
Der folgende Text handelt vom Umgang mit Angst und Panik und dem Themenkreis Sterben und Tod und könnte bei LeserInnen, die selbst unter Angst leiden oder besonders einfühlsam sind, unangenehme Empfindungen auslösen.
Vor kurzem hatte ich nach langer Zeit wieder zwei Panikanfälle, der erste hat mich überwältigt, den zweiten konnte ich rechtzeitig beruhigen. Panik kommt (zumindest bei mir) so gut wie nie völlig aus heiterem Himmel, auch wenn es sich jedes Mal so anfühlt. Im Nachhinein finde ich immer die Auslöser, oft hat sich einfach nur sehr viel angesammelt oder es waren zu viele Trigger auf einmal.
Im Februar, als mein Mann im Sterben lag, hatte ich nach Jahrzehnten wieder einen schlimmen Panikanfall. Ich verlor vorübergehend die Kontrolle über mich, begann von Kopf bis Fuß zu zittern, Hals und Schultern verkrampften sich, mir war übel und meine Zähne klapperten, bis schließlich mein ganzer Körper in Aufruhr geriet und ich das Gefühl hatte, verrückt zu werden oder in lauter Einzelteile zu zerbrechen. Ich lebte schon seit Tagen in einer kaum zu ertragenden Ausnahmesituation voller Stress und Angst, hatte mich die ganze Zeit kontrollieren müssen und so gar nicht um mich selbst gekümmert. Die Panik erwischte mich an diesem Morgen plötzlich und völlig unerwartet unten im Flur. Die Palliativärztin war gerade gegangen, hatte mich an der Tür kurz in den Arm genommen und irgendetwas Nettes gesagt, was mir offenbar den Rest gab, weil es so mitfühlend war und damit meinen emotionalen Schutzpanzer durchbrach. Jetzt ging gar nichts mehr, und ich hatte Angst zusammenzubrechen. Mein Mann war zum Glück nicht allein, ich brauchte also nicht sofort nach oben zu gehen. Ich schleppte mich zum Küchentisch, hätte am liebsten geheult wie ein Wolf, doch ich wollte auf keinen Fall, dass Jan meine Verzweiflung mitbekam. Wahrscheinlich konnte er das in seinem Zustand gar nicht mehr, aber was, wenn doch? Sterbende können offenbar bis zum Schluss gut hören, und das menschliche Gehirn ist selbst Minuten nach dem Tod noch hochaktiv, wie man vor kurzem herausgefunden hat. Das unkontrollierbare Zittern erschreckte mich, aber ich erkannte es wieder, das letzte Mal hatte es mich als junge Studentin erwischt, nicht ganz so dramatisch, aber damals war ich auch nicht so verzweifelt und einsam gewesen wie jetzt. Auch damals befand ich mich allerdings in einer Ausnahmesituation, mein erster Freund hatte sich vor kurzem auf sehr unsensible Weise von mir getrennt, und ich fürchtete, die Trennung nicht zu überleben, was natürlich Unsinn war. Das fürchtete ich offenbar gerade wieder. Wenn Jan stirbt, sterbe ich auch! Der Gedanke war mir oft durch den Kopf geschossen in den letzten Tagen.
