Hochsensible Alarmanlage

wenn die Alarmglocken schrillen…. (Bild: Iculig/123rf.com)

Wie erklärt man Hochsensibilität?

Wie erklärt man jemandem, der noch nie etwas von Hochsensibilität gehört hat, diese Eigenart? Man kann sie sich gut wie eine komplizierte, mit allen Raffinessen ausgestattete innere Alarmanlage vorstellen.

Individuelle Krisenmelder

„normale“ Alarmanlage (Bild:Boiko Illia/123rf.com)

Jeder Mensch wird sozusagen mit einem individuellen Krisenmelder geboren, der vor Bedrohungen warnt. Die Normalversion ist solide, stabil und zuverlässig, reagiert nur bei Gefahr und ist wenig störanfällig. Wenn sie Alarm schlägt, steht ein Einbrecher vor der Tür, droht ein Herzinfarkt, steckt man in einer Beziehungskrise oder hat Megastress im Büro.

Hochsensible Alarmanlage

Die empfindliche Hochleistungsversion dagegen ist mit unzähligen komplizierten Zusatzsensoren, Rauchmeldern, Fühlern, Mikrofonen und Kameras ausgestattet. Die Sirenen schrillen bereits, wenn ein Mäuschen vorbeihuscht, das Herz zu schnell schlägt, der Partner ein falsches Wort sagt oder die Chefin komisch guckt. Manchmal reicht es sogar schon, wenn jemand in der Nähe lediglich hörbar kaut oder atmet. Die Riesenanlage macht unglaublich viel Lärm um nichts, und kaum jemand kommt auf Anhieb mit ihr klar.

meine HS Alarmanlage (Detail 1)

Wie zum Teufel funktioniert das Ding bloß?

Irgendwann hadert der überforderte Anlagebesitzer mit sich und der Welt. Warum bin ausgerechnet ich mit diesem Ungetüm geschlagen? Warum kann ich damit nicht umgehen? Alle anderen schaffen es doch mit ihren Anlagen auch. Warum springen all meine vielen Konvertoren und Transformatoren nicht an? Wie kann ich sie in Gang setzen? Wie kann ich Angst in Neugierde oder Stress in Eu-Stress verwandeln? Wie kann ich den ständigen Hintergrund-Scan zumindest kurzzeitig ausstellen? Den Entspannungsmodus aktivieren? Den Panikmodus verlassen? Was muss ich beachten, wenn ich einen Neustart durchführen möchte?

meine HS Alarmanlage (Detail2 – und so geht das endlos weiter… )

Keiner versteht mich…..

Auf Verständnis kann man nicht hoffen. »Stell das Ding doch ab! Hör nicht hin, wenn die Sirenen heulen. Markerschütternd? Ohrenbetäubend? Komisch, ich höre nichts. Leg dir doch eine andere Anlage zu!« Wenn es nur so einfach wäre. Man hat sich das zickige Supermodell schließlich nicht selbst ausgesucht! Früher oder später schämt sich der arme Besitzer nur noch in Grund und Boden und kann sich selbst nicht mehr leiden. Fatal! Für Schwankungen des Selbstwertgefühls gibt es einen Zusatzsensor, der mit hochgiftigen Stressdämpfen reagiert. Was tun?

„perfect bliss“ – so nenne ich ganz besondere Wohlfühlmomente (Bild: Erik Reis/123rf.com)

Gebrauchsanweisungen

Hoffnung naht! Seit einigen Jahren gibt es nämlich »Gebrauchsanweisungen« für die komplizierte Anlage, die genau erklären, wie sie funktioniert und wie man sie warten, umprogrammieren oder zumindest so einstellen kann, dass sie nicht ständig stört. Bereits das Lesen führt zu sofortiger Entspannung. Es hilft, wenn man endlich versteht, dass sie bestimmten Mustern folgt, die allerdings bei jedem anders sein können. Vielleicht reagiert sie besonders heftig, wenn man ein Kaufhaus betritt, Hunger verspürt, oder das Thermometer 30 Grad übersteigt? (Bei mir liegt die Wohlfühltemperatur bei 20-24°, ab 30 schrillt bei mir unüberhörbar die Alarmglocke und hatte früher sogar einen direkten Draht zum Panikmodus.)

Schlüssel zum Glück (Bild: Zimmytws/123rf.com)

Lebensverfeinerungssystem

Aber das Beste kommt noch. Wenn man sich liebevoll mit ihr beschäftigt, offenbart die Anlage ihre wahren Qualitäten, und schon hat man das faszinierendste Lebensverfeinerungssystem, das man sich vorstellen kann: eine Anlage, die sämtliche Sinneseindrücke und Gefühle genau aufzeichnet und verstärkt, eindrucksvolle Bilder, Erinnerungen und Träume produziert und über ein riesiges Kreativitätsarchiv  verfügt. Wenn man den richtigen Knopf gefunden hat, kann man unglaublich schöne kleine Wohlfühlmomente erleben, die ich bei mir „perfect bliss“ nenne. Die Anlage schafft es manchmal sogar, dass man die Welt um sich herum komplett vergisst und ganz in dem aufgeht, was man gerade erlebt oder tut. Diesen wunderbaren Zustand frei von Stress und Angst nennt man »Flow«.

(aus: „Von wegen Mimose“, meiner eigenen hochsensiblen „Gebrauchsanweisung“)

so fühlt sich bei mir ein Flow an …… (Bild: delcreations/123rf.com)

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„Wenn et Fasteloavend es….“

Fasteloavend (BFL)

Als Kinder gingen wir am Niederrhein an Fasteloavend immer die „Vuu jaare“. Dazu zogen wir kostümiert von Haus zu Haus, sangen ein altes plattdeutsches Lied und sammelten so viele Süßigkeiten, wie wir nur tragen konnten. Wer trotz intensiver Beschallung die Tür nicht öffnete, wurde als „Jitshols“ beschimpft.

„Wän et Fasteloavend es, dann jaare we di Vuu! Aier Aier in dä Koref, Leäwerwuersch detuu!
 Lot dat Mätske sengke, duer de vätte Schengke, Abrams Käthe, der Moon es duet, di Vrau es duet, Jef die Vrau jet vöer di Schnuut!“

Wir hatten sogar beim Heischegang mit schwerwiegenden Problemen zu kämpfen, denn unsere Mütter hatten bei der Kostümwahl leider das letzte Wort. Ich wäre liebend gern wenigstens ein Mal Cowboy gewesen, aber das schickte sich nicht für Mädchen. Auch Winnie durfte nicht Häuptling sein, aber immerhin Indianerin. Mit langen, blauschwarzen Zöpfen und rabenschwarzen Augenbrauen. Darauf hatte ihre Mutter bestanden. Sie trug ein sackartiges Gewand mit Fransen, braune Mokassins und ein gestreiftes Stirnband, das mit einer einzigen giftgrünen Feder geschmückt war.

„Schon wieder kein richtijer Kopfschmuck“, maulte sie. „Bloß die blöden Zöpfe und die ömmelige Feder. So’n Mist.“ Sie überlegte. „Machste mir die Zöpfe mal auf?“

Danach sah sie richtig wild aus. Ihre neuen Haare waren blauschwarz und wellig und reichten ihr fast bis auf die Brust. Die Feder saß jetzt nicht mehr ordentlich hinten am Kopf, sondern schön schief an der Seite. Winnie hatte noch mehr Federn mitgebracht, die wir zusätzlich in ihrer eindrucksvollen Mähne verteilten.

