California Dreaming

San Francisco (Jeffrey Wing/unsplash)

Bei heißem und schwülem Sommerwetter bin ich nicht in der Lage zu schreiben, deshalb werde ich während dieser Jahreszeit auch immer auffällig still und falle in geistige Schockstarre, doch heute ist es so erfrischend kühl, dass meine Lebensgeister erwachen und die Lust am Schreiben zurückkehrt. Eigentlich wollte ich weiter über Masken und pandemische Sprachbetrachtung schreiben, habe mir schon viele Zettel mit Notizen gemacht, doch akut liegt mir ein ganz anderes Thema am Herzen.

Seit Corona schlafe ich (ja, immer noch!) weniger und lese stattdessen oft (ja, immer noch mitten in der Nacht!) auf dem Handy in der ZDF-App, der „New York Times“ oder im „Guardian“. Zum Glück kann ich danach trotzdem einschlafen, sogar mit dem (für mich) beruhigenden Gefühl, das Wichtigste zu wissen, das in der Welt gerade passiert. Letzte Nacht las ich die neuesten Meldungen zur US-Präsidentschaftswahl und zur weltweiten Pandemie-Lage (jetzt stehen bei uns auch die Côte d’Azur und Paris auf der Liste der Reisewarnungen), die letzten Erkenntnisse zur Vergiftung von Alexej Nawalnyj, vertiefende Infos zu Cholinesterase-Hemmern und dem Gegenmittel Atropin, und fand schließlich einen langen Bericht über die vielen Brände in der San Francisco Bay Area, was gleich wehmütige Erinnerungen an meine Aufenthalte dort weckte, so dass ich nach der Lektüre zu „Unsplash“ wechselte und mir Fotos von San Francisco und Kalifornien ansah.

Manche Städte prägen sich mir einfach unauslöschlich ein, und San Francisco gehört eindeutig dazu. Im Hintergrund höre ich bis schon beim Namen der Stadt Gitarrenakkorde und die Stimme von Scott MacKenzie, sitze plötzlich wieder im geräumigen Café des großen Buchladens, blättere in Bildbänden des Sierra Club und bewundere einen sanftäugigen sandfarbenen Hund, dem sein Hippie-Frauchen mit dem eindrucksvollen Lockenkopf ein rotweiß gepunktetes Halstuch umgebunden hat. Dort habe ich zum ersten Mal einen Hund mit Halstuch gesehen! Und dort las ich zum ersten Mal den Satz „I met God. She is black.“ Der „double twist“ gefiel mir. Die Karte habe ich gleich gekauft. Sie hängt hier im Flur.

Yosemite (Jordan Pulmano/unsplash)

Schon das vierte Jahr in Folge mit verheerenden Feuern in Nordkalifornien. Die Luft um San Francisco ist im Moment viermal schlechter als in Neu-Dehli und Beijing. Wenn man das Haus verlässt, hat man das Gefühl, in einen brütend heißen Schmelzofen zu treten. Die Augen tränen im beißenden, stechenden, stinkenden Rauch, und die Luft ist so verschmutzt, dass man nicht mal mehr den Mount Diablo und den Mount Hamilton sieht. Anwohner in der Bay Area haben Notfallkoffer gepackt für den Fall, dass sie ihre Häuser plötzlich verlassen müssen, filmen vorsichtshalber schon alle Zimmer, um die Bilder später der Versicherung (falls sie eine haben) zeigen zu können und auf diese Weise zu dokumentieren, was sie alles verloren haben, falls es zum Schlimmsten kommt und ihre Häuser dem Feuer zum Opfer fallen sollten. Sieben Menschen sind schon in den Flammen umgekommen, die Feuerwehrleute sind manchmal 48 Stunden an einem Stück im Einsatz. Viele Kalifornier haben Angst vor den Notunterkünften, die in Pandemiezeiten sicher noch schlimmer sind als ohnehin. Lebensgefährlich. Genau wie die Feuer.

Meine kalifornischen Erinnerungen drohen gerade in einer Mischung aus Hitzewelle, Pandemie und Feuersbrünsten zu versinken. Es schmerzt. Bei meinen Besuchen habe ich damals nicht nur einmal mit dem Gedanken gespielt, ob ich nicht dorthin ziehen sollte, weil ich mich so in die Stadt verliebt hatte. Das ist mir nur sehr selten passiert. Erdbeben hin oder her (1989 erschütterte ein schweres Erdeben von 6,9 auf der Richterskala die Stadt, und die Oakland Bay Bridge, über die wir so oft gefahren sind, brach zusammen), aber die Temperaturen liegen dort (ganzjährig!) zuverlässig in meinem Lieblingsbereich (um die 20 Grad). Kalifornien und vor allem die Bay Area erschienen mir immer wie ein Paradies, und ich mag auch die Menschen, denen ich dort begegnete.

Allerdings herrschte dort bereits in den 1980er Jahren und sogar schon im Frühling (ich war ja aus guten Gründen immer nur im Frühling in den USA) massive Wasserknappheit. Ich erinnere mich noch an mein Erstaunen beim Anblick des kleinen Schilds im Gästebad. „If it’s yellow, let it mellow. If it’s brown, flush it down.“ Das war doch sicher nur ein Witz? So etwas hatte ich noch nie gesehen und ich handelte mir prompt einen Tadel ein, weil ich kostbare Wasserressourcen verschwendete, indem ich jeden Morgen duschte, nach jedem Toilettengang die Spülung betätigte und mir dauernd die Hände wusch.

Point Reyes (Denys Nevozhai/unsplash)

Eines Morgens sah ich, wie der Nachbar gegenüber seinen gelbbraun vertrockneten Rasen mit frischer sattgrüner Farbe besprühte, und dachte zunächst an eine Sinnestäuschung oder eine üble Jetleg-Nebenwirkung. Aber er sprühte wirklich! Es war schon damals äußerst trocken in Kalifornien. (It never rains in Southern California) Doch wenn der Nebel zärtlich und lautlos wie eine geheimnisvolle weiße Katze über die Golden Gate Bridge zog oder wenn ich nachts aus meinem Fenster die zwinkernden Lichter der stillen Stadt sah, schmolz ich wehrlos dahin. Die tropfenden, moosbehangenen Bäume in Point Reyes, das Holzhaus auf Stelzen, das silberne Windspiel mit dem Wal, der lange Weg hinunter zum Leuchtturm, die windschrägen Bäume, die unerschrockenen Waschbären, die sich nachts über den Abfall hermachten, die lauen Abende mit den unglaublichen Sonnenuntergängen in der Halfmoon Bay, das heisere Seehundbellen am Fisherman’s Wharf, die mahnenden, imposanten Baumgiganten im Sequia National Park, die schroffen Felsen in Yosemite – ich könnte endlos weiter Bilder erinnern. In einer Küche in Oakland aß ich zum ersten Mal Celantro. In einer anderen Küche aß ich bei der Familie meines Freunds Bill zum ersten Mal Sweet Potato. Koriander und Süßkartoffeln liebe ich bis heute.

In den 1980ern übersetzte ich mit tiefem Glücksgefühl einen Reiseführer „San Francisco“ und war in meiner Vorstellung zwei Monate so intensiv dort, dass ich jeden Morgen erstaunt war, mich beim Aufwachen immer noch in Köln zu befinden. Ich neige dazu, mich in Büchern zu verlieren. Sogar in denen, die ich nur übersetzt und nicht selbst geschrieben habe. Manchmal verliere ich mich sogar schon beim Lesen.

Death Valley (Joseph Driscoll/unsplash)

Als ich während meiner Therapie nach sicheren inneren Orten suchte, fand ich den ersten gleich auf den kühlen Klippen von Big Sur, auch hier liebte ich die feuchte, reine, klare Luft. Die üppigen Mohnwiesen! Die Ice Plants! Und die wild wachsenen Callas! Das Geräusch des Meeres, das Singen des Windes, die steilen Felsen.

