Books and Stories – Anne Perry

Nachruf Anne Perry (BFL)

Am 10. April starb in Los Angeles mit 84 Jahren die bekannte Bestsellerautorin Anne Perry, nur eine Woche nach der Veröffentlichung ihres neuesten Romans. Insgesamt hat sie mehr als 100 Bücher geschrieben. Geboren wurde sie 1938 als Juliet Marian Hulme in Blackheath in England, sie war erst 2017 aus Schottland in die USA gezogen, um sich für die Verfilmung ihrer Bücher einzusetzen.

Anne Perrys fiktive Welt ist mir durchaus vertraut, denn ich habe zwei ihrer Krimis übersetzt, Band 5 und 7 aus der zweiunddreißigbändigen Thomas Pitt-Reihe. Zusätzlich zu den Thomas Pitt-Romanen schrieb sie noch sechs Bände, in denen Pitts Sohn Daniel die Hauptperson ist. Ich bin ja ein bekennender Fan von Charles Dickens und habe daher eine Schwäche für seine Zeit, angeblich hatte ich sogar ein Woche lang die Ehre, eins seiner ehemaligen Fahrräder zu besitzen, was natürlich eine reine Erfindung des schlitzäugigen Verkäufers war („Believe me, love, this bicycle used to belong to Charles Dickens!“). Das Rad war leider so antik, dass seine Benutzung lebensgefährlich war, daher habe ich es nur wenige Male riskiert.

Als ich erfuhr, dass ich die Anne Perry-Bücher übersetzen sollte, las ich natürlich (!) zur Einstimmung auf die Sprache der Autorin und die viktorianische Atmosphäre alle Vorgänger-Bände, um mich in den nebligen, von Gaslaternen schwach beleuchteten Straßen, den schmutzigen Armenvierteln, den noblen Stadthäusern und den düsteren Pferdekutschen möglichst gut zurechtzufinden. Perrys Romane spielen fast alle im viktorianischen England zur Zeit von Jack the Ripper, und waren nicht nur stilistisch eine Herausforderung. Als ich die erste Szene in „Mord in Devil’s Acre“ übersetzte, die in einem scheußlichen Schlachthof spielt, wurde mir sogar ein bisschen übel, weil ich mir die Szene nicht aus dem Kopf und die Gerüche mir nicht mehr aus der Nase gingen. Als ÜbersetzerIn liest man natürlich ein Buch „anders“ und sehr viel intensiver (und öfter!) als jeder Leser.  Irgendwie fehlt mir aber ohnehin beim Lesen die nötige Distanz, allzu leicht geht dabei meine Fantasie mit mir durch. Ich kann mich noch an ein skandinavisches Kochbuch erinnern, das ich lektoriert habe und in dessen Fischrezeptteil mir permanent schlecht war. Ich mag keinen Fisch, nicht mal in einem Kochbuch. Ich fand Anne Perrys Plots sehr gut, aber ihren Stil manchmal etwas holprig. Ganz im Gegensatz zu Charlotte MacLeods geschliffener, witziger Sprache, die mir sehr viel mehr lag, doch bei ihr waren wiederum die Plots oft ziemlich bizarr.

Viele Anne Perry-Fans wissen vielleicht nicht, dass auch das Leben der Autorin bereits früh von einem Mord überschattet wurde. Die kleine Juliet wurde während des Krieges zu Verwandten nach Nordengland umgesiedelt, weil ihre Mutter nach der Geburt des Bruders unter Depressionen litt, und erkrankte zudem mit sechs Jahren an Tuberkulose, woraufhin sie zu einer Pflegefamilie auf die Bahamas geschickt wurde, da man annahm, ein wärmeres Klima würde ihrer Gesundheit guttun. Später lebte sie dann mit ihren Eltern in Neuseeland, wo ihr Vater eine Stelle als Rektor der University of Canterbury annahm, allerdings wohnte sie nicht zu Hause, sondern in einem Internat. Dort traf sie die gleichaltrige Pauline Parker, die ebenfalls kränklich war und ihre beste Freundin wurde. Es sei eine „obsessive“ Beziehung gewesen, sagte Perry später.

Besonders glücklich war die Ehe ihrer Eltern nicht. Als Juliet 15 Jahre alt war, ertappte der Vater seine Gattin, die auch noch ausgerechnet als Eheberaterin tätig war, im Bett mit einem Klienten namens Walter Perry und reichte die Scheidung ein. Das Sorgerecht wurde (natürlich) dem Vater zugesprochen, doch der hatte offenbar nicht vor, Juliet gemeinsam mit ihrem Bruder mit zurück nach England zu nehmen, sondern wollte sie lieber zu Verwandten in Südafrika schicken. Die beiden Mädchen, die fürchteten, getrennt zu werden, gerieten immer mehr in Panik und redeten sich ein, dass sie nur gemeinsam nach Südafrika gehen könnten, wenn Paulines Mutter tot wäre.  Daher beschlossen sie, Honorah Parker zu ermorden, und erschlugen sie während eines Spaziergangs im Victoria Park in Christchurch mit einem Ziegelstein. Mindestens zwanzig Mal schlugen sie zu. Die Tat erregte großes Aufsehen und wurde einer der spektakulärsten Kriminalfälle Neuseelands, zumal man damals einen lesbischen Hintergrund vermutete, den aber beide Mädchen weit von sich wiesen. Aufgrund ihres Alters entgingen sie der Todesstrafe, kamen aber für fünf Jahre ins Gefängnis. Mit der Auflage, einander nie wiederzusehen, wurden sie aus der Haft entlassen und nahmen eine neue Identität an. Juliet kehrte gemeinsam mit ihrer Mutter und deren späteren Mann Walter Perry nach England zurück und nannte sich fortan Anne Perry. Ihre Vergangenheit hielt sie geheim.

Sie entdeckte ihre Liebe für historische Kriminalromane und begann zu schreiben, ihr erstes Buch „The Cater Street Hangman“, ein Thomas Pitt-Roman,  erschien 1979, nachdem es sechs Jahre lang keinen Verlag gefunden hatte. Perrys zweiter Ermittler ist übrigens der Privatdetektiv William Monk, ein ehemaliger Polizist, der sein Gedächtnis verloren hat und gemeinsam mit seiner Frau Hester Latterly, einer ehemaligen Krankenschwester, Kriminalfälle aufklärt. Die Monk-Reihe ist zeitlich etwa dreißig Jahre vor der Pitt-Serie angelegt.

Police Inspector Thomas Pitt ermittelt ebenfalls im Duo, nämlich gemeinsam mit seiner Frau Charlotte (geborene Ellison), die als Tochter einer reichen, vornehmen Familie Zugang zu den Gesellschaftsschichten hat, die ihrem Mann normalerweise verschlossen bleiben würden. Oft genug hilft sie ihm (auch gegen seinen Willen) bei den Ermittlungen, indem sie Bekannte und Freunde ihrer Eltern oder auch ihren Vater oder andere Verwandte gekonnt „aushorcht“. Um die beiden Kinder kümmert sich derweil das Dienstmädchen Gracie. Der erste Band „Der Würger von der Cater Street“ wurde 1998 verfilmt.

