Das Kind braucht Luftveränderung (5) – Effi

Kleines Mädchen (Alexas_Fotos/pixabay)

Die folgenden Erinnerungen gehören meiner Freundin Effi, die als kleines Kind im Vorschulalter ganz allein „verschickt“ wurde. Danke, dass du sie für mich aufgeschrieben hast, liebe Effi. 

Erinnerungsflut – 1. Oktober 2019

Als ich Beates Beitrag über ihre Zeit an der Ostsee und Anja Röhls Sammlung von 250 Berichten ehemaliger Kurheim-Kinder aus den 50er-80er Jahren las, wurde ich regelrecht von Erinnerungen überflutet, denn auch ich war als kleines Kind 1969 – wegen dauernder Mandelentzündungen und Untergewicht – in den Schwarzwald verbannt worden. In ein „Kinderkurheim“ in Bonndorf.

Bettnässer

Nachts nicht pinkeln zu dürfen war besonders scheußlich. Bettnässer und Hosenscheißer mussten am nächsten Morgen so lange ungesäubert neben dem Bett warten, bis dieses frisch bezogen war, in einem Schlafsaal mit vielen Betten und Mädchen unterschiedlichen Alters. Die anderen durften ihr Bett erst verlassen, wenn alle nassen Betten wieder frisch waren, erst dann durften die gepeinigten Mädchen in den Waschraum und alle anderen aufs Klo. Ein Mädchen hatte das Pech, dass sich ihr Nachname auf Hose reimte. „D…. K…. macht in die Hose!“ war einer der Sätze, die mir bis heute tief im Gedächtnis sitzen, und ich erinnere mich an ein zartes Geschöpfchen mit weißblonden Haaren und dauer-rotgeränderten Augen.

Doch wir hatten nach einer gefühlten Ewigkeit das Glück, einem mutigen Jungen mit herausnehmbaren Glasauge zu begegnen, der nachts, wenn die wachhabenden Generäle Pause hatten, alle Schlafsäle abwanderte und die ganz Verzweifelten in kleinen Gruppen zur Toilette geleitete. Ich war zwar ein Angsthäschen, lag aber im Bett gleich an der Tür, und wenn ich nicht mitging, ging auch sonst niemand mit. Das hab ich schnell begriffen. Außerdem fand ich das Glasauge sehr faszinierend und durfte es sogar mal in der Hand halten.

Ich könnte jetzt endlos weiterschreiben…. Vom Sitzen im stockdunklen Kellerraum, weil ich weder Schleife binden noch Doppelschleifen öffnen konnte und der letzte vor mir einfach das Licht aus und die Tür zu machte, gefühlte Panikzeitalter, bis mich mal jemand vermisste oder zufällig entdeckte. Oder wie es sich anfühlte, als Allerletzte im Speisesaal zu hocken, um den verhassten Teller leer zu essen, bis die Übelkeit sich Bahn brach. Und dann das schreckliche Heimweh!

Doch den Wald, besonders den tief dunklen, hab ich geliebt … und das Fräulein für draußen! Das Gras so samtig weich, das Bächlein zum Drüberhüpfen und die quakenden Frösche.

Im Wald (PhotoGranary/pixabay)

Noch mehr Erinnerungen – 2. Oktober 2019

Den ganzen Tag über musste ich gestern an das Kinderkurheim in Bonndorf denken. Vieles ist und bleibt wohl verschüttet in meiner Erinnerung. Immerhin war ich erst sechs Jahre alt, das ist fünfzig Jahre her. Ich erinnere mich, dass ich ein Jahr länger im Kindergarten bleiben „durfte“, während die gleichaltrigen Kinder aus der Nachbarschaft alle eingeschult wurden. Dass da für mich eine Reise bevorstand, wusste ich nicht.

Die Zugfahrt

Ich erinnere mich, dass meine Mutter mich am Kölner Hauptbahnhof in ein Zugabteil setzte. Das waren noch die offenen Abteile mit 6 x 4 Sitzplätzen, jeweils zwei Bänke mit rotem Bezug in einer Nische. Ich erinnere mich, dass andere Kinder, alle etwa in meinem Alter, zustiegen, teils still, teils hopsten sie auf den Bänken herum. Ich hatte schon schreckliches Heimweh, bevor sich der Zug in Bewegung setzte. Es war nicht das erste Mal, dass ich über Wochen ohne Mama Zeit verbringen musste (immer bei Verwandten), da sie sich im Laufe meiner Kindheit mehreren OPs unterziehen musste. Doch selbst wenn das immer furchtbar für mich war und ich früher oder später vor Heimweh krank wurde, dies war das allererste Mal, dass ich diese Reise mutterseelenallein antreten musste, zu fremden Menschen, in eine unbekannte Gegend. Die anderen Kinder kannte ich ja nicht.

Ich erinnere mich an das Gefühl, vor Angst wie gelähmt zu sein. Ich konnte mich nicht bewegen, saß stocksteif und verkrampft auf meinem Platz am Fenster in Fahrtrichtung in der mittleren Nische zum Bahnsteig, konnte kaum atmen, sobald meine Mutter und die anderen Eltern das Abteil verlassen hatten. Ich erinnere mich vage am Rande meines Bewusstseins an eine Frau, die mit im Abteil saß, plötzlich da war und die Stimme erhob. Missmutig, streng und kaltstimmig sorgte sie für Ruhe und Benehmen.

Die Ankunft

Ich habe keinerlei Erinnerung an das Gebäude von außen, nur den Blickwinkel aus einem der unteren Fenster. Da war ein Obstbaum gegenüber, mit einem dunklen Lattenzaun. Auch Häuser und Schuppen oder Scheunen rechts und links. Und ein Weg oder eine Straße um den Obstbaum bzw. den Zaun herum, der weiter hinten am Ende der Gebäude auf Felder führte oder daran vorbei ins Uneinsehbare. Im Gebäude selbst erinnere mich nur an einige Räume in Verbindung mit unangenehmen Befindlichkeiten.

Der Schlafraum

So lag der Schlafraum wohl oben, weil an einer Seite Schräge war, mit einem Fenster. Auch ein Fenster zur Giebelseite war dort. Die Wände weiß und kahl, bis auf ein Kreuz über dem Eingang. Ob in dem Raum Schränke standen, weiß ich nicht mehr. Die Wand neben der Tür will mir nicht mehr ins Bewusstsein rücken.

Es standen drei Betten hintereinander an der Wand mit der Tür, meins ganz vorne. In der nächsten Reihe standen vier Betten hintereinander, daneben noch zwei Reihen. Die jüngeren Kinder in der Nähe der Tür, die älteren weiter davon weg. Von keinem Bett aus konnte man unbeobachtet Kontakt zu den „Nachbarn“ aufnehmen. Sie standen alle einzeln mit viel Platz drumherum. Ich erinnere mich nicht an Stühle oder Nachtschränkchen, nur an nackte weißbezogene Betten.

Eines der älteren Mädchen hatte Fotos an die Wand hinter ihrem Bett gepinnt. Die waren am nächsten Tag fort, und das Mädchen lachte nicht mehr.

Die Tür stand die ganze Nacht offen, ab und an polterte eine der Wachhabenden mit „Ruhe!“ herein, wobei ich jedes Mal höchst unsanft aus dem Halbschlaf gerissen wurde, zu Tode erschrocken. Vor lauter Angst … und oft genug Pipidrang …. konnte ich nur schwer einschlafen. Durch die Tür gelangte man in einen Flur mit knarrendem Holzboden. Man konnte also gar nicht mal eben schnell und heimlich aufs Klo. Die ersten, die es versucht hatten und die ich mitbekommen habe, wurden lauthals ausgeschimpft und unverrichteter Dinge (wörtlich zu nehmen) wieder ins Bett geschafft. Rechts war gleich die nächste Schlafraumtür, ebenfalls offen. Ich erinnere mich, dort nur im Dunkeln hineingeschaut zu haben, auf Betten in der gleichen Anordnung wie bei uns nebenan.

Daneben an der nächsten Wand die Toiletten, erst für Mädchen, dann für Jungs. Weiß gekachelte Räume mit  Toilettenboxen. Ich erinnere mich nicht, ob da Türen waren. Ich erinnere mich aber an eine schimpfende Frau direkt vor mir, halb über mir, weil ich nicht schnell genug mein Geschäft erledigte. Abends vor dem Schlafengehen wurden alle noch mal aufs Klo geschickt, damit nachts Ruhe herrschen sollte, in Schlangen bis in den Flur, zig Mädchen und nebenan zig Jungen. Alle im Schlafanzug oder Nachthemd, viele barfuß.

