St. Martin am Niederrhein

„Laternenkinder“ von Heidi Klett

„Fast wie Winnie“ B.F-L

Das Martinsfest im November gehörte zu den schönsten Tagen des Jahres. Wir freuten uns wochenlang im Voraus. Der Zug fand immer an einem Samstag statt. Sobald es endlich dunkel geworden war, stellten wir uns mit unseren Laternen auf und zogen dann hinter Sankt Martin und seinen beiden Begleitern durch die Dorfstraßen. Sankt Martin war ein römischer Soldat. Er trug einen roten Umhang und einen silbernen Helm und ritt natürlich auf einem Schimmel. Auch seine Begleiter hatten Pferde, gelassene Bauernpferde, die durch nichts aus der Ruhe zu bringen waren. Es war ein langer Zug, fast alle Kattendonker Kinder zogen mit, die Kindergartenkinder mit ihren Gruppen, die ganz Kleinen mit Müttern, Omas oder Tanten, die Schulkinder mit ihren jeweiligen Klassen. An den Seiten gingen Feuerwehrmänner und junge Burschen mit brennenden Pechfackeln, vornweg marschierte die große Blaskapelle, am Ende eine zweite, kleinere, und an den Straßenrändern standen Zuschauer aus unserem Dorf und den umliegenden Ortschaften. Auch viele Erwachsene hatten Lampions mit und schlossen sich dem Zug an.

„St. Martin“ von Ulla Genzel

In diesem Jahr hatten wir die Laternen selbst gebastelt. Wir hatten schwarzen oder farbigen Karton zu Röhren zurechtgeschnitten und mit buntem Transparentpapier beklebt. Auf meiner Laterne sah man Gänse mit langen Hälsen, auf Winnies gelbe Sterne und Sankt Martin hoch zu Ross. Das Pferd war ihr besonders gut gelungen. Direkt über dem Pferdekopf hing eine kleine Fledermaus. Winnie wollte unbedingt etwas Gruseliges auf ihrer Laterne haben. Wölfe und Indianer durften wir ja leider nicht machen, weil sie mit dem Fest direkt nichts zu tun hatten.

„St. Martin am Tor“ von Caroline Riedel

„Spooky“ von B. F-L

In allen Lampions steckten echte Kerzen. Immer wieder ging irgendwo eine Laterne in Flammen auf, wurde aber schnell gelöscht, denn die Feuerwehr war in solchen Notfällen sofort zur Stelle. Die armen Fackeln waren danach unbrauchbar und blieben am Straßenrand zurück, und die ehemals stolzen Besitzer und Besitzerinnen waren meist in Tränen aufgelöst. Jeder hatte Angst, dass es ausgerechnet seine Löid erwischen könnte, sobald der Wind stärker wurde und die leuchtende Pracht gefährlich zu wackeln begann. Wir waren umgeben von riesigen Sonnen und Monden, bunten Kugeln und Würfeln, Gänsen und Enten, Mäusen, Fischen, Blättern, Scherenschnitten und Regenbögen, japanischen Faltlaternen mit Bommeln, kleinen und großen Häusern mit beleuchteten Fenstern. Vorneweg marschierten zwei Kinder mit der Schullaterne, sie stellte die Kattendonker Kirche mit Turm und Wetterhahn dar und thronte auf zwei dicken Holzstäben. Die Träger wurden regelmäßig ausgewechselt, so schwer war die Laterne. Die Blaskapelle spielte ein Lied nach dem anderen, und wir sangen aus voller Kehle:

"St. Martin! St. Martin!
 
St. Martin ritt durch Schnee und Wind. 
Sein Ross, das trug ihn fort geschwind."

„Eulenzauber“ von Beate Felten-Leidel

Es war sehr feierlich. Inzwischen war es ganz dunkel, und wir zogen immer noch durch das Dorf. Überall standen Leute und winkten uns zu, Mütter hatten ihre Babys auf dem Arm, Geschäftsleute standen vor ihren Läden. Auf manchen Fensterbänken sah man flackernde Kerzen, in den Fenstern hingen gelbe Mondgesichter. Wir zogen in Richtung Schule. Die Kapelle spielte auch mein Lieblingslied mit der traurigen Melodie.

"Der Herbststurm braust durch Wald und Feld, 
Die Blätter fallen nieder,
 
Und von dem dunklen Himmelszelt
 
Sehn schwarz die Wolken nieder. 
St. Martin reitet dann sein Pferd, 
So schnell die Wolken eilen,
 
In seiner Rechten blitzt das Schwert, 
Die Nebel zu zerteilen."

„Loop Kenger loop“ von Beate Felten-Leidel

Die drei Pferde gingen ganz langsam, blieben manchmal stehen und schnaubten, scharrten mit den Hufen oder versuchten halbherzig, zur Seite auszubrechen, aber es passierte nie etwas. Sie wurden von Männern geführt, die darauf achteten, dass sie schön ihren Weg einhielten. Wir hatten unser eigenes plattdeutsches Lied, das es nur in der Gegend von Kattendonk und Grefrath gab. Also in Oedt und Mülhausen, Hinsbeck, Lobberich und Kempen. Trotzdem gab es hier Abweichungen. In Kempen war der Text ganz anders. An unserem Lied erkannte man sofort, ob jemand aus Kattendonk kam.

"Tsent Meerten ös no all wär heei, 
loop Kenger loop,
 
wenn heä os röpt:
ich bön al heei, 
loop Kenger loop. 
On die Löid en de Hongk 
un dat Kärtsken aanjebrongk 
on die Schtroat aav on op, 
loop Kenger loop!"

„Teufelchen“ von B. F-L

Wir hatten kalte Füße und leuchtende Augen und wurden immer aufgeregter, denn wir näherten uns allmählich dem riesigen lodernden Feuer mit dem frierenden Bettler. Als wir näher kamen und uns hinter der Absperrung versammelten, stand er auf und ging langsam um das Feuer herum. Er trug viel zu große Sandalen mit Stroh darin. Sankt Martin ritt auf das Feuer zu. Sein Pferd schnaubte; man sah, wie Dampfwolken aus den Nüstern stiegen. Plötzlich verstummte die Musik, das Feuer krachte und prasselte, und Sankt Martin erreichte den armen Mann.

Es sah aus wie ein Scherenschnittfilm, und wir waren ganz still. Der Bettler streckte bittend die Hand aus, Sankt Martin neigte sich zu ihm herab und sprach mit ihm. Dann zog er das Schwert, teilte seinen Mantel und reichte die eine Hälfte dem Bettler, die andere hängte er sich selbst um. Das Feuer loderte, die Flammen schlugen hoch in die Nacht, und die Funken stoben in alle Richtungen. Der Bettler wickelte sich in den halben Umhang. Jetzt setzte die Musik wieder ein. Wir sangen unser Lied schnell zu Ende, denn danach begann das große Feuerwerk.

„Laterne, Laterne“ von Andreas Schmelz

Erwartungsvoll und etwas ängstlich schauten wir in den Himmel, wo unzählige Raketen krachend und pfeifend hochstiegen. Die Welt explodierte in den schönsten Farben. Überall fielen langsam kleine und große Sterne zur Erde. Funken regneten auf uns herunter und erloschen meistens schon, bevor sie den Boden berührten. Winnie und ich hielten uns fest an den Händen. Alle schauten hoch, ihre Gesichter strahlten mal rot, mal grün, mal blau, mal gelb. Es war jedes Mal atemberaubend.