Berühmt wurde Anne Perrys Geschichte durch den Film „Heavenly Creatures“ von Peter Jackson, in dem die junge Kate Winslet die Rolle der Juliet spielte. Anne Perry erfuhr nach eigenen Aussagen erst am Tag vor der Erstaufführung von dem Film und hatte große Angst, ihre Freunde würden sich danach von ihr abwenden, was aber nicht der Fall war. Der Film machte sie nur noch bekannter und kurbelte den ohnehin erfolgreichen Buchverkauf weiter an.

Es gibt auch einen deutschen Dokumentarfilm („Anne Perry – Interiors“) über die Schriftstellerin und ihren Umgang mit dem Mord und mit ihrer Schuld, aber man kann ihn im Moment leider hier weder streamen noch kaufen. Schade, ich hätte ihn mir gern angesehen und Anne Perry noch etwas besser kennen gelernt.

Nachruf Anne Perry (BFL)

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Rooms and Stories – Seminarraum

stranger (Craig Whitehead/unsplash)

Where is the stage: is it outside or inside? And how shall I compare thee?  Lässig, charmant, heiter. Klug, intellektuell, politisch. Jungenhaft, nachdenklich, verführerisch. Aufgeräumt, gut gelaunt. Man of he world. Spontaneous, relaxed, experienced, serene. Exzentrisch, ironisch, leicht abgehoben, eigenwillig, mit einem Hauch wissender Traurigkeit. Magnetisch. Vergangenheitsschwer. Ästhet. Musikliebhaber. Erwachsen. Reif. Egy lenyűgöző ember.

Vorliebe für graue, braune und melierte Anzüge, auch Dreiteiler, kurze und lange Mäntel. Tweed, eher gedeckte Farben. An nebeligen Herbsttagen wirkt der ganze Mann wie mit Rauhreif überhaucht, wenn er über die Brücke zwischen den Universitätsgebäuden schreitet. Er besitzt auch einen leichten hellen Sommeranzug und einen langen schwarzen Herbstmantel. Hemdkrägen offen oder verschlossen mit Tüchern, Krawatte oder Fliege. Eher selten leger, meist elegant. Nur einmal kariertes Hemd und braune Cordhose mit Ledergürtel.

Kopfbedeckungen, gelegentlich dunkler Hut, im Winter einmal fremd anmutende schwarze Russenmütze. Vielleicht ist sie auch nicht russisch, sondern ungarisch, ich kenne mich nicht aus mit Mützen. Lässig geschlungene Schals, die im Wind über die Schulter flattern. Dann wird er zum Schauspieler oder Opernsänger, auf jeden Fall zum Künstler. Sehr dunkle Sonnenbrille, die viel zu oft seine Augen verbirgt. So kann er unsichtbar beobachten, sich lästigen Blicken entziehen. Manchmal sehen seine unbedeckten Augen müde aus.

Eher schmaler, leicht spöttischer Mund, Eckzähne ein klein wenig zu spitz, fast wie bei einem Raubtier, doch nur angedeutet. Wenn er die Treppe herunterkommt, scheint er beinahe zu fallen, man erschrickt unweigerlich, wenn man ihn so sieht, er stürzt, fliegt, nein, schwebt die Stufen hinab. Ein Glück, dass er meist die Rolltreppe benutzt. Er bewegt sich ungewohnt anders, ich kann es nicht besser beschreiben, manchmal tänzelnd wie ein nervöses, sensibles Pferd, dann wieder energisch, zielstrebig, mit kräftigen, weit ausholenden Schritten, den Kopf fast im Nacken. Egy fekete ló szalad az éjszakában.

Sein unverwechselbares Lachen, es beginnt stumm bei schon geöffnetem Mund, bleibt nahezu tonlos, als würde es seine Meinung im letzten Moment ändern und sich lieber wieder zurückziehen, um sich dann unmerklich rasch zu verwandeln, während sich der Unterkiefer sanft nach innen schiebt, um das Lachen mit einem Mal herzhaft und beinahe übermütig ausbrechen zu lassen. Sein eigenwilliges Lachen, das durchaus lauter sein kann, doch nie zu laut, und an dem andere sich verschlucken würden, fällt nicht nur mir auf. Wenn ich mit Kommilitonen über ihn rede, ohne seinen Namen preiszugeben, sagen sie: „Meinst du den Engländer mit dem Lachen?“ Genau. Auf diese Weise lacht nur ein einziger Mensch.

Das dunkle Haar oben länger und über den Kopf gekämmt, um das beginnende Kahlwerden zu verdecken, bei jedem anderen sähe es lächerlich aus. Die Schläfen fangen gerade an zu versilbern, seitlich und hinten ist sein Haar manchmal leicht gelockt, besonders im Wind. Der Teint von Natur aus dunkler oder vielleicht auch sonnengebräunt. Augen tiefliegend, in runden Schattenhöhlen, groß, kastanienbraun, ab und an schwarz wie Nachtseen. Hände lang, schmal, musikalisch. Vielleicht spielt er Klavier? Ich lese, dass er in Fenton House in Londoner Stadtteil Hamstead gelegentlich Harfe spielt.

Er raucht. Möglicherweise viel. Zigaretten und Zigarillos, doch selbst das stört mich nicht. Mir gefällt, wie er mit langen schlanken Fingern die Zigarette hält, entspannt inhaliert, mit Nase und Mund feinen hellen Rauch ausatmet. Mein Pech, dass ich nicht rauche, so steht er in den Pausen mit den anderen Rauchenden am Fenster oder im Flur, während ich ihn von fern beobachte. Ich denke nicht, dass er es merkt. Ich weiß nicht, dass ich hochsensibel bin und aus diesem Grund weder Nikotin noch Alkohol vertrage, und bedaure meine Unzulänglichkeit tatsächlich auch nur in diesen beiden Semestern.

Linguist, Sprachgenie. Jemand, der fließend Ungarisch, Englisch und Deutsch spricht, auch Französisch, er kann spontan Baudelaire Gedichte zitieren, bestimmt auch Italienisch, denn das ist die Sprache der Opern. Jemand, der an Universitäten Türkisch und Arabisch studiert und später just for fun Koptisch lernt. It was really fascinating to listen to his stories about life, philosophy, history and of course languages, schreibt einer seiner Freunde im Nachruf, I have really appreciated his wisdom and knowledge in the social sciences and arts. Jemand, der viel und gern reist, unter anderem nach Nepal, Java und in den mittleren Osten. Der spontan nach Malta fliegt, um sich einen bestimmten Caravaggio anzusehen. Ein anderer Nachrufer war gemeinsam mit ihm im Oman und hat nur gute Erinnerungen.

1956 musste er als Student nach dem brutal niedergeschlagenen Aufstand in Budapest in den Westen fliehen. Kam nach England. London, Finchley Road. Mehr finde ich auch mit Hilfe des allwissenden Internets nicht heraus. Vielleicht später, denn das hungrige Netz wird schließlich ständig gefüttert und lernt jeden Tag dazu.