„Rotweiß“ (BFL)

Mich hatte es diesmal wieder besonders schlimm erwischt. Mein Kostüm war bunt mit Rauten. Gelben, grünen, blauen, roten und weißen. Auch die roten und gelben Zacken mit den vielen Glöckchen an Ärmeln und Knöcheln gefielen mir gar nicht. Ich sah wirklich kein bisschen cowboymäßig aus. Notfalls wäre ich auch gern als Pirat gegangen. Mit Augenklappe und Säbel. Aber leider gehörte sich auch das nicht für Mädchen. Am schlimmsten war mein Narrenhut mit den beiden großen Glöckchen, die bei jeder Bewegung fröhlich bimmelten. Angeblich das Markenzeichen meiner Figur, aber leider viel zu eng und viel zu warm. Vorn sah die Schellenkappe aus wie Micky Maus, denn ich hatte ein schwarzes „V“ mitten auf der Stirn, das wie verrückt juckte.

„Schon wieder so wat Komisches!“ wunderte sich Winnie. „Wat biste denn diesmal?“ – „Till Eulenspiegel“, antwortete ich bedrückt. – „Kenn’ ich nich’“, sagte Winnie. – „Meine Mutter sagt, der is’ richtig berühmt“, verteidigte ich ihn. – „Kenn’ ich trotzdem nich’“, meinte Winnie. „Na ja, wenigstens haste Jlöckchen. Un’ zwar ziemlich viele.“ – „Aber die Hörner!“ – „Ja, die Hörner sind wirklich Scheiße!“, musste Winnie zustimmen.

Besonders scheußlich fanden wir unsere knallroten Lippen, auch eine Idee unserer Mütter, und den ekelhaften Schönheitsfleck, der mitten auf meiner rechten Wange prangte. Wieso hatte dieser Till Eulenspiegel eigentlich einen Schönheitsfleck? Er war doch ein Mann! Als ich versuchte, ihn abzuwischen, gab es eine Riesenschmiererei. Winnie griff tatkräftig ein. Mit einem nicht ganz sauberen Taschentuch und ziemlich viel Spucke. „Ich krieg’ dat auch nicht ab“, resignierte sie schließlich. „Jetzt siehste noch schlimmer aus als vorher. Die Backe is’ knallrot.“ – „So’n Mist“, maulte Till Eulenspiegel, während die Glöckchen lustig an seinen Knöcheln und seiner Schellenkappe bimmelten. „Dann bin ich ja total verschangeliert!“ – „Aber et passt jut zum Lippenstift“, tröstete mich Winnie. „Von der Farbe her, mein’ ich.“

„Clown“ (BFL)

Axel Brökskes von gegenüber durfte natürlich Häuptling sein und wusste sein Glück nicht mal zu würdigen. Er raste nur wild ballernd durch die Gegend, brüllte „A-a-a-a!“ und schlug sich dabei mit der Hand vor den Mund. Als er Winnie sah, grinste er blöd und sagte: „Huck! Da kommt ja meine Squaw!“

„Wenn de nich’ sofort die Schnauze hältst“, ranzte Winnie ihn an, „kriechste eins aufs Maul. Außerdem find’ ich deine Kriegsbemalung bescheuert.“

Axel zögerte. Die bunten Streifen auf seinem Gesicht begannen unsicher zu zucken. „Aber die Marlies, die sieht wirklich Scheiße aus!“, rief er schnell, schwang ein letztes Mal drohend sein Kriegsbeil und ritt auf seinem imaginären Hengst davon. Wir waren stinksauer. Warum ließen Eltern einen nicht mal an Karneval das sein, was man wirklich wollte? Dann hätten wir es dem blöden Axel zeigen und ihn kurz und klein hauen können. Oder ihn wenigstens an den Marterpfahl binden und um ihn herumtanzen können. „So schlimm siehste auch wieder nich’ aus“, tröstete mich Winnie. „Dat Kostüm is’ schon irjenswie interessant, find’ ich.“

Mit unseren Körben bewaffnet marschierten wir auch diesmal mutig von Haus zu Haus und sangen, was das Zeug hielt. Was der Liedtext bedeutete, wussten wir nicht. Es war eben echte Kattendonker Tradition und uralt. Das genügte. Das hatten schon unsere Großeltern gesungen.

„Dreeimol öm di Flööt, dreeimoel öm di Tööt, dreeimol öm dä Schtüüver Schtüüver,
 Moon lot ons net te lang waute
, We mode noch en Hüske wier joan. Jäf mich en Ai, dann jon ich verbai
. Jäf mich ene Tsänt, dann bin ich kontänt.“

(aus: „Mit Winnie in Kattendonk“)

„Feder“ (BFL)

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Rosenmontag am Niederrhein

Karneval (BFL)

Es war einmal … an einem kalten Rosenmontag vor vielen, vielen Jahren.  An Karneval fällt es mir jedes Mal wieder ein. Eine denkwürdige Begegnung und der Beginn einer wunderbaren Freundschaft!

Damals mit Winnie

„Meine Freundin Winnie traf ich zum ersten Mal an Karneval. Ich muss fünf oder sechs gewesen sein. Wir trugen leider beide Kostüme, die wir uns nicht selbst ausgesucht hatten. Winnie war Prinzessin, ich war Maus. Mit übel drückenden Nagezähnen aus Plastik und einem langen Schwanz, der unschön auf dem Boden schleifte. Meine Mutter hatte das Kostüm höchstpersönlich genäht, denn sie legte großen Wert darauf, dass ich immer etwas „Originelles“ trug. Maus war damals in Kattendonk tatsächlich sonst keiner. Wahrscheinlich auch vorher oder nachher nicht. Winnie lachte sich kaputt, als sie mich sah, und vergaß, wie sauer sie war, dass sie Pink tragen musste und Prinzessinnen nicht ausstehen konnte. „Wat bis‘ du denn?“ kreischte sie. „Soll dat ne Ratte sein oder wat?“ Ich wurde rot wie eine Tomate. „Ich bin Maus“, erklärte ich so würdevoll wie möglich. „Aber aussehen tuste wie ne Ratte!“ wieherte sie gnadenlos. Ich war tief getroffen. Eigentlich wollte ich ihr böse sein, aber ihr Lachen war so entwaffnend, dass ich unweigerlich mitlachen musste. Dann gab mir Winnie den ersten von vielen wirklich guten Ratschlägen. „Nimm die blöden Zähne doch einfach raus“, meinte sie. Ob ich das durfte? Meine Mutter hatte das Frontgebiß doch eigens für mich und mein Kostüm in Krefeld erstanden. Ich schaute mich suchend um. Meine Mutter war nicht zu sehen. Ein Glück. Das hätte sie nie im Leben gebilligt. Dann nahm ich mutig die Nagezähne aus meinem Mund und fühlte mich gleich bedeutend besser. „Na siehste“, grinste Winnie. Und von dem Moment an waren wir die besten Freundinnen auf der Welt.“ (aus: „Mit Winnie in Niersbeck“)

Prinzessin  (BFL)

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Hohenlohe am Brüsseler Platz

„Irgendwo in Hohenlohe“ (Andreas Schmelz)

Jetzt ist auch in dem Roman, den ich gerade überarbeite, Anfang Februar. Andy, dem die Bäckerei nebenan gehört, hat gerade neue Winterbilder aus seiner Heimat aufgehängt, so dass man auch im Belgischen Viertel in Köln (zumindest mit den Augen) jeden Tag mühelos nach Hohenlohe reisen kann. Herr Hayashi, der aus Japan stammt, sagt, dass ihn manche von Andys Bildern an japanische Haikus erinnern, vor allem das mit der Sonne. Im Café ist es in dieser kalten Zeit warm und gemütlich, und Andy bereitet sich schon intensiv auf den Kölner Karneval vor. Seine Muzemandeln sind kleine Meisterwerke, dezent bezuckert, feinfühlig mandelig und veredelt mit einem Hauch von Rosenwasser, eben perfekt „schmelzig“.

„Kupferhofallee“ (Andreas Schmelz)

Der alte Herr Christen aus der Lütticher Straße hat gefragt, ob man die Bilder eventuell kaufen könne. Ihm gefällt vor allem die Kupferhofallee im Schnee. Als er heute zu seinem üblichen Morgenkaffee in die Bäckerei kam, hat Andy ein kleines flaches Päckchen vor ihn auf den Tisch gelegt. Darin war – die Kupferhofallee. Da hat er der alte Herr Christen, der sonst nie die Fassung verliert, tatsächlich angefangen zu weinen.