So schön wie mit Winnie in Kattendonk ist St. Martin nie wieder für mich gewesen. Ich wusste es damals nur noch nicht.

(Auszug aus: „Mit Winnie in Kattendonk“)

„Mond“ von Simone Garland

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Hohenlohe am Brüsseler Platz

„Kupferhofallee“ von Andreas Schmelz

An den stimmungsvollen Herbstimpressionen von Andreas Schmelz freue ich mich schon seit Wochen, vor allem seine Kupferhofallee hat es mir angetan, denn sie ist auch in dieser Jahreszeit wunderschön. Hohenlohe muss ein ganz besonderer Ort sein, und ich nehme mir wieder einmal vor, nächstes Jahr unbedingt dorthin zu fahren.

„Lichtspiel“ von Andreas Schmelz

Andy sehe ich im Moment jeden Tag, auch wenn er selbst davon nichts merkt und ich ihn außerhalb der Literatur noch nie persönlich getroffen habe. Aber ihm gehört die Bäckerei und Konditorei in dem Roman, den ich gerade ein letztes Mal „poliere“, und wir holen morgens bei ihm unsere Brötchen. Sie sind genau so wie Brötchen sein sollten, außen knusprig und innen luftig, was heute fast schon eine Seltenheit ist. Und seine Croissants machen geradezu süchtig.

Noch vor wenigen Tagen hat er meinen Buch-Kindern zu Halloween hübsche Tüten mit Vanille Fudge geschenkt. Es waren besondere Tüten, denn er hatte eigenhändig grinsende Kürbisse darauf gemalt. Die Mädchen waren diesmal beim „Grabschen“ (ihr Spezialwort für den Trick or Treat-Heischegang, geborgt von den Peanuts) als Herbstgeister verkleidet, und sogar Andys Spaniel war entzückt. Maja hat alle Kinder trotz der tollen Verkleidung sofort erkannt und begeistert bellend umkreist. Andy hat sie auch erkannt, aber er hat es nicht verraten, um ihnen den Spaß nicht zu verderben.

„Irgendwo in Hohenlohe“ von Andreas Schmelz

An Thanksgiving sind Andy und Bärbel zusammen mit einigen anderen Personen aus meinem Buch am Brüsseler Platz 4A zum Festessen eingeladen. Weit haben sie es nicht, sie brauchen nur zwei Häuser nach rechts zu gehen, wenn man direkt vor der Konditorei „Schmelzle“ steht. Das Haus kann man nicht verfehlen, denn unten ist das Antiquariat Halibutt Vater & Sohn. Als Schriftstellerin weiß ich auch schon, was es  zu essen gibt und dass nicht alles so glatt läuft wie es sollte, weil der melancholische Sparky und die exzentrische Coco sich mal wieder übel verkracht haben. Beide sind Übersetzer, Sparky ist Spezialist für Kunst, auch wenn er oft genug Mühe hat, die komplizierten Texte zu verstehen, Coco ist Fachfrau für Esoterik. Das Essen ist trotzdem ein Gedicht. Es gibt Kürbissuppe mit Ingwer, Truthahn mit Süßkartoffeln und glasierten Möhren und zum Nachtisch Mousse au Chocolat. Den Nachtisch bringt Andy höchstpersönlich mit. Genau wie das leckere Kartoffelbrot zur Suppe. Kartoffelbrot gehört auch zu seinen Spezialitäten. (Keine Ahnung, ob der echte Andy Kartoffelbrot mag.) Dass er köstliche Schneeballen backen kann, weiß hier jeder, aber die gibt es im Buch erst vor Weihnachten, weil sie den Kölnern leider doch etwas schwer und ungewohnt im Magen liegen. In Hohenlohe, sagt Buch-Andy, gibt es sie in jeder Bäckerei. Und zwar in den unterschiedlichsten Varianten. Hier in der Konditorei „Schmelzle“ allerdings nur klassisch. Vielleicht lernen die Kölner sie ja irgendwann richtig schätzen. Zu St. Martin in ein paar Tagen gibt es natürlich traditionsgemäß Weckmänner, Püfferkes, leckere Krapfen mit Rosinen und kleine Mutzenmandeln. Die gibt es in Köln auch an Karneval.

„Waldweg“ von Andreas Schmelz

Mein Buch-Andy hat gerade Heimweh nach seiner Heimat Hohenlohe, denn in der Konditorei präsentiert er schon seit einigen Wochen seine geliebte Foto-Herbstausstellung. Es sind in diesem Jahr (im Buch wird es übrigens auch noch einen zweiten Herbst geben) genau die Bilder, die hier im Beitrag zu sehen sind, allerdings in SEHR GROSS. Sein „Zauberwald“ ist hier inzwischen wohlbekannt. Da können die Bäume am Brüsseler Platz leider nicht mithalten, auch wenn sie vor St. Michael, der Kirche gegenüber, gerade jetzt sehr malerisch wirken. Wenn sie ihre Blätter ganz verloren haben, kann man auch wieder die Engel mit den langen spitzen Flügel vor dem goldenen Mosaik sehen, und den Heiligen Michael oben über dem Eingang. Zu seinen Füßen liegt ein Drache, doch die Mädchen finden, dass er eher aussieht wie ein Babykrokodil.

Langsam werden die Nächte kühler, und wenn Andy frühmorgens mit der Kiepe auf dem Rücken auf dem Fahrrad seine Brötchen ausfährt (darauf besteht er, weil es einfach schöner aussieht und gute alte Tradition ist), sieht man ihn oben vom Erkerfenster meiner Buch-Familie nur noch verschwommen, denn es kann um diese Zeit schon recht neblig sein. Meistens merkt er, dass wir ihn beobachtet, hebt den Kopf, lächelt und winkt uns freundlich zu.

„Stille“ von Andreas Schmelz

Das Bild mit dem Fliegenpilz hängt immer noch vorn neben der Konditoreitür. Schon seit Monaten. Als Andy es vor einiger Zeit abnehmen wollte, legten seine Stammkunden sofort lautstark Protest ein. Sogar der alte Herr Christen aus der Lütticher Strasse, der sonst kaum spricht. Das Bild sei einfach zu schön, sagt er. Es erinnert ihn an seine Kindheit und an das alte Kinderlied „Ein Männlein steht im Walde“, auch wenn damit eigentlich die Hagebutte gemeint ist. Aber das weiß er vielleicht nicht. Früher gab es jedenfalls eindeutig mehr Fliegenpilze als heute. Das sagt nicht nur Herr Christen.

„Fliegenpilz“ von Andreas Schmelz

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Bunt sind schon die Wälder

„Reineke auf der Pirsch“ von Ulla Genzel

Mein Vater liebte den Sommer. Hitze und Sonne taten ihm gut, während sie mich sofort außer Gefecht setzen. Im Gegensatz zu mir mochte er auch keinen Regen. An nasskalten Tagen, an denen ich es mir an meinem Schreibtisch mit einer Tasse Tee richtig gemütlich mache und meiner Fantasie freien Lauf lasse, wurde er richtig depressiv, weil er sich nicht in seinem geliebten Garten zurückziehen konnte. Doch an klaren Herbsttagen genoß auch er die bunten Wälder und zeigte mir, selbst als ich schon lange in Köln wohnte, bei meinen Besuchen am Wochenende seine Lieblingsplätze rund um unser Dorf. „Bring am besten den Fotoapparat mit, Kind. Damit du das alles bewahren kannst.“ Meine Eltern fotografierten so gut wie nie und hatten eine tiefe Abneigung gegen alles „Technische“. Sie bekamen schon Panik, wenn sie nur einen neuen Film in ihren uralten Agfa Fotoapparat einlegen mussten. Die Abneigung hatte ich zunächst auch, aber mein Bedürfnis, Eindrücke einzufangen und festzuhalten, waren viel, viel stärker. Unter den staunenden Blicken meiner Eltern wechselte ich mühelos Objektive und Filmspulen und holte mit meinem Zoom sogar weit entfernte Motive ganz nah heran. Einen Fotoapparat hatte ich mir schon als Kind sehnlichst gewünscht und immer bedauert, dass es von mir und meiner Schwester so gut wie keine Kinderfotos gibt. Von meinem ersten Honorar als Übersetzerin kaufte ich mir daher sofort eine Spiegelreflexkamera, und von da an war ich nicht mehr zu stoppen.