Ich bringe Karla zum Lachen, als ich gestehe, dass ich sein Rasierwasser etwas gewöhnungsbedürftig finde, auch wenn ich es mag. Wie könnte ich irgend etwas an ihm nicht mögen! „Aber der riecht nach Knoblauch!“ lacht sie mich aus, zuerst ist es mir peinlich, dann muss ich auch lachen. Ich kenne Knoblauch nicht, weil meine Mutter es verabscheut und daher komplett aus der Küche verbannt hat. Mich erinnert es bis heute, ich bin nachhaltig positiv konditioniert. Kann er kochen? Steht er elegant im Anzug am Herd wie Leonard Cohen und schmort Pörkölt oder Paprikás? Was isst er am liebsten? Trinkt er Tee oder Kaffee? Mag er Kuchen? Ich weiß nichts, was ich nicht selbst sehe und höre.

Melodische Stimme, tief und fest, aber auch samtig weich, selten im Hintergrund ein wenig härter. Ich liebe sein „particularly“ und wie er den Kopf schräg hält, wenn er andere nicht versteht. Er könnte gut Radio- oder Synchronsprecher sein. Ich finde plötzlich eine Geisterstimme im Internet, die offenbar ihm gehört, sie spricht Ungarisch und ich verstehe kein Wort. Da es ein Telefoninterview ist, klingt sie fremd und ich erkenne sie aufgeregt erst beim zweiten und dritten Hören. Bei jedem weiteren Hören bin ich mir dann plötzlich doch nicht mehr sicher. Ist er das wirklich? Ich finde sein Pseudonym. Vielleicht ist es auch sein Deckname. Die politischen Archivaufnahmen, unter denen der Name steht, wirken wie Geheimmaterial, wurden erst nach seinem Tod veröffentlicht.

Erstaunt entdecke ich ihn im Programm der weltberühmten Proms in der Royal Albert Hall. Prom 68, 14. Septembers 1995, 19:30. Er spricht den Prolog des Barden in Béla Bartóks „Duke Bluebeard’s Castle“. Es gibt keine Tonaufnahme, so intensiv ich auch suche. Ich stelle mir vor, wie er hoch aufgerichtet vor Tausenden von Menschen im Scheinwerferlicht steht, seine schöne Stimme die riesige Halle füllt. Ich höre den Prolog in drei Sprachen, schaue mir verschiedene Aufführungen der Oper an. Eigentlich mag ich keine Opern, doch diese ist nicht so lang und kompliziert wie die meisten. Das düstere Ende verstört und ängstigt mich so sehr, dass ich schlecht träume. Auch ich war einmal in der Royal Albert Hall, in der Last Night of the Proms 1977, ein denkwürdiger Abend, doch das ist eine andere Geschichte. Spricht der Barde 1995 Ungarisch oder Englisch? Beides? Seine Muttersprache klingt in meinen Ohren uralt, geheimnisvoll und irgendwie bedrohlich, erinnert mich an Altenglisch und Althochdeutsch, dabei gehört Ungarisch gar nicht zu den indoeuropäischen Sprachen.

If we had world enough and time. Das Gedicht nehmen wir im Essay-Kurs durch. Im Seminar muss ich alle Kraft aufwenden, um ihn nicht unablässig anzustarren. Mondd, a férfiakat vagy a nőket szereted? Lebst du allein? Bist du verheiratet? Hast du eine Partnerin, einen Partner? Beides? Bei den Studenten scheint er beide Geschlechter zu faszinieren. Nach den Kursen bin ich beglückt betrübt, will mit niemandem und allen über ihn sprechen. Karla, die beim ersten Blitzeinschlag und fast allen weiteren Begegnungen an meiner Seite ist, beobachtet mich, beobachtet ihn, beobachtet uns. Mit ihr kann ich offen reden, sie ist selbst unglücklich verliebt. Auch in jemanden, von dem wir nur das wissen, was wir selbst sehen und hören. The stage is outside, not inside. Wenn ich an Wochenende meinem Freund treffe, fühle ich mich fremd, weil sich ein anderes Gesicht sofort über seins legt, ich kann es nicht verhindern, und er beklagt ärgerlich, dass ich so weit weg bin.

Vielleicht wäre es besser, jetzt nicht ausgerechnet „Die Leiden des jungen Werther“,  „Women in Love“ oder „To his coy mistress“ zu lesen. Es dauert mehrere Wochen, bis er im Kurs meinen Namen behält und bei „Miss Felten?“ nicht länger suchend umherschaut, sondern sofort mein Gesicht findet. Ich war durchaus schon heftig verliebt, doch nie so fern und alles erschütternd. Um ihm nahe zu sein, gehe ich nach dem Unterricht nach vorn und gebe ihm einen fiktiven Brief zum Korrigieren, sehe zu, wie sich unsere Buchstaben verweben, das tun sie auch bei den Essay-Korrekturen. Einmal besprechen wir im Unterricht meinen Essay, das Werk liegt dabei als Matrizenabzug vor und beschert mir viele Zwischenblicke. Die Briefmethode funktioniert nur beim ersten Mal. Schon beim zweiten Mal korrigiert er ihn nicht neben mir, sondern wortlos während eines Tests. Es ist mir peinlich und ich gebe das Experiment auf.

Woher nimmt man als junger Mensch diese hoffnungsvolle, ängstliche Zuversicht? Woher den traumsicheren, rücksichtslosen Mut, sich einem unerreichbaren Fremden sacht und leise in den Weg zu stellen? Darf man überhaupt ungefragt die Kreise eines anderen Menschen betreten? Verliebt man sich in das Bildnis, das man sich vom anderen macht, da man die reale Person doch gar nicht kennt? Oder ist es möglich, den anderen so intuitiv wahrzunehmen, dass man ihm dabei  in die Seele schauen kann? Warum schmerzt unerwiderte Liebe so sehr? Es berührt mich, dass meine verlorenen Empfindungen selbst nach einem halben Jahrhundert noch bis in die feinsten Nuancen hinein abrufbar sind.

Ich schenke meine Gedanken dem derzeit besten Übersetzungsprogramm und hoffe, dass sie auch nach der Verwandlung verständlich sind.

Egy sötét macska szaladgál az esőben. Egy bagoly beleveti magát a tengerbe. Csak egy árnyék vagy. Mondd, hogy a halál hangosan vagy halkan jön? 

stranger (Craig Whitehead/unsplash)

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Rooms and Stories – Zimmer 15, Januar 1975

Sonntag ist ein neues Mädchen in die 15 gezogen, wir sind also Nachbarinnen. Masako und Sabine aus der 17 haben sie bisher auch noch nicht gesehen, auch nicht zufällig im Flur, und sie hat sich auch niemandem vorgestellt, wie es sonst bei uns üblich ist. Wir treffen uns oft in der Küche zum Reden oder Teetrinken, sie hat bestimmt unsere Stimmen gehört. Offenbar möchte sie lieber erst mal nur für sich sein, was wir verstehen und respektieren. Sie wohnt noch allein im Zimmer, wir wissen nicht, ob es momentan als Doppelzimmer oder Einzelzimmer genutzt werden soll.

