem thin place befindet, sind sich unsere Welt und die Anderswelt mitunter sogar noch näher. Ich habe mich in der keltischen Welt einige Male völlig unbeabsichtigt an einem thin place wiedergefunden und werde diese Erfahrung mit Sicherheit niemals vergessen. Ich weiß nicht, ob es den Ausdruck schon gibt, aber ich glaube auch an thin times, Zeiten, in denen sich der Vorhang zwischen den Welten für kurze Zeit hebt oder ganz aufreißt. Es sind Zeiten, in denen sich die Toten und Lebenden näher sind als sonst und die nächtlichen Träume intensiver und gewaltiger. In diesen Momenten kann man sekundenlag die Zehenspitzen in die Anderswelt setzen oder einen flüchtigen Blick hinein werfen, und es fühlt sich merkwürdigerweise an wie ein Hauch von Ewigkeit. Die Zeit steht still, die Kamera funktioniert plötzlich nicht mehr, und man spürt nur noch tiefe Ehrfurcht. Die dunkle Jahreszeit scheint viele Türen zu thin times zu beherbergen.

Der November ist sicher nicht von ungefähr in vielen Teilen der Welt der Monat, in dem man der Toten ganz besonders gedenkt. Katholiken feiern am 1. November Allerheiligen und am 2. November Allerseelen. Am 11. November ist in Großbritannien Remembrance Day. An diesem Tag erinnert man sich an die gefallenen Soldaten. Der Tag heißt auch Poppy Day wegen der roten Mohnblüten, die alle tragen zur Erinnerung an die auf Flanderns Feldern im Ersten Weltkrieg Gefallenen. Heute, am 19. November, ist bei uns Volkstrauertag. Früher fuhr mein Vater an diesem Tag mit mir auf einen der großen Soldatenfriedhöfe am Niederrhein und stand stumm und traurig vor den unzähligen weißen Kreuzen. Auf vielen stand nur „unbekannter Soldat“, was mich als Kind tief verstörte. Ich war – und bin bis heute – beim Anblick dieser anonymen Gräber jedes Mal den Tränen nahe. Protestanten begehen am 26. November am Ende des Kirchenjahres den Ewigkeitssonntag, auch Totensonntag genannt. Alle diese Totengedenkfeste sind besinnliche, stille, dunkle, überaus traurige Tage. Mit dem Tod ist nicht zu spaßen. Das wagt man offenbar nur in Mexiko. Dort fordert man ihn sogar lachend zum Tanz auf.

„Tag der Toten“

Als ich 1991 in London die Ausstellung „The Skeleton at the Feast – The Day of the Dead in Mexico“ besuchte, ahnte ich nicht, dass mich die Faszination für dieses Fest nicht mehr los lassen würde. Mir gefiel die Verknüpfung von liebevollem Totengedenken mit schierer Lebensfreude, kunterbunten Farben, skurrilen Süßigkeiten, orangefarbenen und gelben Blumen, Fotos und Lieblingsessen der Verstorbenen, Kerzen, Musik, Räucherwerk, Singen, Essen und Trinken, Tanzen und Feiern.

„Barbara“

Merkwürdigerweise (oder vielleicht auch nicht, denn das kleine Mädchen in dem Roman, den ich gerade schreibe, liebt dieses Fest) habe ich gerade in diesem Jahr große Lust, meine Ahnen auf  überschwängliche, lebensbejahende Art zu feiern. Doch ich bin mir ziemlich sicher, dass verzierte Zuckerschädel und baumelige kleine Skelette aus Pappmaché bei meinen strengen erzkatholischen niederrheinischen Vorfahren nur auf extremes Missfallen stoßen würden. Daher beschränke ich mich bei meiner persönlichen kleinen Gedenkfeier bewusst auf gelbe Chrysanthemen, Kerzen und dezentes Räucherwerk. Dass ich ihre Fotos an diesem Tag andächtig betrachte und mit Blüten schmücke, gefällt ihnen hoffentlich. In Mexiko glaubt man übrigens, dass die Toten die Farben Orange und Gelb besonders gut erkennen, daher gehören Tagetes, Ringelblumen und Chrysanthemen traditionell zu den Blumen, die man bei diesem Fest ausstreut, um den Verstorbenen den Weg nach Hause und zurück zum Friedhof zu zeigen.

Einen kleinen Altar mit mexikanischen Elementen habe ich dieses Jahr trotzdem gestaltet.  Zum ersten Mal, weil mir bisher immer die richtigen Gegenstände fehlten. Allerdings widme ich ihn nicht meinen gestrengen Ahnen, sondern Frieda Kahlo und der Madonna von Guadalupe. Und Ray Bradbury, denn er hat mich als erster auf dieses Fest aufmerksam gemacht. Für Frieda, die ich sehr schätze, habe ich eigenhändig einen bunten Rahmen gemalt, weil ich nirgendwo einen Schrein mit ihrem Bild gefunden habe. Die kleine Feier habe ich gemeinsam mit den beiden Mädchen aus meinem Roman gestaltet. Zunächst war ich etwas skeptisch, doch es war ein totaler Erfolg. Sie sind begeistert und haben beschlossen, sich nächstes Jahr als Catrina zu verkleiden. Unbedingt. Natürlich werde ich es ihnen erlauben, denn ich kann meinen Romankindern nun mal nichts abschlagen, und Marigard und Michan haben schon genug Stress in meinem Buch.

Im Kölner Rautenstrauch-Joest Museum gab es dieses Jahr am Dia de los Muertos am 1. November eine spezielle Feier mit einem riesigen Gabentisch, der von den Künstlerinnen Rosanna Velasco und Liliana Cobos gestaltet wurde. Ich war sehr gespannt und wurde nicht enttäuscht. In Büchern und Filmen hatte ich schon viele Bilder von diesem speziellen mexikanischen Fest gesehen, aber jetzt konnte ich zum ersten Mal einen richtigen traditionellen Gabentisch für die Toten bewundern. Der Altar war der surrealistischen Malerin Leonora Carrington und dem mexikanischen Schriftsteller Juan Rulfo gewidmet, die beide in diesem Jahr ihren 100. Geburtstag gefeiert hätten, aber auch den vielen Menschen, die bei dem schweren Erdbeben ums Leben gekommen sind. Bei der Eröffnungsfeier herrschte reges Treiben, es gab kleine Stände mit Kunsthandwerk und traditionellem Essen, mexikanische Musik und kostümierte Tänzerinnen. Zu meiner Freude hatte ich endlich Gelegenheit, einen winzigen Skelettschrein, gleich mehrere bunte Papiergirlanden, einen Zuckerschädel und, als besondere Überraschung, ein merkwürdiges kleines Tier zu erstehen, von dem selbst die Verkäuferinnen nicht so genau wussten, was es darstellt. Ich finde, es sieht aus wie eine Kreuzung aus Gürteltier und Erdferkel. Besonders beeindruckt hat mich an diesem Tag der sympathische Künstler Felix Pestemer, der seine Graphic Novel „Staub der Ahnen“ vorstellte. Ihm und seinem ungewöhnlichen Buch werde ich in den nächsten Tagen einen eigenen Eintrag widmen.

(Die Memory Karten auf dem Beitragsbild stammen aus dem Memory Spiel von Superskull.)

Der mexikanische Altar kann noch bis zum 26. November 2017 im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum besichtigt werden.

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