In meinem Buch „Hasenherz und Sorgenketten“ habe ich jenen ersten Zitteranfall in dem Kapitel „Espenlaub“ beschrieben. Doch das fiel mir erst wieder ein, als ich mich beruhigt hatte. Damals hatte mich das große Beben in der Uni erwischt, ich war wie vom Blitz getroffen und zu Tode erschrocken. Ich sehe mich noch genau: Ich stand am Getränkeautomaten, meine Hände gehorchten mir nicht mehr und der Becher fiel mir sofort aus der Hand. Die Umherstehenden starrten mich an, äußerst unangenehm, denn ich hatte damals noch viele unbewältigte soziale Ängste. Ich konnte mir nicht erklären, was da Schlimmes mit mir passierte. Vor allem war es ein extrem unangenehmes Köpergefühl und die schier unerträgliche Furcht zu sterben. Jetzt, auf der Stelle. Ich brauchte Hilfe. Wahrscheinlich war ich sehr krank! Unser Hausarzt wusste nicht weiter, ließ meine Schilddrüse checken, und als die in Ordnung war, bekam ich Tabletten, insgesamt vier am Tag. Heute weiß ich, dass die Dosierung für mich viel zu hoch war, eine hätte dicke gereicht. Eine Zeitlang lief ich fremd und abwesend wie in Watte gepackt mit trockenem Mund durch die Welt, hätte dringend eine Therapie gebraucht, doch es sollte lange dauern, bis ich endlich die richtige Hilfe bekam. Der Tag an der Uni ist lange her, inzwischen bin ich eine erfahrene Angstspezialistin und weiß genau, was in mir passiert, wenn Angst und Panik kommen. An diesem Februarmorgen war es ein Kraftakt, mit Zitterhänden den Kühlschrank zu öffnen und mir ein Glas Wasser einzugießen. Langsam ließ ich die kühle Flüssigkeit durch Mund und Rachen fließen, es half ein bisschen, wie ich gehofft hatte, und schon fielen meinem nun etwas klareren Kopf die Tabletten ein, die mein Mann für den Notfall „gegen Panik“ bekommen hatte. Sie waren in seinem Tablettendöschen, ich brauchte nur die Hand auszustrecken und es zu öffnen. Ich kannte das Mittel nicht, aber die Ärztin hatte uns versichert, dass es schnell helfen würde. Auf der Zunge erinnerte mich die dünne Tablette an Esspapier, sie löste sich sofort auf und das Krampfen und Zittern ebbte bald ab. Nach zwei weiteren Wassergläsern war der Spuk vorbei. Ich fühlte mich leer und erschöpft, hatte aber zum Glück die Kontrolle über meinen Körper zurück. Die Katzen sprangen auf den Tisch und trösteten mich. Sie sind angstfrei und lassen sich nicht mal durch Schluchzen und Panikanfälle verstören.
Doch der Anfall nach so langer Zeit hatte mich alarmiert, und schon meldete sich wie erwartet die Angst vor der Angst. Hoffentlich passiert das nicht wieder! Etwa am Sterbebett oder beim Bestatter oder bei der Beerdigung! Das wäre schrecklich! Ich versuchte mich selbst zu beruhigen, und tatsächlich blieb ich in allen drei Situationen ruhig und funktionierte wie mit einem inneren Autopiloten. Etwas Schützendes schien mich zu tragen, vielleicht das irreale Gefühl, dass alles nur ein Film oder ein Traum war. Aber wahrscheinlich half mir vor allem das Gefühl, dass Jan auch nach seinem Tod noch an meiner Seite war, viel mehr als in seinen letzten schwerkranken Jahren. Er konnte gar nicht tot sein, denn ich spürte ihn ja neben mir. Wir waren immer noch zusammen! Er war bei mir, was für ein Trost, was für ein Glück! Ich spürte, wie er tröstend den Arm um meine Schulter legte und fürsorglich über mich wachte, wie in seinen gesunden Zeiten. Ich bekam auch die versprochenen Zeichen, die ich jetzt so dringend brauchte, zumindest fühlte es sich so an. Da war die merkwürdige Sache mit dem verschwundenen und wieder aufgetauchten Ehering, da war der schwarze Schmetterling, der sich an seinem Todestag auf meiner Hand niederließ und durch das ganze Haus tragen ließ, und vor allem das mit völlig unbekannte altgriechische Wort, das ich im Traum dreimal hörte. Das alles konnte doch nur von ihm kommen! Das konnten doch nur Zeichen sein! Das altgriechische Wort machte vollkommen Sinn, als ich im Internet die Bedeutung fand. Für eine Weile verspürte ich eine für mich ungewohnte tiefe Gelassenheit, als wäre mein Mann mit all seiner Ruhe vorübergehend in mein Innerstes geschlüpft. Eine so enge Verbundenheit kann doch nicht einfach aufhören! Ach, ich könnte alles ertragen, wenn er noch bei mir wäre! Am Anfang hat mich dieser Glaube getröstet. Inzwischen ist er der Verzweiflung gewichen, denn ich fürchte, unsere Nähe ist für immer dahin. Er ist fort, antwortet mir nicht mehr und kommt auch nicht in meine Träume. Die Seelen von Verstorbenen bleiben nur die ersten dreißig Tage in unserer Nähe, heißt es, und diese dreißig Tage sind lange vorbei. Die kleinen Zeichen sind wahrscheinlich auf mein Schriftstellerhirn zurückzuführen oder einfach nur Zufälle. Nach dem Tod ist das Band zu den Lebenden offenbar zerrissen. Eine Vorstellung, die für mich nahezu unerträglich ist.
