Helga Pisters – zum Geburtstag

 

Annäherung (Helga Pisters)

Helga Pisters, Hermann Götting (privat)

Heute, am 18. März, hätte die Fotografin Helga Pisters Geburtstag. Sie wäre 85 Jahre alt geworden. Gesehen haben wir uns zum letzten Mal vor der Pandemie, als sie den riesigen schwarzen Karton mit Fotos von Hermann Götting, dem berühmten Kölner „Sachensammler“, für mich öffnete und mir erlaubte, ihre Fotos für meine Beiträge über Hermann hier auf meiner Homepage zu zeigen.

Es war einer dieser typischen unerträglichen Kölner Sommertage, und wir litten beide sehr unter der schwülen Hitze. In ihrer Wohnung hoch über den Dächern des Belgischen Viertels stand die Luft. Es war so warm, dass wir während der ganzen Zeit Wasser tranken. Ich hatte das Gefühl, jeden Moment umzufallen, und fragte mich, wie Helga das wohl aushielt. Sie war aufgeregt, quirlig und lebhaft, erzählte Geschichten über „Hermännchen“ und über die vielen wunderbaren Gegenstände in ihrer Wohnung. Ich konnte mich nie satt sehen an den unzähligen kostbaren Flohmarktfunden, die sie im Laufe der Jahre mit ihrem Mann zusammengetragen hatte. Ich bin auch eine Sachensammlerin, aber so schöne Stücke wie Helga werde ich nie besitzen. Ich blieb nicht sehr lange an diesem Tag, wir waren beide völlig erschöpft, es war einfach kein guter Tag für Besuche.

Hermann Götting, Helga Pisters (privat)

Helga Pisters wirkte viel jünger als sie war, ihr genaues Alter erfuhr ich erst aus ihrer Todesanzeige. Am 23. Januar 2022 ist sie gestorben, und ich war erschrocken, als ich morgens unerwartet ihr Bild in der Zeitung fand. Sie war eine bemerkenswert kreative Fotografin mit klarem, kühnen, genauen, oft  poetischen Blick, und kannte beneidenswert viele Künstler, Zirkusartisten und schrille Nachtschattengewächse wie Hermann. Ich überlegte, ob ich wohl genug über sie wußte, um einen kleinen Nachruf schreiben zu können. Doch ich kannte sie nicht wirklich gut und hatte nicht einmal ein Foto von ihr.  Ich wohnte zwar auch lange im Belgischen Viertel, nur einen Katzensprung entfernt um die Ecke, doch wir lernten uns erst kennen, als ich fortgezogen war. Doch ihre Bilder waren mir da schon vertraut, ich kannte die Portraits von den Roncalli Künstlern, die vielen von Bernhard Paul und seiner Familie, auch ihr Buch und den Zirkuskalender, und natürlich die Fotos von Hermann.

Helga Pisters, Selbstportrait

Wenige Tage, bevor die Todesanzeige erschien, war ich noch an ihrem Haus vorbei gegangen, hinter dessen unscheinbarer Tür sich einer der spektakulärsten Treppenhäuser des Viertels verbirgt, und hatte mich gefragt, wie es ihr wohl gehen mochte. Es blieb bei dem Gedanken. Nie hätte ich gewagt, spontan zu klingeln. Wir hatten uns immer etwas umständlich telefonisch verabredet. Doch nun hat der schwarze Hermann-Karton seit letztem Mittwoch auf merkwürdige Weise den Weg zu mir gefunden. Ich kann noch gar nicht glauben, dass Helgas Hermann Götting-Sammlung jetzt mir gehört. Und nun habe ich auch Bilder von ihr und kann einen Nachruf schreiben. Didi Pisters schenkte mir außerdem eine Serie mit Vogelscheuchen, die Helga irgendwann fotografiert und zu einem Heft hatte binden lassen. Dabei hatte ich ihm gar nicht gesagt, dass ich Vogelscheuchen liebe. Sie haben mich schon als kleines Kind fasziniert. Auf den niederrheinischen Feldern gab es sehr viele dieser stummen, windzerzausten  Gestalten.

Ganz nah (Helga Pisters)

In den letzten Wochen denke ich noch häufiger an Helga Pisters, denn sie mußte wie gerade so viele ukrainische Kinder als kleines Mädchen mit der Mutter ihre Heimat verlassen. Der Leinenrucksack, den die Mutter bei der Flucht getragen hatte, hing wie ein Mahnmal aus Stoff über Helgas Sofa. Bei meinem ersten Besuch ließ sie mich raten, was das merkwürdige Gebilde wohl sein könnte. Ich hatte natürlich keine Ahnung, und sie erzählte mir, dass sie aus Ostpreußen stamme, in der Nähe von Königsberg. Die schreckliche Flucht hat sie nie vergessen. In einem weiteren ihrer vielen Kartons sind Bilder aus ihrer verlorenen Heimat, Fotos, die sie als erwachsene Frau bei einem Besuch gemacht hat. Zweimal war sie dort. Beim ersten Wiedersehen war das Haus unbewohnt und verfallen, die Bilder erschreckend und trostlos. Das Haus ohne Seele. Beim zweiten Besuch war das Haus gerettet, es waren neue Menschen eingezogen. Den Fotos hat sie einen bewegenden Text vorangestellt.