„Schneebäume“ (Andreas Schmelz)

Am Brüsseler Platz leben im Buchjahr 2003 noch viele ältere Menschen. Eine davon ist die blinde Frau Hagedorn. Sie wohnt direkt neben der Kirche. Meine Marigard im Buch liest ihr seit kurzem vor und beschreibt sie auch näher.

„Winterapfel“ (Andreas Schmelz)

„Frau Hagedorn ist schon über achtzig, und operieren kann man ihre Augen nicht mehr. Sie sieht jetzt mit den Ohren, mit der Nase und mit den Fingerspitzen. Manchmal betastet sie vorsichtig mein Gesicht. Weil sie schon so alt ist, möchte sie nicht mehr umziehen, obwohl sie eigentlich rund um die Uhr betreut werden müsste. Sie will auf keinen Fall in ein Heim. Meistens sitzt sie am Fenster und träumt. Manchmal fallen ihr Gedichte ein, die sie früher gelesen hat. Sie hat seltene Bücher, die es nicht mal bei Herrn Halibutt im Antiquariat gibt. Zum Beispiel das Buch vom Puppenzwerg. Manchmal erinnert sie sich auch an ihre Verwandten. Leider sind die meisten tot. Ihr Vater war Bäcker, und sie kann das frische Brot immer noch riechen. Andy bringt ihr morgens die Brötchen, und eine Nachbarin geht für sie einkaufen und kocht für sie. Ihr Highlight des Tages ist Herr Prinz. Wenn er Urlaub hat, wird ihre Welt wirklich finster, sagt sie. Ich finde es traurig, dass sie so allein lebt. Aber sie ist zufrieden damit, in sich reinzuhorchen und sich zu erinnern. „Mit dem Alter wird man müde“, sagt sie. „Und dann geht man immer weiter zurück in die Vergangenheit.“ Dann sitzt sie am Seerosenteich ihrer Oma und beobachtet die Enten. Oder sie steht neben ihrem Vater in der Bäckerei und verkauft Kuchen. Sie sagt, dass Andy genau so gut nach Backstube und Café duftet wie früher ihr Papa.“

„Frostnetz“ (Andreas Schmelz)

Herr Prinz ist der Briefträger und die gute Seele im Viertel. Auch er schaut jeden Tag bei Andy vorbei. Mit oder ohne Post, denn er beendet seine tägliche Runde immer mit einem Milchkaffee. Den wunderbaren Briefträger aus meinem Buch hat es übrigens wirklich gegeben, und ich habe seinen Namen nur ein ganz klein wenig verändert. In Wirklichkeit hieß er nicht Prinz, sondern Kranz. Ich habe ihn damals extra für meinen Roman, der in meinem Kopf schon vor vielen Jahren Gestalt anzunehmen begann, ausgiebig interviewt. Dabei erfuhr ich zu meiner Verwunderung, dass Herr Kranz nicht nur der blinden Frau am Brüsseler Platz morgens die Post vorlas, sondern auch für etliche ältere Menschen im Viertel „schnell mal“ einkaufen ging und für einige Wohnungen sogar den Schlüssel hatte.“Falls mal was passiert, und keiner es merkt.“ Er war dann auch tatsächlich mehr als einmal der Retter in der Not, etwa wenn jemand unglücklich gestürzt war und hilflos in der Wohnung lag, oder plötzlich krank wurde und es nicht mal mehr zur Tür schaffte. Einmal fand er sogar einen älteren Mann, der sich aus Verzweiflung über seine unheilbare Krankheit umgebracht hatte. Er merkte sofort, wenn etwas nicht stimmte oder jemand Trost und Zuwendung brauchte.

„Kleine Wunder“ (Andreas Schmelz)

Für mich gehörte Hans Kranz, unser ehemaliger Briefträger im Belgischen Viertel, der bei seiner Arbeit so viele lustige, schöne und traurige Geschichten erlebt hat, eindeutig zu den ganz großen, oft übersehenen und vergessenen „Helden des Alltags“. Dass er durch seine fürsorglichen Einsätze immer viel länger arbeitete, als er eigentlich musste, hat ihn nie gestört. Er fühlte sich in unserem Viertel zu Hause, mochte die Menschen dort und kannte jede Ecke und jedes Haustier. Er war ein fürwahr hochsensibler Mensch, der schon von weitem sah, wenn es einem schlecht ging („Das merke ich schon am Gang“) und stets ein offenes Ohr und ein gutes Wort zur rechten Zeit hatte. Dabei war er immer bescheiden und äußerst diskret. Ich hatte das große Glück, dass er mir meine Post „aus Tradition“ persönlich überreichte, statt sie einfach unten in den Briefkasten zu werfen. Obwohl er dafür bis in den dritten Stock hoch musste (zum Glück gab es einen Aufzug). Er wußte, dass ich als Übersetzerin den ganzen Tag allein zu Hause am Schreibtisch saß, und hatte vielleicht auch das Gefühl, dass wir irgendwie seelenverwandt waren. Vielleicht genoß er die kurzen Begegnungen an der Tür oder unten auf der Straße ja auch genau so sehr wie ich? Wir haben den Kontakt bis zu seinem Tod vor zwei Jahren nicht abbrechen lassen und uns zu Weihnachten immer Karten geschickt. Wenn möglich, mit einem richtig schönen, knallroten englischen Briefkasten. Und einem Rotkehlchen oben drauf.

„Winterbaum“ (Andreas Schmelz)

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Verschneit liegt rings die ganze Welt

Schneemännder (Simone Garland)

Noch ist Winter, die Zeit der Stille, die Zeit der Kälte. Die Zeit der langen, dunklen, einsamen Nächte. Die Zeit der Flocken, des Raureifs, der Eiszapfen. Die Zeit der Winterstürme, glatten Straßen und gefrorenen Seen. Wie lange ist es eigentlich her, dass ich meinen letzten Schneemann gebaut habe?

„Zufrieden“ (Simone Garland)

Bei uns in Köln war der Winter bisher recht nachsichtig, wenn man von den beiden heftigen Orkanen Burglind und Friederike einmal absieht, die sich leider auch in unserem Garten wieder ein Baumopfer geholt haben. Friederike riss unseren geliebten uralten, mit Efeu und duftender Clematis bewachsenen, „heiligen“ Holunder innerhalb von Minuten buchstäblich aus den Wurzeln, so dass sich die Singvögel jetzt einen neuen Lieblingsbaum suchen müssen. Langsam wird es kahl am Gartenrand, nachdem der extrem trockene Sommer auch schon dem Lebensbaum von über 25 Metern den Garaus gemacht hat und Kyrill hat seinerzeit mit einem Atemzug die große Blutpflaume gefällt. Ich bin immer wieder erschüttert, wie schnell ein Baum verschwindet, wenn man bedenkt, wie viele Jahre er braucht, um sich zu entfalten. Der Verlust meiner Bäume macht mich immer sehr traurig.

In anderen Teilen der Welt war und ist dieser Winter jedoch außergewöhnlich hart. An der Ostküste der USA sorgten arktische Temperaturen dafür, dass der New Yorker Flughafen JFK zeitweise völlig lahm gelegt wurde, in Kanada fiel die Temperatur zeitweise auf drastische -50°C. Meine Freundin Simone Garland berichtet aus Kanada, sie hätte in dreißig Jahren noch keinen so eisigen Jahreswechsel erlebt. Auch im Januar sind die Temperaturen dort tagsüber eisig, die gefühlte Temperatur erreicht durch den schneidenden Wind oft sogar -35 Grad. Heute, am 30. Januar zeigt mir meine Wetter-App für Ontario grade auch nur -26°C, nachts fällt die Temperatur diese Woche sogar wieder auf -30°. Die Extremkälte ist sicher äußerst unangenehm, doch die Bilder, die sie für Simone gezaubert hat, sind einfach wunderschön. Dass selbst die Niagara Fälle einfrieren können, habe ich mir bisher noch nie bewusst gemacht. Simone hat auch dieses Naturschauspiel eingefangen.

