Spring is like a perhaps hand

(Daniele Franchi/unsplash)

Seit der Krieg in der Ukraine wütet, gehen mir einige Zeilen aus zwei ganz unterschiedlichen Gedichten nicht mehr aus dem Kopf. Sie flüstern, summen, tönen, klingen, rufen verstörend in meine Gedanken hinein und wollen nicht verschwinden.

Spring is like a perhaps hand. Das perhaps hat mich sofort fasziniert. So beginnt ein Liebesgedicht von E.E. Cummings (e.e. cummings). Im eigentlichen Kontext sind die ersten Zeilen überhaupt nicht bedrohlich. Doch die Sprache wirkt wie so oft bei diesem Lyriker irgendwie fremd, überraschend, verändert, aus den Fugen geraten, sieht anders aus als gewohnt und erinnert mich mit einem Mal an unsere so plötzlich gewaltsam fragmentierte, veränderte Welt voller Schreckensmeldungen und Kriegsbilder.

Cummings schreibt manche Wörter groß, die im Englischen normalerweise klein geschrieben werden. Andere, die sonst groß sind, schreibt er klein, etwa das englische Wort für ich. Aus I wird i, wodurch es sofort bescheidener wirkt, unwichtiger, zweifelnder, fragiler. Auch das wirkt plötzlich ganz neu. Seit dem 24. Februar 2022 ist mein ich im Angesicht des ukrainischen Leids so klein geschrumpft, dass ich es kaum noch finde. Und so ist der lang ersehnte Frühling in diesem Jahr nicht fröhlich, sanft und zärtlich, sondern durch den sinnlosen Krieg auch gewalttätig, laut und grausam. Auch wenn die Obstbäume und Blumen hier genauso wundervoll blühen wie immer, auch wenn morgen Ostern ist. 2021 war mein Frühling steril und kalt und ich hatte mich so auf den duftenden Garten gefreut, doch jetzt erscheint mir die Schönheit der Natur fast wie Hohn. Ich werde die erschreckenden Bilder und väterlichen Erinnerungen in mir einfach nicht los, kann den überschwänglichen Frühling nicht ansehen, ohne traurig zu werden. Noch trauriger.

„Spring is like a perhaps hand (which comes carefully out of Nowhere) arranging a window, into which people look”….

Es ist nicht leicht, Gedichte zu übersetzen, man muss sie fühlen, ihnen nachspüren, sie vorsichtig und feinfühlig hinübertragen in die andere Sprache, sie geschickt und intuitiv nachdichten, daher ist es gut, dass deutsche Lyrikausgaben inzwischen oft zweisprachig sind. Jede Übersetzung ist schließlich  subjektiv, ein anderer würde wahrscheinlich andere Sprachwege wählen. Keine Übersetzung ist wie die andere. Die folgende stammt von Lars Vollert.

„Frühling ist wie eine vielleicht hand (die vorsichtig kommt aus dem Nirgends) die richtet ein fenster her, in das leute schauen“…

Bis zu diesem Frühling habe ich das Gedicht völlig anders gelesen, wie ein Liebesgedicht eben, doch jetzt wirkt das große englische Nowhere mit einem Mal bedrohlich (und unheimlich), zumindest auf mich. Im deutschen Text merkt man nichts davon, hier überrascht die kleingeschriebene vielleicht hand, die vorsichtig kommt aus dem Nirgends. Doch in meinem Kopf ist sie gar nicht klein. Hier wächst sie, wird größer und größer, mutiert zur gigantischen HAND, die gewaltsam aus dem NIRGENDS krallt und gnadenlos zupackt, denn sie gehört einem Riesen. In meinem Kopf richtet die vielleicht HAND (warum vielleicht? Ist es am Ende gar  keine Hand?) auch nicht vorsichtig ein Fenster her, sie zerschlägt es, reißt es aus der Wand, zeigt denen, die ins Fenster schauen, Zerstörung und Schrecken. Die vielleicht HAND in meinem Kopf hat den FINGER am Abzug, schleudert Panzerfäuste, steuert Panzer, wirft Bomben. Die riesige HAND bringt Tod und Vernichtung. Und vielleicht ist sie gar nur noch unbarmherzige Waffe und gar keine Hand mehr.

Natürlich gibt es unendlich viele andere, gute, hilfreiche, heilende, tröstende, flehende, besänftigende, bittende, streichelnde große und kleine, junge und alte Hände. Es gibt gelbe und blaue Hände, auf die Menschen ihre guten Wünsche und Hoffnungen schreiben. Aber mich verfolgt im Echo der Zeilen nur immer das Bild der gnadenlos packenden RiesenHAND.

Der Tod ist ein Meister aus Deutschland. Das zweite Gedicht, an das ich im Moment oft denken muss, hat sich für immer in meinem Kopf eingenistet. Es ist „Todesfuge“ von Paul Celan, einem meiner Lieblingslyriker. „Todesfuge“ gehört zu den gewaltigsten und traurigsten Gedichten, die ich kenne. Es begleitet mich schon ein halbes Jahrhundert. Ich kann es auswendig, seit wir in der Schule eine Interpretation darüber schreiben mussten. Besonders gut war meine Interpretation nicht, denn schon damals spürte und hörte ich Gedichte viel lieber als sie zu sezieren und zu analysieren. Als ich „Todesfuge“ zum ersten Mal las, war ich am Boden zerstört, obwohl ich zunächst gar nicht wußte, worum es ging. Schwarze Milch der Frühe. Wenn ich allein bin und mich stark genug fühle, lese ich mir das Gedicht laut vor. Rezitiere es in die Nacht. Spreche es auf Band. Höre Celan zu, wie er es liest. Einige Stellen schmecken besonders bitter.

„Der Tod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau er trifft dich mit bleierner Kugel er trifft dich genau“.

Diese Zeilen hat mein Kopf während der letzten Wochen ohne mein Zutun verändert und wiederholt sie nun täglich für mich wie ein Mantra. Der Tod hat viele Meister, alle sind Gestaltenwandler, unzählige gibt es von ihnen, überall auf der Welt, in allen Erdteilen, sie kommen und gehen, verschwinden und kehren zurück, immer und immer wieder. Mit wechselnden Waffen und Lügen bringen sie Vernichtung und Zerstörung, machen fassungslos und hilflos, und seit einiger Zeit scheinen sie immer mehr zu werden. Besonders jetzt. Dabei dachte ich, dass der Krieg, der mein Leben so lange begleitet hat, endlich vorbei wäre. Aber das ist er nicht. Er ist zurückgekehrt. Das Land ist gerade ein anderes als bei Celan, die Augenfarbe ist gleich. Doch das ist Zufall.

Der Tod ist ein Meister aus Russland sein Auge ist blau er trifft dich mit Panzern und Bomben er trifft dich genau.

Flag (Tatiana Shyshkina)

 

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