Es geht mir nach seinem Verschwinden nicht gut in Gesellschaft, ich ertrage keine Nähe, bekomme Fluchttendenzen, wenn ich länger mit anderen zusammen sein muss, am liebsten bin ich allein mit meinen Katzen.
Vor wenigen Wochen kam ein weiterer Panikanfall. Es war ein sehr heißer Tag, mir ging es körperlich schlecht, ich merkte schon auf dem Weg zur Veranstaltung, dass etwas nicht stimmte. Mir war schwindelig, ich konnte mich nicht konzentrieren. Am liebsten hätte ich mich umgedreht und wäre zurück in mein stilles Haus gegangen, doch ich gab nicht nach und ging weiter. Bald saß ich mitten in der Pflichtveranstaltung, in der ich eigentlich gar nicht sein wollte, sogar das Thema war mir unangenehm. Meine Knie taten weh, mein Stuhl stand weit weg von der Tür, der Raum war zwar groß, fühlte sich aber trotzdem warm und stickig an. Ich saß zwischen lauter fremden Menschen, würde in Kürze sprechen und vielleicht sogar an den Diskussionen teilnehmen müssen. Alles schlimme Stressfaktoren. Als Kind mit ausgeprägter Sozialphobie und Redeangst hätte diese Kombination sofort zu extremer Aufregung und Panik geführt, doch als angsterfahrene Erwachsene kann ich solche Situationen normalerweise gut aushalten.

Ich kenne meine Angst und Panik genau, weiß, wie sie aussehen, dass sie keine riesigen Monster sind, sondern nur Teile meiner selbst. Sie sehen sogar aus wie ich, auch wenn die Panik mir unsympathisch ist, leider leicht durchdreht, überhaupt nicht zuhört und überhaupt extrem anstrengend ist, während die Angst lieb und schüchtern ist, eher Trost und Zuneigung braucht und am liebsten in den Arm oder an die Hand genommen wird. Sie ist fragil und leicht verletzt, braucht viel Zuspruch und sieht aus wie ich selbst als kleines Kind. Die Angst ist meine bleiche kleine Schwester, mit ihr kann ich gut umgehen. Die Panik ist meine nervige große Schwester, eine schreckliche aufbrausende Chaotin und Drama Queen. Sie hat ein feuerrotes Gesicht und reagiert total über, so ähnlich wie mein Vater bei seinen Wutanfällen. In Wirklichkeit war er in diesen Situationen immer völlig verzweifelt, aber das merkte man nur, wenn man ihn sehr gut kannte, und dann konnte man auch damit umgehen. Aber es war sehr anstrengend. Die Panik ist auch völlig verzweifelt, deshalb hilft es auch gar nicht, wenn man versucht, gegen sie anzugehen.
Ich war erschrocken über meine massiven körperlichen Reaktionen an diesem heißen Nachmittag. Panikanfälle spürt man ja vor allem physisch, rennt innerlich Amok und fürchtet, jeden Moment ohnmächtig zu werden oder gar an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall zu sterben. Hitze ist bei diesen Symptomen natürlich genau das Falsche, sie steigert sämtliche Paniksymptome, kann durch den beschleunigten Herzschlag und das starke Schwitzen und den damit verbundenen Stress sogar selbst zu Panik führen! Ich weiß das alles sehr wohl und konnte doch an diesem Tag die Panik nicht aufhalten.
Schon ging das Innentheater los. Mein Herz raste, ich sah alles verschwommen, spürte meinen Schweiß rinnen und meine Hände zittern, schaffte kaum die Unterschrift auf der Teilnehmerliste. Wie schrecklich, und das ausgerechnet hier vor all den Leuten! Was, wenn ich jetzt tatsächlich ohnmächtig werde oder für alle sichtbar zitternd und zähneklappernd auf meinem Stuhl hänge? Was, wenn das jetzt gar kein Panikanfall ist, sondern ein Herzinfarkt? Es gibt bekanntlich das Broken Heart Sydrome, an dem überlebende Partner vor Kummer und Trauer sterben, weil sich ihr Herz vorübergehend krankhaft verändert. Kein hilfreicher Gedanke, die Panik riss ihn mir sofort weg, wiederholte ihn in einem fort und war echt auf dem besten Weg, völlig außer Kontrolle zu geraten. Jetzt war es wirklich zu spät. Keine Gelegenheit mehr, die anderen vorzuwarnen, Entschuldigung, aber ich kriege gleich einen Panikanfall, oder meiner Nachbarin zu sagen, hol mir bitte was Kaltes zu trinken, dann geht es mir gleich besser. Mit flackerndem Blick schaute ich zur Tür. Flight or Fight. Nichts wie weg hier, rief die Angst, lauf raus, ich halt es nicht mehr aus hier. Im Freien ebbt Panik normalerweise tatsächlich schnell ab. Tief durchatmen, beide Füße fest auf den Boden setzen, antwortete eine sehr ruhige Stimme in mir, wie eine Erzählerin in einer Geschichte. Und dann sagte sie: Rot ist die Panik, weiß ist die Angst.