In meiner Erinnerung gibt es keine Gesichter von den Wachen, nur namenlose furchige Grimassen und entweder zugekniffene oder große offene und schreiende Münder.

Links von unserem Schlafsaal war noch ein kleiner Raum mit Betten drin. Die standen enger beieinander und um Schränke herum. Nachts war diese Tür geschlossen. Ich erinnere mich nicht, ob wir Mittagsschlaf gehalten haben, erinnere mich aber wohl, bei Tageslicht an dem Zimmer vorbeigekommen zu sein, da dort ältere Jugendliche im Bett saßen und Licht vom Fenster hereinfiel. Die Schlafräume durften nur zum Schlafen aufgesucht werden. Ansonsten war das Betreten verboten, zum Teil die Türen abgeschlossen.

Die gegenüberliegende Seite von dem Flur ist verschwommen. Irgendwo war die Treppe nach unten. Ich erinnere mich an ein paar wenige Stufen nach oben und eine Art Galerie mit gedrechseltem Geländer, von der weitere Türen abgingen. Die Wachen kamen von dort schimpfend angerannt. Wohl deshalb wollte ich dort niemals hin.

Die Waschräume

Irgendwo im Haus waren die Waschräume. Ich erinnere mich an weiße Kacheln und Reihen von Waschbecken. Kaltes Licht, Enge und Bedrängtsein, Lärm und Spritzwasser – und an Waschlappen. Die hatten die Eltern mir mitgegeben. In verschiedenen Farben mit Namenseinnäher. Drei hab ich noch heute. In einem sogar noch den Einnäher „N. EFFI MAURER“.

Ich erinnere mich, dass mir der Waschlappen unsanft durchs Gesicht gezogen wurde und über den ganzen Körper, bis die Haut überall brannte. Ich erinnere mich, es irgendwann allein gemacht zu haben, aber ich hatte immer Not, wohin mit meinen Sachen. Also zwischen die Beine geklemmt. Dabei war nackig ausziehen schon eine Tortur und eine Riesenüberwindung. Mir war kalt, alles war nass, und der Boden schwamm. Nirgendwo ein trockener Platz für meine Sachen. Das fand ich ganz furchtbar.

Kleines Mädchen im Wald (Free-Photos/pixabay)

Das Fräulein für draußen

Ich weiß noch, ich gehörte für Draußen-Aktivitäten einer Gruppe an von Kindern in unterschiedlichem Alter. Das Fräulein oder die Tante, deren Name mir nicht mehr einfällt, war sehr nett. Hilfsbereit, zuvorkommend, fröhlich und erklärreich. Sie war so ganz anders als die Wachen innerhalb des Heims. Man könnte sagen: leise.

Der Keller

Bevor wir raus gingen, mussten wir im Keller in einen kleinen Raum, wo die Jacken hingen und die Schuhe standen. Erst konnte ich noch keine Schleife binden. Das hat mir dann ein älteres Kind beigebracht, weil ich mir immer helfen lassen musste und immer die Letzte war. Ich war richtig stolz, als ich es konnte. Dann und wann musste ich andere Schuhe anziehen bis über die Knöchel, und man machte mir einen Knoten mit der Schleife, weil die Bändel sonst zu lang gewesen wären.

Bei der Rückkehr mussten wir natürlich wieder in den kleinen Keller, um Jacken und Draußenschuhe  auszuziehen, und ich erinnere mich, dass das letzte Kind vor mir das Licht ausmachte und die Türe schloss und mich zurückließ. Ich konnte den Knoten nicht lösen, wusste nicht wie, und schon gar nicht so schnell. Mutterseelenallein im Stockfinstern! Ich hatte fürchterliche Angst und traute mich nicht, mich zu bewegen, weg von der Bank mit den Jacken im Rücken. Die Tür war nicht weit weg, jedoch unerreichbar. Gefühlt hab ich stundenlang leise vor mich hin geweint, bis jemand kam und mich „rettete“. Mit Schimpfe natürlich, weil ich nicht pünktlich im Speisesaal war. Das kam ein paar Mal vor, bis mir offenbar jemand die Schuhe so band, dass ich sie wie Stiefel nutzen konnte, also rein- und rausschlupfen, mit Hilfe zwar, aber ohne mich mit den Bändeln zu beschäftigen. Das war – zumindest in dem Punkt – eine Riesenerleichterung.

Tief im Wald (cocoparisienne/pixabay)

Fortsetzung – 4. Oktober 2019

Suppe mit Schwabbel im Speisesaal

Ich erinnere mich bruchstückhaft an den Speisesaal. Mein Platz war etwa am Kopfende eines langen Tisches an der Wand. Die Wände halbhoch holzvertäfelt. Ein Fenster im Rücken mit tiefer Fensterbank, wo ich mich hätte komplett hineinsetzen können, wenn ich gedurft hätte.

Ich erinnere mich zu Anfang meiner Zeit in Bonndorf an ekelhafte Suppen, dicke grüne Brühen mit etwas Schwabbeligem drin, über die ich nicht hinauskam, während die anderen Kinder das Hauptgericht und das Dessert verspeisten. Das Dessert war am leckersten im Vergleich zu allem anderen. Während die anderen Kinder noch anwesend waren, schnürte sich mir die Kehle zu. Ich konnte nicht schlucken, nicht weinen, nicht weglaufen und mich nicht verstecken. Die anderen durften gehen nach dem Dessert, ich musste bleiben und die Suppe aufessen.  Ich erinnere mich, dass ich sehr alleine war, todunglücklich und dann leise in meinen Teller weinte. (Überhaupt habe ich nie laut geweint, da es meinen Vater zuhause immer sehr wütend machte, wenn ich weinte.)

Ich erinnere mich an eine junge Frau (zumindest aus der Perspektive einer Sechsjährigen), auf jeden Fall keine Wache, die ein paar Mal kam, sich zu mir setzte, ständig verstohlen hinter sich schaute, und mir gut zuredete, doch die Suppe zu essen. Einmal hatte sie sogar ein Dessert herbeigeschmuggelt als heimliche Belohnung für den geleerten Suppenteller. Leider wurde sie erwischt und böse ausgeschimpft. Danach kam sie nicht mehr, und ich war wieder allein … mit der Suppe. Ich erinnere mich noch, dass ich danach versucht habe, die ekelhafte dicke Brühe mit Schwabbel drin herunterzuwürgen, dass mir speiübel wurde und ich auf den Tisch gekotzt habe. Daraufhin bekam ich wortlos eine weitere Kelle von dem Zeug aus dem großen Topf, inzwischen kalt und noch ekelhafter.

Ich weiß nicht mehr, wie diese Tage endeten oder wie viele es waren. Aber ich weiß noch genau, dass bald darauf während des Essens eine große Veränderung vor sich ging. Die Jugendlichen saßen plötzlich zwischen uns Kindern, und wenn eines von uns etwas nicht mochte, wurden Portionen getauscht oder sogar die Teller, sobald die Wachen wegschauten. Voll oder halbvoll gegen leer. Daher weiß ich auch, dass das Dessert am besten geschmeckt hat.

Briefe und Besuch

Ich erinnere mich an Post von meiner Mutter aus dem Urlaub, von Tanten mit Onkels, von Oma und Opa. Eine dieser Postkarten habe ich lange aufgehoben, bis sie sich vor ein paar Jahren quasi aufgelöst hat. Es war eine Art 3D-Postkarte mit putzigen Tierchen, comic-haft, auf einer Wiese, und je nachdem, wie man auf die Karte schaute, erschien ein anderes Bild.

Ich erinnere mich farblos an einen Besuch meiner Großeltern in diesem Speisesaal, wie wir an einem kleineren Tisch nahe der Tür gesessen haben. Mein Opa vorne, einen Arm auf dem Tisch, mir zugewandt, erst erzählte er, dann redete er auf mich ein. Meine Oma daneben, mir fast gegenüber, mit übereinander geschlagenen Beinen, ein Arm vor der Brust, den anderen darauf gestützt, schaute sie mich an. Ich sehe in meiner Erinnerung für diese Sequenz keine Farben, nur Grautöne. Ich erinnere mich nicht, mit ihnen das Haus, diesen Raum verlassen zu haben. Auch erinnere ich mich nicht an ihre Worte. Ich erinnere mich nur, bitterlich geweint zu haben, nachdem ich so gehofft hatte, sie würden mir glauben, dass ich unbedingt dort weg musste, es nicht mehr aushielt vor Angst und Heimweh. Sie nahmen mich nicht mit, nicht fort aus diesem schrecklichen Haus. Und ich erinnere mich gut an dieses Gefühl der Lähmung, dass ich kaum atmen konnte.