In einem kalifornischen Garten sah ich zum ersten Mal eine Maine Coon-Katze und nahm mir fest vor, eines Tages auch so eine prächtige Katze zu haben. Nachdem meine beiden Hauskatzen gestorben waren, sind dann auch tatsächlich nacheinander vier dieser eindrucksvollen Riesenkatzen hier eingezogen. Leider ist meine Alice ist die einzige Maine Coon, die heute noch mein Leben teilt.

Kalifornien, Ort meiner Sehnsucht. Sogar die Wüste ist schön, auch wenn die Erinnerung an den Sandsturm, in den wir dort plötzlich gerieten, bis heute mein Herz zum Rasen bringt. Damals war ich sicher, dass ich diesen Sturm nicht überleben würde. Ich habe ihn dann doch überlebt und aus der Vernichtungsangst heraus eine Short Story darüber geschrieben. Kalifornien, Ort meiner Träume. Es macht mich traurig, dass dieses Paradies mit seinen Bewohnern heute so gefährdet ist.

In diesem Sommer gab es übrigens noch eine Sensation. Am Furnace Creek zeigte das Thermometer am 17. August unvorstellbare 54 Grad Celsius und machte das südkalifornische Death Valley in der Mojave Wüste damit zum heißesten Ort der Erde. Dort war es selbst bei meinen Besuchen im Frühling eindrucksvoll heiß und flirrend, aber bei mir ist die Toleranzgrenze ja schon bei Ende 20 Grad erreicht, alles darüber macht mich körperlich krank. Ich weiß noch, wie ich mich im vorigen Jahr bei 42 Grad gefühlt habe: ziemlich tot. Ich hatte übrigens riesiges Glück. Ich durfte die Wüste auch ganz anders erleben. Einige Teile hatten sich in große Blütenteppiche verwandelt, es kam mir vor wie ein Naturwunder und ich war wie verzaubert. Wie können diese Pflanzen dort bloß überleben? Wie mag die Wüste heute aussehen? Ich spüre noch den Blick des Schakals, der stumm meinen Weg kreuzte. Ich höre noch die ohrenbetäubende Stille, die jeden Schritt verschluckte. Und ich hoffe und bete, dass die schrecklichen Feuer bald aufhören.

California Poppy (Steve Harvey/unsplash)

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„Juninacht“ von Hans-Joachim Leidel

Irgendwie schafft es mein Schwiegervater Hans-Joachim Leidel (den ich Jachym nenne) immer noch, mir genau im richtigen Moment einen kleinen Text oder eines seiner Gedichte zu schenken. Wie mag es wohl gerade heute in meine langweiligen Steuerunterlagen gelangt sein? Der Monat ist jedenfalls ideal! Zum ersten Mal gefunden habe ich es im Februar vor acht Jahren in unserem „Spiegelschrank“ in meinem Arbeitszimmer. In „seiner“ Schublade mit Notizen, Zeichnungen, Tagebüchern, unveröffentlichten Texten und unzähligen losen Blättern. Es war Anfang Februar, nur wenige Tage vor Jachyms 50. Todestag. Mein Mann war gerade auf einem Kongress in Berlin, ich war mit den Katzen allein im Haus, ziemlich melancholisch und dachte plötzlich an meinen unbekannten und doch so vertrauten Schwiegervater. Die Schublade hat ein Geheimschloss (genau wie sein alter Schreibtisch) und war gar nicht so leicht zu öffnen (hier im Haus klemmen alle Schubladen, wahrscheinlich weil sie zu voll sind). Außerdem musste ich erst die hohen Bücherberge wegräumen, die ich dauerhaft davor aufgetürmt habe.

Ungefähr zur selben Zeit dachte in einer ganz anderen Stadt noch jemand intensiv an Jachym. Auch er kannte ihn nicht persönlich, und doch schrieb er einen ausführlichen Wikipedia-Eintrag für ihn. Als ich am nächsten Morgen Jachyms Namen googelte, war der Eintrag plötzlich da, und vor mir lag immer noch das gerade entdeckte Gedicht. Mit ein bisschen Unterstützung von Jachym habe ich dann erstaunlich schnell „Lichtreich“, den Verfasser des Wikipedia-Eintrags, von dem ich nur das Pseudonym kannte, ausfindig gemacht, mit ihm Kontakt aufgenommen und ihm ein Foto geschickt.

Erklären kann man diese merkwürdigen Fügungen nicht. Es ist ein bisschen wie „Zauberei“. Aber das Gedicht ist ja auch magisch. Geschrieben in einer einsamen Nacht, in den 1950er Jahren in der Pension „Rauch“ in Hamburg. Es würde mich nicht einmal wundern, wenn es das heutige Datum gewesen wäre. Bei Jachym ist alles möglich.

Juninacht

Ein Vogelschwarm klirrt kühl im schwarzen Baum,
sanfte Ballons ziehn einsam in die Sterne.
Der Mensch sucht seine Hände in der Ferne
und bettet sie an seiner Schläfe Schaum.

Ach, wie der Mond die Dinge traurig macht!
Durchs Wiesenland sieht man die Weiden steigen.
Zikaden sticken in den blauen Zweigen
den lichten Saum an das Gewand der Nacht. 

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Köln und Corona: Fronleichnam

Weihrauch

Heute, am zweiten Donnerstag nach Pfingsten, feiern die Katholiken Fronleichnam, und es ist zugleich der letzte kirchliche Feiertag vor Weihnachten, der in der Woche liegt. Die meisten fallen auf einen Donnerstag, und zu Nicht-Coronazeiten findet dann entweder mein Malkurs oder mein Literaturkreis (oder auch beide) nicht statt. Doch in den letzten Monaten hat Corona ohnehin alles verhindert.

Fronleichnam gilt als einer der Höhepunkte des katholischen Kirchenjahres, wird besonders prunkvoll begangen und erinnert an das letzte Abendmahl Jesu mit den Jüngern. Den Corona-Podcast mit Christian Drosten gab es zu meiner Verwunderung trotzdem, doch dann fiel mir ein, dass in Berlin heute kein Feiertag ist.

Pontifikalamt vor dem Dom

Kölner, die in der Nähe des Doms leben oder heute morgen früh dorthin gepilgert sind, hatten das besondere Vergnügen, kurz nach halb zehn den Dicken Pitter, die mächtigste unserer Domglocken, läuten zu hören, deren tiefe, dröhnende Stimme nur an den höchsten Feiertagen und zu besonderen Anlässen erklingt.

Auf dem Roncalliplatz hatten sich 300 Gläubige versammelt, jeder hatte einen Stuhl, wahrte den nötigen Abstand und trug eine Maske. Der große Platz sah ungewöhnlich leer und geordnet aus. Alles war anders als sonst. Aber Corona hält sich nun mal nicht an Feste und stört einfach überall.

Weihrauch (Klara Kulikova/unsplash)

Schon der Name Fronleichnam erinnert mich an meine Kindheit. „Wat bedeutet dat komische Wort?“ Fron war ja nichts Schönes und hatte vor allem mit Arbeit, Mühsal, Sklaven und Schufterei zu tun. Fron und Pein hatte ich schon öfter gehört, aber Leichnam war richtig scheußlich. Das waren verstorbene Menschen, also Tote und Kadaver! Kadaver sagten die Männer damals noch ziemlich oft. Vielleicht lag das am Krieg, der gerade erst vorbei war. Dann war ein Fronleichnam wohl so was wie ein misshandelter Toter? Der gegeißelte Jesus von Karfreitag? Oma waren meine Sondierungen wohl ziemlich unheimlich. Wer meiner Vorfahren mir diese journalistische Fragelust vererbt hat, weiß ich nicht. Ich passte ja sowieso nicht in meine Familie. Oder sollte meine Mutter früher auch mal so eine wissensdurstige kleine Nervensäge gewesen sein? Die meisten meiner Fragen habe ich Oma gestellt, denn wir waren uns besonders nah, und zu ihr hatte ich unerschütterliches Vertrauen. Ich konnte mich darauf verlassen, dass alles, was wir besprachen, unter uns blieb. Niemals hat sie mich verpetzt. Als ich mit sieben in die Schule kam, lebte sie bereits nicht mehr, und als ich endlich richtig lesen konnte, entdeckte ich, dass ich die Antworten auf meine Fragen in Büchern viel besser finden konnte als bei meinen Familienmitgliedern. Bücher schimpfen nicht, lachen einen nicht aus, hüllen sich nicht in schweres Schweigen, haben eine Engelsgeduld und seufzen nicht mal genervt.