Niagara Fälle (Simone Garland)

Simone hat mehrere Katzen, unter anderem einen wilden kleinen Streunerkater, der so scheu ist, dass er sich auch bei Extremkälte nicht ins Haus wagt. Doch er bleibt in der Nähe, lässt sich füttern und genießt die liebevolle Fürsorge. Simone macht es ihm leicht. Der Kleine schläft in einer isolierten Hütte mit Heizmatte und ist sogar stolzer Besitzer eines beheizten Wassernapfs. Wie schade, dass er seine Geschichte nicht erzählen kann. Ob er schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht hat und sich daher vor lauter Angst nicht ins warme Haus traut? Vielleicht hat er auch nur als Kitten die sensible Prägephase verpasst und erst viel zu spät Menschen kennen gelernt? Auf jeden Fall ist für ihn gesorgt, und man sieht, dass es ihm trotz allem gut geht.

„Carter“ (Simone Garland)

Ich habe seit ich denken kann eine Schwäche für Schneebilder und Schneemärchen. Schon immer war Andersens „Schneekönigin“ mein Lieblingsmärchen, und ich kann mich gut erinnern, wie ich als kleines Mädchen zusammen mit meiner Freundin am Fenster saß und nach dem mächtigen Schlitten der Schneekönigin Ausschau hielt. Wir wussten, dass sich um die eisige Luftkutsche, die von starken Schneepferden gezogen wurde, die Flocken zu wundersamen Gestalten ballten. Wenn man nur lange genug wartete, entdeckten man sie sogar, all die geheimnisvollen Polargänse, aufgeplusterten Schneehühner, majestätischen Schwäne und eleganten Silberreiher. Und hing da hinten am mächtigen Schlitten der Königin nicht auch der hölzerne Kinderschlitten des kleinen Kai? Wie gern wären wir mit Gerda ausgezogen, um ihn zu suchen und sein gefrorenes Herz wieder aufzutauen, damit der Splitter aus dem Spiegel des Teufels endlich herausgespült werden konnte. Bis in den Eispalast wären wir mit Gerda und dem treuen Rentier gewandert und hätten ihm dort die kleinen Eisstücke zurechtgelegt. Denn Kai kann ja erst erlöst werden, wenn er das Wort „Ewigkeit“ liest. Warum es ausgerechnet dieses Wort ist, habe ich allerdings bis heute nicht verstanden. Aber Andersen wird sich schon etwas dabei gedacht haben.

„Ahornkanne“ (Simone Garland)

Es gibt so viele schöne Wintergedichte, dass man ihnen eigentlich einen eigenen Beitrag schenken sollte. Manchmal bin ich dankbar, dass meine strenge Deutschnonne uns damals mehr oder weniger gezwungen hat, Gedichte auswendig zu lernen. Einige habe ich bis heute im Kopf, wenn auch nur bruchstückhaft.

„Der Wind nur geht bei stiller Nacht
und rüttelt an dem Baume,
Da rührt er seine Wipfel sacht
Und redet wie im Träume.“

(aus: „Verschneit liegt rings die ganze Welt“ von Joseph von Eichendorff)

„Snow Horse“ (Simone Garland)

 

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Barter Books in Alnwick

Barter Books (BFL)

Kurz vor Weihnachten entdeckte ich in Alnwick, einem beschaulichen Ort in der Nähe von Newcastle, das wohl eindrucksvollste Antiquariat, das ich je gesehen habe. Es befindet sich in einer alten viktorianischen Bahnhofshalle aus dem Jahr 1887, die 1968 geschlossen wurde.

Barter Books (BFL)

Die Originalräume des Bahnhofs sind noch gut erkennbar, werden jedoch inzwischen gänzlich anders genutzt und sind heute vor allem eins: ein Mekka für Bücherfreunde aus aller Welt. Ich hatte an dem Tag Schnupfen und war müde, und trotzdem war es Liebe auf den ersten Blick.

Den großen Bahnhof verdankt der kleine Marktflecken den berühmten Dukes of Northumberland, deren Schloss sich in unmittelbarer Nähe befindet und einem irgendwie bekannt vorkommt. Nicht von ungefähr: hier wurden etliche „Harry Potter“ Szenen gedreht, und es diente auch in den späten „Downton Abbey“ Staffeln als Kulisse. Alnwick Castle ist nach Windsor Castle der zweitgrößte Adelssitz Englands, und die Royals wollte man natürlich auch gebührend beeindrucken, falls es sie mal nach einem Besuch bei den Dukes gelüsten sollte.

Stolze Besitzer der „British Library of secondhand bookshops“ ist das Ehepaar Mary und Stuart Manley. Ich fand ihren geräumigen Buchladen der Extraklasse so gemütlich und einladend, dass ich am liebsten ein Wochenende oder zumindest eine Nacht ungestört dort verbringen würde, um mich in aller Ruhe umzusehen. Wahrscheinlich würde ich es sogar eine geschlagene Woche oder noch länger dort aushalten, da ich mich bekanntlich gern und ausgiebig „festlese“.

Barter Books (BFL)

Selbst mitten im Winter empfing Barter Books seine Gäste schon im Eingangsbereich ausgesprochen freundlich. Im offenen Kamin prasselte ein munteres Feuer, und direkt daneben stand ein einladendes Sideboard zum Aufwärmen und „Zuhausefühlen“ – mit Keksen und Kuchen, Kaffee und Tee. Für Kinder gibt es im ehemaligen Bahnhofseingang einen Raum voller Bilderbücher, Jugendbücher und Spielzeug. Gut sortierte Regale und Vitrinen warten überall auf Erkundung, und immer wieder laden Sitzgelegenheiten zum Verweilen ein. Es gibt Bänke, Sofas, Stühle und Sessel, aber auch Tische, falls man seine Bücherberge irgendwo absetzen möchte oder Lust hat auf einen kleinen Plausch mit anderen Book People.

Barter Books (BFL)

Sogar für das leibliche Wohl der Buchfans ist gesorgt. Sie können wählen zwischen dem Red, Green und Blue Room und dem Café im ehemaligen Wartesaal. Im Vorraum zu den Toiletten wird man übrigens von einem illustren Paar empfangen. Keine Ahnung, ob die beiden immer dort stehen oder nur zur Weihnachtszeit. Mein ganz besonderes Highlight war an diesem kalten, grauen, verschnupften Wintertag eindeutig der bunt illuminierte Weihnachtsbaum aus lauter Büchern.

Barter Books (BFL)

Es macht Riesenspaß durch die vielen „Regalstraßen“ zu schlendern, auch wenn die Fülle einem zunächst den Atem nimmt oder einen geradezu erschlägt, und nach ganz besonderen Schätzen zu suchen. Mein Mann entdeckte dort immerhin ein seltenes deutsches (!) Buch über Germanische Mythologie von Elard Hugo Meyer aus dem Jahr 1891. Aber man braucht eine Weile, bis man sich zurechtfindet.

Inzwischen habe ich mir den Lageplan des Ladens genauer angesehen und auch einiges zur Geschichte von Barter Books recherchiert. Bei meinem ersten, spontanen Besuch hat sich mir die besondere und wohl bedachte Ausrichtung der Regalwege vor lauter Begeisterung leider noch nicht wirklich erschlossen, ich war noch viel zu sehr überwältigt durch die Bücherfülle. Auch die vielen Zitate oben zwischen den Regalen habe ich eindeutig nicht genügend gewürdigt, aber zum Glück kann ich ja wiederkommen.