Seit einigen Stunden läuft in der 15 ziemlich laut das Radio. In der Küche sprechen wir darüber und beschließen, etwas zu unternehmen. Wir klopfen bei der Neuen an und versuchen, mit ihr Kontakt aufzunehmen, rufen durchs Holz, sie soll bitte etwas leiser sein, weil die Musik uns stört. Sie reagiert nicht. Wir hören zwar Geräusche, aber sie will offenbar nicht aufmachen. Vielleicht hat sie Heimweh. Vielleicht geht es ihr nicht gut. Vielleicht weint sie, hat vielleicht Liebeskummer, und will nicht, dass wir es hören.

„Können wir was für dich tun?“ rufen wir. Keine Antwort. Schließlich schieben wir ihr einen zusammengefalteten Zettel unter die Tür.  Darauf steht: „Bitte dreh dein Radio leiser.“ Wir wagen nicht, die Klinke herunterzudrücken, als wäre es die verbotene letzte Tür aus dem Märchen. Sabine holt die Heimsprecherin, die sich traut, doch die Tür ist abgeschlossen. Das Radio wird auch nicht leiser, als es draußen dunkel wird. Später und später wird es, doch im Flur und durch die Wände kann man den Krach immer noch deutlich hören. Wenn wir nichts unternehmen, können wir alle nicht schlafen. Also holen wir wieder die Heimsprecherin und die informiert schließlich die Heimleiterin.

Kurz darauf ist sie vor Ort, versucht es wie wir mit Klopfen und Rufen, Rütteln und Klinkedrücken, und verschafft sich schließlich mit Hilfe des Generalschlüssels Zutritt. Zum Glück steckt innen kein Schlüssel, sonst hätte sie den Schlüsseldienst rufen müssen. Ein paar von uns stehen noch draußen und sehen sie im Zimmer verschwinden. Doch sofort stürzt sie wieder heraus, bleich, mit weiten Augen, die Hand am Mund, und jetzt bekommen wir Angst. Das Radio läuft unbeirrt weiter.

„Ist was passiert?“ fragt Sabine. Die Heimleiterin zittert am ganzen Körper, doch ihre Stimme ist fest. „Gehen Sie bitte alle in Ihre Zimmer und bleiben Sie dort. Kommen Sie auf gar keinen Fall auf den Flur, bis ich es Ihnen sage.“ Alles wirkt bedrohlich. Michelle ist im Moment in Frankreich, aber meine Freundin Karla ist bei mir, wir bleiben gehorsam im Zimmer, sehen und hören aber trotzdem, was draußen passiert. Karla und ich stehen am Fenster und beobachten den Eingang. Zuerst läuft ein Notarzt ins Haus, dann kommt die Polizei, schließlich zwei Männer mit einer Bahre. Wir hören die fremden Stimmen durch die dünne Tür. Jetzt stellt jemand das Radio ab. Als die Polizei erscheint, ist klar, dass die Neue tot ist.

Wir wissen nicht, wie sie ausgesehen hat und wer sie war, wir kennen nicht mal ihren Namen. Nur wenige Tage lang war sie auf unserem Flur, und jetzt wird sie heimlich weggebracht. Es quietscht, als die Männer die Bahre über den Gang rollen. Eine tiefe Stimme flucht, als sie die Bahre die Treppe hinunterschaffen, die enge Biegung ist sicher ziemlich schwierig für sie. Unser Aufzug ist für den Transport eindeutig zu klein. „Die war schwanger“, sagt die etwas höhere Männerstimme, die nicht geflucht hat, doch sofort widerspricht eine Frauenstimme. „Wir sind ein katholisches Haus! So etwas gibt es nicht in einem katholischen Haus!“

Gestorben vor mehreren Stunden, an einem Blutsturz. Das hören wir, und mehr werden wir nicht erfahren. Hätten wir sie retten können? Hätten wir gewaltsam die Tür eintreten sollen? Früher die Heimleiterin benachrichtigen? Aber es wäre nicht nett gewesen der Neuen gegenüber, sie sofort wegen ein bisschen Lärm zu verpetzen, versuche ich uns zu verteidigen. Ist sie verblutet? War sie sofort tot? Ist sie qualvoll gestorben? Hat sie allein versucht, ihre Schwangerschaft zu beenden? Hatte sie eine Fehlgeburt? Mir ist übel. Wir waren die ganze Zeit in ihrer Nähe und haben nichts unternommen, nur weil wir höflich und rücksichtsvoll sein wollten und ihre Privatsphäre respektierten. War das jetzt alles falsch? Ich fühle mich schlecht, verwirrt und irgendwie schuldig.

Mehr als das, was die Flurstimmen preisgeben, werden wir nicht in Erfahrung bringen, wir trauen uns auch nicht, die Heimleiterin direkt zu fragen. Wir vermeiden sogar, miteinander über das Erlebte und Gehörte zu sprechen. Wir schweigen und bleiben verunsichert.

Einige Tage lang ist es ungewöhnlich still auf unserem Flur. Fürs erste will niemand in das gefährliche Zimmer ziehen. Nicht mal, wenn es ein Einzelzimmer ist. Egal, wie beliebt Einzelzimmer normalerweise sind. Wenn ich an der 15 vorbeigehe, halte ich die Luft an und versuche, die stumme Tür auf gar keinen Fall anzusehen.

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Rooms and Stories – Zimmer 13

in der Bretagne

Als die Tür aufgeht und meine neue Zimmergenossin hereinkommt, bin ich angenehm überrascht und total erleichtert, denn sie ist mir sofort sympathisch. „Hallo, ich bin die Michelle“, sagt die zierliche Person, die nach Eau de Roches duftet, freundlich und reicht mir die Hand. Sie spricht leise und musikalisch, die französische Färbung ist nur ganz zart. Ich bin so froh, dass sie nicht raucht! Wir erzählen einander ein bisschen über unsere Heimatorte und unsere Eltern, und sie gibt mir gleich viele nützliche Tipps für den ersten Tag an der Uni, berichtet, welche Dozenten und Professoren sie bereits kennt. Wir atmen beide tief durch und lächeln.