Rot und Weiß? Mein Schriftstellerhirn wachte auf und warf gleich den Wortanker aus. Dazu fiel mir einiges ein! Schneewittchen! Weiß wie Schnee. Rot wie Blut. Schneeweißchen und Rosenrot. Weiß ist die Unschuld. Rot ist der Mohn. Tomatenrot. Paprikarot. Meißner Blumenrot. Telefonzellenrot. Und dann legte es richtig los. Rot-Weiß Essen. Köln Rotweiß! Wenn die ganze Kurve tobt, schlägt mein Herz in weiß und rot! Jetzt musste ich tatsächlich schwach grinsen. Mit Fußball habe ich einfach so gar nichts am Hut. Warum fiel mir ausgerechnet so was Blödes ein? Und dann kam die Krönung der Absurdität: Pommes rut-wiess! Die kleine Angst grinste jetzt auch, nur die Drama Queen blieb unberührt, sie war zu sehr beschäftigt mit ihrem roten Ausrasten. Zeit zu handeln. Gibt es hier vielleicht was zu trinken? Oder zu essen? Etwas, das die Panik ablenkt, damit wir hier nicht filmreif durchknallen? Möglicherweise rufen die dann sofort den Notarzt und den Krankenwagen. Und dann? Notaufnahme! Krankenhaus! Die Hölle! Bloß nicht dran denken, sonst dreht die Panik noch mehr durch. Man kann immer was tun! Also komm jetzt endlich in die Pötte! Steh auf. Lauf rum. Raus auf den Flur. Oder vor die Tür. Zur Toilette, das Gesicht am Becken mit kaltem Wasser bewerfen. Wasser gegen die Augen schaufeln. Aus dem Hahn trinken. Schnurzegal, was die anderen denken. Wichtig ist jetzt nur, die Panik wieder runterzuholen. Ihr Mut zuzusprechen, auch wenn sie noch so nervt. Arme Panik, ich versteh dich ja, ist viel zu heiß und stressig hier, wir finden jetzt was, das dir hilft. Wir schaun uns einfach mal genau um. Das taten wir. Zumindest die kleine Angst und ich. Die große Panik war leider immer noch mit Schnappatmung und Ausrasten beschäftigt.
In einer Ecke des Raumes gab es tatsächlich einen Tisch mit Snacks und Getränken. Zu dem gingen wir jetzt. Alle drei. Die kleine Angst und ich zogen die Panik einfach mit. Dabei versuchte ich, jeden Schritt, jede Berührung der Füße mit dem Boden zu registrieren, alles wahrzunehmen, Farben, Gerüche, Vorhänge, Bodenbelag, Stimmen. Ich holte uns ein großes Glas Mineralwasser und ein Brötchen mit Käse und Tomate, in das ich gleich meine Zähne grub. Ich liebe Käse und Tomaten, für mich ist es Kindertrostessen wie Eis. Kauen und Trinken half. Die anderen guckten erstaunt bis entrüstet, was isst die denn jetzt schon, wir sind doch grade erst hier und es ist doch noch gar keine Pause! Egal. Kauen, Trinken, Atmen. Die Panik war abgelenkt, hörte auf zu toben und zog sich verwundert zurück. Die Angst blieb noch eine Weile, doch dann verschwand auch sie. Ich war wieder frei und allein, atmete tief durch, erklärte dem Mineralwasser, wie sehr ich es liebte, holte mir Nachschub, die ganze Flasche, und gleich auch noch ein Brötchen, freute mich, dass mein Kopf klar wurde, und beteiligte mich irgendwann sogar an der Diskussion. Meine Erleichterung war grenzenlos. Hier bin ich! Zurück unter den Lebenden! Anfall erfolgreich abgewehrt, auch wenn ihr davon nichts ahnt. Die restlichen dreieinhalb Stunden waren kein Problem.