Barter Books (BFL)

Lustig fand ich die elektrische Eisenbahn, die unermüdlich über den Köpfen der Kunden im Kreis fährt und auf spielerische Weise an die Geschichte des Gebäudes erinnert. Selbst ein riesiges Wandbild mit berühmten Schriftstellern und Dichtern kann man hoch oben am Eingangsbogen zu den ehemaligen Gleisen bewundern, und es ist beileibe nicht das einzige Kunstwerk in Barter Books. Leider hatte ich meine „richtige“ Kamera aus Schnupfengründen zu Hause gelassen, so dass ich mich nicht an die Portraits heranzoomen konnte. Beim nächsten Mal……

Just aus diesem Buchladen stammt übrigens das inzwischen weltberühmte rote Poster„Keep calm and carry on“. Die Britische Regierung hat es 1939 als „guten Satz in schlimmen Zeiten“ für den Fall eines vernichtenden Militärschlags zum Mutmachen fürdie Bevölkerung in Auftrag gegeben, aber nie veröffentlicht. Stuart Manley entdeckte es im Jahr 2000 zufällig in einer Kiste mit alten Büchern, die er bei einer Auktion ersteigert hatte. Von Alnwick aus eroberte es dann in Windeseile die Welt und existiert heute in unzähligen Abwandlungen („keep calm and marry on“, „keep calm and have a cupcake“, keep calm and have tea“, es gibt sogar eine Version mit Colin Firth). Bei meinem Besuch hatte ich von der Postergeschichte noch keine Ahnung und wunderte mich nur, dass es in dem Laden so auffallend viele Tassen, Poster und Magnete mit dem geflügelten Wort gab. Aber man lernt bekanntlich nie aus. You live to learn!

Barter Books (BFL)

Selbst Hunde sind in Barter Books willkommen, so dass auch Black Labrador Jed mit in den Laden durfte. Für ihn gab es zwar eine besondere Regalreihe nur mit Hundebüchern, aber er interessierte sich zumindest an diesem Tag vor allem für die Wassernäpfe. Falls es Sie je in den Norden Englands verschlagen sollte: unbedingt einen kleinen Abstecher zu Barter Books einplanen! Und im Sommer kann man danach noch durch die schönen Gärten von Alnwick Castle schlendern und je nach Neigung an Harry Potter oder die Familie von Downton Abbey denken. Oder an beide.

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Kindheitswinter

„Frost“ von Simone Garland

Waren die Winter damals wirklich so viel kälter als heute? Ich erinnere mich an unzählige Schneewanderungen, flockenumwirbelt, mit dicken wollenen Fäustlingen an den Händen und eisigen Füßen in knarzenden fellgefütterten Stiefeln, an Schlittern mit Anlauf auf langen spiegelglatt gefrorenen Pfützen, an lästiges Schneeschaufeln noch vor der Schule. Ich erinnere mich an Eisblumen an den Fenstern, in die man kleine Atemlöcher hauchen konnte, und an lange Eiszapfen, die von den Dächern hingen. Ich erinnere mich an gefrorene Beeren und aufgeplusterte Vögel, die bis auf unsere Terrasse kamen, um sich aufzuwärmen.

„Eisblumen“ von Simone Garland

Mutige Kinder liefen bei Eis auf dem Graben der Dorenburg Schlittschuh, was mir streng untersagt war, weil ich todsicher stürzen und hart auf den Hinterkopf fallen oder gar einbrechen und jämmerlich im Eiswasser ertrinken würde. Die detailreichen Warnungen meiner Verwandten, die von Schädelbruch bis Hirnquetschung reichten, waren so drastisch, dass ich mich tatsächlich nie aufs Eis wagte, nicht mal Jahre später im neu gebauten Eisstadion, auch wenn ich es noch so gern getan hätte.

„Frozen“ von Simone Garland

Wenn Winnie unter der Trauerweide auf ihren Schlittschuhen herumwirbelte und begeistert rief: „Nu komm doch! Du fälls’ schon nich’! Dat is’ toll! Echt wie Fliegen!“ blieb ich unglücklich am Ufer zurück, stampfte von einem Fuß auf den anderen, um nicht festzufrieren, bewunderte Winnies Pirouetten, wäre liebend gern anders gewesen und ärgerte mich über mich selbst. Doch Angst ist leider ansteckend, und die bangen Befürchtungen meiner Verwandten waren Legion. Winnie brach nie ein, fiel nie hart auf den Hinterkopf und ertrank auch nicht jämmerlich. Wenn sie hin fiel, stand sie lachend wieder auf und machte weiter. (Aus: „Mit Winnie in Niersbeck“)

Auch diesmal freue ich mich sehr, dass mir Simone Garland ihre wunderschönen poetischen Bilder für meinen Beitrag geschenkt hat.

„Schneestraße“ von Simone Garland

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Alles Liebe zum Advent!

Heute ist der 1. Dezember! Ich freue mich schon das ganze Jahr auf diese Zeit, denn ich habe viele alte Adventskalender, die fast alle ihre eigene Geschichte haben. Es fällt mir immer schwer, sie nicht alle aufzuhängen oder aufzustellen, denn sie sind wirklich wunderschön. Ich werde hier bald noch einen kleinen Beitrag zur Geschichte des Adventskalenders schreiben, aber erst einmal möchte ich euch und Ihnen allen mit diesem Detail aus einem alten englischen Adventskalender eine schöne Zeit bis Weihnachten wünschen – viel Ruhe und Entspannung und möglichst wenig Hetze und Stress!

 

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Sadako und die tausend Kraniche

Michans Sadako (BFL)

Im Moment denke ich besonders oft an Sadako, denn das Mädchen Michan in meinem nächsten Roman hat japanische Wurzeln. Für ihre Schulzeitung hat sie gerade einen Beitrag über das „Kranichmädchen“ geschrieben. Sadako gehört zu den wohl bekanntesten Opfern der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki. Beim Abwurf der Bombe im August 1945 war sie zweieinhalb Jahre alt. Am 25. Oktober 1955 starb sie an Leukämie. Meine Michan hat mehrere japanische Puppen, und drei davon tragen Namen aus Sadakos Geschichte: Sadako, Chizuke und Mashahiro. Beim Schreiben umgebe ich mich immer gern mit Dingen, die im Buch vorkommen, daher ist mein Zimmer im Moment auch an einigen Stellen ziemlich japanisch.

Sadako – ein Wunsch aus tausend Kranichen

Sadako-Buch

Gerade ist die Geschichte vom berühmten Kranichmädchen in einem neuen Buch für Kinder beim Aladin Verlag in Hamburg erschienen. Es trägt den Titel „Sadako – Ein Wunsch aus tausend Kranichen“ und hat mir sehr gut gefallen. Geschrieben wurde es von Johanna Hohnhold und ist mit den federleichten Zeichnungen von Gerda Raidt illustriert. Zuerst begegnen wir Sadako und ihrer besten Freundin Chizuko in der Schule. Sadako ist ein außerordentlich sportliches Mädchen und wird bald bei einem Wettrennen im Staffelteam laufen. Nach und nach lernen wir auch ihre Lehrer, ihre Eltern und Geschwister kennen, begleiten die Familie zur Friedenszeremonie am 6. August. Nach ihrem ersten Schwächeanfall erhält Sadako von Chizuko einen Daruma, einen Glücksbringer aus Pappmaché.

Wunscherfüller  (BFL)

Die dicken roten Kerlchen haben es im wahrsten Sinne des Wortes in sich, denn sie sind so geschickt konstruiert, dass sie nicht umfallen. Das soll wohl auch dem Besitzer Mut und Zuversicht in schwierigen Situationen verleihen. Doch das ist nicht ihre wichtigste Eigenschaft. Wenn man sie kauft oder geschenkt bekommt, haben sie noch große runde „leere“ Augen. Der Daruma ist nämlich ein Wunscherfüller. Man bittet ihn um Hilfe, indem man den Wunsch in Worte fasst und eins seiner Augen ausmalt, das andere lässt man so lange „leer“, bis sich der Wunsch erfüllt hat. Ich habe mehrere, und die meisten haben inzwischen zwei Augen.