Geboren in Marienfelde, Kreis Preußisch Holland (Ostpreußen)

Ein winziges unverputztes Ziegelsteinhäuschen – Fachwerk ist dortzulande unbekannt – ohne Ranken in die einsame weite Landschaft gesetzt, nur zwei Fenster an den Längsseiten, die Giebel mit Brettern verschalt. Gab es überhaupt einen Keller? Obstbäume, Wiesen, Wassergraben, Teich, ein bescheidener Garten, Schweinekoben, Hühnerstall… keine Gartenmöbel. Ungezählte Häuschen solcher Art gab es im deutschen Osten am Rande der Dörfer, in der Nähe der Herrengüter… bis tief nach Russland, bis nach Witebsk. Sie beherbergten einfache, oft kinderreiche Familien – doch hier gab es nur ein kleines, gesundes, blondes, neugieriges Mädchen, für das die Eltern sich mühten. Sie schienen glücklich… „Was wollt ihr mehr?“ … würde die Mutter auch später noch gesagt haben. Vater war rasch zufriedenzustellen, und Mutter war allem „Feinen“ gegenüber misstrauisch gewesen. Sie konnte nur ostpreußisch kochen, auch nach Kriegsbeginn brauchte man nicht zu hungern. Später im Westen beim „Italiener“ essen zu gehen kostete sie Überwindung. Wenn sie etwas größer gewesen wäre, hätte sie den Schlüssel in der Dachrinne verstecken können. Wurde überhaupt ängstlich abgeschlossen? Die Haustür stand meist offen, das blonde Kind ging ein und aus. Geflügel spähte neugierig in den Flur.

Hitze stand im ostpreußischen Sommer ums Häuschen, im Winter brachte der Vater vom Dienst die Kälte in die warme Stube, die Schneeflocken schmolzen rasch auf seiner Joppe. Manchmal war es langweilig… die Erwachsenen trugen dies gottergeben. „Ich hab’ nichts zu spielen“ – „Mach dich was!“ Wäscheklammern, Kastanien, Knöpfe mussten genügen. Wenn Mutter mal nicht da war, öffneten sich die Wunder ihres Nähkastens. In der Schublade des nackten Esstischs lag ein Kalender des Vaters, dort gab es auch Papier, Tinte und Feder und einen Bleistiftstummel, keine Farbstifte, mal ein Rotstift, er war stumpf.

Draußen immer die Stille, nur bei Wind hört man die ferne Bahn – Schwalben – Fliegen summen. Neugier und Sehnsucht treiben das wachsende Kind… Es muss doch etwas Schönes geben… es träumt von Bildern; an der Wand hängen nur die Fotos der Großeltern, die Eltern als Brautpaar, ein Blumensträußchen glitzert im Glasfach des Stubenschranks, vielleicht stehen da auch einige bunte, nie benutzte Gläser als Hochzeitsgeschenke. Wo ist etwas Schönes? Das Kind findet es noch nicht, es läuft weg, die Mutter holt es mit fester Hand zurück.

Bald werden hier alle vertrieben, nur die Tiere bleiben zurück, auch das Häuschen, es überdauert in seiner Traurigkeit Jahrzehnte, bis die junge Frau es wieder besuchen wird.

Sie hat weit weg all das gefunden, was sie dunkel in der Kindheit ersehnte. Ausgefallenes, Farbiges, Köstliches, Kunst. Sie findet immer etwas Besonderes. Alles betrachtet sie heute kennerisch, aber eigentlich ist es immer noch mit der tiefen Freude der Kindheit. Das ist so, wenn man im Ziegelhäuschen einfach und bescheiden gelebt hat.“ (Helga Pisters) 

Aus der Ferne (Helga Pisters)

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3 Antworten zu Helga Pisters – zum Geburtstag

  1. Bärbel Schaefer sagt:

    Den Nachruf an Helga Pisters haben Sie sehr liebevoll und persönlich geschrieben .
    Danke.
    Es ist trotz alledem sehr schmerzlich zu wissen, dass man diesen zauberhaften Menschen nicht mehr wiedersieht.
    Es bleibt nur eine wunderbare Erinnerung.

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