Fronleichnam

„Wat du immer all wissen willst!“ wunderte sich Oma. Stimmt, ich wollte die Welt, in der ich lebe, verstehen. Wie wunderbar ist heute das Internet, wenn man nur zu suchen versteht! Dort kann ich meinen Wissensdurst sofort stillen. Als Kind hielt ich die Prozession für das Wichtigste an Fronleichnam. Die gab es an diesem Tag zuverlässig, jedes Jahr und in voller Pracht. Das gesamte Dorf war an dem Tag auf den Beinen. Protestanten gab es bei uns ja so gut wie keine, und außerdem hatten wir mit „denen“ ohnehin keinen Kontakt. Als Kinder durften wir mit evangelischen Kindern weder sprechen noch spielen. Und sie auch nicht mit uns.

Altar im Freien

„Hoffentlich wird das Wetter gut!“ sorgte sich Oma vor Fronleichnam tagelang. Aber das war es meistens. An was ich mich vor allem erinnere? Es ging überaus feierlich zu, es gab Gesang und Musik, überall waren Blumen, Girlanden, Sträuße in hohen und kleinen, bauchigen und schmalen Vasen, Blumen in Töpfen, bunte Gestecke, sogar kleine Teppiche aus Blüten. Außerdem gab es vor den Haustüren unzählige weiße und rote Kerzen in Haltern und Leuchtern, kleine Altäre auf zweckentfremdeten Hockern mit weißen Deckchen und Kreuzen aus Holz oder Metall (in allen Variationen), gar nicht so selten (wir lebten ja am Niederrhein) sogar Marienstatuen (Maria ist am Niederrhein allgegenwärtig). Die Dorfbewohner standen in Sonntagskleidung stolz und irgendwie verlegen vor ihren Häusern, bekreuzigten sich, wenn der Zug vorbei kam, oder gingen in der Prozession mit. Es gab Fähnchen schwenkende Kinder, es hingen bunte Fähnchen und Wimpel in den Fenstern, aber vor allem gab es viele, viele Menschen. Einem schüchternen Kind fällt das wohl besonders auf. Oma kannte die meisten und kam aus dem freundlichen Nicken und Zulächeln gar nicht heraus. Sie hat ihr ganzes Leben in diesem Dorf verbracht und war sehr beliebt. Ich ging an ihrer Hand und war stolz auf sie.

Kreuz

Und dann die Prozession selbst! Nur an diesem Tag konnte man den prächtigen bestickten Baldachin, auch Himmel genannt, bewundern, unter dem unser Pastor mit der hocherhobenen Monstranz durch die Straßen zog. Ich weiß nicht mehr, ob wir von der Kirche aus durchs Dorf zogen und zum Schluss auf dem Friedhof vor dem gewaltigen (sehr realistischen) Hochkreuz landeten, wo ebenfalls ein großer, geschmückter Altar aufgestellt war, oder ob wir uns zuerst dort versammelten, die Messe im Freien feierten und erst am Ende gemeinsam in die Kirche zogen. Es spricht viel mehr für die zweite Erinnerung, aber ich sehe irgendwie beides und kann leider niemanden mehr fragen. Vielleicht war das abhängig vom Wetter? Vor allem erinnere ich, dass ich die Stimme von „Herrn Pastor“ draußen auf dem Friedhof nicht gut hören konnte und auch nicht verstand, was genau er sagte, denn wir hatten damals natürlich keine guten Mikrophone. Der Wind wehte seine Sätze einfach in die andere Richtung, aber das machte nichts, denn er redete die meiste Zeit Latein. Auf jeden Fall roch es überall nach Weihrauch, draußen nur in kurzen kleinen Wolken, aber in der Kirche wahrlich betäubend und nebelartig schwer. Zur Erinnerungsauffrischung habe ich mir eben ein Räucherkügelchen angezündet, dabei ist mir dann noch einiges eingefallen, das lange verschüttet war. Ich liebe olfaktorische Trigger.

Die Priester (wir hatten damals vier, unseren Herrn Pastor, zwei Pfarrer im Ruhestand, die im zweiten Pfarrhaus lebten, und auch noch einen Kaplan, der in der Kaplanei wohnte und wunderbar singen konnte) waren in leuchtend helle Gewänder gehüllt, sämtliche Messdiener und Vorbeter marschierten ernst und rotweiß bzw. schwarzweiß vornweg und scharten sich während des Gottesdienstes um den Altar. Und ging da nicht auch noch ein junger Mann am Anfang der Prozession und trug eine Fahne mit Christussymbolen vor sich her? Oder war es das St. Laurentius-Wappen unserer Gemeinde? Vielleicht waren da auch noch zwei junge Männer, die den Kreuzträger flankierten? Die Fotos, die ich im Internet finde, erhärten diese Vermutung.

Monstranz (Jacob Bentzinger/unsplash)

Auf jeden Fall war es ein extrem wichtiges und geheimnisvolles Fest, denn es hatte ja mit „dem Leib Christi“ und mit „der Wandlung“ zu tun, wie Oma mir erklärte. Genau deshalb wurde die Hostie durchs Dorf getragen. Die Vorstellung, dass sich in der Eucharistie das Brot in den Leib Christi verwandelte und der Wein in sein Blut, war mir alles andere als geheuer. „Dann sind wir ja Menschenfresser und Kannibalen!“ Das kam nicht gut. Dafür waren sicher die vielen Märchen verantwortlich, die sie mir dauernd vorlesen musste (beim Erzählen vor dem Schlafengehen schlief sie im dunklen Zimmer neben mir im Bett oft ein und musste tadelnd am Ärmel gezupft werden: „Wat hat die Prinzessin denn dann getan, Oma?“) Sie war sicher der Meinung, dass man solche Fragen nicht mal denken durfte. „Das ist ein ganz großes Geheimnis, Kind!“  Das sah ich ein. Normalerweise wurde der Leib des Herrn in der Monstranz schließlich nicht draußen herumgetragen, sondern stand sicher und unerreichbar im Tabernakel. Oma versuchte übrigens oft, mich durch optische Elemente abzulenken. „Guck mal, Kind, wie schön die Gewänder sind! Und guck mal, da is‘ ja auch die Tochter vom Kohlenmann!“

Die Prozession war eine Art dörflicher Flurumgang mit verschiedenen Stationen, an denen wir alle stehen bleiben. Der Herr Pastor spendete seinen Segen in alle Himmelsrichtungen, alle bekreuzigten sich wieder, und die Prozession endete dann (in meiner Erinnerung meist in der Pfarrkirche) höchst feierlich, wieder mit Weihrauchschwaden und viel Latein. Manchmal kam sogar mein Vorname vor.

Fronleichnam – Beten mit Blumen

Heute kenne ich die Antworten auf die meisten meiner Kinderfragen. Fronleichnam geht auf vrône (mhd. Herr) und lîcham (mhd. Leib) zurück, und der Festumzug soll den Gläubigen zeigen, dass Gott allgegenwärtig ist. Also nichts Dramatisches mit Leiche und Schufterei! Oma konnte kein Mittelhochdeutsch und hat sich diese Fragen ganz bestimmt nie gestellt. Sie nahm ihre Religion an, wie sie kam. Gläubig und unkritisch. Aber inzwischen habe ich zu Fronleichnam noch ganz andere Informationen gefunden. Schade, dass ich Oma damit nicht beeindrucken kann.