Bei der nächsten größeren Veranstaltung nehme ich eine der beiden verbliebenen Tabletten mit. Es reicht, wenn ich sie in der Hosentasche weiß. Vielleicht nehme ich auch eine kleine Wasserflasche mit. Oder eins meiner blauen Cool Pads. Die gehören zu den zuverlässigen Nothelfern gegen Stress und Panik. Genau wie Eisklümpchen aus dem Tiefkühlfach. Doch die kann man nicht gut transportieren.















Die Dolomitenreise war ein Abenteuer, das nur mir und meinem Vater gehörte, und während wir uns immer weiter vom Dorf entfernten, fühlte ich mich zu meiner eigenen Verwunderung immer freier. Angst hatte ich keine, denn in Gegenwart meines Vaters konnte mir schließlich nichts passieren. Auch mein Vater wirkte wie verwandelt, und seine entspannte Stimmung war genauso überraschend wie ansteckend. Sonst war er schließlich fast immer unruhig, nervös und reizbar, man musste extrem vorsichtig sein mit allem, was man sagte und wie man es sagte, aber allein mit mir verwandelte er sich schlagartig in einen gut gelaunten Mann, der gern lachte und mit dem man einfach über alles reden konnte. Er hörte jetzt sogar richtig zu, was er normalerweise nur sehr selten schaffte, weil ihn seine eigenen Probleme so sehr beschäftigten und stressten. Diese Metamorphose wiederholte sich bei jedem unserer gemeinsamen Urlaube. Diesmal fuhren auch meine Cousine, ihr Mann und meine Tante mit, meist waren sie auf der Autobahn vor uns und winkten ab und zu aus einem der Autofenster. Gemeinsam machten wir Rast, aßen Butterbrote und tranken Kaffee, Cola und Limonade. Mein Vater hatte bei allen Reisen eine riesige Kühltasche dabei, die meine fürsorgliche Mutter bis zum Rand mit Delikatessen angefüllt hatte. Natürlich nur mit Sachen, die er gern aß, vor allem Wurstwaren. Nach ein paar Tagen roch die Riesentasche mit den weißen Henkeln für mich unangenehm und ich mochte daraus nichts mehr essen. Meinem Vater machte das offenbar nichts aus, aber er hatte den Proviant ohnehin rasend schnell verputzt. Er aß ausgesprochen gern, und bei diesem ersten Urlaub aß er meine Portionen immer gleich mit, denn ich tat mich mit unbekannten Gerichten schwer und hatte außerhalb meines Elternhauses ohnehin so gut wie keinen Appetit. Außerdem machte mir meine feine Nase Probleme. Die erste Pizza meines Lebens fand ich völlig ungenießbar, weil mich der Thunfischgeruch fatal an Topsis Katzenfutter erinnerte. Auch den geriebenen Parmesankäse rührte ich nicht an, denn er roch wie eine Mischung aus Schweißfüßen und Erbrochenem. Zum Glück liebe ich inzwischen italienisches Essen. Auch Parmesan.
