„Die Zaubernuss blüht!“

hinten im Garten

Ganz hinten in der dunklen Ecke des Gartens steht sie, und nach ihrem spektakulären Herbstauftritt hätte ich sie beinahe vergessen, wenn ich nicht Anfang Januar morgens am Badezimmerfenster unerwartet den Duft ihrer kleinen Blüten wahrgenommen hätte. Jetzt sah ich auch ihr zartgelbes Lächeln in der Ferne, und musste noch vor dem Frühstück hinaus zu ihr. Wie schade, dass mein Vater nicht mehr lebt, sonst hätte ich ihn gleich angerufen. Veränderungen im Garten teilten wir uns früher immer sofort mit. „Papa, die Zaubernuss blüht!“

Fünf Hamamelis-Arten gibt es, drei nordamerikanische, zwei asiatische. Die Hybriden Hamamelis x intermedia haben  wohlklingende Namen wie Aphrodite, Angelly, Diane, Gingerbread und Arnold Promise. Meine Hamamelis ist namenlos, denn das Etikett hat sich im Laufe der Jahre aufgelöst. Aber ich glaube, es ist die chinesische Hamamelis mollis. Ich habe etliche Vaterpflanzen in unsern Garten geholt, Zaubernuss, Scheinquitte, Ranunkelstrauch und gelber Besenginster waren unter den ersten. Auf den herb duftenden Ginster freue ich mich jetzt schon, wenn er blüht, wohnt mein Vater hier im Garten. Aber er blüht erst im Frühjahr, zuerst kommt noch das Wintergeißblatt mit seinem Maiglöckchenduft.

Anfang Januar wirkt der Garten mit den traurigen Baumskeletten und zerzausten Sträuchern so trist, dass die kunstvoll hingetupften gelben Farbflecken sofort auffallen. Nur gut, dass der Strauch inzwischen höher ist als unsere Garage und so auch von weitem gut sichtbar, denn er steht weit weg vom Haus. Wie schön wäre es, wenn man das Fenster öffnen und ihn sofort riechen könnte, aber bei richtiger Windrichtung findet ihn meine Nase auch an den Fenstern der Südseite.

Mit der Zaubernuss beginnt mein Gartenjahr, und in diesem Winter ist es mir wichtig, all meine Duftpflanzen angemessen zu würdigen und zu genießen, denn im Januar 2021 stand ich noch fassungslos im kalten Garten vor meiner Freundin der Zaubernuss, bog ihre Zweige herab, bis die lustigen Blüten meine Nase kitzelten, und konnte ihren Duft trotz aller Mühe nicht wahrnehmen. Seit Ende Oktober 2020 konnte ich gar nichts mehr riechen, weil Covid 19 mir komplett die Sinne geraubt hatte. Ich schmeckte zwar wieder etwas, war aber immer noch geruchsblind. Anosmie. Mein feinster (und oft nervigster) Sinn war verschwunden. Für wie lange? Für immer? Ich war deprimiert und ängstlich, weil die vertraute Geruchslandschaft mit ihren unzähligen Markierungen, Ärgernissen, Wahrzeichen, Stoppschildern und Wegweisern steril, leer und irgendwie kalt geworden war. Eine ganze Dimension fehlte.

Womit ich nicht mal im Traum gerechnet hatte: Ich konnte mich trotz aller Anstrengungen und trotz meines guten Gedächtnisses nicht mal mehr an die vielen Gerüche und Düfte erinnern, vielleicht weil ich sie nie wirklich mit Worten beschrieben hatte. Oder weil in unserer Sprache keinerlei Begriffe dafür vorgesehen sind? Wo ich fest mit Erinnerungen gerechnet hatte, waren nur Lücken und Löcher. Wie riecht frisch ausgehöhlter Kürbis? Wie ausgehöhlter Kürbis eben! Und meine Zaubernuss? Ich erinnerte noch scharf, pfeffrig, frisch. Aber war da nicht noch viel mehr? Mir fehlten tatsächlich die Worte. Und wonach genau duften meine vielen Narzissen? Alle riechen anders, einige gar nicht, die wilden kleinen zarter, die weißen Dichternarzissen intensiver, die großen gelben irgendwie „österlich“. Das Heimweh nach meinem Geruchssinn tat richtig weh.