Zum ersten Mal wurde das Fest offenbar 1246 in Lüttich gefeiert, und die erste Prozession in Köln fand vermutlich zwischen 1274 und 1279 statt. Das Fest wurde 1264 von Papst Urban IV auf diesen Tag gelegt, und die erste Anregung dazu geht auf eine Vision (oder Traumvision) der heiligen Juliana von Lüttich zurück. Sie sah 1209 den verdunkelten Mond, und Christus erklärte ihr den dunklen Fleck mit dem Fehlen eines eigenen Fests für die Eucharistie. Es bedurfte also dringend eines speziellen Festtags!

Monstranz

Die „Transsubstantiationslehre“, also die Verwandlung von Brot und Wein in das echte Fleisch und Blut Jesu Christi (vorher verstand man beide nur als Symbole), wurde erst 1215 zum Dogma erhoben, und prompt gab es einige Jahrzehnte später noch ein Wunder, ein vielbeachtetes und gleich doppeltes „Blutwunder“.

Im Jahr 1263 kam ein böhmischer Priester namens Peter von Prag, der stark an der „Transsubstantiationslehre“ zweifelte, auf seiner Pilgerreise nach Rom nach Bolsena in die Kirche der Heiligen Christina. Die war schon 304 als Märtyrerin gestorben, und ihr Tag ist der 24. Juli. Die Katakombe ihrer Kirche war bereits berühmt, denn es gab dort geheimnisvolle Blutflecken auf dem Altarstein zu sehen (das erste Blutwunder). Peter von Prag nahm dort an einem Gottesdienst teil, und als er die Hostien für das Abendmahl vorbereiten wollte, bemerkte er leuchtend rote Flecken auf den Oblaten (das zweite Blutwunder). Blutende Hostien! Das konnte nur als eindeutiges Zeichen für den Zweifler gedeutet werden, dass diese Hostien in der Tat keine einfachen Oblaten waren, sondern wahrhaftig der verwandelte Leib Christi! Zufällig weilte der Papst nur wenige Kilometer entfernt auf seinem Sommersitz, erfuhr von dem Blutwunder und war tief beeindruckt. Und so setzte Urban IV in Orvieto schließlich ein Jahr später Fronleichnam ein, das neue Fest für die ganze Kirche.

Oma als junge Frau

Dummerweise gibt sich das kleine Mädchen in mir immer noch nicht zufrieden. „Aber woher kommen die roten Flecken, Oma? Hostien können doch nicht bluten!“ Ich befrage das Internet und meinen Mann – und werde erstaunlich schnell fündig. Rückblickend geht man heute davon aus, dass es sich bei den Verursachern für das „Blut“ um bestimmte gramnegative Stäbchen (Serratia marcescens) handelte, die auf kohlehydrathaltigen Nährböden auffällige Flecken verursachen, die eindrucksvoll und markant rot leuchten. Offenbar waren diese Stäbchen damals ziemlich häufig, denn im Mittelalter gab es einen wahren Boom um blutende Hostien. An den Orten, wo sie gefunden wurden, entstanden gleich berühmte Wallfahrtsstätten, und es folgten Pilgerströme, Ablassbriefe und Wunderheilungen. Martin Luther ließ sich dadurch nicht beeindrucken, bezeichnete die Bluthostien schlichtweg als „Teufelsspuk“ und schaffte für sich das Fest wieder ab. Weihrauch mochte er leider auch nicht besonders, so dass er in der Evangelischen Kirche keine Rolle spielt. Jetzt weiß ich endlich auch, warum Protestanten Fronleichnam nicht feiern! Oma seufzt. Mein Wissensdurst ist jetzt  fast gestillt. Bleibt noch die letzte Frage. „Warum der Papst ausgerechnet dieses Datum gewählt? Gab es vielleicht ein heidnisches Fest, das man unbedingt christlich überlagern wollte? Vielleicht die Sommersonnenwende?“ Bisher habe ich dazu noch nichts gefunden.

Oma, wie ich sie kannte

Den schönen Erinnerungen können meine kritischen Fragen und ernüchternden Antworten übrigens nichts, aber auch gar nichts anhaben. Das Fest bleibt ein Highlight meiner Kindheit und erinnert mich zärtlich an Oma und unsere gemeinsamen Kirchenerlebnisse. Oma hätte das  alles gar nicht wissen wollen. Was sie wohl zu den Früchten meiner Recherche gesagt hätte? „Jetzt hat dat Kind mir dat schöne Fest so richtig verschangeliert!“ Vielleicht stimmt es ja: „Ignorance is Bliss“. Manchmal kann Unwissenheit ein Segen sein. Kritische Geister machen wirklich vor gar nichts Halt. Nicht mal vor Mysterien, Tabus und Blutwundern.

Tut mir leid, Oma. Aber jetzt habe ich den ganzen Tag an die sanfte alte Frau mit den abgearbeiteten Händen gedacht, die ich so geliebt und so früh verloren habe. Wie sehr ich um sie getrauert habe, wurde mir erst viel, viel später bewußt. Die Erinnerungen haben mir gut getan, und vielleicht kann sie es ja da, wo sie jetzt ist, irgendwie spüren? Auf diese Frage erwartet das kleine Mädchen in mir komischerweise ausnahmsweise mal keine Antwort. Vielleicht gehe ich noch kurz in den Garten und halte Ausschau nach einem Schmetterling. „Man kann ja nie wissen.“ Den Satz hab ich von Oma, und er hat mir schon oft geholfen.

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Köln und Corona: Masken (1)

(Leo2014/pixabay)

Jetzt ist die Pandemie bereits über 100 Tage alt, und noch immer ist kein Ende abzusehen. Letzte Woche las ich in der Zeitung einen Bericht über die Vorbereitungen für den nächsten Rosenmontagszug. Der Kölner Karneval soll 2021 trotz Corona stattfinden, die Prunkwagen sollen wie geplant gebaut werden, und „d’r Zoch“ kommt (natürlich) auch. Wenn es bis dahin keinen Impfstoff gibt, wird er allerdings nur in stark veränderter Form möglich sein. Vielleicht werden die Wagen an verschiedenen Stellen der Stadt aufgestellt und die Jecken können dann von einem zum anderen ziehen und Kamelle sammeln.

(Leo2014/pixabay)

Köln ohne Karneval ist schwer vorstellbar. Seit 1946 ist der Rosenmontagszug, den es schon seit 1823 gibt, nur ein einzige Mal ausgefallen. Ich erinnere mich noch. Das war 1991, während des zweiten Golfkriegs. Doch so einfach geben sich die Kölner nicht geschlagen, wenn es um ihre fünfte Jahreszeit geht. Bisher haben sie allen Orkanen, Überflutungen und Katastrophen getrotzt. Sogar im Krieg wanderten verkleidete Jecke durch die Ruinen, und selbst an der Front und im Lazarett sangen die Kölner Soldaten das Heimweh-Lied von Willi Ostermann. Irgendwas fällt ihnen immer ein, um ihren Karneval zu retten.

(LunarSeaArt/pixabay)

Auch 1991 fanden sie einen Ausweg, sie belebten einfach den alten „Geisterzug“ neu. Den gab es zwar auch schon seit 1860, aber im Ersten Weltkrieg war er verboten worden und geriet danach offenbar in Vergessenheit. Jetzt gehört er wieder zur Tradition. Seit der Wiederentdeckung machen nun auch jedes Jahr (an Karnevalssamstag) die Geister die Straßen unsicher, mitsamt ihrem Maskottchen, dem „Ähzebär“, der den Winter persönlich darstellt. In diesem Jahr gespensterten sie für den Klimaschutz, als Gewitterwolken und Nebelgeister und in vielen anderen gruseligen Gewandungen. Auch Schnabelköpfe waren wie immer dabei, doch zu denen komme ich später.