Michelle hat weiches, dunkelblondes Haar, das direkt nach dem Waschen wellig und leicht gelockt ist wie feinstes Engelshaar. Ihre Augen sind braun, mit einer Spur Graugrün. Sie ist etwas älter als ich, studiert bereits seit einigen Semestern an der Sorbonne in Paris, ist sehr schlank und im Gegensatz zu mir äußerst sportlich. Hier in Köln wird sie ihre Magisterarbeit schreiben. Das Thema klingt kompliziert: Deutschland nach dem ersten Weltkrieg in den Romanen von Fallada „Kleiner Mann, was nun“ und „Wolf unter Wölfen“. Ich kenne den Schriftsteller nicht, wohl aber das Pferd Falada aus dem Märchen „Die Gänsemagd“, dessen Kopf nach dem Verrat durch die Kammerzofe an der Brückenmauer hängt und jeden Morgen so traurig der betrogenen Prinzessin antwortet. Die Prinzessin beginnt: „Oh du Falada, da du hangest.“ Und der Pferdekopf antwortet: „Oh du Jungfer Königin, da du gangest, wenn das dein Mutter wüßt‘, ihr Herz tät ihr zerspringen.“ Mir tat das Pferd immer sehr leid, als Kind hat mich der abgeschlagene Kopf gelegentlich in den Schlaf verfolgt. Mir selbst gefiel in dem Märchen vor allem der Zauberspruch der Gänsemagd-Königstochter: „Weh, weh, Windchen, nimm Kürdchen sein Hütchen, und lass’n sich mit jagen, bis ich geflochten und geschnatzt und wieder aufgesatzt.“ Geschnatzt ist ein wunderbar altmodisches Wort, das ich bis heute gelegentlich benutze.

 Aus dem Märchen lieh sich Fallada seinen Namen, erzählt mir Michelle, in Wirklichkeit hieß er Rudolf Wilhelm Friedrich Ditzen. Sein selbstgewählter Vorname stammt aus dem Märchen „Hans im Glück“. Pseudonyme sind sehr verlockend, ich überlege, wie ich mich selbst nennen soll, falls ich eines Tages Bücher schreibe. Das ist mein großer Traum. Bei den Exerzitien vor dem Abitur habe ich ihn zu meiner großen Überraschung zum ersten Mal ausgesprochen: „Ich möchte Schriftstellerin werden.“ Wir saßen im Kreis, gemeinsam mit einem sehr netten Priester, den wir nie wiedersehen würden, und sollten sagen, wie wir uns unsere Zukunft vorstellten. Meinen Eltern verschweige ich meinen kühnen Plan natürlich. Ich weiß genau, was meine Mutter sagen wird: „Brotlose Kunst! Kommt nicht in Frage!“ Vielleicht könnte ich meinen Nachnamen in die französische Form Valentin umwandeln, so hießen unsere hugenottischen Vorfahren. Aber möglicherweise ist das nur so eine Familienmär wie die angebliche Burg Felten, von der außer den Geschwistern meines Vaters kein Mensch etwas weiß. Die Hauptperson in Falladas „Kleine Mann, was nun“ nennt seine Frau „Lämmchen“, erzählt Michelle. Klingt ein bisschen wie „Liebchen“, so nennt mich mein Vater manchmal. Ich muss das Buch unbedingt lesen!

 Die erste kalte Universitätsdusche erwischt mich am nächsten Morgen bei der „Studienberatung für Erstsemester“. Dieses Gespräch ist für alle Neuen Pflicht. Der Professor wirkt genervt, hat wohl den ganzen Tag nichts anderes getan als sich mit unwissenden Frischlingen herumzuschlagen. Mich fragt er unfreundlich, warum ich denn ausgerechnet Germanistik studieren wolle. Es gebe in Köln ohnehin schon viel zu viele Germanisten. Auf diesen Affront bin ich nicht gefasst. „Weil ich Bücher liebe“, ist das Einzige, das mir einfällt und entspricht zudem der Wahrheit. Der Professor schnaubt. „Wenn das alles ist, sollten Sie besser Bibliothekarin werden.“ Ich fühle mich wie ein mit Eiswasser begossener Pudel. Den Rest der Beratung bekomme ich nicht mehr mit vor nachhaltigem Schreck. Die Zweifel, ob Germanistik wirklich das richtige Fach für mich ist, lodern stärker denn je. Später wird mir klar, dass er Linguist ist. Vielleicht hätte ich die Bücher nicht erwähnen sollen? „Weil ich die deutsche Grammatik und Sprachwissenschaft liebe“ wäre vielleicht eine bessere Antwort gewesen? Irgendetwas Witziges, Originelles hätte ich sagen sollen, ihm den Wind aus den Segeln nehmen, aber mir fällt in heiklen Situationen nie etwas Gescheites ein. Ob alle Erstsemester das mit der Liebe zu Büchern gesagt haben und er deshalb so sauer war? Am liebsten würde ich gleich alles hinschmeißen und gar nicht erst anfangen zu studieren.

Im Hauptstudium begegnete ich ihm später wieder, er leitete das Seminar „Übersetzungskritik“, ein Thema, das mich spontan faszinierte. Vielleicht ahnte ich damals schon, dass ich schon bald Buchübersetzerin werden würde. Wir verglichen verschiedene Übersetzungsversionen, hatten dabei immer Zielsprache und Ausgangssprache im Blick, denn ohne das Original zu kennen, kann man sich die Kritik gleich sparen. Wer nicht beide Sprachen perfekt beherrscht, kann eine Übersetzung gar nicht beurteilen. Das leuchtete mir ein. Eines Morgens ging es um Fachsprachen. „Die kann man nicht übersetzen“, meinte der Professor, „Hier muss man den entsprechenden Begriff in der Zielsprache einfach kennen, damit die Übertragung klappt.“ Als Beispiel wählte er die Waidmannssprache, die kenne ich recht gut aus meinen Kinderbüchern und durch meinen Jäger-Vater, und Minuten später beeindruckte ich den Professor, der mich im ersten Semester so verunsichert hatte, mit meinem rein zufälligen Wissen. Ich schien die Einzige im Kurs zu sein, die wusste, zu welcher Fachsprache „Lichter“, „Blume“, „Luder“ und „Schweiß“ gehörten und was sie in diesem Kontext bedeuten. „Sie sind aber intelligent!“ entfuhr es ihm. Ich wurde rot. Das unverdiente Lob freute mich. Mit Intelligenz hat die Kenntnis der Jägersprache natürlich genauso wenig zu tun wie die Germanistik mit der Liebe zu Büchern.

 Jeden Morgen setzt sich Michelle an ihren Schreibtisch, trinkt warmen Kräutertee, manchmal nascht sie auch Marmelade, und bleibt sitzen, bis sie mindestens fünf Seiten geschrieben hat. Manchmal geht es schnell, dann können wir auch schon mal gemeinsam zu Fuß in die Uni gehen, manchmal sitzt sie auch am Nachmittag noch dort, mit leicht zusammengezogenen Brauen und gezücktem Füller, es will ihr dann einfach nicht genug einfallen. Sie ist beneidenswert diszipliniert. Auch was ihre Fitness betrifft. Sie geht (gefühlt) jeden Tag schwimmen, weil es sie an die Bretagne und das Meer erinnert, in das man einfach morgens und abends hineinspringen kann, wenn man dort ein Sommerhaus hat. In der Bretagne würde ich auch gern leben! Michelle erzählt mir von blauen Hortensienbüschen, Menhiren und verwitterten Kalvarienbergen vor uralten Kirchen. In der Bretagne gibt es viele geheimnisvolle Orte, sogar einen personifizierten Tod, den Ankou, Legenden und Mythen, Broceliande, den sagenhaften Wald aus der Artusepik, und sogar eine eigene keltische Sprache, Bretonisch. „Du musst mich unbedingt dort besuchen“, sagt Michelle, und ich weiß, dass ich das ganz sicher tun werde.

