„Juninacht“ von Hans-Joachim Leidel

Irgendwie schafft es mein Schwiegervater Hans-Joachim Leidel (den ich Jachym nenne) immer noch, mir genau im richtigen Moment einen kleinen Text oder eines seiner Gedichte zu schenken. Wie mag es wohl gerade heute in meine langweiligen Steuerunterlagen gelangt sein? Der Monat ist jedenfalls ideal! Zum ersten Mal gefunden habe ich es im Februar vor acht Jahren in unserem „Spiegelschrank“ in meinem Arbeitszimmer. In „seiner“ Schublade mit Notizen, Zeichnungen, Tagebüchern, unveröffentlichten Texten und unzähligen losen Blättern. Es war Anfang Februar, nur wenige Tage vor Jachyms 50. Todestag. Mein Mann war gerade auf einem Kongress in Berlin, ich war mit den Katzen allein im Haus, ziemlich melancholisch und dachte plötzlich an meinen unbekannten und doch so vertrauten Schwiegervater. Die Schublade hat ein Geheimschloss (genau wie sein alter Schreibtisch) und war gar nicht so leicht zu öffnen (hier im Haus klemmen alle Schubladen, wahrscheinlich weil sie zu voll sind). Außerdem musste ich erst die hohen Bücherberge wegräumen, die ich dauerhaft davor aufgetürmt habe.

Ungefähr zur selben Zeit dachte in einer ganz anderen Stadt noch jemand intensiv an Jachym. Auch er kannte ihn nicht persönlich, und doch schrieb er einen ausführlichen Wikipedia-Eintrag für ihn. Als ich am nächsten Morgen Jachyms Namen googelte, war der Eintrag plötzlich da, und vor mir lag immer noch das gerade entdeckte Gedicht. Mit ein bisschen Unterstützung von Jachym habe ich dann erstaunlich schnell „Lichtreich“, den Verfasser des Wikipedia-Eintrags, von dem ich nur das Pseudonym kannte, ausfindig gemacht, mit ihm Kontakt aufgenommen und ihm ein Foto geschickt.

Erklären kann man diese merkwürdigen Fügungen nicht. Es ist ein bisschen wie „Zauberei“. Aber das Gedicht ist ja auch magisch. Geschrieben in einer einsamen Nacht, in den 1950er Jahren in der Pension „Rauch“ in Hamburg. Es würde mich nicht einmal wundern, wenn es das heutige Datum gewesen wäre. Bei Jachym ist alles möglich.

Juninacht

Ein Vogelschwarm klirrt kühl im schwarzen Baum,
sanfte Ballons ziehn einsam in die Sterne.
Der Mensch sucht seine Hände in der Ferne
und bettet sie an seiner Schläfe Schaum.

Ach, wie der Mond die Dinge traurig macht!
Durchs Wiesenland sieht man die Weiden steigen.
Zikaden sticken in den blauen Zweigen
den lichten Saum an das Gewand der Nacht. 

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