„Herbstwald“ von Ulla Genzel

Leider sind meine Fotos aus dieser Zeit fast ausnahmslos Dias, weil ich damals fand, dass die Farben in dieser Form am schönsten strahlten. Ich konnte ja nicht ahnen, dass es eines Tages digitale Bilder geben würde, die man selbst bearbeiten und ausdrucken kann. Auch meine Aufnahmen von den Laternenumzügen und Martinsfeuern in meinem Heimatort stecken in grauen Dia-Kästchen oben im Schrank, weil ich bisher noch keine Möglichkeit gefunden habe, sie in ihrer ganzen Strahlkraft auf den Computer zu holen. Doch glücklicherweise hat meine Freundin Ulla Genzel einen Riesenschatz von Niederrhein-Herbstbildern, die ich mir ausleihen darf.

„Geheimnis der Bäume“ von Ulla Genzel

In den Wäldern rund ums Dorf zeigte mir mein Vater, wo bei Dämmerung die Rehe ästen, wo die Füchse am liebsten schnürten, wo die Eulen nisteten und wo man am besten die Eichhörnchen beobachten konnte. Die Luft war schwer vom intensiven Waldgeruch. Damals wußte ich noch nicht, dass ich „hochsensibel“ bin (ich mag das Wort immer noch nicht), aber mir war durchaus bewußt, dass meine Sinne sich „beim Wahrnehmen“ häufig geradezu überschlugen. Meist blieb ich bei unseren Spaziergängen irgendwann einfach stehen, überwältigt vor Farbrausch, Herbstduft und Glück, und konnte gar nicht tief genug einatmen, um alles in mich aufzunehmen. Die Ehrfurcht vor der Natur hat mein Vater wohl genauso gespürt, denn oft genug nahm er genau im richtigen Moment wortlos meine Hand. Der sinnliche Gefühlsüberschwang war etwas, das nur uns beiden gehörte.

„Herbstspaziergang“ von Ulla Genzel

Meine herbstlichen Kindheitserinnerungen duften bis heute intensiv nach feuchtem Laub, rauchigen Kartoffelfeuern und gerösteten Kastanien, nach rotem Hagebuttentee, heißer Schokolade, Bratäpfeln und rosinengespickten Krapfen, die bei uns Püfferkes hießen, nach Vanillekipferln und kleinen ovalen Mutzemandeln, die mit Zimt und Rum gebacken und noch warm in Puderzucker gewälzt wurden. Sie schmecken nach würzigem Pflaumenmus, süßem gelbem und rosa Apfelkompott, nach Schwarzbrot mit klebrigdunklem Rübenkraut, nach mit Zucker bestreuten Butterbroten, rotem und schwarzem Johannisbeergelee und goldgelbem, dickflüssigem Eierlikör, den wir als Kinder an besonderen Feiertagen aus flachen kleinen Gläsern lecken durften. Sie schmecken nach frischem, ofenwarmen Weißbrot mit Knusperkruste, nach luftigem Rosinenbrot, dicken Eintöpfen, Hühnersuppe mit Eierstich oder Griesknödeln, nach Kohlrouladen und Reibekuchen. Manchmal gab es Weihnachtsplätzchen bei uns schon im Herbst, daher schmecken manche Novembererinnerungen auch schon nach Spritzgebäck und Heidesand.

„Das Tor in meine Welt“ von Ulla Genzel

Eins von Ullas Herbstbildern weckt ganz besondere Erinnerungen in mir. Es ist „Das Tor in meine Welt“. Ein ganz ähnliches Tor führte in mein erstes verlorenes Paradies, den alten verfallenen Friedhof, auf dem ich mit meiner Freundin Winnie so oft war und die wilden Katzen fütterte. Riesige Kastanien wachten an beiden Seiten. Das rostige Tor war mit einer dicken Kette verschlossen, aber wir kannten einen Geheimeingang. In der Eibenhecke, die unseren Kirchhofgarten umgab, war nämlich ein Loch, das mit einem dicken Brett verschlossen war. Es war groß genug für Kinder, aber viel zu klein für Erwachsene. Durch unser Heckenloch schlängelten wir uns auf den abgesperrten verfallenen Friedhof. Hier gab es nur uns, die steinernen Engel, viele Vögel und Kaninchen und die wilden Katzen.

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Altweibersommer

„Septembermorgen“ von Ulla Genzel

Im Herbst geschahen am Niederrhein lauter kleine Wunder. Die Vogelscheuchen sahen plötzlich aus wie Spukgestalten, ihre Kleider hingen in Fetzen von ihren Holzgerippen, und auf den Feldern tummelten sich heiser krächzende Saatkrähen, riesige glänzende Kolkraben und flinke grauschwarze Dohlen mit hellen Augen. Sie schienen aus einer anderen Welt zu kommen. Abends flogen sie lärmend zu ihren Schlafbäumen und Sammelplätzen. Manchmal hörte man merkwürdig traurige Schreie in der Luft, wenn die Wildgänse und Kraniche in großen Schwärmen in ihre Winterquartiere zogen, und am Krickenbecker See trafen die ersten gefiederten Wintergäste ein.

„Kraniche im Nebel“ von Ulla Genzel

Wenn der Nebel richtig dick war und wie eine riesige weiße Wattekatze über die Flüsse strich, konnte man draußen auf den Weiden ein merkwürdiges Schauspiel beobachten. Zuerst nahm mein Vater uns mit und ließ uns staunen, später gingen Winnie und ich allein in die Felder und konnten uns nicht satt sehen.

Die schwarzweißen Kühe hatten plötzlich keine Beine mehr. Der untere Teil ihres Körpers wurde vom Nebel verschluckt, nur Kopf und Rücken ragten noch aus dem dicken Weiß. Die Luft war feucht, unsere Wimpern waren nass, und überall flogen feine, mit Tröpfchen besetzte Fäden

„Diese Jahreszeit nennt man Altweibersommer“, erklärte mein Vater. „Warum dat denn?“  fragten wir. „Vielleicht, weil die Fäden so grau und weiß sind und wie die Haare von alten Frauen aussehen“, meinte mein Vater. Das leuchtete uns sofort ein. Die halben Kühe schienen sich auch ohne Beine wohl zu fühlen, fast hätte man glauben können, sie wären verzaubert.

(aus: „Mit Winnie in Kattendonk“)

„Verwunschen“ von Ulla Genzel

Meine Freundin Ulla Genzel und ihre Bilder habe ich bereits im März in einem eigenen Blogbeitrag vorgestellt. Da der Herbst auch ihre Lieblingsjahreszeit ist, freue ich mich sehr, dass ich auch Texte aus meinen beiden Winnie-Bänden mit ihren stimmungsvollen Niederrheinbildern untermalen darf .

