„Das Kind braucht Luftveränderung“ (3) – Das Dilemma

Gemeinsam im Sand (congerdesign/pixabay)

Schreibstress

Alles, was wir nach Hause schrieben, wurde im offenen Umschlag eingesammelt und gelesen. Auch die Post, die wir erhielten, kam geöffnet an. Die Enttäuschung, wenn es nichts gab. Ich habe alles gehütet, wie einen Schatz. Zum ganzen Kurkummer kam allerdings erschwerend hinzu, dass ich ein Riesenpensum an Ansichtskarten und Briefen zu erledigen hatte. Meine Mutter hatte bereits alle vorgeschrieben. Ich schrieb sie brav ab, aber es waren einfach tierisch viele. Ich hatte damit jeden Tag Stress. Verwandte, Freunde, Nachbarn, Lehrer, Spielgefährtinnen mussten bedacht werden. Bloß keinen vergessen! Aber die Texte waren falsch! Meine Mutter hat es sicher nur gut gemeint. Auch hier hätte ich gestern in der Bahn fast wieder laut NEIN geschrien. Oder, lieber noch, geheult. Da war es wieder, das alte Kindergefühl. Was für ein Dilemma! Du darfst die Wahrheit nicht sagen, von allen Seiten wird dir eingeredet, was du zu fühlen hast, und du fügst dich auch noch. So was macht Kinder krank! Aber meine Mutter wusste natürlich besser als ich, wie es mir ging. Das habe ich damals mit zehn wirklich geglaubt.

„Hast du auch schon eine Karte an K. und W. geschrieben? Schreibe ihnen folgendes: „Aus dem schönen Niendorf sende ich euch herzliche Feriengrüße. Mir gefällt es hier sehr gut. Die Ostsee ist wunderbar! Ich genieße das Strandleben. Nochmals viele Grüße, eure Beate“ Schaue dir die Adressen im Notizbuch an, ob du allen geschrieben hast. Auch an D. kannst du dasselbe schreiben.“

„Hast du folgenden Leuten schon geschrieben: Frau W. (den Brief hatte ich dir vorgeschrieben), Tante M. (den Brief hatte ich dir vorgeschrieben), B.S., K.D., A.L., K.B., Tante L. bzw. A.? An die Kinder kannst du folgenden Text schreiben: „Dir und deinen lieben Angehörigen sende ich recht herzliche Feriengrüße. Mir gefällt es hier sehr gut. Wir bekommen viel Spaß! Die Zeit vergeht wie im Flug. Nochmals liebe Grüße, Deine Beate.“ Falls dir jemand aus den Ferien geschrieben hat, schreibst du ihnen noch : …. vielen Dank für Eure Post.“ Jetzt will ich im nächsten Brief hören, dass du das erledigt hast.“

Ich habe es erledigt. Oder vielleicht doch nicht ganz. Höchstwahrscheinlich haben alle Kinder mich um den tollen Urlaub beneidet!

„K. sagte mir, du hättest noch nicht an die Klasse und an Frau W. geschrieben. Tue es bitte umgehend. Lass die Karte aber bitte von Fräulein durchlesen, damit du an Frau W. keine Fehler schreibst. Hast du auch an Tante M., K. und A. geschrieben? Teile es mir bitte mit!“

Ostsee Möwe (BFL)

In dieser Hinsicht konnte meine Mutter echt stressig sein. Ich spüre die Kindernot noch gut, während ich das hier schreibe. Aber gegen Ende der Kur ließ sich vieles leichter ertragen. Allerdings bitte ich in meinen Briefen mehrfach darum, die ersten Nächte bei meinen Eltern im Bett schlafen zu dürfen. Das haben sie mir dann auch erlaubt.  Und ich bat auch darum, mein Bett nicht weiß, sondern bunt zu beziehen. Ob meine komische Abneigung gegen weiße Bettwäsche etwa heimbedingt ist? Ich hasse bis heute weiße Bettwäsche.

Im letzten Brief trägt meine Mutter mir auf: „Bitte, Kind, bedanke dich recht herzlich bei allen, die für dich gesorgt haben, und sage ihnen allen, daß es dir sehr gut gefallen hat. Bitte, das mußt du tun, denn du kannst deinen Betreuerinnen und den ehrw. Schwestern nicht genug danken.“

Ich habe mich dann tatsächlich für das ganze Leid dann auch noch bei allen bedankt. Ich habe immer getan, was meine Mutter sagte. Erwachsene wissen schließlich besser, was für Kinder gut ist, als die Kinder selbst. Aber ich muss trotzdem an vielen Stellen lächeln, wenn ich meine Kinderbriefe lese.