In Köln ist man an Masken gewöhnt. Hier zuckt keiner mit der Wimper, wenn Mitte November plötzlich überall Hexen, Prinzessinnen, Vampire, Piraten oder Superhelden auftauchen. Die vermutlich kleinste Maske ist wohl die dicke rote Knollennase. Doch die „neuen“ Masken, die wir seit einiger Zeit (fast) alle tragen, sind wenig phantasievoll und dienen nicht der Verkleidung, sondern dem Schutz. Sie sind wahrlich keine Hingucker und verdecken im Gegensatz zu den Karnevalsmasken nur die untere Hälfte des Gesichts. Anfangs haben sie mir Unbehagen bereitet, inzwischen gehören sie fast schon zum Alltag dazu und geben ein zaghaftes Gefühl von Sicherheit. Offenbar helfen sie ja wirklich, Corona in Schach zu halten. Ich habe zum Glück kein Problem damit, mir bekannte Menschen auch „maskiert“ zu erkennen, und kann Stimmen auch noch stoffgedämpft gut verstehen. Eine Freundin von mir, die kaum noch hören kann, ist darauf angewiesen, von den Lippen zu lesen, und fühlt sich seit Monaten abgeschnitten von der Welt. Für taube und schwerhörige Menschen sind diese Masken ein Riesenproblem.

Gesine mit Maske (BFL)

Aber offenbar sind sie nötig. Wenn wir sie tragen, nehmen wir Rücksicht, halten uns an die Schutzregeln, tun etwas für die anderen und damit letztlich auch für uns selbst. Die meisten Kölner scheinen vorsichtig zu sein, auch wenn es hier momentan (Stand von gestern) lediglich noch 45 Infizierte gibt. Vielleicht ist die Zahl nur deshalb so niedrig, weil wir so diszipliniert der Maskenpflicht nachkommen? Ob die „Maskierung“ den verkleidungsgewohnten Kölnern wohl leichter fällt als anderen?

Leider haben am letzten Wochenende 10.000 Menschen in der Deutzer Werft gegen Fremdenhass und Rassismus demonstriert, am Sonntag dann noch einmal 5.000 auf dem Neumarkt. Gerechnet hatte man lediglich mit 500 Personen. Die Stimmung war bedrückend. „America we see you“. Wie viele der Demonstranten mögen wohl Masken getragen und den nötigen Abstand gewahrt haben? Ich hoffe inständig, dass die zahlreichen Massenveranstaltungen in aller Welt keine weiteren Corona-Monsterwellen auslösen.

Kleine Sammlung (BFL)

Die „neuen“ Masken sind einfarbig oder bunt gemustert und sehen insgesamt recht langweilig aus. Sie sind flach bis häßlich spitz, lassen Brillen beschlagen und Ohren schmerzen und haben viele Namen: Behelfsmaske, Behelfs-Mund-Nasen-Maske, Gesichtsmaske, Textilmaske, Alltagsmaske, Mund-Nase-Bedeckung (MNB), Schutzmaske, Hygienemaske, Stoffmaske, Papiermaske, Community-Maske, DIY-Maske, Do-it-yourself-Maske. Es gibt sie mit langen und kurzen Haltebändern und diversen Gummis. Ich hatte keine Ahnung, wie viele Gummisorten es gibt! Einige sind angenehm weich und elastisch, andere hart und starr. (Mamas Hosengummis! Manchmal peinigten sie mich sogar in den sonntäglichen Kniestrümpfen!) Andere leiern schnell aus und lassen den Schutz ständig von der Nase rutschen, während wieder andere dauerhaft stramm und einschneidend bleiben.

Ich habe auf die harte Tour gelernt, dass man frisch erworbene Masken auf keinen Fall mit unverknoteten Gummis in die Waschmaschine stecken sollte. Es dauert Stunden, bis man die Gummis, die beim Waschen (zumindest bei mir) alle rausrutschen, endlich wieder in ihre engen Tunnel gefrickelt hat. Man gerät dabei ins Schwitzen und Fluchen und sogar die Fingernägel brechen ab. Noch schlimmer ist es, wenn der Pfeifenputzer- oder sonstige Draht sich in der Waschmaschine verbiegt oder gar spitz herausragt, Stoffe aufreißt und partout nicht wieder an seinen Platz will.

(Adam Niescioruk/unsplash)

Meine Mask-Awareness ist in den letzten Monaten durch die Omnipräsenz verschiedenster Gesichtsbedeckungen so gestiegen, dass ich mir viele Gedanken zum Thema Masken gemacht habe. Durch die Katastrophennachrichten haben sich auch die OP-Masken und die FFP-Atemschutzmasken nachhaltig in meinem Bewusstsein verankert und versetzen mich in latente Dauerunruhe, denn Krankenhäuser sind ja mein spezielles Angstgebiet. Angeblich sind die chirurgischen Masken bequem und leicht, aber man kann sie nur einmal tragen, umweltfreundlich sind sie also nicht.

(Jacob Boavista/unsplash)

Auch die schweren Atemschutzmasken und Visierhelme der Polizei sind jetzt dauernd in den Nachrichten zu sehen, und gleich fallen mir auch wieder die martialischen Gasmasken aus Kriegszeiten ein, die an Insektenköpfe erinnern und von denen mein Vater nur mit Grauen sprach. Im Ersten Weltkrieg trugen sogar Pferde und Hunde solche Gasmasken und sahen aus wie bizarre Horrorfilmwesen. Kurz bevor die Pandemie losging, habe ich mich noch mit dem Thema beschäftigt, denn im Literaturkreis wollten wir als nächstes „Im Westen nichts Neues“ lesen (Remarque ist in diesem Jahr 50 Jahre tot). Aber dazu kamen wir durch den Lockdown nicht mehr. Harter Lesestoff, und wenn man einen kriegstraumatisierten Vater hatte, kann der Roman viele belastende „geerbte“ Erinnerungen triggern.

Die Giftgasangriffe müssen entsetzlich gewesen sein. Selbst wer eine Schutzmaske trug, war nicht sicher, denn es wurde ein brechreizauslösendes Gas entwickelt, das mühelos in die Masken eindrang und die Träger zwang, sie abzureißen. Woraufhin der Gegner gleich das eigentliche, tödliche Giftgas einsetzte. Welche Gehirne denken sich solche Grausamkeiten aus? Auch beim Anblick der bis an die Zähen bewaffneten amerikanischen Polizisten wird mir elend. Ich sehe das unbarmherzige Knie im Nacken von George Floyd. Über acht Minuten lang. „I can’t breathe!“

(Kuma Kum/unsplash)

Der Vorläufer der Schutzmasken  und vielleicht auch der Gasmasken war wohl die Maske des sogenannten Pestarztes, des „Dottore della Pesta“. Eine lange „Rabenmaske“, gefüllt mit Flüssigkeit (Essig oder Kräuteressenzen), Räucherwerk oder Kräutern (Wacholder, Gewürznelken, Zitronenmelisse, Kampfer, Myrrhe u.a.). Zu Zeiten des „Schwarzen Todes“ glaubte man, wohlriechende Kräuter und Spezereien könnten den Maskenträger vor dem „Pesthauch“ bzw. den gesundheitsgefährdenden „Miasmen“ (üble, krankmachende Dünste, giftige Ausdünstungen, Ansteckung) schützen. Auch der Begriff „Malaria“ entspringt dieser Vorstellung von gefährlichen, ansteckenden Dünsten, denn wörtlich übersetzt bedeutet er „schlechte Luft“.

(Marc Vandecastteele)

Zusätzlich zur auffälligen Maske mit dem langen Schnabel oder Rüssel und den eingesetzten Glasaugen (die gegen den krankmachenden Blick schützen sollten) trugen die Pestdoktoren des 17., 18. und 19. Jahrhunderts gewachste Stoffgewänder oder Ledermäntel, die alle Körperteile bedeckten, lange Handschuhe und einen Krempenhut. Echte Schutzkleidung also. Oft hatten sie auch noch einen Stab, mit dem Untersuchungen durchgeführt und die Infizierten auf Abstand gehalten werden konnten.