 Samstags geht Michelle reiten, sie besitzt natürlich einen Reithelm und alles, was man zum Reiten sonst noch braucht. Sie sieht eindrucksvoll aus in ihrem Outfit und berichtet, dass deutsche Pferde viel größer sind als französische. Sie schwärmt für den jungen englischen Jockey Eddie Macken.

Ich schwärme auch. Erschreckend heftig, selbst für meine gefühlsstürmischen Verhältnisse. Für meinen ungarisch-britischen Lektor, in dessen Kurs ich ganz zufällig geraten bin. Es tut richtig weh und fühlt sich an wie Liebe. Ich kann an nichts anderes mehr denken. Als ich mich in seinem Zimmer im Philosophikum anmelde und ihn zum ersten Mal sehe, fällt mir alles aus den Händen, Tasche, Stift, Block. Als hätte mich der Blitz getroffen, so etwas Verrücktes ist mir noch nie passiert. Sein Gesicht muss einem uralten Seelenbild in mir entsprechen, von dem ich nicht weiß, woher es stammt. Aus einem Film? Einem Buch? Einem Traum? Einem anderen Leben? Ich bin in seinen Kurs geschickt worden, es ist ein sogenannter C-Kurs, weil ich im Placement Test schlecht abgeschnitten habe. Es war ein komplizierter Multiple Choice Test, der die Lektüre von etlichen Texten und Büchern voraussetzte, von denen ich bis dahin noch nie gehört hatte. Eine deprimierende Erfahrung, doch als jäh der Blitz in mich fährt, bin ich glücklich, dass mich der verpatzte Test ausgerechnet in dieses Zimmer geführt hat. 

 Wenn ich in den Intensive Language Course gehe (14:00 -17:00 Uhr im alten Vorlesungsgebäude, er kommt immer zu spät), ist mir schon morgens beim Aufstehen schlecht vor Aufregung und ich bekomme keinen Bissen herunter. Im Mittelhochdeutschkurs finde ich Worte für diese Gefühlsverwirrung bei Gottfried von Straßburg: „süeze sûr, liebes leit“. Wird er mich bemerken? Mir zulächeln? Das bodenlose Verliebtsein hat etwas zutiefst Erschreckendes. Es beginnt bereits, sich störend auf meine realen Beziehungen auszuwirken, denn für meine Gefühle macht es merkwürdigerweise überhaupt keinen Unterschied, ob sie erwidert werden oder nicht. Dieser Mensch erschüttert alles, was bisher war. Michelle wünscht mir „Viel Glück“, wenn ich donnerstags hoffnungsvoll ängstlich aus der Tür gehe. Natürlich interessiert er sich nicht für mich, auch wenn er mich gelegentlich anlächelt, so dass all meine Sehnsüchte ins Leere laufen. Im zweiten Semester besuche ich gleich zwei seiner Veranstaltungen, den Essay und den Translation Course. Danach ist er fort, und ich weiß nur, dass ich ihn nie vergessen und noch lange suchen werde. 

 Ab und zu fährt Michelle mit ihrem kleinen weißen C4 am Wochenende mit mir zu meinen Eltern. Beide mögen sie auf Anhieb, auch wenn sie isst wie ein Vögelchen, was meine Mutter nicht müde wird zu beklagen. Michelle ist oft unterwegs, so dass ich trotz des Doppelzimmers erstaunlich viel Zeit für mich allein habe. Doch es stört mich auch nicht beim Lernen oder Lesen, wenn sie da ist. Sie gehört einfach dazu. Zum Zimmer, zu Köln, zu meinem Leben.

Wir lieben zufällig genau dieselbe Musik: alles von Cat Stevens, aber auch vieles von Donovan, Ralph McTell („Streets of London“) und Bob Dylan (besonders „Hurricane“). Es ist die Zeit der Folk-Sänger und Michelle hat auch Musik von französischen Künstlern wie Alan Stivell, der damals in Deutschland schon gut bekannt ist. In der Bretagne gibt es auch Harfen und Dudelsäcke als traditionelle Instrumente, erfahre ich, denn es ist ein keltisches Land. Cat Stevens hören wir jeden Abend, eine von uns muss immer gefühlt hundertmal aufstehen, um den Recorder zurückspulen zu lassen, damit wir „Sad Lisa“ oder „Father and Son“ wieder und wieder hören können. Es ist ein friedliches, angenehmes Jahr in der 13, auch wenn mir die Uni und mein Freund bei der Bundeswehr enorm viel Stress machen.

 In der Bretagne war Michelle Meisterin für Kraulschwimmen, 4 x 100 Meter Staffel, ich bin tief beeindruckt. Ich selbst bin leider der unsportlichste Mensch, den man sich vorstellen kann. Michelle dagegen ist ein echtes Wassermädchen und hat vom Schwimmen eindrucksvoll starke Schultern. Sie zeigt mir Fotos von ihrem Bretonischen Spaniel und ihrem Irish Setter. Ihr Vater ist Zahnarzt und ein hervorragender Fotograf. Er fotografiert am liebsten Winzlinge: Insekten, Blüten, Grashalme, Tautropfen, aber natürlich auch seine Hunde. Auf einem Bild läuft der Spaniel durch ein wogendes Gräserfeld, am liebsten würde ich es vergrößern und über meinen Schreibtisch hängen. Oft wartet er stundenlang geduldig, bis die Grille, der Marienkäfer oder die Heuschrecke genau so sitzen, dass er sie perfekt fotografieren kann. Diese Jagd mit der Kamera kann ich gut verstehen und auch das befriedigende Glücksgefühl, wenn der richtige Moment gekommen ist und man das Bild „geschossen“ hat. Michelles Mutter klingt ähnlich kompliziert wie meine eigene, obwohl Michelle nie Negatives über sie sagt. Aber wir können beide zwischen den Zeilen lesen.

 Für mich ist das Zusammensein mit Michelle ein „Match made in Heaven“. Es gelingt uns mühelos, diskret, rücksichtsvoll, freundlich und entspannt miteinander umzugehen. Kein einziges Mal haben wir Streit oder auch nur eine Unstimmigkeit. Ich freue mich jeden Tag, mit ihr im selben Zimmer zu wohnen. Wenn ich nach Köln zurückkehre, ist es trotz der Kopfschmerzen, die mir die berüchtigte Kölner Bucht in den ersten Monaten beschert, schon bald genauso mein Zuhause wie mein Elternhaus. Morgens weckt uns Michelles Radio mit französischen Nachrichten, abends hören wir bis tief in die Nacht unsere gemeinsame Lieblingsmusik. Einen Fernseher gibt es nur im Gemeinschaftsraum, nicht in den Zimmern. Es ist eine ruhige, freundliche, sichere Zeit in Zimmer 13, ich lerne wichtige französische Wörter wie „bof!“ und „le truc“ und sehe unzählige französische Filme, denn das Institut Français liegt um die Ecke und wir besuchen auch oft die preiswerten kleinen Kinos, etwa die Cinemathek. „César et Rosalie“ mit dem schönen Sami Frey und dem interessanten Yves Montand sehen wir mindestens fünfmal.

