Das Kind braucht Luftveränderung – Der Hafen

Hafenkinder

Beim Erinnern der Verschickungszeit ist für mich nicht die genaue fotorealistische Dokumentation wichtig, sondern eher: Wie fühlt es sich an, wie schmeckt und riecht es bis heute „nach“? Der Erinnerungsgeruch ist jetzt gerade tatsächlich so stark, dass ich ihn im Wohnzimmer deutlich als würzigfrische Ostseebrise wahrnehme. Mal sehen, ob ich ihn noch etwas besser einfangen und entschlüsseln kann.

Ich sehe Kinder am Hafen, der klein und überschaubar, laut, bunt und lebhaft ist. Vielleicht etwas bunter als das Bild, ich erinnere auch Gelb und Rot. Ich höre Stimmen und Lachen, sehe Erwachsene, Touristen, Einheimische, es riecht nach Tang und Meer und etwas Süß-Modrigem, das von der Ostsee angespült wurde. Dazu kommt der Geruch nach nassem Holz, den ich gerade in der Nase habe, harzig, feucht, kühl. Es gibt auch einen deutlich „härteren“ Geruch, der von rostigen Ketten, Pollern oder feuchtem Metall stammen könnte. Es riecht nach alten Netzen, groben Seilen, Seewasser in Eimern, nach glitschigen Fischen, Krabben und winzigen Krebsen. Das meiste bleibt unsichtbar, verdichtet sich aber zu einer deutlichen Hafenwolke, die sich anfühlt wie eine geschlossene kleine Welt und einen aufnimmt und fortträgt.

Ich wüßte gern, wie die Sonnencreme heißt, die viele Leute damals verwendeten, glaube aber, dass es Zeozon war. Zeozon Sonnenmilch. Sie roch ein bisschen seifig, etwas pudrig, fast schon medizinisch und unglaublich nach „Sommer am Meer“. Immer wenn mir der Geruch später wieder begegnete, war ich sofort in Niendorf. Nicht im Heim, nicht im Schlafsaal, sondern unmittelbar am Wasser, das gegen die Kaimauer schwappt oder am Strand leckt.

Qualle am Strand

Ich finde das Mädchen im Wind, bei den Quallen am Strand, die aussehen wie Wackelpudding. Manchmal stupst das Kind sie sanft mit einem Stöckchen an, um zu sehen, ob sie auch wirklich tot sind.

Im Niendorfer Hafen roch es auch nach Essen, und die hochsensible Kindernase nahm alles auf einmal wahr und inhalierte die große Freiheit. Es roch nach Fischbrötchen, Waffeln, Salzwind und irgendetwas Süßem. Sogar das Eis roch besonders. In meiner Erinnerung war es vor allem Softeis, das in einfachen Waffeltüten steckte als lustig gedrehter Quirl, der oben in einer langen, weichen Spitze endete. Wonach mag Softeis gerochen haben? Nach Vanille? Milchpulver? Auf jeden Fall kalt, weich, süßlich, verführerisch. Nach Kindheit. Eis war damals längst nicht so selbstverständlich wie heute. Meist war es hausgemacht, mit Pulver und Wasser oder Milch, und man bekam es nur sonntags. Meist wartete es in flachen Alumium-Eiswürfelschalen, die nach Kühlschrank und kaltem Metall rochen. Oder man ging extra in die Eisdiele, die Dolomiti oder so ähnlich hieß. Und die hatte auch einen eigenen Duft. Und eigene Geräusche.

Shelly von ChatGTP

Eis gab es auch im Heim. Aber das war anders. Im Hafen durfte man es essen und  es schmeckte gut. Im Heim musste man es essen und es schmeckte schrecklich. Da war es Zwang statt Freiheit. Für ein kleines Mädchen, das Eis über alles liebte, war das ein Alptraum. Hier ekelte sich das Mädchen sogar vor seinem Lieblingsessen. Ich erinnere mich noch an das Fürst-Pückler-Eis im Heim. Das war ohnehin nicht meine Lieblingssorte, aber hier wurde es mit Büchsenmilch gemacht. Doch daran möchte ich jetzt nicht denken. Hier soll mein Mädchen sich einfach nur wohlfühlen, an der Kaimauer stehen und träumen.

Den Mann hinter dem Eis gab es wirklich, und er war auch tatsächlich ein Fürst. Aber das Eis hat er wohl nicht selbst erfunden. Dafür hatte er sehr schöne naturnah angelegte Parkanlagen, erzählt mir Shelley, die meine Bilder mitgestaltet hat.

(Die Bilder zu diesem Beitrag wurden mit Hilfe von KI generiert)

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