Würde ich all das nie wieder wahrnehmen können? Oder gar nur noch als unangenehmen Gestank, verzerrt bis zur Unkenntlichkeit? So viele Covid-Opfer machen nach der Anosmie auch noch Bekanntschaft mit Phantosmien, Geruchshalluzinationen, oder leiden an Parosmie, an Fehlwahrnehmungen, und nehmen nur noch scheußliche, ekelerregende  Reize wahr, die so schlimm sein können, dass man würgend ins Bad läuft, wenn man in die Nähe von Zwiebeln oder Kaffee kommt. Für manche stinken sogar „frische Luft“ und „klares Wasser“! Es gibt den unbeschreiblichen widerlichen Covid-Smell, der durch so viele Leben wabert. Es waren bange Gedanken. Vor Parosmien habe ich auch nach über einem Jahr noch richtig Angst, denn in den großen Selbsthilfegruppen kann ich jeden Tag lesen, wie grauenhaft diese Fehlwahrnehmungen sind. Es ist eine traurige Parallelwelt, über die keiner gern spricht. Das versteht eh keiner, der es nicht kennt.

Meine Phantosmien waren mild bis auf die scheußlichen Eigenwahrnehmungen, hätten mich allerdings verstört, wenn ich nicht genau wüsste, dass sich hier im Haus kein Gasanschluss befindet. Den scharfen stechenden Geruch hatte ich oft in der Nase, vor allem im Wohnzimmer und in der Küche. Aber wir haben ja zum Glück kein Gas! Und wenn es im Haus dauernd leicht nach Benzin oder Tankstelle roch, wusste ich, dass es nur eine Phantosmie sein konnte. Das Auto stand ja weit weg in der Garage. Nur der Phantom-Räucherstäbchenduft war angenehm. Aber unten im Keller waren natürlich nirgendwo Räucherstäbchen. Nur gut, dass ich mich schon lange vor meiner Infektion ausgiebig belesen hatte. Geruchs- und Geschmacksverlust waren zunächst das einzige sichere Anzeichen meiner Covid-Infektion. Damals waren sich die Ärzte noch sicher: kein Fieber, kein Husten, kein Covid. Wer nieste, hatte auf gar keinen Fall Covid. Niesen war (anders als heute bei Omikron) damals kein Covid-Symptom – und doch fing es bei mir genau damit an.

Zaubernuss ins Haus geholt

Inzwischen hat sich mein Geruchssinn regeneriert, und ich nutze jede Gelegenheit, das verloren Geglaubte bewusst neu zu verankern. Ich habe ein Kästchen mit vielen ätherischen Ölen, mit denen ich eisern (aber sehr gern) täglich „trainiere“. Zudem nutze ich auch das gut gefüllte Gewürzschränkchen in der Küche. Alles ist wieder da ist, einiges leider noch schwächer als vor Covid, und gelegentlich trifft mich plötzlich ein Geruch wie ein Schlag in die Nase. Zum Beispiel Anis in einer Gewürzmischung. Zuerst kommt nur die Einzelinformation an: es stinkt gewaltig nach Anis (Anis ist mir genauso unangenehm wie Fenchel, Lakritz und Sellerie), dann erst folgt der angenehme runde Gesamteindruck der Gewürzmischung.

