Die Geister der vergangenen Winter (1)

Eiszapfen (Anders Wetterstam/unsplash)

Bücher und Märchen, in denen es eiskalt und tiefster Winter war, mochte ich am liebsten. Ich liebte Geschichten über riesige Trolle und mächtige Eisbären, flirrende Nordlichter, zottelige Rentiere, listige Silberfüchse und wilde Räubermädchen, mit gemütlichen Zwergenzimmern zwischen knorrigen Baumwurzeln und mit der gruseligen Baba Yaga, die in einem Knochenhaus wohnt, das auf Hühnerbeinen steht, und in einem großen Mörser durch die Luft fliegt. Doch vor allem liebte ich den Schnee. Er verwandelte die Welt, hüllte sie in unschuldiges Weiß, verzauberte sie über Nacht in ein fremdes Wunderland. Alles war anders, wenn Schnee lag. Sogar das Licht, das morgens durch den Vorhang drang. Und die geheimnisvolle Stille!

Schneebank (gamapix/pixabay)

Wenn ich in den Kindheitswintern aus der Haustür trat, gab mir die Kälte zur Begrüßung gleich einen Nasenstüber und zwei Ohrfeigen und verschlug mir sekundenlang den Atem. Dann packte sie mich mit festem Griff und sorgte in Windeseile dafür, dass meine Finger und Zehen taub wurden und meine Lippen aufsprangen. Sie ließ Ohren und Wangen erkalten und färbte Lidränder und Nasenspitze brennend rot. Wenn ich aus der Kälte zurück ins warme Haus kam, schmerzte das Auftauen und Aufwärmen so sehr, dass ich am liebsten geschrien hätte.

Doch ich mochte die frische, klare Luft, die sich so knistrig und knusprig anfühlte. Ich konnte den Schnee bereits riechen, bevor er zu fallen begann. Ich konnte ihn sogar fühlen, denn er machte mir feine, spitze, hohe Kopfschmerzen, meist an den Schläfen, gelegentlich auch über der Nasenwurzel. Auch Kälte allein konnte Kopfschmerzen machen, wobei sich die Kopfhaut irgendwie verkrampfte. Dagegen halfen Mützen und Schals, doch mit denen hatte ich meine Probleme.

Viburnum (Katya-guseva0/pixabay)

Mich faszinierte die gleißende Unberührtheit des winterlichen Gartens, die weiß überhauchten Hagebutten, die orangefarbenen Zieräpfel, die es schafften, selbst aus all dem Weiß noch kräftig hervorzuleuchten, die korallenroten Beeren an den Sträuchern, die schneebeladenen, glitzernden Felder und Wälder. Bloß auf den Straßen wurde die Pracht allzu schnell zu hässlichem, braunen Matsch, der die Schuhe aufweichte und an die Hosenbeine spritzte.

Hoch über mir schimmerte der Winterhimmel in Wasserfarben von zarthellblau bis drohend dunkelgrau, und abends, wenn die Engelchen backten, wie meine Oma Ninni es nannte, nahm er die schönsten Rosa- und Lilatöne an, vor denen sich die nackten Bäume und Sträucher scharf und schwarz abzeichneten wie Scherenschnitte von Lotte Reiniger.

Winterzart (Yang Shuo/unsplash)

Damals war der Winter noch die Zeit der Angorawäsche, der dicken Wollschals und gestrickten Mützen, die ich so gar nicht mochte. Nicht mal die flauschige weiße aus Kunstpelz, die man unter dem Kinn zuband. Genau die hatte ich mir sehnlichst gewünscht, weil die anderen Mädchen im Dorf auch so eine hatten und darin beneidenswert eskimoartig aussahen. Doch als ich das heißersehnte Traumteil endlich auspackte und zum ersten Mal stolz ausprobierte, sonntags in der Messe, war ich tief enttäuscht und hätte das Ding am liebten nie wieder angezogen, weil ich darunter so schwitzte, dass mir die Haare wie ein nasser Helm am Kopf klebten und die Kopfhaut wie verrückt juckte. Selbst malerische Eskimomützen waren für meine empfindliche Haut und meine übersteuerte Wärmeregulierung Quälerei.

Genau wie all die vielen Schals, auch wenn sie noch so schöne Streifen hatten und blau waren. Die kratzigen Wollschals gaben mir das unangenehme Gefühl, vom eigenen Halswärmer stranguliert zu werden. Mama sagte: „Stell dich nicht so an!“ Sie hatte eine sehr feine Nase und sehr feine Ohren, aber eindeutig keine hochsensible Haut, und bestrickte mich unermüdlich weiter mit Mützen und Schals. Richtige Kunstwerke, meist sogar liebevoll gefüttert. Es musste doch sein, damit die kleine Mützenhasserin nicht krank wurde! Sobald Mama mich nicht mehr sehen konnte, riß ich mir mit rabenschwarzem Gewissen die Mütze ab und ließ den Schal frei. Gleich nach der nächsten Straßenecke. Gemerkt hat sie es trotzdem. Wahrscheinlich weil meine Ohren und mein Kopf so kalt waren. Aber ich fand Kälte immer schon angenehmer als Hitze.

Schnee mit Mütze (Tim Gouw/unsplash)

 

 

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