Sadako – Ein Wunsch aus tausend Kranichen

Johanna Hohnhold erzählt vom gewonnenen Staffellauf, vom plötzlichen Ausbruch der Krankheit, von der niederschmetternden Diagnose, von Krankenhausaufenthalten, von Sadakos Mut und Chizukos unerschütterlicher Freundschaft, vom ersten goldenen Kranich, den Chizuki für ihre Freundin faltet, und vom sanften Nachbarsjungen Natsuki, der ihr unerwartet ein Päckchen mit Origamipapier schenkt, als er erfährt, dass sie schwer krank ist und auf ein Wunder hofft. Wer tausend Kraniche faltet, so sagt eine alte japanische Legende, dem erfüllen die Götter einen Wunsch. Sadoko faltet unermüdlich, doch die Zeit läuft ihr davon. Sie wird immer schwächer. Umgeben von ihren Kranichen und ihrer Familie schließt sie für immer die Augen. Wie viele Kraniche sie wirklich gefaltet hat, weiß man nicht genau, die Angaben dazu sind sehr unterschiedlich. Die Autorin musste sich für eine der Zahlen entscheiden.

721 Kraniche gaben Sadoko das letzte Geleit, während der Himmel in der Farbe der Kirschblüten leuchtete. Unter dem Rascheln der Papierflügel sprach Sadakos Mutter kaum hörbar ein altes japanisches Gebet, das sie seit der Geburt ihrer Tochter jeden Tag gesprochen hat: „Du Schwarm aus himmlischen Kranichen, behüte mein Kind mit deinen Schwingen.“

Michans Chizuke (BFL)

Doch ihre Freunde geben nicht auf. Der „Papierkranich-Club“, den ihre Klassenkameraden im Gedenken an sie gründen, hat bald genug Geld für ein Ehrenmal gesammelt. In den Büchern und auch in dieser Geschichte ist es vor allem die beste Freundin Chizuku, die sich dafür einsetzt, dass Sadako nicht vergessen wir. Und diesen Wunsch haben die Götter tatsächlich erfüllt: Im Friedenspark von Hiroshima steht heute ein Denkmal für den Weltkinderfrieden, dessen Spitze eine kleine Gestalt krönt. Es ist Sadako, und auf ihren ausgestreckten Armen trägt sie einen Kranich. „This is our Cry. This is our Prayer. Peace in the World“ steht auf der Plakette am Fuße des Denkmals. Auch im Friedenspark von Seattle findet man Sadako, hier allerdings als lebensgroße Bronzefigur, über und über mit Kranichketten bedeckt. Und im Hiroshima-Nagasaki-Park in Köln gibt es ebenfalls etwas, das an sie erinnert.

Michans Setsuko mit Glossar (BFL)

Erzählt wird Sadokos Geschichte als kurzer Roman, und am Ende gibt gleich mehrere informative Anhänge. Den Anmerkungen der Autorin folgt ein kleiner Text zum historischen Hintergrund, dem Atombombenabwurf auf Hiroshima im August 1945, bei dem etwa 80 000 Menschen ums Leben kamen und die Stadt zu 80 Prozent zerstört wurde. Durch die Stahlenbelastung starben in den Folgejahren leider noch sehr viel mehr Menschen, und selbst heute, 72 Jahre später, gibt es noch Spätfolgen der grausamen Vernichtungswaffe, die damals den zynischen Codenamen „Little Boy“ erhielt. Eine kleine Biografie von Sadako mit Foto und ein informatives Glossar, in dem japanische Begriffe aus dem Text erklärt werden, folgen.

Faltanleitung (BFL)

Den Schluss des Buchs bildet eine Faltanleitung für Papierkraniche, die mich ermutigte, mich endlich einmal selbst ans Falten zu wagen. Leider war die Anleitung (für mich!) nicht klar genug, aber ich habe auch keine Ahnung von Origami. Schnelle Hilfe fand ich in einem Video im Internet. Danach brachte ich zu meiner eigenen Verwunderung einen gelungenen Kranich nach dem anderen zustande. Inzwischen sind es schon acht, aber da ich vorhabe, dieses Jahr zu Weihnachten alle Menschen mit einem Papierkranich zu beschenken, werden es sicher bald mehr. Kraniche gelten als Glücksbringer und gehören schon seit langem zu meinen Lieblingsvögeln. Dass sie außerdem Symbole des Widerstandes gegen Atomkrieg und Atomwaffen und Symbole der Liebe und Freundschaft sind, gefällt mir sehr. Ich weiß noch genau, wann ich meinen ersten Kranich bekommen habe. Damals war ich noch Dozentin für Deutsch für Ausländer. Ein japanischer Student schenkte ihn mir, und ich habe ihn immer noch, es ist der rote Kranich auf den Fotos.

Kraniche (BFL)

Es macht mich stolz und glücklich, dass man Sadakos Kranichen auch in „meiner“ Stadt ein kleines Denkmal gesetzt hat. Es befindet sich in der Nähe des Aachener Weihers und des Museums für Ostasiatische Kunst im Kölner Hiroshima-Nagasaki-Park. Köln ist schon seit 1985 Mitglied im Hiroshima-Nagasaki-Bündnis, einem internationalen Städtebündnis gegen Atomwaffen. Der Park wurde auf Initiative des Kölner Friedensforums hin an einem geschichtsträchtigen Ort angelegt. Unter den sanften Hügeln, auf denen ich als Studentin so oft Entspannung gesucht habe, befinden sich nämlich die Trümmer des Zweiten Weltkriegs. 2007 wurde das kleine Mahnmal Atomwaffen abschaffen mit dem Symbol des Origami-Kranichs enthüllt. Es ist umgeben von drei Bäumen, einem Gingko für Hiroshima, einer japanischen Kirsche für Nagasaki und einer Schwarzpappel für Köln.

Sadako – Ein Wunsch aus tausend Kranichen von Johanna Hohnhold, illustriert von Gerda Raidt, ist im Aladin Verlag erschienen und kostet 11,95 Euro

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„Der Staub der Ahnen“ – Felix Pestemer

Eusebios Brief – Felix Pestemer

Felix Pestemers Graphic Novel „Der Staub der Ahnen“ erzählt eine eindrucksvolle, komplexe, zum Teil surrealistische Familiengeschichte, die gleich auf mehreren Ebenen verschachtelt ist. Auf der erzählten Ebene beginnt sie mit dem Museumswärter Eusebio Ramirez, der einen sehr persönlichen Brief an die befreundete Familie Rojas schreibt, mit der er früher einmal eng verbunden war. Eigentlich wollte er die Familie und seine alte Heimatstadt besuchen, doch die traurige Nachricht vom Tod des kleinen Benito setzte ihm derart zu, dass er den Ort fluchtartig verließ. Jetzt versucht er, Consuelo, der Mutter des Jungen, seine Reaktion zu erklären, und erinnert in seinem Brief auch an die verstorbenen Familienmitglieder, die er gut kannte. Besonders zugetan war er ihrem Bruder Victor. Auch diese Geschichte findet sich später im Buch.

Benitos Geschichte – Felix Pestemer

Die gezeichnete Geschichte, mit der das Buch beginnt und die ganz ohne Worte auskommt, setzt noch etwas früher ein und erzählt von Benitos Unfalltod. Diese Episode ist genau wie die anderen Familienerinnerungen monochrom gestaltet, während die Szenen mit Eusebio, die Bilder vom Tag der Toten, der gerade festlich begangen wird, und die Darstellungen der Welt der Toten farbig sind.