 Es gibt nur ein Foto von unserem Zimmer, Michelle muss es gemacht haben. Ich sitze auf meinem Bett mit der knallroten Decke, die meine Mutter gekauft hat, und sehe fröhlich aus. Hinter mir hängen einige der selbstgemalten schwarzweißen Tuschebilder, meine Wimmelbilder aus der Pforte. Es muss in der Adventszeit aufgenommen worden sein, denn an der Wand hängt ein Adventskalender in Nikolausform, einer der wenigen Hampelmann-Kalender in meiner Sammlung. Man sieht auch den Rand des blauen Märchenposters von Edmund Dulac und eine Ecke des David Hamilton-Posters, auf dem die beiden Mädchen vor der verwitterten Mauer nie aufhören werden, die weißen Tauben zu füttern.

Im nächsten Jahr kennen wir uns fünfzig Jahre, und Michelles Gegenwart ist für mich immer noch genauso angenehm und entspannend wie damals. Wir brauchen selbst nach längerer Abwesenheit nur Sekunden, um wieder vertraut zu sein, und sind auf Whatsapp oft in Kontakt. Michelle reist gern und schickt mir stimmungsvolle Fotos aus fernen Ländern, entdeckt verwunschene Buchläden für mich und teilt mit mir die schönsten Sonnenuntergänge an ihrem bretonischen Strand. Inzwischen joggt sie jeden Tag. Sie liebt Hunde (besonders Beagles) wie ich Katzen (besonders Maine Coons). Wir sehen uns jedes Jahr, sie hat es sogar während der Pandemie nach Köln geschafft. Ich habe sie in Paris und in der Bretagne besucht, aber das sind andere Räume und andere Geschichten.

Der Tag, an dem sie aus Zimmer 13 auszog, war schrecklich. Ich brachte sie zum Wagen, wir gaben uns die letzten traurigen Luftküsse, und ich ging zurück in den einsamen, halbleeren Raum. Genau wie am ersten Abend. Schnell und ohne jemanden anzusehen. Schließlich wollte ich nicht vor aller Welt in Tränen ausbrechen. 

in der Bretagne

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Rooms and Stories – Universität zu Köln

Hüpfen (Jose MariaPerez/unsplash)

Als sie den Mensabereich „Wahlessen“ betritt, sieht sie ihn sofort. Er sitzt an einem Tisch in Fensternähe. Allein. Sie hat draußen im dunklen Schatten der Wände gestanden und beobachtet, wie er mit großen Schritten durch den Regen zur Mensa ging, dann eine Weile gewartet, ein Tablett mit irgendetwas Hastigem versehen und ist ihm gefolgt. Er ist nur mittwochs und donnerstags in der Uni. Was sie jetzt tun wird, fällt ihr sehr schwer, aber sie kann nicht anders. Es ist ein Kairos-Moment, den man nicht ungenutzt vergehen lassen darf. Im letzten Augenblick beschließt sie, nicht Englisch, sondern Deutsch mit ihm zu sprechen. Er beherrscht viele Sprachen, das weiß sie, in allen anderen wird sie ihm unterlegen sein. Bisher kennt sie ihn nur auf Englisch. Er bemerkt sie erst, als sie sich seinem Tisch nähert.

„Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mich zu Ihnen setze?“ „Überhaupt nicht.“ Er lächelt, hebt die Brauen und macht eine ermunternde Handbewegung, während sie mit unruhigen Fingern das Tablett abstellt, den grüngemusterten Stockschirm an den Tisch lehnt und ihre Mantelknöpfe aufnestelt. Sie trägt einen leichten schwarzen Sommermantel.

„Was reden denn die da draußen? Ich habe eben nicht aufgepasst.“ „Irgendein Kommilitone hat wohl politische Probleme. „Es geht also um Politik?“ Diese schönen Augen, denkt sie. Jetzt schauen die schönen dunkelbraunen Augen amüsiert nach unten auf seinen Teller. „Was soll denn das wieder für ein Fleisch sein? Man weiß nie, ob es gut ist, wenn man es anschaut.“ „Sieht aus wie Pferdefleisch“, meint sie. Er lacht leise. Er lacht sehr oft, auch im Unterricht. Er scheint die Welt aus sicherer Entfernung mit einer Mischung aus Heiterkeit, Ironie und Entspanntheit zu betrachten. „Pferdefleisch kenne ich, das schmeckt ganz gut.“ Jetzt blickt er auf ihren Teller und sieht nur Salat. „Sie mögen kein Pferdefleisch! Darum haben Sie also keins!“ Sie weiß nicht, was sie sagen soll. Wie immer in wichtigen Momenten setzt ihr Verstand aus.

„Dieses schreckliche Wetter heute macht mich traurig“, versucht sie. Kein guter Anfang.„Ja, der Sommer ist schon vorbei hier in Köln.“ „Meinen Sie?“ „Sicher. Zwei Wochen Sonne, und dann ist es vorbei.“ „Ich weiß nicht… “ „Im vorigen Jahr war es noch schlimmer, da gab es gar keinen Sommer. In Köln regnet es viel mehr als in London. Da sieht es so aus, als ob es jeden Moment regnet, aber es tut es nicht.“ In diesem Moment rutscht ihr Schirm und fällt. Zu seiner Seite. Sie bückt sich, doch er ist schneller und hat ihn bereits aufgefangen.

„Gleich fällt er wieder!“ warnt sie. „Bestimmt! Er ist zu lang. Das müssen Sie so machen, dann fällt er nicht mehr.“ Er hängt den Schirm gekonnt in einem merkwürdigen, erstaunlich effektiven Winkel an den Tisch. Sie schaut ihn verdutzt an. Er hebt die Brauen und lacht zufrieden. „Eigentlich komisch“, sagt sie. „Immer wenn ich diesen großen Schirm mitnehme, regnet es nicht, aber heute doch.“ „Sie hatten heute also Glück mit dem Schirm.“ Großes Glück, denkt sie. Und nicht nur mit dem Schirm.

„Wie schmeckt denn das Pferdefleisch?“ erkundigt sie sich. „Ganz gut, aber man hat es wohl vorher mit Sand bestreut.“ „Dann ist es vielleicht ein Wüstenpferd?“ Er lehnt sich zurück und lacht. „Könnten auch Kamelen sein“, meint er. „Aber das glaube ich nicht. Die sind zu teuer.“ Ach, wie schön es sich anhört, wenn er Kamelen sagt. Das ist bisher sein einziger Fehler, auch wenn er unverkennbar britisch klingt. Sehr sophisticated. „Man könnte sie aus dem Zoo klauen“, schlägt sie vor. Er sieht sie an. Lacht. Und spielt weiter mit. „In den chinesischen Restaurants bekommt man gutes Fleisch. Man sagt, auch schon mal Ratten.“ „Sie essen Ratten?“ Die Vorstellung erschreckt sie. „Nicht bewusst. Aber wenn, dann haben sie gut geschmeckt.“ „Meine Schwester aß früher Regenwürmer.“ Hoffentlich verdirbt sie ihm nicht den Appetit. „Gebratene?“ „Nein, rohe.“„Regenwürmer werden doch selten, oder?“ „Bei uns im Garten gibt es noch genug davon.“ „Aber Frösche?“ „Das stimmt. Davon gibt es nicht mehr so viele. Essen Sie auch Frösche?“ „Die schmecken ganz besonders gut.“ Jetzt wirkt er wirklich belustigt. Was redet sie da nur für einen Unsinn. Er scheint einen äußerst robusten Magen zu haben.