Gerade jetzt beim Schreiben habe ich ohne Absicht diese Flachatmung, dass ich andauernd tief, tief seufzen muss. Meine Eltern und mindestens eine Tante haben mich wohl ebenfalls besucht. Daran habe ich jedoch absolut keine Erinnerung.

Ich erinnere mich, an anderen Tagen an demselben Tisch im Speisesaal gesessen zu haben, zum Malen und Basteln. Auch vage daran, dass Post an zuhause verfasst wurde. Keine Ahnung, was darin stand. Ich erinnere mich nur, in möglichst großen ungelenken Buchstaben meinen Namen draufgemalt zu haben. Richtig schreiben konnte ich damals noch gar nicht.

Fliegenpilz im Wald (tuptus1703/pixabay)

Der Wald und die Pilze

An Ausflüge in die Gegend erinnere ich mich nicht, nur an die Schwarzwaldhüte mit den großen roten Bommeln drauf. Und an den für mich einzig guten und sicheren Ort in diesen gefühlt endlosen Wochen voller Angst: den Wald. Wir gingen öfter an dieselbe Stelle. Erst eine Wiese mit einzelnen hellen Blumen drauf, dann die Bäume. Am Anfang vereinzelt, dann dichter. Wir mussten uns an den Händen halten und gegenseitig stützen, da dort kein Weg hineinführte. Das Fräulein hat viel erzählt über das, was wir sahen. Bäume, Boden, Wurzeln, Pilze. Auch sollten wir dies und das befühlen. Und lauschen. Auf den Wind, die Vögel, das Knacken weiter hinten durch. Ja, Pilze! Ich erinnere mich gerade vor allem an Fliegenpilze!

Nicht weit vor uns floss ein schmales Bächlein mitten durch den Wald. Nicht tief und sogar für mich überhüpfbar. Wenn ich ganz leise war, konnte ich es gurgeln und murmeln hören. Unweit davon zeigte uns das Fräulein Polster von weichem Gras. So samtig, so friedlich. Ich weiß noch, dass wir eine Zeitlang spielen durften dort am Bach in Sichtweite zur Wiese. Ich weiß auch noch, dass ich mich auf die dicht gewachsenen und duftenden Graspolster unter den Bäumen hingelegt habe, dem Wald lauschte und eingeschlafen bin. Friedlich und entspannt. Bis man meinen Namen rief, mich suchte und fand. Dort hätte ich ewig lieben bleiben mögen. Der Wald war mein Freund, das Gras mein Himmelbett.

Nachtrag – 6.Oktober 2019

Das Album

Habe eben das Erinnerungsheftchen vom Kuraufenthalt in Bonndorf wiedergefunden. Es steckte im Album mit ersten Fotos von mir als Neugeborene bis zum Alter von etwa 10 Jahren, das meine Mutter für mich angelegt hatte. Auf dem Gruppenfoto bin ich die Kleine ganz rechts obenauf. Unter dem Foto steht als Text:

„Erinnerung an die Kur vom 1.10. – 3.11.1969 im Schwarzwald Kinderheim „Johnen“ mit Tante Renate“. Ach, Tante Renate hieß das Fräulein …

An die Betten erinnere ich mich vage, an die Schränke nicht. Auch nicht, ob und welches Stofftier oder Sonstiges ich dabei gehabt haben könnte.

Der Abstecher

Etwa 25 Jahre später auf dem Weg in einen Urlaub jenseits der Alpen habe ich einen kurzen Abstecher nach Bonndorf gemacht. Ich wollte das. Wir hatten nicht viel Zeit, und ich habe das Kurhaus auch gar nicht gefunden, geschweige denn mich vorher schlau gemacht, wo genau es stand. Aber das Gefühl der Beklemmung war allgegenwärtig, sobald wir das Ortsschild passierten. Noch heute muss ich tief seufzen, wenn ich nur den Ortsnamen Bonndorf höre oder lese oder durch irgendeinen Auslöser an die Zeit als Kind dort erinnert werde.

(Effi Knoch)

Ein Bächlein zum Drüberspringen für Effi (DarkWorkX/pixabay)

 

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47 Antworten zu Das Kind braucht Luftveränderung (5) – Effi

  1. Claudia Brandt sagt:

    Liebe Effi!
    Heute habe ich von dem Aufdecken all dieser schrecklichen Kinderkurgeschichten erfahren. Und bin auf deinen Bericht gestoßen. Ich war auch im Kinderheim Johnen in Bonndorf, ich glaube, 1972 oder 1973.
    Die traumatisierenden Erfahrungen dort haben sich durch mein ganzes bisheriges Leben gezogen. Diesen Zusammenhang aber ich erst in einer ganz anderen Situation in einer Therapie herausbekommen und zum Teil bearbeiten können. Es trifft mich jetzt Vieles, und es ist total aufwühlend. Vielleicht kann ich zu einem anderen Zeitpunkt mehr schreiben.

    • Bee sagt:

      Liebe Claudia,

      ganz herzlichen Dank für deinen Beitrag. Ich werde ihn an Effi weiterleiten, sie wird sich dann sicher mit dir in Verbindung setzen.Es tut auch nach der langen Zeit noch gut, von Menschen, die Ähnliches erlebt haben, Zuspruch zu bekommen.

      Liebe Grüße
      Beate

    • Effi Knoch sagt:

      Liebe Claudia,
      danke für deine Worte! Da hätte ich ehrlich nicht mit gerechnet, dass sich jemand meldet mit ähnlichen Erfahrungen aus genau demselben Kinderheim.
      Ich kann sehr gut mit dir fühlen, wie intensiv und leider auch nachhaltig diese paar Wochen in unser weiteres Leben gegriffen haben. Jahrzehntelang hatte ich angenommen, ich sei allein mit diesen miesen Erfahrungen. Hatte es meiner außergewöhnlich ausgeprägten Gefühlswelt zugeschrieben, dass ich es erlebt und wie ich es erlebt habe. Vieles an Erinnerungen war immer präsent, anderes ist mir erst beim Aufschreiben wieder eingefallen … und ich hab Rotz und Wasser geheult. Guten Rotz und gutes Wasser, denn ich habe dadurch ein paar weitere Erkenntnisse gewonnen für Eigenheiten, Ängste und Abneigungen, von denen ich nicht wusste, wo sie hergekommen sind. Das war richtig unheimlich, aber auch un-heimlich befreiend.
      Wenn du irgendwann drüber reden oder schreiben willst, melde dich bitte über Beate bei mir. Ich bin sehr an einem Austausch interessiert.

      • Bee sagt:

        Danke für deine Antwort, liebe Effi. Ganz liebe Grüße!

      • Claudia Brandt sagt:

        Liebe Effi,
        ich würde mich sehr – auch nach inzwischen langer Zeit – über einen persönlichen Austausch freuen. Vielleicht kann Beate dir meine email geben oder mir deine senden oder deine Telefonnummer. Würde mich sehr gerne melden.
        Liebe Grüße
        Claudia

        • Bee sagt:

          Liebe Claudia,

          danke für deine Nachrichten, ich sage Effi gern Bescheid.

          Liebe Grüße
          Beate

          • Claudia Brandt sagt:

            Liebe Bee!
            Danke, wenn du es weitergibst. Ich habe auch gesehen, dass Effi und ich der gleiche Jahrgang sind. Außerdem habe ich zwei Fotos aus meiner Kurzeit. Aber die kann ich hier nicht posten, oder?
            Liebe Grüße
            Claudia

          • Bee sagt:

            Vielen Dank, liebe Claudia. Du kannst mir die Bilder gern schicken, wenn du magst. Herzliche Grüße aus Köln!