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Halloween mit Nancy Michalak

„Haunted House“ von Nancy Michalak

Meine Liebe zu Scherenschnitten begann bereits in der Kindheit. Während meiner Volksschulzeit hatten meine Eltern noch keinen Fernseher, so dass mich die beiden Schwarzweißfilme, die wir in der Schule sahen, tief beeindruckten. Wir marschierten aufgeregt in die große Aula, wo bereits ein surrendes Vorführgerät auf uns wartete. An die Silhouetten-Animationsfilme „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ und „Dornröschen“, beide von Lotte Reiniger, kann ich mich gut erinnern. Leider währte die Freude an „Prinz Achmed“ nur sehr kurz, denn das Gerät lief bald heiß und brachte den Film brutal zum Schmelzen. Sekundenschnell verschlang der schwarze Rand zu unserem Schrecken das schöne Filmbild, das Deckenlicht flammte auf, und wir mussten wieder zurück ins Klassenzimmer. Eine Riesenenttäuschung! Aber wenigstens hatten wir den bösen Zauberer auf dem fliegenden Pferd noch gesehen. Eine Woche später konnten wir den Film dann ohne Schmelzeinlage genießen. Es war wundervoll!

„At the Gate“ von Nancy Michalak

Eigentlich ist meine Lieblingsfarbe ruhiges, kühles Blau in allen Schattierungen. Das ändert sich erst im Herbst, wenn ich mit der Natur in meinen alljährlichen Farbrausch verfalle. Dann liebe ich sogar feurig loderndes Rot, am meisten jedoch die warmen Orange- und Gelbtöne, die in Kombination mit Schwarz auch die klassischen Halloween-Farben sind.

Die amerikanische Künstlerin Nancy Michalak lebt in Maine, an der Ostküste der Vereinigten Staaten, wo sie den „Indian Summer“ hautnah miterleben und genießen kann. Als ich ihre leuchtenden „Paper Cuttings“ entdeckte, habe ich mich sofort verliebt und mir gleich einen kleinen Kartenvorrat zugelegt.

Nancys Hexen haben nichts Bedrohliches oder Unheimliches, sie sind stille kindliche Zauberinnen und „Trick or Treaters“, kleine Heischegänger, die beinahe ehrfürchtig mit ihren Kürbistaschen ins Dunkel des Halloween-Abends zu den Spukhäusern und Friedhofstoren ziehen. Die Gestaltung und Farbgebung von Nancys leuchtenden „Paper Cuttings“ fängt die Stimmung dieses ganz besonderen magischen Herbsttages perfekt ein. Man kann sie auch sehr schön rahmen und das ganze Jahr lang genießen.

Nancys Karten kann man hier in ihrem Etsy-Shop kaufen.

„Witches with Cauldron“ von Nancy Michalak

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Kürbiszeit

Kennengelernt habe ich Kürbisse und Halloween durch meine Comics. Mit freundlicher Unterstützung von Donald Duck und den Peanuts. Tick, Trick und Track hatten tolle Pumpkins, und der kleine Linus van Pelt saß jedes Jahr pünktlich im Herbst mit seiner Schmusedecke mitten im Kürbisfeld und wartet geduldig darauf, dass der Great Pumpkin kam und den Kindern Geschenke brachte. Leider kam er nie. Linus glaubte trotzdem unbeirrt weiter und probierte es im nächsten Jahr aufs Neue. Irgendwann würde der Great Pumpkin schon kommen! Sein Idealismus und seine Unerschütterlichkeit haben mich schon als Kind beeindruckt. So sieht wahrer Glaube aus! Voller Zuversicht. Egal, was die anderen sagen. Irgendwann kommt der Great Pumpkin bestimmt. Santa Claus und Father Christmas kommen ja schließlich auch. Ganz zu schweigen vom Heiligen Nikolaus und dem Christkind.

Echte Kürbisse kannte ich ansonsten nur von Fotos, aber die Vielfalt der Formen und Farben hatte es mir auf den ersten Blick angetan. Mich faszinierten die riesigen Kürbisse auf den Feldern und auf den amerikanischen Treppenstufen, auf denen es so herrlich  teuflisch orangenrot grinste. Die Generation meiner Eltern mochte Kürbisse überhaupt nicht, sie erinnerten sie offenbar zu sehr an den Krieg. Genau wie Rüben. Etwas anderes hatten sie auf dem Land nicht zu essen gehabt in den Hungerwintern. Niemals wären bei uns Rüben oder Kürbisse auf den Tisch gekommen! Schade. Vor allem Kürbissuppe ist wirklich köstlich. Irgendwann stand ganz oben auf meiner langen to do-Liste: RICHTIG Halloween feiern, großen HEXENHUT kaufen und MINDESTENS einen Kürbis aushöhlen und schnitzen. Doch es sollte noch lange dauern, bis sich mein Wunsch erfüllte. Linus ist nicht umsonst mein Liebling. Auch ich kann warten. Wenn es sein muss, sehr lange. Irgendwann kommt der richtige Moment. Kairos. Und dann muss man nur die Hand ausstrecken und zugreifen, damit das Glück nicht davonfliegt.

Als ich in England lebte, kam ich den gruseligen Herbsttraditionen um einiges näher. Hier gab es zwar keinen St Martin wie bei uns am Niederrhein (auch eins meiner Lieblingsfeste), dafür aber einen eindrucksvollen Guy Fawkes Abend am 5. November, mit Verkleidungen, bonfire und dem Guy, einer meist lebensgroßen Puppengestalt, die am Abend unter Johlen und Knallkörpergeknattere auf einem kleinen Scheiterhaufen verbrannt wurde. Mancherorts feierte man Ende der 1970er in England auch schon ein wenig Halloween. Nicht so schön wie bei den Peanuts, aber immerhin. Vielleicht kam das Fest den Engländern damals noch zu amerikanisch vor, dabei war es doch ursprünglich aus Irland in die USA exportiert wurden. Späterer kam es dann als Re-Import wieder zurück über den Großen Teich. Allerdings steckten die Kerzen nun nicht mehr in ausgehöhlten Rüben, sondern weit dekorativer in großen Kürbissen. Die Hexen waren ohnehin nie amerikanisch, sondern zutiefst britisch. Wo sonst haben sie so schöne schwarze spitze Hüte? Bei uns in Deutschland wurden Hexen immer nur als alte Frauen dargestellt, meist krumm und mit Kopftuch. In England konnten sie jedes Alter haben und sogar wunderschön aussehen. Und wo sonst gibt es so viele Coven, ein veritables Museum of Witchcraft and Magic (in Boscastle in Cornwall, und ich war natürlich schon mehrmals dort) und (zumindest seit J.K. Rowling) eine Schule für Hexen und Zauberer? Hogwarts! Wie gern hätte ich dort eine ordentliche Ausbildung gemacht. Vorzugsweise bei Prof. Sprout und Madame Pomfrey. Ich liebe Alraunen und Fliegenpilze.