Als ich die Dolomiten zum ersten Mal sah, war ich überwältigt. Die schiere Größe, die bizarren Formen, die ständig wechselnden Farben! Einige Märchen und Sagen aus der Region kannte ich bereits, ich wußte von Laurin und seinem Rosengarten und von den feinen Bergfräulein, den Vivane, die hoch oben in den Felsen leben. Meine Lieblingsgeschichte vom schönen Gordo, den unheimlichen Hexen und der Quelle des Vergessens las ich erst hier. Mein Vater war schon mehrfach in St. Ulrich gewesen und inzwischen mit der Familie, bei der wir wohnten, gut befreundet. Wir schliefen in einem Doppelzimmer, wohl weil es die preiswerteste Lösung war, vielleicht aber auch, damit ich mich allein nicht fürchtete oder weil mein Vater nachts nicht gern allein war. Leider schnarchte er und ich musste ihn regelmäßig anstupsen oder ihm die Nase zuhalten, damit er Ruhe gab. Aber er murmelte dann nur „Is‘ gut, Kind“ und schlief weiter. Manchmal wünsche ich mir, ich hätte seine Fähigkeit geerbt, so tief und fest zu schlafen, aber leider bin ich genauso störanfällig wie meine Mutter. Bei der kleinsten Sorge oder Aufregung ist es aus mit der Nachtruhe. Bei späteren Urlauben war das unvermeidliche Doppelzimmer mir ziemlich peinlich, weil die anderen Gäste mich unweigerlich für seine junge Freundin oder Sekretärin hielten, was meinen Vater leider auch noch amüsierte. Bei unserem letzten Urlaub, im Schwarzwald, war ich immerhin schon dreiundzwanzig und wir waren der Skandal der Pension. Zu seiner Ehrenrettung muss ich sagen, dass meine Mutter ursprünglich ein Doppelzimmer für meine Schwester und mich und ein Einzelzimmer für meinen Vater gebucht hatte, doch meine Schwester verlor kurz vor der Reise die Lust, und zwei Zimmer waren offenbar zu teuer.
Das Besondere an dem großen Haus in St. Ulrich war der intensive Geruch nach Holz und verschiedenen Ölen und Lacken, denn der Vater und der älteste Sohn waren Herrgottschnitzer und im unteren Teil des Hauses gab es außer der übervollen Werkstatt noch einen riesigen hellen Raum mit zahlreichen Tischen, auf denen Figuren in allen Größen standen, die nur darauf warteten bemalt zu werden. Die meisten waren Heiligenstatuen, aber es gab auch Märchengestalten. Maria zeigte mir den Raum gleich am ersten Tag und ich war hingerissen. Sie war in der Familie für die Bemalung zuständig und ermunterte mich gleich, ihr zu helfen und die Figuren zuerst mit einem speziellen Öl und dann mit Lasurfarben zu behandeln. Ich hätte tagelang in diesem Raum bleiben können, denn ich liebte alles dort, die Atmosphäre, den Geruch, die Geräusche, aber vor allem die Versunkenheit und Konzentration, die Maria ausstrahlte. Der Raum machte mich schlagartig tiefenentspannt. In die abgetrennte Schnitzwerkstatt traute ich mich nur selten, weil ich die beiden Männer bei ihrer wichtigen Arbeit nicht stören wollte.
Ich durfte Zwerge und Zahnstocherfrauen mit riesigen offenen Mündern lasieren und winzige Püppchen mit Hüten lackieren. Die Zwerge waren detailliert gearbeitet und alle unterschiedlich, die Püppchen einfach und sahen alle gleich aus. Wir bemalten die Püppchen in einer ganz bestimmten Reihenfolge, zuerst die Hüte, dann die Gesichter und Körper, zum Schluss kamen Augen und Mund. Geduld war hier sehr wichtig. Zuerst musste alles gut trocknen, solange durfte man die Figuren nicht berühren. Manchmal erinnere ich mich beim Porzellanmalen an die Dolomitentage mit Maria, auch wenn ich nicht glaube, dass es in Marias Werkstatt auch so intensiv nach Nelkenöl roch wie beim Porzellanmalen. Nach jedem Einsatz in der Werkstatt schenkte Maria mir eine der von mir bemalten Figuren, und am Ende besaß ich zwei selbstlasierte Zwerge, eine Zahnstocherfrau und ein Püppchen, dessen Augen zwei exakt gleich große schwarze Pünktchen waren, der Mund war ein winziger roter Strich. Meine Hand hatte beim Malen kein bisschen gezittert, was Maria sehr gelobt hatte.