„Hier in Niendorf hat sich noch nichts geendert. Ich möchte aber so gern zu dir zurück. (…) Wenn ich zu Haus ankomme möchte ich zuerst zu meinen Kaninnchen. Dann teile ich meine Geschenke aus und esse dann eine Scheibe Rosbölf und Bratkartoffel. Am Freitag koche bitte Nudeln mit Marmelade und Apfelsaft dabei. Zum Nachtisch Annanas. Das sind meine Esswünsche.“

Ich frage mich, wie viele Briefe ich in der Unterhose aus dem Heim geschmuggelt habe. Es ist schon so lange her. Über fünfzig Jahre. Vielleicht kam auch einiges durch die Zensur, weil ich verschwieg, wie schlecht es mir wirklich ging? Die Briefe klingen nicht sonderlich gestresst. Oder doch?

Trauriger Seestern  (DigitalCreamCloud/pixabay)

Kranke Nächte

„Auß meiner Gruppe sind 8 krank. 2 im Krankenhaus und die anderen hier im Heim.“

In meiner Erinnerung erwischte es uns zweimal. Alle gleichzeitig. War es das Essen? Eklig genug war es ja. Die erste Durchfallnacht war der Horror. Wir krochen in besudelten Schlafanzügen durch den Schlafsaal, weil wir uns trotz des Elends nicht in den Flur wagten, zogen die schmutzigen Hosen aus, rollten sie zusammen und stopften sie in die Schränke, weinten, wussten nicht, was wir tun sollten. Warum kam die Nachtwache nicht nach uns sehen? Waren wir echt so leise? War es schon nach Mitternacht? Oder kam dann doch irgendwann jemand, und ich habe es nur vergessen? Ich erinnere die Zittrigkeit, den kalten Schweiß, dass wir immer zu zweit in den Waschraum liefen, als der Flur leer war, um die Sachen auszuwaschen. Aber jetzt waren sie leider klatschnass, das Wasser lief in den Schrank. Und immer noch nicht richtig sauber. Die guten Sachen! Am Morgen gab es erstaunlicherweise kein Donnerwetter, die Heimleute bekamen es wohl langsam mit der Angst zu tun.

„Hier regnet es immer. Ich muß meistens an den Betten von Kindern sitzen, denn die meisten sind hier krank. Schon die ganzen Wochen. Ich werde aber nicht angesteckt. 2 mal habe ich schon gebrochen. Vor Vorgestern und dafor.“

In der schlimmen Nacht ließ Frau Mahlzahn mich sogar ausnahmsweise raus in die Waschräume, weil sie begriff, dass ich mich jeden Moment übergeben musste und der Schwall auch sie hätte treffen können. Aber vielleicht bin ich auch in meiner Verzweiflung einfach so los gelaufen. Ich habe es nur ganz knapp geschafft. Mir war so hundeelend. Geholfen hat mir Frau Mahlzahn nicht. Ich stand klein und würgend vor den Becken, aus dem Spiegel starrte mein kalkweißes Gesicht zurück. Als es endlich vorbei war, trug ich alles mit zitternden Händen ins Klo, weil es das Waschbecken komplett verstopfte. Ich musste ziemlich oft hin und her laufen und weinte dabei. Frau Mahlzahn saß die ganze Zeit auf ihrem Stuhl. Sie sagte auch nichts, als ich zurück in den Schlafsaal schlich. Ich musste in dieser Nacht noch ein weiteres Mal in den Waschraum. Aber da war der Flur schon leer. Mein Bett blieb sauber. Ich habe übrigens keinerlei Erinnerung an die Gesichter dieser Heimfrauen. Ich würde Frau Mahlzahn bestimmt nicht wiedererkennen.

Letters home (BFL)

Der Waschraum

Ich weiß noch, welches Becken es war. Das erste links. Weiter kam ich damals nicht in meiner Not. Zum Klo war es viel zu weit.  Trost durch Erwachsene gab es nicht, doch wir trösteten uns gegenseitig. Wer ins Krankenhaus musste, erinnere ich nicht. Überhaupt liegt über den Krankheitstagen eine dunkle Waberglocke. Vielleicht schützt mich da mein sonst so zuverlässiges Gedächtnis? In den Briefen ist es jedenfalls nur kurz nebenbei erwähnt.

Mich wundert, dass diese Briefe meine Eltern überhaupt erreichten, dass sie all die Jahrzehnte überlebt haben. Aber vielleicht wäre es aufgefallen, wenn ich einen Tag nicht geschrieben hätte. Meine Mutter nummerierte die Briefe, und ich schrieb jeden Tag, wie ich es versprochen hatte. Meine Mutter auch. Ich hoffe inständig, dass sie mit ihren Kontrollanrufen die Heimleitung richtig übel genervt hat. Sie war eine frühe Helikoptermutter und stand sogar mit den Betreuerinnen in Kontakt. Ich habe Briefe von Fräulein M. in Mutters Aktenordner gefunden. Aus der Ferne versuchte sie die ganze Zeit, ihre schützende Hand über mich zu halten. Viel geholfen hat es nicht.

Starfish (Pedro Lastra/unsplash)

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