Köln und Corona: Fronleichnam

Weihrauch

Heute, am zweiten Donnerstag nach Pfingsten, feiern die Katholiken Fronleichnam, und es ist zugleich der letzte kirchliche Feiertag vor Weihnachten, der in der Woche liegt. Die meisten fallen auf einen Donnerstag, und zu Nicht-Coronazeiten findet dann entweder mein Malkurs oder mein Literaturkreis (oder auch beide) nicht statt. Doch in den letzten Monaten hat Corona ohnehin alles verhindert.

Fronleichnam gilt als einer der Höhepunkte des katholischen Kirchenjahres, wird besonders prunkvoll begangen und erinnert an das letzte Abendmahl Jesu mit den Jüngern. Den Corona-Podcast mit Christian Drosten gab es zu meiner Verwunderung trotzdem, doch dann fiel mir ein, dass in Berlin heute kein Feiertag ist.

Pontifikalamt vor dem Dom

Kölner, die in der Nähe des Doms leben oder heute morgen früh dorthin gepilgert sind, hatten das besondere Vergnügen, kurz nach halb zehn den Dicken Pitter, die mächtigste unserer Domglocken, läuten zu hören, deren tiefe, dröhnende Stimme nur an den höchsten Feiertagen und zu besonderen Anlässen erklingt.

Auf dem Roncalliplatz hatten sich 300 Gläubige versammelt, jeder hatte einen Stuhl, wahrte den nötigen Abstand und trug eine Maske. Der große Platz sah ungewöhnlich leer und geordnet aus. Alles war anders als sonst. Aber Corona hält sich nun mal nicht an Feste und stört einfach überall.

Weihrauch (Klara Kulikova/unsplash)

Schon der Name Fronleichnam erinnert mich an meine Kindheit. „Wat bedeutet dat komische Wort?“ Fron war ja nichts Schönes und hatte vor allem mit Arbeit, Mühsal, Sklaven und Schufterei zu tun. Fron und Pein hatte ich schon öfter gehört, aber Leichnam war richtig scheußlich. Das waren verstorbene Menschen, also Tote und Kadaver! Kadaver sagten die Männer damals noch ziemlich oft. Vielleicht lag das am Krieg, der gerade erst vorbei war. Dann war ein Fronleichnam wohl so was wie ein misshandelter Toter? Der gegeißelte Jesus von Karfreitag? Oma waren meine Sondierungen wohl ziemlich unheimlich. Wer meiner Vorfahren mir diese journalistische Fragelust vererbt hat, weiß ich nicht. Ich passte ja sowieso nicht in meine Familie. Oder sollte meine Mutter früher auch mal so eine wissensdurstige kleine Nervensäge gewesen sein? Die meisten meiner Fragen habe ich Oma gestellt, denn wir waren uns besonders nah, und zu ihr hatte ich unerschütterliches Vertrauen. Ich konnte mich darauf verlassen, dass alles, was wir besprachen, unter uns blieb. Niemals hat sie mich verpetzt. Als ich mit sieben in die Schule kam, lebte sie bereits nicht mehr, und als ich endlich richtig lesen konnte, entdeckte ich, dass ich die Antworten auf meine Fragen in Büchern viel besser finden konnte als bei meinen Familienmitgliedern. Bücher schimpfen nicht, lachen einen nicht aus, hüllen sich nicht in schweres Schweigen, haben eine Engelsgeduld und seufzen nicht mal genervt.

Fronleichnam

„Wat du immer all wissen willst!“ wunderte sich Oma. Stimmt, ich wollte die Welt, in der ich lebe, verstehen. Wie wunderbar ist heute das Internet, wenn man nur zu suchen versteht! Dort kann ich meinen Wissensdurst sofort stillen. Als Kind hielt ich die Prozession für das Wichtigste an Fronleichnam. Die gab es an diesem Tag zuverlässig, jedes Jahr und in voller Pracht. Das gesamte Dorf war an dem Tag auf den Beinen. Protestanten gab es bei uns ja so gut wie keine, und außerdem hatten wir mit „denen“ ohnehin keinen Kontakt. Als Kinder durften wir mit evangelischen Kindern weder sprechen noch spielen. Und sie auch nicht mit uns.