(xxxmax/pixabay)

Wenn ich im Fernsehen die bis zur Unkenntlichkeit vermummten Ärzte auf den Intensivstationen sehe, muss ich an die schwarzen Pestärzte denken, auch wenn die medizinische Kleidung heute ganz anders aussieht. Doch auch die Menschen in den Covid-Stationen wirken wie Wesen aus einem Fiebertraum. Vieles ist gleich geblieben: Genau wie in Pestzeiten versuchen auch wir, uns vor der Luft, dem Atem, den Infizierten zu schützen. Nur dass wir heute wissen, dass es winzige Viren sind, die uns krank machen. Wir wissen sogar, wie sie aussehen, wie genau wir uns infizieren, wie sie sich in unseren Körpern vermehren und dass wir uns vor allem vor den unsichtbaren Aerosolen in der Luft hüten müssen. Auch Angst und Hilflosigkeit sind leider geblieben. Allzu oft können unsere Ärzte nichts mehr tun für ihre sterbenden Patienten. Wer den Covid-Intensivstationen mit den Beatmungsgeräten entkommt, ist kein Genesener, sondern ein „Survivor“, ein Überlebender.

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Heute assoziiert man die Schnabelmasken vor allem mit dem Karneval in Venedig. Ich weiß nicht, ob es die „Rabenköpfe“ schon während der ersten großen Pestepidemie gab, der Justitianischen Pest (Mitte des 6. Jahrhunderts). Als im Frühjahr der Karneval in Venedig aus Sorge vor einer weiteren Ausbreitung der Pandemie abgesagt wurde, sah man schon die ersten Schnabelmasken in den Straßen der Lagunenstadt. Corona ließ sich weder durch sie noch durch den Lockdown aufhalten und wütete in Italien besonders schlimm.

Pestärzte (BFL)

Menschen mit Vogelköpfen haben mich schon als Kind fasziniert, doch sie sahen nicht aus wie die Pestärzte. Sie waren Mischwesen. Meinen ersten Vogelmann sah ich in den Collagen von Max Ernst, es ist ein laufender Mensch mit dem Kopf eines Zaunkönigs, vielleicht ist es auch eine Schnepfe, genau kann ich das nicht erkennen. Mein erstes Buch heißt nicht von ungefähr „Mann mit dem Vogelkopf“. Es ist wohl wieder eine dieser merkwürdigen Fügungen, dass auch mein Mann eine persönliche Beziehung zu Vogelkopfwesen hat. Das eigens für ihn entworfene Exlibis, das hier in so vielen Büchern klebt, stellt den Pestarzt dar.

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Die unheilverkündende Schnabelmaske des „Dottore della Pesta“, die das ganze Gesicht bedeckte, fand ihren Weg bald in die Maskenwelt des Karnevals und erinnert gleichzeitig auch an die noch älteren venezianischen Halbmasken. Die beliebten „Zanni“ haben ebenfalls Schnabelnasen, sind in der „Commedia dell’Arte“ verankert und verbunden mit Theaterfiguren wie Pulcinella, Scaramouche, Brighella, Arlecchino oder Capitano. Sie werden in verschiedenen Formen und Farben angeboten. Aber irgendwie haftet auch ihnen in meiner Wahrnehmung (vor allem den schwarzen und weißen Varianten) die Erinnerung an den „Schwarzen Tod“ an, der Europa so schwer heimsuchte. Inzwischen kann ich mir noch besser vorstellen, wie sich die Menschen damals gefühlt haben müssen.

Auch Bücher fallen mir ein: Boccaccios „Decamerone“, „Die Pest“ von Albert Camus, „A Journal of the Plague Year“ von Daniel Defoe und das Tagebuch von Samuel Pepys.

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Ich liebe phantasievolle Verkleidungen und Masken, auch wenn ich mich selbst nur ungern „maskiere“, weil meine Haut sich dabei schon nach kurzer Zeit unwohl fühlt. Das gilt auch für die weichen Corona-Stoffe, die schnell unangenehm feucht werden, die Nase wie verrückt jucken lassen (nur nicht ins Gesicht fassen!) und den gewohnten Umgang miteinander ziemlich unmöglich machen. Wir haben plötzlich aufgehört uns anzulächeln.

Seelenlos glänzende schwarze Helmköpfe (wie bei Darth Vader in „Star Wars“) oder Schockgesichter (wie der verzerrt grinsende Joker, der gräßliche Freddy Krueger oder Stephen Kings Horror-Clown) sowie Vermummungen, die einzig dem Zweck dienen, unerkannt Verbrechen zu begehen (wie die Spitzhüte des Ku-Klux-Klans), machen mir Angst und dringen ein in meine Alpträume. Dazu gehören für mich auch die ironisch grinsenden weißen Guy Fawkes-Masken, die alle Träger gleich aussehen lassen. Masken verbergen die Mimik, machen den Träger darunter unsichtbar. Nur gut, dass wir im Moment nicht alle so herumlaufen müssen! Übrigens kann man auch zu Corona-Zeiten und fern von Amerika einem hässlichen alten Bekannten begegnen. So wurde in Thüringen vor kurzem die Maske des Ku-Klux-Klans als „Alternativ-Mund-Nasen-Schutz-Pullover“ zum Verkauf angeboten. Zum Glück wurden die Pullover, es gab sie in Schwarz und in Weiß, gleich wieder aus dem Verkehr gezogen.

Wer mag wohl die allererste Maske erfunden haben? Das bisher erste bekannte Exemplar stammt bereits aus der Jungsteinzeit, man schätzt die Entstehungszeit auf etwa 7.000 vor Christus. Es handelt sich um eine einfache Steinmaske mit runden Augenlöchern, schmaler, gerader Nase und offenem Mund. Sie ist aus rosa-gelbem Kalkstein und wirkt geradezu minimalistisch. Wer trug sie? Wurde sie überhaupt getragen oder wurde sie vielleicht aufgehängt? Welchem Zweck diente sie? Wir werden es wohl nie erfahren.

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Kleine Pandemische Sprachbetrachtung (2) – „There is no Glory in Prevention“

 

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Als Übersetzerin fallen mir natürlich die vielen Anglizismen und englischen Sätze auf, die uns in Coronazeiten zunehmend begegnen, obwohl es dafür durchaus auch deutsche Begriffe gibt. Aber irgendwie sind die englischen Wörter „griffiger“ und klingen besser. „Lockdown“ (Ausgangssperre – leider gibt es auch Lockdown-Partys, zu denen sich Unvorsichtige hinreißen lassen) oder „Shutdown“ (Herunterfahren) haben es jedenfalls locker ins Deutsche geschafft. „Home-Office“ bzw. „Homeoffice“ (mit Rechner und Kommunikationstechnik ausgestatteter Arbeitsplatz zu Hause) kannten wir zwar schon länger, aber eher in der Theorie und nicht im geräumigen Eigenheim oder winzigen Apartment und schon gar nicht mit den Kindern als Dauer-Challenge. Auch „Home-Schooling“ bzw. „Homeschooling“ klingt more up to date als Hausunterricht, häuslicher Unterricht oder gar Domizilunterricht.