Einige Sommerblumen rochen 2021 nicht mehr so wie vor Covid. Die weiße Stockrose, die mir meine Cousine Wilma geschenkt hat, war kaum noch wahrnehmbar, aber vielleicht kehrt ihr Duft ja dieses Jahr zurück? So wie im Dezember Weihnachtszimmer und Pläzchenbacken. Das vertraute  Gesamtaroma war so stark, dass ich mich stundenlang in wohlige, warme, würzige Wolken kuschelte. Bereits der Adventskranz gab mir das Gefühl, mitten im Wald zu stehen, und während der folgenden Wochen veränderte sich der Geruch immer wieder, während die Nadeln trockener wurden. Ich passte genau auf und registrierte jeden Tag mit Freude. Ich hatte bewußt einen großen gemischten, rund geflochtenen Kranz ausgesucht, in dem auch viel würziges Lebensbaumgrün steckte. Vor den langen Trockensommern hatten wir noch einen riesigen Lebensbaum direkt vor dem Haus stehen, seinen Geruch kenne ich gut, einmal hat er sogar das Fallrohr verstopft und kam wie Kaffeesatz im Küchenabfluss hoch, da roch die ganze Küche intensiv nach Lebensbaum. Er mußte von einem Spezialisten gefällt werden, denn er war um einiges höher aus unser Haus.

Als Studentin in England hatte ich ein braunes Glasfläschchen mit Gesichtswasser. Die Flasche hatte einen Korkverschluss, und der Inhalt duftete unvergleichlich, denn die Flüssigkeit enthielt außer Zaubernuss auch Lindenblütenextrakt. „Lindenblossom and Hamamelis“. Ich liebe Lindenblütenduft! Entdeckt hatte ich die Flasche mit dem altmodischen Etikett bei Boots in London, in dem großen Laden direkt an der Charing Cross Station. Ich habe das Internet schon oft danach durchforstet, aber ebenso wie die wunderbaren „Orange and Cinnamon“-Sachets gibt es das Produkt längst nicht mehr. Wie gern würde ich die hübsche Flasche noch ein einziges Mal öffnen, die kühle zartgrüne Flüssigkeit zuerst auf einen flachen weichen Wattebausch träufeln und dann aufs Gesicht tupfen. Calming and soothing. Beruhigend und lindernd. Und so ungemein wohlriechend! Leider verflogen in alle Ewigkeit.

Die Zaubernuss ist schon seit meiner Kindheit meine Winterfreundin, denn sie gehörte zu den Lieblingssträuchern meines Vaters. In seinem Garten wuchsen später sogar zwei Prachtexemplare, gelb und rot, vom Käufer des Hauses leider inzwischen mit dem Rest des Gartens gerodet. „Komm mal mit nach draußen, Kind, ich muss dir was zeigen!“ Wir hatten erst vor kurzem das neue Haus bezogen, ich muss vier oder fünf gewesen sein, es war mitten im Winter, mein Vater tat sehr geheimnisvoll und ich platzte fast vor Neugier. Er ging mit mir zur Giebelseite des Hauses und machte vor einem komischen kleinen Strauch Halt. Der war mir schon im Herbst aufgefallen, weil die Blätter so leuchtend rotrandig und in der Mitte buttergelb gewesen waren. Fast so schön wie der Essigbaum mit seinen weichen, samtigen, haarigen, biegsamen Zweigen. Von dem kannte ich sogar den richtigen Namen: Rhus. Das klang schwarz und staubig wie Schornsteinfeger, Ofen, Kamin und Briketts. Doch den Namen dieses kleinen Strauchs kannte ich nicht.

Zaubernuss (congerdesign/pixabay)

„Das hier ist was ganz Besonderes, Kind. Schnupper mal!“ Mein Vater bog einen Zweig mit merkwürdigen zitronengelben Blüten vor meine Nase. Sie waren nicht wirklich hübsch, aber sehr spiddelig und sehr anders. Und sie rochen gut. Mehr hätte ich als Kind wohl nicht über sie sagen können. Heute schaue ich genau hin und bewundere feinste Bändchen, schmalste Fädchen, knittrige schwefelgelbe Papierstreifchen, filigrane lodernde Zünglein. Der Duft war auch schon für die Fünfjährige atemberaubend. In diesem Winter will ich versuchen, ihn zu beschreiben. Die Blüten riechen nicht nur frisch wie feuchte abgeriebene Zitronenschale (ohne das bittere Weiße), wie ein kühlblaues Schüsselchen voller gelbgrüner Zesten, sondern auch spitz, scharf und würzig wie Pfeffer, dabei weich und süß wie Honig, gleichzeitig zart und kräftig, auch wenn das wie ein Widerspruch klingt. Wenn Zaubernuss-Duft eine Form und eine Farbe hätte, dann wäre er cremefarben schwefelgelb geringelt, mit kleinen grünen Pünktchen, spitz, lang, leicht prickelnd, weich und sanft stachelig, mit sehr feinen spitzen Enden. Äußerlich erinnern mich die echten Blüten an die kleinen bunten Partyspieße mit den glitzernden Aluminiumstreifen, mit denen meine Katzen stundenlang spielen konnten, an lustige Miniatur-Feuerwerke, yellow firecrackers, und auch an den besonderen Moment, wenn Silvesterraketen sich hoch oben in der Luft in lange schmale Blütenblätter verwandeln.