  2. Reinhard Wagner sagt:

    Liebe Effi,

    ich habe Deine Beschreibung gelesen und sofort die Personen wiedererkannt, das Essen wiedererkannt, den Speisesaal, das Haus. Die fehlenden Erinnerungen an Details. Ich war mit fünf Jahren in der Vorweihnachtszeit 1968 im Johnen, Dunklheit, Kälte – und bei uns kamen keine Jugendlichen, um uns zu retten. Es war ein Horror.
    Als ich dann unten gelesen habe „Johnen“ – ja.
    Fühle Dich umarmt. Wenn Du Kontakt aufnehmen willst, Beate hat ja meine Mailadresse. Dass Du das Heim nicht mehr gefunden hast: Es wurde in den 80ern als Asylbewerberheim verwendet (mein Mitgefühl!) und dann abgerissen. Da steht jetzt ein Lidl drauf.

    • Bee sagt:

      Lieber Reinhard Wagner,

      ganz herzlichen Dank für den Kommentar zu Effis Geschichte. Effi wird sich sicher melden.

      Viele Grüße aus Köln,
      Beate

    • Monique sagt:

      Hallo Reinhard,
      ich bin derzeit auch auf der Suche nach dem Heim, wo ich die schrecklichsten 6 Wochen und 2 Tage in meinem Leben verbringen durfte. Die Beschreibung von Effi passt, allerdings sehe ich, dass das Haus Johnen eine Adresse hat (Verschickungsheime.de) und wohl auch existiert. Der Lidl in Bonndorf liegt doch ganz woanders. Kannst du das etwas näher erklären?
      Viele Gruesse

      • Reinhard Wagner sagt:

        Ich war gestern in Bonndorf und habe Spurensuche betrieben. Die Adresse auf Verschickungsheim.de ist falsch. Die richtige Adresse lag an der Waldallee. Und das Haus stand tatsächlich dort, wo jetzt der Lidl-Parkplatz ist. 50 Meter unterhalb des Bahnhofs. Die Treppe gibt’s noch, die man vom Bahnhof zum Heim runterklettern musste. Im „Garten“ des Heims stehen jetzt das Feuerwehrhaus und drei Einfamilienhäuser. Eines davon gehörte dem alten Johnen, der aber die Errichtung seiner Hütte nur um zwei Jahre überlebt hat. Sein Sohn ist angeblich auch vor zwei Jahren gestorben. In dem Haus wohnt jetzt kein Johnen mehr. (Geile Hütte mit Blick auf Lidl-Parkplatz und Supermarkt.)

      • Reinhard Wagner sagt:

        Ich habe jetzt alles noch mal gegengecheckt. Mit einem Luftbild von 1968. Tatsache ist, das Heim stand NICHT auf dem Lidl-Parkplatz, sondern unter dem Feuerwehrgerätehaus, das direkt neben dem Lidl steht. Gegenüber der Fahrschule Weißenberger.

  3. Ricarda M. sagt:

    Liebe Claudia, liebe Effi,

    ich bin Historikerin und beschäftige mich im Moment mit dem Thema der Heimerziehung, Säuglingsheimen und Kinderkurheimen. Mit Bonndorf bin ich deshalb verbunden, da ich hier aufgewachsen bin.
    Es macht mich zutiefst betroffen, welche Erfahrungen Sie in Ihrer Kindheit dort machen mussten. Für meine wissenschaftliche Arbeit wäre ich sehr daran interessiert, mehr darüber zu erfahren. Deshalb würde ich mich sehr freuen, wenn Sie sich noch eingehender mit mir austauschen möchten.

    Über eine Antwort freue ich mich sehr!
    Ricarda

    • Bee sagt:

      Liebe Ricarda,

      danke für deine Nachricht. Ja, es waren schreckliche Erfahrungen damals. Vor einigen Tagen hat mir eine gleichaltrige Frau noch gesagt, dass ihre „Kur“ als Kind die schlimmsten sechs Wochen ihres Lebens gewesen seien. Ich gebe deine Nachricht gern an Effi weiter.

      Liebe Grüße
      Beate

    • Claudia Brandt sagt:

      Liebe Ricarda!
      Ich habe anscheinend 2019 nicht angegeben, dass ich über Antworten per Mail informiert werden möchte und bin anscheinend damals nicht mehr auf diese Seite gegangen. Das bedauere ich total und kann es mir auch kaum erklären. Ich war so überwältigt von allem und wohl erstmal an allen möglichen Stellen auf der Suche. Und gestern Abend wieder. Da stieß ich dann auf all diese Nachrichten und bin betroffen-froh, auf diesem Weg von mehr Menschen zu lesen, die ebenfalls in dem Heim waren. Gerne können wir uns mehr austauschen. Mich würde natürlich auch einiges dazu interessieren.

      Liebe Effi,
      wie geht es Ihnen damit – oder haben Sie beide bereits näheren Kontakt miteinander?

      Ich würde mich so freuen, von Ihnen zu hören/lesen!!!!

      Liebe Grüße
      Claudia

  4. Sabine Löhr sagt:

    Liebe Effi, habe soeben im Fernsehen einen Beitrag über Verschickungskinder gesehen und erst nach und nach realisiert, dass ich ja auch eines bin. Und dann recherchiert und deinen Beitrag gefunden. Ich war Ostern 1971 mit 8 Jahren im Haus Johnen in Bonndorf. Und vieles von dem was du und die anderen beschreiben, erkenne ich wieder. Ich hatte einen Ordner aus der Zeit in Bonndorf, habe ihn schon verzweifelt gesucht, finde ihn aber nicht. Womöglich weggeschmissen, um einen Schlussstrich zu ziehen…? Funktioniert nicht. Bin gerade sehr aufgewühlt und werde mich weiter damit beschäftigen.
    Danke für deine Erinnerungen!
    Sabine

    • Bee sagt:

      Liebe Sabine,

      danke für deinen Kommentar, ich werde ihn an Effi weiterleiten, sie wird sich bestimmt bei dir melden.

      Herzliche Grüße
      Beate

    • Marion Wimmer sagt:

      Ich war auch in Bonndorf, weiß aber leider nicht mehr wann genau. Alles was ihr schreibt ist mir auch in Erinnerung. Bei mir hießen die „Erzieherinnen“ Marion und Lydia. Was mir auch in Erinnerung ist: das Schwimmen im Bad mit dem anschließenden Ausziehen und nackig den Vordermann auf der Schulter packen und der Bademeister drehte die Duschen kalt und warm, den Blick dabei werde ich nie vergessen. Ich habe als Kind nur gefühlt, dass es nicht richtig ist. Hat jemand auch diese Erinnerung? Es war eine schlimme Zeit, und ich glaube auch, das wird man nie vergessen. Ich kann mich noch an eine Freundin erinnern, Gabi aus Rheidt Mönchengladbach.

  5. Karin rosenthal sagt:

    Schmutziges Geschirr und Fettränder auf den Tellern. Essen, das man kaum runter bekam. Aber man durfte erst aufstehen, wenn man alles gegessen hatte. Reihenweise erbrachen sich die Kinder. Dann wurden wir angeschriehen, dass wir wieder heimlich Wasser aus der Leitung getrunken hätten, daher käme das. Zu Beginn wurden uns die Süssigkeiten (für uns ein Schatz, weil wir sowas nur selten bekamen) weggenommen. Sie sollten so verteilt werden, dass jedes Kurkind im Heim das gleiche bekäme. Das war auch so. Jedes kind bekam nichts. Ausser der Tochter der Heimleitung. Die zeigte uns zwischendurch genüsslich, wie
    ihr unsere Süssigkeiten schmeckten. Die Schläge, wenn man sich im Bett noch gerührt hat. Der schreiende und hauende Drache „Frau Isele“ war unser „Wärter“. Gefühlte Stunden in Unterwäsche auf kalter Steintreppe sitzen, zur Strafe, und dann ins Bett müssen, wenn alle andern raus durften. Wir haben uns auch nicht getraut zu weinen. Der Spaziergang der Kleinen ging meist leider nicht in den Wald, und auch bei uns gab es eine Begleitung, die war aber sehr streng. Einmal durfte ich eine Wanderung mit den Jugendlichen mitmachen. (Ich war damals 7) Das war toll, und alle Betreuer waren nett. Meine Geschwister und ich waren im Sommer 70 dort. Auch uns hat der Aufenthalt traumatisiert. Wir hatten aber zumindest uns, auch wenn man dafür sorgte, dass wir nicht ständig in Kontakt waren. Heimlich Marienkäfer sammeln und Puppen aus Taschentüchern basteln, die man ins Bett schmuggeln konnte, um damit zu spielen, das waren unsere Highlights. Wir kommen aus einem sehr strengen Elternhaus, und psychische und physische Gewalt gegen Kinder haben meine Eltern als reguläre Erziehungsmethode angewendet. Aber Bonndorf war gruselig, gefühlt die längsten 6 Wochen meines Lebens, und es holt uns heute noch gelegentlich ein. Deine Erinnerungen, liebe Effi, habe ich gefunden, weil ich heute, nach so langer Zeit, „Kinderkurheim Bonndorf“ gegoogelt habe. Allen, die dort eine Weile verbringen mussten, mein tiefes Mitgefühl.