Ungewöhnliche Erzählhaltung

Ich musste diese Graphic Novel mehrfach und mit immer genauerem Blick lesen und betrachten, um die kunstvoll und opulent ins Bild gesetzten Familiengeschichten richtig zu verstehen, denn der Künstler macht es dem Leser und Betrachter wirklich nicht leicht. Aus der Literatur kenne ich die Erzählperspektive des unzuverlässigen Erzählers („unreliable narrator), dem man als Leser nie vertrauen darf, aber in einer Graphic Novel war ich ihr bis dahin noch nie begegnet. Erst recht nicht in Kombination mit einem allwissenden Zeichner, dem in der Literatur der allwissende Erzähler („omniscient author“) entsprechen würde. Beim ersten Lesen und Schauen fielen mir die zahlreichen Widersprüche zwischen Text und Bild zunächst gar nicht auf. Ich übersah die vielen Brüche, weil ich darauf nicht vorbereitet war.

Dolores und Candelario – Felix Pestemer

Spurlos verschwunden

Dolores – Felix Pestemer

Erst bei der (für mich) besonders bewegenden Geschichte von Angeles wurde ich misstrauisch. Plötzlich wurde mir klar, dass Text und Bilder sich deutlich widersprachen. Das Mädchen Angeles gehört neben dem kleinen Benito, dessen Großeltern Dolores und Candelario, deren gemeinsamem Sohn Victor und seiner Frau Esperanza sowie dem Urahn El Negro zu den Verstorbenen der Familie Rojas. Angeles war eines Tages spurlos verschwunden. Wie so oft sollte sie auf ihre kleine Schwester aufpassen, doch dazu verspürte der Wildfang wenig Lust. Viel lieber wollte sie mit den Straßenjungen Verstecken spielen. Dazu musste sie allerdings vorher ihr Schwesterchen Dolores los werden. Sie hatte auch schon bald eine Idee. Dolores wurde kurzerhand zur Babysitterin ihrer Puppe gemacht, und Angeles schärfte ihr ein, sich ja nicht von der Stelle zu rühren, bis Angeles wieder zurück war. Doch Dolores hatte das Warten schon bald satt und begann, nach der großen Schwester zu suchen. Sie fand sie sogar – oder vielleicht doch nicht? Kann ein kleines Mädchen so grausam sein? Hat Dolores Angeles absichtlich in ihrem Versteck eingeschlossen und dadurch ihren qualvollen Tod verschuldet? Oder hat sie die Safetür nur „zufällig“ verschlossen, weil sie offen stand, und ihre Schwester darin nicht bemerkt? Ich selbst habe Angeles zuerst tatsächlich übersehen, denn auf den beiden Bildern ist im dunklen Inneren des Safes nur ein Auge des Mädchens und ein kleiner Teil ihres Gesichts zu sehen. Der selbstzufriedene Gesichtsausdruck der kleinen Dolores spricht leider Bände. Sie begegnet uns übrigens später noch in zwei weiteren Familiengeschichten (als erwachsene Frau und als Greisin) und verursacht auch dort durch ihre Unerbittlichkeit und kalte Dominanz den Tod anderer Menschen.

Doch wie kommt es, dass Angeles und auch Dolores vor der umwucherten Ruine, in welcher sich der Safe befindet, Frida Kahlo und Leo Trotzki begegnen? Frida Kahlo habe ich auf Anhieb erkannt, Leo Trotzki erst auf den zweiten Blick. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich von der Liebesaffäre der beiden bis dahin keine Ahnung hatte. Meine Entdeckung ließ mich nochmals zu den vorherigen Bildern zurückkehren, und tatsächlich erkannte ich nun auch Friedas Mann, Diego Rivera. Doch wer mochte die Frau sein, mit der er hier offenbar gerade ein Rendezvous hatte? Die schöne Unbekannte konnte ich mit Hilfe des (sehr erhellenden!) Glossars am Ende des Buches schnell identifizieren. Dass die temperamentvolle Angeles mitten in den Blumenstrauß springt,

den Diego seiner Angebeteten gerade überreichen will, ist nur eine der vielen amüsanten Spielerein des Zeichners, eine Szene in einer Szene. Davon steht im Text kein Wort, der Leser muss die zahlreichen Nebenhandlungen, die in den Bildern versteckt sind, selbst entdecken. Am Ende der Angeles-Geschichte sieht man Dolores jedenfalls wieder „harmlos“ mit ihrer Puppe am Brunnen stehen, als hätte es die Szene mit dem tödlichen Safe im Inneren der Ruine nie gegeben.

Weiß der Briefschreiber und Erzähler, wie es sich wirklich zugetragen hat? Wahrscheinlich nicht. Führt er uns absichtlich in die Irre? Ich glaube nicht. Handelt es sich bei dem Ereignis eher um ein dunkles Familiengeheimnis? Ich denke, ja. Hat Dolores je darüber gesprochen? Wir erfahren es nicht. Ihren grausamen Zug hat sie jedenfalls behalten. In Eusebios Brief steht zum Ende der dramatischen Geschichte lediglich der Satz „Deine Mutter tat, was ihr ihre Schwester aufgetragen hatte: Bis zuletzt hat sie auf ihre Puppe aufgepasst.“ Kein Wort zu Frida Kahlo und dem Safe.

Im Maskenmuseum

Die Familiengeschichten bilden nur eine Handlungsebene. Die Geschichte des Museumswächters ist eine weitere. Er schreibt im Laufe des Buchs seinen Brief zu Ende, immer wieder unterbrochen von den Familiengeschichten und den Einblicken ins „Jenseits“. Den Brief wirft er schließlich in den Briefkasten und verursacht dann an seinem Arbeitsplatz durch eine brennende Zigarette einen Brand, bei dem das Museum mit sämtlichen Kunstwerken zerstört wird und er selbst ums Leben kommt. Es ist ein ungewöhnliches Museum, nämlich ein Maskenmuseum, in dem die Werke des (fiktiven) Künstlers José Guadalupe Reyes ausgestellt sind. Die Figur hat allerdings ein reales Vorbild, nämlich den mexikanischen Künstler José Guadalupe Posada. Diesmal war ich aufmerksamer und schaute erst in Felix Pestemers Glossar und dann bei Google nach. Posada war ein mexikanischer Kupferstecher und Karikaturist, der vor allem durch die Darstellung der vornehmen Knochendame „La Catrina“ Berühmtheit erlangte. Er starb in Armut und wurde in einem Gemeinschaftsgrab bestattet – anders als Pestemers Maskenschnitzer, dessen dramatisches Lebensende in der letzten Geschichte des Buchs beschrieben wird. Zu dieser Episode hat Pestemer einen kleinen Film gestaltet, den ich mir dann gleich im Anschluss im Internet angeschaut habe. Er heißt „Peyotl“ und erweitert die Geschichte um noch eine weitere Ebene, die akustische. Felix Pestemer selbst erzählt, und das Ganze ist untermalt mit Geräuschen und Musik. Doch sogar nach dem Film bleiben (bei mir) noch Fragen offen: Was erlebt Reyes wirklich? Gerät er durch die Droge auf den verstörenden Horrortrip? Oder ist das etwa der furchterregende Übergang von unsere Welt in die Welt der Toten? Wird er von seinem Begleiter ermordet? Bringt er sich in seiner Raserei selbst um? Stirbt er an einer Überdosis? Ich glaube, es war sein Begleiter. Der reitet am Ende so auffallend seelenruhig aus dem Bild und läßt die Leiche zwischen den Kakteen zurück. Aber ist der Tote tatsächlich kopflos? Man sieht es nicht richtig. Für die Wertsachen des Künstlers hat sich der Reiter  jedenfalls nicht interessiert, denn die liegen unangetastet neben dem Toten.