„Auf Lateinisch heißt der Strauch Hamamelis“, höre ich Papas ferne Stimme. „Auf Englisch Hexenhasel. Witch hazel.“ Mein Vater war damals allwissend und ich wollte alles von ihm lernen, auch englische Wörter und komplizierte lateinische Fachbegriffe, die fein und geheimnisvoll klangen wie Zauberwörter oder die Namen wunderschöner Mädchen. Lupine, Akelei, Jelängerjelieber, Nelly Moser, Ranunkel, Tausendschön, Erika. Ich war ungemein stolz auf mein Pflanzenwissen, und mein Vater war stolz auf mich, das sah man ihm an.

Schon im ersten Frühling im neuen Haus schenkte er mir einen kleinen Bereich im Garten, der nur mir gehörte. Hier durfte ich pflanzen was mir gefiel. Primeln, Stiefmütterchen, Vergissmeinnicht und Akelei, deren englischer Name Columbine klang wie zartes Wiegen im Wind, und im ersten Herbst bekam ich kleine Zwiebeln, aus denen Krokusse und Schneeglöckchen sprossen, deren Namen ich vergessen habe. Pickwick? Auch im Nutzgarten, der erste lag weit weg am Bahndamm, der zweite im Schatten der Kirche, hatte ich mein eigenes Beet. Dort pflanzte ich Erdbeeren, die kein anderer essen durfte, krause Petersilie und an langen Stäben, die mit Kaninchendraht bezogen waren, süß duftende Wicken, die auf Englisch sweet peas, süße Erbsen, heißen.

Einige Tage später in jenem ersten Hauswinter, als der Frost den Garten mit gehäkelten Eissäumen verziert hatte, zeigte mir mein Vater, wie geschickt sich der kluge Hexenhasel vor Kälte zu schützen weiß. Auf einmal waren die vielen Fädchen nicht mehr zu sehen, hatten sich ganz von selbst zu kleinen Knäueln und Kugeln zusammengerollt. Sobald es wärmer wurde, entfalteten und strafften sich die gelben Fäustchen und sahen wieder normal aus. Ich staunte. Ein Wunder! Ich staune bis heute.

„Man darf die Zaubernuss nicht beschneiden, denn das verzeiht sie nicht“, höre ich meinen Vater.  „Sie treibt an der Schnittstelle nicht neu aus.“ Heute habe ich meine Freundin ausnahmsweise gebeten, mir eine kurze Zweigspitze zu schenken, damit ihr Duft und ihre Farbe in meiner Nähe sind. Ich habe es schon immer geliebt, beim Schreiben Gerüche und Düfte als Anker und Trigger für Gefühle und Erinnerungen zu nutzen, und bin unendlich dankbar, dass ich es endlich wieder kann. Ich fürchte gar, ohne meinen Geruchssinn könnte ich gar nicht mehr schreiben.

Die Zaubernuss blüht auch jetzt im Februar noch. Ich hoffe, mein Hexenhasel verzeiht mir den Schnitt. „Carpe diem, nutze den Tag. Nicht vergessen, Kind!“ Mein Vater hat Recht. Ich muss die Zeit nutzen, um möglichst viele Düfte und Gerüche zu sammeln und so genau wie möglich zu beschreiben, für den Fall, dass ich sie noch einmal verliere. Ich möchte sie genießen und anschauen, als wäre es das erste oder das letzte Mal.

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