Bei einem Urlaub in Wales, in einem Ort mit einem unaussprechlichen Namen, sah ich im Foyer des B&B Fotos von alten walisischen Frauen, die rabenschwarz gewandet und angetan mit komischen Hüten auf einer Bank saßen und den Betrachter unheimlich ansstarrten. Die Frau in der Mitte war die Uroma des B&B Landlords. Es waren Welsh Ladies, und sie sahen verblüffend aus wie die Hexen in englischen Kinderbüchern. Ich fragte vorsichtig nach. „Well“, sagte der Landlord. „I am sure you are right there. She really was a very strange woman.“ Er fand, dass ich auch ein bisschen etwas von einer Hexe hätte, was mir sehr gefiel. Endlich hatte es jemand gemerkt, auch wenn meine Zauberkünste äußerst erweiterungsbedürftig waren. Immerhin war das erste Buch, das ich mit sieben Jahren allein gelesen hatte, sicher nicht von ungefähr „Die kleine Hexe“ von Otfried Preußler gewesen. Und eins der wenigen Dinge, die ich in meinem Leben geklaut habe, war eine arg zerfledderte Ausgabe des The New Yorker mit einem wunderschönen Halloween Cover von Chas Addams. Es passierte in einem amerikanischen Motel und ist mir immer noch peinlich, aber ich konnte nicht anders. Ich glaube nicht, dass die Besitzer es vermißt haben. Es war schon alt, und es lagen Unmengen von Magazinen auf dem Tisch. Inzwischen bekomme ich The New Yorker längst im Abonnement. Damit mir so etwas nur ja nicht wieder passiert. Die Magazin Cover hängen bei mir an mehreren  Wänden, und ich zelebriere jeden Monat meine kleine Wechselausstellung. An Halloween hänge ich selbstverständlich auch immer das stibitzte Cover aus dem Motel auf.

Übrigens gab es in dem walisischen Haus mit den Welsh Ladies einen veritablen Geist. Eine bleiche junge Frau, die mit Vorliebe durch die Wände ging und den erschrockenen Gästen nachts im Treppenhaus erschien. Ich stand mehrfach auf, um sie zu treffen, aber leider kam sie nicht. Ganz wie der Great Pumpkin. „You have to come back, you know!“ meinte der Landlord. Ganz bestimmt. Irgendwann. Dann wird sie mir sicher auch erscheinen. Am letzten Tag erwarb ich in dem Ort mit dem unaussprechlichen Namen (er hatte mindestens 7 Konsonanten hintereinander) in einem merkwürdigen Antiquitätenladen eine kleine Glocke in Form einer Welsh Lady. Es ist eindeutig eine magische Glocke. Wenn sie richtig aufgelegt ist, läutet sie nachts von ganz allein. Allerdings nur sehr selten. Und ausschließlich Ende Oktober. Wann sonst?

In Deutschland versuchte ich alles, was in meiner Macht stand, um die Kölner für mein Lieblingsfest zu begeistern. Wahrscheinlich habe ich enorm dazu beigetragen, dass sie inzwischen das Fest mit Begeisterung feiern. Generationen von VHS-Kursteilnehmern erfuhren von mir alljährlich in gleich zwei Doppelstunden (mit freundlicher Unterstützung der Peanuts und Donald Duck) alles Wissenswerte über Pumpkins, Cupcakes und Halloween. Ob sie wollten oder nicht. Die meisten wollten. Hoffe ich jedenfalls. Meine erste Pumpkin Pie aß ich trotzdem erst Mitte der 1980er Jahre, als ein amerikanischer Freund von meiner Passion erfuhr und mir etwas Gutes tun wollte. Die ersten Kürbisse schnitzte ich erst 1998. Im selben Jahr kochte ich auch meine erste Kürbissuppe. Mit viel Ingwer. Es war wirklich ein wunderbares Jahr, nicht nur was die Herbstfreuden betraf. Vielleicht war es sogar das glücklichste Jahr in meinem Leben, aber das lag nicht an Halloween. Seitdem feiern wir Halloween jedes Jahr. Und der Great Pumpkin bringt sogar Geschenke. Beim Schnitzen sind immer meine Katzen dabei. Vor allem Alice. Sie hat kürbisfarbene Flecken, einen höchst dekorativ mitten auf der Stirn, und daher eine ganz besondere Affinität für dieses Fest. Aber dazu mehr im nächsten Eintrag.

Die wunderbaren Fotos zu diesem Beitrag stammen von SIMONE GARLAND, die in Kanada lebt und genau so ein Kürbisfan ist wie ich.

 

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Oktoberland

Den Herbst mit seinen kräftigen, glühenden Farben habe ich schon als Kind geliebt. Es war die Zeit  der geheimnisvollen Nebel, der taubedeckten Spinnennetze, der fern am Himmel dahinziehenden Zugvögel, der knallbunten Dahlien, zarten Astern und saftigen Chrysanthemen. Ganze Arme voller Herbstblumen brachte mein Vater aus seinem Nutzgarten mit nach Hause. Sie standen wochenlang in den Vasen und erfreuten uns. Zum Schluss bekamen sie sogar noch zarte weiße Wurzeln und wurden vorsichtig wieder ausgepflanzt, auf dass im nächsten Jahr noch ein Busch mehr in unserem alten Kirchhofsgarten stand. Ich mochte die kleinblütigen lilafarbenen Astern ganz besonders. Seit einigen Jahren wachsen sie endlich auch hier in meinem Kölner Garten. Allerdings wage ich nie sie abzuschneiden. Zu schön sehen sie aus als letzter großer Farbfleck im Beet. Um diese Zeit begann mein Vater, noch mehr Vogelfutter als sonst ins Futterhäuschen zu streuen, damit die Vögel auch genau wussten, wo man in der kalten Zeit für sie sorgte. Bald fanden sich auch seltenere Besucher wie der Specht ein. Er bekam sein Futter an einer besonderen Stelle, denn er fraß weder im Futterhaus noch auf dem Boden. Er hängte sich lieber an die großen Meisenknödel, die in der Birke baumelten. Einmal kam sogar ein Käuzchen in unseren Garten und erschreckte mich fast zu Tode, als ich abends aus meinem Kinderzimmerfenster genau in seine runden leuchtenden Augen sah. Vielleicht war es ja auch gar kein Käuzchen, sondern ein echter Vampir?

Herbstblumen verströmen einen ganz eigenen Duft, genau wie das Laub, das den Boden wie ein weicher Teppich bedeckt, und wie die Pilze, die plötzlich über Nacht unter den Bäumen und Büschen erscheinen. Der Busch an unserer Garage roch wie das feuchte Fell von Onkel Günters Schäferhund, das Holz vom Perückenstrauch duftete beim Abschneiden nach Gewürzen. Und sogar unser alter Efeu roch angenehm. Als Kind sah ich überall die Spuren von Zwergen und Hexen. Guck mal, da, hinter dem großen Baumstamm! Da war doch eine rote Mütze! Da vorn, neben dem grauen Stein, siehst du den kleinen Laurin nicht, Papa? Aber du musst ganz genau hinsehen! Mein Vater ließ mich erzählen. Er wußte, dass meine Geschichten nur für ihn bestimmt waren. Einmal fanden wir sogar den Fußabdruck eines Riesen hinten in den Feldern. Was er wohl am Niederrhein zu suchen hatte? Vielleicht die schöne Melisande? Ein anderes Mal flog ein Uhu direkt auf uns zu. Fast hätte uns sein rechter Flügel gestreift! An den Seen gab es plötzlich Enten und Gänse mit besonderen Namen, die ich mir alle merkte. Wir sammelten Eicheln und Kastanien, bunte Blätter, die wir auf dünne Schnüre zogen, und suchten nach giftigen Fliegenpilzen. Ich hatte meine Märchenwelt draußen im Wald hinter dem Dorf, und sie gehörte nur mir und meinem Vater. Und die kleinen Löcher in den Nüssen waren die Türen zu den Elfenwohnungen, da war ich mir ganz sicher.