    • Bee sagt:

      Liebe Karin,

      danke für deinen Kommentar. Traurige Erfahrungen….. aber ich freue mich, dass sich hier bei mir auf der Seite einige der ehemaligen Kurkinder nach all der Zeit zumindest virtuell treffen können. Liebe Grüße!

  6. Simone Schreiber sagt:

    Hallo,
    ich war auch in diesem Heim 1968/69 kann mich auch an vieles nicht mehr erinnern, aber an die weinenden Kinder, die im Flur saßen, und ihr Essen essen sollten, du hast Recht, wie du einiges beschrieben hast, ich hatte so großes Heimweh, so viele schlimme Erinnerungen.
    Bei mir war ein Zwillingspärchen, die hatten sich ihre Fingerkuppen blutig gebissen vor Heimweh es wurde nichts unternommen,
    Simone

  7. VolkerR sagt:

    Liebe Beate,
    vielen Dank für deine sehr persönlichen und ausführlichen Schilderungen deiner schlimmen Erfahrungen während deiner Bonndorfer „Kinderkur“.
    Ich selbst habe auch eine solche Vergangenheit und war in einem anderen Heim in Bonndorf (Haus Waldfriede). Leider habe ich kaum konkrete Erinnerungen an diese Episode meines Lebens. Umso mehr hilft es mir, die Schilderungen von Leidensgenossen zu lesen und mich dadurch in die Zeit zurück zu versetzen. Vielleicht gelingt es mir dadurch etwas mehr Licht ins dunkel zu bringen oder aber die Vergangenheit zu akzeptieren.
    Jedenfalls kann ich die Gefühle, die du da schilderst, sehr gut nachvollziehen.
    Volker

    • Bee sagt:

      Lieber Volker,

      danke für deine Nachricht. Es handelt sich allerdings nicht um meine eigenen Erfahrungen, sondern um die meiner Freundin Effi. Ich selbst war in Niendorf an der Ostsee und habe in mehreren anderen Beiträgen hier auf der Homepage darüber geschrieben.

      Viele Grüße
      Beate

  8. Norbert Annies sagt:

    Ich bin auch Betroffener, allerdings könnte es bei mir auch Haus Waldfriede sein. Ich kann mich erinnern, dass man, wenn man aus dem Fenster geschaut hat, auf Tannen geblickt hat. Es gab jede Menge Eichhörnchen.
    Ich war damals 5 Jahre alt. Mein Bruder und meine Schwester waren ebenfalls dort. Sie konnte als einzge schreiben. Ich bin der Jüngste von uns. Wir wurden auch in Köln in den Zug gesetzt und dann ging es los. Es war ein unglaublich böses Erlebnis. Briefe, die meine Schwester geschrieben hat, wurden abgefangen und bei Nichtgefallen entsorgt. Auch wir mussten alle Süßigkeiten abgeben und auch alle Kulturgüter wie Seife und Zahnpasta. Die Koffer wurden dann im Flur in Hochschränken verstaut, an die wir nicht drankamen. Ich war zur Osterzeit 1971 in Bonndorf. Es lag noch ganz viel Schnee. Wir bekamen aber nicht die passende Winterkleidung und somit war ich ganz oft mit Fieber im Bett. Die Aufpasser schürten gegenseitige Feindschaft unter den Kindern. Man mußte immer auf seine Suppe aufpassen, sonst hatte jemand da rein gespuckt. Einmal in der Woche ging es auf die hauseigene Kegelbahn. Das war das Highlight …
    Für mich war es eine sehr grausame Zeit!!

  9. Angelika Wunsch sagt:

    1966/67 Ich war Praktikantin für das Anerkennungsjahr zur Kinderpflegerin im Kinderheim Johnen. Der älteste Junge war 15Jahre. Mit meinen damals 16 Jahren war ich völlig überfordert mit der Situation im Heim. Ich erinnere mich an viele schreckliche Massnahmen durch Frau Hohnen. Sie hat das wöchentliche Wiegen übernommen und streng überwacht. Wer nicht zugenommen hatte, wurde von ihr gefüttert und Erbrochenes musste aufgegessen werden. Beim Lesen der Berichte ist mir die grausame “ Pädagogik“ wieder sehr vor Augen geführt worden.

  10. Karl-Peter Kunz sagt:

    Hallo Effi,
    danke für Deine Erinnerungen und Deinen Bericht zum Haus Johnen; durch den Namen bin ich darauf gekommen, dass auch ich in diesem Heim in den 60er Jahren war. Erinnerungen sind das Fräulein Renate (ganz genau weiß ich das nicht). Zumindest war diese Frau sehr freundlich und hat mich tanzen gelehrt; mit Ihr waren wir immer draussen. Im Heim selber hatte ich nur Heimweh und lag heulend im Bett (zur Beruhigung habe ich immer ein Lied für mich gesungen; Arrivederci Hans, von Rita Pavone; Hans hieß mein Vater).
    Essen habe ich oft verweigert und wurde weggesetzt- mit Kommentaren wie wenn du so weitermachts wirst du mal im Gefängnis landen; da waren auch andere Jungs mit dabei.Päckchen an die Kinder durften keine versendet werden; manche Eltern habe das aber trotzdem gemacht – gut so (immer wehren). Als ich das meinen Eltern sagte, bekam ich auch eines.
    An andere Schwestern kann mich nicht erinnern. Was blieb ist die im Spiegel beschriebene Abneigung gegen Autoritäten und ein bitteres Gefühl gegen Ungerechtigkeit – vielleicht auch andere Gewohnheiten die ich noch nicht näher beschreiben kann.
    Danke und liebe Grüße
    Peter

    • Effi Knoch sagt:

      Hallo Karl-Peter, ja das Fräulein Renate war der einzige menschliche Lichtblick damals von Seiten der Aufsicht weit und breit. Im Nachhinein vermute ich, da sie offenbar nur für die Draußen-Betreuung eingesetzt war und nicht ständig beobachtet wurde, dass sie sich daher einige mehr wohltuende Aktivitäten für und mit uns Kindern erlauben konnte.
      Ansonsten hätten mich Angst und Heimweh wohl verschlungen.

  11. Petra sagt:

    Hallo Effi,
    ich habe eine vage Erinnerung an Bonndorf, es muss 1967 oder 1967 gewesen sein, dass ich dort war. Ich weiss nur noch, dass ich mich in irgendeinem Schrank versteckt habe, weil ich Angst hatte, leider weiß ich nicht mehr, wovor ich Angst hatte. Ich habe mich dann so krank gestellt, dass ich in ein Krankenhaus kam, und dann mussten mich meine Eltern abholen. Ich habe soviel geweint und ich war am Ende noch dünner, dabei sollte ich doch zunehmen. Ich merke auch heute noch, dass mein Herzschlag schneller geht, wenn ich daran denke, dabei sind es so wenige Erinnerungen, doch ich glaube bei vielen Kindern ist es irgendwo im Gehirn verpackt, wahrscheinlich zum Selbstschutz.
    Ich kann es nicht verstehen, warum waren die Menschen so grausam?