Die Welt der Toten

Eine weitere Dimension im Buch bildet das Reich der Toten, die als „lebendige“ Skelette in einer Art Parallelwelt existieren und genau wie die Lebenden feiern, tanzen und lieben. In einer Zeit, in der Sterben und Tod erfolgreich aus unserem Leben ausgeblendet werden, sind diese ungewohnten Szenen, die sich konsequent farbig vor einem dunklen Hintergrund abspielen, für viele Betrachter sicher auf den ersten Blick gruselig bis verstörend. Einige der Skelette sind in der Tat kein angenehmer Anblick (besonders das des Maskenschnitzers), und dass man sie am Ende des Buches alle „persönlich lebendig“ kennengelernt hat und nun im Jenseits mühelos erkennt, macht ihren Anblick nicht leichter. Die Darstellung des kleinen Benito, der in der Totenwelt aufwacht und sich einem gruseligen Empfangskomitee aus toten Verwandten gegenüber sieht, hat mich sehr berührt. Das kleine Skelett hat nämlich große Angst und weiß nicht, was ihm geschieht. Als Angeles sich dem Kleinen vorstellt, ruft er erschrocken: „Du bist tot!“ Woraufhin sie neckend antwortet „Selber tot!“ und ihm mit einem ihrer Knochenfinger eindrucksvoll zeigt, was man mit seinem hohlen Schädel alles anstellen kann. Danach machen ihm die übrigen Ahnenskelette unmissverständlich klar, wo er sich jetzt befindet. „Wir sind ALLE tot. Willkommen!“ Auf Seite 38 sieht man in einer Art Traumvision des Museumswärters (oder ist es vielleicht doch keine Vision?), wie sich das hübsche Gesicht des Jungen vor den im Hintergrund stehenden Ahnen immer weiter verändert, bis es schließlich zum kleinen Totenschädel wird. Die verstorbenen Ahnen kann man hier alle leicht identifizieren, denn sie halten ihr „Lebend-Gesicht“ als Masken vor ihre Totenschädel. Der kleine Benito ist verständlicherweise wenig glücklich, sich plötzlich als klapperndes Skelett im Jenseits wiederzufinden, doch irgendwann gefallen ihm offenbar die bizarren Masken und vielleicht auch der makabere Tanz mit den anderen Knochenwesen, der an die vertrauten Darstellungen vom „Totentanz“ erinnert. Es ist eben alles eine Frage der Gewöhnung.

bei den Toten – Felix Pestemer

Übrigens wird die Totenwelt bei Felix Pestemer auch von den Skeletten der längst verstorbenen Haustiere bevölkert, denen man in den Familiengeschichten bereits begegnet ist oder im Laufe der Lektüre noch begegnen wird. Es gibt daher auch einen treuen Skeletthund und sogar einen Skelettpapagei.

Selbst für Mexikaner exotisch

Felix Pestemer hat mir erzählt, dass seine eigenwillige Darstellung der Gegenwelt mit den Skeletten der Toten selbst für Mexikaner reichlich exotisch ist. Sie stellen sich ihre Toten so nämlich gar nicht bildlich vor, auch wenn sie am „Tag der Toten“ ihre Altäre und Verkaufsstände mit noch so vielen Zuckerschädeln und Skeletten schmücken. In ihrer Tradition kommen lediglich die Seelen der Toten am „Tag der Toten“ zu Besuch aus dem Jenseits, feiern mit den Lebenden ihr Fest bzw. lassen sich ausgiebig feiern, und dann verschwinden sie wieder bis zum nächsten Jahr. Richtig sehen tut man sie nicht. Dass sie tatsächlich als wandelnde, sprechende Skelette in einer Parallelwelt weiterleben könnten, ist auch in Mexiko eine eher fremd anmutende Vorstellung. Die Toten leben so lange, wie man sich an sie erinnert, jedenfalls in diesem Buch. Als das Museum abgebrannt ist und mit ihm auch die Werke des Maskenschnitzers, zerfällt sein Gerippe gleich zu Staub. Aber er lächelt dabei, wie Felix Pestemer hintergründig anmerkt. Stimmt, jetzt sehe ich es auch. Aber man muss genau hinschauen.

Man lernt viel aus diesem Buch, nicht nur über den „Tag der Toten“ und die zu diesem Fest gehörigen mexikanischen Sitten und Gebräuche, etwa den komplexen Aufbau der Toten- und Heimaltäre und die Nachtwache auf dem Friedhof (auf einem Bild hat ein Mann sogar so viel gezecht, dass er wie leblos auf einem Grab liegt). Man erfährt auch einiges über das Leben des Museumswärters Eusebio, der den jungen  Victor Rojas liebte und verzweifelt mitansehen musste, wie dieser gegen seinen Willen von seiner übermächtigen Mutter (jener ehemals kleinen Dolores, die ihre Schwester im Safe einschloss) mit der schönen Esperanza zwangsverheiratet wurde, obwohl er doch eigentlich unseren „unzuverlässigen Erzähler“ liebte. Der Unfalltod von Victor und Esperanza noch am Tag der Hochzeit bildet das tragische Ende der Liebesgeschichte und erklärt wohl auch, warum Eusebio seine alte Heimat so lange nicht mehr besucht hat.

„Leichen im Keller“ 

Die Konfrontation mit den Familiengeheimnissen der Rojas, den sprichwörtlichen „Leichen im Keller“, macht mich nachdenklich. Auf Englisch nennt man solche Geheimnisse „skelettons in the cupboard“, was man in diesem Buch ziemlich wörtlich nehmen kann. Solch merkwürdige Familienmythen von Heldentum eines Verwandten (bei den Rojas ist es der Urahn El Negro) oder vom mysteriösem Verschwinden eines Familienmitglieds (Angeles), allerlei Lebenslügen, die mit dem Totschweigen von Homosexualität (hier Victor) oder der vermeintlich glücklichen Ehe der Eltern (hier Dolores und Candelario) zu tun haben, gibt es sicher in vielen Familien. Aber so konsequent und umfassend werden sie selten aufgedeckt. Schon gar nicht mit solch hintergründigem schwarzem Humor. Der Nachhall der einzelnen Episoden war bei mir übrigens so stark, dass mir einige Bilder bis in meine Träume gefolgt sind.

Aufbau und Ausstattung dieser Graphic Novel sind kunstvoll und anspruchsvoll. Felix Pestemer schöpft alle Möglichkeiten des Comics aus, von kleinen bunten und monochromen Panelen bis hin zu üppigen doppelseitigen Bildern. Die Farben sind ruhig bis düster-dunkel, die Darstellungen feine und zum Teil wunderbar detaillierte Bleistift-, Buntstift- und Kreidezeichnungen. Die dargestellten Orte, Masken und Festlichkeiten sind häufig inspiriert von realen Vorbildern, die Felix Pestemer bei seinen Aufenthalten in Mexiko gesehen und skizziert hat. Mich hat der „Dia de los Muertos“ schon seit vielen Jahren interessiert und fasziniert. Hier in diesem Buch bin ich endlich voll auf meine Kosten gekommen. Sehr angenehm fand ich auch meine kurze spontane Unterhaltung mit dem Künstler anlässlich der Ausstellung zum „Tag der Toten“ im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum. Die vielen Fragen, mit denen ich ihn später per Mail „gelöchert“ habe, hat er jedes Mal erfreulich schnell und überaus geduldig und freundlich beantwortet.

Fazit: ein wunderbares Buch für alle, die keine Angst vor Skeletten haben und aufwändig gestaltete opulente Graphic Novels oder ungewöhnliche Bücher mögen, und natürlich auch für alle, die sich für den „Dia de los Muertos“ in Mexiko interessieren. Die Farben der Bilder konnte ich hier leider nur ungenügend wiedergeben, denn das Buch ist zu groß für meinen Scanner. In Wirklichkeit sind die Farben viel schöner.

Das großformatige Buch ist erschienen beim avant-Verlag und kostet 24,95 Euro

Felix Pestemer hat eine eigene Homepage mit vielen Bildern und Informationen

Den Animationskurzfilm „Peyotl“ kann man im Internet ansehen.

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