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Neu dagegen war auch für mich das „Social Distancing“ (räumliche Trennung, physische Distanzierung). Ein etwas komplizierter Begriff, der möglicherweise besser „Physical Distancing“ heißen sollte, denn gemeint ist ja nur die körperliche, physische Distanz bei weiter bestehender gesellschaftlicher Nähe. Aber das englische Wort „social“ ist ohnehin schillernd und bedeutet längst nicht nur sozial, sondern auch gesellig, gesellschaftlich, umgänglich, sozialistisch und mehr. Gemeint ist ja gerade nicht die soziale Isolation, an die man gleich denkt, wenn man den Begriff mit „Soziale Distanzierung“ übersetzt. Aber man kann natürlich auch argumentieren, dass unsere sozialen Kontakte auf ein Minimum beschränkt werden sollen, so dass der Begriff dann am Ende doch irgendwie greift. Wie ich in der ausländischen Presse lese, tut sich auch die englischsprachige Welt mit der Entscheidung für oder gegen „social“ oder „physical“ schwer. Es gibt Verfechter für beide Varianten. „Superspreader“ (Virenschleuder) und „Superspreading-Ereignis“ sind da eindeutiger und klingen dem Ereignis angemessen. Viele neue Wörter. You live to learn.

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Wofür die Abkürzung PCR steht, kann ich mir jetzt endlich auch merken, nachdem Christian Drosten es oft genug wiederholt hat: Polymerase Chain Reaction (Polymerase Ketten-Reaktion, erklären kann ich das jetzt allerdings nicht).  Die Abkürzung weckt bei mir viele Erinnerungen. So höre ich gleich einen netten Menschen sagen: „Ich mach jetzt mal schnell noch die PCR.“ Lange her. Als Psychiatrie-Übersetzerin hatte ich mein Arbeitszimmer einige Jahre im Laborhaus der Kölner Uni-Klinik, und schräg gegenüber im Laborraum wurden jeden Tag interessante Tests mit wohlklingenden Namen wie Western Blot, Elisa und PCR (damals noch recht neu) durchgeführt, und wenn man in den Raum spähte, sah man auf den Tischen entspannt schaukelnde Geräte (Mikrotiterplatte auf Rüttler).

In den Anfängen der Aids-Pandemie saß ich damals sozusagen genau gegenüber der Quellenauswertung, denn dort wurden vor allem unzählige HIV-Tests durchgeführt. Mein Zimmer war schön und geräumig, mit zwei Schreibtischen und Regalen voller Bücher (meinen eigenen, nebst einigem Krimskram), und war eigentlich für einen Arzt gedacht. Nur einen Computer hatte ich dummerweise nicht, weil mein Chef der Ansicht war, dass ich (und Frauen überhaupt) damit nicht umgehen könne. Also musste ich alles mühsam niederschreiben, in ein blödes Gerät diktieren, von einer Sekretärin tippen lassen, Korrektur lesen und danach nochmal von der Sekretärin verbessern lassen. Sie war nett, aber oft hat sie Begriffe nicht verstanden und nur nach Gehör geschrieben. Da hätte man sich wirklich mehrere Arbeitsschritte sparen können. Außerdem kann ich sehr gut mit Computern umgehen.

Apropos Aids-Pandemie: Ich erinnere mich noch an meine tiefe Verunsicherung, an meine Alpträume und auch daran, dass eine gute Freundin lachte, als ich ihr von der (damals noch tödlichen) neuen „Seuche“ erzählte. „Mit dir geht mal wieder die Fantasie durch! Alles Panikmache!“ Egal, die Freundschaft besteht längst nicht mehr. Mir hat die Krankheit damals große Angst gemacht, und „danach“ war für mich alles anders als vorher, die Leichtigkeit des Seins war vorbei, aber vor allem sind mehrere liebe Freunde von mir an Aids erkrankt und elend gestorben. Doch man konnte sie anders als heute bei Corona bis zum Schluss noch besuchen, wenn auch in Schutzkleidung. Zur ihrem Schutz, nicht zum eigenen!

Im Erdgeschoss jenes (inzwischen abgerissenen) Laborhauses standen komische Gefäße mit menschlichen Gehirnen, aus denen feinste Schnitte angefertigt und anschließend eingefärbt wurden. Ich muss jedes Mal daran denken, wenn ich Walnüsse sehe. Manchmal brachte ein nervöser Eilbote „frische Muskelschnitte“ in ekligen Plastikbeuteln. Ich habe die Proben höchst ungern im Empfang genommen, und nur, wenn sonst keiner die Klingel hörte. In der Kaffeepause um die Mittagszeit (der nette Mensch und ich waren die einzigen Teetrinker, so dass er immer fürsorglich auch für mich eine Tasse machte) wurden ab und an besonders gelungene histologische Schnitte herumgezeigt, was mir sofort auf den hochsensiblen Magen schlug. Und dann gab es dort auch noch eine nette Putzfrau, die eine Katze hatte und eine Art Seelenverwandte von mir war. Wie hieß sie doch gleich? Aber ich ufere aus. Dazu neigt man als Romanautorin. Sorry. Zurück zur aktuellen Pandemie.

Das Corona-Motto „Flatten the curve“ (die Kurve flach halten, ich habe auch schon „Stop the Curve“ gesehen, ach, wenn das nur ginge!) und die Corona-Mantras „Stay home, stay safe, save lives“, „Stay alert“ und „Keep calm“ in allen Varianten (and wash your hands, carry on, drink tea, love Colin Firth, stay at home) dürften hier inzwischen jeden erreicht haben. Auch das WHO-Mantra „Test, test, test“ hat es geschafft, allerdings vor allem in der Übersetzung als „Testen, Testen, Testen“. Unter der Strategie „Hammer and Dance“ (beides sehe ich gerade lebhaft vor mir!) versteht man ein abwechselndes Anziehen und Lockern der Eindämmungsmaßnahmen. Momentan sind wir offenbar nach dem ersten Hammer im ersten gemäßigten Dance-Modus.

Relativ unbekannt war für viele Nichtmediziner bisher wohl der Begriff „Cocooning“ (Kokon-Strategie), bei dem ich spontan an die geheimnisvolle Verpuppung von Schmetterlingen denke. Man bezeichnet damit aber auch das gemütliche Einigeln im eigenen Heim, und in diesem Sinn, allerdings nicht annähernd so gemütlich, wird es als Anti-Corona-Strategie auch benutzt. Risikopersonen werden abgeschirmt und bleiben zu Hause („Alte ins Nest!“). Auch im Kreißsaal und auf der Wöchnerinnenstation scheint es in Pandemie-Zeiten Cocooning zu geben, habe ich gelesen (nur noch eine gesunde Person darf mit in den Kreißsaal).

kind of cocoon (Dieter_G/pixabay)

In der Medizin versteht man darunter übrigens auch noch etwas anderes, vor allem im Bereich des Impfens. Ein Beispiel: Säuglinge sind besonders anfällig gegen Keuchhusten und können daran sterben. Um die Kleinen zu schützen, ist es sinnvoll, wenn alle Bezugspersonen geimpft sind. So wird quasi ein schützender Familien-Kokon „gesponnen“, was aber leider durch die zu geringe Impfbereitschaft in der Realität nicht sonderlich gut funktioniert. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt daher jetzt die Impfung der Schwangeren (am Beginn des letzten Drittels der Schwangerschaft). Das funktioniert sehr viel besser, denn werdende Mütter bringen ihr Kind nicht unnötig in Gefahr. Keuchhusten ist in keinem Alter ein Spaziergang im Park. Mich hat es als Erwachsene voll erwischt (bis dahin dachte ich fälschlich, es sei „nur“ eine Kinderkrankheit), und ich weiß noch genau, wie mich die heftigen Hustenkrämpfe alle paar Sekunden auf den Fußboden zwangen. Alles tat weh, ich bellte schier ununterbrochen, bekam keine Luft und fürchtete, mir würde jeden Moment der Kopf explodieren oder ein Blutgefäß im Gehirn platzen. Ich wäre fast im Krankenhaus gelandet, so schlecht ging es mir. Seitdem lasse ich mich auch gegen Keuchhusten regelmäßig impfen, denn man ist nach Durchmachen der Krankheit leider nicht immun. Nochmal will ich das auf gar keinen Fall erleben!