Altar im Freien

„Hoffentlich wird das Wetter gut!“ sorgte sich Oma vor Fronleichnam tagelang. Aber das war es meistens. An was ich mich vor allem erinnere? Es ging überaus feierlich zu, es gab Gesang und Musik, überall waren Blumen, Girlanden, Sträuße in hohen und kleinen, bauchigen und schmalen Vasen, Blumen in Töpfen, bunte Gestecke, sogar kleine Teppiche aus Blüten. Außerdem gab es vor den Haustüren unzählige weiße und rote Kerzen in Haltern und Leuchtern, kleine Altäre auf zweckentfremdeten Hockern mit weißen Deckchen und Kreuzen aus Holz oder Metall (in allen Variationen), gar nicht so selten (wir lebten ja am Niederrhein) sogar Marienstatuen (Maria ist am Niederrhein allgegenwärtig). Die Dorfbewohner standen in Sonntagskleidung stolz und irgendwie verlegen vor ihren Häusern, bekreuzigten sich, wenn der Zug vorbei kam, oder gingen in der Prozession mit. Es gab Fähnchen schwenkende Kinder, es hingen bunte Fähnchen und Wimpel in den Fenstern, aber vor allem gab es viele, viele Menschen. Einem schüchternen Kind fällt das wohl besonders auf. Oma kannte die meisten und kam aus dem freundlichen Nicken und Zulächeln gar nicht heraus. Sie hat ihr ganzes Leben in diesem Dorf verbracht und war sehr beliebt. Ich ging an ihrer Hand und war stolz auf sie.

Kreuz

Und dann die Prozession selbst! Nur an diesem Tag konnte man den prächtigen bestickten Baldachin, auch Himmel genannt, bewundern, unter dem unser Pastor mit der hocherhobenen Monstranz durch die Straßen zog. Ich weiß nicht mehr, ob wir von der Kirche aus durchs Dorf zogen und zum Schluss auf dem Friedhof vor dem gewaltigen (sehr realistischen) Hochkreuz landeten, wo ebenfalls ein großer, geschmückter Altar aufgestellt war, oder ob wir uns zuerst dort versammelten, die Messe im Freien feierten und erst am Ende gemeinsam in die Kirche zogen. Es spricht viel mehr für die zweite Erinnerung, aber ich sehe irgendwie beides und kann leider niemanden mehr fragen. Vielleicht war das abhängig vom Wetter? Vor allem erinnere ich, dass ich die Stimme von „Herrn Pastor“ draußen auf dem Friedhof nicht gut hören konnte und auch nicht verstand, was genau er sagte, denn wir hatten damals natürlich keine guten Mikrophone. Der Wind wehte seine Sätze einfach in die andere Richtung, aber das machte nichts, denn er redete die meiste Zeit Latein. Auf jeden Fall roch es überall nach Weihrauch, draußen nur in kurzen kleinen Wolken, aber in der Kirche wahrlich betäubend und nebelartig schwer. Zur Erinnerungsauffrischung habe ich mir eben ein Räucherkügelchen angezündet, dabei ist mir dann noch einiges eingefallen, das lange verschüttet war. Ich liebe olfaktorische Trigger.

Die Priester (wir hatten damals vier, unseren Herrn Pastor, zwei Pfarrer im Ruhestand, die im zweiten Pfarrhaus lebten, und auch noch einen Kaplan, der in der Kaplanei wohnte und wunderbar singen konnte) waren in leuchtend helle Gewänder gehüllt, sämtliche Messdiener und Vorbeter marschierten ernst und rotweiß bzw. schwarzweiß vornweg und scharten sich während des Gottesdienstes um den Altar. Und ging da nicht auch noch ein junger Mann am Anfang der Prozession und trug eine Fahne mit Christussymbolen vor sich her? Oder war es das St. Laurentius-Wappen unserer Gemeinde? Vielleicht waren da auch noch zwei junge Männer, die den Kreuzträger flankierten? Die Fotos, die ich im Internet finde, erhärten diese Vermutung.