    • Bee sagt:

      Hallo Petra,
      danke für deine Erinnerungen. Ich werde sie an Effi weiterleiten. Mir geht es ganz ähnlich, wenn ich an die Zeit denke, mein Herz schlägt gleich schneller….
      Liebe Grüße, Bee

  12. Reinhold sagt:

    Du meine Güte, da habe ich aber Glück gehabt. Als Kind war ich ein Luftikus, und um etwas zuzunehmen kam ich ins Kinderheim Isele. Das muss irgendwann so um 1966 gewesen sein. Da war zwar auch nicht alles Honigschlecken, aber immerhin quälte man mich höchstens mit Haferschleimsuppe. Die musste so lange gegessen werden, bis sie die Ohren rauslief – fast. Das Personal war zwar unterschiedlich, aber ein Fräulein war besonders nett zu uns. Bei einer Wanderung durch die Wutachschlucht überredete ich sie, uns in der kalten Wutach baden zu lassen. Natürlich hatte ich am Folgetag eine Erkältung. Aufs Klo durften wir, im Flur gab es sogar ein Nachtlicht. Ein Mädchen wurde fast immer eingesperrt, sie war …etwas eigen, konnte das damals nicht verstehen. Leider sind meine Erinnerung auf wenige Ereignisse zusammengeschrumpft. Es hätte mich interessiert, was aus den anderen Kindern geworden ist. Aber mir fällt kein einziger Name mehr ein. Und ja: in 6 Wochen habe ich tatsächlich zugenommen: etwa 1 Kilo.
    Zwischenzeitlich bin ich schon oft durch Bonndorf durchgefahren, aber das Kinderheim habe ich nicht mehr gefunden.
    Es ist schade, dass andere Kinder so viele schlechte Erlebnisse hatten.
    Das Suchen nach Bergkristall in der Wutachschlucht, das rumtoben im Wald, in dem viele vom Sturm umgeworfene Bäume lagen, das erste Mal die Alpen sehen, dass ich den Spitznamen Mecki bekam, wegen dem Igelhaarschnitt… einige schöne Erinnerungen sind geblieben. Und das mich meine Eltern 1 oder 2 Tage vor der Entlassung abholen kamen und wir noch eine schöne Tour durch den Schwarzwald machten, der mich auch heute magisch anzieht.

    • Bee sagt:

      Lieber Reinhold,

      danke für Ihre Erinnerungen. Es ist gut, dass es auch weniger traurige gibt. Meine Schwester war zwei mal in „Kur“ und hat überhaupt keine schlimmen Erlebnisse gehabt.

      Herzliche Sommergrüße
      Beate Felten-Leidel

  13. Jürgen Heudorfer sagt:

    Dank der vielen Kommentare zu KH Johnen kann ich bestimmte eigene Erlebnisse dort einordnen (Winter 65/66) und sogar bestimmte unangenehme Geruchserinnerungen an das Essen oder den Schlafsaal wieder aktivieren
    Es herrschte eine wenig freudvolle Atmosphäre, da viele der Mit-Insassen deutlich litten unter der Situation (Heimweh, wenig freies Spielen etc.) und dies durch Bettnässen, Essensaversion Ausdruck fand.
    Ich habe noch einige Fotos, die könnte ich hochladen wenn erwünscht.

    • Bee sagt:

      Lieber Herr Heudorfer,

      vielen Dank für Ihren Kommentar, der irgendwie auf meinem Computer „vergessen“ worden ist und deshalb erst heute freigeschaltet wird. Ja, das mit den Geruchserinnerungen kenne ich auch sehr gut. Kinderkaffee und Sonnencreme, Meer- und Schlafsaal-Gerüche sind mir bis heute total präsent. Wenn ich über die Zeit schreibe, benutze ich meine Gerüche oft als „Trigger“, denn sie versetzen mich gleich in die damalige Situation. Ich könnte mir vorstellen, dass Effi sich über einen Kontakt mit Ihnen und Fotos freut, ich werde sie gleich darauf aufmerksam machen, dass Sie geschrieben haben. Bitte verzeihen Sie meine späte Antwort….
      Vielen Dank und noch einen schönen Sommerabend

      Beate Felten-Leidel

  14. Christian L. sagt:

    Hallo Frau Felten-Leiden,
    Danke für ihren guten und ausführlichen Bericht.
    Heute war zu diesem Thema ein Bericht in der Badischen Zeitung, „Allein im Heim.“ (von Mechthild Blum).

    Meine Schwester Jg.67 und und ich Jg.68 waren beide in Bonndorf. Es muss 1971 oder 1972 gewesen sein. Leider weiß ich nicht, in welcher Einrichtung wir dort waren. Noch heute erzählt meine Schwester, die 1,5 Jahre älter ist als ich, dass sie in manchen Nächten, in denen ich ins Bettchen gepinkelt habe, meines neu beziehen und ihres mit meinem tauschen musste und das wir sehr oft vor Heimweh geweint haben. Beim nächsten Treffen mit meiner Schwester, werde ich das Thema Bonndorf ansprechen, weil ich glaube, dass es da noch Aufarbeitungsbedarf gibt. Viele Grüße Christian

    • Bee sagt:

      Hallo Christian,
      danke für Ihre Nachricht. Das klingt ja schlimm. Man fragt sich wirklich immer wieder, warum Kindern so etwas angetan wurde.
      Herzliche Grüße, Beate

  15. Bernd H. R. sagt:

    Habe gerade diese Seite entdeckt – ich war Anfang der 70er Jahre in Bonndorf. Die bruchstückhaften Erinnerungen sind: Milchreis, Haferflockensuppe, Mittags auf dem großen Dachboden gemeinsam mit den anderen Kindern 2 Stunden lang in Liegestühlen ausruhen (wir sollten ja „dicker“ werden) – und nicht auf die Toilette gehen zu dürfen während dieser Ruhezeit. Hinter dem „Kinderheim“ – für mich war es aus heutiger Sicht eher ein Straflager – war ein Spielplatz – rennen war verboten. Ich kann mich noch an einen gemeinsamen Spaziergang auf einem Waldweg erinnern – langsam gehen – wiederum nicht rennen – (wir sollten ja Gewicht zulegen). In dem Speisezimmer war die Wand mit dunkelbraunem Holz bis zur Fensterbankhöhe verkleidet. Davor so etwas wie eine Eckbank, Tische und Stühle. Milchreis, Milchreis, Haferflockensuppe, Haferflockensuppe. Das ist das „Essen“ an das ich mich erinnern kann. Ich bin mittlerweile 61 Jahre alt und habe nie wieder Milchreis mit Zimt gegessen – Zimt kann ich heute noch nicht riechen. Das beste woran ich mich erinnern kann – ich bekam die Windpocken und lag mit zwei anderen Kinder in einem seperaten Zimmer während der Zeit. Wir hatten zumindest unsere Ruhe und brauchten den ganzen Mist wie morgens aufstehen, Mittags ausruhen und Abends ins Bett gehen nicht mitmachen. (In der Erinnerung war das alles mit Straflager und Exerzieren verbunden). Woran ich mich mit Grauen erinnere: Als ich mit dem Zug Zuhause am Bahnhof ankam, ausstieg – und meine Oma mir in die Wange kniff um zu fühlen ob ich zugenommen hatte – und es am nächsten Tag (es war Samstag – das hat sich in mein Gehirn festgebrannt) zu Mittag Haferflockensuppe gab. Ich bin in Tränen ausgebrochen!
    Mir fällt beim Schreiben ein – es gab in der „Kur“ noch Milchsuppe – Vanillepudding, nur eben als Suppe. Diese „Gerichte“ habe ich nie wieder gegessen und werde es hoffentlich auch niemals mehr tun müssen.
    Während ich eben diese vielfältigen Zeilen anderer Betroffener gelesen habe und während ich schreibe – ich schwitze wie verrückt, und trotzdem läuft es mir kalt über den Rücken und ich habe Gänsehaut.
    Und dabei ist das ist doch schon so lange her – aber die Erinnerungen kommen eben zurück – wie eine Schublade die man öffnet und längst verschollene Dinge darin entdeckt.

    • Bee sagt:

      Danke für diesen sehr persönlichen Beitrag. Mir geht es mit einigen Lebensmitteln ganz ähnlich. Sülze kann ich nicht mal sehen, ohne zu schaudern. Und wie Erwachsene auf die Idee kommen, Kindern einen großen Teller Schokoladenpudding- oder Vanillepuddingsuppe vorzusetzen, ist mir wirklich schleierhaft. In kleinen Mengen kann das durchaus lecker sein, aber ein randvoller Teller, der aufgegessen werden muss? Schrecklich. Mir wird immer noch schlecht, wenn ich daran denke. Auch wie die Kuchenreste vom Vortag „entsorgt“ bzw. „wiederverwertet“ wurden. Nußeckenstücke in der Suppe! Es war schauderhaft.
      Viele Grüße und schöne Weihnachten, Bee

  16. Effi Knoch sagt:

    Ihr Lieben,
    trotz all der mehr oder weniger hässlichen Erinnerungen und ihren teils massiven Folgen, die uns aus der Zeit im Kinderkurheim in Bonndorf (außer dem Haus Johnen gab es wohl drei weitere allein in diesem Ort) geblieben sind, wünsche ich euch/Ihnen frohestmögliche Rest-Weihnachten!