Update (Markus Winkler/unsplash)

Völlig neu war für mich allerdings der augenöffnende Satz „There is no glory in prevention“, den ich zum ersten Mal bei Professor Drosten hörte und der gar nicht leicht zu übersetzen ist. Wörtlich wohl mit „Vorbeugen wird nicht belohnt“ oder „Kein Ruhm für Prävention“, aber der tiefere Sinn wird erst verständlich, wenn man das Ganze weiter ausschmückt. „Die Verhinderung gefährlicher  Krankheiten bringt leider (wenn überhaupt!) bei weitem nicht den gleichen Ruhm wie ihre Heilung“. Oder, ganz frei: „Wer heilt, hat recht und wird berühmt, wer Krankheiten „nur“ verhindert, wird möglicherweise auch noch angefeindet und beschimpft. Heutzutage gerät man deswegen sogar leicht in Twitter-Gewitter und virtuelle Shitstorms (hat im Englischen übrigens nicht ganz dieselbe Bedeutung wie bei uns). Das gilt sogar für Leute, die lediglich versuchen, die Prävention zu fördern (siehe Bill Gates) oder einen Erreger erforschen und darüber wissenschaftlich fundiert informieren (siehe Prof. Drosten, der gerade wieder neue Morddrohungen und gestern sogar ein Drohpaket mit einer offenbar üblen Substanz erhalten hat, genau wie der SPD-Politiker und Arzt Karl Lauterbach).

Für meinen Mann war der Satz nicht neu, denn als Arzt kennt er das „Präventionsparadox“ nur allzu gut. Im Bereich der Impfepidemiologie beobachtet man das Prinzip seit langem. Tritt eine gefährliche Krankheit auf, ist die Akzeptanz der Impfung bei der Bevölkerung zunächst hoch. Man hat Angst und sieht, dass andere schwer krank werden und will das auf gar keinen Fall selbst haben! Beispiel: Im Stammbaum meiner Eltern sehe ich mit Schrecken, wie viele Kinder früher an Diphterie gestorben sind. Allein bei meiner Mutter waren es mehrere Geschwister, bei meinem Vater ein Schwesterchen (dazu kamen bei beiden auch noch Cousins und Cousinen, Nichten und Neffen), aber in den Generationen davor waren es noch viel, viel mehr Kinder.

Die Krankheit galt bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts nicht von ungefähr als „Würgeengel der Kinder“. Heute ist sie aufgrund von Impfungen sehr stark zurückgegangen und tritt hier nur noch vereinzelt auf. Mein Vater hat sie im Zweiten Weltkrieg dann noch einmal aus nächster Nähe erleben müssen, weil sie als Epidemie grassierte und auf einen Schlag 3 Millionen Menschen infizierte. Meine Eltern hatten daher eine Heidenangst vor dieser Infektionskrankheit. Ich auch. Bei jeder Halsentzündung hieß es gleich: „Hoffentlich hat das Kind keine Diphterie!“ Da ich ziemlich oft krank war und meine Mutter  wohl doch ein bisschen Angst vor dem Impfen ihrer zarten Tochter hatte (ich wurde als einzige in der Klasse nie gegen Pocken geimpft), bekam ich erst 1963 meine Diphterie-Impfungen, wie ich in meinem Impfausweis sehe. Gerade noch rechtzeitig. Meine viel jüngere (noch ungeimpfte) Schwester musste die Krankheit durchmachen, es ging ihr richtig schlecht und sie hatte tagelang hohes Fieber. Ausgerottet ist die Diphterie zwar immer noch nicht, aber der Würgeengel der Kinder hat durch die Impfung seinen Schrecken verloren. Jetzt hat man Angst vor der Impfung! Genau so funktioniert das Präventionsparadox. (Kleiner Nebengedanke: Ob sich die Impfbeteiligung wohl steigern ließe, wenn man die Impfungen wieder selbst bezahlen müsste? Was nichts kostet, taugt schließlich nichts!) Aber wie heißt es doch so schön: „If you don’t like the vaccine, try the disease.“

Die Auswirkungen des Präventionsparadox-Prinzips kann man gerade gut beobachten: Hier ist ja zum Glück (noch!) nicht viel passiert, also kann das Virus so schlimm ja nicht sein und deshalb können wir jetzt auch alle wieder ganz normal weiterleben wir vorher. War doch alles total überzogen! Die meisten Leute, die hier krank waren, sind wieder gesund und die Alten wären sowieso bald gestorben. Die Politiker und Virologen haben uns hinters Licht geführt (um Machtgelüste auszuleben, sich selbst zu bereichern, die Weltherrschaft an sich zu reißen, weiß der Kuckuck, wie die Verschwörungstheorien alle lauten). Explosives Thema.

News (Markus Winkler/unsplash)

Wer in den letzten Wochen und Monaten die englischsprachige Presse verfolgt hat, kennt die schockierenden Bilder und Filme aus den New Yorker Krankenhäusern und Leichenhallen und ist vorsichtiger mit Schlussfolgerungen und Schuldzuweisungen. Doch bei uns führt das Präventionsparadox gerade dazu, dass die Risikowahrnehmung ausgerechnet durch den Erfolg der Präventionsmaßnahmen ins Kippen gerät. Genau wie beim Impfen. Die Angst vor der Krankheit nimmt ab, weil man sie nicht (mehr oder noch nicht) sieht, und die Angst vor unerwünschten Nebenwirkungen der Schutzimpfung bzw. die Entrüstung über die einschneidenden Vorbeugungsmaßnahmen wächst. Am Anfang war man noch kooperativ, da konnte man ja auch noch nicht einschätzen, was einem blühte. Aber dann passierte NICHTS! War also alles nur Panikmache! Die Krankenhäuser sind leer! Was soll der ganze Lockdown-Mist? Dafür verlieren wir jetzt unsere Jobs und haben wochenlang in Quarantäne gehockt? Wo sind denn nun all die Schwerkranken und Toten?

„There is no Glory in Prevention.“ Wer todkrank ist und geheilt wird, ist seinem Retter sein Leben lang dankbar. Wer eine Krankheit nicht bekommt, weil er dagegen geimpft ist oder weil Vorsichtsmaßnahmen dies abwenden konnten, nimmt es nicht wahr. Dankbar? Wofür? Da war doch gar nichts! Wir haben in Deutschland bisher nur deshalb so wenige Fälle – obwohl 181.293 bestätigte Infektionsfälle und (nach heutigem Stand, 14:30 Uhr/Johns-Hopkins-Universität) 8.377 Todesfälle meiner Meinung nach nicht grade wenig sind, weil wir sehr frühe und umfangreiche Testungen, ausgezeichneten Virologen, umsichtige Politiker und den ganzen (rechtzeitigen) Quarantäne- und Lockdown-Mist hatten! Aber das kann sich sehr schnell ändern (hoffentlich nicht!).

Ein genauer Blick in die italienischen, französischen, englischen, spanischen und amerikanischen Krankenhäuser müsste eigentlich jeden sofort zur schockierten Einsicht bringen. In New York standen reihenweise Kühllaster voller Leichen vor den Hospitälern und Beerdigungsinstituten. Zeitweise gab es nicht mal genug Leichensäcke, Särge und Gräber für die Toten. Aber New York ist nun mal weit weg und hier stehen keine Kühllaster. Dabei sind wir immer noch mitten drin in der weltweiten Pandemie, auch wenn grade Dance-Modus ist. Um die Bevölkerung zu schonen oder Panik zu vermeiden, hat man hier die Katastrophenbilder und Filmaufnahmen kaum oder nur sehr kurz gezeigt, und diese Rücksichtnahme geht bei einigen offenbar gerade nach hinten los. Wir sind nicht immun, weil es uns (noch) gut geht und wir ein stabiles Gesundheitssystem haben. Genau das haben auch andere gedacht, die es dann eiskalt erwischt hat. Willkommen im Club von Boris Johnson, Donald Trump und Bolsonaro.

Message on a tree (Nick Fewings/unsplash)

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