Normalerweise wagte ich als Kind nie zu sagen, wenn ich etwas wirklich, wirklich schön fand und unbedingt haben wollte, doch allein mit meinem Vater traute ich mich gleich zweimal. Ich erinnere mich noch an das bange Herzklopfen. Hoffentlich findet er die Sachen nicht zu teuer! Hoffentlich sagt er nicht nein! Das erste Objekt meiner Begierde war ein Märchenbuch mit Dolomitensagen, erzählt von Auguste Lechner. Ich entdeckte es in der Auslage eines Buchladens und es zog mich an wie ein Magnet. Das zweite, weit begehrenswertere Objekt, war eine Hexe aus Holz, die auf einem Bänkchen hockt, eifrig in einem Topf rührt und ein Eichhörnchen auf der Schulter hat. Mein Vater, der Einkäufe jeder Art hasste, äußerst selten in Läden ging und freiwillig eigentlich nur in Gartenmärkte (meine Bandbreite ist bei ähnlicher Grundabneigung zum Glück etwas breiter), machte allerdings zur Bedingung, dass ich mir Buch und Hexe selbst kaufen musste, was mir ein bisschen Angst machte, denn ich verstand die Leute hier nicht wirklich gut und kam auch mit der fremden Währung nicht zurecht. Alles kostete unfaßbar viele hunderte und tausende Lira! Doch ich wollte Buch und Hexe so schrecklich gern, dass ich mich allein mit Papas Geld in den Laden traute und überglücklich mit meinen Trophäen zurückkehrte. Mein Vater blieb währenddessen vor dem Schaufenster stehen, beobachtete mich und rauchte. Damals rauchten fast alle Erwachsenen.
Zu schaffen machte mir nur, dass ich die Höhenluft nicht gut vertrug, denn mir war während der ganzen Zeit fast immer schwindelig und der kleine Finger an meiner linken Hand stach, als steckten ganz viele Nadeln darin. Oben auf der Seiseralm wurde es so schlimm, dass ich zuerst blaß wurde und dann sehr unsicher auf den Beinen. Mein Vater merkte es sofort, nahm mich in seine Arme, trug mich zum Sessellift und wir fuhren zurück ins Tal. Selten habe ich mich so beschützt gefühlt. Dabei war es wunderschön auf der Alm bei den Haflingern mit ihren hellen Mähnen.



Aber ich habe versprochen, die Augen geschlossen zu halten, also warte ich geduldig, bis ich seine Stimme höre, die leise meinen Namen ruft. Immer wieder. Von weither. Dann von sehr weither. Ich strecke die Arme aus wie eine Schlafwandlerin und folge seiner Stimme. Quer über die Weide, ein endloser Gang, keine Ahnung, wo ich gerade bin, ich folge nur seiner Stimme. Meine Füße bewegen sich vorsichtig, denn der Boden ist zwar weich und federnd, doch an einigen Stellen matschig und uneben. Ich könnte stolpern oder ausrutschen. Und überall liegen cowpats, in die ich nicht treten möchte. Merkwüdigerweise passiert das nie. Jetzt kommt seine Stimme aus einer anderen Richtig und ich drehe mich nach links, gehe weiter, bis die Stimme näher und näher klingt und ich mich endlich in seinen Armen wiederfinde. Sein Gesicht ist feucht und kühl vom Herbst und er nimmt mein Gesicht in beide Hände, küßt meine Stirn und meine Haare. Mit einem untrüglichen Sinn, den ich nicht benennen kann, spüre ich seinen Körper immer schon lange bevor ich ihn erreiche. Meine Schritte werden immer sicherer, finden mühelos ihren Weg, als würde mich ein starker Magnet anziehen. Als wir uns jetzt umarmen und halten, bin ich so glücklich, dass es mich fast zerreißt. Grenzenloses Vertrauen, perfect bliss, hier zwischen den Druidenbäumen im englischen Herbst, wo es außer uns keine Menschen mehr gibt, nicht hier und nirgendwo sonst auf der Welt. Der Nebel verwebt uns, bis wir uns in einander auflösen.
Plötzlich meldet sich die Angst. „Do you think we will always stay together? Even after you have gone back to Germany?” Daran will ich jetzt mitten im Glück nicht denken. Dass wir schon bald weit weg voneinander sein werden, weil ich mein Studium noch abschließen muss. Wir werden in unterschiedlichen Ländern sein, ein furchtbarer Gedanke. Ich wehre mich gegen die Angst, will nur an die Liebe glauben, obwohl ich ahne, dass Ferne und Abwesenheit uns auseinander zwingen werden. Ich weiß sehr wohl, dass uns jeder Tag dem Abschied näher bringt, aber ich will auch daran nicht denken. „Don’t go. Please. Don’t go. Why don’t you just stay?“ Ich bin hin und her gerissen. Vielleicht sollte ich wirklich bleiben. Hier bei ihm. Im Glück. Mir hier eine Arbeit suchen. Doch dann verschwinden alle störenden Gedanken, denn uns schützt der Druidenhain. Paradise. Where the dance is. Where the worlds meet. Follow my voice.