Die Blätter des Essigbaums neben dem Haus standen in glühenden Flammen, und abends kamen die Igel in den Garten und machten sich über das Katzenfutter her. Wenn der Frost kam, zogen sie sich zum Winterschlaf unter den dicken Laubhaufen an der Garage zurück. Ihre Anwesenheit war nicht zu überhören, sie schmatzen und schnauften, „pufften“ einander laut an und saßen gelegentlich mitten im Teller statt ordentlich davor. Topsi die Katze bekam ihr Futter nun in der Küche, damit sie auch satt wurde. Eichhörnchen sausten durch die Bäume, und an den Krickenbecker Seen fielen immer mehr gefiederten Wintergäste ein. Nachts flogen Hexen auf ihren Besen über unser Haus. Ziemlich viele. Aber nur wenige Menschen konnten sie sehen. Auf jeden Fall flogen sie, wenn Vollmond war. Dann sah man sie auch am besten. Und dann verschwanden auch die Warzen auf den Fingern. Mann musste nur sanft darüber streichen und leise die Namen der Großen Göttin murmeln, die auch die Herrin des Mondes war. Oder die drei Niersmatronen zu Hilfe rufen. Dann ging es ganz leicht.

Oktober ist nicht nur ein Monat, er ist Lebensgefühl, Zauberreich, Vaterzeit. Im Herbst fühle ich mich am wohlsten und habe die meisten Ideen für meine Bücher. Es ist auch die Zeit, in der ich am traurigsten bin, aber in dieser Stimmung schreibt man ja bekanntlich am besten. Ich mag die Melancholie, die Magie, die Geheimnisse. Den trüben Altweibersommer. Die feuchten Spinnweben, die durch die Luft wehen wie weiche Feenfäden und kühl in den Wimpern hängen bleiben. Die schwarzweißen Kühe, die am Niederrhein morgens manchmal halb vom Nebel verschluckt werden und plötzlich keine Beine mehr haben und seltsam unwirklich in der Luft schweben.

Ich mag die Herbstgedichte, in denen Blätter wie von weit fallen, als welkten in den Himmeln ferne Gärten. Die Gedichte, in denen Wanderer einsam in Alleen wandern, den heiseren Schreien der Krähen und Raben lauschen und mit den Schuhspitzen raschelnde Blätter aufwirbeln. Ich mag die Laubfeuer in den Schrebergärten meiner Vergangenheit, den Rauch der Kartoffelfeuer auf den Stoppelfeldern, die Papierdrachen mit den langen Schweifen, den Geruch zarter Fäulnis und kommender Vergänglichkeit, die leise Melancholie, die überall zu spüren ist. Es ist sicher kein Zufall, das mein nächstes Buch eine Liebeserklärung an den Herbst ist. Es spielt hier in Köln, und die Geschichte beginnt an Halloween und endet an Halloween. Ein Fest nach meinem Geschmack, traurig, unheimlich, lebenssprühend und übermütig zugleich. Bunt wie die tanzenden Blätter, gelborange wie Ringelblumen und reife Kürbisse, rotgrün wie die letzten Äpfel, dunkel wie die Nacht und die Anderswelt, weiß wie die Geister und Gespenster, ausgelassen wie die Kinder in ihren gruseligen und lustigen Kostümen. Es riecht nach Pumpkin Pie und Karamell, nach ausgehöhlten Kürbissen und knusprigen Keksen. Und nach heißer Schokolade.

Halloween bekommt in den nächsten Tagen noch eine eigene Liebeserklärung. Genau wie Ray Bradbury, one of my favourites. In seinen Büchern ist immer Halloween und forever October Country.

Die Bilder in diesem Beitrag stammen von SIMONE GARLAND, die das Glück hat, in Kanada zu leben, wo man meine liebste Jahreszeit richtig genießen kann: als wunderbar leuchtenden Indian Summer.

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Klosterschule Niersbeck (3) – Kapelle

unsere Kapelle

Musterschülerinnen

Gemessen an heutigen Verhältnissen waren wir wahre Musterschülerinnen. Wir beteten andächtig vor und nach dem Unterricht, begaben uns einmal die Woche geschlossen in die Kapelle zur heiligen Messe, waren ordentlich, fleißig, leicht lenkbar, trugen keinerlei Waffen, gaben fast nie Widerworte und schminkten uns gar nicht oder nur so dezent, dass man es kaum bemerkte. Wer mit Make-up erwischt wurde, musste auf der Stelle seine Sachen packen, den Klassenraum verlassen oder wurde gar mit Schimpf und Schande vorzeitig nach Hause geschickt. Die Internen, die weit renitenter und mutiger waren als wir Externen, wohl weil sie eine Art Gruppenschutz genossen, konnten schlecht heimgeschickt werden, denn sie kamen ja von weither. Bei ihnen legte Schwester Engeltrudis daher selbst Hand an und übernahm höchstpersönlich die Entfärbung. Lidschatten und Lippenstift galten als „unanständig“ und „unkeusch“. Dabei gab es damals so gut wie keine männlichen Wesen innerhalb der Klostermauern, die man durch seine Schminkkunst beeindrucken konnte, wenn man von einem schusseligen Lehrer mittleren Alters, dem betagten Herrn Prälat und dem äußerst beleibten Religionslehrer, den wir Bubi nannten, einmal absah. In der Mittel- und Oberstufe verstörten wir den armen Mann nachhaltig, als wir detailliert und gnadenlos nachfragten, wie genau man knutschen dürfe, ohne eine absolute Todsünde zu begehen, und welche Zungenkussvarianten möglicherweise noch erlaubt seien, welche grenzwertig und welche eindeutig verdammungswürdig. Auch die präzise Abgrenzung von Petting, Knutschen und Fummeln konnte er uns nicht überzeugend erklären. Am Ende des jeweiligen Verhörs stand der Ärmste kurz vor dem Herzinfarkt und tat zumindest mir entsetzlich leid.

Heimatgefühle

Bis heute habe ich eine Schwäche für Klöster und bekomme dort sofort Heimatgefühle. An unserer Schule liebte ich die stillen langen Korridore mit den geschwungenen Bögen, die weiß getünchten Wände mit den hohen schmalen Fenstern und die schöne große Kapelle mit dem geschnitzten Altaraufsatz. Sie war unser Refugium, das wir aufsuchten, wenn wir eine Auszeit brauchten oder Dringendes zu beflüstern hatten. Hier roch es angenehm nach kühlen Wänden, poliertem Holz, Bohnerwachs, Kerzen, Weihrauch und nach Garten, denn die Schwestern legten großen Wert auf frischen Blumenschmuck. Vor der Marienstatue stand ein Tisch mit einem weißen Deckchen, auf dem im Frühling Hyazinthen und Maiglöckchen, im Sommer Flieder und langstielige Lilien, im Herbst Dahlien und Chrysanthemen und im Winter Waldsträuße mit Ilexzweigen und Christrosen standen.

Päpstliche Sondergenehmigung

Niersbeck war damals einer der wenigen Orte, an denen Mädchen Messdiener sein durften, was vor allem daran lag, dass es an unserer Schule keinen einzigen Jungen gab. Da ein Gottesdienst ohne Schellengeläut während der Wandlung unvorstellbar war, hatten wir offenbar eine päpstliche Sondergenehmigung. Wir waren uns dieser Ehre sehr wohl bewusst, wenn wir erhobenen Hauptes zu zweit vor dem Geistlichen durch den Mittelgang schritten und während der Wandlung die goldenen Schellenringe schüttelten. Wir durften sogar Brot und Wein zum Altar tragen und dem Priester die Schale für die Händewaschung reichen. Nur die rotweiße liturgische Kleidung der echten Ministranten blieb uns versagt, daher waren wir auch nicht wirklich gleichberechtigt, doch wir fühlten uns trotzdem revolutionär und sehr modern.