Sie schweigen eine Weile, er verzehrt mit bestem Appetit sein Fleisch und streut dann den Reis in die Sauce. Dabei fällt ihm das Messer in die Mischung. Er fischt es vorsichtig mit der weißen Papierserviette heraus.

„Sind Sie schon lange hier in Köln?“ fragt sie. „Seit einem Jahr und einem – oder zwei – nein, einem Monat.“ „…. und bleiben Sie noch?“ Plötzliche Angst zwingt sie zu dieser Frage. „Nein, ich gehe nach diesem Semester wieder zurück nach London. Ich habe im Sommersemester angefangen. Drei Semester sind genug. Es ist nur ein Ausflug.“ Er schaut sie an und lacht wieder. „Sie haben in diesem Jahr angefangen, nicht?“„Im vorigen Wintersemester.“ „Sie haben also gerade erst Ihr akademisches Jahr begonnen. Sagt man das auf Deutsch so?“ „Ja.“ „Köln ist keine so schöne Stadt. London ist auch nicht schön, aber schöner als Köln.“ „Das stimmt. Es gibt ein paar schöne Stellen in Köln, aber sonst….“ „Das Unicenter gefällt mir nicht.“ Das versteht sie sofort. „Nicht wie New York.“ Ganz sicher kennt er New York. „Ich war schon mal drin, ganz hoch oben. Es sieht aus wie ein Krankenhaus. Schrecklich.“ „Ja, die Gänge. Ich dachte so.“ Er lacht wieder. „Aber man kann sich dort gut umbringen. Von oben herunterspringen.“ Er sieht sie an. „Sie wollen einen dramatischen Tod? Man braucht gar nicht bis ganz oben zu fahren, es geht auch weiter unten.“ „Ich will aber wirklich sicher sein.“

Er sieht sie immer noch an. Nachdenklich. Alles an ihm ist schön, seine tiefe, melodische Stimme, seine Augen, seine Nase, seine  Nasenflügel, seine Zähne, sein Mund. Die langen schlanken Hände. Ob er ein Instrument spielt? Ob er klassische Musik mag? Er spürt ihre Verlegenheit und rettet sie, indem er das Gespräch in ungefährlichere Bahnen lenkt.

„Heute Morgen war es ganz schrecklich. Ich musste zum Straßenverkehrsamt. Wissen Sie, wo das liegt?“ Sie weiß es nicht. Er sagt den Straßennamen, doch sie vergisst ihn sofort wieder.  „Davor ist eine Schlachterei, und es wurde umgebaut. Ich war um halb sieben zu Hause losgefahren. Ich dachte, es wäre genug Zeit, zwei Stunden. Aber ich musste warten. Ich sollte meinen englischen Führerschein übersetzen. Das dauerte so lange! Als ich herauskam, gab es keine Straßenbahn und keinen Bus. Ich musste zu Fuß gehen. Und das war eine ziemlich große Strecke, eineinhalb Kilometer. Bis dahin konnte ich kein Taxi kriegen. Alles war nass und voller Pfützen. Ich musste richtig hüpfen.“ Jetzt muss sie auch lachen.

„Das hat bestimmt nett ausgesehen.“ Er verzieht zweifelnd das Gesicht. „Dann hatten Sie ja einen richtig frühen Termin.“ Er nickt. „Es war sehr früh am Morgen. Ich dachte, die Zeit genügt. Und ich muss es bis zum Wochenende unbedingt haben.“ Er atmet hörbar ein. Ihr Mund ist trocken, sie kann kaum schlucken. „Ich habe heute keine Lust, in die Vorlesungen zu gehen.“ „Das brauchen Sie doch auch nicht.“ Er zieht wieder die Brauen hoch und schaut sie an. „Es ist nicht so weit bis nach London. Etwas mehr als eine Stunde, wenn man fliegt.“ „Nicht drei Stunden?“ „Eine Stunde und ein bisschen. Man kann auch mit dem Fahrrad fahren.“ „Sie kennen mein Fahrrad nicht.“ Er lacht. „Man braucht wohl einen Tag mit dem Fahrrad.“ „Ich bestimmt nicht.“ „Also gut. Zwei Tage. Es ist auch nicht sehr weit bis Ostende.“ Er sagt Ostend.

„Ich war im vorigen Jahr in England.“ „Ja, wo waren Sie denn?“ „In London.“ „Und es hat Ihnen gefallen?“ „Ganz gut.“ „London ist etwas zu groß, wenn man es nicht kennt.“ „Ich habe mir nur die schönsten Stellen angesehen.“

Inzwischen hat er etwas umständlich seine Milch ausgepackt, zwei Strohhalme hineingesteckt und trinkt. Sie hätte nie damit gerechnet, dass er Milch trinkt. Wein, Whiskey, Kaffee, Tee. Aber Milch? Jetzt erinnert er sie an einen großen dunklen durstigen Vogel. Als er ausgetrunken hat, lehnt er sich zurück und lächelt.

„Wenn Sie mich bitte entschuldigen“, sagt er freundlich und sehr langsam, „ich habe noch eine Verabredung. Einen Termin. Ich stecke gerade so richtig in einem bürokratischen Apparat.“ Er zieht seinen kurzen grauen Mantel an, nimmt sein Tablett, nickt ihr zu und geht. Am Tischende dreht er sich noch einmal um, lächelt und sagt: „Guten Appetit.“

Dann ist er fort, und sie kann kaum glauben, dass er jemals da war. Ihr Schirm hängt noch in diesem neuen ungewohnten Winkel und sekundenlang sieht sie noch einen dunklen Schatten auf dem Stuhl gegenüber. Dann wird alles leer. Sie denkt nichts. Sie fühlt nichts. Bald wird er fort sein. Für immer. Dieser merkwürdige Wortwechsel wird ihr erstes und einziges Gespräch bleiben. Sie ist zwanzig. Er ist vierundvierzig, doch das weiß sie nicht. Sie weiß nichts über ihn und sein Leben. Als sie im Studentenheim ankommt, schreibt sie alles auf. Sie will kein Wort, keine Bewegung verlieren.

Nach einem halben Jahrhundert, zehn Jahre nach seinem Tod, steht alles noch unverändert in meinem alten Tagebuch, und ich erschrecke, als ich das Datum lese: 18. Juni 1975. Mein Gespür war richtig, es war wirklich der letzte Moment. Drei Wochen vor Semesterende.

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