    Gerüche und Geschmäcker … da war doch noch was!

    Ich erinnere mich, dass ich als kleines Mädchen vor der Kinderkur oft mit meinen Großeltern auf dem Land war bei Verwandten. Wenn dort geschlachtet wurde, gab es Wellfleischsuppe. Die habe ich geliebt! Nach der Kur konnte ich sie nicht mehr essen, ohne dass mir spei-übel wurde und die Luft wegblieb. Alles, was in mir Assoziationen an die undefinierbaren konsistenzlosen „Schwabbel“ in diversen Suppen heraufbeschwor, hab ich nicht mehr schlucken können. Noch heute muss ich erst wissen, was da „schwimmt“, bevor ich jedwede Speise entspannt genießen kann.

    Dagegen ist mir der Duft des tiefen dichten Waldes noch heute eine wahre Wohltat. Zugegeben, duftet der Wald in meiner jetzigen Nähe ganz anders als der Schwarzwald bei Bonndorf mit seinem Bächlein und dem waldbodenwarmen Gras, das mich damals so unsagbar heimelig umfangen hat. Dennoch, wenn ich heutzutage tief draußen bin, abseits der Wege, ohne eine Menschenseele sicht- und hörbar, fühle ich mich für eine Weile genauso geborgen und frei von äußeren Zwängen. Dann huscht ein Hauch dieses altbekannten Duftes an meinem Näschen vorbei und der Eindruck wird übermächtig, ich sei wieder sechs Jahre alt und könne an diesem einzigen Ort weit und breit endlich atmen.

    Darüber hinaus möchte ich noch loswerden:

    Als ich vor zwei Jahren meine Erinnerungen niedergeschrieben habe, habe ich nicht mit soviel Resonanz gerechnet. So bin ich inzwischen angenehm überrascht und dankbar für euer aller Zurückdenken und Zurückfühlen, wenn es auch für den/die ein oder andere/n sicher nicht einfach war und ist, sich mit dem für fast alle Betroffenen großen düsteren Damals auseinander zu setzen.

    Mir hat das Schreiben darüber hier an dieser Stelle eine Wahnsinnslast genommen, die ich 50 Jahre mit mir herumgeschleppt hatte. 50 Jahre, in denen mir niemand geglaubt hat, sobald ich davon versucht hatte zu erzählen. 50 Jahre, in denen niemand sich auch nur annähernd vorstellen konnte, dass es über 20 Jahre nach dem letzten Krieg und auch danach noch Orte gab, an denen ehemalige Nazis ihre schwarze Pädagogik mit all ihren fragwürdigen Methoden ungestört ausüben konnten.

    Mir ist und wird auf ewig unbegreiflich bleiben, dass niemand in all der Zeit ihrer Existenz je im Stande war, dem ziemlich durchgehend miesen Treiben frühzeitig ein Ende zu bereiten.

    Liebe Grüße
    Effi

  17. Walter Brandt sagt:

    Bei Recherchen zu meiner Biografie bin ich auch auf meinen Kuraufenthalt in Bonndorf gestoßen. Leider weiß ich nicht mehr, in welchem Haus und zu welchem Zeitpunkt ich in Bonndorf gewesen bin. Ich vermute, dass es 1960 oder 1961 gewesen ist, und ich dachte beim ersten Lesen, dass es sich um Haus Waldfriede gehandelt habe. An das Haus und die Betreuerinnen sowie an den Aufenthalt und andere Kinder habe ich so gut wie keine Erinnerung. Große Zimmer mit mehreren Betten, die nebeneinander standen, sehe ich noch vor mir und einen Bettnachbarn, der in einer Nacht eingenässt hatte. Ich meine auch, einmal ein Paket erhalten zu haben, das einen warmen Mantel für mich enthielt.
    Ganz schrecklich in Erinnerung aber ist mir die Abfahrt mit dem Zug im Kölner (oder Aachener) Hbf. Ich habe mich gesträubt und lauthals geschrien – sowohl in der Bahnhofshalle wie auf dem Bahnsteig, wo sehr viele Kinder auf die Abfahrt des Zuges warteten, und ich wollte auf keinen Fall einsteigen. Während der Fahrt hat sich eine Betreuerin um mich gekümmert, aber ich wollte mich lange Zeit nicht trösten lassen und habe bitterlich geweint. Das habe ich nach meiner Rückkehr zu Hause auch erzählt und hatte das Ganze wohl auch irgendwie „verkraftet“. Leider habe ich zu Lebzeiten meiner Eltern nicht nachgefragt, warum mein Vater mich trotz meines Sträubens in den Zug gesetzt hat – was für mich heute als Vater und Großvater völlig unverständlich ist. Aber ich hatte die ganze Bonndorf-Episode wohl über lange Zeit effektiv verdrängt. Vielleicht gilt das bis heute auch für unangenehme Erfahrungen bei den Mahlzeiten und bzgl. der Aufsichtspersonen. Aber ich meine, dass ich im Nachhinein den Aufenthalt in Bonndorf nicht nur mit negativen Erinnerungen verbunden habe.
    Ich finde es ausgezeichnet, dass sich Betroffene an dieser Stelle austauschen können und Gelegenheit haben, sich über lange zurück liegende, aber wichtige Erlebnisse zu vergewissern.
    Allen Beteiligten und den Initiatoren herzlichen Dank sowie freundliche Grüße
    Walter Brandt

    • Bee sagt:

      Lieber Herr Brandt,
      ich danke Ihnen sehr für Ihren Kommentar. Nein, ich verstehe auch nicht, warum uns die Eltern damals „ausgeliefert“ haben, genau so fühlte es sich wirklich an. Das Bild des weinenden kleinen Jungen, der trotzdem in den Zug gesetzt wird, rührt mich sehr an. Es ist schön, dass sich inzwischen so viele Menschen zusammenfinden und endlich offen austauschen können. Und es freut mich sehr, wenn ich mit meinen Texten auch einen kleinen Beitrag dazu leisten kann.
      Herzliche Grüße!

  18. Silke R. sagt:

    Ihr lieben Leidensgenossinnen und Leidensgenossen,

    es muss im Winter 1978 gewesen sein, als ich als 8-Jährige im Kinderkurheim Luginsland in Bonndorf/Schwarzwald gewesen bin. Auch ich sollte zunehmen, wie so manch anderer meiner „Vorschreiber“. Ich habe ebenfalls keine besonders klaren Erinnerungen an die 6 Wochen, die ich dort verbracht habe aber ich weiß, dass sie geprägt waren von Heimweh und Eingeschüchtertsein. Meine erste Erinnerung ist, dass wir Kinder aus dem Bus ausgestiegen sind und unser Gepäck selber ins Haus tragen mussten. Es wirkte auf mich sehr dunkel, finster, kalt und unheimlich. Da wir noch recht zierlich gewesen sind, war die Schlepperei der Koffer eine Plackerei. Ich meine mich daran zu erinnern, dass wir bis auf den Dachboden mussten, wo Kleiderschränke gestanden haben, in die unsere Kleidung einsortiert worden ist (aber an dieser Stelle kann mir meine Erinnerung auch einen Streich spielen).

    Jedenfalls gab es in den Schlafräumen keine Schränke. Dort standen nur Betten. Abends mussten wir unsere Kleidung auf einen Kleiderwagen legen, der dann rausgefahren wurde. Ich bin mir auch an dieser Stelle nicht ganz sicher aber ich meine, dass die Fenster unseres Schlafsaals vergittert gewesen sind. Dass man nachts nicht zur Toilette durfte, daran kann ich mich nicht erinnern. Vielleicht bin ich auch einfach nur nicht erwischt worden. Unsere Betreuerin, die die Aufsicht über die Schlafräume gehabt hat, hatte ihr Zimmer ganz am Ende. Ich weiß noch, dass sie die einzige Erwachsene gewesen ist, die halbwegs freundlich zu uns gewesen ist. Ihr Name ist mir leider entfallen.