Monstranz (Jacob Bentzinger/unsplash)

Auf jeden Fall war es ein extrem wichtiges und geheimnisvolles Fest, denn es hatte ja mit „dem Leib Christi“ und mit „der Wandlung“ zu tun, wie Oma mir erklärte. Genau deshalb wurde die Hostie durchs Dorf getragen. Die Vorstellung, dass sich in der Eucharistie das Brot in den Leib Christi verwandelte und der Wein in sein Blut, war mir alles andere als geheuer. „Dann sind wir ja Menschenfresser und Kannibalen!“ Das kam nicht gut. Dafür waren sicher die vielen Märchen verantwortlich, die sie mir dauernd vorlesen musste (beim Erzählen vor dem Schlafengehen schlief sie im dunklen Zimmer neben mir im Bett oft ein und musste tadelnd am Ärmel gezupft werden: „Wat hat die Prinzessin denn dann getan, Oma?“) Sie war sicher der Meinung, dass man solche Fragen nicht mal denken durfte. „Das ist ein ganz großes Geheimnis, Kind!“  Das sah ich ein. Normalerweise wurde der Leib des Herrn in der Monstranz schließlich nicht draußen herumgetragen, sondern stand sicher und unerreichbar im Tabernakel. Oma versuchte übrigens oft, mich durch optische Elemente abzulenken. „Guck mal, Kind, wie schön die Gewänder sind! Und guck mal, da is‘ ja auch die Tochter vom Kohlenmann!“

Die Prozession war eine Art dörflicher Flurumgang mit verschiedenen Stationen, an denen wir alle stehen bleiben. Der Herr Pastor spendete seinen Segen in alle Himmelsrichtungen, alle bekreuzigten sich wieder, und die Prozession endete dann (in meiner Erinnerung meist in der Pfarrkirche) höchst feierlich, wieder mit Weihrauchschwaden und viel Latein. Manchmal kam sogar mein Vorname vor.

Fronleichnam – Beten mit Blumen

Heute kenne ich die Antworten auf die meisten meiner Kinderfragen. Fronleichnam geht auf vrône (mhd. Herr) und lîcham (mhd. Leib) zurück, und der Festumzug soll den Gläubigen zeigen, dass Gott allgegenwärtig ist. Also nichts Dramatisches mit Leiche und Schufterei! Oma konnte kein Mittelhochdeutsch und hat sich diese Fragen ganz bestimmt nie gestellt. Sie nahm ihre Religion an, wie sie kam. Gläubig und unkritisch. Aber inzwischen habe ich zu Fronleichnam noch ganz andere Informationen gefunden. Schade, dass ich Oma damit nicht beeindrucken kann.

Zum ersten Mal wurde das Fest offenbar 1246 in Lüttich gefeiert, und die erste Prozession in Köln fand vermutlich zwischen 1274 und 1279 statt. Das Fest wurde 1264 von Papst Urban IV auf diesen Tag gelegt, und die erste Anregung dazu geht auf eine Vision (oder Traumvision) der heiligen Juliana von Lüttich zurück. Sie sah 1209 den verdunkelten Mond, und Christus erklärte ihr den dunklen Fleck mit dem Fehlen eines eigenen Fests für die Eucharistie. Es bedurfte also dringend eines speziellen Festtags!

Monstranz

Die „Transsubstantiationslehre“, also die Verwandlung von Brot und Wein in das echte Fleisch und Blut Jesu Christi (vorher verstand man beide nur als Symbole), wurde erst 1215 zum Dogma erhoben, und prompt gab es einige Jahrzehnte später noch ein Wunder, ein vielbeachtetes und gleich doppeltes „Blutwunder“.