(aus „Mit Winnie in Niersbeck“)

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Mit Winnie in Niersbeck – Rezension

Kleine Rezension zu „Winnie Two“

„Das Buch führt die Leser und Leserinnen mitten hinein in die 1960er Jahre am Niederrhein. Man begleitet die Erzählerin und ihre engste Freundin bei ihren jugendlichen Abenteuern, Mädchenträumen, wilden Diskussionen und hartnäckigen Fragen, die sie sich selbst und den oft nicht wenig geplagten Erwachsenen stellen (anders als heute können sich diese jedoch nicht hinter einem Smartphone oder einem Rechner in Sicherheit bringen).

Dabei erfährt man viel Skurriles und Wunderbares – so besonders, dass es einfach wahr sein muss –, etwa über die so energische wie unglaublich gefräßige kleine Schwester der Erzählerin, die Lehrerinnen in der Klosterschule (die an eine weibliche Version der „Feuerzangenbowle“ denken lassen), den Großvater, dessen Weisheit, Zuneigung, Geduld und plötzliches Sterben seine Enkelin nachhaltig prägen, und natürlich die durch nichts zu erschütternde Freundschaft der beiden „Blutsschwestern“, die einander ewige Treue geschworen haben.

Marlies ist leider nicht so reitbegabt wie Winnie…. Illustration von Caroline Riedel

Das Schöne an dieser sehr persönlichen Geschichte ist, dass man nicht nur alte Bekannte trifft – „Flipper“, „Winnetou“, „Bravo“ und viele andere –, sondern dass man unmittelbar teilhat an der Spannung zwischen dörflich-katholischer Enge und strenger Schulzeit einerseits und der Geborgenheit einer Kindheit andererseits, die sich noch weitgehend draußen abspielte und geprägt war von engen familiären Banden. Mit schönen Zeichnungen von Caroline Riedel illustriert und wirklich sehr lesenswert!“

(Susanne Schulten)

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Hochsensible „Supersinne“: Luchsohren

Neulich beim Ohrenarzt

Vor einigen Wochen war ich beim HNO-Arzt (rechtes Ohr „verstopft“) und fasste den mutigen Entschluss, bei der Gelegenheit gleich auch meine Hörfähigkeit testen zu lassen, weil ich subjektiv schon länger das Gefühl habe, nicht mehr so gut zu hören wie früher. Außerdem habe ich große Angst, schwerhörig zu werden wie meine Eltern. Sie waren beide im Alter so gut wie taub, und das war für alle äußerst stressig. Das dringend nötige Hörgerät haben sie sich natürlich viel zu spät zugelegt und auch nur äußerst selten und höchst ungern getragen. So weit will ich es auf keinen Fall kommen lassen. Beim Test, der von der freundlichen Arztgattin an einer Art Mischpult durchgeführt wurde, hatte ich zu meinem Horror auch noch das unerwartete Riesenproblem, dass ich mein Herz (oder war es vor allem mein Blut?) so laut wummern und peitschen hörte (oder war das Rauschen am schlimmsten?), dass die unglaublich leisen und weit entfernten Töne aus den Kopfhörern für mich kaum hörbar waren, denn sie mussten ja erst noch durch meine Körpergeräusche dringen. Ich war daher auf das Schlimmste gefasst und entsprechend nervös.

Der Arzt setzte sich und warf einen ungläubigen Blick in die Testergebnisse. Dann sah er mich an. Ich holte schon mal tief Luft. „Sie machen sich also Sorgen, dass Sie nicht gut hören?“ Ich nickte. Er schaute erneut auf den Zettel und hob die Brauen. „Wirklich erstaunlich. So was sehe ich hier wirklich nur äußerst selten.“ War ich bereits ertaubt und hatte es nur noch nicht richtig gemerkt? Der Arzt grinste. „Sie sind ein Phänomen. Sie hören nämlich ALLES. Tiefe Töne, hohe Töne, einfach alles. Auf beiden Seiten. Sie brauchen sich also wirklich keine Sorgen zu machen.“ Den Zusatz „und das in Ihrem Alter!“ schenkte er sich, denn er ist ein höflicher Mann. Ich habe ihn mit meinem feinen Gehör dennoch gehört. Kann schon sein, dachte ich, aber früher habe ich trotzdem besser gehört. VIEL besser!

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Kleine Töpfe, große Ohren

„Das Kind hat Ohren wie ein Luchs“, pflegte mein Vater zu sagen.  Doch noch häufiger hörte ich andere Sätze. „Kleine Töpfe haben große Ohren“, „Das Kind kriegt aber auch alles mit“ (es gibt da wirkliche einige peinliche Anekdoten – zumindest für die Erwachsenen) und „Das Mädchen hört echt die Flühe husten.“ Stimmt. Fast jedenfalls. Ich höre bis heute (und das in meinem Alter!) draußen im Garten die Mäuse. Vor allem die Spitzmäuse, denn sie sind unglaublich laut und wispern die ganze Zeit miteinander. Und den Igel höre ich auch, denn er kratzt sich regelmäßig irgendwo im Gebüsch. Ich bin allerdings die einzige hier, die ihn hört. Eine Mücke im nächtlichen Schlafzimmer treibt mich in den Wahnsinn (das Gesurre dringt meistens sogar durch die Ohrstöpsel) und wenn jemand in meinem Beisein Kartoffelchips isst, ein Bonbon zerknirscht oder in einen Apfel beißt, gehe ich innerlich sofort steil an die Decke. Nur gut, dass ich mich so gut beherrschen kann. Ein Vorteil des Alters, hat ja alles auch sein Gutes. Sogar Atmen und Schlucken und Kauen höre ich wie durch einen Verstärker und muss an mich halten, um nicht gepeinigt aufzuschreien. Trotzdem mag ich meine feinen Ohren.

Wobei: Nicht alles hören zu müssen hat für ein hochsensibles Gehör wahrscheinlich durchaus Vorteile, denn dadurch ist man besser vor all den akustischen Überflutungen geschützt, die einen immer so nerven. Sie passieren vor allem in der Bahn, wenn man die vielen fremden Stimmen einfach nicht abstellen kann und sich ungewollt Endlosmonologe über Beziehungsstress oder Kindererziehung, langweilige Kundengespräche, aggressive Streitereien oder pausenloses Teenagergeschnatter anhören muss. Dabei ist nicht mal wichtig, ob man die Sprache versteht oder nicht, es nervt einfach nur!

Hilfsmittel

Inzwischen weiß ich glücklicherweise damit umzugehen und übe mich im „Wegzoomen“. Selbsthypnose und Meditation sind hier äußerst hilfreich. Sich von allem sanft zu lösen und sich geduldig wieder und wieder auf den eigenen Atem zu konzentrieren, klappt bei mir ganz gut. Meistens jedenfalls. Auch bei hochsensibler Ohrenpein ist das „nicht Bewerten“ oder „positiv Bewerten“ wichtig. In meiner Lieblingspizzeria ist es schließlich auch laut, und doch stört es mich dort kaum. Für die Fahrt in Bussen, Straßenbahnen oder Zügen gibt es zudem gute Hilfsmittel. Kopfhörer lassen einen in angenehme Musik oder Hörbücher abtauchen. Wenn man dazu noch eine richtig schön dunkle Sonnenbrille trägt, hat man gleich zwei Schutzfilter. Bei besonders quälenden Pegeln stecke ich mir notfalls sogar Ohrstöpsel in die Ohren. Neuerdings habe ich ganz hervorragende, die sogar über eine Art „Kabel“ miteinander verbunden sind und todsicher nicht rausfallen, wenn ich sie dringend nötig habe. Ich trage sie im Moment auch in unserem Garten, denn nebenan ist eine lärmende Baustelle. Blöd ist nur, dass ich manchmal sehr laut höre, wie sie auf meinen Schultern scheuern oder knistern. Aber das ist nur ein Nebeneffekt. Ansonsten sind sie toll.