    Ob das Essen gut oder schlecht gewesen ist, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich aber gut daran, dass ich gezwungen worden bin, Brote mit Margarine (oder Butter) und Käse zu essen. Ich weiß auch, dass ich diese heimlich in Taschentücher gespuckt und in die Hosentasche gesteckt habe. Manchmal habe ich auch einige Bissen im Mund behalten und später ins Klo gespuckt.

    Unser Taschengeld wurde verwaltet. Wenn wir 1x wöchentlich zufuss in einen Ort gewandert sind, bekam jedes Kind etwas Geld ausgezahlt und durfte sich dann im Ort etwas kaufen. Meist waren es Postkarten, Briefmarken oder Süßigkeiten, die man erstand. Wobei man Postkarten und Briefmarken auch im Heim kaufen konnte.

    Irgendwann mussten wir alle in einen Aufenthaltsraum kommen und wurden auf Läuse untersucht. Ich erinnere mich daran, dass man recht ruppig mit uns umgegangen ist. Als ich an der Reihe gewesen bin, sagte die Betreuerin: „Hab ich mir schon gedacht!“ Ich wusste gar nicht, worum es überhaupt ging. Jedenfalls bekamen wir alle die Haare gewaschen und ein Mittel auf den Kopf, das furchtbar brannte.

    Ich habe häufig Post von meinen Eltern bekommen (meine Mutter war zeitgleich in Kur in Bad Oeynhausen) und auch Päckchen mit Süßigkeiten. Gut erinnere ich mich daran, dass ich die Hälfte abgeben musste. Die Süßigkeiten wurden dann auf die anderen Kinder, die mit in meinem Schlafsaal gelegen haben, aufgeteilt. Begründung war, dass ihnen sonst das Herz blutet, wenn sie nichts bekommen. Bis es leer war, durfte ich mein Päckchen unters Bett stellen. Die Post, die wir geschrieben haben, scheint nicht kontrolliert worden zu sein, denn ich habe meinem Vater geschrieben, dass ich jede Nacht friere, oft weine und ich fürchterliches Heimweh habe.Er hat daraufhin im Kinderkurheim angerufen und am Abend bekam ich eine zusätzliche Decke. Allerdings mit dem Kommentar, dass ich mich hätte melden sollen, statt meinem Vater zu schreiben. Ich habe danach jedenfalls nichts Negatives mehr geschrieben.

    Meine letzte Erinnerung ist, dass wir von einem schönen Spaziergang aus dem verschneiten Wald zurückgekommen sind und plötzlich ein riesen Getöse losbrach. Es kamen maskierte Gestalten mit gruseligen Holzmasken (mit einer angedeuteten Pflaume im geschnitzten Mund) in den Aufenthaltsraum (Fasching). Sie hatten Schellen an den Kostümen und machten furchteinflößende Geräusche. Ich hatte große Angst vor diesen Gestalten und weinte, weil alles so laut und unheimlich war. Ich war schon immer sehr lärmempfindlich. Eine Betreuerin lachte mich aus und sagte, dass seien „Prumenschlucker“, die würden unartige Kinder holen.

    Ich bin nicht traumatisiert von dieser Zeit, aber wenn ich es reflektiere, war die Atmosphäre schon geprägt von Strenge, Kälte und wie eingangs geschrieben, von Heimweh. An sexuelle Übergriffe oder körperliche Gewalt kann ich mich nicht erinnern. Und trotzdem bin ich sehr eingeschüchtert zurück nach Hause gekommen.

    • Bee sagt:

      Vielen Dank für deine Erinnerungen. Schlimm, dass so viele Kinder „verschickt“ wurden, weil sie „zunehmen“ (oder „abnehmen“) sollten. Ich kann mir übrigens sehr gut vorstellen, wie erschreckend das Erlebnis mit den gruseligen Gestalten gewesen sein muss. Liebe Grüße!

  19. J.K. sagt:

    Hallo zusammen,

    meine Mutter ist kürzlich verstorben und ich bin zur Zeit dabei, ihren „digitalen Nachlass“ zu sichten. Dabei bin ich auf eine Worddatei namens „Kinderkurheim Luginsland“ gestoßen. Aus dem Inhalt geht nicht eindeutig hervor, ob meine Mutter Verfasserin des Textes ist, allerdings gehe ich davon aus. Den Text möchte ich gern hier teilen. Er lautet wie folgt:

    „Ich kann mich noch recht gut an die Zeit im Kinderkurheim Luginsland in Bonndorf erinnern. Schon die Anreise war erschreckend und erinnerte mich immer an die Erzählungen aus dem Krieg meiner Eltern. Ein Sonderzug voller Kinder und einer Hand voll Betreuerinnen, die viele, viele Stunden in einem Zug eingepfercht waren, ohne Ansprechpartner oder bekannter Gesichter. Ein paar Butterbrote und ein bisschen Tee von zuhause als Verpflegung. Ich weiß, dass ich ständig Angst, Unruhe und Unwohlsein hatte und dazu einen schrecklichen Durst.

    Im Heim angekommen bekamen wir unsere Betten zugewiesen, die Koffer kamen auf den Dachboden und durften von uns nicht allein aufgesucht werden. Das bedeutete, dass man eine ganze Woche lang dieselben Sachen trug, auch Unterwäsche. Samstagnachmittags, nach der Dusche wurden die Sonntagssachen aus dem Koffer geholt, montags wurden die Sachen für die kommende Woche herausgeholt und dann war der Dachboden abgeschlossen.

    Der Tagesablauf bestand aus vielen Einheiten Bettruhe. Aufgestanden wurde meiner Erinnerung nach ziemlich spät, dann gab es Frühstück. Bereits um halb zwölf gab es Mittagessen, damit von 1 bis drei die Mittagsruhe stattfinden konnte. Halb vier gab es „Kaffee“ und gegen 7 Abendbrot. Um 8 Uhr lag man wieder im Bett.

    Die Mahlzeiten waren der Horror. Es gab viel zu viel zu essen aber viel zu wenig zu trinken. Oft gab es abends Brote mit Leberwurst oder Teewurst, die auch nach stundenlangem kauen nicht runtergeschluckt werden konnten. Ich erinnere mich, dass ich einmal vor lauter Angst vorm Brechen (das hätte man dann nämlich wieder essen müssen!) eine Schnitte zusammengeknüllt und in der Kitteltasche versteckt habe. Danach habe ich versucht, diese auf der Toilette zu versenken, aber das klappte nicht. Diese fürchterliche Angst vor Entdeckung und Bestrafung.

    Hilfe von zuhause zu bekommen, war unmöglich. Keiner hatte ein Telefon und die Briefe, die wir schrieben, wurden von den Tanten gelesen und zensiert und öffentlich vorgelesen und der/die Schreiber/in lächerlich gemacht und der Brief anschließend vernichtet.

    Geduscht wurde, wie gesagt, einmal die Woche. Alle gingen in einen Raum, in dem an einer Seite eine kleine Erhöhung war. Auf dieser Erhöhung standen an der Wand Bänke und es waren Haken an der Wand angebracht. Man musste sich ausziehen, dann wurde ein Vorhang vor den Bänken zugezogen und dann wurde die Tür geschlossen und das Wasser angestellt und kam aus Sprühvorrichtungen, die an der gesamten Decke angebracht waren. Zuerst kam natürlich eiskaltes Wasser aber dem konnte man nirgendwo entgehen. Aber das einseifen und Haare waschen musste zügig gehen. Denn wenn das Wasser aus war, konnte man das Shampoo nicht mehr aus den Haaren bekommen. Manchmal wurde es auch gar nicht richtig warm…

    Vor dem Zubettgehen mussten alle zur Toilette. Eine Toilette für alle Kinder von unserem Flur. Wenn Nachruhe war hatte Ruhe zu herrschen und es war verboten, das Bett zu verlassen. Nächtliche Toilettengänge waren verboten. In einer Nacht musste ich aber so dringend zur Toilette, dass ich mich heimlich das Bett verließ. Ich bin natürlich erwischt worden, Gott sei Dank auf dem Rückweg, und habe die restliche Nacht auf dem Flur in der Ecke verbracht.“

    • Bee sagt:

      Leider weiß ich nicht, wer diesen Kommentar verfaßt hat, fand den Inhalt aber doch bemerkenswert. Vielen Dank für den Beitrag, lieber Unbekannter oder liebe Unbekannte.

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