Das Kind braucht Luftveränderung – der Kutter

Meer am Fenster

Seit ich endlich meine inneren Bilder sichtbar machen kann, versuche ich viele „Fotos nachzumachen“, die in Wirklichkeit nie aufgenommen wurden. Eins meiner Projekte ist die „Kinderverschickung“, von der mir so viele kleine Szenen im Kopf geblieben sind. Das Kind auf den Bildern ist natürlich keine realistische Kopie von mir, doch es ist trotzdem die kleine Bee, denn sie fühlt sich richtig an. Sie hat schon immer Sachen und Augenblicke gesammelt. Auch mit zehn. Die schönen schaut sie sich manchmal noch an. Die schlimmen hat sie versucht wegzulegen. Vergessen kann man sie leider nicht, aber sie verblassen mit der Zeit und tun nicht mehr so weh. Ich habe hier auf der Homepage zwar schon mehrfach über meine „Kur“ geschrieben, aber nicht über die ganz alltäglichen kleinen Szenen.

Da ist sie: Ein schüchternes, schlaksiges Mädchen mit einer ungeliebten Kurzhaarfrisur, weil Mutter fand, dass kürzere Haare praktischer beim Haarewaschen und Kämmen wären. Eigentlich hätte Bee viel lieber lange Zöpfe gehabt wie Veronika. Oder, noch besser, ihr Haar offen getragen, aber das war Mitte der 1960er Jahre noch ziemlich ungewöhnlich. Eines Tages würde sie lange Haare mit Mittelscheitel haben, das hat sie sich schon mit zehn vorgenommen. Und so ist es dann auch gekommen. Was für ein herrliches Gefühl, mit langem Haar mitten im Wind zu stehen.

Am Ende der sechs Wochen war die Frisur schon ein klein wenig länger und Bee fühlte sich wohler. Vor allem, weil sie bald wieder nach Hause zurück fahren durfte. Nur der ärgerliche Wirbel links über der Stirn machte sie jeden Tag aufs Neue fertig, wenn sie sich morgens und abends im Spiegel sah. Der sterile kalte Waschraum war ihr ohnehin ein Graus. Jeden Tag aufs Neue. Morgens und abends.

Sie war ein Mädchen mit großen wachen Augen, die viel sahen,  deren Blick aber sofort erschrocken nach unten auf die eigenen Füßen oder Hände wanderte, wenn man sie direkt anschaute oder ansprach. So richtig konnte sie die Erwachsenen nie ansehen. Die meisten anderen Kinder leider auch nicht. Hier in Niendorf schon gar nicht. Bis auf Veronika. Mit Veronika war alles anders. Bei ihr fühlte sie sich wohl. Veronika schlief im Bett gegenüber und manchmal hielten die beiden sich nachts ein bisschen an den Händen, wenn das Heimweh gar zu schlimm wurde. Die keine Bee war ein Mädchen, das sofort feuerrot wurde, wenn man es ansprach. Und so leise sprach, dass man sie fast immer bitten musste, den Satz noch mal zu wiederholen. Was alles nur noch viel schlimmer machte. Und braun wurde sie hier am Meer auch nicht. Leider nur rot.

Ich wußte nicht recht, mit welcher Szene ich anfangen sollte, und entschied mich dann, dem Kind nicht gleich am Anfang schon irgendwelchen Stress zuzumuten, sondern sie zuerst in zwei Szenen zu zeigen, in denen es ihr gut geht. Das hier ist die erste. Mit Veronika auf Käpt’n Gerds altem Kutter. Der Wind war frisch, es roch salzig und kräftig nach Tang und Meer, der Kutter tuckerte laut und irgendwie gemütlich, die Möwen kreischten und die Kinder schmetterten: „Mit Käpt’n Gerd auf See zu fa-ha-ren, faria, faria, ho!“ und „Alle, die mit uns auf Kaperfahrt gehen, müssen Männer mit Bärten sein!“ In diesen Momenten war das gefürchtete „Kindererholungsheim“ mit den strengen Schwestern, die in der Erinnerung alle kein Gesicht mehr haben, dem abscheulichen Essen, dem nächtlichen Klo-Verbot, der schlimmen Angst und dem schrecklichen Heimweh ganz weit weg. Fast schon nicht mehr spürbar. Singen half. „In einen Harung jung und schlank, zwo-drei-vier ss-ta-ta-tirallala!“ Und wenn alle mitsangen und einem der Wind mit Kraft in die Haare fuhr, war man fast glücklich.

Auf dem Kutter

So viele Seemannnslieder! „Alle, die mit uns auf Kaperfahrt gehen, müssen Männer mit Bärten sein. Jan und Hein und Klaas und Pit, die haben Bärte, die haben Bärte! Jan und Hein und Klaas und Pit, die haben Bärte, die müssen mit!“ Die tiefe Stimme des Kapitäns kann ich bis heute hören. Und auch den nordischen Klang. Einen Bart hatte er natürlich auch. Einmal hat er mir sogar einen Seestern geschenkt. Und von dem Taschengeld, das ich hatte, habe ich mir dann in der letzten Woche einen kleinen Kapitän gekauft. Ungefähr fünfzehn Zentimeter groß. Mit blauem Anzug und Kapitänsmütze. Im Andenkenladen in Niendorf. Er war sehr teuer für mein kleines Kinderportemonnaie und hat die Jahrzehnte seitdem nicht überlebt. Schade. Einiges habe ich noch. Überhaupt gibt es hier im Haus viele Meerspuren. Das Meer habe ich nämlich geliebt. Bis heute.

Ich höre die Mädchen noch singen. Einige Lieder waren eigentlich ziemlich schrecklich, aber sie fühlten sich damals gar nicht so an. „Wir lagen vor Madagaskar und hatten die Pest an Bord! In den Kesseln da faulte das Wasser und jeden Tag ging einer über Bord! Hejo! Kameraden, hejo, hejo, he-joooh!“ Das konnte man sogar mehrstimmig schmettern.  Singen war Freiheit. Es half gegen Angst und Stress. Ich kann die Lieder immer noch auswendig. „Alle, die deftige Pfeifen rauchen, müssen Männer mit Bärten sein. Jan und Hein und Klaas und Pit, die haben Bärte, die haben Bärte, Jan und Hein und Klaas und Pit, die haben Bärte, die fahren mit.“ Pfeife rauchte Käpt’n Gerd auch. Er war ja schließlich ein richtiger Seebär. Auf seinem Kuttersegel stand ganz groß: SCHWARTAU.

(Die Bilder zu diesem Beitrag wurden mit KI erstellt. Die Sachen auf der Fensterbank gibt es hier allerdings wirklich, das war mir wichtig.)

 

 

 

 

 

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