Im Café

„Hochsensible Ohren sind zu echten Hochleistungen fähig. Wenn ich in einem gemütlichen Café sitze und zu lesen versuche, höre ich neben all den üblichen für mich durchaus angenehmen Cafégeräuschen ungewollt auch die Stimmen an den Nachbartischen, als würde ich damit aus einem Lautsprecher beschallt. Mein Mann genießt derweil Kaffee und Kuchen, liest ein wenig in seinem Krimi, plaudert mit mir und schaut in seine Mails. Er kann Störendes ausblenden. Ich kann es nicht und muss mitanhören, wie sich das Ehepaar am Nebentisch über den frustrierenden Besuch bei seinen Schwiegereltern unterhält und mit dem zappelnden Sohn schimpft, der Florian heißt und in der Schule nicht mitkommt, wie das Liebespaar hinter mir sich streitet, weil Pascal eine Geliebte namens Lisa hat, wie die beiden Kellnerinnen über die Erkrankung einer Kollegin tuscheln, die sich momentan in der Reha an der Ostsee befindet, und wie der junge Mann vorn rechts seiner Freundin zu erklären versucht, wie man Ente mit Orangensauce zubereitet. Ich will das nicht hören, aber mir bleibt nichts anderes übrig! Auf meine eigenen Gedanken konzentrieren kann ich mich so auch nicht mehr. Mein Mann ist nach einer Stunde frisch und erholt, ich bin gerädert, weil mir der Kopf schwirrt vor fremden Geschichten.

»Diese Caro tut mir echt leid.«
»Welche Caro? Ist das jemand aus deinem Malkurs?«
»Nein, das Mädchen am Tisch hinter uns. Deren Freund sie mit dieser Lisa betrügt. Und der hibbelige Florian ist wirklich eine totale Nervensäge, findest du nicht?« Er hat keine Ahnung, wovon ich rede.
Für eine Schriftstellerin und Übersetzerin ist das Feingehör natürlich ein Geschenk, denn man bekommt dadurch ein gutes Gespür für Dialekte und Sprachebenen.“ (aus: Von wegen Mimose“)

Da tropft was!

Manchmal nehmen empfindliche Ohren auch Dinge wahr, die einfach nur »komisch« sind. So habe ich sämtliche Rohrbrüche in unserem alten Haus bereits erlauscht, als vom Wasser noch nichts zu sehen war. Eines Morgens fing es an.

»Da tropft was«, konstatierte ich besorgt.
Mein Mann blickte von der Zeitung auf, lauschte und gab freundlich Entwarnung: »Du hörst offenbar das Gras wachsen.« Auch diesen Satz kannte ich. Dasselbe hatten meine Eltern auch gesagt. Nichts als Spott und Hohn! Doch ich blieb hart.
»Da tropft wirklich was, auch wenn du es nicht hörst.« Zugegeben, es war sehr weit entfernt und äußerst dezent.
Es tropfte auch am Mittag und am Abend noch. Vielleicht ein winziges bisschen schneller. Ich untersuchte den Kühlschrank. Nichts. Die Wände. Nichts. Schaute hoch zur Decke. Nichts. Wahrscheinlich war es wirklich nur Einbildung. Ich hörte es auch am nächsten Tag noch, nur etwas schneller und näher. Erst am dritten Tag glaubte mir mein Mann. Da troff das Wasser nämlich aus der Glühbirnenfassung in unserem bis an die Decke vollge- packten Küchenspind, und die Hauptsicherung sprang heraus. Wir räumten den Spind leer und riefen den Notdienst.

Als ich es einige Wochen später wieder aus der Ferne tropfen hörte, sah mein Mann mich unsicher an. »Meinst du wirklich? Ich höre nichts. Aber das will ja nichts heißen.«

Wir hatten inzwischen eine Revisionsklappe in der Decke. Wir räumten aus und schauten nach. Ja, es tropfte wieder. Diesmal kamen wir dem Riesenrohrbruch zuvor.

Ausgerechnet an Heiligabend passierte es erneut. »Jan, da tropft was.«
Mein Mann stöhnte nur: »Sag das bitte, bitte nicht!«
Dann stellten wir das Wasser ab, räumten den Spind leer, schauten in die Revisionsklappe und riefen den Notdienst. Im vergan- genen Winter haben wir die Wasserrohre generalsanieren lassen. Seitdem hat nichts mehr getropft.

Königliches Highlight

Ab und zu erleben meine hochsensiblen Ohren wahre akustische Sternstunden. Im Pergamonmuseum in Berlin gab es eine Zeit lang einen Audioguide mit einer Männerstimme, die mich schon beim ersten Ton erbeben ließ. Beim ersten Mal traf sie mich völlig unvorbereitet. Ich hatte mir wie üblich die englische Guideversion ausgesucht, die Kopfhörer aufgesetzt und das Gerät eingeschaltet.

»I am Nebuchadnezzar, King of Babylon«, sagte die samtweiche Stimme eines Engländers, und schon überlief nicht nur meinen Körper, sondern auch mein Gehirn eine Gänsehaut, wie sie selbst einer hochsensiblen Person nur selten vergönnt ist. Man sah es mir offenbar an.

»Ist dir nicht gut?«, fragte mein Mann besorgt.

»Doch, alles in Ordnung, aber hör dir das mal an!«

Mit größter Selbstbeherrschung trennte ich meine Ohren von der sinnlichen Stimme. Mein Mann lauschte und sah mich fragend an. Bei ihm hatte der König von Babylon null Wirkung. Unfassbar. Zu weiteren Ausführungen war ich nicht in der Lage. Ich wollte die Stimme so schnell wie möglich zurück und wankte zusammen mit Nebuchadnezzar hinter ihm her durch die Ausstellung.

Jedes Mal, wenn wir danach ins Pergamonmuseum gingen, war ich vorher aufgeregt. Würde die Wahnsinnsstimme wieder so berauschend sein? Sie war. Und auch der doppelte Gänsehauteffekt blieb.Wie mochte der Besitzer dieser unglaublichen Stimme wohl aussehen? Vielleicht wie eine Mischung aus Richard Burton und James Mason, die auch beide wunderbare Stimmen hatten?

Bei unserem letzten Besuch hatte man meinen Nebuchadnezzar tragischerweise durch einen anderen Sprecher ersetzt. Seitdem war ich nicht mehr im Pergamonmuseum. Die Erinnerung schmerzt einfach zu sehr.

Löwe an der Prozessionsstraße von Babylon (Pergamon Museum, Berlin)

(Die Idee, einen Beitrag über die positive Seite der hochsensiblen Supersinne zu schreiben, stammt von Monika Richrath, die Spezialistin für EFT für hochsensible Menschen ist, und ich freue mich sehr, dass sie mich eingeladen hat, an ihrer Blogparade teilzunehmen.)

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