Im Jahr 1263 kam ein böhmischer Priester namens Peter von Prag, der stark an der „Transsubstantiationslehre“ zweifelte, auf seiner Pilgerreise nach Rom nach Bolsena in die Kirche der Heiligen Christina. Die war schon 304 als Märtyrerin gestorben, und ihr Tag ist der 24. Juli. Die Katakombe ihrer Kirche war bereits berühmt, denn es gab dort geheimnisvolle Blutflecken auf dem Altarstein zu sehen (das erste Blutwunder). Peter von Prag nahm dort an einem Gottesdienst teil, und als er die Hostien für das Abendmahl vorbereiten wollte, bemerkte er leuchtend rote Flecken auf den Oblaten (das zweite Blutwunder). Blutende Hostien! Das konnte nur als eindeutiges Zeichen für den Zweifler gedeutet werden, dass diese Hostien in der Tat keine einfachen Oblaten waren, sondern wahrhaftig der verwandelte Leib Christi! Zufällig weilte der Papst nur wenige Kilometer entfernt auf seinem Sommersitz, erfuhr von dem Blutwunder und war tief beeindruckt. Und so setzte Urban IV in Orvieto schließlich ein Jahr später Fronleichnam ein, das neue Fest für die ganze Kirche.

Oma als junge Frau

Dummerweise gibt sich das kleine Mädchen in mir immer noch nicht zufrieden. „Aber woher kommen die roten Flecken, Oma? Hostien können doch nicht bluten!“ Ich befrage das Internet und meinen Mann – und werde erstaunlich schnell fündig. Rückblickend geht man heute davon aus, dass es sich bei den Verursachern für das „Blut“ um bestimmte gramnegative Stäbchen (Serratia marcescens) handelte, die auf kohlehydrathaltigen Nährböden auffällige Flecken verursachen, die eindrucksvoll und markant rot leuchten. Offenbar waren diese Stäbchen damals ziemlich häufig, denn im Mittelalter gab es einen wahren Boom um blutende Hostien. An den Orten, wo sie gefunden wurden, entstanden gleich berühmte Wallfahrtsstätten, und es folgten Pilgerströme, Ablassbriefe und Wunderheilungen. Martin Luther ließ sich dadurch nicht beeindrucken, bezeichnete die Bluthostien schlichtweg als „Teufelsspuk“ und schaffte für sich das Fest wieder ab. Weihrauch mochte er leider auch nicht besonders, so dass er in der Evangelischen Kirche keine Rolle spielt. Jetzt weiß ich endlich auch, warum Protestanten Fronleichnam nicht feiern! Oma seufzt. Mein Wissensdurst ist jetzt  fast gestillt. Bleibt noch die letzte Frage. „Warum der Papst ausgerechnet dieses Datum gewählt? Gab es vielleicht ein heidnisches Fest, das man unbedingt christlich überlagern wollte? Vielleicht die Sommersonnenwende?“ Bisher habe ich dazu noch nichts gefunden.

Oma, wie ich sie kannte

Den schönen Erinnerungen können meine kritischen Fragen und ernüchternden Antworten übrigens nichts, aber auch gar nichts anhaben. Das Fest bleibt ein Highlight meiner Kindheit und erinnert mich zärtlich an Oma und unsere gemeinsamen Kirchenerlebnisse. Oma hätte das  alles gar nicht wissen wollen. Was sie wohl zu den Früchten meiner Recherche gesagt hätte? „Jetzt hat dat Kind mir dat schöne Fest so richtig verschangeliert!“ Vielleicht stimmt es ja: „Ignorance is Bliss“. Manchmal kann Unwissenheit ein Segen sein. Kritische Geister machen wirklich vor gar nichts Halt. Nicht mal vor Mysterien, Tabus und Blutwundern.

Tut mir leid, Oma. Aber jetzt habe ich den ganzen Tag an die sanfte alte Frau mit den abgearbeiteten Händen gedacht, die ich so geliebt und so früh verloren habe. Wie sehr ich um sie getrauert habe, wurde mir erst viel, viel später bewußt. Die Erinnerungen haben mir gut getan, und vielleicht kann sie es ja da, wo sie jetzt ist, irgendwie spüren? Auf diese Frage erwartet das kleine Mädchen in mir komischerweise ausnahmsweise mal keine Antwort. Vielleicht gehe ich noch kurz in den Garten und halte Ausschau nach einem Schmetterling. „Man kann ja nie wissen.“ Den Satz hab ich von Oma, und er hat mir schon oft geholfen.

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